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Fuldaer Zeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Sladl Fulda.

Nr. 213.

Verantwortlich iür die EchEIeitun» Dr. Jobanner Kramer- Anzeigen: I- P arreller, Fulda. Rotationsdruck und Verlag der s Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernivrecher Nr. 9.

Monatlicher Bezugspreis: 1.50 Mk.

Zreltag, 12. September 1924

Auzeigeu-Vreike: Kieinreile (Colonel) lokal 0,15 Goldmart, auswärts 0,20 Goldmark: Reklame,eile lokal 0.60. Goldmark auswärts 0,80 Goldmark. $.

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51. Zahrg.

Deutschland und Völkerbund.

Wie Reuler erfährt, erhielt die Völkerbundsnnion eht Telegramm ihres Sonderberichterstatters in Genf, das besagt, Herriots Erklärung gegenüber der deutschen Liga für Menschenrechte, daß Frankreich keinen Einmand dagegen habe,wenn Deutschland einen ständigen Sitz im Völkerbnndsrat, ohne neue Unterzeichnung des Versailler Vertrags «rhalte, habe bedeutungsvolle Folgen. Die Gegner« schäft Deutschlands habe sich auf zwei Argumente gegründet: Erstens, daß Frankreick dem Eintritt Deutschlands in den Bölkerbundsrat nicht zustimmen werde, zweitens, daß Deutschland erneut die Er­klärung abzugeben habe, daß es am Krieg schuldig sei. Wenn also HerriotS Erklärung die Haltung seiner Regierung korrekt wievergebe, und wenn die anderen Mitglieder des Völkerbundsrats die gleiche Auffassung vertreten, was, wie bekannt, einige tun, so könne Deutschland während der gegenwärtigen Tagung Mitglied des Völkerbunds werden, sobald die technischen Formalitäten erledigt seien. Die Satzung werde abgeändert werden müssen, um die Zahl der Mitglieder des Rats erhöhen zu können. Aber in dieser Hinsicht werde keine Schwierigkeit erwartet.

Der Kredit für die Laliindustrie.

Wie das ,B. %.* hört, ist der amerikanische Kredit für das Kalisyndikat, über den seiner­zeit eingehend verhandelt wurde, zum Abschluß ge­kommen. Die amerikanischen Banken haben 6 Mil­lionen Dollar zur Verfügung gestellt, die vom Kalishndikat je nach seinen Bedürfnissen abgerufen werden sollen.

Kur dem besetzten Gebiet.

Aus Oberhausen wird gemeldet: Seit Dienstag haben die französischen Truppen mit dem Abtransport von Material und Ausrüstungsgegenständen be­gonnen. Wie der Kommandant der Besatzungs- truppen der Stadlverwaltung mitgeteilt hat, wird der Abzug der Truppen am 16. &. beendet sein.

In Koblenz hat die erste Beratung des Forstausschusjes stattgefunden, in dem daS Arbeiisprogramm für die nächsten Tage erörtert wurde. Es steht eine Verfügung der interalliierten Rheinlandkommission über die Zurücknahme eines Teiles der Ausweisungen, und zwar von vorläusig 1200 bevor. Desgleichen wurde die Anordnung getroffen, daß ungefähr 500 bis 600 Beamte sofort ihr Amt wieder aufnehmen können. Die Verhand­lungen über Zurücknahme der übrigen Ausweisungen und die Amtszulassung der weiteren Beamten werden fortgesetzt.

•

Im Zusammenhang mir den polizeilichen Fest- stellungen über das Bestehen einer kommuni­stischen Tscheka im Ruhrgebiet wird jetzt nach dem „Vorwärts" von der Polizei berichtet, daß die Untersuchung als abgeschlossen bewachtet werden könne. Eine große Menge lastenden Materials wuide be« schlagnahmt. Die Untersuchung gegen den verhafte­ten kommunistischen sächsischen Landtagsobgeordneten Karl Beier hat ergeben, daß Beier seit Monaten an der Spitze der Tscheka-Organisauonen gestanden hat.

