Zuldaer Leitung
Hermann Löns.
Za feinem 10. Todeslage, 26. September 1924. Don Prof. Dr. Wolfgang Stammler. Greifswald.
Ms am 26. September 1914 eine französische Kugel vor Reims den niedersächsischen Dichter und Kriegsfreiwilligen Hermann Löns dahinraffte, da war es ein vollendetes Leben, das ausgelöscht wurde. Wer ihn per» ßnlich kannte, wußte, daß keine neue Entwicklung in seinem Schaffen mehr eintreten, ja daß auch der große Roman, an dem er fortwährend bosselte und arbeitete, nie mchr fertig werden würde. Die Kraft war erlahmt. Und vielleicht hat das ein gütiges Schicksal so gefügt. Denn was Löns seinerzeit sagen konnte, hatte er gesagt.
Er war kein großer Romandichter, ju dem ihm begeisterte Verehrer heute mit Gewalt erheben wollen. Dazu war er zu sehr Subjektivist. Es mangelte ihm an der Fähigkeit, sich über Personen und Ereignisse, die er schildern wollte, zu erheben und sie in künstlerische Ferne zu rücken. Alle seine Romane sind mehr oder weniger verhüllte autobiographische und psychologische Selbstbekenntnisse; aber das eigene Erlebnis ist zu wenig verarbeitet, kunstlos und naiv tritt die eigene Meinung und Gestatt des Dichters immer wieder vor Augen. Ja, ich möchte beinahe sagen: Diese Bücher haben chren Wert für die Nachwelt (abgesehen von den Biographen, denen sie wichtige seelische Austchlüsse geben können) in erster Linie in dem volkskundlichen Material, das hier mehr oder weniger lose hineingearbeitet ist und das Bauernleben der Heide mit seinen Sitten «nd Bräuchen, Glauben und Fühlen markant vor Augen stellt.
Einzig der „W e h r w o l f" blldet eine Ausnahme. Hier liegt die poetische Ferne schon in der Fabel, die Löns in den 30jährigen Krieg zurückverlegt. Damit ist bereits eine gewisse Objekttvierung vollzogen. Und weiter: Löns gibt hier ein Bild einer ganzen Bauerngruppe, nicht eines Einzelnen; schon dadurch ist er genötigt, von Abmalung des eigenen Ich abzusehen und sich auf ein seelisches Gemeinschaftsgesühl zu konzentrieren, das er daun auch als trotzig und unbeugsam in niedersächsischem Stolz holzschnittartig umreißt.
Aber Löns' Bedeutung für die Weiterentwicklung der deutschen Literatur liegt auf einem anderen Gebiete als dem des Romans. Es ist der beste impressionistische Natur- und Tierschilderer. Und zwar wird ihm die Naturschilderung zum künstlerischen Selbstzweck, nicht zum Hintergrund für menschliche Ereignisse. Wie einst die Worpsweder Maler die Schönheit der norddeutschen Ebene mit dem Pinsel Wiedergaben, wurde Löns zum preisenden Dichter der niedersächsischen Heide. Sie ist ihm Herzensheimat, zu der er aus der Fremde immer wieder zurückkehrt, aus ihr saugt er seine besten seelischen Kräfte. Keiner vor ihm hat es verstanden, ihre Schönheiten — nicht nur zu sehen — auch zur poetischen Darstellung zu bringen. Was er gesehen und erlauscht hatte, konnte er in Skizzen und kleinen Erzählungen mit suggestiver Wortkraft festhalten, so daß es von neuem vor dem Leser erstand. Dabei ging Löns nie ins Kleinliche; mochte er auch den Grashalm oder die einzelne Blüte schauen und in seine Schilderung einstellen, sie standen doch immer im Rahmen des großen ganzen Bildes und wurden nicht zum Selbstzweck, vergleichbar den Gemälden aller Meister, wo die Einzeldarstellung sich nie aufdrängt und den Zweck der gesamten Darstellrmg verdunkelt.
