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FuldaerZertung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.

Nr. 204.

Verantwortlich iür die Echriftleitimg i. Bertr.: Anton Wetzler- Anzeigen: J-Barzeller. Selbe. Rotationsdruck und Verlag der Jnldaer Actienbrnckerei in Sulbo. Fernsprecher Nr- 9. r. Monatlicher Bemgsvreis: 1.50 Mk.

Dienstag, 2. September 1924*

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51. Zahrg,

§Sr Volk und Vaterland!

Wäre unser Volk politisch reif, so würde die parlamentarische Basis, die sich bei der entscheiden­den Abstimmung über die Londoner Gesetze heraus­bildete, die gegebene. Eine Front von der gemäßig­ten Rechten über die Mitte bis einschließlich der gemäßigten Linken wäre schlechthin unangreifbar.

Aber bei der fast ausschließlich parteipoli­tischen Einstellung weitester Schichten des deut­schen Volkes bleibt ein solches Ziel fürs erste ein unerfüllbarer Wunsch. Schier mehr noch als die speziell parteipolitischen Gegensätze sind es wirt­schaftliche Meinungsverschiedenheiten, Interes­sengegensätze, die der Verwirklichung solcher Ge­danken hindernd im Wege stehen.

Und doch müssen wir, wenn wir den Reichstag arbeitsfähig erhalten und ihn nicht schon in weni­gen Wochen wieder vor die Gefahr eines Zusam­menbruchs stellen wollen, zur Schaffung einer brei­ten parlamentarischen Basis kommen. Eine Fort­dauer der Zustände, wie sie sich zuletzt im Reichs­tage entwickelt haben, Zustände, die den Reichstag zu einem Tollhaus machten, sind nicht länger halt­bar. Gelingt es nicht, durch scharfe Maßnahmen und gegebenenfalls durch eigene gesetzgeberische Mirkehrungen Bürgschaft dagegen zu verschaffen, daß Abgeordnete, die ihre verfassungsmäßigen Rechte ausüben, nicht in Lebensgefahr kommen, dann ist es schon besser, daß man diesen Reichstag dennoch so rasch als möglich nach Hause schickt. Man sollte meinen, daß aus den Szenen der letz­ten Tage alle Parteien gelernt haben sollen und daß sie nun auch bereit und entschlossen sind, rück­sichtslos die Konsequenzen zu ziehen. Sie sind das nicht nur derWürde des Hanfes", sondern in erster Linie der Würde des ganzen deutschen Volkes schul­dig. Kann diese Bürgschaft nicht gegeben werden, dann wird das deutsche Volk gebieterisch verlangen, daß sein Wille respektiert wird und daß, wenn der jetzige Reichstag dazu unfähig ist, eben eine neue Entscheidung herbeigeführt werden muß.

Ein klägliches Armutszeugnis wäre eine solche Entwicklung für den jetzigen Reichstag. Wir möch­ten immer noch hoffen und wünschen, daß er sich dieser Schande nicht aussetzt. Das ist aber nur dann möglich, wenn man auch innerhalb der Par­teien zur Besinnung kommt. Der Reichstag des 4. Mai ist um deswillen arbeitsunfähig, weil der Radikalismus in ihm triumphierte. Ein Radikalis­mus, dem es nur darauf ankommt, zu vernichten und zu entzweien. Opposition ist gut, nützlich, ja unerläßlich. Eine verantwortungsbewußte Oppo­sition kann die Politik der Regierung nur stärken. Aber eine solche Opposition muß so gestaltet sein und derart sich betätigen, daß sie fähig ist, selber die Führung der Geschicke zu übernehmen. Will oder kann sie das nicht, dann wird eine solche Opposition zur Gefahr für den Bestand der Nation.

Und das Problem der Gesundung unserer inner- politischen Verhältnisse ist dieses: den Radikalismus in den Flügelparteien auszumerzen und die gründ- fätzlich radikal eingestellten Parteien aktionsunfähig zu machen. Die Deutschnationalen werden ebenso Art und Maß einer gewißen Opposition in ihren eigenen Reihen zu prüfen haben, wie die Sozial­demokraten darauf bedacht sein müßen, den nach links drängenden radikalen Flügel zur Mäßigung zurückzurufen. Gelingt es auf beiden Seiten und wird man sich hn Lager der Parteien daran ge­wöhnen, Tatsachenpolitik zu machen, und, so schwer das im einzelnen auch sein mag, Gefühle auszu­schalten und nur den Verstand und die Vernunft sprechen zu lassen, dann werden wir ein recht be- trächtliches Stück vorwärts kommen.

