Zuldaer Leitung
Zur Unterhaltung.
Nr 214 oom 13. Sept 1924. |
Vie Auffindung des Livius.
Don Dr. K. Welz.
Unter den Werken unseres großen deutschen Kultur- Morikers Gustav Freytag sindet sich ein Roman mit Sem Titel: die verlorene Handschrift. Die Bücher des römischen Geschichtsschreibers Tacitus, der um die Wende des ersten zum zweiten nachchristlichen Jahrhundert We und in feinen Werken ein düsteres Bild der zeit- genöflifchen Geschichte nach dem Tode des Kaisers Augustus vor uns entrollt, find etwa zur Hälfte verloren. Cm Gelehrter in einer kleinen deutschen Univer- sitäts- imd Residenzstadt glaubt auf Grund eines Pergamentzettels den Verbleib einer alten, vollständigen Handschrift des Tacitus ausfindig machen zu können. Nach vielem Suchen auf dem alten Bauernhof wird feine Er- roartang zwar nicht erfüllt, statt besten findet er in Ilse, der Tochter des Hausherrn, feine Lebensgefährtin. Dies etwa ist der Inhalt des Romans.
Die Nachricht von der tatsächlichen Auffindung des Livius ruft diese erdichtete Geschichte von dem Suchen nach der verlorenen Handschrift des römischen Geschichtsschreibers uns in die Erinnerung. Zwar ist es nicht Tacitus, der Schilderer der Kaiserzeit, der uns durch den Fund des italienischen Gelehrten wiedergegeben wird, sondern Livius, der die Entwicklung der römstchen Republik bis zur Gründung des Kaisertums unter Augustus in einem außerordentlich umfangreichen Werke beschrieben hat, von dem bis jetzt nur 35 Bücher erhallen waren, während das ganze Werk sich auf 142 belief. Von den bisher verlorenen Büchern waren nur ganz kurze, zum Teil nur wenige Zeilen füllende Inhaltsangaben erhalten. Die Nachrichten über die Auffindung des gesamten Werkes waren anfangs etwas unficher, werden aber jetzt aufs neue bestätigt und durch Angabe zuverlässiger Gewährsmänner zur Gewißheit erhoben. Man darf also, falls nicht irgendwie doch noch Ungenauigkeiten in der Berichterstattung vorliegen — ganz sicher ist man immer noch nicht — in nächster Zeit mit dem Erscheinen der vollständigen Liviusausgabe rechnen.
Von dem Umfange des aufgefundenen Textes kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man bedenkt, daß die erhaltenen 35 Bücher fast 2000 Druckseiten füllen, wozu jetzt genau das Dreifache, 107 neue Bücher, also annähernd 6000 neue Druckseiten lateinischen Textes hinzukämen, ein Zuwachs, der an Umfang etwa den sämtlichen Werken Goethes gleichkäme. Trotzdem brauchen die Schüler unserer höheren Schulen darüber wohl kaum Beunruhigung und Besorgnis zu empfinden. Zwar genießt der Livius als Cxamensfchriftsteller ein fast unbestrittenes Vorrecht vor allen anderen lateinischen Schriftstellern, in der Prüfung vorgelegt zu werden und den Maßstab für die Kenntnisse des jungen Lateiners abzugeben. Wenn er im Traum gelegentlich einen Abiturienten einmal heimsucht und durch eine endlos verwickelle Satzkonstruktion in Angst und Schweiß und zum Aufwachen bringt, so wird das auch durch den neuen Fund gewiß nicht schlimmer werden. Es war immer nur ein ganz kleines Quantum, das der Schüler genießen durfte, und bisher boten 35 Bücher schon hinreichende Möglichkeit zur Auswahl. Schlimmer wird es schon für den Lehrer selbst sein, wenn er jetzt den ganzen Livius lesen will, und eine große Zahl von eifrigen Forschern wird sich gewiß bald auf die neuen Schätze stürzen, um ihren Inhalt mit den sonst überlieferten oder erschlossenen Nachrichten in Verbindung zu
setzen, die Abweichungen zu untersuchen und neue Er- kenntnifle daraus zu gewinnen.