Und dazu kam Löns' tiefe Liebe zur Tierwelt. Man hat ihn einen Jäger und Jagdschriftsteller genannt. Solche Bezeichnung erweckt irrige Vorstellungen. Löns pürschte nicht, um zu Schuß zu kommen, er hing nur die Büchse um die Schulter, um das Wild zu beobachten. Seine naturwisienschaftliche Ausbildung half ihm dabei. Aber es war weniger ein biologisches Interesse, das er am Tier nahm, auch nicht eine romantische Gefühlsduselei, die womöglich Mensch und Tier verwechselte, sondern die echte Freude des Naturmenschen, an der lebendigen Bevölkerung des Waldes, des Moores und der Heide. Löns kannte die Schliche und Ränke der Vierfüßler, wie die Verstecke und Rufe der Vögel, wie das Schwirren und Spielen der Infekten. Das in darstellende Form zu bringen, reizte ihn immer wieder; hier hat er seinen dichterischen Beruf gefunden. Diese Stimmungsbilder aus norddeutschen Revieren haben seinen Name über die Grenzen der Heimat hinausgetragen. Und damit hat er sich seinen Platz in der deutschen Literaturgeschichte erobert. Allerdings sieht er nicht (wie der Däne Svend Fleuron) die Welt mit den Augen des Tieres an, sondern (wie Selma Lagerlöf und Rudyard Kipling) die Tiere mit den Augen des Menschen. Er projiziert die eigenen Gefühle in das Tier hinein; aber das tut er mit solch impressionistischer Meisterschaft, daß wir manche Tiere (ich erinnere nur an den berühmten Men Hasen Mümmelmann) nur noch mit seinen Augen sehen können. In diesen Darstellungen der Tiere um der Tiere willen steht er auf einer Stufe mit seinem bildhauerischen Zeitgenossen August Gaul.
Als Hermann Löns in den Krieg zog, den er mit des Dichters Prophetengeist schon Jahre vorher in einem volkläufig gewordenen Liede oorhergesagt hatte, hatte er seine künstlerische Sendung erfüllt. Wir legen einep frischen Bruch auf sein fernes Grab in fremder Erde und wollen ihn lieben als den Verkünder und Dichter der niedersächsischen Natur, der Tiere und Wanzen, die er selbst so liebte. Und es ist tri seinem Sinne, wenn wir in Erinnerung an seinen Tod das alte Taciteische Wort stirechen: „Die Frauen mögen weinen, die Männer sollen gedenken."
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Mrio!
Einer der hervorragendsten Schilderer des Bauernlebens ist der schweizer Pfarrer Albert Bitzius (1797—1854), der sich als Dichter Jeremias Gotthelf nannte. Der Dichter hat sich am öffentllchen Leben in feinem Heimatskanton lebhaft beteiligt; an dem Kampfe gegen das Familienregiment der Berner Aristokratie nahm er regsten Anteil, später trat er entschieden dem herrschenden Radikalismus entgegen.
Mit großer Liebe zum Volke schildert Gotthelf dessen Leben in Glück und Leid. Als sein erstes Werk erschien im Jahre 1836 der „Bauernspiegel", in dem in der Form der Selbstbiographie die Lebensgeschichte des Jeremias Gotthelf beschrieben ist. Wir lassen nachstehend die lebhafte Schllderung eines Brandes zur Erntezeit folgen, in der die sichere Gestaltungskraft des Dichters besonders scharf heroortritt.
Einmal, im Emder war es, hatte ich mich spät und Krüde zu Bette gelegt. Lange war unbeständig Wetter gewesen, viel Emd war abgemäht, und als die Sonne wieder warm schien zwei Tage hintereinander, Kallen wir oHe Hände voll zu tun gehabt, besonders am Letzten Tage hatten wir heimgeführt, solange es heiter war; alle Wagen stunden unabgeladen unter der Einfahrt und vor derselben. Als alle ins Bett gingen, Halle ich noch meine Pferde zu besorgen; nachdem sie über Na^st erhalten hatten, legte ich mich endlich auch
Zur Unterhaltung.
