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Ful d a er Z ert un g

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.

Nr. 203.

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Sonntag, 31. Kugust 1924.

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51. Zahrg.

Die Dawesgesetze angenommen.

Ein Sieg der politischen Vernunft. Kein Kuhhandel um Regierungssitze.

Der Reichstag hat mit 314 gegen 127 Stim­men das Reichsbahngefeh angenommen. Die erforderliche Zweidrittelmehrheit ist somit er­reicht. Da auch die anderen Ausführungsgesehe Angenommen sind, kann der ganze Londoner Pakt mit den vorgesehenen Fristen vom 1. Sep­tember ab in Wirksamkeit treten.

Nach fünf Jahren unablässigen Ringens, das oon uns allen schwere persönliche und materielle Opfer forderte, das uns seelisch oft bis an den Rand der Verzweiflung brachte, stehen wir heute, nachdem der Reichstag dem Londoner Werk nun­mehr trotz tausenderlei Bedenken im einzelnen zu­gestimmt hat, auf einem neuen Boden.

Die Hoffnung des ganzen deutschen Volkes be­gleitet dieses Werk und die erdrückende Mehrheit des Volkes begrüßt die Reichstagsentschließung. Sie begrüßt sie umsomehr, weil sie weiß, wie har­ter Kämpfe es bedurft hat, um jedem, der sein schicksalsschweres Ja in die Urne warf, diese Ent­scheidung auch innerlich abzuringen.

Nur der felsenfeste Glaube an die Zukunft un­seres Landes und das Vertrauen zu den lebendi­gen Kräften unserer Nation und zu unserer eigenen Entschluß- und Tatkraft mußte die Entscheidung S" "gen. Und nur in diesem Geiste aber auch wird Entscheidung zum Segen für das ganze deutsche Volk gereichen.

Ein Anfang ist's! Nach außen, indem erwartet wird, daß alles das, was an Wünschen und For­derungen der deutschen Nation noch übrig bleibt, in einem neuen Geiste, der uns lossagt von der Gewalt, und nur dem Frieden, der Gerechtigkeit und der Freiheit dienen will, sich vollzieht. Aber auch nach innen soll's ein Anfang sein, ein Anfang zur wirtschaftlichen und politischen Gesundung. Ein Anfang um den Zusammenschluß jener, denen über alles das Wohl des Ganzen, das Wohl des Volkes und der Nation geht, voll­ziehen zu können.

Die nächsten Tage schon werden zeigen, ob die Hoffnungen des deutschen Volkes enttäuscht wer­den sollen, oder ob nun wirklich Deutschland in bie 21 ero des Friedens eintreten kann, den es nun schon seit einem Jahrzehnt entbehren muß.

Die letzten Stunden vor der Abstimmung waren gekennzeichnet durch eine schroffe Kampfstellung der Völkischen gegenüber den Teutschnationalen. Die inzwischen hinter den Kulissen geführten Verhand­lungen ließen immer mehr die Wahrscheinlichkeit erkenne«, daß die Deutschnationalen es nun doch nicht auf das Scheitern der Londoner Gesetze an­kommen lassen würden. Aber auch die Sozialdemo­kraten verfolgten diese Dinge hinter den Kulissen mit dem allerschärfsten Mißtrauen. Der Abg. Breitscheid fragte in offener Reichstagssitzung den Reichskanzler, welches der Preis fei, der bett Teutschnationalen für den Verkauf ihrer Ueber­zen gung gewährt worden sei. Er fragte, ob es richtig sei, daß die Deutschnationalen den Reichs­kanzlerposten und den Rücktritt des gegenwärtigen Kanzlers Marx unter allem anderen verlangt hatten, welches Ansinnen allerdings der Vorstand der Zen­trumsfraktion als indiskutabel abgelehnt hätte. Der Kanzler erklärte namens der Reichsregierung, daß an solchen Verhandlungen kein Mitglied der Reichsregierung beteiligt gewesen fei. Bei bett Sozialdemokraten war sogar eine Strömung, die Gesetze, nachdem die Deutichnationalen die Hinzu­ziehung zur Regierung sich in Aussicht stellen ließen, abzulehnen.

