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Fuldaer Zeitung

.............................imivmiihm!

Polizeisragen in Preußen.

Der Hauptausschuß des Preuß. Landtags setzte seine Beratungen fort und zwar behandelte er den Polizeietar.

Abg. Stieler (Zentrum) verbreitete sich ausführlich über die großen Fragen des Polizeiwesens. Die preußische Polizei stehe nach wie vor unter schwerem Druck. Noch schwebe die ungelöste Sicherheits- und Entwaffnungs. frage über dem Haupte der Schutzpolizei. Die Staaten, hie von der Durchführung des Dawes-Gutachtens Vor- teile erreichen wollten, sollten sich darüber klar sein, daß eine Ausführung der Londoner Abmachungen nur dann möglich sei, wenn im Lande selbst, besonders aber in dem industriellen Preußen, Ruhe, Sicherheit und Ordnung herrschen. Dazu sei erforderlich eine tüchtige, zufriedene, gut ausgerüstete und mit allen Hilfsmitteln versehene Polizei. Preußen kann zurzeit geschlossene Polizsivee- bände nicht mtbehren, wie dies ja auch selbst die Be­satzungsmächte in ihrer Forderung nach Aufstellung von sogenannten Karabiner-Hundertschäften im besetzten Ge­biet bestätigt haben. Die Besoldungsordnung des Jahres 1920 ist den Gefahren und Verantwortungen des Polizeiberufes nicht gerecht geworden. Ein« Korrek­tur ist bei dem nächsten Besoldungsgesetz dringend er­forderlich. Schwere Sorgen seelischer und materieller Art lasten über der ausgewiesenen Schutzpolizei. Vielfach ist das Wort vom Danke des Vaterlandes ein Wort ge­blieben. Redner beschwert sich, anhand von Einzelsällon, über eine engherzige Handhabung der Betreuungsvor- schrfften. Die Ansordermrgen und Aufgaben der Polizei werden mit dem wachsenden Verbrechertwu immer grö- her. Die ungenügende Besoldung erhöht die Gefahr der Bestechung und der Korruption. Die starke Kritik, die insbesondere an der Kriminalpolizei geübt worden ist, hast Redner für ungerechtfertigt. Vielfach habe die polizeiliche Tätigkeit wegen Mangel an Mitteln versagen muffen. Der Staat habe alle Ursache, die Dienstsreudig- heit und Unverdrossenheit gerade in der Kriminalpolizei zu fördern. Der mangelnde Nachwuchs bei den Unter, und Oberbeamten erfüllt Redner mit großer Sorge. — Besonderer Dank gebühre der Ersatzpolizei im besetzten Gebiet. Das gelte besonders für bie alten zurückgeblie­benen, ehemals blauen Polizeibeamien. Sie Eingliede­rung der Ersatzpolizei in dis Schutzpolizei jnüffe ohne Benachteiligung der Beamten erfolgen. Die Sittenpolizei hast Redner für unentbehrlich. Redner begrüßt den Er- laß -des Ministers, der insbesondere den Polizeibeamten Zmückhaltung gegenüber politischen OrganiMonen auf- erkegt. Die Polizei, besonders die SchutzvAlizei, müße unbedingt unpolitisch gehalten werden. Redner macht dann eine Reih« Vorschläge über die vorbeugende Tätlg- feit der Polizei zum Schutze des Publikums. Diesen Fragen sei jetzt unbedingt nachzugchen. — Die Zusam­mensetzung des Polizei-Offizier-Korps aus Polizei-Offi­zieren und aus ehemaligen Offizieren der Armee habe sich durchaus bewährt. Die Offizierverbände der Armee feien davor zu warnen, ihre ehemaligen Kameraden in der Schutzpolizei in Gewissenskonflikte zu bringen. Redner fordert die Mitarbeit aller Parteien im Ausbcm und Aus­bau des Polizeiwesens ohne parteipolitffche Hintergedan­ken, damit jederzeit Personen und Eigentum den Schutz Genießen, auf den sie in einem Rechtsstaate Anspruch erheben können. , . , .,

Abg. Haseloff (Deutschnational) erklärt, daß dre Polizei entgegen früheren Befürchtungen ihr Bestes ge­tan habe. Von den Beamtenverbänden sei ein,taktvolles Benehmen zu verlangen. Die Beamtenausschüsie wirkten oft verderblich Es fei zu erwägen, ob man die Beamten, die ihren Dienst verlassen, nicht bestrafen könne. Bei den Stellen für Polizeihauptleute aufwärts müßte höhere Schickbildung gefordert werden. Die Korrupiionsgefahr in der Polizei sei außerordenllich groß.

