Zur Unterhaltung.
| Nr. 2)5 vom 14. Sept. 1924. | ■
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W Der enteilende Mars.
Don Gustav Ad. Müller.
An einem der wenigen sternklaren Septemberabende vollführte ich um die zehnte Stunde eine kleine Reise. Rach Bogenhaufen, ins Astronomemviertel, wo die Münchener Sternwarte, erfüllt von emsiger Forschertätigkeit, ein vom Lärm und von der Hast des Tages befreites Dasein führt. Da der Mars noch immer „die Stunde regiert', galt natürlich mein Besuch in der Hauptsache ihm und ich will nicht verschweigen, daß ich mit man- cherlei Erwartungen in das Allerheiligfte des Observators eindrang.
Die geheimnisvolle Refraktor-Kuppel, der Bau für das Riefenfernrohr, nahm mich auf. Da fchaut man sich selbstverständlich erst mal tüchtig um und alle möglichen Fragen kommen auf die Lippen. Der liebenswürdige, aus kunstsbereite Beherrfcher diefer „Dunkelkammer" verhinderte mit dankenswertem Takt wenigstens die dümmsten meiner Fragen und zeichnete mit knappen, klaren und lehrreichen Worten das äußere Bild der ungewohnten Umgebung. Er zog den „Vorhang auf" und öffnete die Riefenkuppel zu einem Ausblick in die Sternen-Ferne. Da steht das mächtige Fernrohr, der Refraktor, in der Mitte des Raumes. Ein imponierendes Werk. Zu meiner großen Ueberrafchung erfuhr ich, daß der optische Tell des Apparates von dem berühmten Münchener Meister Fraunhofer stammt und seit 1824 in unserer Sternwarte im Gebrauch ist. Wir hätten also in diesem Jahr ein regelrechtes Jublläum, das aber da draußen so ganz in der Stille, ohne Festakt und Rhetorik, gefeiert wird. Das Fernrohr hat seinerzeit mit einem Schwesterapparat, der jetzt in Dorpat im Gebrauch ist, großes Aufsehen erregt. Es hat 5 Meter Brennweite und gibt, bei einem Objektiodurchmeffer von 28 Zentimetern, 276fache Bei- größerung.
Das vielerprobte Instrument für die Himmelsfchau ist parallaktisch montiert, d. h. es ist fo ausgestellt, daß es um zwei aufeinander senkrecht stehende Achsen dreh- 1 bar ist. Und zwar llegt die eine Achse parallel der Erd. achse, daß sie also im ihrer Richtung zum Weltpol weist. Die große Kuppel, durch deren Spalt der Refraktor wie ein Kanonenrohr auf die leuchtende ferne Welt gerichtet ist, läßt sich drehen. Durch einen einfachen Handgriff ift es möglich, die Kuppel so zu drehen, daß man jeder- zeit das gewünschte Objekt ins Rohr zwingt. Run dreht sich „bekannüich" (hier stimmt das Wort ausnahmsweise) auch unsere Erde, und zwar ohne unsere Handgriffe, und das hat zur Folge, daß durch die Erdrotation die ins Rohr hineingezwungenen Sterne dem Gesichtsfeld wieder entschwinden Ilm diese Flucht zu verhüten, wird das Fernrohr durch ein Uhrwerk gedreht, so daß das Objekt immer im Gesichtsfeld bleibt. Dieses Hilfsmittel funktionierte auch vortrefflich, als später mein Laienauge durch das kleine Okular auf unfern Planstenbruder Mars gerichtet war.
„So, nun entdecken Sie mal einen Kanal da oben", ermunterte mich der Astronom. Und dann stieg Dr. Silbernagel eine schwankende „HinnnelsleitLr" hinan, aus der an einer Sprosse ein kleines Sitzbrett angebracht ist. Er richtete das Rohr, zeigte mir einige Handgriffe uytz überließ mir bereitwillig seinen Forschersitz. Ich saß nun bald in völligem Dunkel und versuchte, zuerst mit wenig Glück, den nur „drei Lichtminuten" entfernten Nachbar- Planeten (seine, Entfernung betrug an diefem Abend die Kleinigkeit von 60 Millionen Kilometern) ins Rohr zu bekommen. Als große Vollmondscheibe flammte er am Osthimmel. Da stand er nun, der Geheimnisvolle, so ganz nahe vor meinem Auge. Unser rätselhafter, sich jetzt wieder entfernender Nachbar mit seinen „hüpfenden und fliegenden Bewohnern mit Voqelgestchtern".