Entlassung von Gefangenen.

wtb Dortmund, 11. Sepk. (Tel.) Aufgrund einer Verfügung des kommandierenden Generals der Rheinarmee wurden heule die ersten poH- kifchen Gefangenen entlassen. Die übrigen noch in Hast befindlichen Personen sehen in den nächsten Tagen ihrer Freilassung entgegen. Dieselbe erfolgt von Fall zu Fall nach Prüfung der Akten.

Der Burgfchreck.

Roman von Felix Neumann.

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Obadias hatte die Gräfin nur einmal bei einem Be­suche zur Jahreswende, den er Wild ahstattete, gesehen. Cs war nur eine flüchtige Begegnung am Nachmittage eines wolkenschweren, dunklen Wintertages, so daß er' keinen rechten Eindruck gewann. Heute war es ihm nun beschieden, die Dame genauer zu betrachten, die auf Wilds Bitten auf den Schreckenstein gekommen war, um das heruntergekommene Hauswesen der verstorbenen Schwe­ster wieder m Gang zu bringen. Eine schwere Arbeit, die teilweise daran scheiterte, daß überall die Mittel fehlten, um durchzugreifen und dem Werfall entgegenzutreten. Gräfin Sabina hatte die Dreißig lange hinter sich. Sie mar müetlgroß, besaß ein nicht uninteressantes, aber zu scharfes Antlitz, und die Augen zumal blitzten so un­ternehmungslustig, daß dem, der ihrem forschenden Blick gegenüberstanü, jedes Wort des Widerspruchs in der Kehle erstarb. Und so drang denn die Flut ter Klagen auf Wild ein wie em Sturzbach, der zur Frühlingszeit schäumend dahinbraust.

„Das fehlte gerade noch auf dem Schreckenstein, daß neben Schmutz und übler Loddrigkeit auch noch die Frech- heit hier ihr Nest baut!"

Der Ohrenwaschel des Troßbuben ging bedenklich in die Länge.

„So ein junger Fant erdreistet sich--"

Der Junge winselte wie der Hofhund, der neben der .Zugbrücke in seiner Hütte hauste und nachts dem Mond ein Ständchen brachte. Der Graf lächelte noch immer, aber dieses Lächeln war recht, gezwungen.

„Was bringt dich denn so m Harnisch, liebe Schwäge­rin, ich begreife nicht —"

Das hätte der undiplomatische Schloßherr nicht sagen bürfen. Eine Frau, deren Leiden nicht „begriffen" wer­den, fühlt sich stets tief gekränkt. Während die Unke Hand den Troßbuben schüttelte, wurd-> die Rechte feierlich «Loben. ’

Geld vom Ausland.

Die Frage, ob Deutschland nun nach Verab­schiedung der Dawesgesetze in absehbarer Zeit in den Besitz flüssigen Auslandskapitals kommt, ist für die Gestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse in nächster Zukunft von ausschlag­gebender Bedeutung. Indessen scheint es, als wenn man sich in Bezug auf diese Dinge doch auch in weiteren Kreisen einem nicht gerechtfertigten Optimismus hingäbe.

Es ist richtig, daß sich das Interesse des Aus­landes an der deutschen Wirtschaft, nachdem nun außenpolitisch eine gewisse Etappe erreicht ist, neuerdings regt. Wir sehen eine erhöhte Neigung zur Beteiligung der ausländischen Finanzwclt an deutschen industriellen Unternehmungen, wir be­obachten auch Käufe des Auslandes in deutschen Aktien. Aber alles das hat noch keinen nennens­werten Umfang angenommen, so daß eine entschei­dende Beeinflussung der wirtschaftlichen und finanzpolitischen Entwicklung unserer Industrie wie überhaupt des ganzen Geschäftslebens davon allein zu erwarten wäre.

Das Entscheidende ist und bleibt die 8 00 = Millionen-Anleihe. Ehe sie nicht in Fluß gekommen ist, und ehe aus ihr nicht Mittel in die deutsche Wirtschaft einfließen, eher ist an eine allgemeine Festigung, u. an einen allgemeinen Aufschwung der Gesamtwirtschaft nicht zu denken.

