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Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stabt Fulda.

51. Zahrg

Sonntag, 21. September 1924

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«ttieinen-greife: Kleinreile (ttolonel) lokal 0,15 Goldmark auswärts OZO Goldmark: Reklamereile lokal 0,60. Soldmark auswärts 030 Goldmark. r.

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Schacht über währungs- und AreditpolitiK.

Herabsetzung des Diskontsatzes der Golddiskoni- bank auf acht Prozent.

In der Freitagssitzung des Aufsichtsrates der Deutschen Golddiskontbank machte der Vorsitzende Reichsbankpräsident Dr. Schacht folgende Ausfüh­rungen:

In der Erwartung, daß die als Voraussetzung des Dawesplanes erforderliche Anleihe von 800 Millionen Goldmark in Kürze zustande kommt,

yird sich die

Reichsbank

rechtzeitig auf die allgemeinen währungs- und kre- dllpolitifchen Folgerungen aus der Neuordnung der Dinge einrichten müssen. Die bisherige Ent­wicklung der Devisenlage läßt erwarten, daß die Reichsbank mit einer Golddeckung in das neue Bankgesetz hincingeht und das bis jetzt wieder ge- wilnnene Vertrauen in die Stabilität der Mark auftecht zu erhalten und zu verstärken geeignet ist. Allerdings ist auch zu erwarten, daß unter der Neuordnung und in Verfolg der schon jetzt von der Reichsregierung und der Reichsbank angeordneten Erleichterungen die Ansprüche an die Rsichs- bank künftig stärker sein werden als bisher. An »er bisherigen notgedrungenen Methode mehr oder weniger willkürlicher Kreditrestriktion festzuhalten, kann unter der neuen bankgesetzlichen Verordnung sicht der Wunsch der Reichsbank sein. Sie wird vielmehr den Bedürfnisien der Wirtschaft stärker folgen müsien, als dies bisher möglich gewesen ist. Diese Bedürfnisse sind nicht im Zahlungsverkehr begründet, sondern ergeben sich vielmehr aus der vorhandenen Kapitalknappheit. Die Entwicklung läßt sich schwer übersehen. Es erscheint mir jeden­falls zweifelhaft, ob in absehbarer Zeit mit einer Ermäßigung des Reichsbankdiskonts, so wün­schenswert sie an sich wäre, zu rechnen sein wird. Anders liegen die Verhältnisie bei der

Golddiskontbank.

Die Inanspruchnahme der Golddiskontbank be­dingt keine Belastung der deutschen Währung. Die Kredite der deutschen Golddiskontbank decken sich alle aus dem Erlös der eingenommenen Wechsel in ausländischer Valuta wieder ab. Ich glaube, daß es deshalb nützlich sein wird, wenn wir die bei der Golddiskontbank bestehenden Möglichkeiten, Kredite zu geben, noch etwas erleichtern. Die für die Golddiskontbank von uns im Ausland gesicherten Rediskontierungsmöglichkeiten sind bis­her nur zu einem kleinen Teil ausgenutzt worden, da die Reichsbank infolge der gebesserten Devisen­situation in der Lage gewesen ist, selbst als Redis- konteur für die Golddiskontbank aufzutreten. Ich glaube aber, daß es den Uebergang zur goldge­deckten Markwährung erleichtern wird, wenn wir die in der Golddiskontbank vorhandenen Reserven bis auf weiteres für die deutsche Wirtschaft noch entsprechend nutzbar machen. Aus diesem Grunde haben Vorstand und Arbeitsausschuß der Golddis- konchank beschlossen, Ihnen die Herabsetzung des Diskontsatzes der Golddiskontbank von 10 Prozent auf acht Prozent zu empfehlen.

Der Aufsichtsrat faßte einen entsprechenden Beschluß.

Schacht Präsident der neuen Emissionsbank.

Bekanntlich sieht der Sachverständigenbericht rar, daß in den Aussichtsrat der neuen Emissions­bank 14 Mitglieder, sieben Deutschs, sechs Ver­treter der Ententeländer und ein Neutraler ein­treten. Nach demTemps" wird Präsident des Direktionsausschufles und des Aussichtsrates Dr. Schacht sein.

Deutscher Lolomalkongreh.

Zwei Entschließungen.