Erklärungen des Reichskanzlers.

Vor Beginn der Beratung erklärte Reichs­kanzler Marx zu den von verschiedenen Parteien vorliegenden Anträgen u. Entschließungen namens der Reichsregierung folgendes:

Die Anträge beziehen sich in erster Linie auf das Schicksal der besetzten Gebiete. Die Reichsregierung kann sich die Grundgedanken, aus denen diese Anträge heroor- gegangen sind, durchaus zu eigen machen. Sie hat es stets als das wichtigste Ziele ihrer internationalen 23cr= Handlungen über bas Sachverständigengutachten ange­sehen, mit der Uebernahme der darin sestgesetzten Der- pflichtungen die Befreiung oon Rhein und Ruhr herbei­zuführen. Solange dieses Ziel nicht erreicht ist, wird die Reichsregierung das schwere Opfer, das dem deutschen Volke mit den Lasten des Gutachtens zugemutet wird, als vergeblich anfehen müssen. Die Reichsregierung glaubt nach dem Verlauf der Londoner Konferenz daraus oertvcmen zu können, daß dieses Ziel der Befreiung schon vor dem Ablauf der in London vorgesehenen Maximalftist von einem Jahre erreicht werden wird. Jedenfalls wird sie alle ihre Kräfte dafür einsetzen, daß dieses geschieht.

Die Annahme der Londoner Vereinbarungen wird ihr die Grundlage dafür geben, mit allen ihr zur Ver­fügung stehenden Mitteln daraus hinzuwirken, daß alle über den Vertrag von Versailles hinaus besetzten Gebiete schon erheblich vor dem Ablauf jener Maximalfrist geräumt werden, und daß in den alt­besetzten Gebieten eine loyale utnd gerechte Handhabung des Rheinlandabkommens sichergestellt wird. Solange dies nicht geschehen ist, ist die Befürchtung begründet, daß die normale Durchführung der wirtschaftlichen und finanziellen Bestimmungen des Sachoerständigen-Gut- achtens beeinträchtig ist.

Die Reichsregierung nimmt an, daß insbesondere auch die bevorstehenden Verhandlungen mit Frankreich und Belgien über handelspolitische Fragen die Erreichung des Zieles der Befreiung von Ruhr und Rhein beschleu­nigen werden. Die von uns angeftrette Herbeiführung normaler Beziehungen zu Frankreich und Belgien, insbesondere die wirtschaftliche Zusammen­arbeit mit diesen beiden Nachbarländern erscheint uns nicht in dem von uns gewünschten Naße durchführbar.

solange nickst die Räumung des Ruhr- und Sankttons­gebietes durchgeführt ist. Wir werden diesen Gesichts­punkt bei den handelspolitischen Verhandlungen für uns maßgebend sein lassen.

Die Reichsregierung kann sich demnach auch den von der Deutschnationalen Volkspartei gestellten Anträgen in ihrem Grundgedanken anschließen. Sie kann ihnen in­des in der vorgeschlagenen Form nicht zustimmen. Die Anträge sind in die Form einer Suspensivbe- bingung für bas Inkrafttreten ber fionboner Ver­einbarungen gekleidet. Würde diese Form beibehalten, so bestände die Gefahr, daß damit das Ergebnis der Londoner Konferenz zu Fall gebracht würde. Die Reichs­regierung ist daher der Ansicht, daß der Grundgedanke der Anträge in anderer Weise verwirklicht werden muß und auch verwirklicht werden kann.