Livius (Lebenszeit 59 vor Christi Geburt bis 17 nach Geb.) war ein Zeitgenoffe und Freund des Kaisers Augustus, stammte aus der Provinzstadt Patavium (heute Padua) in Oberitalien, kam früh nach Rom und verfaßte außer Werken populär-vhilosophischen Inhalts in Dialogform, die gänzlich verloren sind, vor allem seine große, umfangreiche Geschichte des römischen Volkes von der Gründung der Stadt (ab urbe condita) bis zum Tod des Drufus in Deutschland im Jahre 9 vor Christus. Er hatte wohl die Absicht, da er bis 17 nach Christus gelebt hat, fein Werk bis zum Ende der Regierung des Kaisers Augustus, der im Jahre 14 nach Christus starb, fortzuführen und mit 150 Büchern zum Abschluß zu bringen. In diesem Falle würden wir jetzt wohl auch eine neue, vollständige Schilderung der Schlacht im Teutoburger Walde (9 nach Chr.) aus seiner Feder zu erwarten haben. Cs ist freilich zu bezweifeln, ob dadurch neue Anhaltspunkte für die Bestimmung des Schlachtfeldes gegeben wären, da Schlacht- und Marfchfchilde- rungen bei den alten Geschichtsschreibern wie bei Livius vielfach ganz willkürlich oder übertrieben zurecht gemacht find, ohne auf Quellenforschungen zu beruhen.
Mit dieser Feststellung des Mangels an Quellenforschung ist bereits der Haupteinwand gegen die Bedeutung des neuen Fundes, falls er sich bewahrheitet, vorgebracht. Die Darstellung des Livius war in erster Linie für den großen Kreis der Gebildeten berechnet und suchte neben der tzolehrrmg vor allem zu unterhalten und in geschmackvolle? Form die glänzende Entwicklung der Weltmacht Rom von den ersten Anfängen bis zu ihrem damaligen Höhepunkt darzustellen. Durch diese Feststellung soll das neue Material, das der Bearbeitung zugeführt wird, in feiner außerordentlichen Bedeutung für die Forschung nicht herabgesetzt werden.
Je mehr der Verfasser keiner eigenen Zeit mit der Darstellung sich näherte, bfefto ausführlicher wurde er, und gerade diese Bücher waren uns bisher gänzlich verloren. Vorhanden ist bereits die älteste Zeit 753 bis 293, dann der 2. panische Krieg (218 vor Chr.) und die folgende Zeit bis zum Jahre 167 vor Chr. Es fehlt dazwischen der Krieg mit Pyrrhus, der 1. panische Krieg und die Folgezeit, 293 bis 218. Dann fehlt wieder nach 167 der ganze Rest, vor allem die Zerstörung Karthagos (149) und Numantias (133), und der Beginn der Revolution unter den Gracchen. Außer der zusammenfasten- den Darstellung der Bürgerkriege des ersten blutigen Jahrhunderts vor Christus aus der Feder eines Römers — griechische Quellen stehen uns eher für diese Zeit zur Verfügung — würden gerade für uns Deutschen jene Bücher von größter Wichtigkeit sein, in denen die ersten Kämpfe der Römer mit den Germanen ausführlich geschildert werden. Vielleicht könnten sie zu einem nationalen Lesebuch von hervorragender Bedeutung werden.
Im Jahre 38 vor Christus hat der Schwiegersohn des Kaisers Augustus, Agrippa, Köln gegründet. Gerade in diesen Tagen wird bekannt, daß neue große Ausgrabungen in Köln die Fundamente des alten Kapitols bloßgelegt haben, das Heiligtümer und Verwaltungsgebäude ähnlich wie im alten Rom getragen haben mag. Noch heute steht die Kirche Maria am Kapitol, deren Namen uns jetzt erst in seiner Bedeutung klar wird. Vielleicht können in den neuen Büchern auch über die Gründung Kölns und anderer rheinischer Städte Angaben enthalten sein.