Ob wohl diese von den Mars-Phantasten entdeckten wunderlichen Leutchen eine Ahnung davon hatten, daß in den letzten Tagen besonders viele irdische Blicke auf ihren Globus gerichtet waren?, lieber die „Kanäle" gehen ja seit Schiaparellis Entdeckung die Meinungen der Ge- lehrten weit auseinander. Auch ich habe, bescheiden wie ich bin, nur wenig damit gerechnet, durch einen Bück in das bewährte Fraunhofersche Perspektiv ein neues Werk den Mcrrs-Kanalbau-IngeÄeuren zuschreiben zu dürfen. Immerhin fchien mir mein astronomisches Debüt wie ein Blick in die Welt der Wunder. Nachdem ich mich einigermaßen mit dem Apparat vertraut gemacht hatte und durch das besagte Uhrwerk in der Lage war, die Voll- mond-Marsscheibe ohne Fluchtversuche genau zu beobach. len, sah ich ganz deutlich die schneebedeckte, werß- Fämzende Südpolkappe des Planeten. Stuf der Scheibe erscheint sie als Nordpolkappe, weil „bekanntlich" das Fernrohr das Objekt auf den Kopf stellt. Diffe Schneefelder an den Polen wechseln in Form und Größe mit den Mars-Äahreszeiten. Im Sommer werden sie kleiner und im Winter größer. Zurzeit ist der Südpol der Sonne zugewendet, daher fft's auf dem Mars jetzt Sommer. Der Nordpol ist gegenwärtig der Sonne ab- gewendet und nirgends zu sehen.
Am Rande der Südpolkappe bemerkte ich ein fortwährendes Flackern und Brodeln. Das käme von den Luftschichten, die unseren Erdball umgeben, wurde ich
Der Burgschreck.
Roman von Fell; Neumann.
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Benignus" ernstes Gesicht Horte sich auf. Er erhob sich, schloß sorgfältig das Buch und schritt dem Fräulein entgegen, das sich kaum der Liebkosungen Trolls zu erwehren vermochte. '
„Hallo, Ausdringücher!" rief lachend der Einsiedler und wollte den Hund fortziehen, aber Stirne Susanne wehrte ab.
„Laßt chn, Benignus, er ift unser bester Freund und Vertrauter und darf sich daher schon einige Scherze erlauben."
Dabei staubte sie die Spuren ab, die Trolls große Tatzen auf dem Kleide hinterlassen hallen.
„Wie geht es und gestattet Ihr, daß ich ein wenig mit Auch plaudere?"
Die derben, starken Hande des Klausners, die wie geschaffen schienen, den Ger zu roerfett und das Schwert zu schwingen, umschlossen fast zärtlich die feinen, zarten Finger des Grafenkindes. „Willkommen, State Susanne, wie immer!"
Wie lange Jahre kannte doch Benigmis das Fräulein schon. Sie verkehrten wie gute Freunde wrd einen Stan, desunterschied gab es zwischen beiden nicht.
Benignus rückte einen Stuhl, den er selbst aus weihen Birkenstämmen gezimmert hatte, neben seinen Tisch.
Dann holle er einige Kiffen, die er mit Heidekraut ge- stopft hatte, polsterte den Stuhl damit aus, und drückte Anne Susanne darauf nieder. Mit väterlicher Liebe Mihegte er den Gast.
„Olun erzählet, was es Neues gibt."
Und Sinne Susanne begann zu berichten, denn wohl ijne Woche und länger war sie nicht im Walde gewesen.