Abg. B a r t e l d-Hamnover (Demokrat) verlang um bedingte Verfassungstreue der Beamten, , besonders auch der Polizeioffiziere. Er bezweifelt, ob im Falle Haar- mann Re Kriminalpolizei in Hannover schuldlos sei. Zu klagen sei über die Verfolgung republikanischer Polizei­offiziere durch monarchistisch eingestellte Vorgesetzte. Die Unfattfürfarge für die Polizeibeamteu bedürfe der Ver­besserung. , , _

Der Kommunist Dahlem zog in gewohnter Weise ge­gen Polizei und den Minister des Innern vom Leder.

Minister Severing ging auf die Fragen des Abg. Stiel« «irscherch ein. Die Frage der tzchutzpoyzei sei

Die Morgenröte.

(Zum Feste Mariä Geburt.)

Eines der prächtigsten Naturschauspiele, das durch seine Farbenpracht schon manchen Maler zur Nachbil- düng gereizt, bietet sich uns in der Morgenröte. Unver- gehlich jedem Wanderer, der beim Morgengrauen von seinem Lager sich erhoben, aus nebeldurchzogenen Tälern Bergeshöhen erklommen und die überwältigende Natur­schönheit auf sich hat wirken lassen. Wie da im Osten der Himmel sich in Purpur kleidet, alle Farbentöne durcheilend, schlleßlich in feurigem Solde erglänzt! Aurora, aurea Hora, Goldstunde nennt der Lateiner die Geburtsstunde des neuen Tages. Seit Jahrtausenden malt die Natur tagtäglich dieses lebende Bild mit immer frischem Farbenschmelz. Jeder Tag wird jugendschön neu geboren, nicht belastet mit den Mängeln seines Vor­gängers, Träger neuer Hoffnungen für das leidende, hoffende Menschengeschlecht.

Eine nach Jahrtausenden zählende Nacht lastete einst auf Adams Kindern, die Nacht der Sünde. Von einem Hoffnungsstern, ausgehend in Jakobs Stamm, kündete zwar ein altes, dunkles Prophetenwort, von einem Füh­rer aus Elend und Sündennot zu Licht und Freiheit. Aber schier hoffnungslos verstrichen Jahrtausende, ehe ein Lichtstreif im Osten die aufgehende Sonne der Ge­rechtigkeit verkündete.

Der Tag der Erlösung brach an, als in Nazareth die Mutier des Erlösers geboren wurde. Morgenstern, Morgenröte unseres Heiles wird Maria von der katholischen Kirche und frommen Marienverehrern genannt. Die damalige Welt wußte allerdings nichts von dem erhabenen Berufe dieses Mägdeleins aus ver­armtem Königsgeschlecht. Sie ahnte nicht, wie nahe die Vollendung der Zeit, da die Sehnsucht der Erzväter nach dem gottbegnadeten Erlöser sollte gestillt werden. Wie hätte sie gejubelt bei der Geburt jenes gottbegnadeten Menschenkindes, in besten Seele die Gottheit widerstrahlte wie die dem Aufgang voreilenden Sonnenstrahlen die Wölklein int Osten durchglühen!

Die Goldstunde des Menschengeschlechtes war ange­brochen, kündend die trostvolle Wahrheit: „Menschen­heiligkeit ist wieder möglich; Nacht und Sünde können verscheucht werden." Das zeigte die Heiligkeit des Kin­des, das Maria genannt wird. Aber nur durch göttliche Gnadenwirkung, nicht aus menschlicher Kraft, kann jene innere Menschenerneuerung geschehen.