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Wie lange ich geschlafen, weiß ich nicht, als es wie Feuer in meine Augen drang, das Haus erbebte und ein Getöse, als ob man einige tausend Körbe mit Glasscherben über das Dach ausleere, mir alle Nerven erschütterte. Ich fuhr auf und aus schwarzer Nacht war blutroter Tag geworden; ich fuhr nach meinen Kleidern und fand mit Mühe die Hosen, kam aber zweimal verkehrt hinein, die Schuhe aber wußte ich nirgends, sprang hinunter und sah das ganze Scheuerwerk unseres Hauses bereits in hellen Flammen. In den Ställen brüllte das Vieh, dorthin stürze ich, meine Sachen ganz vergessend, nur an meine lieben Rosse, an meine lieben Kühe denkend. Ich sprengte in der Angst, da ich das Schloß nicht fand, die Türe mft einem Tritt, und schnitt die Halftern durch, lockte und trieb in wilder Angst die Tiere zur Türe und brachte glücklich alle heraus bis an ein Pferd, das wir erst getauft, und eine Kuh, deren Kalb noch im Stalle stand und kein Bein machen wollte. Das arme Tier wollte fein Junges nicht verlassen und fand in seiner Mutterliebe den Tod. Ich beinahe damit, lieber meinem Zerren vergaß ich, daß ich in einem hölzernen Hause war, bis plötzlich das Feuer in den Stall brach, auf allen Seiten es krachte, die Wagen auf der Einfahrt ins Tenn stürzten; da trieb mich Feuer und Rauch hinaus, und durch wallende Glut und unter stürzenden Balken weg sprang ich ins Freie. Nun im Hause vorne Geschrei und ein wirres Austragen dessen, was man in der Angst ergriff. Der Meister rief um Hilfe, um fein Büro zum Fenster hinauszuheben, und meine Kraft trug die schwere Bürde federleicht hinaus in die dunkle Hofstatt. Aber auch das Vorderhaus mußte verlassen werden, nun erst dachte man an die Rettung der nahe herumliegenden Nebengebäude, besonders des Spychers und des Stockes.
Die Flammen wirbelten in wildem Feuer weithinauf in das dunkle Himmelsgewölbe, in weitem Kreise fiel nieder der Feuerregen und bedeckte die Dächer der Gebäude; aber auch der Regen schlug prasselnd nieder und hinderte ein schnelles Feuerfassen. Aber die wachsende Hitze trocknete mehr, als der Regen netzte, hie und da sing eine Ecke an zu rauchen, und niederfallende Schin- deln und Holzsplitter glimmten auf den Dächern.
Wir versuchten zu löschen, so gut wir konnten; aber betäubt vom Schrecken, faßten wir edles verkehrt an, fanden nichts, was wir bedurften. Niemand kam uns zu Hilfe, und doch donnerte es nicht mehr, das Gewitter schien in einem einzigen Schlag sich entladen zu haben. Eine unendliche' Zeit, ja Stunden schienen zu verschlei- chen, bis Schritte durch die Nacht hallten, bis eine Rundelle sich zeigte, bis das schauerliche Rasseln einer Spritze vernehmbar ward, und doch war innerhalb zwanzig Minuten die erste auf der Stelle. Niemand weiß, als wer es selbst erfahren, wie in solchen Augenblicken Minuten zu Stunden werden. Endlich mehrten sich die helfenden Hände. Die Stimmen kundiger Führer ertönten, der wilden Naturgewalt setzte die umsichtige Kraft der Menschen sich entgegen; da schien zorniger die Glut zu zischen, und gewaltiger wälzten sich die Feuergarben zum Himmel, als sie des Feindes naflss Nahen fühlten. Aber der Mensch bebte nicht; auf den Dächern ringsum fetzte er sich fest und schirmte mit nassen Tüchern, kühne Rohrführer drangen ein zwischen den Brand und die zu schirmenden Gebäude, die Spritzenmeister reihten die verworrene Menge, durch ihre Hände flog der Eimer, es hoben und streckten rasch die Spritzen ihre Arme, und in hohem Bogen stürzten Wasierwogen auf die Dächer nieder, aber an die Wände pratschten gradlinicht die nächsten Röhren ihre bfintenben Wasserstrahlen, wie von des Bogens ftraffer Sehne zum nahen Ziele der Pfeil fliegt.
