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JK 215.

Sonntag, 14. September 1924,

- Fuldaer Zeitung

3. Blatt.

Druck der Fuldaer Aetieuvruckerei in Fulda

EB

Als der Krieg zu Ungunsten der Mittelmächte entschieden war, sahen alle Staaten der Ge­genseite zunächst nur die vermeintlichen Vor­teile, die ihnen dieser Kriegsausgang und der Friedensvertrag brachten. Doch der Rausch verflog nur zu rasch. Denn sehr bald gewann ein Staat nach dem andern die bittere Ueberzeugung, daß auch er, — wenngleich in etwas anderer Weise wie die Mittelmächte — zu den Kriegsver­lierern gehöre. Das stolze Albion machte keine Ausnahme. Längst hat es zu seiner schmerzlichen Enttäuschung einsehen müssen, daß seine schein­baren Gewinne durch viel schwerere Nachteile der Kriegs- und vor allem der Nachkriegszeit bei wei­tem ausgewogen werden. Während in Europa Frankreich unangefochten die politische wie mili­tärische Vorherrschaft ausübt, erscheinen Englands See- und Weltherrschaft keineswegs gesicherter als vor dem Kriege, da nach dem Verschwinden Deutfch- lands und Rußlands von der Weltbühne Frank­reich und besonders Nordamerika mächtiger wie je zuvor dastehen. Heute ist England nicht mehr die maßgebende politische Macht, deren Wille einst in der Welt entschied, das Schwergewicht liegt viel­mehr bei Nordamerika. An dieses hat Enoland auch seine frühere Stellung als Geldmittelpunkt und Vankherr der ganzen Eroe abtreten müssen. Schließlich befinden sich Englands Ino rstrie und Handel mir fast 2 Millionen Arbeitslosen in so trostloser Lage, daß hervorragende Engländer wie Lloyd George und Baldwin im Hinblick hieraus wiederholt geäußert haben, England habe Gebiete, die viel gründ! ich er als Nordfrankreich I zerstört seien.

Selbst das im letzten Jahrzehnte vom Schicksal so außerordentlich begünstigte Nordamerika kommt in eine immer bedenklichere Wirtschaftslage.

Der während des Krieges und der Nachkriegs­zeit fortschreitend stärker aufgehäufte Reichtum hat ihm offenbar keinen dauernden Nutzen, keinen Se­gen gebracht. Vor nicht gar zu langer Zeit war man freilich in den maßgebenden Kreisen drüben anscheinend noch recht glücklich über den sich end­los ins Land ergießenden Geldstrom. Der ange­sehene Professor David Friday sieht in ihm auch jetzt noch den Ausdruck einer erfreulichen gesun­den „Spartätigkeit des amerikanischen Volks, das Gold anhäufe, anstatt fremde Waren zu verbrau- [ chen". Nach diesem Grundsatz handelte einstmals auch das goldreichste Land des Mittelalters, Spa­nien, dessen Schicksal schnellster Verarmung die Richtigkeit jener Art Sparsamkeit sicher nicht be­stätigt. Daß die Amerikaner in den gleichen Fehler der Erschlaffung und Untätigkeit, den Hauptgrund des schnellen Niederganges Spaniens, verfallen könnten, erscheint freilich bei ihrem stark — viel­leicht sogar zu stark — ausgeprägten Erwerbssinn wohl ausgeschlossen. Richtiges Sparen besteht jedenfalls nicht im bloßen Anhäufen von Gold als Selbstzweck. Volkswirtschaftlich wertvoll ist das Sparen vielmehr nur dann, wenn das ersparte Geld der Werte schaffenden Erzeugung wieder zu­geführt und damit angemessen nutzbar gemacht wird. Amerika fehlt es aber gerade an ausrei­chenden Anlagemöglichkeiten. Der G e l d ü b e r - fluß wird bereits in der empfindlichsten Weise fühlbar. Der Wechsel, das bisher vorzüglichste Zahlungs- und Vorschußmittel des neuzeitlichen Kaufmannes, verliert immer mehr an Bedeutung. Infolgedessen hat sich die Newyorker Federal Re­serve Bank veranlaßt gesehen, die Diskontrate von 3% auf 3 v. H., den niedrigsten Satz seit Bestehen der Bank, zu ermäßigen. An der Newyorker Börse ist tägliches Geld kaum zu 2 v. H. unterzu­bringen, außerhalb der. Börse sind für Darlehen sogar nur 17- v. H. zu erzielen. Natürlich, wirken diese Zustände preissteigernd. Hiernach erscheint es verständlich, daß ernsthafte amerikanische Geld­leute bereits wegwerfend von „wertlosem Golde" und „Goldinflation" sprechen.