Wir Kinder des Neuen Testamentes, die wir vom christlichen Glauben erleuchtet zurückschauen auf den Ge­burtstag der Gottesmutter, wissen die Bedeutung des­selben besser als die Zeitgenosten zu würdigen. Diese Morgenröte des Heiles ist auch uns aufgegangen, die wir das Glück haben, im hellen Tageslicht der nie unter« gehenden „Sonne der Gerechtigkeit" zu leben. Wie ein neues Erlebnis läßt uns die Kirche alljährlich das Ge- burtsfeft der Gottesmutter begehen, um die Freude über die Möglichkeit und das Verlangen nach der Verwirk­lichung unserer Erlösung in uns zu erwecken.

Die Nacht hat sich verloren;

Die Morgenröte winkt; Die Mutter ist geboren, Die uns den Heiland bringt Sone.

Zur Unterhaltung.

r nr. 201 vom 9. Sept. 1924. \

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Hus aller Welt

— „Seine Rose ohne Dornen" ist ein arger Irrtum, denn die Rose hat keine Dornen, sondern Stacheln. Der Dorn, wie wir ihn z. B. am Weißdornbusch sehen, ist immer ein in ein blätterloses, steifes, spitzes Aestchen verkümmerter Zweig. Stacheln sind dagegen leicht ab­lösbare Oberhautgebilde.

— Die Arbeitsleistung beim Spazierengehen. Daß der Mensch „arbeitet", wenn er stramm seines Weges geht, wird wohl niemand sogleich recht begreifen. Nennt man doch das Spazierengehen, das Wandern, eine Ausspan­nung von der Arbeit, eine Erholung. Verständlicher wird bie Sache schon, wenn man daran erinnert, daß es sich beim Spazierengehen um eine „Bewegung" handelt, und daß jedwede Bewegung Kraft verbraucht. I« mehr Bewegung, also Arbeit, desto größer der Verbrauch an Kraft. Beim Stubenhocken leistet man mehr physische Arbeit beim Wandern aber hat der Mensch seine Körper­last fortzubewegen, die Atemmuskeln werden angestrengt, die Tätigkeit des Herzens wird gesteigert, die Wärme­erzeugung erhöht usw. Die Gelehrten haben alle diese Tätigkeiten in Kalorien umgerechnet und sind zu dem er­staunenden Resultat gekommen, daß man bei einem nur einstündigen Spaziergang soviel Kräfte verbraucht, wie nötig sind, um 9000 Zentner auf die Höhe eines Fußes zu heben! Aus dieser Berechnung kann man so recht erkennen, warum man täglich eifrig wenigstens ein Stünd­chen spazierengehen, richtiger: spazierenmarschieren sollte! Nur eine geregelte Wechselwirkung der Bewegungen aller unserer äußeren und inneren Organe führt zu einer gesunden Funktion derselben!

Berliner Allerlei.

Egon H. Straßberger.

(Nachdruck verboten.)

Der neueste größte Schlager in Berlin ist das Straußenrennen. Das Straußenrennen hat uns noch gefehlt: vereinigt es doch in sich alle schönen Eigen­schaften eines Rennens, wie Totalisator, Schnelllauf, Exotik und Nervenkitzel.

Der Trainer Meloni hatte den Schneid und den Fernblick, sich aus der Feme die Vögel zu holen, sie zu zähmen und abzmichten und aus ihnen eine Sensation zu machen. Die Berliner sind ganz aus dem Häuschen, denn dieser neue Sport schlägt alle übrigen.

Die Internationale Gesellschaft zur Veranstaltung von Straußenrennen zieht über ganz Europa ihre Netze und nun kann es losgehen. Ich ließ mir sagen, daß ein Strauß infolge seiner gewaltigen Schenkelmuskeln Schritte von vier Metem machen kann. Er gleiche einem D-Zuge im Laufen und nehme es mit dem schnellsten Motorrad auf.

Sicherlich wird ein Strauß sich verwundert umsehen, wenn um ihn hemm lauter Berliner und Berlinerinnen mit Operngläsern stehen und vor Verwunderung und Verwunderung die Köpfe schütteln. Ein Erinnern an die Lybische Wüste und die Sahara wird durch sein dünnes Straußengehim gehen und Sehnsucht wird das Vieh überwältigen. Aber da der Strauß nun einmal

nach Berlin verschlagen worden ist, so Hilst ihm alle Sehnsucht nichts, er muß im Laufen sein Geld verdienen und sich von jedem Nichtskönner bekritteln lasten.