Und wie Ordnung geschaffen und ein geregelter Widerstand eingerichtet war, da erwachte das Bewußtsein überlegener Kraft, und mit demselben trat Ruhe unter die Kämpfenden, und beinahe stille ward es unter ihnen; nur hie und da erscholl der Rus der Leitenden, nur hie und da wurde eine übermütige, unnütze Schneiderseele laut, die lieber regieren als arbeiten wollte, aber kräftige Fäuste schoben sie bald wieder dahin, wohin sie gehörte. Wohl rasselten von allen Seiten Spritzen heran, und die Menge der Helfenden strömte herbei, aber sie traten ein in Ordnung, und ihr Geist kam alsbald auch über sie. Nur schüchtern sah man herumschleichen oder an Bäumen stehen ein vornehmes Bauernsöhnchen, das nicht arbeiten wollte, oder ein Schreiberlein, das seine Höschen schonen mußte. Zurückgedrängt in sich selbst, wurde das losgebundene Element immer wütender, wirbelte sich aus den Heu- und Garbenstöcken immer gewaltiger heraus, und jede einstürzende Wand oder Diele erzeugte neuen Ausfall, neue Feuerströme auf Menschen und Häuser. Aber die Menschen wankten nicht, Tücher deckten die kühnsten, es stürzten die Garden und Heustober herunter, ein Flammenmeer bedeckte alles, aber die Menschen wankten nicht, gegen des Clementes Wut setzten sie des Menschen Ruhe, und des Elementes Wut verzehrte um so schneller seine Nahrung, und schwächer schlugen seine Flammen auf, und kürzer wurden seine feurigen Zungen, und matter leckten sie an den schwarzen Hölzern hinauf. Da nun drangen die Menschen, die vorher dem ungestümen Feinde nur das Weiterdringen gewehrt hatten, auf den Ermattenden ein zu feiner Vertilgung. Die Wasserzüge wurden länger, die Spritzen rückten vor, die Röhren wurden gewendet, zischend griffen die Wasserströme das Feuer über seiner Beute an, und muntere Burschen drangen nach, bewaffnet mit ihrem tüchtigen Haken, und rissen dem Feuer aus den Zähnen seinen Fraß und schleppten ihn aus dessen Bereich. Ohnmächtiger wprde es immer mehr, aber darum auch listiger, es barg sich unter die Trümmer, versteckte sich in die Tiefen des Heues und hoffte auf die Schwäche des Siegers, der sich in der Siegerfreude berauscht und die Wachsamkeit vergißt, ehe die Niederlage vollendet ist. Doch umsonst, es war diesmal nicht im Solothurner Gebiet.
Da wurde es helle über der Brandstätte. Den Wechsel der Feuershelle mit der Tageshelle hatte man nicht bemerkt, bis auf einmal die Sonne, über die Hügel sich hob und ihr goldnes Auge durch dunkle Wolken niedersah auf die schwarze Brandstätte. Da erst kam man wieder zum Bewußtsein. Die ganze Nacht hatte ich gearbeitet, wo es am härtesten zuging, war im Feuer und Wasser gewesen und hatte weder an mich noch andere gedacht. Nun sah ich auch den Meister wieder, wie er schluchzend bei dem einen und dem widern stand und seinen Verlust beschrieb, wie er bei jedem Teile seines Hauses in neue Tränen ausbrach, an eine andere Einbuße sich erinnernd, sah die Frau heulend auf der Spycherlaube sich wälzen, keines vernünftigen Wortes mächtig, sah die Töchter über die Fetzen ihrer Kittel jammern und nach ihren Göllerkettelei schreien; und ich stand barfuß in Hemd und Hosen an der Brandstätte, all meine andere Habe war verbrannt, aber ich weinte nicht über mein sauer Verdientes, ich weinte erst, als man neben dem Kalbe meinen schönen Kleb fand, der den Tod der Treue gestorben.