Benignus erfuhr, daß es nicht zum Besten auf d.-r Burg beftdlt sei, daß Mosch Beigelstamm gemahnt habe, 6er Vater mürrischer und galliger denn je märe und die Mchme pftt scheltender Shimme gleichzeitig auf dem
belehrt. Und ganz deutlich sah ich noch etwas: Scharf bearenat die aroften dunklen Mars-Meere. In der Mitte der Scheibe von Osten nach Westen sich ziehend ein Gebiet, das in seiner Form an die Landkarte von Afrika erinnert. In der Nähe der Südpolkappe lag ein kleineres, scharf begrenztes Gebiet und ein drittes, noch kleineres, in der Nähe des Nordrandes der Marsfcheibe. Eine längere, senkrecht laufende Wellenlinie auf der Westseite trat außer den geschauten „Flecken" immer wieder deullich vor mein Auge.
Ich konnte wirklich zufrieden fein mit diesem Blick auf ein winziges Stückchen des unermeßlichen Wellalls mit feinen unfaßbar viele Lichtjahre entfernten Sonnen und Trabanten. Als ich das fttlle Forfcherheim um Mitternacht verließ, erschien mir fo vieles Irdische klein und bedeutungslos und mtt freiem Auge und leichten Herzens sah ich noch mehr als einmal in die Unendlichkeiten des Sternenhimmels. "
Berufe.
Don Fritz Müller, Partenkirchen.
Ich kannte einen namens Kagel, der war im Holzhandel tätig. Als Junge nahm er mich an Sonntagen mit und erzählte mir von Holz. Das fei der edelste der Stoffe sagte er. Es wachse wie ein Mensch, es weine wie ein Mensch, es sei unsterblich. So reich und tief sei keine Wissenschaft wie die vorn Holze. Zehn Jahre müsse einer lernen, bis er feine Wunder auch nur oberflächlich kenne. Holzbegeistert kam ich heim. „Vater," sagte ich, „ich habe mich enffchieden» ich werde nur ins Holzfach gehen!" — „Aha, der Kagel," sagte Vater. Weiter nichts. Das weitere sagte ein Jahr später der Herr Kagel selbst, als er uns mittels Druckrundschreibens mitteilte, er habe ein Damengürtelgeschäft eröffnet und ersuche bei Bedarf .. .
Dann war einer, Munk mit Namen, der war Hauptbuchhalter in der Handelsbank. Er nahm mich auf die Sette. „Junge," sagte er, „wenn du's noch nicht wissen solltest: Herrlicher ist kein Beruf als Bücherführer. Das Spiel geheimer Wechfelkräfte tut sich auf, wenn du im Memorial die Seiten wendest. Auf deinen Konten schlägt die Wirffchaft deines Volkes Schlachten und du bist ein Feldherr . . ." Buchbegeistert kam ich heim. „Vater," sagte ich, „nun weiß ich, was ich werde: Hauptbuchhalter!" — „Aha, der Mynk," sagte der Vater. Weiter nichts. Das weitere sagte ein Jahr später der pensionierte Munk, während er in seinem Gärtlein mit der Rosenschere knipste: „Herrgott, Kinder, wie ftoh bin ich, daß ich den Soll- und Haben-Krempel los bin . . ."
Dann war einer da mit Namen DHmann. Der war Geschichtslehrer am Ludwigsgymnasium. „Ich hab' gehört, mein Junge," sagte er, „du schwankst noch deines Berufes wegen. Wie kann man nur! Gibt's war schöneres als einen Lehrer. Stell dir vor, du wärst berufen, von deinem Pult den Geist der Weltgeschichte. . ." Weltgeschichtsbegeistert kam ich heim. „Vater," sagte ich —. „Weiß schon," unterbrach er mich, „ich habe dich mit Lehrer Ollmann gehen sehen." Weiter sagte er nichts. Das übrige sagte Lehrer Ollmann selber, als er bei der Beförderung zum Professor übergangen wurde. „Schwefelbande," sagte er, „die meinen wohl, es sei genug Vergnügen, diesen Bengels täglich etwas einzutrichtern, was sie Weltgeschichte schimpfen . . ."