Nordamerika krankt aber nicht nur an dieser Not des Geldüberflussetz, sondern teils an dessen Folgen, teils aus verschiedenen anderen Gründen an allgemeiner Wirtschaftsnot. Seine Nutznießerrolle während des Krieges ließ es ihm nützlich erscheinen, die bestehenden industriellen Bettiebe ins Riesenhafte zu erweitern und zahl­reiche neue Gewerbezweige zu begründen. Bei dem Warenhunger der Nachkriegszeit und dem gleichzeitigen Darniederliegen der unter den Nach­wirkungen des Krieges schwer leidenden europäi­schen Industrien waren die amerikanischen Werke auch noch Jahre lang nach Kriegsende vollauf be­schäftigt. Dieser „boom" mußte aber schließlich mit dem Wiederaufleben der Industrien Europas ein natürliches Ende finden. Ueberdies ließ die Kaufkraft Europas fortschreitend nach, sodaß es schon deshalb die billigeren europäischen Waren, besonders der Geldentwertungsländer, vor den

= Die deutsche Archivare und die llttegrschuldfrage. Der in Münster tagende 16. deutsche Archivtag hat folgende Entschließung angenommen: Die in Münster versammelten Archivare erheben vor den französischen Kellegen und der ganzen Welt feierlich Einspruch gegen die Behauptung, daß Deutschland und seine Verbündeie die Urheber des Weltkrieges seien. Vierzig Jahre lang lehrte Frankreich, daß verantwortlich für den Krieg nicht der ist, der ihn erklärt, sondern der ihn unvermeidbar macht. Wenn man aber die beweis­kräftigen Veröffentlichungen aus den deutschen und österreichischen sowie russischen Archiven unterdrückt, wenn man die Ceffnung bez französischen und englischen Archive hartnäckig verweigert und sich statt deffen auf causa judicata beruft, so erblicken wir darin den deut­lichsten Beleg, daß man die restlose Feststellung der wirklichen Zusammenbänge fürchtet. Wir fordern dem- gegenüber unsere Kollegen aus Frankreich und den vormals feindlichen Ländern auf, mit uns einzutreten für eine wissenschaftliche und unparteiische Erschließung der Qellen, die unerläßlich sind zur Erforschung der Wahrheit und und zur Verwirklichung der Gerechtigkeit

In einer Vertreterversam mlu na bei Zen trumsparteiim Wahlkreis Düsseldorf Ost, dessen Spitzenkandidat im Reichstag der Reichs- kanzler Marx ist, wurde der Bürgerblock gründ- °bgelehnt. In einer Entschließung drückte dis a --nammlnna ihre Genugtuung darüber aus.

Schulsragen in Preußen.

' Im Hauptausschuß des preußischen Landtags haben eingehende Aussprachen über das Schul­wesen stattgefunden, sowohl über die Volks- schule als über die höhere Schule. Wir heben folgendes hervor:

Der Hauptausschuß hat zu dem Abschnitt „Volksschulwefen und Lehrerbil­dungswesen" beschlossen: Den vom Abbau betroffenen Lehrerinnen, die einen großen Teil ihrer Dienstzeit an privaten Mädchenschulen tätig waren, soll diese Privatschuldienstzeit auf das Wartegeld oder Ruhegehalt angerechnet werden. Die Mittel zur Gewährung von Unterhalts- zufchüffenandieJunglehrer find beson­ders unter dem Gesichtspunkt der Sicherung des Lehrernachwuchses bereitzustellen. Einstimmige Annahme fand ein Antrag, das Kultusministerium zu veranlassen, mit dem Ministerium des Innern und dem Finanzministerium zu verhandeln, in welchem Umfange durch den Abbau der L e h r e r- bildungsan st alten überzählig gewordene oder werdende Lehrer dieser Anstalten sowie unter­haltungsberechtigte Flüchtlingslehrer mit ihrem Einverständnis als hauptamtliche Lehrer und Lei­ter im Polizeibildungswefen verwendet werden können. Anerkannt wurde die günstige Entwick­lung der A u f b a u s ch u l e n.