Nun suchte ich auch das gerettete Vieh wieder zusammen, machte in eipem Schopfe Platz, so gut ich konnte, molk in Eimer die Kühe aus und brachte sie der Mei- jtersfrau. Sie fing neu an zu heulen, heulte mich an:
was sie doch mit der Milch machen solle? Indessen behielt sie sie, trank davon, gab ihren Töchtern; ob ich auch gehabt, fragte mich niemand. Ich hatte nicht daran gedacht, und erst als ich andere trinken sah, dünkte es mich, ich hätte die Kühe gerettet, gemolken und auch Milch trinken mögen. Ich arbeitete wieder beim Schuttab- räumen und Löschen, barfuß in Hemd und Hosen, und aß ein Stück Brot, bas mir ein Bekannter reichte. Es tarnen nach und nach Wägest mit Betten und Hausrat für den Abgebrannten; ich half abladen, die Roste halten; es kam Ehwore aller Art, es tarnen Kleider für die Töchter, Einladungen, Kinder nahm man in den leeren Wagen weg, aber niemand sah den geschwärzten Knecht ohne Schukw und ohne Kittel.
„Ja, Meiß, es ifch mr viel z'übel gange, u no der Kleb oerbrunne, heschi bä be nit chönne ufebringe?" war alles, was mir der Meister sagte. Als ich auf dem heißen Schutt endlich nicht mehr gehen konnte mit meinen verbrannten und wunden Füßen, da brachte mir ein armer Knecht aus der Nachbarschaft ein Paar alte Holzschuhe. Mik diesen setzte ich mein Tagwerk fort und half besonders dem Bauer, seine Geschenke an Scherm zu bringen. Da kam der Wirt und der Müller, sogar mein Onkel Sami, aber nicht aus Gutherzigkeit, sondern aus Hochmut; für den armen Knecht, der zwar feines Bru- bers Sohn, während der Bauer ihm nichts verwandt, sondern nur wie er Gerichtsäß war, hatte er nichts. Ich dachte damals nicht daran, was mir geschah, gar nicht an die Ungerechtigkeit der West, gedachte nicht, daß ich dem Bauer viel mehr gerettet, als ich verloren, ich daher billig Ersatz von ihm zu erwarten hätte, daß er sehr viel gerettet und ich gar nichts, daß es mir am übelsten gegangen, daß meine Mitchristen mich zuerst zu bedenken hätten für meine Notdurft, ehe sie dem Bauer für seinen Uebersluß sorgen hülfen. Gedachte nicht daran, wie in solchen Fällen für treue Dienstboten geforget fei, nämlich so, daß sie allemal, wenn sie für den Meister geforget und nicht für sich, reuig werden mußten. Damals waren noch keine Mobiliarassekuranzen, sonst hätte ich sicher auch nicht daran gedacht, wie unklug es von den Meister- leuten sei, ihrer Dienstboten Armseligkeiten nicht auch in ihre Versicherungen aufzunehmen und die Kleinigkeit für sie zu bezahlen, damit die Diensten, die ersten in solchen Fällen, die günstigsten Augenblicke zum allgemeinen Besten verwenden und nicht ein jedes zuerst nach seinen Hüdlene laufen möchte. An dieses alles dachte ich nicht, aber ich ward so von ganzem Herzen unglücklich, wie seit langem nicht. Mein Körper war ermüdet, voll Schlaf, nicht gehörig genährt, in die schlechte Nahrung waren einige Gläschen Branntwein gegossen; vernachlässigt von allen, bei aüen meinen Anstrengungen unbemerkt, bei meinem Verluste unbetlagt, bei meiner Treue unbelobt, kam ein Gefühl der Verlassenheit, des Alleinseins über mich, das mir das Herz zusammenschnürte.