In der gestrigen Schlußsitzung des Kolonial­kongresses wurden mehrere Entschließungen ge­faßt, die derFranks. Ztg." zu einigen grund­sätzlichen Bemerkungen Anlaß geben, denen man nur beipflichten kann.

Der auf Beratungen der kolonialwirtschaftlichen Abteilung des Kongresses zurückgehenden Ent­schließung, in der die wider Deutschland erhobene, koloniale Schuldlüge zurückgewie- s e n, der Wert eigener Ueberseebesitzungen als Er­zeugungsstätten gewisser Rohstoffe? als Siedlungs­gebiete und Absatzmärkte für deutsche Waren be­tont und der Raub der deutschen Kolonien als po­litische Kurzsichtigkeit behauptet wird, kann man durchaus zustimmen. Es war ja der Zweck des Kolonialkongresses, vor dem In- und Ausland darzulegen, nicht allein, was Deutschland als Ko­lonialmacht in knapp 30 Jahren geleistet, sondern wie es seine koloniale Betätigung ausgefaßt und durchgeführt hat. Unsere weltwirtschaftlichen und kulturellen Verdienste in den Jahren vor 1914 be­stehen nicht in erster Linie darin, daß wir in un­fern Schutzgebieten Baumwolle, Kaffee, Sisal und andere Produkte gebaut haben; das können auch andere Völker und werden es auch in Zukunft tun. Der besondere Wert unserer kolonialwirt­schaftlichen und kolonialpolitischen Leistungen liegt vielmehr in der schnellen Entwicklung der Grund­sätze unserer Kolonialpolitik und unserer kolonial- wirtschaftlichen Methoden. Gewiß sind bei uns genügend Fehler begangen worden, aber wir haben sie erkannt und beseitigt rascher als irgend ein anderes Volk. Gewiß haben wir die langjährigen Versuche anderer Völker beobachten und auswerten können, aber gerade deshalb kann man nicht den Vorwurf ausrechterhalten, daß wir nicht die politischen, kulturellen und wirtschaft­lichen Fähigkeiten besitzen, zu kolonisieren. Gibt es eine bessere Widerlegung der kolonialen Schuld­lüge als die Tatsache, daß das von dem Gouver­neur Dr. Schnee herausgegebene große drei­bändige Standardwerk der deutschen Kolonoial- wissenschaft von der englischen Kolonialoerwaltung als vorbildliche Grundlage für den Aufbau der Mandatsverwaltungen bezeichnet worden ist?

Völlig abwegig erscheint dagegen die Fassung einer anderen Entschließung, in der, ausgehend von den Beratungen über die Mandatspolitik, von der deutschen Regierung gefordert wird, sich so lange nicht mit einem EinrittDeutschlands in den Völkerbund einverstanden zu erklä­ren, als nicht gleichzeitig eine Regelung der kolo­nialen Fragen erfolgt, welche den Wiedereintritt Deutschlands in die Ueberseekolonisation zum min­desten durch Mandatsübertragung sicherstellt. In dieser Fassung ist das unabänderliche Recht Deutschlands auf eigene koloniale Betätigung in der denkbar unglücklichsten Weise formuliert und sie zwingt geradezu zu der Vermutung, daß die Re­solution eigens als weitere Belastung des ohnehin schon genügend komplizierten Problems des Ein­tritts Deutschlands in den Völkerbund eingebracht worden sei. Es ist eine Selbstverständlichkeit, daß Deutschlands, wenn es einmal Mitglied des Völker­bundes ist, stets volle Gleichberechtigung mit allen andern Mitgliederstaaten besitzen muß und dahin streben wird, an der Verwaltung seiner früheren Kolonien beteiligt zu werden. Aber kann ein ernster Politiker glauben, daß die in der Resolu­tion ausgesprochene Bedingung für den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund schon vor seiner Aufnahme durchgesetzt werden könnte?

* Monsignore Tesla, der päpstliche Delegat im Ruhrgebiet, hat seinen Posten als Sekretär der Nuntiatur in Wien wieder ausgenommen.

Schanghai vor dem Zall.

Zusammenbruch der Tschekiang-Nrmee. Intervention der Machte?

