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Fuldaer Zeitung

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Von Franz Steffen, Allenstein.

der Unterhalt der Besatzungsarmee bis zum 1. Januar 1924 5145 Millionen Goldmark betrug und daß Goldwert der durch die Micumverträge aus dem besetzten Gebiet erpreßten Leistungen etwa 1,5 Milliarden Mark pro Jahr, daß ferner die Er­schwerungen, die Deutschland für seinen Handels­verkehr auf sich nehmen mußte, jährlich eine Ein­buße von mindestens einer Goldmilliarde betrug. Alle diese Dinge liefen bisher neben den eigent­lichen Reparationsleistungen und vernichteten je­des deutsche Wirtschafts- und Staatsleben.

Der gesunde Sinn der Sachverständigen für die wirtschaftlichen Notwendigkeiten hat also zweifellos den Sieg über die Willkür und Gewalt davongetra­gen, und es bedeutet dies einen wesentlichen Fort­schritt, dessen wir uns aufrichtig freuen dürfen. Aber in diese Freude fällt ein sehr bitterer Wer­mutstropfen, wenn wir uns die H ö h e der Leistun­gen vergegenwärtigen, die wir nach dem Gutachten in den nächsten Jahren aufzubringen haben. Zwar sollen uns die ersten Jahre eine gewisse Entlastung bringen, und die volle Belastung mit jährlich 2500 Millionen erst im fünften Jahre eintreten. Doch auch hier wird die Summe nicht starr festgelegt, die 2500 Millionen bedeuten die H ö ch st l e i st u n g, u. der Sachverständigenplan sieht auch hier vor, — da man auf so lange Jahre die Verhälnisse nicht im voraus bestimmen kann — daß, wenn unter größter Einschränkung und unter Erschöpfung aller Steuerquellen die Summe nicht aufgebracht werden kann, die Vertragsverpflichtungen für das betref­fende Jahr ermäßigt werden sollen. Ausdrücklich betonen sie, daß die Aufrechterhaltung des Gleich­gewichts allem andern voranzugehen hat. Aber doch liegen hier die Quellen zu zahlreichen Verwick­lungen und Möglichkeiten eines übelwollenden Vertragsgegners.

Das Londoner Abkommen, desien Grundlage unb Voraussetzung das Sachverständigengutachten bildet, muß zweifellos das Fundament weiterer Lereinbarungen bilden, wenn die internationale Verständigung fortschreiten soll. Darum ist es nötig, daß jeder Deutsche wenigstens mit seinen Grund­stagen vertraut ist, da es unsere ganze Zukunft wesentlich beeinflussen wird. Denn es handelt sich doch letztlich um die Frage, ob es möglich ist, auf der Grundlage dieses Planes noch in letzter Stunde die deutsche Volkswirtschaft und damit das deutsche Volk vor dem Untergange zu bewahren, oder ob es und mit ihm ganz Europa in kurzer Zeit in ein Chaos zusammenbricht.

Die trostlose wirtschaftliche Lage Deutschlands «nd all die unerhörten Schikanen durch die Alliier­ten dürfen hier als bekannt vorausgesetzt werden. Wir standen unmittelbar vor dem völligen Zu­sammenbruch. Da soll nun dies Sachverständigen­gutachten an die Stelle des Londoner Zahlungs­planes vom Mai 1921 und alle inzwischen erfolg­ten Ueb ergangsbestimmungen, z. B. auch die Mi- cumverträge und dergleichen treten. Es erhebt sich für uns die Frage, ob dies Gutachten geeignet ist, das Verderben von uns abzuwenden. Wir dürfen bei feiner Betrachtung nicht vergeßen, daß es nicht von ungefähr oder gar auf Betreiben unserer Feinde in die Erscheinung getreten ist, sondern daß es eine recht lange Vorgeschichte hat, die bis zum 11. Januar 1923, bis zum Tage des Ruhreinbruchs zurückreicht, daß es in innigster Verbindung steht mit der Noteder RegierungCuno vom 1. SRai 1923, und daß dieselbe Regierung in einer neuen Rote vom 7. Juni 1923 ein Gutachten „einer unparteiischen internationalen Instanz über Höhe und Art der Zahlungen forderte, und daß sie sich bereit erklärte, es bedingungslos anzunehmen.

