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Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stadl Fulda.
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Sonntag, 14» September 1924»
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51. Zahrg.
Die irische Frage.
Tagung des englischen Parlaments.
wtb Conbon, 13. Sept. (Tel.) Der parla menkarische Korrespondent des „Daily Telegraph" meldet, da der Premierminister von Ulster, James Zraig, sich noch immer weigere, einen Vertreter in die irische Grenzkommission zu ernennen, werd« das englische Parlament bereits am 30. Sept, zusammenkommen. Man glaube nicht, daß die Session länger als 10 Tage dauere. Sie werde mii der Parkeikonferenz der Unionisten in New-Lastle zusammenfallen.
Die Landtagswahlen in Preußen.
In einer interfraktionellen Besprechung einigten sich die Koalitionsparteien des preußischen Landtags, der „Voss. Ztg." zufolge, dahin, daß nach den Schwierigkeiten bei der Vorlage über die kleine Verwaltungsreform versucht werden soll, wenigstens die Vorlage über die Stadt» und Landgemeindeordnung zu verabschieden. Bei der Besprechung über oen Wahltermin für die künftigen Landtagsneuwahlen kam ziemlich einmütig die Meinung zum Ausdruck, daß es am besten.sei, die Neuwahlen Anfang Februar des nächsten Jahres vorzunehmen. 4
Die Koblenzer Verhandlungen wur» den in mehreren Komitees fortgesetzt. Der von der Reichsregierung bestellte Leiter der Verhandlungen in Koblenz, Landeshauptmann Dr. H o» rion, hat den französischen und belgischen Ober» kommissar aufgesucht. Er hatte mit ihnen eine längere Unteredung. Nach der Entscheidung der I. R. K. vom 11. Sept, wurde die A u s w e i s u n g von etwa 1300 Privatpersonen und Beamten wieder zurückgenommen. Horion begab sich nach Düsseldorf, um dort die in Aussicht genommenen Verhandlungen mit dem französischen Oberbefehlshaber aufzunehmen.
Die fortgesetzte Frankenstützung.
Die amerikanische Bankgruppe mit dem Bank- Haus Morgan in New-Zjork ander Spitze hat sich bereit erklärt, einen weiteren Kredit von 100 Millionen Dollar der Bank von Frankreich zur Stützung des Frankenkurses zu übergeben. Der zuerst gewährte Kredit lief am 12. September ab, er ist nunmehr verlängert worden.
Bei dieser Gelegenheit erfährt man auch, daß die Bank von Frankreich den amerikanischen Kredit nur in etwa der Hälfte in Anspruch nehmen mußte. Die amerikanischen Kreditmittel haben die Bank von Frankreich in Stand gesetzt, bei der Frankstützung recht erhebliche Gewinne für eigene Rechnung mit- zunehmen. In französischen Finanzkreisen ist mau darum auch der Austastung, daß es mittels des neuen amerikanischen Kredits nunmehr auch gelingen werde, den Frankenkurs weiterhin zu halten und gegenüber neuen Entwertungs-Spekulationen zu schützen. __
Der päpstliche Delegat Mons. Testa, der bekanntlich seit 1% Jahren im Rheinlands und im Ruhrgebiet weilte, kehrt jetzt nach Rom zurück. Bor seiner Abreise stattete er am Mittwoch dem Oberpräsidenten Dr. Fuchs in Koblenz einen Besuch ab, um ihn zu seiner Rückkehr in Amt und Heimat zu beglückwünschen und um sich von ihm zu verabschieden. Der Oberpräsident dankte ihm für den Glückwunsch, welcher ihn tief berührt habe und nahm sodann Gelegenheit, seinen und der Provinz Dank zu sagen für das hohe Interesse, das der päpstliche Stuhl durch die Entsendung eines Vertreters von hervorragendem Range den besonderen Verhältnissen des besetzten Gebietes bewiesen habe. Manche Sorge und manche Not seien durch das warmherzige, von jeder Politik ferne Liebeswerk des Mfgr. Testa gemildert oder verscheucht worden. Hierfür schuldeten nicht nur die Betreffenden, sondern auch Staat und Provinz Seiner Heiligkeit, dem Papste, und dessen Abgesandten den wärmsten Dank.