Jedenfalls ist es ungeheuer komisch, diesen Vogel vor den Wagen gespannt zu sehen oder ihn zu beobachten, wie er den Reiter trägt. Man hat immer Angst, daß die berühmten Straußenfedern dabei vernichtet werden und es geht einem ein Stich durchs Herz.

Im Stalle konnte ich beobachten, wie der Vogel Strauß geschickt Walzer tanzt. Er tanzt diesen Walzer bis zur Bewußtlosigkeit, bis ihn der Schwindel erfaßt und er langsam hinsinkt... Da der Strauß nun Strauß heißt, ist der Tanz auch bei keinem anderen Vogel mehr angebracht als bei ihm.

In einer Reihe europäischer Großstädte sind die Strauenßrennen normal vor sich gegangen. In Ser» l i n gaben die Tiere Lustspielvorstellungen. Ob die Jockeys die Zügel straff hielten, die Peitsche anwandten, alles Haff nichts, einige der Vögel blieben stehen, einige gingen spazieren, andere legten sich ins Gras. Kurz und gut, sie weigerten sich, Wettrennen abzuhalten und das Publikum amüsierte sich gottvoll , . ,

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Die Nervosität auf den Straßen Berlins wird immer größer. Rasende Motorfahrer durcheilen mit blitzartiger Geschwindigkeit die Straßen Berlins. Trotz- dem ein Motorrad jetzt eine tägliche Erscheinung bedeutet und trotzdem man hundert und tausend in einer Stunde sehen kann, staunt man diesen närrischen Sä­bern mit einer Art Begeisterung nach. In der Welt und besonders in Berlin gefällt immer das Tempo und der tolle Rhythmus.

Aber der Motorteufel fordert seine Opfer. So wur­den in Berlin an einem Tage laut Statistik fünf Leute überfahren. Daran glauben mußten zwei Knaben, zwei Greisinnen, ein Herr mit einem Hexenschuß.

Die Unsitte mit dem Motorrad nimmt immer mehr überhand und es ist nicht abzusehen, was die Zukunft uns hier an Toten und Schwerverwundeten bringen wird. Die Asphaltbekleidung ist zu verführerisch, als daß man bei einiger Wohlhabenheit vom Motorrad­fahren Abstand nehmen möchte.

Die Berliner Mädchen halten sich für äußerst tüchtig und temperamentvoll, wenn sie als Anhängsel hinter dem Bräutigam sitzen. Es ist ein typisches Straßen- bild, den Herrn mit seiner Dame über den Asphalt flie­gen zu sehen.

Das Bedauerlichste aber bei diesen Motorradfahrern ist, daß sich in Berlin heute jeder Kommis und jeder Primaner auf sein Stahlroß schwingen kann, ohne daß man den Herren ansieht, daß sie weder einen Führer- noch einen Zulassungsschein besitzen.

Dabei passierten gerade in letzter Zeit (bei feuchtem Asphalt) diverse Unglücksfälle, indem die Radfahrer mit zerbrochenen Gliedern auf der Straße lieben blieben.

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Es gibt in Berlin immer neue Schwindler. Traditio­nelle Gaunertricks reizen manche Diebe und Räuber nicht mehr sonderlich. Auch die Herren Diebe gehören der Forffchrittspartei an.

Die Herrschaften waren verreist, man öffnete per Dietrich und stahl nach He-zenslust.

Gegenüber der Windmühle.

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Bor ein paar Tagen stand ein Damenschneider vor dem Schöffen. Seine Spezialtät war die Theater- und Kinogarderobe. Mit Adlerblicken erspähte er bei der Garderobe die Nummern der Marken, auf die von den Theaterbesuchern wertvolle Pelze abgegeben wurden. In einer kleinen Druckerei wurde mittels Druck- typen eine auf die betreffende Nummer lautende Marke hergestellt und der vornehme Herr (der Damenschneider) gab vor Schluß der Vorstellung seine Marke ab und er wie seine Dame erhielten die wertvollen Bekleidungs­stücke freundlichst ausgehändigt. Da er noch die vor- nehme Eigenschaft besaß, zwanzig Pfennig Trinkgeld zu geben, half man ihm noch, wie auch seiner Dame.