Zur Reform des höheren Schul­wesens führte Kultusminister Dr. Boelitz fol­gendes aus: Die anerkannten Grundfätze der Re­form des höheren Schulwesens, denen das Staats­ministerium beigetreten ist, sind folgende: 1. auch die höhere Schule bleibt eine Veranstaltung des Staates; 2. die Dauer der höheren Schule bleibt neun Jahre; 3. die Aufgabe der Schule besteht in der Erziehung zu humaner Bildung, nicht in der Berufsvorbereitung. Das soll vor allem erzielt werden durch eine Herabsetzung der Stundenzahl und durch die Auswahl der Bildungs­stoffe sowie die Verteilung bestimmter Bildungs­stoffe auf einzelne Schularten. Gemeinschaftlich ist allen Schulen der k ul t urk undl iche Kern. Er verbürgt uns im Zusammenhang mit der Volks­schule und mit der Einheitsschule den Zusammen­hang mit dem allgemeinen Bildungsleben der ! Nation und dem Zusammenhang mit dem Deutsch- ! tum im Auslande. Er ist von besonderer Wichtig­keit, wenn wir daran denken, daß wahrscheinlich auch diezukünftigenVolksschullehrer durchdiehöhereSchulegehen, die sie mit der Reifeprüfung verlassen würden. Wichtig ist vor allem bei der Reform, daß auch die Arbeit in der Schule umgestaltet werden soll im Sinne innerer Konzentration, in veränderter Darbietung des Bil­dungsgutes durch Arböitsunterricht und durch ein anderes Verhältnis vom Schüler zum Lehrer. Der Schüler soll vor allem im Lehrer den Führer und E r z i e h er sehen. Ueber die Frage der philo­sophischen Lektüre schweben Erwägungen. Sollte man eine in den Stundenplan eingesetzte besondere I Stunde aus mancherlei Gründen nicht halten kön­nen, so darf unter keinen Umständen der immanente Philosophieunterricht in den einzelnen Fächern ge- I mindert werden. Auch muß Vorsorge getroffen werden, daß in Arbeitsgemeinschaften sich philo- I sophisch interessierte Schüler mit geeigneten Lehrern I Zu einer philosophischen Vertiefung zusammen- I schließen. Das deutsche Bildungsgut darf unter I keinen Umständen zurückgedrängt werden. Die endgültige Stundentafel wird in diesen Tagen fertiggestellt und der Oeffentlichkeit übergeben wer- en. Es beginnt dann die Ausarbeitung der Lehrpläne. Bei ihr ist die Mitarbeit der wei­testen Kreise gesichert. Der Staat darf sich aber die letzte Verantwortung nicht nehmen lassen; er muß die Geistesführung der Bildungsanstalten be­halten. Die Lehrplanarbeit muß unter allen Um­ständen in diesem Jahre fertig werden, da wir sonst die schwerste Schädigung unseres Schulwesens er­leben würden.

3. daß für die Befreiung vom philosophischen U n t e r r i cht, wenn ein solcher in sechs Stunden erteilt wird, dieselben Grundsätze gelten, wie für die Befrei­ung vom Religionsunterricht;

4. daß in allen höheren Schulen der Unterricht in der Mathematik und in den Na turwissen- schäften m einem Maße erteilt wird, das den Ab­gehenden das verständnisvolle Studium aller Fächer er­möglicht;

5. daß die Eigenart der verschiedenen Schulformen nicht soweit geht, daß dadurch das gegenseitige Verstehen der Volksgenossen verhindert und die Bildungseinheit des Volkes gefährdet wird;

6. daß die Auflösung des starren Lehrplanes durch die Arbeitsgemeinschaft der Lehrer den Uebergang von einer Schule zu einer anderen derselben Art nicht er­schweren darf;

7. daß nicht aus Sparswnkeitsgründrn der wahlfreie Unterricht beschränkt wird;