Diese 800 Millionen-Anleihe ist so gestaltet, daß . sie einerseits, weil neben Gold auch in Devisen fundiert, die Währung zu halten und die Wäh­rungsstabilität zu sichern hat, während sie anderer­seits diejenigen Mittel zur Verfügung zu stellen be­stimmt ist, die der deutschen Wirtschaft über die nächsten Jahre Hinwegzukommen helfen sollen. Aus diesem eigenartigen Charakter der Anleihe ergibt sich dann aber auch sofort, daß sie nicht in erster Linie dazu angetan fein kann, die aus der Infla­tionszeit und der Stabilisierungsepoche herrühren­den Einbußen auszugleichen. Das wird immer die Aufgabe der beteiligten Kreise selber sein, die durch ihre ganzen Dispositionen und Kalkulationen erst den Befähigungsnachweis dafür liefern müssen, daß sie auch an den Mitteln, die aus der 800 Millionen-Anleihe fließen, beteiligt werden.

Eine durchgreifende Belebung des Geschäfts ist also vor einer Klärung in der 800 Millionen-An­leihe garnicht zu erwarten. Was sich jetzt vollzieht, ist zunächst dieSammlungderwirtschaft- lichen Kräfte. Man wird eine Generalbilanz auf Grund einer Generalinventur machen müssen. Was brüchig ist, wird ausgemerzt werden müssen. Der solide Geschäftsmann allein wird wieder Existenzberechtigung haben, und auch nur er allein wird in Stand gesetzt werden können, auch unter den neuen Verhältnissen sich zu behaupten. Es sind auch jetzt noch zahlreiche, in der Inflationszeit und später entstandene Unternehmungen vorhan­den, die durch ihre geschäftliche Betätigung eine allgemeine Herabsetzung des Preis­niveaus immer noch verhindern. Aber diese Erniedrigung des Preisniveaus ist, wie an dieser Stelle wiederholt dargetan, die Voraussetzung für eine gesamtwirtschaftliche Gesundung. Das Ziel müßte fein, zu Vorkriegspreisen für alle Waren und Produkte zu kommen. Has ist natürlich unter den heutigen steuerlichen und finanzpolitischen Verhält­nissen nicht möglich. Deswegen wird die Tarif­politik, nicht zuletzt aber auch die Kohlenpreispoli­tik zu ändern fein. Die Vorarbeiten hierfür sind ja im Gang. Jndeffen wird auch das gesamte Steuer­wesen der wirklichen Leistungsfähigkeit der Wirt­schaft angepaßt werden müssen. Erst auf solcher Basis wird auch ein wirklich nennenswerter Zu­fluß von Auslandsgeldern zu erwarten fein.

„Du — du kommst mir gerade recht! — Anstatt hier mit Gästen zu pokulieren, ständ' es dir bester an, streng auf Zucht und Ordnung bei deinem Hausgesinde zu halten."

Sie schüttelte den Jungen und blickie ihm Ms ver­heult« Gesicht.

„Die Kirche schwänzen, mit dem Pusterohr den Trut­hahn schießen, der Katze Topfscherben an den Schwanz binden, daß das arme Tier vor Angst mir ins Bett springt, das kannst du vortrefflich."

Das Troßbubenohr dehnte sich wie ein Gummilappen

„Aber hier dein Verbrechen sagen, das kannst du nicht!"

Wimmernd klang es zurück: „Au — au, ich will ja alles sagen, aber ich komme ja nicht dazu!"

„Und daß du mir keine Silbe verschweigst." Stammelnd begann der Junge zu erzählen.

„Ich stand im Burghof mit anderen zusammen, und — und — plauderte, plauderte, trotzdem es — Arbeits­zeit! —"

Eine kleine Pause entstand, während der Troßbub halb listig, halb ängstlich den Blick auf den Burgherrn heftete.

„Weiter!" Gräfin Sabina schüttelte die linke Hand, an der sich das Ohr des Delinquenten festgewachsen zu hoben schien.

„Das Unkraut sollten wir aus dem Pflaster rupfen. Da — plötzlich sah ich — plötzlich sah ich da —"

Der Junge duckte sich „Da sah ich das viel.dle Fräulein im Säulengange um die Ecke biegen. Und da — und da — und da — ich weiß, daß wir schwatzend nicht beieinander stehen dürfen, so rief ich, glaubend, sie höre es nicht--"

„Was riefst du denn, du loser Galgenstrick?"