Die französischen Diplomaten.
wtb Paris, 13. Sept. (Tel.) wie der „Watin" ankundigl, werden die Veränderungen in den diplomatischen Posten, die in nächster Zeit vor sich gehen, sich aus die posten von B e r l in, London, Rom, Madrid, Brüssel und Konstantinopel beziehen. An Stelle de la Roccai, der an die Stelle Satteres nach Rom gehen werde, werde der llnkerdirektot am Quai d'Orsay, La Roche, 2Iii- nisletialditektot am Quai d'Orsay werden. •
Neuer Mord in Rsm.
Freitag vormittag hat der Arbeiter Jean Corvi auf den faszistischen Abgeordneten und stellvertretenden Generalsekretär der faszistischen Verbände Easalini in der Straßenbahn vier Revolver s ch ü s s e abgegeben, von denen zwei den Deputierten schwer am Kopfe verletzten. Der Angreifer, der verhaftet wurde, erklärte, er fei Kommunist und habe für die Ermordung Matteotis, dessen Photographie er bei sich führte, Rache nehmen wollen. Casalini ist im Krankenhaus den Folgen der Verwundung erlegen.
Auch in Italien zeigen sich so die Folgen der Anbetung der Gewalt. Der Heilige Vater hat in seiner Ansprache, die wir kürzlich mitteilten, vor dieser Gewaltmethode gerade im Hinblick auf die italienischen Verhältnisse dringend gewarnt. Aber Faszisten und Kommunisten sind unbelehrbar. Der Radikalismus ist für Europa die größte Gefahr. Das hat auf dem Katholikentag in Hannover mit besonderem Nachdruck der frühere Reichskanzler Dr. Wirth unter dem stürmischen Beifall aller Versammelten ausgesprochen. Er hat Recht. Daß die Stinnespresse, z. B. die „Frankfurter Nachrichten", gerade jetzt Dr. Wirth herabzufetzen sucht, ist noch lange kein Beweis dafür, daß er nicht in weitsichtiger Weise die Entwicklung der Dinge beurteilt. Jedenfalls ist die Stinnespresse und ihre Freundschaft nach der Rolle, die sie im Kampf um das Londoner Gutachten gespielt hat, am wenigsten Berufen, Urteile über politische Persönlichkeiten vom Range des Herrn Dr. Wirth abzugeben.
kerade entpuppte, und dann, wie im November i plötzlich — von heute auf morgen — die belächelte Rentenmarkt sich behauptete, setzte das große Schweigen ein. Das hatten selbst die kühnsten Deutschfreunde nicht erwartet. Aber dann kam die neue Klippe: DieReichstagswahl. Dock- mar war schon etwas mehr kleinlaut geworden. Man wartete ab, und war — enttäuscht ober erfreut, je nachdem. Der Reichstag brachte nicht den angekündigten Kladderadatsch.
Noch brachten die Blätter einzelne alarmierende Nachrichten aus Bayern über die Reaktion, über den Kommunismus, da stürzte Poin- c a r e und mit einem Schlage wurde für den neutralen Beobachter die geistige Ruhrkampffront aufgerollt. Viel rascher kam man hier zum Bewußtsein der neuen Situation als in Deutschland, wo sich doch eben der Blick immer wieder auf die kleineren, aber doch oft so hefttgen Kämpfe, Sorgen und Nöte heftete.
Viel klarer als in Deutschland begriff man daher in Skandinavien Deutschlands Position in London. Herriots Reife war schließlich nur noch die letzte Spannung im Drama, ober im Schauspiel, wie man will. Dann kam die Unterschrift.
Sie kam wie ber Ausgang im guten Drama, nicht überraschenb, fonbern wurde als Konsequenz tief miterlebt. Vielen Leuten standen die Tränen in den Augen, als sie von dem herzlichen Abschluß in London lasen. Das wurde als zweiter, wahrer Friedensschluß empfunden.