Nach einer Reutermeldung aus Schanghai scheint der Zusammenbruch der Truppen von Tschekiang, die Schanghai verteidigen, bevorzu­stehen. Die erste und zweite Armee von Tscye- kiang haben revoltiert. Ein neuer Angriff bei Liuho hat begonnen. Es verlautet, daß die Truppen von Kiangsu die Linie von Tschekiang in der Nähe von Jhing durchbrochen haben und daß Hangtschou geräumt ist. Diese Nachrichten verursachen beträchtliche Aufregung in Schanghai. Die ausländischen Freiwilligen wurden mobilisiert. Luyunashiang, der Militärgouverneur von Tschekiang, ist aus Hangtschou nach Schanghai geflohen. Er hat eine Erklärung veröffent­licht, in der er seine Bereitwilligkeit zum Rück­tritt ausspricht. In Hangtschou hat der Zivil- gouverneur die Unabhängigkeit proklamiert, nm die Stadt vor den revoltierenden Armeen zu ret­ten. Die im Süden stehenden Truppen von Tsche­kiang sind infolge Bestechung zum Feinde übergegangen, der auf Hangtschou vorrückt. Nur die Söldnertruppen von Schantung halten jetzt noch auf der Linie Liuhu-Kwangtu aus, ihre Kapitulation wird jedoch stündlich erwar­tet, wodurch die Chinesenstadt von Schanghai den Kiangsutruppen ausgeliefert wäre. Für die frem­den Ansiedlungen hegt man ober keine Besorgnis infolge der Vorsichtsmaßnahmen, namentlich der Landung von internationalen Marinetruppen. Tausende von Flüchtlingen treffen in Schanghai ein. General Suntschungfa, Militärgouverneur von Fukien und Anhänger von Wupeifn, marschiert von Süden her gegen Hangtschou. Man erwartet, daß er die Stadt Freitag ober Samstag besetzt.

Die fremden Derteidigungstrup- pen befinden sich im höchsten Alarmzustan d. Die Eingeborenenstadt kann die immer noch sich vergrößernde Zahl der Flüchtlinge, die bereits eine Million erreicht hat, nicht mehr fassen. Um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein, sind drei amerikanische Zerstörer klar zum Gefecht. Die Marinesoldaten bewachen die Eingänge der Frem­densiedlung, um deren Ueberrennung durch die Mafien der Eingeborenen zu verhindern.

DerMatin" läßt sich von seinem Korrespon­denten in Newyork melden, die amlliche Passific- flotte habe ihre Urlauber einberufen. Man spricht in Newyork von der Entsendung eines großen Demonstrationsgeschwaders nach Ostasien. Die Aktien fast aller ostasiatischen Unternehmungen

erlebten an der gestrigen Newyorker Börse einen gewaltigen Kurssturz. Der Präsident ist von seiner Wahlreise unerwartet nach Washington zurückgekehrt, wohin auch die Staatssekretäre be­rufen werden.

Wie aus Tokio gekabelt wird, sollen die eng< lische und amerikanische Regierung dem japanischen Außenamte für eine gemeinsame In­tervention in China unterbreitet haben. In poli­tischen Kreisen Japans ist man der Ansicht, daß die japanische Regierung in die Kämpfe ein­greifen werde, falls die mandschurischen Truppen geschlagen werden, da Japan große Interessen in der Mandschurei habe.

WieDaily Mail" aus Tokio erfährt, haben die Oppositionsparteien eine Resolution an­genommen, in der die Regierung aufgefordert werde, sofort zu handeln, um im Zusammenhang mit der amerikanischen Einwanderungsbill Ehn und Ansehen der Nation aufrecht zu erhalten. Du Resolution fordert die Regierung weiter auf, n i ch zuzulassen, daß Japan fernerhin der Füh­rung anderer Mächte folge und einen Plan be­züglich Chinas zu entwickeln, der den Friedes im fernen Osten sichere.

Nördlicher Kriegsschauplatz.

Nach einer amtlichen Meldung ist der Vor­marsch der mandschurischen Armee Tschangt- solins auf Peking in vollem Gange. Die Pe­kinger Regierung wirft alle verfügbaren Truppen nordwärts, um den Angriff abzuschlagen.

Mußmaßliche Folgen der Auflösung des Tschekiangheeres.