Wie ein Henkersmeister bückte Wild drein, obgleich ihn im Innern die Sache zu amüsieren anfing. Da riß sich der Bube plötzlich los, sprang mit einem katzenartigen Satz zur Tür, wo er den ausgebreiteten Armen Murr- ners begegnete, und prustete heraus: „Der Burgschreck kommt!"

Die allgemeine Spannung löste sich in einem breiten Gelächter. Der alte Murrner zog die Schullern hoch

Dilische Lage in Spanien.

Aus Madrid wird gemeldet. In einem lan­gen Aufruf an das Volk erklärt General P r i m o d e R i v e r a. das Direktorium müsse das be­gonnene Werk forisetzen, weil die Säuberungsarbeit noch nicht beendet fei. Nach der Ruhe sei für die Regierung ein ungeheuer schwieriges Problem ent­standen durch den Auf st and der Riffkay- l e n, das nur durch Waffengewalt zu lösen sei. Er müsse dem spanischen Volk weiter sagen, daß fein anderer Weg möglich sei, um den ungewöhnlich starken Feind zu bekämpfen und zu schlagen. Er hoffe, die Bevölkerung werde sich nicht gegen das Direktorium aufhetzen lassen. Jedenfalls verfüge er über die Mittel, um allen Ruhestörern das Handwerk zu legen.

In einem weiteren Aufruf an d ie afri­kanische Armee appelliert Rivera an das va­terländische Ehrgefühl der Soldaten und warnt vor den Folgen der Mutlosigkeit und der Flucht vor dem Feinde. Für diesen Fall drohte er mit der sofortigen Anwendung des Standrechtes.

Neue Kämpfe in Marokko.

wtb Paris, 11. Sept (Te.l) Rach einer Meldung des „Malin" aus Madrid haben die Spa­nier versucht, Tallaa, in der unmittelbaren Um­gebung von Teschuan, zu entsetzen. Drei Einge- borenenbataillone, zwei Bataillone der Fremden­legion und ein Bataillon Infanterie und Artillerie haben an diesem Vorstoß teilgenornmen. Dem Feind ist es aber nach dem amtlichen Bericht ge­lungen, seine Stellungzn behaupten. Dem Bericht zufolge hat er aber schwere Verluste er­litten.

Ausland.

* Ter A sstond in Georgien. Räch den letzten Berichten aus Georgien dauern die Kämpfe zwischen den Sowjettruppen und den aufständischen an. Letztere sind im Besitz der wichtigsten transkaukasischen Bahn nach Baku. Im ganzen Kaukasus ist der Belager- unoszustand erklärt. Die Sowjettruppen werden alle nach dem Aufstandaebiet geschickt. In Bat um und Triflis wurden kriegsgerichtlich zum Tode Verur­teilte hingerichtet.

* Gegen eine Intervention in China. Aus Peking wird gemeldet, daß die dortigen Ausländer fast einstimmig den Vorschlag mißbilligt haben, nach welchem die Mächte in den chinesischen Bürger­krieg eingreifen sollen. Sie meinen, daß diese In tervention nur die Wiedervereinigung des Landes zur Folge haben könnte.

Deutsches Reich.

* Ter preußische Landtag wird am 23. September zusammentreten.

— Ausbau der deutschen «er«Melnetzer In den letzten Monaten wurden im Ausbau des deutschen Fern­kabelnetzes beacktenswerte Fortschritte erzielt. Es wur­den Fernverbindunpen über Entfernungen von rund 1000 bis 1200 Km. praktisch erprobt und in Betrieb ge­nommen. Es handelt sich hierbei um die Verbindungen von Hamburg über Berlin nach München, von Frank­furt a. M. über Berlin nach München und von Ham­burg über Berlin nach Frankfurt a. M. Der Sprech­verkehr auf der rund 1000 Km langen Strecke Ham- burg-Frankfurr a. M. über acht Bierdrahtverstärker, die in den Berstärkelämtern Hamburg, Hannover, Magde­burg, Berlin, Bitterfeld, Weimar, Fulda und Frank­furt a. M. eingebaut sind, ist einwandfrei.

und schnaubte vor Vergnügen, Anne Susanne lachte hell hinaus, Wild kniff die Augen zu und feix'e in die vor- gehalbene Hand, denn er mußte doch die Würde wahren, während sich Obadias plötzlich angelegentlich mit einem Bllde beschäftigte, das den Urahn Adalbert darstellte, so daß er den Anwesenden den Rücken wandte. Gräfin Sabina blickt« sich empört um. Diesen Augenblick be­nutzte der Knabe, um unter Murrners Armen hindurch zur Tür hinaus zu entwischen. Mit hochgeworfenem Haupte ging Sabina auf den Burgvogt zu, der ängstlich geduckt Schritt für Schritt zurückwich.