Um diese Zeit war ich fertig mit der Schule. „Na, Junge," sagte Vater, „welchen Beruf roifift du also —?" — „Ich weiß selbst nicht, Vater," heulte ich. „Jetzt gefällst du mir, mein Junge. Schmerz und Tränen stellte Gott vor eine tüchtige Berufswahl. Wer allzu leicht begeistert in fein ßebenspenfum springt, rutscht von Enttäuschung zu Enttäuschung. Heul nur weiter, Junge, und komm' wieder, wenn du dich klargeheult hast für den Lebensweg , .
Bit „gelbe Gefahr".
Ms im vorigen Jahre Japan durch das schwere Erdbeben hettngefucht wurde, wodurch 100 000 Menschen ums Leben kamen, hat mancher geglaubt, von dem „Großbritannien des fernen Ostens" sagen zu dürfen, daß es damit auf Jahrzehnte hinaus aus der Reihe der Großmächte ausgefchallet fei. Diese Propheten dürften indes überrascht sein zu Horen, daß diese Menschenoerluste schon lange wieder ausgeglichen sind, denn Japan hat gegenwärtig einen alljährlichen Geburtenüberschuß von nicht weniger als 700000 Personen. Die Bevölkerung Japans beträgt heute nahezu 58 Millionen; nimmt man Korea, Formosa und Südsachalin hinzu, so erhAt man eine Gesamtbevölkerungsziffer von 80 Millionen. Wenn der bisherige Zustand cmhält — und daran ift kein Zweifel —, fo wird Japan in kaum 30 Jahren zu einem Hundert-Millionen-Dolk geworden fein, wird also die Bevölkerungszahl Amerikas zum mindesten erreicht, wenn nicht überflügelt haben. In Deutschland war gewiß bie Bevölkerungszunahme in dem letzten 50 Jahren sehr groß. In Verhältniszahlen ausgedrücki, betrug sie 50
Boden, in der Küche und im Keller fei, wo man sie am wenigften vermute, tauche sie auf. Ueberall spüre man ihre Hand, die not keiner Arbeit zurückschrecke.
Benignus saß, die Arme verschränkt, dem 'Fräulein gegenüber. Troll schlief zu Anne Susannes Füßen und der Waldkaug knappte mtt dem Schnabel.
So friedlich und still war es rings umher, daß selbst das Eichhorn wieder zum Spiel auf dem Moosboden zurückgekehrt mar.
Benignus graue Augen schweiften nachdenklich m die Ferne. Er stützte das etwas eckige Kinn in die Hand und sagte:
„Was haltet Ihr von Eurer Muhme, Anne Susanne? Ich wüßte gerne, warum sie so scharf und zänkisch ward. Ist sie immer so gewesen?"
Sie schüttelte das Köpfchen.
„Vater hat einmal nut mir darüber gesprochen. Ms ie jung war, soll sie ganz anders gewesen fein, und das glaube ich auch, denn man kann es jetzt noch in ihren Zügen lesen. Und Vater sagt, daß sie es im Grunde ihres Herzens gut mtt uns allen meine, aber Trauriges in ihrer Jugend hätte sie verbittert und menschenfeindlich gemacht.
