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Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stabt Fulda.

Nr. 202.

Verantwortlich iür die Schriltleituns: Dr. Johannes Kramer. Anreigen: I- D arreller. Fulda. Rotationsdruck und Verlas der # Fuldaer Bctieudruckerei in Fulda. Fernlvrecher Nr- S. s Monatlicher Bezugspreis: 1.50 Mk.

Samstag, 30. Sugust 1924.

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51. Zahrg.

9er letzte Rchmf des MM.

Die entscheidende Neichstagsfttznng.

Bei Redaktionsschluß ist die Sitzung des Reichs- Niges, in der endgültig abgestimmt wird, noch im Gang. An anderer Stelle geben wir die Rede des Reichskanzlers wider, in der er vor der Abstim­mung nochmals die Stellungnahme der Reichs- eegieruug darlegt. *

Am Freitag vormittag wußte noch niemand, wie ine Stimmen in der um 10 Uhr beginnenden Reichs­tagssitzung fallen würden. Man rechnete und rech­nete und bekam schließlich heraus, daß die schick- salsschrvere Entscheidung von ganz wenigen Stim­men abhängen konnte.

Der Betrachtung ist nach dem Denu^ratischen Zeitungsdienst folgendes zu Grunde zu legen: 204 Gegnern des Londoner Paktes, nämlich den Frak­tionen der Deutschnationalen (106), Deutschvölki­schen (32), Deutfchsozialen (4) und Kommunisten (62), stehen 268 Freunde der Gesetze gegenüber, nämlich die Fraktionen der Sozialdemokraten (100), des Zentrums (65), der Deutschen Volkspartei (44), der Demokratischen Partei (28), der Bayerischen Volkspartei (16) und der Wirtschaftlichen Bereini­gung (15). Eine einfache Mehrheit ist also unbe­dingt vorhanden, dagegen nicht eine Zweidrittel­mehrheit, wie sie der verfaffungändernde Charakter insbesondere des Ersenbahngesetzes verlangt. Für eine Zweidrittelmehrheit sind mindestens 316 Stim­men erforderlich, da der Reichstag insgesamt 472 Abgeordnete zählt. Die Deutschnationalen könnten sogar schon von vornherein die Abstimmung illuso­risch mcuhen, wenn sie nach Verabredung mit den anderen Oppositionsparteien der A b st i m m u n g fern blieb en, da der Reichstag die Verfassung nur ändern kann, wenn Z w e i d r i t t e l der gesetz­lichen Mitgliederzahl anwesend sind. Daß sie zu diesem Mittel der Obstruktion, das bekannt­lich bei der Beschlußfassung über die Ermächtigungs­gesetze versagt hat, auch diesmal greifen werden, ist kaum anzunehmen. Nach der Verfassung müssen dann von den anwesenden Volksvertretern minde­stens Zweidrittel den Gesetzen zustimmen. Wird dies der Fall sein? Bei vollbesetztem Hause m ü ß- t e n, damit die Zweidrittelmehrheit von 316 Stim­men erreicht wird, 50Deutschnationalefür das Londoner Abkommen stimmen; andernfalls müßte die Opposition, wenn sie das Ab­kommen angenommen wissen, aber keine Stimme dafür abgeben will, soweit der Abstimmung fern­bleiben, daß zwar Zweidrittel der Mitglieder an­wesend sind, aber die Anhänger der Vorlage aus eigenem die Zweidrittelmehrheit stellen. Rech­nerisch wäre das möglich. Soweit man schätzen kann, darf man annehmen, daß etwa 27 Deutsch­nationale der Annahme des Abkommens günstig gegenüberstehsn.

In der deutschnationalen Presse mangelt auch bis zuletzt jede Klarheit. Donnerstag abend, also unmittelbar vor der Entscheidung, herrschte in dieser Presse eine K o n f u s s i o n, die gewiß ganz der Sachlage in dervöllig einigen" deuftchnationalen Fraktion entsprach. DieDeut­sche Zeitung" verkündete:

Don allen Seiten versucht man, die stärkste Opposi­tionspartei int Sinne der Annahme zu beeinflussen. Nach wie vor ober ist festzustellen, baß alle diese Ver­suche gescheitert sind. Um falschen Gerüchten und BehökqchiMen entgssgenMÄretön, sei ausdrüMch ver­merk, daß insonderheit auch der Führer der Partei und der FraKion, Hergt, zu den entschiedenen Geg- ner n der Atmahme gehört.

Dagegen gab dieDeutsche Tageszei­tung" ihrem Leitartikel die weniger unbeugsame UeberschriftVrückenschlag?" Und in den einleitenden Sätzen sagte sie, die Situation habe einen gewisten Fortschritt" im Sinne des Brückenschlages" erfahren. DieKreuzzeitung" überschrieb ihren Sitzungsbericht:Ableh­nungsrede des Abgeordneten Dr. Ouaatz." Der Lokalanzeiger" aber erklärte, in der Hoffnung, die peinlichen Neuwahlen doch noch vermieden zu sehen:Hüben und drüben hütet man sich, den letzten Steg von hier nach dort zu zerbrechen." Der Standpunkt der Deutschnationalen ist in diesen ver­schiedenen Darstellungen ihrer Presse ungemein verständlich ausgedrückt. Er schwankt zwischen 3a, ja, nein, nein".

lieber die Sitzung vom Donnerstag wird uns aus Berlin geschrieben:

Nach Tagen außerordentlicher Spannung, fiebe­rischer Erregung und ungeheurer Fnanspruch- nahw.e, nach Sitzungen, in denen eine Aufregung die andere jagte, lag über den letzten Kämpfen des Reichstages ein Gefühl der Ermattung und der Resignation.