Natürlich empörten sich die Geschädigten und die Theaterdirektoren, bezw. die Versicherungen mußten kräf­tig in den Beutel greifen. Der ertappte Bösewicht wird diesen vollendeten Gaunertrick, der genial war, mit Zucht­haus zu büßen haben.

Immerhin können die Autoren von Detektivromanen aus dem Leben Berlins Nahrung schöpfen. Jeden Tag erleben mir neue niedliche Geschichten und man tonn gewiß nicht sagen: Alles schon dagewesen!

----------- — » ---' heilerer.

Der Falschmünzer. Ede: „Nanu, Lude, wat machst » du da?" — Lude: „Ich belebe die Jeldknavpheit!"

Die boshafte Waschfrau. „Ich muß mal wieder em Hemd zum Waschen bringen, Frau Müller!" — „Ja, wie die Zeit vergeht!" *

Dor dem ßonjerlgarfen. Kassierer: „Was, Sie wollen nur die Hälfte des Eintrittspreises bezahlen? — Be- facher: „Jawohl, auf dem einen Ohr hör' ich nämlich nicht!"

Ein kleines Mißverständnis. Dem „Pllsener Tage- blatt" wird aus Marienbad ein ergötzliches Gefchichtchen berichtet. Zwei offenbar nicht allzu musikalisch gebildete Frauen lauschten vergnügt den Produktionen der Musik­kapelle. Sie spielte gerade die „Abschiedssymphonie", den geistreichen musikalischen Scherz Haydns, bei der ein Musiker nach dem anderen zu spielen aufhört, sein In- strument niederlegt, und geht. Als der sechste Musiker sich eben hinausschleicht, flüstert die eine Dame der an- deren verständnisinnig zu: „Ja, ja — das Marienborner Wasser!"

bei den Londoner Verhandlungen nicht zur Drache ge« kommen. Solange im politischen Leben Deutschlands die Gefahren von Links- und Rechtsputschen noch nicht beseitigt feien, könnte auf geschlossene Polizeiverbände unmöglich verzichtet werden. Er hoffe, daß auch die interalliierten Mächte diesen Notwendigkeiten, Rechnung tragen werden. Die Verluste der Polizei, ein­schließlich der Lantßäger, an Toten rmü Verwundeten belaufen sich vom Jahre 1920 bis Mitte dieses Jahres auf 217 Tote und 714 verwundete Beamte. Er fei dankbar für die Unterstützung der Wünsche auf eine bessere Besoldung der Polizeibeamten. Allerdings dürsten die schwierigen Mmmzverhältnisse Preußens und die Möglichkeit des Einspruches des Reichsfinanzministers nicht übersehen werden. Er hoffe, daß das Landes- kriminalamt gegen Ende des Jahres seine Arbeit auf­nehmen kSmre. Der Minister wendet sich mit Entschieden- hett gegen die auch in Polizeiverbänden erhobene Forde­rung auf Kommunalisierung der Polizei. Er schließt sich dem Danke an, welcher der Ersatzpolizei im besetzten Gebiete ausgesprochen worden sei rmd dehnt diese Aner­kennung auch auf die Bevölkerung und die großen Berg- arbeiterorganifcEtionen aus im Hinblick auf die starke ^sziplin, die bei der großen Bergarbeiteraussperrung itr Frühjahr geherrscht habe. Mit Entschiedenheit wendet sich der Minister gegen den Vorwurf, daß die Polizei- ofstziere durch das' Ministerium des Innern nicht den genügenden Schutz fänden. Die Auffassung, daß er sich m feinen Maßnahmen von den Einsprüchen der Polizei­verbände leiten lasse, sei Unsinn. Er verbreitet sich so- dann eingehend über den Fall Haarmann. Eine Ver­wendung desselben zu politischen Spitzeldienften habe nicht stattgestmden. Die Zahl der Opfer stehe nicht end- gültig fest, die Zahl 20 scheint aber übertrieben zu sein. Widerlich sei die kommunistische Agitation, die aus diesem Anlaß gegen bie Polizei getrieben worden sei. Er werde seine besondere Aufmerksamkeit richten auf die Unterbringung der Polizei, besonders in den Grenzgebie­ten. Deutschland habe keinen Anlaß, rusiische Verhältnisse herbeizuwünischen. Die Wiedereinführung einer irgend­wie gearteten allgemeinen Wehrpflicht würde zweifellos das Verschwinden der zahlreichen vaterländifchsn Ver­bände herbeifüh-rsn. Würde Deutschland dadurch wehr­hafter, so könnte er dies nur begrüßen. Den Borwurf, daß die Polizei gegen die Arbeiter gehetzt würde, müsse er zurückweisen. Die deutsche Polizei fei gegen die Ar­beiter viel rücksichtsvoller als die rusiische Regierung ge­gen ihre Arbeiter. Nicht gegen die Arbeiter würde die Polizei verwandt, sondern gegen die Ruhestörer. Die Drohungen der Kommunisten, auch gegen ihn persönlich, mochten ihn nickst nervös. Der preußische Staat ist ge­rüstet und bereit, den Kampf, wenn es sein muß, auf­zunehmen.