Wtb London, 20. Sept. (Tel.) Reuler mel­det aus Peking: Der Oberbefehlshaber der Ehihü- 1 nippen Wu-Pas-Fu halte bestimmt mit einer Nie­derlage der Ehekiangstreitkraftee gerechnet. Ihr plötzlicher Zusammenbruch wird vielleicht zur Folge haben, daß Ehan g- S o -lin sich nach Mul­den zurückzieht. Ihn dort anzugreifen, würde mit Rücksicht auf die Annäherung des Winters zu gewagt sein. Hatten die Chekiang-Truppen noch eine Woche ausgehalten, so würde Ehang-So-lin in Kampfweite von Peking gewesen fein. Die Be­völkerung ist erfreut und überzeugt, daß sich die Stellung der Regierung beträchtlich gebeffert hat. Trotzdem dauern die militärischen Vorbereitungen in großem Umfang an.

Bus dem besetzten Gebiet.

Die Uebergabe der Regiebahn.

Wie mehrere Blätter melden, haben die bis­herigen Verhandlungen zwischen den Vertretern der Reichsbahn und der Regiebahn zu dem Er­gebnis geführt, daß die Uebergabe der Regiebahn nicht unmittelbar an die neue Reichsbahngesell­schaft erfolgen soll, sondern zunächst an das so­genannte Organisationskomitee. Dieses Komitee wird die Uebergabe der Eisenbahn etappen­weise vornehmen. Die Uebergabe soll in sechs Wochen vollendet sein. Die deutschen Eisenbahner sind aufgefo-bert worden, sich am 15. Oktober zum Dienst einzufinden.

Der Kuslauf der MMarKontrolle.

,Daily Telegraph' schreibt, nach Mitteilungen der britischen diplomatischen und miliiärischen Vertreter in Deutschland nähmen die von der interalliierten Konlrollkommifiion geführten Untersuchungen erfreu­

licherweise einen so glatten Verlauf, wie dies noch nie der Fall gewesen sei. Die Haltung der deut­schen Militärbehörden sei bisher übereinstimmend offen und höflich gewesen. Es hätten sich keine unerfreulichen Zwischenfälle ereignet

Dr. Seipel über die Genfer Ergebnisse

Vor einer neuen Währungseinheit in Oesterreich.

Der Bundeskanzler und der Finanzminister werden am Samstag aus Genf nach Wien zurück- reifen. Der Bundeskanzler Dr. Seipel erklärte gegenüber Pressevertretern in Genf, daß die öster­reichische Delegation zwar nicht alles erreicht habe, was sie wollte, daß sie aber mit dem Erreichten dennoch zufrieden sein könnte. Der Finanzminister erklärte, daß in nächster Zeit Oesterreich auf eine neue Währungseinheit übergehen werde. Der Generalkommissar des Völkerbundes Dr. Z im­mer m a n n stellte den großen Fortschritt fest, den das Werk des Völkerbundes in Oesterreich voll­bracht habe.

Die alte Messestadt Frankfurt a. M.

Die Geschichte der Stadt Frankfurt a. M. reicht zu­rück bis in die erste Zeit der beufichen Geschichte über» Haupt. Wenn schon, wie urkundlich feststeht, Kaiser Karl der Große hier Hof hielt, Reichstage und Synoden nach hier einberief, so kann man wohl mit einiger Sicherheit darauf schließen, daß Frankfurt zur Zeit des großen Kaisers schon eine recht erhebliche Bedeutung gehabt haben muß. Und diese politische Bedeutung hat sich zur wirtschaftlichen erweitert, muhte sich dazu erweitern. Denn über Frankfurt laufen nicht nur die großen Kul­turstraßen Deutschlands, sondern auch die Europas. Rhein-Main-Donau, das war die große Linie, deren wirtschaftspolitische Bedeutung schon Karl der Große an­erkannt hat. In Frankfurt hat diese Flußlinie seinen organischen Gelenkpunkt, hier fällt sie zusammen mit den wichtigsten Landstraßen, die im Mittelalter das der Kul­tur erschlossene europäische Gebiet durchliefen. Alles, was damals vom Norden nach dem Süden, vom Osten nach dem Westen wollte, mußte über Frankfurt kommen, das schon im früheren Mittelalter der Schoß und das Herz des deufichen Reiches genannt wurde. Kein Wun­der, daß Frankfurt schon in der ersten Zeit seiner Ge­schichte Handels- und Verkehrsmittelpunkt wurde. Das war nur die ganz natürliche Folge seiner überaus gün- ftigen Lage. Befinden wir uns doch hier im Südwesten auf ältestem Kulturboden; zu einer Zeit, wo in nörd­lichen und östlichen Gegenden des Reiches noch ganz tulturlofe Völker lebten, war im Südwesten schon die Verbindung mit dem kultivierten Italien der Römer vorhanden, und als das Dcnfiche Reich ein politisch ge­festigtes Ganzes im Leben der europäischen Völker dar­stellte, war Frankfurt die bedeutendste Handels- und Verkehrsstadt, das große Tor für Italien und dem süd­lichen Frankreich. Es gibt in Deutschland keine Stadt, deren Wirtschaftsgeschichte so bedeutsam ist und so weit in die Vergangenheit zurückgreift,' als die der Stadt Frs;:kfürt am Main. Die wichttgste Institution des mit- tc' .:.rüdien Handels war die Messe. Die Entstehung