Weitere Anträge der Parteien beziehen sich auf die Möglichkeit, daß die Lasten des Sachverständigengut­achtens die deutsche Leistungsfähigkeit Übersteigen. Ich möchte in dieser Hinsicht auf die durchaus zutreffenden Feststellungen des Antrags der Deutschen Volkspartei Hinweisen, wonach sowohl der Versailler Vertrag als auch das Sachverständigengutachten und die Londoner Vereinbarungen der Reichsregierung ausreichende Mittel an die Hand geben, jeder Ueberschrei- tung der Grenzen der deutschen Leistungsfähigkeit ent­gegenzutreten. Die Reichsregierung wird, wenn tatsächlich eine solche Ueberschreitung droht, von dielen Mitteln rechtzeitig Gebrauch machen. Wie aber der Herr Reichsminister des Auswärtigen bereits gestern dargelegt hat, glaubt die Reichsregierung nicht, daß es zweckmäßig wäre, sich in dieser Beziehung oon vorn­herein auf bestimmte Fristen festzulegen.

Ich möchte dann noch bemerken, daß die Reichsregie- rung die vom Hohen Hause in der zweiten Lesung an­genommenen Anträge der Deutschen Volkspar- t e i, wie sie jetzt in die Beschlüsse ausgenommen worden sind, durchaus billigt und glaubt, daß auch die Entschließungen, die von der Deutschen Volkspartei vor­gebracht worden sind, ihr eine Grundlage geben, die ihr wertvoll für die Durchführung der kommenden Ver­handlungen ist. Ich darf also die Bitte aussprechen, daß die Beschlüsse der zweiten Lesung auch in der dritten Lesung vom Hause angenommen werden.

Schließlich liegt noch ein Antrag vor, der die Fest­setzung einer Endsumme für die deutschen Ge­samtleistungen fordert. Das Sachverständigengutachten selbst weist in seinen Schlußsätzen darauf hin, daß seine Annahme die Grundlage für ein endgültiges und um­fassendes Abkommen über alle Rexarations- und ver­wandten Fragen bilden würde. Die Reichsregierung wird wegen einer solchen endgültigen Regelung zu ge­gebener Zeit mit den Alliierten in Verhandlungen treten.

Abg. Dr. Dreitfcheid (Soz.) verweist auf die letzten Ausführungen des Abg. Dr. Reichert, die erkennen lie­ßen, daß die Deutschnationalen zum Umfall und zur Annahme des sogenannten Londoner Schandvertra­ges bereit seien, wenn ihnen dafür ein entsprechender Preis gezahlt wird. Der Redner richtet an die Reichs­regierung folgende Fragen: Ist es richtig, daß die Reichstagsfrakiion der D e u t s ch n a t i o n a l e n als Preis für ihren Umfall den Eintritt einzelner ihrer Mitglieder in das Kabinett verlangt hat? Ist es richtig, daß der Deutschnationalen Volkspartei, wenn nicht für diesen Augenblick, so doch für einen spä­teren nach Wochen zu beziffernden Termin, eine solche Umbildung der Regierung durch den Eintritt deutsch, nationaler Minister in Aussicht gestellt ist? Ist es weiter richtig, daß die Deutschnationale Volks- partet heute morgen noch als Hauptpreis für ihren Umfall gefordert hat, den Rücktritt des derzeitigen Reichskanzlers Marx sofort oder in einigen Wochen? Ist es richtig, daß der Vorstand der Zentrumsftaktion dieses Ansinnen als absolut undiskutabel abgelehnt hat, <Abg. Fehrenbach: Nicht!), daß aber die Verhandlungen über den Kaufpreis trotzdem fortgeführt werden? (Abg. Fehrenbach schüttelt mit dem Kopfe.) Was aber auch der Kaufpreis fein mag, es steht fest, daß die Deittfch- nationalen bereit sind, sich daszweite Versail­les" abtaufen zu lassen. (Lebhaftes Hört! Hört!) Wir erinnern uns daran, daß vor garnicht langer Zett ein Vertreter der Deuischnationalen bei einer Ausein­andersetzung mit den Kommunisten hier erklärt hat. Deutschnational sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun. (Heiterkeit.) Sie werden also demSchand­vertrag" um seiner selbst willen zustimmen. Darüber verlangen wir Klarheit vor ber Abstimmung. (Lebhaf­ter Beifall links.)