Abg. Metzenthin (St. Volksp.) erkennt dankbar die Fortschritte der Polizei an; es müsse auf diesem Wege fortgeschritten werden, besonders auch inbezug auf Be­kleidung und Ausrüstung.

Abg. Bubert (Soz.): Die Schutzpolizei muß ein zuverlässiges Element in der Hand des Staates sein. Schutzoplizeiosfiziere, die nicht verfaffungstreu sind, müs­sen entfernt werden. Die Versprechungen, die den Land- jägereibeamien feit Jahren gegeben worden seien, mühten endlich eingelöst werden. Nirgends fei die Staatsautorität so herabgesetzt worden als in Borkum.

Schule und Volksbildung.

— Zum katholische« vüchereiwesrn. Der 12. Kursus des Borromäusvereins für Leiter und Mitarbeiter von Volksbüchereien findet schon in der Zeit vom 6. bis 9. Oktober d. I. im Borromäushanse zu Bonn statt, nicht, wie ursprünglich angekündigt, vom 13. bis 16. Oktober. Das Programm weist diesmal besonders aktuelle The­mata auf, die von hervorragenden Fachmännern der bibliothekarischen Theorie und Praxis behandelt werden (vgl. Bücherwelt Nr. 8, August 1924). Um einen Ueber­blick über die Teilnehmerzahl zu gewinnen, die sehr groß zu werden verspricht, ist vorherige Anmeldung er- wünscht. Die Teilnahme ist kostenlos. Aus Wunsch werden billige Wohnungen vermittelt. Anmeldungen und Onartiergesuche sind zu richten an das General­sekretariat des Borromäusvereins, Bonn, Wittelsbacher Ring 0 (Bsrrornäushausr.

wirtschaft und Börse der letztenwoche

Don unserem Frankfurter Börfenmitarbeiter.

Die Welt wittert Frühlingslust oder besser gesagt: Konjunktur, denn eine Besserung unterer jahrelangen Misere wird von den hauptsächlich in Frage kommenden Kreisen doch nur vom geschäftlichen Standpunkte aus be­trachtet. Das ist ein Zeichen unserer Dekadenz, aber wir müssen uns mit dieser traurigen Tatsache abfinden. Cs wird viele Dawesgewinnler geben; aber auch viele Lei­chen, wenn die notwendige Reaktion einer scharfen Kon­kurrenz am Welt- und Flnanzmarkt einfetzen wird. Und diese Zeit liegt nicht allzufern. Sie kommt spätestens dann, wenn Deutschland die vollen Reparationslasten zahlen muß. Einstweilen steht unter den Auswirkungen des Londoner Abkommens die Reparationsanleihe int Mittelpunkt, lieber ihren Erfolg dürste kein Zweifel mehr bestehen. Dieser Tage wurde eine belgische Anleihe von 30 Millionen Dollar in Amerika siebenfach überzeichnet. Für Deuffchland sollen nur 120 Millionen aufgelegt werden. Auch sie werden überzeichnet werden. Man rüstet sich zum Abschluß privater Kredite; wie ge­wöhnlich klagt man darüber, daß deutscherseits Inter- effenten auftreten, bei denen der Zweck des Zwischenge­schäftes zu offensichllich ist. Cs sind die unvermeidlichen Parasiten des Wirtschaftslebens.