Erst nach langem Sträuben, namentlich Frank­reichs, traten die Gutachter — zwar nicht ganz nach unseren Wünschen ausgewählt — in Tätigkeit, lck>er sie waren sich ihrer schweren Verantwortung I und Aufgabe voll bewußt. Ihr Führer, General Dawes, nach dem das ganze Gutachten benannt ist, spricht in feinem Briefe an das Reparations- Komitee auch offen von ihrem Gefühl der Verant­wortlichkeit gegenüber dem Weltgewissen", und wir müssen feststellen, daß die Sachverständigen mit gutem Willen und chrlicher Absicht an ihre Auf­gabe herangegangen fmb. Sie haben keine Mühe gescheut, die besten Fachkundigen der Welt heran­gezogen, an Ort und Stelle studiert, auch bei uns sich I informiert, die Vertreter der Regierung, der In- I dustrie. Landwirtschaft und Arbeiterschaft gehört. I 3n nicht weniger als 54 Sitzungen hat der Gesamt­ausschuß getagt, der Unterausschuß für Stabilisie­rung unserer Währung 31mal, der für Ausgleich unseres Haushalts 63mal, das unter Führung des Engländers Mc. Kenna stehende Komitee, das die Höhe des deutschen Auslandskapitals festfetzen und I die Mittel zu dessen Rückführung nach DeuÜchland erwägen sollte, tagte 38mal.

Das Gutachten ist also, — wenn wir auch die in ihm verhandenen Fehler namenllich die Ueber- fchätzung der deutschen Leistungsfähigkeit, durchaus nicht verkennen — mit großer Gewissenhaftigkeit abgefaßt, und es geht nicht an, es mit einer ein­fachen Handbewegung unter dem Schlagwort „par­teiisch", „wir können nicht", „neue Versklavung" und dergleichen beiseite zu schieben und abzulehnen. Es bildet eine Grundlage für künftige Ver­handlungen und es muß als solche von uns auch gewertet werden.

Es fft nötig, klar die Grundgedanken des Gut­achtens zu betonen, die uns in folgenden grund­legenden, im engsten Zusammenhangs stehenden Sätzen zum Ausdruck zu kommen scheinen:

Denn es erscheint für uns undenkbar, daß wir nach fünf Jahren jährlich 2500 Millionen an Re­parationen zu leisten imstande sind. Die Sachver­ständigen haben hier die Möglichkeiten der deut­schen Volkswirtschaft zweifelsohne weit überschätzt, I was aber noch durchaus nicht auf ihren bösen Willen zurückgeführt zu werden braucht, sondern auf den Umstand, daß unsere Wirtschaft damals noch in einer Scheinblüte stand, die deutschen Sach­verständigen eine richtige Schätzung nicht einmal ermöglichte, was bei fremden viel eher eintreien konnte. Zum Glück handelt es sich hier aber nicht, wie bereits ausgeführt, um eine unbedingt starre Summe und dazu kommt, daß die Sachverständi­gen bei der Ueberlegung, wie die Milliarden aus der deutschen Wirtschaft herausgezogen werden | können, ohne die Währung und die Ausgleichung des Staatshaushalts zu gefährden, zu einem Aus­weg gekommen sind, der praktisch vielleicht das Beste ist, was sie vorgeschlagen haben. Bei allen bisherigen „Lösungsoersuchen" beschränkten sich die Gläubiger darauf, auf dem Wege des Diktats aus Deutschland möglichst hohe Sun>men heraus- zuholen, die in ausländischen Zahlungsmitteln so­fort an das Ausland zu bestimmten Terminen, auf die sich die Spekulation zu unseren Ungunsten einstellen konnte, abzuführen waren. Nun muß ge­mäß dem Gutachten dafür gesorgt werden, daß die Reparationszahlungen solange innerhalb der deut­schen Volkswirtschaft produktiv angelegt werden, als sie hier im Interesse der Aufrechterhaltung des volkswirtschaftlichen Güterprozesses und nament- Uch auch zwecks Festigung unserer Währung und Wechselkurse unentbehrlich sind. Me Barzahlun­gen auf Reparationskonto sind nun in Goldmark oder deren Gegenwert in deutscher Währung an die deutsche Zentralbank auf Konto des Agenten für Reparationszahlungen zu leisten. Diese Zahlun­gen bilden den endgültigen Akt der deutschen Re­gierung zur Erfüllung ihrer finanziellen Verpflich­tungen. Die sich bei der deutschen Zentralbank an­sammelnden Gelder dürfen von den Gläubiger- Nationen aber nur abgehoben werden unter genau bestimmten Bedingungen und Sicherheitsmaßnah­men, die den deutschen Wechselkurs und die deutsche Volkswirtschaft hinreichend schützen. Ausrücklich wird ferner der deutschen Regierung das Recht ein- geraumt „die Verfügungsgewalt über ihre eigene Wirtschaft aufrecht zu erhalten".