Die jetzige Abstimmung im Reichstag kann nach dieser Richtung hin nicht ohne Folgen und Aus­wirkungen bleiben. Politik ist kein unverrückbares Dogma. Man muß mit den gegebenen Verhält- niffen und mit vorhandenen Machtfaktoren rechnen und ihrem Wechsel sich anpassen. Das Ziel nur muß das gleiche fein: Alles für das Volk, alles für das Vaterland. ,

Die Unterzeichnung in London.'

Im Auswärtigen Amt fand am Samstag die Unterzeichnung des Schlußprotokolls der Lon­doner Konferenz statt. Für Deutschland unter­zeichnete Botschafter Dr. Sthamer, für Frankreich Botschafter Graf Saint Aulair, für Belgien Bot­schafter Baron Moncheur, während die englische Unterschrift durch den Unterstaatssekretär des Aus­wärtigen Amtes, Sir Ehre Crwoe, abgegeben wurde. Es wurde zunächst die zweite Anlage, die das Ab­kommen zwischen der deutschen Regierung und der Reparationskommißion betrifft, von den Vertretern Deutschlands, der alliierten Mächte und der britischen Dominions unterzeichnet, nachdem die erste Anlage bereits während der Konferenz vom Reichskanzler und den Vertretern der alliierten Mächte unter­zeichnet worden war. Hierauf erfolgte die Unter­zeichnung der dritten Anlage, nämlich be8_ Ab­kommens von Deutschland mit den alliierten Mächten hinsichtlich der Durchführung des Sachverständigen­gutachtens und der vierten Anlage, die, da sie ein interalliiertes Abkommen betrifft, nur von den in der Reparationskommißion vertretenen Mächten unterzeichnet wurde.

Glückwünsche an -en Reichskanzler,

Der Deutsche Industrie- und Han­de l s t a g spricht dem Reichskanzler und der Reichsregierung seine lebhafte Genugtuung und feine aufrichtigen Glückwünsche aus, daß trotz der entgegenstehenden großen Schwierigkeiten die Zu­stimmung des Reichstages und Reichsrates zu dem Londoner Abkommen erteilt worden ist. Mit dem Dank an die Vertreter der Reichsregierung für ihr AjMewußtes und weitblickendes Handeln verbindet

der Deutfche Industrie- u. Handelstag den Wunsch, daß diese Entschließung trotz der ungeheuren Lasten, die von uns übernommen worden sind, den Anfang eines Wiederaufstiegs unseres Volkes bilden und eine neue Aera der Völker­verständigung einleiten möge.

Von der Rheinischen und der Kölner Zentrumspartei wurde an den Reichskanz­ler Marx folgende Drahtung gerichtet:Herzliche Glückwünsche zum politischen Erfolg und wärmsten Dank, daß Sie durch rastlose Arbeit und zähe Klug­heit in der Verfolgung des gesteckten Zieles dem befetzten Gebiet. Ihrer rheinischen Heimat, wenig­stens die bittersten Fesseln weggenommen und da­durch die Einheit des Reiches gewahrt haben. Wir verbinden damit den Wunsch und die Bitte, daß Sie noch lange das Steuer des Reiches in der Hand behalten mögen."

Der EinLrnck im Kurlands.

Die Pariser Preße sieht mit Genugtuung in der Abstimmung des Reichstages den ersten Schritt zur Durchführung des Dawesplanes Sie stellt fest, daß Deutschland damit die von ihm in London eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen begonnen hat.