8. daß eine Kürzung des Religionsunter­richts nicht stattfindet, und daß Aenderungen im Religionslehrplan nicht ohne Einverständnis mit den zu­ständigen Kirchenbehörden stattfinden;

9. die Aufnahme der philosophischen Lektüre in den Lehrplan der höheren Lehranstalten solange zurückzustel­len, vis hierfür geignete Lehrkräfte und Lehrmittel in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen, und inzwi­schen Vorsorge zu treffen, daß diese unentbehrlichen Vor­aussetzungen eines ersprießlichen Unterrichts erfüllt wer­den. Außerdem sind alle erforderlichen Sicherheiten dafür zu schaffen, daß Attikel 148, Absatz 2 der Reichsverfassung gewahrt bleibt.

In der Debatte sprachen vom Zentrum die Ab­geordneten Lauscher und Wildermann. Sie gingen vor allem auf die Forderungen der preußischen Bischöfe hinsichtlich des Religionsunter­richts an den höheren Schulen ein. Wie Dr. Wildermann ausführte, enthält die Denkschrift des Kultusministers über die Bedeutung des Re- Ngionsunterrichts für die Erziehung und Bildung des jungen Menschen sehr schöne Worte, trotzdem verlangt sie eine Kürzung. Wenn das auch damit begründet wird, daß „alle Fächer ohne Aus­nahme im Interesse der Reform haben Opfer brin­gen müssen", so stimmt das nicht. Der Zeichen­unterricht z. B. ist um sechs Stunden vermehrt und hat auf Sexta, wo er bisher ganz fehlte, zwei Stunden. Man wird es nicht verstehen, wenn der Religionsunterricht auf Kosten des Zeichenunter­richts gekürzt wird. Gewiß ist es wahr, daß die wenigen Religionsstunden den Schülern die nötige religiöse Bildung nicht geben können, darum ver­gingen wir ja die b e k e n n t n i s m ä ß i g e Schule — auch die bekenntnismäßige höhere Schule, Wir wissen, daß diese Forderung nicht allgemein durchführbar ist, aber wir bekämpfen es, daß die Regierung bekenntnismäßige öffentliche höhere Schulen grundsätzlich nicht genehmigt. Die Erfah­rung mit den aus älterer Zeit bestehenden bekennt­nismäßigen höheren Schulen lehrt, daß deren Schüler weder einfeitig noch rückständig find; das Gegenteil wurde hier behauptet. Die Weltanschau­ung, die im Mittelpunkte dieses Philosophieunter­richtes stehen soll: der deutsche Idealismus von Goethe-Äartt-Fichte, ist nicht die Weltanschauung eines großen Teiles des deutschen Volkes, nament­lich nicht des katholischen Teiles. Darum lehnen wir diesen Philosophieunterricht ab. Es wäre wünschenswert gewesen, daß bei der Neuordnung nicht nur auf Preußen, sondern auf das ganze deutsche Reich Rücksicht genommen wäre. Jetzt lehnen einzelne Gliedstaaten die Aufnahme der Abiturienten einiger preußischen Schularten ab.

_ * Ehescheidung und Alkohol. Neueren Justiz­statistiken zufolge werden in Deutschland jährlich über 700 Ehen geschieden, weil in der Regel der Mann, vielfach aber auch die Ehefrau von der Trunksucht nicht abzubringen ist. Wieviel Ehen durch den Alkohol zerrüttet werden, ohne daß es zu einer Scheidung kommt, läßt sich auch nicht an­nähernd sagen. Ihre Zahl geht sicher in die Tau­fende. mos.

Sum Bürgerblock-Problem schreibt der bekannte süddeutsche konservative Poli­tiker Adam Röder in feiner Korspondenz:

Will der Jnnenpolitiker von heute nicht in die Irre gehen, so darf er an der Entwicklung, die Massen des Volkes in den vergangenen ßuftren ge­nommen haben, nicht achtlos vorübergehen; auch der konservative Politi-ker darf das nicht, sonst wird fein Konservatismus zum System der Versteinerung, das ihn in Widerspruch zur Um­gebung setzt und ihn schließlich ad absurdum führt.