„In einer Stunde meldet Ihr mir hier, daß der Bube die verdienten Prügel, wohl aufgezählt von Eurer Hand erhielt. Und Gnade Gott Euch, wenn Ihr Euch schwäch­lich zeigt!"

Murrner stand schon in der Tür, mit hängendem Schnauzer und wässrigen Augon, als ihm die letzte Drohung an den Kopf geworfen ward. Nun kam Anne Susanne an die Reihe, deren helles Lachen Sabina be- onders deutlich gehört hatte. Die Gräfin musterte ihre Nichte vom Kopf bis zum Fuß.

«Ich hqbe es deutlich gehört, wie du lachtest. Anstatt zu weinen, daß ein Troßbube feinen Spott mit einer chwachen Frau treibt, amüsierst du dich noch. Da sieht man den wahren Wert der Erziehung, die dir bisher zutell wurde. Bei allen Heiligen sage ich dir, daß dies in Zukunft anders werden soll."

Bestürzt wich Anne Susanne zurück.

„Du gehst sofort hinauf in deine Kammer und ziehst dir ein einfacheres Kleid an. Zum Nichtstun ist die Zeit wahrlich nicht angetan. Es taugt einem armen Edelfräulein nicht, dem Herrgott den Tag wegzustehien. Statt Blumen pflücken, spinn das Leinentuch, das schon eit Monden der Vollendung harrt."

Die Tür schlug zu, mm kam die Reihe an Herrn Wild.

„So wie's Gescherr ist, ist auch meist der Herr! — Ich bin ein armes, kraftloses, schwaches Weib, bas nur mit Mühe hier die Ordnung aufrecht erhält. Nur um meiner toten Schwester willen trage ich ged.::dig, was mir hier täglich an Umecht zugefügt wird!"

Die Stimm« hob sich j

Zrankreichs Zargen.

Die Wirkungen der Inflation.

wtb Paris 11. Sept. (Tel.) Wie der „Watin" mitteilt, hat die bisherige Prüfung des Budgets für 1925 ergeben, daß trotz aller Streichungen im­mer noch ein Loch bleibt, das sich auf ungefähr 2 Milliarden beläuft, wozu noch 1,2 Milliarden kom­men, wenn die Deamtengehälter erhöht werden, so daß ein Defizit von rund 3 Milliarde» vorhanden fei.

Man fei sich bereits über den Grundsatz einig geworden, das Gleichgewicht des Budgets nur durch normale Einnahmen und Steuern herzustellen, ohne daß man zu einer Anleihe greife. Mit den nötigen Vorbereitungen fei eine offiziöse Kommission, die der Finanzminister ernannt habe, betraut worden. Die Kommission habe sich bereits auch schon für Verhandlungen mit der Schweiz, Belgien und Hol­land ausgesprochen, um der Steuerflucht einen Riegel vorzuschieben. Vor allem soll es sich darum handeln, Leute, die ihr Vermögen ins Ausland ge­bracht haben, daran zu hindern, daß sie ihre Zinsen vom Kapital verbrauchen, ohne daß sie Einkom­mensteuer bezahlen.

wtb paris, 11. Sept. (Tel.) Ueber den gest­rigen Minisierrat, der 4% Stunden dauerte und sich ausschließlich mit Maßnahmen zur Bekämp­fung der Lebensmittelteuerung be­faßte, wird ein längerer Bericht ausgegeben, in dem es unter anderm heißt:

Der von Deutschland als Ratnrallieferung ein­gehende Stickstoffdünger wird von der Regierung unter möglichst günstigen Bedingungen zur Ver­fügung gestellt.