Reichskanzler Marx kann zunächst nicht sprechen, da bei den Kommunisten und Sozialdemokraten große Un­ruhe herrscht. Nachdem Vizepräsident Dr. Bell nach an­haltendem Schwingen der Glocke endlich die Ruhe wie­der hergestellt hat, erklärt Reichskanzler Marx: Das Reichskabinett hat zu der Frage einer Umbildung der Regierung nicht Stellung genommen. An der Aus­sprache, die darüber zwischen verschiedenen Parteien ge­pflogen sein mögen, war die Reichsregierung überhaupt nicht beteiligt. (Große Unruhe und Widerspruch links.)

Abg. Dr. Breilscheidk (Soz.) fragt fobann: Kann ber Reichskanzler darüber Auskunft geben, ob eins ober bas andere Mitglied des Kabinetts an solchen Verhandlungen und Besprechungen beteiligt gewesen ist und wie der Verlauf dieser Verhandlungen gewesen ist?

Reichskanzler Marx: Nach Erkundigungen, die ich eingszogen habe, hat kein Mitglied des Reichskabinetts an den Besprechungen über Umbildung der Reichsregie­rung, die stattgefunden haben, teilgenommen.

Die abstimmunz-

Mit brennender Ungeduld verfolgen die Abge­ordneten die letzten Stunden vor der Abstimmung. Es fällt auf, daß während der Schlußabstimmungen die Deutschnationalen fast vollständig fehlten. Sie hielten inzwischen immerfort Beratungen ab. Noch bis zum letzten Augenblick war die Situation voll­ständig unsicher.

Inzwischen waren Gerüchte durchgedrungen von Verhandlungen, die auch insofern zu einem Er­gebnis geführt hätten, als die Deutschnationalen gegen bestimmte politische und wirtschaftliche Zu­sicherungen für die Annahme eintreten wollen. Aber etwas sicheres wußte niemand. Nur das wurde in den Parteien zum Ausdruck gebracht, daß Bin­dungen nicht übernommen würden. Auch die persönliche Frage spielte dabei eine Rolle,

nicht zuletzt ging es um den Kanzlerposten, aber hier erklärte insbesondere das Zentrum, daß diese Dinge für die Zentrumspartei vollständig undisku­tabel feien. Daraufhin wurden auch die ursprüng­lichen Forderungen zurückgezogen. Um die Ver­handlungen weiter gedeihen zu lassen, wurde nach Abschluß der Einzeldebatte eine 1'/-stündige Pause eingelegt. Niemals wurde eine Zeitspanne so lang wie diesmal. Und als gegen drei Uhr wieder die Klingeln durch das Haus raffelten, da war es ein Signal, das gewissermaßen befreiend wirkte.

Rasch füllte sich der Saal mit Abgeordneten und Regierungsvertretern, auch das ganze Reichs­kabinett war zur Stelle, die Tribünen überfüllt und in der Diplomatenloge die Vertreter fast sämt­licher ausländischer Mächte, die überhaupt den De­batten dieser Tage mit größter Aufmerksamkeit ge­folgt waren.

Das große Rund des Sitzungssaales ist dicht besetzt. Nur hie und da ist ein freier Platz zu sehen. Unsäglich lange ziehen sich die Abstimmun­gen hin, weil die Kommunisten für fast alle Gesetze namentliche Abstimmung beantragt haben. Die Sozialdemokraten beantragten die Abstimmung in der Form nur für das Reichsbahngesetz.

Zunächst werden die Gesetze in Einzelabstim­mungen vorgenommen. Die Deutschvölkischen su­chen noch einmal in letzter Minute eine Aenderung der Tagesordnung herbeizuführen. Für den An­trag erheben sich nur die Völkischen und die Kom­munisten und dabei ist auch Ludendorff, was so­fort wieder die Ruse im Haus auslöst: Von Ludendorff bis Katz!