Der rote Faden der Entwicklung in politischer und fozialwirtschaftlicher Beziehung ist die zuneh­mende Mitwirkung der breiten Massen des Volkes an der durch öffentliche Tätigkeit zu vollziehenden verantwortlichen Teilnahme an den eigenen Ge­schicken. Demokratie bezeichnet im geschichtlichen Sinne nicht ganz richtig diesen Prozeß. Demo- tratie hat es immer gegeben; aber sie gestaltete sich nie unter der Teilnahme aller im Staate Ansässi­gen. Es gab immer irgendwie Unfreie, Heloten. Die Emanzipation zu Gleichgewerteten hat aber feit mehr als 100 Jahren eingesetzt und ist in ihrer gesetzlichen Auswirkung dem Endziel nahe; das starre Prinzip der Schlichtung ist beseitigt. Städter, Bauer, Bürger, Arbeiter, Adel, Klerus find rechtlich keine verschieden bewc eten Gebilde mehr. Mit dieser Entwicklung geht die Teilnahme aller Schichten des Volkes an der Regierung und Selbstbestimmung gleichen Schritt. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, das übersehen oder be­kämpfen zu wollen. Es gibt eben eine innere Lo­gik der Dinge, die von der technischen und wirt­schaftlichen Entwicklung bestimmt wird. In einer Epoche, die Buchdruckerkunst, Volksschule, allge­meine Volksbildung, allgemeine Wehrpflicht, ein universales Verkehrsprinzip und zunehmende Industrialisierung der Wirtschaft aufzeigt, ist Demokratie, d. h. verantwortliche Teilnahme der Massen an der Regierung, Selbstbestimmung und Selbstverwaltung, unausbleiblich. Auch die Repu­blik liegt in der Linie dieser Entwicklung, was mühelos zu beweisen ist. Es handelt sich nicht darum, was wir sozialpolitisch wünschen, sondern um das, was sich eben als Kraft und Macht der durch die Entwicklung hervorgerufenen Bewegung herausgestellt hat. Und das ist eben die Forderung der Masse zur Teilnahme an der Regierung. Mas- senherrschaft braucht nicht Pöbelherrschaft zu fein. Ohne Ordnung und Autorität geht es nirgends und die Regierungsgewalt wird immer ein rocher de bronze fein. Die Idee der Ordnung, Re­gierung und Autorität stammt von Gott, aber ihre formale Ausgestaltung ist Sache der Menschen. Und diese Gestaltung wird ange­paßt sein den politischen, wirtschaftlichen und sitt­lichen Bedürfnissen der Gesamtheit.

Die Entwicklung seit mehr als 100 Jahren hat die Gesellschaft, hat die Massen mobilisiert. Diese Entwicklung ist aufgetreten als die Auswirkung eines gesellschafts-politischen Naturgesetzes. Und Politiker und Staatsmann werden zu untersuchen haben und festzustellen, wie die Ergebnisse und Formen dieser Entwicklung in die sittliche Forde­rung der Ordnung und Autorität einzuschmelzen sind. Der konservative Politiker wird das erst recht tun müssen, um das, was ewig u; jeder Ent Wick­lung ist, auch nicht vorübergehend in feinem Wesen schädigen zu lassen. Ewig sind die Sittengesetze, wie der Dekalog sie normiert und das Christentum in­terpretiert hat, ewig sind die Gesetze der Kunst und des Denkens, ewig ist der sittliche Lebensstil, trotz Abweichungen im Einzelnen. Ewig aber sind nicht Regierungs formen, Gefellfchafts formen, Wirtschafts formen. In ihrer Um- und Neu­bildung find diese Gesetze im Gegensatz zum sitt­lichen Konservatismus im Fluß. Die Entwicklung — nur sie — hat uns die Republik und die Demo­kratie, d. h. die Mitwirkung des ganzen Volks in selbstbestimmender und verantwortlicher Tätigkeit gebracht. Daran ist nichts zu ändern, wenn es auch zu verstehen ist, daß die von dieser Entwick­lung Geschleiften in Haß und Widerstand sich da­gegen auflehnen. Daß die neue Gestaltung viel­fach über das Ziel — so weit dies durch Vernunft und Erfahrung zu erkennen ist — hinaus geschossen ist, muß festgestellt werden. Es ist gegen dis Natur und g e g e n die Entwicklung, die 20jährigen zur Wahlurne zu rufen und den weiblichen Teil der Bevölkerung mit dem Wahlgeschäft aktiv zu be­teiligen, wenn es auch gewiß ist, daß weibliche Ver­treter im Parlament von praktischem und sittlichem Wett sind. Ich kann mir nun als sicher denken, daß eine spätere Zeit das wahlfähige Alter auf 25 Jahre heraufsetzt und jedem 40jährigen eine Stimme mehr gibt. Das Alter ist eine Kategorie des natürlichen Aristokratismus, der für j e b e Ge­sellschaft feinen Wert behalten muß.