Ob Deutschlands Reichstag zustimmen würde, das wurde kaum erörtert, denn wie könnte Deutschland, nach dieser Auferstehung von den Toten, ; wohl diese Chance ausschlagen?
Nur eine Frage erhob sich nun: Was soll man nun mit diesem Deutschland, dem Phönix aus der Asche, anfangen, und wie soll man sich zu ihm stellen?
Hus dem besetzten Gebiet.
Aus Karlsruhe wird gemeldet: Die franzö- fffchen Poften am Rheinhafen find am 12. Sext, eingezogen worden. Damit ist der Z u t r i t t zum Rhein Hafen wieder freigegeben. Die französischen Truppen sind aber bis jetzt aus ihren Quartieren im Rheingebiet noch nicht abgezogen. I
Brasilien.
Es wird gemeldet, baß bte brasilianischen auf- stänbischen Truppen bes Staates Sao Paolo, vor den Bunbestruppen aufs Haupt geschlagen, gegen Parana flüchteten.
China.
wtb London, 13. Sept. (Tel.) Seufer meldet aus Shanghai über die Stellung herein- zelnen chinesischen Provinzen. Die Mandschurei, Oberbefehlshaber Tschangsolin, werde unkerstühk von Kirin-Fengkien-Holungiang. Kriegs- minister Wn-Pei-Funench unterstützt von Tschili- Scelschuan-Kansu-Schensi. Schantung, Hernan, Kiangsi-Fukien-Hnpe-Siangsu und Schansi-Sum- jatsem wird unterstützt von Prangtung, Swangst, Juennan und Proeltschei, Tschekiang ist unabhängig unter Sn-Jnng-Hslang.
Premieministerwahl in Peking.
Aus Peking wird gemeldet: Das Parlament hat Dr. Zen zum Premierminister gewählt. Pen ist in Amerika erzogen, war 1920 Außenminister, von
Dezember 1921 bis Juni 1922 stellvertretender Premierminister. Er wurde auf verschiedenen di» plomatischen Poften verwandt.
wtb Peking, 13. Sept. (Tel.) Die Wahl Jens znm Premierminister ist mit Iweidriktelmehr- heit erfolgt. Marschall Wu-Tai-Fn und Präsident Tschavku haben die Wahl Jens energisch gefördert.
Rußland und China.
wtb Peking, 13. Sept. (Tel.) Die ruf' fische Gesandtschaft wurde gestern dem Sowjeiverlreler K a r a ch a n übergeben.
von den RampsplStzen.
Portugal.
Nach einer Havasmeldung aus Lissabon ist die Regierung Herrin der Lage. Die Truppen, die die Börse besetzt haben, sind in ihre Kasernen zurückgekehrt. Die Revolutionäre, die sich in das Zollamt begeben hatten, sind geflüchtet. Lissabon hat sein normales Aussehen wieder angenommen, Unter den Verhafteten befinden sich Offiziere, Unter- offiziere, Mannschaften und Matrosen.
Griechenland.
Aus Athen wirb gemelbet: Zur Ausbeckung ber Militärverschwörung wirb noch gemelbet, baß bie beteiligten Generale Tseruli und Panc-.yotopulo- verhaftet worden find.
Marokko.
In Madrid wird folgender Bericht über bii Lage in Marokko veröffentlicht: Die drei Kolonnen haben in dem Abschnitt von Tauen operiert. Sie sind auf starke feindliche Abteilungen gestoßen, die unter Mithilfe ber Artillerie und ber Flieger bekämpft würben unb bie zahlreiche Verluste erlitten hat. Die Spanier verloren 16 ©panier unb 1/ eingeborene Soldaten. >.,■
Im Hedschas. /
Die Zeitung „Alchran" in Kairo veröffentlich unter Vorbehalt ein Telegramm aus Mekka, h bem mitgeteilt wirb, baß bie Wahibis bei bei Einnahme ber Ortschaft Taif (Hedschas) Häusei nieberbrannten unb bie Gräber zerstörten unb in Ulema alte Männer, Frauen und Kinder nieber- metzelten. Die Unterzeichner bes Telegramms ev bitten Hilfe.