Der allgemeine statistische Dienst im Arbeits- Ministerium soll verstärkt werden.

Bezüglich des Brotpreises haben die Prä­fekten telegraphisch den Befehl erhalten, daß in Ausführung der kürzlich angenommenen Gesetze der Mehlpreis vor dem 14. September eine Rege­lung erfahren muß, wobei der Erhöhung der Aus- drnschguote auf 78 Prozent Rechnung getragen werden soll.

Bezüglich der Fleischteuerung wurde be­schlossen, zur nächsten Sitzung des lltinifferrafs Vertreter der Organisationen der Fleischer einzu- laden. Weiter wurde ein Plan zur direkten Be­schaffung von Gefrierfleisch aus den in Frage kom­menden Ländern geprüft. Weitere Maßnahmen sind für Fische, Milch und Gemüse in Vorbereitung.

3n dem Bericht heißt es dann weiter, daß die Regierung entschlossen sei, beim Parlament sofort nach dem Zusammentritt einen Gesetzentwurf ein­zubringen, der ihr die Möglichkeit zur Herab­drückung der Preise in die Hand gibt, falls nicht umgehend eine Preissenkung eintritt.

Die Regierung richtet einen Appell an den an- ständigen handel, damit er sie im Kampf gegen die Spekulation unterstütze, den die Regierung zu führen gezwungen sei. Die Prüfung der Maß­nahmen soll in einer der nächsten Ministcrsihungen fortgesetzt werden.

* Wieder ein Umsturz im lateinischen Amerika Offiziell wird gemeldet, daß in dem Norden Ecuadors eine revolutionäre Bewegung, deren Führer Dr. Raffael Arftaga ist, ausgebrochen sei.

„Und du — du siehst es lachend mit cm, wie ich hier allmählich zugrunde gerichtet werde?"

Graf Wild zog sich langsam um den Eichentisch herum m eine sichere Verteidigungsstellung zurück. Aber der Feind ließ nicht locker. Sabina attackierte und die er­hobenen Hände näherten sich bedenklich des Ritters Antlitz.

„Gab ich nicht mein gräfliches Legat her, fo wäre die Burg schon lange ausgehungert. Rührt das dein hartes Herz gar nicht? Kannst du es dulden, daß ein schwaches Weib zum Popanz für Knechte und Buden wird. Quillt dir nicht die Träne in deinen rauhen Bart, wenn du mich hier hilflos und ohne Schutz um einer Burgherrin Rechte kämpfen siehst — Aber ich weiß — du liebst nur deinen Malvasier!"

Wild hatte die Tür erreicht und klinkte sie auf. Seine Verteidigung bestand nur in Händeschütteln, Achselzucken und Kopfwiegen, zu Worte kam er nicht.

Schämst du dich gar nicht, daß ein starker Mann das Weib nicht schützt, das Gott zu zart erschuf, als daß es alle Lasten alleine tragen könnte--?"

®raf Wild war auf den Flur retiriert und Sabina olgte ihm. Man hörte draußen noch abgerissene Worte, die immer ferner klangen, dann ward es allmählich still. Obadias blickte sich um. Er war allein. Durch die Fen- ter tanzten die Sonnenstrahlen und flimmerten über den Estrich. Das Jauchzen der Drossel schallte herein, es wurde ja Frühling draußen. Der alte Schreiber nickte und lächelte, lächelte und nickte. Er hatte daheim feine Bücher, die er liebte und das trauliche kleine Crkergemach im Haufe des Rates von Agathen. Auch die Folianten und Schweinslederbände sprachen zu chm und ihre (Stimme war beredt, aber wenn es Obadias zuviel wurde der Gelehrsamkeit, klappte er sie zu und stellte sie bei- eite Bei Gräfin Sabina konnte man nicht so einfach verfahren. Die sprach so lange, wie es ihr paßte, und „beiseite stellen" ließ sie sich auch nicht. Und darum kam der kluge alte Mann zu der Erkenntnis, daß wohl noch manchs Wells den Rhein hinunter fließen werde, ehe sich Gras Wild dazu entschließen würde, die Treuenburg im Sturm zu nehmen, indem er die Schwägerin zu seinem Ehegemahl machte. <Forts. folgt)