2. Blatt.

Druck der Fuldaer Aetieudruckerek iu Fulda

Technik und verkehr.

= 3ur eisenbahntechnischen Tagung und Ausstellung, auf der die Hanomag durch mehrere hervorragende Lokomotivbauleistungen vertreten ist, erscheint das Septemberheft der .Hanomag-Nachrichten' als reichaus­gestattete Sondernummer. Aus dem Inhalt seien er­wähnt: 1 E 1-Lokomotive, Type T 20, — G S-Loko- Motive — Feuerlose Lokomotiven — C-Tenderlokomotive mit Caprottisteuerung — Abraumlokomotive — Bau­lokomotive — Aufdornstehbolzen — Heizrohrverschrau­bungen — Die neue Lokomotiv-Numerierung der Reichs­bahn. Das Heft bringt neben vielen Bildern zwei Kunstbeilagen in Vierfarbendruck und kostet 20 Pfennig. Die .Hanomag-Nachrichten' erscheinen im Hanomag- Nachrichten-Verlag G. m. ü. H., Hannover-Linden.

Besonders stark hat man an dem Gutachten auch das Fehlen einer Endsumme der deut­schen Schuld bemängelt und behauptet, damit sei der feindlichen Willkür Tür und Tor geöffnet, wir I arbeiten dann nur für die Gegner und schütten in ein Faß ohne Boden. Gewiß wäre es für uns und unfern Aufftieg sehr bedeutungsvoll und er­wünscht, wenn die Endsumme unserer Zahlungen I "Eich feststände. Aber wir erheben doch die Frage: Konnten die Sachverständigen sie festsetzen? ! rlem denn beim heutigen Stande unserer Wirt­schaft ist es unmöglich zu übersehen, was von uns insgesamt geleistet werden kann, und das muß uns I Wieder klar fein, daß die Feinde aus uns heraus­holen wollen, was nur irgendwie möglich. Lag es aber auch in Deutschlands Interesse, daß sie jetzt durch tue Sachverständigen festgesetzt wurde? Wir sind wieder der Ansicht: Neinl Denn wir wissen, daß die sachverständigen unsere Leistungsfähigkeit ! unserer ehrlichen Ueberzeugung weit ü b e r - I s a J t haben. Das aber hätten sie dann auch mit der Endsumme sicherlich getan, und damit zum Schaden Deutschlands selbst. Hier kann am besten nur die Zeit aufklärend und heilend wirken.

passen wir das Urteil über das Gutachten von I der wirtschaftlichen Seite zusammen, so müssen wir sagen, daß die dort getroffene Lösung in unserem Smne wahrlich nicht ideal ist, daß ungeheure Opfer von uns verlangt werden und daß die Vorschläge noch einer vielfachen Revision unterzogen werden müssen. Was vorgeschlagen wird, geht sowohl materiell wie moralisch hart an die Grenze des Unmöglichen, ja überschreitet sie vielleicht. Aber wir bekommen doch wieder eine gewisie Freiheit, I ein Lichtblick zeigt sich uns, unsere Wirtschaft kann sich etwas erholen, die unsinnige Zwangsjacke des Versailler Vertrages wird etwas gemildert und wir nähern uns so langsam unserer Freiheit, die aller­dings noch in sehr, sehr weiter Ferne liegt. Aber I das Gutachten ist ja auch nicht der letzte Weg und ein starres Instrument, sondern eine I Grundlage, auf der weitere Schritte der Verstau- I drgung getan werden müssen. Ausdrücklich be- | tonen jjatnes und seine Mitarbeiter, daß sie nichts I Endgültiges geben wollen, nur eine Zeit des I U e berge n g e s wollen sie schaffen helfen, damit I Och o-e heute schroff einander gegenllberstehenden Gegensätze ausgleichen können. Der schwache An- I rang dazu ist bereits in London gemacht, und es I muß in klug-diplomatischer Weise versucht werden, I ben in -.ondon zum ersten Mal beschrittenen W-q I von Verhandlungen basierend auf allseitig gutem Wollen und gegenseitigem Vertrauen, weiter zu ! verfolgen. 0 I

. Zeitschriften.