In Erwartung besserer Derhältnifle erblicken wir heute die Trümmer unserer Wirtschaft in ihrer ganzen Ausdehnung. Der Monat August war die troftlofefte Wirtschaftsperiode, die wir feit langem gekannt haben. In unseren führenden Industrien haben Äbsatzkrisen und Finanznot SBerroüftungen angerichtet, deren Bedeutung wir erst bei der Vorlage der Bilanzen zahlenmäßig er­kennen werden. Hinzu kommt eine schlechte Ernte in- folge neunwöchiger Regenperiode. Die Freude über die im Juli erreichte Ausoalanzierung unseres Außenhan­dels hat wenig Berechtigung. Der kleine Ausfuhrüber­schuß ist nur die Folge eines unnormalen Zustandes, nämlich starker Produktions- und Konsumtionseinschrän­kungen. Die Wiederbelebung unserer Wirtschaft wird das Bild zu unseren Ungunsten verschieben, da gerade der Herbst eine alljährlich verstärkte Einfuhr bringt, ab­gesehen von der größeren Einfuhr, die durch die monate- lange Stagnation bedingt ist. Zu den wenigen Indu- strieen. die bereits jetzt eine bessere Lage aufzuweisen haben, gehört die Kali-Industrie. Ihr kommen die erhöhten Preise für landwirtschaftliche Produkte zu­gute; ferner ist durch die Verständigung mit dem elsäs­sischen Bergbau über bas amerikanische Geschäft eine bessere Absatzmöglichkeit gegeben. Sodann gewährt Amerika einen Kredit von mehreren Millionen Dollar für erst später auszuführende Aufträge. Die Kali-Judu- ftrie zählt auch zu den wenigen deutschen Wirtschastsge- bieten, welche nach dem Londoner Abkommen verhält­nismäßig gute Exportaussichten haben. Neben ihr kom­men noch die chemische und optische Industrie in Frage. Diese drei Wirtschaftszweige sind mit die einzigen, in denen Deutschland heute noch eine gewisse Monopolstellung hat. Aber auch diese ist schon stark unterhöhlt. Wenn die durch staatliche Unterstützung außerordentlich stark geförderte chemische Industrie in England und Frankreich oder die durch den billigen Er­werb deutscher Patente im Kriege geschaffene amerita- Nische Industrie auch größtenteils nicht zu einer Ren­tabilität gelangt ist und an technischer Leistungsfähigkeit an die deutsche nicht heranreichen kann, so hat sie doch große Absatzgebiete der deutschen Industrie entzogen. Gerade die französische chemische Industrie hat große Forffchritte gemacht, die zu leugnen gefährlich wäre. Hier besonders, wie auch auf allen anderen Gebieten wird gelten, daß den billigen Preisen des Auslandes in der kommenden Konkurrenz höchste Qualitätsarbeit gegen« überstehen muß.

Es kann mit Befriedigung verzeichnet werden, daß die Beseitigung der lastenden Ungewißheit sich in gün­stiger Weise in einer leichten Besserung der Wirtschafts- lage ausdrückt. Man berichtet von Arbeitereinstellungen und Verlängerung der eingeführten Kurzarbeit. Auch an der Börse macht die abwartende Haltung der Vor­woche unmittelbar nach der Reichstagsabstimmung einer ausgesprochenen Hausse Platz, die sich jedoch nicht be­haupten konnte. Die noch unbehobene Kapital- und Geldnot läßt immer wieder zu den etwas erhöhten Kur­sen so starkes Material tzerauskommen, daß die so re’«

technisch bedingte Gegenwirkung auch den Optimismus der Käuferseite lähmt. Im besonderen wandte sich jedoch das Interesse vom Aktienmarkt ab, als ein neuer Tau« mel am Rentenmarkt einsetzte, der wieder einmal von dem unbelehrbaren Draufgängertum blindwütige Massen zeigte.

