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Freitag, 5. September 1924.
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Der Burgschreck.
Roman von Felix Reumann.
Aber des Grafen Groll legte sich.
»Ich weiß, daß ich in vielem fehlte. Mosch Deigel- stamm wickelt« mich in Wechsel und Schuldscheine ein, wie einen Säugling in Windeln, und wenn ich stram- i petn mochte, dann kann ich nicht! — Verflucht seien der Durst, das Spiel und die Abhängigkeit von dieser Wanze, die mich aussaugt."
Wild stemmte beide Arm« auf den Tisch, vergrub das rode Gesicht in den Fäusten und brütete vor sich hm, während der Schreiber in der Chronik blätterte.
Es war ganz still im Zimmer. Durch die offenen - Fenfter mit den gesprungenen Butzenscheiben strich sanft ■ der Frühlings wind, und der Rus der Drossel schwang sich durch Sonnengold und Waldesrauschen dis ins Gemach.
„Ich habe Eure Akten pfleglich durchstudiert, Graf Wild, und Mosch, der wohl ein gerissener Fuchs, aber ; nicht unehrlich ist, befindet sich m vollem Recht. Zehn Ia^e füllte er Euch Euren Keller, lieferte Brot für dos Burggestnde und bezahlte j»ie teure Reife gen Köln. Nun wuchs die Schuld und — es heißt bezahlen!"
Obadias sagte es mit leisem Vorwurf und legte ixe Hand auf des Grafen Arm.
„Wenn Mosch heute eintrifft, um die Rechnung zu präsentieren, so riefet Ihr mich zu spät. Wie soll ich Euch in wenigen Stunden helfen? Reicht Graf Ruft die Hand zum Frieden, oft genug streckte er sie Euch hin, t und er macht Auch frei aus den Händen der Gläu- ÜOer —" •- *
WAd Graf Bärenhaupt sprang auf und ging mit wuchtenden Schritten durch das Gemach.
Er war eine viel zu ehrliche Haut, um nicht in diesem Augenblick erneut die Schuld zu erkennen, die aus ihm lastete. Jene Schuld, die ihm die Würfel und den Becher in die Hand drückte, die chn sein Erbteil verschleudern lief). Aber so schwach er der Versuchung gegenüber mar, so stark war er, wenn es galt, das trotzige Haupt hoch- zuhalten. Versöhnung mit dem Bruder? Warum nicht, denn hn Grunde genommen lag nur der verfluchte Mammon trennend zwischen ihnen Aber dann hätte er ein- gestehen müssen, daß er der Unterlegene war, daß seine TOiberborftigiteit das Unheil heraufbeschwor, und daß dr Mann, der ihm stets in Milde und brüderlicher Liebe zur Vernunft geraten hatte, aber schroff abg wiesen wurde, doch hn Rechte blieb.
Ihm fiel jene unheilvolle Stunde im Hause des Rates in St. Agathen ein, als er Graf Rust vor mehr als einem Jahrzehnt zum letztem Male fcch.
Mit glühend n Augen schritt er auf Obadius zu.
„Wie könnt Ihr mir solches empfehlen! — Zwölf Sommer find es her, so deucht mir, daß ich den Bruder drunten sah. Auch Ihr wäret zugegen. Den Schuld- schein, d n ich ihm unterschrieb, legte er zerrissen aus den Ratstisch."
Nun äffte er di« Stimme des Bruders nach: „Die Schuld erlaß' ich dir in brüderlicher Liede, doch geb ich dir von der Erbschaft nicht einen Stein mehr, als dir gebühret, denn dein Hände verschleudern unserer Väter Gut!"
Krachend fiel Wilds Faust auf den Tisch.
„Ob er recht hatte oder nicht, daß er mir das vor den Krämern zu sagen wagte, war eine Schändest"
Schweigend hörte der Stadischreiber zu, und Wild forscht in dem Gesicht des Allten nach einer Bewegung, bie zustimmend sein sollte.
Nun hob Obadias den gesenkten Blick.
„Ihr wißt, wie es um mich steht, Graf Ruft schätze ich, doch Euch, Graf Wild, Hebe ich, grabe um Emer Fehl r willen. Als mich Euer seliger Herr Vater ht segensvoller Stunde dazu berief, beit beiden prächtigen Söhnen Lehrer zu fein, trat ich mein Amt mit Freudm an, und mit Freuden und Stolz legte ich es wieder nieder, als bie Jünglinge hinauszogen, die Weit kennen zu lernen."
Der greife Schreiber lächelte.
„Graf Ruft war der Fleißigere, der Ruhigere. Ihr aber, Graf Wlld, schlichet Euch durch Uecermut, Trotz und stürmische Neigung zu Eurem Berater und Führer in mein Herz."
Graf Wild hatte sich abgewandt und starrte zum Fenster hinaus, wo aus weiter Feme die Türme der Bärenburg herübergrüßten. Dort unter den allen Eschen hotte er seine köstliche Jugend oertobt. Es waren herrliche Jahre gewesen.
„Nur manchmal, wenn Ihr es zu arg treiben wolltet, nahm meine Hand Euch ein wenig ans Ohr. Ganz leise mir, mehr warnend als strafend, und nie lehntet Ihr Euch gegen i. ich auf."
Obadias seufzte.
„Dann aber wurdet Ihr groß, wuchset über mich hinaus und nun bin ich Euch nur noch der alte Schreiber, den man wohl holt, wenn man ihn nötig hat, dem Freunde und Lehrer aber gäbet Ihr lange schon den Laufpaß."
Wild drehte sich kurz herum. Der verbissene Zug war aus seinem Antlitz verschwunden.
„Obadias, laßt es wieder fein wie damals, nehmt mich ruhig einmal wieder an di« langen Lauscher, die die guten Lehren wohl hinein, ober auch viel zu rasch wieder hinaus ließen. Was soll ich tun?"
Der kluge Schreiber wollte die Gunst der Stunde nutzen. Er forderte daher nur bas, was für den Augenblick erreichbar war, nämlich Verhandlungen mit Mosch Veigelstamm, Frist zu geben.
Der Stadischreiber kannte Graf Wild Bärenhaupt. Wohl war Gottesfriede im Land und schwere Pön droht« jedem, der chn brach. Trotzdem war Wild der Monn dazu, den drängenden Gläubiger von seinem treu ergebenen Durggesinde so abferiigen zu lassen, daß kein Knochen des Handelsmannes heil blieb. Das muhte unter allen Umständen verhindert werden. Die Zeiten waren Darüber, wo der Fausthandschuh der Rllter nach den Ware« der Kaufherren griff und ungestraft bie Pfefferfäcke ins Verließ warf, bis bas schwere Lösegeld kam, bas auf lange Zeit hinaus ein sorgenfreies Dasein verbürgte. Man lebte damals in der ärmsten Burg forgenftei rote der Vogel auf dem Felde und fand in fremden Scheuern feine Atzung.
(Fortsetzung folgt.)
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