„rpeffart". Die in der Wailandt'schen Druckerei erscheinende Monatsschrift „Spessart" nennt Heft 4 „Offenbacher Festnummer" aus Anlaß des Bundesfestes, das am 27. Juli der Spcssartbund in Offenbach feierte Das Heft bringt Abhandlungen und Abbildungen über dre Feststadt. Außerdem über die Wildsauenjagd, Sagen, Geschichten und Wanderbeschreibungen.

vermischtes.

* Von der Wartburg. Der „Verein der Freunde der Wartburg" und die Wartburgsriftung haben den bekannten Burgenkonservator Prof. Gebhardt-Düssel- botfbeauftragt,bieSReftaurierung der Schwind, [testen auf der Wartburg fortzusetzen. Die kost­baren und berühmten Sckwindftesken der Wartburg waren bekanntlich dem Verfall nahe; doch ist es Gebhardt gelungen, durch ein langwieriges Verfahren den Verfall aufzuhalten und den Fresken ihre alte Schönheit wiederzugeben. Dieses Verfahren, das viel Zeit und Mittel beansprucht, soll jetzt auch bei den noch nicht restaurierten Fresken angewandt wer­den, nachdem dafür neue Mittel zur Verfügung stehen. Bis jetzt ist das berühmte Sängerkrieg-Bild im Sängersaal wiederhergestellt; die Gemälde in der Elisabethgalerie und im Landgrafenzimmer werden nunmehr folgen. — Beim Bau eines Weges vom Elisabelhbrunnen nach der Wartburg ist man auf alte Mauerreste gestoßen. Man nimmt an, daß es sich um Ueberreste des ehemaligen Elisabeth« klosters handelt. Die Ausgrabungen, die in kunst­historischen Kreisen größtem Interesse begegnen, sollen fortgesetzt werben, mf.

* Dom eigenen Hunde zerfleischt. In der Nacht des Kirchweihfestes in H o ch h e i m bei Erfurt ver­nahm der Oberlandjäger Baum während feines Patrouillenganges durch den Ort aus einem Straßenwinkel anhaltendes Wimmern. Er ging dem Geräusch nach und fand den Ortsnachtwächter Brückner, der von feinem eigenen, als bissig be­kannten großen Schäferhund zerfleischt wurde. Der Hund ließ nicht von seinem Opfer ab, bis er durch einen Schuß des Landjägers niedergestreckt wor­den war. Der schwerverletzte Nachtwächter mußte in ein Erfurter Krankenhaus gebracht werden.

* Ein herrenloser Ochse. Wir lesen in der „Trierer Landesztg.": Wir leben in einer sehr ver­geßlichen Zeit. Daß man aber einen Ochsen und zwar ein Exemplar erster Klasse vergißt, vom Markte mitzunehmen, dürfte einzig daftehen. Nach Schluß des letzten Marktes in Hillesheim (Eifel) stand mutterseelenallein noch ein großer Ochse auf unserem Viehmarkte. In der Annahme, daß er ab geholt würde, ließ man ihn stehen. Des Alleinseins müde, machte das Tier sich los und unternahm einen Spaziergang über den großen schattigen Marktplatz. Da es inzwischen Abend ge­worden und der Eigentümer sich zum Abholen nicht eingefunden, nahmen sich Nachbarn des verlassenen Tieres an und stallten es zur Sicherheit ein. Der rechtmäßige Eigentümer möge sich, so hieß es, an den Gastwirt Anton Meyer am Viehmarkte wen­den, in dessen Stallung der Ochse ein behagliches Dasein fristet." Muß das aber ein Ochse gewesen sein, der diesen Ochsen vergessen hat.

* Am Grünewald. Nach einer Berliner Mel­dung im Grünewald an einem Baum nebeneinander die bereits stark verwesten Leichen eines Mannes und einer Frau erhängt aufgefunden. Anscheinend handelt es sich um den Abschluß einer Liebes- tra gödie.