Schutz den MemakLionären!
Von einem unserer wirtschaftspolitischen Mitarbeiter I wird uns geschrieben:
Die Vorgänge dieser Tage an der Börse haben gezeigt, wie dringend notwendig ein Schutz der Kleinaktionäre ist. Ganz besonders reformbedürftig erscheint nach den Plänen, die verschiedene Aktienunternehmumgen bezüglich der Goldumstellung und der Goldbilanzierung hegen, namentlich das Aktienrecht selbst zu fein.
Unter diesem Aktienrecht sind die wllsten Bilanzie- rungs-Möglichkeiten jetzt schon in die Erscheinung getreten, und was aus diesem Gebiete noch zu erwarten ist, wenn man erst einmal in diese Umstellung in chrer Gesamtheit geht, kann man sich danach schon ausmalen. Bei [ der jetzigen Situation haben die Aktionäre überhaupt gar keine Handhabe gegen übertriebene Zusammenlegungen, die mit ungeheuren Verlusten insbesondere für die Kleinaktionäre verbunden sind, sich zu wehren. Sie haben aber noch nicht einmal die Möglichkeit, sich über das Vermögen derjenigen Gesellschaften, an denen sie durch Aktten beteiligt sind, sich ein auch nur annäherndes Bild zu machen.
Das bringt eine ungeheure Unsicherheit in das ganze Börsengeschäft. Gerade an solcher Unsicherheit haben frellich gewiße spekulative Elemente ein Interesse. Man beobachtet ja schon, welch teilweise geradezu frivole Börsengerüchte dazu herhalten müssen, um dieser Spekula- tion immer wieder Gewinne zuzuschanzen. Man malt das Zusammenlegungsverhältnis auch guter Gesellschaften schwarz in schwarz, kolportiert irgend eine Zufammen- lestungsquote, die in chrer Schärfe ungemein verstimmend, ja geradzu katastrophal aus den Kursstand wirken muß, und wenn auch kurz danach der Widerruf der beteiligten Unternehmungen erfolgt, so ist doch der eigentliche Zweck der Spekulation erreicht. Inzwischen hat sie chr Geschäft bereits gemacht. Daß solche Zustände möglich sind, und daß den Gerüchten Glauben geschenkt wird, liegt tatsächlich an den Mängeln unseres Aktienrechts, das, wie ge- , sagt, keine Einflußnahme der Aktionäre aus diese Dinge gestattet. Die Emissions-Banken selber zeigen in der Hauptsache die kalte Schulter, denn es ist gar nicht anzunehmen, daß sie über die Maßnahmen der betreffenden Gesellschaften nicht unterrichtet wären. Man würde den Bock direkt zum Gärtner machen, wenn nun, wie das von verschiedenen Seiten vorgeschlagm worden ist, gerade die Emissionsbanken die Schutzaktion für die Kleinakttonäre in die Wege leiten würden. Diese Stellen sind am wenigsten für die Durchführung solcher Fragen geeignet.
Im ganzen frellich wird man sagen müssen, daß der 1 Aktienmarkt für geraume Zeit hindurch unter dem Druck der Goldumstellung und der damit ver- I bundenen Zusammenlegung des Aktienkapitals stehen I wird. Eine freie Entwicklung des Aknengeschäfts und eine I bessere Gestaltung des Kursstandes der Aktien wird sich, ehe nicht in diesen Dingen vollständige Klarheit geschaf- I fen ist, kaum herausbilden. Den schwächeren Schuldnern I werden unter diesm Verhältnissen sehr schwere Opfer zu- gemutet, denn gerade jetzt kommt alles darauf an, ob jemand seinen Aktienbesitz durchhalten kann bis zu der ! zweifellos kommenden Epoche in welcher auch diese Papiere wieder zur Geltung kommen.
* Löwenpiage in Transval. Aus Transval wird gemeldet, daß dort bie Löwenplage so stark zugenommen bat, daß die Behörden einen Preis von 5 Pfund Sterling auf jeden getöteten Löwen ausae» jetzt haben
Deutsche; Reich.