Die Erledigung des Londoner Abkommens durch den Reichstag wurde in Zürich durch Extrablätter bekanntgegeben. Sämtlicke Schweizer Blätter sind einig in der scharfen Verurteilung der Taktik cher Deutschnationalen vor ihrem Umfall, ebenso ewig aber auch in der starkenAnerkennung des Abftimmungs-

.World' und ,New-Aork Herald' aus Washington melden, ist Co o li d g e über die Annahme des Dawesplanes durch denReichstag sehr b e f r i e d i g t. Der Präsident betrachte die Annahme als einen Vorboten der Besserung der Geschäftslage der Industrie und der Finanzlage in Auterika und Europa.

ImMhmg »er Mmer

Die Räumungssristen.

Mit der Unterzeichnung der Konferenzprotokolle haben die für die Durchführung des Dawesplans festgefetzten Fristen ztt laufen begonnen. Demgemäß wird zunächst am 9. September die Erhebung von Abgabeq an der zwischen, dem besetzten und unbe­setzten Gebiet errichteten Zollinie aufgehoben. Die Zollinie soll spätestens am 21. September be­seitigt sein. Weiterhin wurde noch im Laufe des Samstags von bett. Regierungen Frankreichs und Belgiens die militärische Raumttng der Zone Dort«und--Hörde, sowie die außerhalb des Ruhrgebietes seit dem 11; Januar 1923 besetzten rechtsrheinischen Gebietsstreifen ängeordnet. die Räumung auf Grund des an den Reichskanzler ge­richteten Briefes vom 15. August gleichzeitig mit der wirtschaftlichen Freigabe dieser Gebiete erfolgen sM, würde die wirkliche Zurückziehung der Truppen zum mindestens in der Zone DortmundHörde einige Seit in Anspruch Nehmen, dort die französischen isenbahner wahrscheinlich »och bis Mitte Oktober verbleiben werdest.

Der Derkchr mit dem besetzten Gebiet.

Neber bett Zeitpunkt bet Aufhebung der Paßbe- stimmunaen zwilchen dem besetzten und unbesetzten Gebiet Hegen bisher an bett amtlichen deutschen Stellen keine Mitteilungen vor. Doch rechnet Man bet der Interalliierten Kommission in Koblenz da­mit, daß spätestens Lis zum 10. September die Neu­regelung des Perlonenverkchetz Mit dem besetzten Gebiet praktisch zur Durchführung kommt. Von diesem Zeitpunkt an soll sich bet Personenverkehr dann in der gleichen Welse wie bot der Ruhrbe- setzttttv abfpielen. Für bett Ausritt in die besetzten Gebiete wirb wieder bet eiutacho deutsche Per­sonalausweis genügen. Gleichzeitig tflit oer Frei­gabe des Personenverkehrs dürfte auch die Zoll­schranke fallen.

Der Reparationsageitt

Offizielle Sitzung der Repko in Paris.

Die ReparationSkommUiou hat alsGeneral­agenten für Reparationszahlungen" den Amerikaner Owen Ioung, den Hauptmitarbester an dem Dawes-Gutackten, bestellt. Owen Aoung kann die Tätigkeit des Generalagenten aus privaten Gründen voraussichtlich aber nur für einige Monate über­nehmen, solange, bis die Richtlinien für die Tätig­keit des Generalagenten feftgelegt sind, und daS reibungslose Zusammenarbeiten mit den beteiligten deutschen Stellen sichergestellt ist. Owen Zsouna wird feinen Posten sofort antreten und zwar zunächst in Paris «nd dann in Berlin. Die Repko hat außer- dem noch ernannt: znm Treuhänder für die Eisen- bahnobligationen den belgischen Hauptdelegierten Delacroix, den sie gebeten hat, seine bisherige Funk­tion zu behalten, züm Treuhänder für die Jndustrie- obligationen den Italiener Nogara und zum Kom­missar für die Pfändereinkünste den bisherigen Generalsekretär der Repko Max Fadhen, der sein bisheriges Amt aufgibt. Owen Aoung und die übrigen Beamten reisen am Mittwoch nach Berlin.