Die Einzelgesetze werden nunmehr fast durch­weg mit der gleichen Mehrheit, die von der Deut­schen Volkspartei, das Zentrum, die Demokraten bis zu den Sozialdemokraten geht, angenommen.

Und nun kommt die große Entscheidung, die S ch l u ß a b st i m m u n g, die. namentlich ist. In die großen Urnen fallen die Zettel, die das Schick­sal von Reich und Volk entscheiden! Mit großer Spannung wird jeweils das Ergebnis entgegen genommen. Beim Bankgesetz, beim Gesetz über die Liquidierung der Rentenmarkscheine, beim Jn- dustriebelastungsgesetz und bei dem sog. Aufbrin­gungsgesetz ergibt sich, daß ungefähr 438 Ab­geordnete, also mehr als zwei Drittel der gesetz­lichen Mitgliederzahl, anwesend waren und daß hiervon runD 260 jeweils mit ja, 175 mit nein stimmen. Die Deutschnationalen, die Kommunisten und die Völkischen bringen, wie deutlich zu be­obachten war, jeweils die Neinstimmen auf.

Nun folgt die entscheidende Vorlage zur Ab­stimmung, das Reichsbahngesetz. Man be­merkt, daß eine Reihe von Deutschnationalen mit ja stimmten, so die Abgg. Berndt, Dr. Reichert, Hartwig, Klönne, Baecker (Chefredakteur der Deutschen Tageszeitung"), Wallraf, der Präsident des Hauses, Dr. Spahn-Köln, v. Tirpitz u. a.; rote Neinzettel gaben u. a. die Herren Hergt, Westarp und Schultz-Bromberg ab. Herr Hugenberg, des­sen Entscheidung sehr interessiert hätte, hat sich im letzten Augenblick entschuldigen lassen. Als der Präsident das Ergebnis verkündet, zeigt sich, daß die Zahl der anwesenden Abgeordneten auf 441 gestiegen ist. Völlig überraschend kommt die Feststellung, daß nicht weniger als 314 Abge­ordnete mit j a gestimmt und nur 12 7 rote Karten abgegeben hatten. Ein Vergleich mit der vorherigen Abstimmung beim Aufbringungs­gesetz ergab sofort, daß nahezu 50 deutfchnatiomile Abgeordnete mit ja gestimmt haben mußten. Da von den 106 deutschnationalen Mitgliedern des Hauses rund 100 anwesend waren, hat also tat­sächlich beinahe die Hälfte der Fraktionsmitgliedrr dem Eisenbahngesetz zugestimmt.

Das Ergebnis der Abstimmung wurde von den Kommunisten und Völkischen mit lauten Pfui­rufen ausgenommen. Der ganze Widersinn der deutschnationalen Taktik zeigte sich bei der solgen- den Abstimmung, wo es sich um das Reichsbahn­personalgesetz handelte. "Mit der Annahme des Reichsbahngesetzes hatte die Hälfte der deutsch­nationalen Fraktion die Reichsbahn dem inter- nationaley Kapital ausgeliefert; aber dieselbe Hälfte stimmte dann wieder mit der anderen Hälfte gegen das Reichsbahnpersonalgesetz, das den Beamten, Angestellten und Arbeitern der Reichsbahn die bisher erworbenen Rechte und An­sprüche sichert. Die Vorlage über die Londoner Konferenz konnte in einfacher Abstimmung ange­nommen werden. Der angekündigte kommunistische Antrag, der auf Grund des Artikels 72 der Reichsverfassung die Verkündung der Gesetze um zwei Monate aussetzen lassen wollte, vereinigte nur 72 Stimmen auf sich, also weniger als ein Drittel der Abgeordnetenzahl und war damit abgelehnt.