Wie die erhaltenen Inhaltsangaben lehren, haben Buch 65, 67 und 68 ausführlich über die Kriege mit den Kimbern und Teutonen gehandelt. Freilich sind die Er- eigniffe mit den Augen des Römers gesehen und geschildert, noch würde uns damit das älteste ausführliche Buch geschenkt, das von den Taten unserer Vorfahren berichteh von zwei Stämmen, deren abenteuerlicher Zug und tragischer Untergang seinen Eindruck auf deutsche Leser niemals verfehlen konnte. Der erste Teil des Buches 104 behandelt die Lage Germaniens und die Sitten der Bewohner, daran anschließend die Züge Casars über den Rhein. Besonders aber die letzten Bücher, 137—140, sind der eingehenden Schilderung der Feldzüge der Römer in Deutschland zur Zeit des Augustus gewidmet, soweit die kurzen Inhaltsangaben unserer heutigen Ausgaben erkennen lassen. „Ebenso wird berichtet über die Unterwerfung der Cherusker, Tenkterer, Chatten (Hcstm) und anderer germanischer Bolksstämme jenseits des Rheins durch Drufus" (Buch 138) und über Buch 140 sagt die letzte erhaltene Inhaltsangabe: „Es wird berichtet über den Krieg, den Drufus gegen die Staaten der Deutschen jenseits des Rheins geführt hat; er selbst starb an dem Schenkelbruch, den er sich durch den Sturz des Pferdes auf ihn zuzog, am 30. Tage danach. Sein Leichnam wurde von seinem Bruder Nero, der auf die Kunde seines Unfalls hin eiligst herbeigeeilt war, nach Rom gebracht und in dem Grabmal des C. Julius (Caesar) beigesetzt."
Gewiß sind auch zahlreiche andere lateinische und griechische Quellen über die letzten drei Jahrhunderte vor Christus vorhanden, aber eine derart umfassende und zusammenhängende Darstellung eines einzigen Schriftstellers wäre etwas ganz Neues und Gewaltiges. Seit Jahrhunderten ist kein so umfangreicher Fund auf dem Gebiet der alten Literatur zu verzeichnen. Seit den Tagen der Renaiffance hat man durch eifriges Suchen in den alten Klosterschätzen zwar manches unschätzbare Gut gefunden. Man ist verlorenen und schon ausradierten Schriften auf die Spur gekommen, indem man gelernt hat, das unter der heutigen Schrift vorhandene alte Schriftwerk wieder zu entziffern in unendlich mühseliger Arbeit. Oft waren es nur Bruchstücke, die so zu Tage gefördert werden konnten. Jetzt soll auf einmal durch das Finderglück Dr. Martino Fusco's ein 6000 Druckseiten füllendes Werk neu erscheinen. Ein Stab von Gelehrten soll ihm bei der Herausgabe behilflich sein. Wie viele Kommentare und Arbeiten werden erscheinen, wie viele Uebersetzungen in alle Kultursprachen! Auf der Insel Capri bei Neapel besitzt Dr. Fusco eine Villa, in der er ungestört an der Erforschung seiner Schätze arbeitet. Nähere Einzelheiten über die Fundumstände selbst sind noch nicht bekannt. Man spricht von einem Kloster Neapels, das bis heute die umfangreichen Texte bewahrt haben soll. Professor Fusco selbst gilt als Spezialist auf dem Gebiet süditalienischer Handschriftenforschung. Cs ist klar, daß er nur nach jahrelangem Suchen und Arbeiten einen solchen Erfolg haben konnte.
Die bisherige Geheimhaltung des Fundes wird darauf zurückgeführt, daß er befürchtete, es könne ihm jemand den Ruhm der Entdeckung streitig machen. Diese Sorge scheint unnötig. Eine allererste Stelle auf dem Gebiet der lateinischen Philologie wird ihm für alle Zeiten eingeräumt werden, falls feine Texte uns wirklich das Gefarntwerk des Livius in dem angegebenen Umfang wiedergeschenkt haben.
heiteres.
Aufmunkerung. „Ach, Fräulein Rosa, Sie glauben gar nicht, w ie gern ich Sie habe. Ihnen zuliebe könnte ich die größte Dummheit machen!" — „So? Na, dann heiraten Sie mich halt, Herr Bandele!"
Ein Wink. Junger Geck: „Fräulein, soll ich Ihnen ein paar Aepsel vom Baume dort herunterholen?" — „Ach nein, sie sind mir noch zu grün!"
Aus dem Bahnsteig. Studienrat I. will verreisen. Schon hebt der Stationsvorsteher seinen Arm. Ein Schaffner nimmt sich des Verspäteten an und fragt ihn: „Welche Klasse Haben Sie?" — „Obertertia b", war die Antwort.
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Englischer Humor. Jones: „Können wir dich heute abend besuchen?" — Smich: „Aber gern, doch sage bitte deiner Frau, sie soll nicht ihr neues Kostüm anziehen; ich möchte nicht gern, daß meine es sieht." — Jones: „Du lieber Himmel, deswegen wollen wir ja gerade kommen." i
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Schädellehre. Professor, den Kops eines Patienten betrachtend: „Dieser Auswuchs auf dem Kopfe ist ein Zeichen von Jähzorn." — „Da haben Sie recht, Herr Professor, diese Beule hat mir gestern meine Frau in der Wut mit einem Besenstiel beigebracht."