Zumal die Männer könne sie nicht leiden. — Seit Weihnachten ift sie ja erst bei uns, aber leicht haben wir es alle seitdem nicht gehabt. Sie muß etwas Schweres mtt sich herumtragen, die Muhme, denn eines Abends, als ich für den Vater noch etwas besorgte und auf Socken, um nicht zu stören, an ihrer Kemenate cor beiging, horte ich sie meinen und mit sich selbst sprechen. Da lauschte ich einen Augenblick — nicht aus Neugierde, sondern aus Mitleid, denn ich wähnte, ich könnte ihr helfen und sie trösten, dann aber wurde es füll und ich wagte nicht em- zutreten. Ich habe zu niemandem darüber gesprochen, und ick saae es Euch nur Benignus, weil Ihr fett dem Tage, da ich Euch zum ersienrnale von der Muhme Lend) tete, fo viel Interesse und auch Mitleid mit ihr zeigtet. Aber da werdet wohl auch Ihr nicht helfen können, beim i für Kräuter und Tränklein, die zum Schlafe verhelfen, ist sie nicht zu haben." ‘
Prozent; diejenige von Japan dagegen betrug 75 Prozent, denn im Jahre 1871 hatte das Reich der aufgehenden Sonne nur 33 Millionen Einwohner. Heute gehört es zu den am dichtesten bevölkerten Ländern der Erde. Was jedoch am schwersten ins Gewicht fällt, ist der Umstand, daß auch heute noch die Geburtenziffer ständig im Steigen begriffen ift — tm Gegensatz zum fortschreitendenRückgang m allen europäischen Staaten. Hier wird zwar der Ge- burtenrüdgang durch den Rückgang der Sterbefälle einigermaßen ausgeglichen, jedoch nicht überall, fo z. B nicht in Schweden, Norwegen, Finnland, Großbritannien und Dar allem nicht in Frankreich. Erst in jüngster Zett ging die Nachricht dmch die französische Presse, daß der Geburtenrückgang unserer wesllichen Nachbarn, der 1920 und 21 zum Stocken gekommen war, jetzt wieder gewalttge Forffchrttte macht. So betrug z. B. in Paris im letzten Friedensjahre, 1913, die Zahl der Geburten nahezu 49 000, hn Jahre 1922 dagegen nur noch 46 000.
Wer diese Zahlen zu lesen versteht, wird zugeben, daß der aufgeblähte Hahn im Westen nicht auf sehr starken Füßen steht, während sich, unbeachtet von den konferenz- roittigen Stationen Europas im fernen Osten immer wieder eine Macht entwickelt, die nicht zu unterschätzen ist. Erwägt man ferner, daß nach dem Berichte des ameri- kcmischen Journalisten Marcosson, der soeben aus Sowjetrußland zurückgekehrt ist. Japan und Rußland vor einem Bündnisvertrag stehen, daß Japan außerdem feine Hand auf die noch ungeborgenen Kohlenschätze Chinas legt, deren räumliche Ausdehnung alle Kohlenlager der Welt übertreffen sollen, so wird man nicht umhin können, von der Entwicklung im Osten als von einer ernstlichen und wirklichen „gelben Gefahr" zu sprechen. Mf.
versehgänge.
Von Peter Dörfler.
Ganz im letzten Bergwinkel, bei einer einfamen Kapelle, die zur Sommerszeit von Wallfahrern besucht wttd, während der langen Wintertage aber eine Schneewüste um sich legt, so daß nur ein paar Jäger und wenige Bauersleute den Weg zu ihr finden können, lebte bis vor wenigen Jahren ein greiser Surat, der einen Ruf als Blumenfammler und Wurzelfucher hatte und jedem Fremden, der sich in diese Gegend verirrte, wie ein scheues Wild auswich. Dieser verwitterte, hochgeschossene und hagere Mann schien ganz ein Stück Landschaft zu fein, wie die Bergwipfel und Schluchten, die Findelblöcke und die Tannen, die einsam hier und dort auf den Wiesen stehen. Wenn man ihn auf einer der Steinhalden, mitten im Gerolle der Felsen ruhen sah, hätte man glauben können, er sei eines Tages aus diesem Grunde emporgewachsen ober durch die Verwitterung des Gesteines entftanben. Wenn es gelang, mit ihm zu reden, so konnte man ihm weder durch eine Nachricht aus der Wett, die hinter den Bergen lag, aus den Großstädten und ihrem Drang, aus den Königshofen und ihrem Gepränge, noch durch eine Frage über das Leben der Aelpler und ihre Gefahren und Note ein Fünklein des Interesses aus den Grauaugen schlagen. Nur wenn man von Kraut und Blumen, von Geistern und sagenhaften Bergwesen sprach, begannen diese Steine noch zu blitzen, und man wunderte sich, welches Feuer sie versprühen konnten.