Das Hausbrot.
Von Joseph Weigert.
Unter dem Tttel „D a s D o r f e n t l a n g" hat I. Weigert im Vertag von Herder u. Co. zu Freiburg i. Br. ein Buch erscheinen lassen, das alles Wissenswerte über Leben und Sitten des Landbewohners enchält. Es ist in Wahrheit ein „Hmckibuch des Bauernstandes". Zum verständnisvollen Ausgleich zwischen Stadt und Land gehört es aber erst recht in die Hand jedes Städters. Wir geben hier eine Leseprobe aus dem vorzüglichen Werk.
Ein österreichffcher Edelmann hatte einst einen Bauern mißhandelt. Dieser verklagte ihn bei Kaiser Joseph II. Zur Strafe, so ordnete der Kaiser an, sollte der Edelmann kein Brot mehr essen dürfen. Anfangs lachte dieser darüber; aber bald wurde es ihm unentbehrlich, und er fuhr zum Kaiser, um Nachlaß dieser empfindlichen Strafe zu erbitten. Joseph fragte ihn, ob er denn nicht mit Fleisch und andern Spesten und Wein zuftieden wäre, da doch Brot eine so gemeine Speise sei. „Aber es ist die Seele der Nahrung," erwiderte der Edelmann. „Warum seid Ihr dann so unvernünftig, diejenigen zu mißhandeln, die Euch das Brot liefern?" sagte darauf der Kaiser.
Das „liebe Brot", vor allem das schwarze, wurde immer heilig gehalten. Das weiße galt auf dem Lande mehr als Leckerbissen; das Hausbrot, wie man das schwarze nennt, hat mehr kernige Kraft und geheimnisvolle Wirkung. Auf dem Lande schneidet man kein Brot an, ohne es mit dem Zeichen des Kreuzes dreimal zu versehen, damit es der Herr segne und es ergiebig sei; hat ja der Herr auch das Brot gesegnet, ehe er es verteilte. Im Hausbrot steckt der Hausgeist, der den Bewohner des Hauses draußen in der Fremde behütet, ja die Fremde zur Heimat macht; es bewahrt, wenn man ein Stück davon mitnimmt, vor Heimweh, vor Langeweile. Jedes Wasser, so ungesund es auch wäre, verliert seine Schädlichkeit, wenn man Brosamen hineinwirft.
Wenn einem Brot angeboten wird, fei es von wem cs wolle, soll man es nicht ausschlagen; denn bas Brot ist heilig. Als Hausbrot steht es in enger Beziehung zum Haus. Mancherorts wurden die jungen Eheleute, wenn sie von der Hochzeitsfeier ins neue Heim eintraten, mit Brot und Salz empfangen, daß sie sich leicht eingewöhnen und nie Mangel leiden. (Ja selbst dem Vieh, das vom heimatlichen Hofe auf ein anderes Anwesen wegverkauft wurde, gab man zum Empfang ein Stück Hausbrot, damit das Tier im neuen Stalle sich um so rascher eingewöhne.) In manchen Gegenden Schwabens gab man der Braut, wenn sie bei den Bekannten hn Dorf zur Hochzeit einlub, unter Beglückwünschung ein Stückchen Brot mit. Aus ben Spenden, die man das Glücksbrot nannte, wurde bann am Hochzeitstage bie Morgensuppe gekocht. Das finnbilbete bie Aufnahme bes jungen Ehepaares in bie Brotgemeinschaft ober Hausgenossenschaft ber Oemeinbe.
Das Brot soll heilig gehalten werben. Man soll sich hüten, auch nur Brosamen auf ben Boden fallen zu taffen. Es gilt als Sünde, bie mit Armut bestraft wirb, wenn man Brot, bas man auf bem Boden liegen sieht, nicht aufhebt. „Wer fortwirft Brot, leidet im Alter Not." In alten Sagen wird das Brot des Reichen, der sich weigert, dasselbe mit ben Unglücklichen zu teilen, zu Stein. Das Brot barf nicht auf ber oberen Rinde liegen, sonst flieht Glück und Segen aus dem Hause ober es entsteht Zank. Aus Brot Kügelchen machen unb bamit spielen, hält bas Volk für sündhaft. Auch barf man bas Messer nicht im Brot stecken lassen, weil es ben armen Seelen wehtut.