* Der gescheiterte Siedlungsplan für Nordwest- Guinea. Die „Aneta" Telegtapbenagentnr verbreitet eine Meldung vom 11. 9. aus Batavia, nach der die Regieruung von Niederländisch-Jndien Hefferich als dem Vertreter des Herzogs von Mecklenburg mifgeteilt hat, daß wohlerwogene Bedenken gegen die Verleihung einer Konzession in Nordwestguinea an eine deutsche Gesellschaft bestehen, die damit als ab gelehnt zu betrachten sei. Es handelt sich um die Uebertragung einer Konzession an eine deutsche Gesellschaft zur Kolonisierung und Ausbeutung von Nordwestgurnea auf die Dauer von 75 Jahren. Wir batten seinerzeit eingehend über den Plan berichtet.
* Ein Helfer beim Rathenau-Mord. Das Ermittlungsverfahren gegen den vor einiger Zeit wegen Beihilfe zum Rathenaumord verhafteten Studenten Brandt ist, wie der ,Lokal-Anzeiger' erfährt, nun- mehr abgeschlossen worden. Die Akten sind dem ^derreichsanwalt zwecks Anklageerhebung zugegangen. Der Prozeß wird wahrscheinlich noch in diesem Jahr den Staatsgerichtshof beschäftigen.
* Allzu echte „Wikinger". Das Schöffengericht Bamberg verurteilte 15 Angehörige des Wiking- bundes, die am 28. Oktober 1923 in Untermerzbach bei Bamberg Plünderungen verübt hatten, wegen schweren Raubes zu Gefängnisstrafen von einem Monat bis zu einem Jahr 5 Monaten. Ein Angeklagter wurde freigesprochen. Allen Verurteilten wurde eine Bewährungsfrist versagt.
Das Schicksal des Reichstags.
Wie man uns aus bem Reichstag mitteilt, ist tn verfchiebenen Parteien eine sehr starke Bewegung vorhanben, ben Zusammentritt bes Reichstages zu beschleunigen. Man verweist in diesen Kreisen auf bie brennenben innen- unb außenpolitischen Fragen, bte ber raschen Klärung und Lösung harren. So unter anberem wirb geltend gemacht, baß ber Reichstag selber wegen ber Notifizierung ber Kriegsschulberklärung sich äußern müsse, bah zweitens ber Reichstag vor die Frage gestellt werden soll, ob Deutschland jetzt den Antrag zur Aufnahme in ben Völker- bunb stellen soll, und enblich spielt innerpolitisch die Frage ber Umbilbung ber Regierung die bedeutsame Rolle. Man braucht nur an das Stichwort: Bürgerblock zu erinnern, um zu erkennen, welches Problem hier in Rede steht.
Diejenigen Gruppen, die zum raschen Wieder- zusammentritt des Reichstages zur Lösung der oben umschriebenen Frage drängen, tun das natürlich auch aus ganz verschiedenen Motiven. Die Sozialdemokraten insbesondere scheinen entschlossen zu sein, den Reichstag bei ber nächsten sich bieten» den Gelegenheit zur Auflösung zu bringen. Tatsächlich liegen eine ganze Reihe von Anzeichen dafür vor, bah ber bemnächst wieder zusammen- tretenbe Reichstag vor bie große Entfcheibung gestellt werben soll, ob er noch weiterhin arbeitsfähig ist, ob er insbefonbere bie politischen unb parlamentarischen Grundlagen besitzt, um nun auch die jüngst vom Reichstage beschlossenen Gesetze zur Ausführung der Londoner Vereinbarungen gemäß der bisher eingefchlagenen außenpolitischen i Linie durchzusetzen.
Die Parteien als solche haben zu all diesen Fragen noch keine Stellung genommen. Indessen ist die Bewegung hinter ben Kulissen um so stärker, unb man barf wohl auch gewichtige Entschei- bungen in bem Augenblick erwarten, in bem Reichskanzler unb Reichsaußenminister, bereit Rückkunft für Anfang ber nächsten Woche erwartet wirb, zu ben oben berührten Problemen Stellung genommen haben. Von der Entscheidung ber bann abzuhaltenben Kabinettssitzung wirb ebenfalls außerordentlich viel für bie Weiterentwicklung ber Dinge abhängen.