Als dieser merkwürdig und schließlich ganz traumwandlerisch gewordene Priester endlich starb, da fand sich in der Armut seiner Stube wenig anderes vor, als was ein Hirte und Holzhauer zu hinterlassen pflegt. Nur einige schweinslederne Bände, welche von Stern« beuterei unb Arzneikunde handelten, standen neben ben notwenbigsten theologischen Werken. Zum Staunen aller würbe bekannt, baß ber Bergkurat in einer Großstadt geboren unb herangewachsen war. Eine Zeitlang schien er, wie eine Truhe nachgelassener Papiere zeigte, nach bem bewegten Treiben seiner Vaterstabt Sehnsucht unb Heimweh getragen zu haben. Er hatte einst offenbar mit bem Staunen bes Städters, bem die weiten Gefilde und die spärlichen Menschen darin vorkommen wie eine Welt, die von der alten Heimat durch Meere und Jahrhunderte getrennt ist, seinen Berus angetreten. In anmutsvollen Briefen schrieb er seiner Mutter nach Art römischer Dichter von den Reizen unb Mühen bes länblichen Lebens. Insbesondere scheint er sich bie schwermütige Endlosigkeit ber Winterabende burch lange Schilberungen seiner Arbeit unter ben Hirten unb Bauern gekürzt zu haben. Er zeichnete seine Mühen um bie Kinber, bie von ben fernen Bergen burch bas Wintergrausen in bie Schule herabstigen, unb bie Kranken, zu benen er burch Wintergrausen in bie Berge hinauf» stieg. Seltsamerweise scheint in bas Leben biefes Mannes kein anberes hineingeleuchtet zu haben als bas ber Mutter. Es steht zwischen den Zeilen kein Gedenken an einen Vater, an Verwandte ober Freunde. In ber ganzen, großen, menschenreichen Stadt lebte ihm nur die Mutter. Als sie starb, stellte er all seine Aufzeichnungen ein. Es war, als hätte es sich ihm nur ihretwegen gelohnt, über feine Gefühle nachzudenken und
Anne Susanne beugte sich nieder unb kraulte Troll den zottigen Kopf.
Benignus wandte das Haupt langsam der Sonne zu, so daß die goldene Flut der Strahlen das silberweiße Haar hell cmfglänzen üeß. „Es gibt offene und sichtbare Wunden, denen man mit Kräutern und Latwergen zu Leibe gehen kann. Es gibt aber auch Herzenswunden, die nur die Zett heilen kann, und manchmal selbst die nicht. Forscht weiter nach. Anne Susanne, ohne auf» dringlich zu erscheinen, beim mir deucht, daß Ihr alle darunter leidet, wenn Gräfin Sabina mtt heimlichem Krame ringt. Vielleicht, daß sich doch einmal ein Mittel findet, um das Gespenst zu scheuchen, das ben Frieden ihrer Seele bedroht."
Die Sonne sank tiefer und tauchte hinter die großen Bäume, die unmtttelbar am Saume der Wiesenlichtung standen. Feine leichte Dünste ftiegen von der Bachniederung auf, wo die Vergißmeinnicht ihre blauen Augen im Wasser spiegelten. Die Drosseln, die eine Welle geschwiegen hatten, begannen ihr Abendkonzert. Anne Susanne erhob sich. Es wurde Zett, daß sie an den Heimweg dachte. Wenn sie bei Benignus war, zog immer fo etwas rote Gottesfriede bei ihr ein, während sie daheim nie dazu kam, rechte Ruhe und Sammlung zu finden. Das Traurige ihrer Lage kam ihr nur aus bem Grunde nicht fo voll zum Bewußtsein, well sie ben Vater innig liebte und an chm hing, auch ihre fröhliche Natur immer wieder die Wolken an ihrem Himmel ner- scheuchte, und die Lieder ihr schon wieder auf die Lippen traten, wenn sie eben erst die Tränen trocknete, die ihr ein häuslicher Streit und Aerger entlockten. Sie war alt genug, um einzufehen, daß feit der Muhme Anwesenheit das Aussehen der Burg ein anderes geworden war. Mtt dem größten Unrat ward aufgeräumt. Das Untraut durste nicht mehr ungestraft Hof, Zinnen und Garten ! überwuchern, und soweit es die Mittel zuließen, arbeiteten Handwerker daran, die Schäden zu flicken, bie überall sichtbar waren. Aber darum war es nicht traulicher geworden. So wurde ihr der Abschied schwer und Benignus merkte das.