Solche, zum Tell abergläubisch scheinenbe Gebräuche waren meist nur verkleibete Regeln ber Sittlichkeit unb der häuslichen Ordnung, wie ja das ganze ländliche Haus einen großen Schatz von gemütlichem Leben und von sittlichen Antrieben in sich borg. Sitte und Herkommen losen sich immer mehr auf, je flüchtiger bas Leben wirb, je mehr es sich vom Boden loslöst. Darum kann auch im Arbeiterleben sich keine Sitte bilben; hier gilt nur ber einzelne, nicht bie Familie, nicht ber Staub. Hier gibt es keine Ueberlieferung, weil keinen häuslichen Herd, ,* von bem Sitte unb Herkommen ausgeht
\ Hr. 225 vom 26. Sept. 1924.; ■ ....................................... e
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Bus aller Welt.
— Die Geschwindigkett der Muskeln. Nur wemge Menschen machen sich ein Bilb von ber Geschwindigkeit, mit der wir unsere Muskeln bewegen können. Dr. Kahn macht hierüber folgende Angaben in seinem „Leben des Menschen": Als höchste Lefftung erreicht ber Violm- spieler 600 Fingerbewegungen in ber Minute; bas finb 10 Bewegungen in ber Sekunde. Der Pianist, ber ben Minutenwalzer spielt, muß in biefer Zeit mit ber rechten Hanb 740 Tasten bewegen. Große Pianisten leisten bies sogar in 40 und 35 'Sekunden. Zu den feinftorganifter- ten und bestgeübten Muskeln des ganzen Körpers gehören die Sprechmuskeln, mit denen Valentin bei seinen Versuchen 1500 deutliche Bewegungen in ber Minute, b. h. 25 in ber Sekunde erreichte. Diese Rekord- zahl beim Menschen beträgt aber noch nicht ben zehnten Teil ber Muskelzuckungen, bie bie Stubenfliege mit ihren Flügen vollführt. Sie macht nämlich 330 Flügelschläge in b er Sekunbe unb erreicht bamit wohl den Schnellig» keits-Wettrekorb unter allen Naturfliegern; man könnt» sie also als Weltmeister ber Aeronautik bezeichnen.
Spiegelglas. Währenb Tafelglas geblasen wirb, stellt man Spiegelglas burch Gießen her. Diese Technik kam zuerst in Frankreich auf, wo vor allem bie Werke Samt Gobain das Verfahren sehr vervollkommneten. Dann nahm auch England die Herstellung auf, besonders aber Belgien in den Fabriken zu Fkorefse, Roux, Charleroi und Courcelles. In Deutschland war es zuerst die 1852 in Stoöberg bei Aachen gegründete Glashütte, die sich mit gegoffenetn Glase beschäftigte. Die heutige Spiegel. Industrie ober hat ihren Haupffitz in Fürch, wo von einer Reihe großer Unternehmungen sowohl Spiegel als andere Möbel hergestellt werden.
— Tiere auf der Seereise. Es ist merkwürdig, daß auch die Tiere, selbst bie wildesten, in ihrem Wesen sich gänzlich verändern, wenn sie auf die hohe See gebracht werden. Je länger bie Seereise bauert, desto zahmer werden sogar Löwen, Tiger ufro., anscheinend well sie einen Zustand der Abhängigkeit und Hilflosigkeit em- pfinden. Singvögel stellen vollständig das Singen ein. Affen bekommen fast durchweg die Seekrankheit, die Hähne krähen nicht mehr und magern, ebenso wie Hühner und Gänse, auffallend ab. Kaninchen verkriechen sich still in eine Ecke, Katzen werden sehr scheu und ver- stecken sich gern, Hunde hingegen werden ganz zuttaulich und schmiegen sich dicht an ihren Herrn, Rindvieh und Pferde rücken möglichst zusammen, als gelte es, ein großes Leid gemeinsam zu tragen. Vollkommen gleichgültig bleiben nur allein Schweine, Enten unb Schlangen. Diese tun, als wüßten sie von nichts.