der Frankfurter Messe ist in Dunkel gehüllt; mit einiger Bestimmtheit kann jedoch angenommen werden, daß in die Zeit des Aufblühens des deutschen Städtewesens, also das 11. und 12. Jahrhundert, auch die Entstehung der Frankfurter Mefie fällt. Damit kann aber nicht ge­sagt sein, daß Frankfurt vorher als Handels- und Ver­kehrsstadt bedeutungslos gewesen fei. Eine Stadt, die eine Kaiserpfalz in ihrem Bezirk hatte, die unter den Nachfolgern des großen Karl die eigenttiche Reichshaupt­stadt war, wird nicht ohne Handel und Verkehr geblieben sein. Denn um das höfische Leben konzentrierte sich auch bas des Volkes. Aus Urkunden des 13. Jahrhun­derts wissen wir, daß die Frankfurter Mefien längst eine anerkannte Einrichtung waren, fo gewichtig, daß sich Friedrich II. im Jahre 1240 veranlaßt sah, der Stadt eine Urkunde auszustellen, worin er bestätigte, daß alle diejenigen feinen kaiserlichen Schirm und Schutz genie­ßen sollten, die die Frankfurter Mefien besuchen. Ein so weitgehendes kaiserliches Schutzrecht fit nur denkbar, wenn genügend Gründe dafür vorhanden sind. Ein weiterer Beweis für die große Stellung, die Frankfurts Messen im mittelalterlichen Wirfichaftsleben einnahmen, ist der, daß sie schon frühzeitig sich alsReichs- messen" bezeichnen durften, eine Bezeichnung, die nur die Frankfurter Messen geführt haben. Gerade das Mittelalter legte großes Gewicht auf diese rein formalen Dinge, denn niemals war die Form zugleich der Inhalt. Das alte Frankfurt hat auch eiferfüchttg darüber ge­wacht, daß keine andere Stadt ihre Märkte, deren es natürlich eine große Anzahl gab, etwaMessen" nannte, geschweige dennReichsmessen". Immer wieder wur- ben Versuche von einigen Städten in der näheren und weiteren Umgebung Frankfurts gemacht, den großen, gewinnbringenden Zulauf, den die Mainmetropole hatte, abzulenken. Die ganze Stadtpolitik war auf Erhaltung und Ausbau der Mefien gerichtet, sie waren der Quell, aus dem der spätere sprüchwörtliche Reichtum der Stadt zufloß. ' »-

Nicht unwesentlich' für die Entwicklung Frankfurts war die Tafiwhe, daß die Stadt niemals unter der

Oberhoheit irgend eines Dynastengeschlechts ober eines geistlichen Herrn kam. Sie blieb stets, bis zur Erhebung in bie Reichsunmittelbarkeit, eine sogenannteKönigs­stadt", die keinen anderen Herrn über sich anerkannte als nur den Kaiser. Als Reichs- und Freie Stadt war sie imstande, eine eigene Politik zu treiben, und die Politik solcher ausgesprochenen Bürgerstädte war naturgemäß die des freien wirtschaftlichen Verkehrs. Denn die Stadt erkannte sehr bald, welche ungeheuren Vorteile ein sol­ches Selbstbestimmungsrecht brachte. Um für alle Zu­kunft gegen Willkür gesichert zu fein, hat die Stadt ihre Rechte der Unabhängigkeit durch besondere Privilegien festlegen lafien. In der Urkunde vom Jahre 1254 wird der Stadt das kaiserliche Versprechen gegeben, daß sie nicht an Edi: der näheren ober weiteren Umgebung ver­pfändet werden könne, und in einer anderen Urkunde von 1257 erhielt fie die Zusicherung, daß kein Burgbau innerhalb ihrer Mauern angelegt werden dürfe. Wir sehen also hier ein ganz planmäßiges Festhalten an dem bürgerlichen Erwerb des Handels und des Verkehrs.