Die vom Reichstag angenommenen Gesetze zu den Londoner Abmachungen sind durch Kurier nach Paris gebracht worden und werden am Montag der Reparationskommission übergeben werden. Nach den in Berlin eingegangenen Mitteilungen ist an­zunehmen, daß die'Reparationskommission am Mon­tag in einer offiziellen Sitzung sich mit den Gesetz­entwürfen befaßen und die erste Feststellung gemäß der Anlage 3 des Londoner Protokolls treffen wird, fodaß die dort feftgelegten Fristen von diesem Tag an laufen werden.

wtb Paris, 1. Sept. (Tel.) Derpellt pa- risien" meldet aus Washington, Präsident Loolidge hat den Wunsch bekundet, daß auf der pariser fion- ierear für die Verteilung der deutsche« Repa­

rationszahlungen Amerika nicht nur durch die amerikanischen Botschafter in Paris und London, sondern auch der offiziöse Delegierte in der Reparationskommission, Logan, vertreten sein wird.

6n6e her rWWn SgMMtt

Staatsanwalt Gellin erklärte auf der franzö- fischen Delegation in Speyer dem dorthin berufenen Zentralausschuß derRheinischen Arbeiterpartei", daß dieRheinische Arbeiterpartei" sofort aufzulösen sei. Die Auflösung müße vollständig und restlos mit sofortiger Wirkung geschehen. Die einzelnen OrtSgrUPPensührer haben daraufhin be­reits mit der Durchführung der Auflösung begonnen, indem sie die Mitgliederausweise, einziehen und [bet* nichten.

Frankreich und die Uriegsschuldsrage.

Das Ministerium des Aeußern veröffentlicht folgende Mitteilung: Die französische Regierung hat noch keine offizielle Mitteilung von der öffent­lichen Erklärung erhalten, die der deutsche Reichs­kanzler über die Verantwortlichkeit am Kriege ab­gegeben hat. Die französische Regierung wird, wenn diese Mitteilung an sie gelangt, unverzüg- lich die notwendige amtliche Antwort an Berlin gelangen laßen. Schon jetzt protestiert die Presse gegen die These, die sich nicht nur an den offensichtlich bestehenden Tatsachen, sondern auch an den formellen Ausdrücken des Versailler Vertra­ges stoßt, daß heißt an einer causa judicata, an den Ausdrücken, wie sie Lloyd George namens der Alliierten am 3. März 1921 gebraucht hat. Die öffentliche Meinung der Welt weiß, daß genau vor 10 Jahren Deutschland plötzlich ein helden­mütiges Land angegriffen hat, das feine Neutrali­tät schützen mußte, und daß Frankreich, um seinen Friedenswillen zu beweisen, in spontaner Weise seine Truppen 10 Kilometer von seiner Grenze zurückgezogen hatte. Diese Tatsachen leugnen, hieße der Sache des Friedens einen schlechten Dienst erweisen.

Deutscher Reichstag.

Ablehnung der Amnestiemtiräge.

Begin« bet Fetten.

Auf der Tagesordnung der Samstagsfitzung stand zunächst die Abstimmung zur zweiten Lösung über bte Amnestieanträge der Kommunisten, Nationalsozialisten und Sozialdemokraten. Nach einer längeren Geschäfts» Drbnungßbebatte über die Art der Abstimmung wurden

die einzelnen Gesetzenttoürfe und Abänderungsanträge mit wechselnden Mehrbeiten abgelehnt. Da sämtliche Paragraphen in zweiter Lesung abgelehnt sind, entfällt die dritte Lesung.

An zweiter Stelle stand auf der Tagesordnung die erste Lesung des Gesetzes über Zölle und Umsatz­steuer. Es entspinnt sich auch hier eine Geschäfts­ordnungsdebatte. Abg, Lobe (S.) beantragt Absetzung von der Tagesordnung und Vertagung der Beratung. Die sozialdemokratische Fraktion erblicke in der Ge­staltung der Handelspolitik eine der wichtigsten Be- dingungen für die weitere Entwicklung der deutschen Wirtschaft, namentlich für die Lebenshaltung und die Arbeitsmöglichkeiten der breiten Massen des deutschen Volkes. Besonders die Handelspolitik erfordere deshalb eine streng fachliche, die gesamte Volkswirtschaft, iusbe- sondere alle Arbeiter, Angestellten, Beamten und Rentner berücksichtigende Behandlung. Eine überstürzte Be­handlung sei nach Lage der Verhältnisse nicht nötig und nicht angebracht. Abg. Becker-Hessen (D. Vpt) hebt hervor, daß durch das Verhalten der Sozialdemo, kratie die Möglichkeit verzögert werde, zn Handelsver- tragsverhandlungen zu kommen. Das schade gerade dem arbeitenden Volke und der deutschen Wirtschaft im Allgemeinen. Dieser Kurs der Sozialdernokratie sei der erste Versuch der Sabotage der Londoner Ab­machungen.