— Die Rabeneltern. Für schlechte Eltern gebraucht man Die Bezeichnung Rabeneltern. Dadurch tut man ben Raben ober unrecht, beim schon Behm berichtet von ben schwarzen Gesellen als Elternpaar nur gutes: „Beide Eltern lieben die Brut außerordentlich und verlasien die einmal ausgekrochenen Jungen nie. Sie können allerdings verschemht werden, bleiben aber bann immer in der Nähe des Horstes unb beweisen durch allerlei klagende Laute und ängstüches Hm- und Herfliegen ihre Sorge um die geliebten Kinder. Wiederholt ist beobachtet worden, daß die alten Raben bei fortdauernder Nachstellung ihre Jungen dadurch mit Nahrung versorgt haben, daß sie die Atzung von oben auf das Nest herabwarfen." Woher rührt also die grundfalsche Bezeichnung Raben- eitern? Hieraus erteilt uns der jüngst verstorbene Tier- sorscher Th. Zell die Antwort: Der Rabe hat, wie alle Raubvögel, die Gewohnhest, ausgewachsene Junge aus> seinem Nest zu vertteiben. So rührend aufopfernd näm-! sich die Raubvögel zu den hilflosen Kleinen finb, den aus«| gewachsenen Jungen weisen sie die Türe. In seinem J Buche: „Ist bas Tier unvernünftig?" hat Zell ben Grund für dieses Verhalten eingehend auseinandergesetzt. Jedes! RaMvogelpaar beansprucht nämlich für sich ein Gebiet unb bulbet keinen Konkurrenten darin. Sobald die Jungen erwachsen sind und sich ihr Futter selbst beschaffen können, schlägt bas Betragen der Eltern um. Die Jungen sind bann ebenfalls Konkurrenten geworben und müsse» daher bas Lokal verlasien.
Heiteres.
Lehrer: „Kann mir einer bas Eigenschaftswort leer steigern?" — „Du, Franz!" — Schüler: „Leer — leerer ---" „Fahre weiter, Albert." — Albert: .Her»
Oberlehrer!"
Warum sie nicht vollkommen ist. „Was, deine Frau spielt so gern Klavier?" — „Leider Gottes! Sie wäre ein vollkommener Engel, wenn sie nur keinen Flügel hätte."
Jagdglück. A.: „Haben Sie Glück auf ber Jagd?" — B.: „O ja, ich habe neulich an einem einzigen Tage 13 Enten geschoßen!" — A.: „Waren sie wild?" — R.: „Die Enten nicht, aber ber Bauer, b»m ich sie toi geschossen, war sehr milb."
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klein Eischen. „Eischen," sagte bie Mutter zu ihrem Töchterchen, „ich habe bir schon einmal gesagt: iß nicht so laut!" — „Warum?" fragt Eischen erstaunt, „schlöst denn jemand?"
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Die Fremdwörter. Besucher: „Guten Tag, Frau Raffke, wie geht's, was machen denn eigenllich Ihre Söhne?" — „O, die sind sehr fleißig. Beide haben jetzt das Jnsurgenten-Examen gemacht und nun könne» sie alle Barrieren einschlagen!"
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Der unmoderne Großpapa. „Ihr Mädels von heute versteht doch gar nichts mehr von den häuslichen Arbeiten," klagt der Großpapa. „Ich glaube gar, Hilde, du weißt nicht einmal, wozu die Nadeln da sind." — „Aber, du alter Großpapa!" sagt Hilde. „Damit läßt man doch das Grammophon spielen."
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sagt es dem Andern
DUNLOP
CORD
die Weltmarke
—> bürgt für Qualität! — ■■
I Tabletten