Das Marktrecht galt im mittelalterlichen Deutschland als eines der wichtigsten Rechte, dessen Vergebung nur dem Kaiser oblag. Aus dem erwähnten kaiserlichen Schutzbrief des Jahres 1240 geht hervor, daß die einen Markt ober eine Messe besuchenden Kaufleute einen be­sonderen kaiserlichen Schutz beanspruchen dursten. Denn das hatte man schon im Mittelalter deullich erkannt, daß der unbehinderte Handel und Verkehr wesentlich für die Kraft des Reiches war. Nicht jede Stadt, die ein Markt- recht hatte, konnte auf kaiserlichen Schutz Anspruch er­heben, dazu war doch eine größere Ausdehnung des Verkehrs notwendig, b. h. es mußte ein internationaler Handel stattfinden, nur der rechtfertigte ein fo weit­gehendes kaiserliches Privileg. Noch nicht hundert Jahre später, im Jahre 1330, konnte Frankfurt ein zweites, für feine Messen sehr wichtiges Privileg erlangen. Kaiser Ludwig der Bayer verlieh den Frankfurtern das wichtige Recht, neben der alten, der sogenannten Herbst- oder Bartholomäusmesse, noch eine zweite Messe, die soge- | nannte Oster- oder Fastenmesse abzubatten.

Durch diese wichtige Mefieurkunde, die vom 25. April datiert ist, wurde Frankfurt die erste und wichtigste Ver- kehrsstadt des Reiches. Vor allem aber haben wir darin den Beweis zu sehen, welche Bedeutung der Handels­verkehr in Frankfurt schon im 13. Jahrhundert gewonnen haben muß. Es gab keine Stadt im ganzen Reiche, die in dieser Beziehung der alten Mainstadt Konkurrenz machen konnte. Städte wie Köln, Lübeck, Hamburg, Breslau hatten gewiß auch einen ausgedehnten Han­delsverkehr, der vielleicht, als Transitverkehr genommen, bedeutender war als der Frankfurts. Sie hatten abei keine Messen, und diese gerade sind es, die für der mittelalterlichen Handel von fo großer Bedeutung waren. Eine große Handelsstadt ist nicht immer auch eine große Messestadt, denn zu dieser gehören gewisse Voraus­setzungen, wie vor allem die der geographischen Lage.

Frankfurt war die erste Messestadt Deufichlands und blieb es bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Die bei­den jährlichen Reichsmessen Frankfurts waren das wich­tigste Ereignis für die Kaufmannschaft der europäischen Kulturstaaten.

Es ist kein Zufall, daß die schicksalsreichen Jahre bes letzten Jahrzehnts Frankfurt wieder den Charakter einet Messestadt verliehen. Wie im frühen Mittelalter, so ist auch heute die geographische Lage die natürliche Voraus­setzung für, eine Messe. Was früher die Landstraßen und die großen Wasserstraßen waren, das sind heute die Eisenbahnen. Ueber Frankfurt führen die wichtigsten Bahnen. Aber Frankfurt liegt auch, politisch betrachtet, heute an einer wichtigen Stelle. Es hat die ihm von der Natur übergebene wichtige Ausgabe, die Verbindung mit dem Süden und Westen Europas mit dem Deufichen Reiche herzustellen. Und darin liegen weite Möglich­keiten für das künftige Zusammenleben der Völker. Daß die neue Frankfurter Messe eine Notwendigkeit war, daß sie organisch aus dem modernen Wirtschaftsleben herauswuchs, dafür ist der beste Beweis die ungeahnte schnelle Entwicklung, bie sie genommen hat.

Bruno Stümke.