Vor der Abstimmung ergibt sich die Beschlußunfähig, keit des Hauses. Der Präsident beruft eine neue Sitzung mit der gleichen Tagesordnung ein und vertagt, da auch diese Sitzung nicht beschlußfähig ist, den Reichstag bis zum 15. Oktober. Der Präsident wird jedoch ermächtigt, eine Sitzung früher oder später einzuberufen

Deutscher Keich.

* Für General v. Deimling. Der Gauvorstand Hessen des Reichsbanners Schwarzrotgold hat Ge­neral v. Deimling telegraphisch für fein Eintreten für Republik und "Weimarer Verfassung gedankt und ihn gegenüber den niederträchtigen Angriffen seiner Gegner der unveränderlichen Hochachtung der Front­soldaten versichert.

KuriWd.

* Die Verwicklungen in China. Britische, japa­nische und amerikanische Kriegsschiffe sind vor Schang­hai eingetroffen. Der Krieg zwischen den Provinzen Tfchekiang und Kiauchi erscheint unvermeidlich, wenn nicht der Militärtzouverneur Lu Du en Hsiaug freiwillig auf die Kontrolle von Schanghai verzichtet. Aus Mulden verlautet, daß der dortige ÄUlitär- besehlshaber Truppen zusammenzieht, um Lu $)uen Hsiang zu unterstützen, während Marschall Ä)u- peifu Truppen in Bewegung setzt, um Tschi Hfi Iuang zu unterstützen, der beabsichtigt, Schanghai wieder zu nehmen. In Kanton haben zwischen den Truppen Sunjatsens und Freiwilligen bereits Kämpfe stattgesunden.

63. toeraWmntoo Der Katholiken IeuMM

Die Begrüßungsversammlung.

in Hannover

Die Aongreßstadk Hannover.

Der diesjährige Tagungsort des deutschen Katholikentages ist die alte Welfenstadt Hanno­ver, eine Diasporagroßstadt, tn der nur ein Zehntel der Einwohnerschaft sich zum katholi- ten Glaube» bekennt. Und doch! Die ganze adt steht im Zeichen des Katholikentages. Hannover fühlt sich als Kongreßstadt im be- sonderen Sinne. Es hat Versammlungsräume, wie sie selten anzutreffen Md. Auch die Unterbringung der Gäste läßt sich hier in großzügiger Weise er- ledige«. Zahlreiche erstklassige moderns Gasthöfe stehen zur Berfüguna. Deshalb hatten auch vor einer Woche die deutschen Sänger in Hannover Einkehr gehalten. Der Katholikentag hat den überaus reichlichen Straßenschmuck, Fahnen und Kranzgewinde, herübergenommen. Und jeder Be­sucher der Katholikentagung fft freudig überrascht von dem festlichen Bilde. Rur der Regen, der böse Regen! Am Samstag morgen freilich hatte er eine Pause gemacht und die Sonne lachte. Da erst kann Hannover seinen ganzen Reiz entfalten. Alte und neue Stadtwinkel überbieten sich in städtebaulichen Ueberraschungen. Welche Fülle von geschichtlichen Erinnerungen knüpfen sich an die alten Baudenkmäler, die namentlich an den Ufern der Leine aufragen. In Hannover ist aber nicht nur das schön, was aus vergangener Zeit geblieben ist, auch die neuen Generationen ha­be» M kirchliche» und profanen Bauten ganz Be­deutendes geschaffen, Straßen und Plätze, Parks und Anlage» reizvoll gestaltet. Uns aber zieht es, vorbei an all dem Schönen, was die Architektur bietet, an all dem Interessanten, was in den Läden und Hallen von rührigen Handelsherren aufgesta­pelt ist, HM nach der Kirche in der Marfchnerstraße, zur Mari enkirche, wo vor dem Chor des Hauptaltars der sterbliche Teil unseres L u d w i g W i n d t h o r st der Auserstehung harrt. Z u m Grabe WindtHorsts! Ihm gelte der erste Gruß, ihm, der großenkleinen Exzellenz", dem Vorkämpfer für Wahrheit, Freiheit und Recht, dem Schöpfer jener staatspolitifchen Idee, die auch heute Deutschlands Grundlage sein muß, wenn das Reich in Eintracht bestehen soll. Viele, viele, Geistliche und Laien, Junge und Alte, alle ge­schmückt mit dem hübschen Abzeichen des diesjähri­gen Katholikentages, dem sog. Dernwardkreuz, sind auf gleichem Wege zum lebenspendenden Grabmal des großen Führers, zum Diafporagottes- Haus, der hl. Jungfrau geweiht. Sie alle fühlen wohl, daß für den deutschen Katholiken das Windt- horstgrab eine Stätte fruchtbaren Nachdenkens ist über die Mission, die heute zu erfüllen ist, der auch der Katholikentag M widmen will.