*
Wie bie „Voss. Ztg." berichtet, wird nach Rück- I ?ehr des Reichskanzlers Dr. Marx am Montag I rin Kabinettsrat über die politischen Tages- | fragen ftattfinben. Der Reichskanzler hat in Freu- I benftabt eine Besprechung mit bem Reichspräsi- I deuten gehabt.
vom Kurland her gesehen!
Von einem besonderen, schon seit langem I im Auslande, insbesondere in den nordischen I Länoern weilenden politischen Mitarbeiter I unserer Zeitung, erhalten wir nachstehende I Ausführungen, die uns eindringlicher Be- I achtung wert erscheinen:
Mit äußerster Spannung hat man im neutralen I Ausland das Ringen in London verfolgt, ganz besonders aber im ganzen Skandinavien, wo die Aufmerksamkeit doch mehr westlich gerichtet ist. Schon seit Monaten machte man sich auf die I Umstellung des politischen Kurses gefaßt. Deutschland betrachtete man bis dahin nahezu als ein Thaos, mit dessen Zukunft nicht gerechnet werden I könne.
Ganz gewiß fanden sich im ganzen Norden Freunde Deutschlands, die teils aus Achtung vor dem entschwundenen, teils aus Furcht vor dem wiedererstehenden Deuffchland niemals Hehl aus ihrer Hochachtung vor dem südlichen Nachbarn machten. Aber als politischen Faktor wagte ihn kaum einer in Rechnung zu setzen. Zwei, vielleicht drei Gefahrenquellen wurden so stark überschätzt, daß man faktisch nichts anderes sah unb hörte als eben biefe: Die alldeutsche-völkische Oppo- sikion, ber Finanzzusammenbruch unb bie kommunistische Welle. Dazu kam, baß plötzlich politische unb journalistische Stimmen mitrebeten, bie dafür sich bezahlt machen mußten unb bie baher in erster Linie bas Groteske unb Gruselige sahen unb schilderten. Ihnen ist im Lause bes Winters bereits die Puste ausgegangen.
Selbst bie größten und ernstesten Blätter mach- I ten ohne Ausnahme jahrelang darin mit. Unb'l bie Verhältnisse in Deutschland waren ja auch I derartig, daß bem Minberbesonnenen unb bem Un« I funbigen bas Gruseln unb Kopfschütteln kommen I konnte, zumal das Krasseste sich gerabe b a zeigte, I wohin sich ber starke skandinavische Frembenstrom I ergoß: in Berlin, in Sachsen unb Thüringen, in I Bayern unb am Rhein. Die Bevölkerung dort I tat in falscher Einschätzung der Fremden und ihrer I Valuta dazu nicht selten das ihre.
Jeder dritte Skandinavier ist ja in diesen Iah- I ren in Deutschland gewesen, und diese Reise, oft der Minderbemitelten, ist mit bem ganzen Drum unb Dran das große Erlebnis ihres Lebens, wovon alle Freunde unb Bekannte noch gut hatten.
Dann hieß es im Herbst 1923 plötzlich im ganzen neutralen Auslanbe, offenbar von ben Separatisten ausgebreitet, nun käme Deutschlands Auflösung. Das nahm jedermann absolut e rn ft Nur wenige, vornehmer gestimmte große Blätter bewahrten etwas Reserve. Sie wollten mit ihrem Urteil auf alle Fälle bis nach der Entscheidung warten. Die ersten Nachrichten lauteten auch gar zu phantastisch. Auch entging es ihnen nicht, daß die separatistische Bewegung auf jeden Fall sehr wenig einheitlich war und daß die Haltung ber Allierten mtnbeftens unklar unb zwiespältig war. Da setzt eigentlich ber Stimmungsumschwung ein.
In dem Maße, wie bie separatistische Welle zer- branbete. wie sie sich mehr und mehr als Mas- *