* Vorsicht bei Sammlungen. Laut „Derl. Tagebl." wurde in Halle eine Bande von zehn Personen ver- haftet, die unter der Angabe, für den nationnl-fozialW- sch en Kampfbund „Wicking" zu sammeln, Sammlungen unter der Landbevölkerung der Halleschen Gegend mb gefälschten ßiften veranstaltete und große Geld- mittel zufammenbekommen hatte.

* Eine besonders gesunde Gegend scheint das Kirchspiel Schwab st edt im Kreise Husum an der Westküste Schleswig-Holsteins zu sein. Leben doch in dem kleinen Bezirk nicht weniger als 26 Per­sonen, welche die 80 Jahre überschritten haben. Frauen und Männer in dieser Schar der Hochbe­tagten halten sich die Wagschale.

Kontrolle und Sicherungen gespielt. Man hat da von „völliger Versklavung", von „Verewigung der Schnüffelkommissiionen" und bergt gesprochen. Dem ist denn nun doch nicht so. Denn wir dürfen nicht vergessen, daß Deutschland durch den Ver­sailler Vertrag, insbesondere durch Artikel 236 ge­zwungen worden ist, „seine wirtschaftlichen Hilfs­mittel der Wiedergutmachung unmittelbar dienst­bar zu machen" und Kontrollen über sich ergehen zu lassen. Und wenn wir uns all der Kontrollen und Schikanen erinnern, die die Gegner bisher zum größten Teil willkürlich vorgenommen haben, dann wird man eine Regelung auch im Interesse unserer Volkswirtschaft nur begrüßen können, auch wenn sie uns noch so schmerzlich ist. Das eine muß uns stets gewiß fein, daß wir, ehe mir die Forde­rungen nicht ganz erfiUIt haben, ganz ohne Kon­trolle nicht auskommen werden, und daß wir es nur begrüßen können, wenn diese nun endlich auf ein möglichst geringes Maß herabgedrückt wer­den. Das aber scheint uns durch das Sachver­ständigengutachten geschehen zu fein. Die Grund­gedanken dieses Kontrollfystems liegen in folgen­den vier Sätzen ausgesprochen:

1. „Die volle Wirksamkeit der Sicherungen soll Idas normale wirtschaftliche Funktionieren Deutsch­lands nicht behindern."

2. „Wir zögern nicht, von gewissen, äußeren . Ereignissen abgesehen, jedes System, das unmittel- bar oder mittelbar die tatsächliche Kontrolle über : Deutschlands gesamte Einnahmen und Ausgaben in sich schließt, als unerwünscht für das Ziel, I das alle im Auge haben, a b z u l e h n e n."

3. „Letzten Endes ist die beste Sicherheft für die Zahlung, das Interesse der deutschen Regie- j rung und des deutschen Volkes, ehrlich eine Last I auf sich zu nehmen, von der die Welt überzeugt ist, I daß sie die Grenzen der deutschen Leistungsfähig- I feit nicht übersteigt".

4. „Die Ausgaben für den im Plan vorgesehe- I nen neuen Apparat müssen sich in beschränkten Grenzen halten undmüsseninjedemFalle in den bereits vorgesehenen Jahres­zahlen enthalten sein."

Das scheint uns, wenn sinngemäß und im Wil­len gegenseitiger Verständigung durchgeführt, doch immerhin ein wesentlicher Schritt vorwärts. Dazu kommen noch eine Reihe weiterer Bestimmungen, I die hier in diesem Rahmen nicht wetter erörtert werden können, die den deutschen Einfluß sicherten, was sich besonders auf die Zentralnotenbank und die Eisenbahn bezieht.