Am Nachmittag des Samstag war in her­kömmlicher Weise die katholische Presse im Augustinus verein versammelt, um vor Be­ginn der großen Tagung im engen Kreise wichtige Tagesfragen zur Besprechung zu bringen, lieber die politische Lage berichtete Reichspostminister Dr. Hoefle. Die Aussprache, die sich anschloh, fand erst ein Ende, als es hohe Zeit war, zur Be- arüßungsve rfammlung zu fahren. Trotzdem es in Ströme» regnete und deshalb die Feier nicht, wie es vorgesehen war, in den herrlichen Anlagen, die die Stadthalle umgeben, abgshalten werden konnte, kamen Tausende. Die Ausstellungshalle, ein Riesen­bau, nahm sie alle ohne Schwierigkeiten auf. Der Kampf um den Platz, der sonst aus Katholikentagen am Begrüßungsabend die Losung der Stunde war, bleibt uns diesmal erspart. Die Ausmaße der Hannoveraner Festräume sind erstaunlich. Trotz des gewaltigen Hallenraumes stand die Festoer- sammlung bald in innigem Kontakt mit der Red­nerbühne, um die sich ein Kreis hervorragender Persönlichkeiten gebildet hatte. Die Begrüßungs­ansprache voll zündender Kraft hielt Oekonomierat Steiger, Hannover, der Präsident des Lokal­komitees. Er schilderte kurz die Geschichte der kath. Gemeinde in Hannover, hob hervor, daß die Be­hörden und vor allem auch die andersgläubige» Mitbürger das kühne Unternehmen des Hannoveri­schen Katholikentages unterstützt und möglich ge­macht hätten und gedachte des großen Windthorst in seiner Bedeutung für das katholische Deutschland. Dankesworte richtete er nach Rom, an den Papst, der in der Stunde deutscher Not eine Fülle von Liebe über uns ausgeschüttet habe. Ein unvergeß­licher Augenblick wars, als die gewaltigen Massen in das Hoch auf den hl. Vater jubelnd einstimmten und dann ebenso dem deutschen Reiche, unserem lieben Vaterland, ein Hoch ausbrachten.

Dann sprach der Oberpräsident dei ProvinzHannover, der bekannte sozialistische Führer und Reichswehrminister in kritischer Zeit, R o s k e. Er hieß den Katholikentag in der nieder­sächsischen Heimat willkommen. Nach seiner festen Ueberzeugung würden die Beratungen, die vom Katholikentag gepflogen würden, bestimmt sein und dazu" dienen, dem deutschen Bolke zu nützen. Er wisse aus der Zeit seiner parlamen­tarischen Tätigkeit die Mitarbeit der führenden Männer zu würdigen, die aus dem katholischen Volke heroorgegangen sind. Wenn er auch einer anderen Weltanschauung zugewan^t sei, so spreche er doch offen aus, daß in sittlicher, geistiger und sozialer Hinsicht das katholische Volk ein hetvo r- tAaenber Mitarbeiter je i im Dientzs