seine Crlebniffe zu ordnen. Sein Ich erlosch mit dem der Mutter ober es zerfloß boch in feiner Umwelt wie ein Baum in ber bunflen Nacht. Hatte jener Mann schon in seiner Iugenb ein so einseitiges Empfinden, baß es ihm mit jener Frau zerbrach, bie es nährte unb schirmte? ober war bie Seele biefer Mutter so bedeu- tenb, baß bem Sohne mit ihrem Tob eine Sonne erlosch?
Die wenigen Blätter, welche die Versehgänge bes jungen Priesters schilbern, mögen anregen, weiter über biefe Frage nachzudenken.
Die Verseh-Schilderungen sind von hohem innerlichem Reiz. Sie finden sich in dem Buche Dörflers „Dämmerstunden" (Herder, Freiburg i. Br. Gebunden G.-M. 3.60), wo mir sie bem Leser aufzuschlagen raten
Aus aller Welt
— (Eine übervölkerte Stabt In Deutschlanb kommt bergleichen nun doch noch nicht vor. Immerhin in bem Lande der „unbegrenzten Möglichkeiten". Die Stadt- Häupter von Newyork wiegen sich nämllch in schweren Sorgen; denn Newyork hat in den letzten Jahren ent beängstigendes Wachstum aufgewiesen, bas selbst in Amerika als zu rasch empfunden wird. Die eigentliche Stadt Newyork hat 6 915 000 Einwohner, nimmt man bie Vorstädte Jersey City, Newark und Hoboken dazu, so erhält man gar eine Einwohnerzahl von 7 500 000. Das sind, um einige Beispiele zu gebrauchen, eine halbe Million mehr Einwohner als ganz Bayern hat, bas finb über eine Million mehr Einwohner als Württemberg, Baden unb Hessen zusammen aufzuweisen haben. Der Verwaltung wirb ber Vorwurf gemacht, daß sie der Zuwanderung allzulange müßig zugesehen habe. Newyork gleicht einem Kopfe, ber unter ftänbigem Blutandrang leidet unb bie Beschwerden werden von Tag zu Tag größer, da bie Bevölkerung ht ftänbigem Wachstum begriffen ist. Es gibt nur einen Ausweg — raten einsichtige unb weitausschauende Männer: „Die Industriezentren müssen weit auseinanber» gelegt, sie müssen an ber Peripherie ber Stabt angelegt werben, wo auch Raum für bie Ansiedlung ber Arbeiterbevölkerung ist. Die Erstellung neuer Fabrikgebäube im Innern von Newyork — bem sog. Manhattan — unb am Ufer bars nicht mehr gestattet werben. Solche Ab» wehrmaßnahmen müssen bald ergriffen werben; je halber bies geschieht, um fo geringer wird bas Tohuwabohu ber Zukunft fein." mf.
— Allerlei Weisheit. In Australien vermieten sich die Dienstmädchen immer nur für eine Woche. — In Südtirol tragen alle unverheirateten Bauern an ihrem grünen Hute ein rotes Band, die verheirateten ein grünes. — Der in Deutschland seltenste Baum ist ber Ciben- baum. — Nicht bie Brieftaube, fonbern bie Schwalbe, befonbers bie Rauchschwalbe ist ber schnellste Vogel. Sie legt bis zu 90 Meter in ber Sekunde zurück. ,
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heiteres.
Fachgemäß. „Komm mal Rosa, im Salon ist ein Herr, ber um eine unserer Tochter anhält, ein Wein- hänbler." — „Ein Weinhändler — da wird er hoffentlich den älteren Jahrgang wählen!"