Alles in allem genommen haben wir es gewiß mit einer Beeinträchtigung unserer Finanzhoheit zu tun, die wir bitter empfinden müssen, aber sie geht doch nicht so weit, wie etwa die Finanzkon- i trolle Oesterreichs. Auch die Bestimmungen über I die sogenannten Verfehlungen, -bie bisher Willkür- I lich angewandt wurden und unsere Wirtschaft nahezu zerschlagen haben, sind doch derart, daß ste auch einen gewissen Schutz gegen unbil­lige Auslegungen bieten. Die Bedeutung dieser I Ueberwachungsorganisation für die deutsche Wirt- I schaftsführung wird sich erst in der Praxis voll erweisen können, grundsätzlich hat sie keine Befug­nis zum Eingreifen, solange die von ihr vertrete­nen Interessen nicht bedroht werden. Im übrigen I wird das Vorhandensein derartig gut informierter I Personen, die bas Vertrauen des Auslandes ge- I niefjen, auch von Nutzen fein, wenn wieder einmal I die Frage nach „bewußter Verfehlung" Deutsch- I lanbs aufgeworfen werden sollte. Dann wird ein feine Verpflichtung nach bestem Gewissen erfüllen- I des Deutschland hier einen gegebenen Verteidiger I finden. I

Jl» 216.

Dienstag, 16. September 1924.

Es genügt aber nicht, daß unserer Volkswirt- I ichaft keine Mittel entzogen werden, solange unsere I Zahi-Ungsbilanz das nicht erlaubt, sondern die Gutachter sagen ausdrücklich: „Ein wesentlicher Be­standteil unseres Gutachtens ist die Ausgabe einer äußeren Anleihe von 8 Millionen Eoldmark durch Deutschland; diese Anleihe ist in erster Linie für I-die erfolgreiche Gründung einer neuen Bank und fu.rdw Sicherstellung der Währungsstabilisierung wichtig. Das ist für unser Staats- und Wirt­schaftsleben bedeutungsvoll. Dadurch kommt zu- I rmchst fremdes Kapital in unser ausgepowertes I Inland, wodurch unser unerträglicher Zinsfuß, unter dem heute unsere Wirtschaft zusammenbrechen muß, gedrückt wird. Bekundet so das Ausland aber fein Vertrauen zu Deutschland, dann wird es auch unsere eigene Bevölkerung wieder tun, und bie Summen, die bei uns bisher zinslos „für alle Falle" liegen, die bei vorsichtiger Schätzung min­destens eine Eoldmilliarde betragen, kommen wie­der in den Wirtschaftsverkehr und tragen wesent­lich Zu feiner Belebung bei.

Das schwierigste an dem ganzen Sachverständi­gengutachten scheint uns die Verpfändung unferer Eisenbahn zu sein, bie einen sehr bebeutenben Fragekomplex umschließt. Aber sie war in keinem Falle zu umgehen, war doch be­reits von ber Regierung Cuno burch das i Memorandum vom 7. Juni 1923 ausdrücklich ange­boren worden, und auch das Versailler Diktat hat in Artikel 248 bereits die Bestimmung, daß Reich und Einzelstaaten mit dem gesamten Besitz haften, ^och auch hier sind Bestimmungen getroffen, daß ^-^nb°hn trotz alledem Eigentum des Reiches bleibt, baß Deutschland die Verwaliung und Auf­sicht — auch über bie Tarife — behält. Immerhin liegen hier so bebeutenbe unb gefahrbrohende Aenderungen vor, daß man sie in diesem Rahmen auch nicht einmal andeutungsweise behandeln ' farm, die Eisenbahnfrage muß gesondert behan­delt werden.

Eine wichtige Rolle in ber Schotte über bie An­nahme des Gutachtens hat auch bie Frage der

Eingesandt.