Es ist klar, daß wenn man die Politik unter den hier — andeutungsweise — behandelnden Gesichts­punkten betreibt, von einem Bürgerblock keine Rede sein kann. Man kann die sozialdemokratische Ar- beiterschaft — und die christlich organisierte steht in diesem Punkt nahe bei der sozialistischen — nicht ausschalten und man soll es auch nicht; außerdem läßt sie sichs auch nicht gefallen — und sie hat recht —, denn sie stellt ziffernmäßig einen bestimmenden Teil des Volkes dar. Arbeiter und Bauern sind die großen Querbalken von Staat und Kultur. Sie wirken mit, indem sie sich ihre Köpfe und Leiter wählen.

Wer darum die Dinge offenen Auges überblickt und mit sympathischer Herzensstellung bewertet, kann nie einem reaktionären Bürgerblock das Wort reden. Die Zeiten einseitiger Vorherrschaft von Schichten und Klassen sind endgültig vorbei. Das muß man erkennen. Es gilt, das Erbgut des Sitt­lich- Autoritären als das Element der göttlichen Ordnungs-Idee — denn auf Ordnung ist das ganze Weltall gegründet — in die neuen Wirt­schaft s - und Gesellschaftsformen zu überführen. Das kann aber nicht durch einen „Bürgerblock" geschehen, in dem sich die ewig Blin­den zu einem Konzern der Reaktion vereinigen, das kann nur unter Mitwirkung der Vertrauensmänner der Arbeiterschaft durchgeführt werden, die in der Ausübung praktisch verantwortlicher Tätigkeit der Utopismus abstreifen und den Aufbau" werden fördern helfen.

teueren amerikanischen Waren vorzog und sich schließlich im wesentlichen auf den Bezug der not­wendigsten Rohstoffe wie Baumwolle, Weizen, Erdöl, Kupfer beschränkt. Die Nachrichten aus Nordamerika lauten denn auch, abgesehen von ge­legentlichen Beschönigungsversuchen, immer un­günstiger und es ist nicht mehr zu übersehen, daß daselbst bereits eine schwere Wirtschaftskrise ein­gefetzt hat. Je stärker sich die Industrien Nord­amerikas im Kriege ausgedehnt haben, desto schwe­rer werden sie natürlich durch den Wirtschafts­umschwung betroffen. Die Eisen- und Stahlerzeu­gung ist im Juni um volle 25 v. H. gegen Mai zu­rückgeblieben und arbeitet nur noch mit 35 v. H. ihrer Leistungsfähigkeit In Erdöl besteht große Ueberergeugung, der Sinklairtrust rechnet damit, nur die Hälfte seiner Vorräte unterbringen zu kön­nen. Der Geschäftsgang des Baumwollgewerbes ist flau und die nach dem Wirtfchaftsdepartement aus diesjähriger Ernte zu erwartenden großen Mengen Baumwolle werden, ungeachtet der neuer­dings geäußerten größeren Zuversicht, schwerlich ausreichenden Absatz finden. Die schon seit Jah­ren notleidende chemische Industrie liegt trotz des hohen Zollschutzes ganz darnieder. Die bedeutende Kraftwagenindustrie sieht sich einer Ueberjättigung des nordamerikanischen Marktes gegenüber. — Soll doch wenigstens auf jeden achten Einwohner der Vereinigten Staaten ein Kraftwagen kommen. — Ford beabsichtigt deshalb den Flugzeugbau in sei­nen Tätigkeitsbereich mit einzubeziehen. Kaum ein Gewerbe des Landes bleibt nach dem „Manchester Guardian" von dem wirtschaftlichen Niedergange verschont. Gewaltig steigt infolgedessen die Zahl der A r b e i ts t o f e n. Allein im Staate Newyork sind in den letzten beiden Monaten 100 000 Ar­beiter entlassen worden. Nicht besser ergeht es der Landwirtschaft, die bekanntlich bereits Jahre hin­durch mit Absatzschwierigkeiten und Geldmangel zu kämpfen hatte.