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Ein schöner Traum. Gefangener, der zehn Jahre abzusitzen hat: „Heute nacht hatte ich einen wundervollen Traum. Ich habe geträumt, daß mir mein Wirt di» Wohnung gekündigt hat."
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Die Entbehrung. „Cs steigt der Mensch mit seinen höheren Zwecken," sagte Herr Schiebitzky, schenkte das Grammophon seinem Diener und kaufte sich einen 3ta< bioapparat.
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Rat. „Du, auf der Postkarte hast du den Leininger ein Rindvieh genannt, das ist strafbar!" — „Hm, er soll sich aber doch ärgern!" — „Na, streich's einfach durfte aber so, daß er's noch lesen kann."
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Sr.-Nr. L. 4523.
Der Allgemeine Deutsche Automobll-Klub In München hat die Kenntlichmachung der Ortschaften für den durchgehenden Kraflfahrzeugverkehr durch Anbringung von Schildern übernommen, die an Ortseingängen in weithin sichtbarer Weise den Namen des Orts nennen und außerdem zum vorsichtigen Fahren durch den Ort auffordern.
Der Klub beabsichtigt nunmehr, im Lause der nächsten 5 Jahre die Bezeichnung der Durchgangsstraßen durch Vermehrung der vorgenannten Ortsschilder und durch Anbringung von Wegweiserschildern weiter auszubauen. Die Wegweiserschilder sollen in Schmelz in einer Gröhe von 60X85 ober 45X70 cm ausgesührt werden.
Ich ersuche die Ortspolizeibehörden, den Allgemeinen Deutschen Automobilklub bei der Durchführung seiner Absichten zu unterstützen und ihr Augenmerk auf den Schutz der Schilder zu richten.
Fulda, den 6. September 1924.
Der Landral: I. V. Schuster.
J.-Nr. K. 3993.
Die Herren Bürgermeister der Gemeinden, deren Einwohner auf Grund des Gesetzes oom 6. Juni 1873 (Ges.- Skg. Seite 150 ff.) Losholz aus fiskalischen Waldungen beziehen, werden dai auf hingewiesen, daß das Forstgelb für das dieses Jahr bezogene Losholz spätestens bis Ende dieses Monats bei der zuständigen Forstkaffe eingezahll werden muß und daß bei Nichteinhaltung dieser Frist, die im § 2 des Forstverwaltungsgesetzes vom 6. Juni 1873 aus- gesprochenen Nachteile eintreten.
Bei Einzahlung des Geldes durch die Post ist die Absendung so zeitig zu bewirken, daß die obige Zahlungsfrist nicht übertoritten wird, den es gilt in diesem Falle nicht der Tag der Absendung, sondern der Tag des Eingangs des Geldes bei der Forstkaffe.
Das Forftgeid ist in seinem Gesamtbeträge nach § 3 des Gesetzes vom 6. Juni 1873 aus der Gemeindekaffe zu entrichten. Es sind daher die Einzelbeträge von den Holzempfängern für die Gemeindekaffe einzuziehen.
Die nach § 6, Alff. 2 b, c bes vorgenannten Gesetzes an bie Forstbeamten abzugebenden Erklärungen, inwieweit die Gemeinde das für das freigestellte Maximalquantum für das nächste Jahr beziehen will, wollen die Herren Bürgermeister jedesmal 14 Tage nach Empfang der fettens der Forstbehörde bis zum 1. Dezember zu machenden Mit- letiung, in welchen Forstorten das Holz abgegeben werden soll, bewirken.
Der Erklärung hat eine Anhörung der einzelnen Holz- empfangsberechtigten voranzugehen.
Unterbleibt die rechtzeitge Abgabe der Erklärung, so muß das der Gemeinde zustehende Holzfixum abgenommen und auch bezahlt werden.
Gleichzeitig bringe ich die Vorschriften im diesselligen Ausschreiben vom 8. Januar 1881, Kreisblatt Nr. 9 in (Erinnerung, wobei ich besonders darauf Hinweise, daß die Unterverteilung des Losholzes durch den Bürgermeister und Gemeinderat stets so schleunig als möglich spätestens innerhalb 3 Wochen nach erfolgter Ueberroeijung zu bewirken ist.
Fulda, den 6. September 1924.
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