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Auf bem Weg zur Besserung. „Also Ihr Fräulein Tochter lernt singen? Wie weit ist sie benn schon?" — „Gestern hat mein Mann zum erstenmal bie Watte aus seinen Ohren nehmen können!"
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(Eine Groteske. Ein imposanter, aber mit etwas angestaubter Eleganz getleibeter Mann ließ sich beim Hausherrn melben. In großartiger Attitüde blieb er am Tisch stehen. Eine Hand stützte er auf; bie anbere, bie einen mächtigen Kalabreser hielt, stemmte er in bie Seite. „Ich bin ber Direktor des Sächsisch-Thüringischen Wan- bercheaters in Apolba unb befinde mich mit meiner Truppe auf einer großen Tournee, bie uns in Stäbten wie Halle, Dessau, Magdeburg unvergängliche Lorbeeren eingetragen hat." — „Sehr erfreut, Herr Direktor! Womit kann ich bienen?" erroiberte ber Hausherr. — „Nach biefem Siegeszuge ohnegleichen schickt sich bas Sächsisch-Thüringische Wanberthectter nunmehr zur Heimkehr nach Apolba an." — „Ja, unb ...?" — „Unb ba möchf ich mal fragen, ob Sie nicht ein Paar ganze Stiefel für mich haben?!"
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Hüftformer — Hüftgürtel — Miedergürtel — Büstenhalter alle führende Marken — Schlupfhosen — Fantasiestrumpfbänder — „Rlbana"-Unterwüs<he
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„Ich sehe, daß Ihr scheiden wollt unb ich barf Euch nicht halten, liebes Kind, damit Ihr noch bei Tageshelle ben Schreckenstein erreicht. Aber ich bitte Euch, nun, wo die Tage länger und die Abende wärmer werden, | mich häufiger zu besuchen, als Euch dies tm Winter unij im rauhen März möglich war."
Anne Susanne kämpfte die trüben Gedanken tapfer nieder. Wenn es auf dem Schreckenstein einmal wieder drunter und drüber ging, dann wußte sie, wohin sie sich flüchten konnte, hier in die herrliche Stille und Einsam- feit bes Walbes, wo Benignus ihr Mären aus alter Zeit oder Historien aus der Bibel erzählte. Ihr Blick fiel auf das Buch in dickem Schweinsleder, das auf dem Tische lag. ’
„Wenn ich Euch in der Arbett nicht störe", sie wies auf den Federkiel, „dann komme ich bald wieder."
Benignus lächelte. „Vielleicht habe ich Euch grade nötig zu dem Werk, Anne Susanne."
Und als sie fragend mit halboffenem Mündchen ben Klausner anblickte, fügte dieser hinzu: „Seid unbesorgt, mit Feder unb Pinsel sollt Ihr nicht behelligt werben, aber am Ende kommt auch noch das, was Ihr mir erzählt, in das Buch, denn es ist eine Chronik, in der viel von Menschenglück und Menschenleid, viel von Schuld und Sühne, viel von Liebe und Haß steht."
Anne Susanne trat dicht an Benignus heran unH legte die Hand auf seinen Arm. Die großen braunen Augen blickten scheu und bewundernd zu ihm auf.
„Leset Ihr mir einmal daraus vor?"
„Vielleicht, mein Kind, wenn die Stunde gekommen ist, noch aber bin ich weit vom Ziel."
Und sie ging, von Troll ein Sttick Weges begleitet, tmrch den Maiabend Agathen zu. Lange folgte ihr der Blick des Einsiedlers, bis ihre feine Mädchengestalt oom büftern Schatten der Tonnen verschlungen wurde. Als sie über bie Zugbrücke bes Schreckenstein ging, kam ihr der Vater entaegen geritten. Sie mar des Anblickes gar nicht mehr gewohnt, denn fett langer Zett war Aras Wild nicht mehr zu Roß gestiegen. Er beugte sich zu feinem Kinde hinab und küßte ihr bie Stirn. (Forts, f.)