Am Donnerstag den 11. d. M. fand im Saal des I hiesigen Bürgervereins der angekünbigte „Künftler- I abend" statt. Den Reigen dr Darstellungen eröffnete em sogen. „Conferencier" (Ansagr) mit Deklamationen. I «eine abgedroschenen „ollen Kamellen" u. a. (bie zwei Grenadiere) verfehlten ihre Wirkung total; abgesehen I davon war fein Organ unkultiviert, seine Aussprache I unverständlich. Fräulein Kuhn als „Klaniervirtuoün" I gab sich große Mühe, auf einem Instrument mit blecher­nem Klang ihre „Kunst" zu betätigen, doch fehlte ihr der Schwung, das Vertiefen in des Komponisten (E-aen- | art. Wo blieb in Schumanns Arabeske das Frische, Prickelnde, Lebensfrohe? Hier wie im Chopinfchen I Trauermanch waren die Tempos viel zu schleppend. I ^och die übrigen Darbi-'uagen waren sehr mittelmäßig. I -oas Klavier hatte seinen Platz im äußersten Hmier- grund der Bühne, statt vorn ' i der Rampe zu stehen. Nun zu den Tänzern. Die Tänzerin müßte meines (trachtens sich zuvor bet tzmpekiven oder Ruth Schwarz­kopf Körperkustur bett ringen i< ssen. Mein, die Dame I durch Verzerrung ihrer Gesichtsmuskeln ins Komische Beifall zu erringen? Was machte ste aus Schuberts „Moment musical" und Mendelslohns „caprioio" — — Farcen, Grotesken. Ein Tanz, meine Verehrteste, muß ästyeiisch wirken Vom „Sänger" schweigt des Sängers Höflichkeil. Dank seiner wmtog 'chen Figar und siiner linkischen, ja täppischen, immer sich wiederholenden Be- ntegungeu, errang er sich beim Publikum große Heiter­keit. Wo blieb hier die Kunst? Eine rühmliche, ange­nehme Abwechslung boten die beiden Lautenfanger in ihren gediegenen Landsknechtkostümen. Nach all dem Talmi wirkte ihr. Vortrag herzerfrischend. Hier ward uns Kunst geboten. Liebe Vaganten, laßt Euch bald wieder Horen. Das Publikum, das nicht zahlreich er- schienen, war sehr aggressiv gestimmt. Diese verließen br!n $n Zukunft wolle man das Ful-

ÄÄ?!" m,t betarti9en ''Kunstgenüßen"

1. „Die Reparationen können nur durch feinen Ausfuhrüberschuß finanziert wer­den.

2. „In ihren finanziellen Wirkungen unterschei­den sich bie Sachlieserungen nicht von Barzahlungen unb sie können auf bie Dauer ben wirklichen für die Ausfuhr verfügbaren Ueberschuß der deutschen Produktion gegenüber dem Verbrauch nicht über­steigen, ohne bie Währung in Unorbnung zu brin­gen oder die Aufnahme auswärtiger Anleihen not­wendig zu machen".

3. „Wir haben nie aus dem Auge verloren, daß die Stabilisierung der Währung und der A u s g l e i ch d e s H a u s h a l t e s die Mittel sind, Deutschland in die Lage zu versetzen, seinen eigenen wesentlichen Bedürfnissen zu genügen und keinen Vertragspflichten nachzukommen".

Diese Feststellungen, die das Fundament bilden müssen, schlagen aller bisherigen französisch-belai- schen Gewaltpolitik glatt ins Gesicht, sie verurtei­len die ganze feindliche Ruhr- und Gewaltpolitik und bedingen ihre grundlegende Aenderung. Aus diesen Grundgebanken folgern bie Sachverstänbigen aber weiter, baß bie beutschen wirtschaftlichen Rechte unb die Steuerhoheit wieder herzustellen sind, daß es nicht im Laufe des Jahres bald von dieser, bald von jener Seite neue wirtschaftliche Verpflichtungen auferlegt erhalten darf, wie dies bisher der Fall war, daß die jährlich zu zahlende Summe ein für alle mal festgestellt und nicht der Willkür einzelner überlassen werden darf und daß eine genügend ausländische Anleihe eine wesent­liche Vorbedingung für Ermöglichung und Siche­rung der Reparationszahlungen fei.

,®as fjnb wesentliche Aenderungen des Ver­sailler Vertrages und seiner bisherigen Auslegung zu Gunsten ber gesamten deutschen Wirtschaft. Vor aber: Durch bie wieberherzustellende wirtschaftliche Souveränität bes Deutschen Reiches m feinem gesamten Umfange wirb bie unerträgliche ÄJage unferer Brüder unb Schwestern im Westen »on Grund auf gebessert. Die Ausgewiesenen keh- zurück, die Gefangenen werden frei und können ipre Aufgabe im Wirtschaftsleben der Heimat mie= Der ausfullen. Die inneren Schranken jeder Art ; ,Stilen. Alle bisherigen willkürlichen Ausgaben, । Kontrollen und Schikanen müssen verschwinden. । Sie "an Deutschland jährlich insgesamt zu machen- , »en Zahlungen werben zahlenmäßig genau feftge- . fegt, m ihnen ist alles eingeschlossen, auch die Kosten >r Besatzung und der Kontrollfommissionen. Was , -"n besten daraus, daß