(greifbare Unterlagen finden sich für diese Ausgeburt der Spekulation nicht. Auch das unwahrscheinlichste Gerücht muß zur Forcierung eines Kursstandes her­halten, dessen Fundament das denkbar unsolideste ist. Es handelt sich da hauptsächlich um Kriegsanleihen, K-Schatzanleihen, Schutzgebietanleihen, Zwangsanlerhen, gegenüber denen die alten Reichs- und Länderanleihen stark in den Hintergrund treten. Gerade bei den niedrig stehenden Papieren, wie K-Schatzanleihen und Zwangs­anleihen konnte man in dieser Woche beobachten, daß ine Kurse über ihren wirklichen Goldwert hinausgetrieben wurden, also über einen Kurs, der selbst im Falle einer Aufwertung nicht einmal erreicht würde. Doch machen solche Argumente nur geringen Eindruck auf die Speku­lation. Sie will „verdienen", d. h. gewinnen. Es rst der Spieltrieb der Inflationszeit, der wieder zum Aus- bruch gekommen ist. Die Aktien locken wenig, ihre Kurs« tendenz ist zu unsicher, Dividende wird ja auch nicht ge« währt.

Aus diesen beiden Momenten ergibt sich auch der Weg, auf welchem die Börse zu normalen Verhältnissen kommen kann: enbgiltige und schnelle Klä­rung der 2lufroertungs frage, klare Bi­lanzpolitik der Gesellschaften und Wirt« schäften derselben im Interesse der Aktionäre.

--- Berliner Produktenbörse vom 6. Sept. Amtlich festgesetzte Preise. Getreide und Oelsaaten per 1000 Kg. sonst per 100 Kg. In Goldmark der Goldanleihe oder in Rentenmark. Weizen märl. 215—225, mitteld. 000—000, Roggen märl. 184-190, pomm. 000-000, westpr. 000-000, Futter-Gerste 190—200, Sommergerste 210 bis 240, Hafer märkischer 170—180, pommerscher 000—000, westpr. 000—000, Mais loko Berlin Waggon frei Hamburg 000, Weizenmehl pro 100 kg frei Berlin brutto mH. Sack (feinste Marken über Notiz) 31,25 bis 33,25, Roggenmehl pro 100 kg frei Berlin brutto mH. Sack 26,25—29,00, Weizenkleie frei Berlin 13,50 bis 13,75 Roggenkleie frei Berlin 12,30—12,50, Raps 340 bis 345, Leinsaat 415—425, Viktoriaerbsen 31,00—35,00, kleine Speiseerbsen 22,00-26.00, Futtererbsen 18,00 bis 19 00, Peluschken 17,00—18,00, Ackerbohnen 17,00 bis 18 00 Wicken 16,00—18,00, Lupinen, blaue 11,50 bis 12 00,'Lupinen gelbe 18,00—20,00, Serradella 12,00 bis 13,00, Rapskuchen 14,20-00,00, Leinkuchen 23,00 bis 24,00, Trockenschnitzell2,80—13,00, vollw.Zuckerschnchel 22,00-24,00,Torfmelaffe30/700,00-0,00,Kartoffelflocken 19,50—20,00.

= Der Stand der Reichrhanptkasie. Nach der Heber, sicht über die Geldbewegung bet der ReichShauptkasie vom 21. bis 31. August beträgt die Summe der Ein- zahlungen 223 610 292 Mark, die der Auszahlungen 217 760754 Mark. Mithin ist rin Ueberschutz von 10849528 Mark zu verzeichnen. Im Stand der Renten­markschuld (aus der Regelung von Rentenmarkschatz- wcchseln) ist für den gleichen Zeitraum eine Annahme von 6900000 Mark eimetreten. Der Stand der schwe­benden Schuld am 31. August war sgapiermarl 483 089 270180 200 000 000, Rentenmark 80 765 000.

= Unterbindung der Getreideausfuhr. Halbamtlich wild gemeldet: Der Roggenpreis erfuhr m der letzten Zeit eine außerordentliche Steigerung Die Verspä­tung der Ernte, die durch Pas fortdauernde reg. nerische Wetter fast in allen Teilen DeutfchlandS ein- getreten ist, hat das Angebot an JnlandSgetreide außerordentlich verringert und starke Nachfrage der Mühlen und des Konsums hervorgerufen. Unter diesen • Umständen erschien es geboten, die zur Erteilung für Ausf uhr von Roggen, Weizen (Spelz, Dinkel) Hafer, Gerste erforderlichen Unbedenklichkeitsbeschei­nigungen vorübergehend vom 8. September ab ein» ju ft eil en. Der Reichskommiffar bei der Geschäfts abteilung der Reichsgetreidestelle wurde von dem Reichs. Minister für (Srnä^mng und Landwirtscha't enfiv-->ckend angewiesen.