Um den nachteiligen Folgen der Geldüber- schwemmung entgegen zu wirken, soll die Federal Reserve Bank den eigenartigen Plan erwogen haben, das aus Europa eingehende Gold dem öffentlichen Verkehr zu entziehen und in ihren Kel­lergewölben aufzuspeichern. Jedenfalls sehen die Amerikaner ein, daß sie besondere Maßregeln er­greifen müssen, und versuchen es jetzt mit der Ge­währung von Anleihen an das Ausland. Nur, weil ihnen die Not bereits recht heftig auf den Fingernägeln brennt, haben sie sich Europa wieder zugewandt. Deshalb haben sie einen so eifrigen Anteil am Zustandekommen des Dawes- Gutachtens genommen und mit solchem Nachdruck auf einen günstigen Ausgang der Londoner Kon­ferenz hingearbeitet. Deshalb zeigen sie sich neuer­dings auch so sehr viel williger zu privaten Vor- schüssen wie an die Kaliindustrie, die rheinische In­dustrie (Badische Anilin- und Sodafabrik), für die Einfuhr von Baumwolle nach Deutschland. In großzügigem Umfange an Deutschland gewährte Anleihen und Vorschüsse dienen freilich nicht nur als eine wichtige Maßnahme zur Bekämpfung des amerikanischen Goldüberflusses, sondern sind auch für Deutschland gewiß sehr wertvoll. Doch befinden sich die Amerikaner in einem recht großen und son­derbaren Jrrtume, indem sie nach einer kürzlichen Sonderveröffentlichung des Handelsdepartements glauben, daß hieraus allein schon eine wesentliche Belebung des Geschäftsverkehrs zwischen Deutsch­land und Nordamerika folgen und damit dessen Wirtschaftsnot entscheidend günstig beeinflußt wer­den könnte. Hierfür ist vielmehr eine gründliche Aenderung der völlig verkehrten Außenhandels­politik Nordamerikas unbedingt erforderlich.

Früher gewährte das Ausfuhrgeschäft bei einem Darniederliegen des Jnlandsmarktes — wie in allen anderen Staaten so auch in Nord­amerika ein wirksames Gegengewicht. Ein aus­gedehntes Ausfuhrgeschäft ist aber ohne gleichzeitige tärfere Einfuhr — auch von Fertigwaren — nicht denkbar, da alle Staaten aufeinander ange­wiesen sind. Solch gesunder Warenaustausch ist jedoch mit Nordmerika infolge dessen unver­nünftiger Hochschutzzollpolitik un­möglich geworden. Denn das verarmte, ausge­powerte Europa kann nun mal in größerem Aus­maße überhaupt nur mit Waren bezahlen und chränkt feine Einfuhr daher notgedrungen auf das Notwendigste ein. Soweit es aber Waren drüben bezieht, bezahlt es eben mit Gold, wodurch Amerikas Goldüberfluß zu feinem größten Schaden nur immer wieder von neuem wächst.

Nordamerika ist offenbar noch sehr weit davon entfernt, eine vernünftigere Außenhan­delspolitik zu betreiben und wird wohl erst durch schwere Enttäuschungen zu ernüchtern und zu belehren sein.

Nordamerikas Wirtschaftsnot

Von einem besonderen wirtschaftspolittschen Mitarbeiter.

Die Zentrumsfraktion hat im Preußischen Land­tage folgende Anträge eingebracht: das Staats­ministerium zu ersuchen:

1. daß bei den höheren Schulen, deren Reife­zeugnis das Recht zum Hochschulstudium verleiht, die Vorbereitung auf dieses Studium als wesentliches Ziel festgehalten wird;

2. daß auch solche höhere Schulen, die sich als be- > kenntnismaßige oder weltanschauliche bezeichnen, als | Sjlentliche anerkannt werden können;