Von den Entschließungen wurden die­jenigen, die von den Regierungsparteien einge­bracht worden waren, mit Ausnahme der von De­mokraten stammenden, angenommen, die meisten gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, der Völkischen und der Kommunisten. Die deutsch­nationalen Entschließungen wurden fast alle ob­gelehnt. Nur eine, die die Regierung zur Gel­tendmachung der ihr zustehenden Rechtsbeihilfe gegen eine übermäßige Belastung Deutschlands auffordert, erhielt die Zustimmung der bürgerlichen Mehrheit des Hauses, nachdem in ihr die Bestim­mung beseitigt war, daß die gewünschten Schritte der Regierung binnen zwei Jahren zu erfolgen Hätten.

Eine Kundgebung der Reichrregieruns zur Kriegsschuldsrage

Anläßlich der Verabschiedung der Gesetze über die Londoner Vereinbarung hat der Reichs­kanzler folgende Kundgebung erlassen:

Der Reichstag hat mit ben heute gefaßten Beschlüsse» sein Siegel unter bie ßonboner Vereinbarungen gesetzt Damil ist bie Entscheidung getroffen, bie für bas Schick­sal des deutschen Volkes auf Jahre hinaus von maß­gebender Bedeutung fein wirb. Der Reichsregierung ist es Bedürfnis, allen Mitgliedern des Reichstages, die zu diesem Ergebnis beigetragen haben, ihren Dank aus­zusprechen. ÜtHe Beteiligten haben schwere Bedenken überwinden und vielfach sogar persönliche Ueberzeugun- gen zurückstellen müssen, um zur Annahme der Londoner Vereinbarungen zu gelangen. Sa schwer der Entschluß auch jedem Einzelnen geworden sein mag, so mußte er doch gefaßt werden, wenn unserem Vaterlande der Weg in eine bessere Zukunft eröffnet werden sollte. Die Reichsregierung kann und will aber diesen bedeutsamen Augenblick, in dem sie in Durchführung des Versailler Vertrages schwere Verpflichtungen auf sich nimmt, nicht vorübergehen lassen, ohne in der Kriegsschuld- fr a g e, die seit 1919 mit schwerem Druck auf ber Seele bes deutschen Volkes lastet, klar und unzweideutig ihren Standpunkt darzulegen. Die uns durch den Versailler Vertrag unter dem Druck übermächtiger Gewalt aufer» legte F c st st e l lun g, daß Deutschland ben Welt­krieg durch seinen Singriff entfesselt habe, wider­spricht den Tatsachen der Geschichte. Die Reichsregie­rung erklärt daher, daß sie bitte Feststellung nicht an­erkennt. Es ist eine gerechte Forderung des deutschen Volkes, von der Bürde dieser falschen Anklage befreit zu werden. Solange das nicht geschehen ist und solange ein Mitglied der Völkergemeinschaft zum Verbrecher an der Menschheit gestempelt wird, kann die wahre Ver­ständigung und Versöhnung zwischen den Völkern nicht vollendet werden. Die Reichsregierung wird Anlaß nehmen, diese Erklärung ben fremden Negierungen zu» Kenntnis zu bringen.

Zur Haltung der Deutschnationalen findet nur dieDeutsche Zeitung" Worte schärfster Verurteilung. Das Blatt spricht von einem Versagen der Partei und der Parteileitung. Es erklärt: Sie Deutschnationale Volkspartei ist gespalten. Innerhalb der Partei stehen sich zwei Weltanschauungen gegen­über, stehen solche, die an die Verantwortung vor ben kommenden Geschlechtern denken, und solche, für die bie Note der Gegenwart ausschlaggebend sind.Kreuz- zeitung" undDeutsche Tageszeitung" suchen in längeren Ausführungen bie Haltung ber deutschnationalen Fraktion zu rechtfertigen. Vor allem begrüßen sie es, daß nunmehr der erste Schritt zu dem großen Bürgerblock getan sei, daß die Durchführung der Dawesgesetze unter Beteiligung der Deuischnationalen vor sich gehen werde, und Laß Oie Reichsregierung eine Erklärung über die Kriegsschuldlüge abgegeben habe. Besonders das letzte Moment habe die deutschriatianale Fraktion zu ihrer Haltung bejtimmt. DieKreuzzei­tung" sagt dazu: Diese Erklärung, die dem berechtigten Verlangen des deutschen 33ol?cs, endlich von der auf ihm lastenden Verleumdung befreit zu werden, entgegen­kommt, ist das erste Dokument von offizieller Seite, das über diese Schicksalsfrage der Nation herausgebracht worden ist. DieDeutsche Tageszeitung" erklärt, daß am gestrigen Tage die deutsche Regierung den Entschluß gefaßt habe, dm schlimmsten Schandfleck auszutilgen, der seit dm unheilvollen Junitagen des Jahres 1919 auf der deutschen Ehre gelegen habe. Auch derLokal-An­zeiger" begrüßt das offene Wort der Reichsregierung und hofft, daß dem ersten Schritt weitere Sihritte folgen werden.

Sie DölfihHomuime MrMw Mkl.

Aus dem Reichstag wirb uns geschrieben:

Die letzten Stunben vor der Abstimmung bes Reichstages brachten nichts geringeres, als bie völkisch-kommunistische Verbrüderung.

Schon in den vorangegangenen Tagen war das lebhafteste Zusammenspiel zwischen Völkischen und Kommunisten, namentlich auch bei den unerhörten Radauszenen und bei den Schlägereien, die die ausdrückliche Zustimmung der Völkischen von den Reichstagstribünen fanden, beobachtet worden. Am letzten Verhandlungstage nun hat nach der Rede des deutschnationalen Abgeordneten Reichert, aus der sich bereits der Wechsel in der Stellungnahme der Deuischnationalen zu den Londoner Gesetzen ergab, ber völkische Abgeorbnete Wulle die völ­kisch-kommunistische Verbrüderung feierlich prokla­miert. In überaus scharfen Worten wandte er sich gegen die Deutschnationalen, die im Begriff seien, der nationalen Bewegung in Deutschland den To­desstoß zu versetzen. Er feierte dann die Kommu­nisten als ehrliche Gegner, vor denen die Völ­kischen die größte Hochachtung hätten. Diese Erklärung wurde im ganzen Hause mit dem gebührenden Hallo entgegengenommen. Es schmerzte geradezu auch körperlich, dabei zu sehen, wie Ludendorff selber diese völkisch-kommu­nistische Verbrüderung mitmachte und sie unter­stützt. Man unterstrich diese niederschmetternde Tatsache auch erneut durch erregte Zurufe aus den bürgerlichen Parteien. Wulle brachte es bei dieser Gelegenheit auch wiederum fertig, die Schlägerei der Kommunisten zu verteidigen, indem er es förmlich als das Recht eines jeden Abgeordneten bezeichnete, einem Gegner, der nicht der völkisch­kommunistischen Weltanschauung huldigt, das Auge auszuschlagen.

Einen ungemein heftigen Angriff richteten bei dieser Gelegenheit die Völkischen gegen den deutsch­nationalen Präsidenten Wallraf. Diesem haben die Völkischen in einem besonderen Protestschreiben, das Wulle auch im Reichstag zur Verlesung brachte, das schärfste Mißtrauen ausgesprochen, dem das Bedauern beigefügt wurde, daß die Völkischen Wallraf überhaupt gewählt hätten. Wallraf hat sich bie Ungnabe ber Völkischen deshalb zugezogen, weil er den Abgeordneten Graefe zur Ordnung rief, der mit seinen aufreizenden Rufen gegen Brodaus: Heraus mit dem Iudenlümmel! wobei bemerkt sei, daß Brodaus überhaupt kein Jude ist den Anstoß zu der Schlägerei aal»