Frisch war allerdings der Außenminister Dr. S t r e s e m a n n, als er noch einmal mit trefflichen Argumenten der Opposition zu Leibe rückte:

Heute früh sind die Ausführungen des früheren fran­zösischen Ministerpräsidenten Poincare im Senat gegen die Politik Herriots bekannt geworden. Poincare meint, daß die Erklärung der iranzösischen Regierung, wonach das Wrstlär nur zum Schutz der in das Ruhr­gebiet geschickten Jngenieurkommission entsandt worden sei, in der Gegenwart nicht mehr existiere. Durch den passiven Widerstand habe sich der Charakter der Ruhr­besetzung geändert. Infolgedessen rügte er aufs aller- schärffte das Londoner Räumungsverspre- ch e n, dos in vollem Gegensatz zu Frankreichs Interessen stände. Poincare wandte sich auch gegen Herriot wegen der Räumung der sogenanntenFlaschenhälse" und wei­ter gegen Herriots Erklärung in Bezug auf die Räumung der Sanktionsgebiete. Er gab wörtlich folgende Erklä­rung ab:Die betreffenden Gebiete sind besetzt nach Völkerrecht und wegen der bedrohten Sicherheit der Be­satzungstruppen, und Frankreich ist durch nichts zu ihrer Preisgabe verpflichtet." Poincare wendet sich weiter dl^egen, daß die Räumungsftist bereits liefe und betonte.

daß Deutschland gewisse Verpflichtungen des Vertrages von Versailles nicht erfüllt habe, namentlich bezüglich der sogenannten Kriegsverbrecher. Bezüglich der Kölner Zone erklärt er, Frankreich brauche nur nachdrücklich zu erklären, daß es im Falle der Räumung der Kölner Zone durch England seinerseits dieses Gebiet sofort be­setzen werde. Das Ergebnis der Verhandlungen im fron« zwischen Senat war, daß die Mehrheit des Senats, die früher einstimmig die Politik Poincares wiederholt ge­billigt hatte, ihm nicht mehr gefolgt ist, daß die Mehrheit sich auf den Standpunkt Herriots gestellt hat. In meiner ersten Rede habe ich ausgeführt, daß niemand von uns eine Gewähr dafür bat, wie lange Herriot ein politischer Machtfaktor in Frankreich sein werde. Nach den letzten Wahlen war ziffernmäßig das Ergebnis, wie man es etwa darstellen kann, daß nur etwas über die Hälfte der abgegebenen Stimmen für Herriot abgegeben worden ist, die andere Hälfte für den Nationalismus, der hinter Poincare stand, hinter ihm sicht und noch heute in der Presse und der öffentlichen Meinung eine große Macht hat. An diejenigen, die hier nein sagen und damit das ganze Ergebnis der Londoner Abmachungen in Frage stellen, möchte ich nun mal die Frage richten: Wenn man diese Aeußerungen von Pom- care liest und weiß, welcher Vernichtungswille dahinter steht, vielleicht würdigt man dann etwas mehr, was in London gegenüber dieser Tendenz erreicht worden ist, einer Tendenz, welche glaubt, Deutschland in den Klauen zu haben und es nicht wieder losläßt.

Demgegenüber haben wir eine Erklärung erhalten, nicht nur für die Räumung des Ruhrgebiets, sondern auch für die praktische Durchführung der Räumung. Sie sehen darüber hinaus den Grund­gedanken, der sich durch die Sachverständigengutachten hindurchzieht, eine Lösung der Reparationsfrage zu fin­den, die sie aus der Sphäre der politsschsn Macht und der Unterdrückung heraushebt und fie in die Sphäre wirtschaftlicher Abmachungen hinemhebt. Wenn Sie sich unter diesen Gesichtspunkten das Lon­doner Ergebnis ansehen, dann wird es vielleicht von manchem objektiver betrachtet werden, als es mir bisher in der Diskussion dieses hohen Hauses erschienen ist. Herr Dr. Quaatz hat angeknüpst an Worte, die fo wundervoll für das Gemüt klingen:Nicht fragen, was da­nach kommt!" Für den Staat gilt dieses Zttat nicht. (Zustimmung b. d. Mehrh.) Ich habe den Wunsch, daß die verantwortlichen Staatsmänner des Deutschen Reichs sich stets die Frage vorlegen möchten, was die Folge ihrer Handlungen und Unterlassungen fein wird. (Lebh. Beifall b. d. Mehrh.) Sie werden mir von links und rechts zugestehen, daß wenigstens Lon­don nicht im Geiste bes Pomcarismus gestanden hat. Ich darf Ihnen aber auch sagen für die Zukunft, diese Kammerdebatte in Paris zeigt auch, daß Poincares Geist wieder zu dem herrschenden Geist in Frankreich wird, wenn diese Verhandlungen scheitern. Ich sehe dann zwar, wo der Faden abgerissen ist, wo er aber wieder angeknüpft werden könnte, das sehe ich nicht, wenn wir nicht innerhalb des Parlaments und des deutschen Volkes zu einer Einigung kommen.

Ein Kompromiß zwischen den Parteien dieses Hauses pflegt schon selten zu befriedigen. Ein Kompromiß aber unter Völkern, oas doch noch obendrein unter dem Schatten des Weltkrieges stand, steht noch unter allen Aufwallungen der Völker, und da ist das jetzige Kom­promiß nicht als das fchlechteftmögliche zu bezeichnen. (Sehr wahr! b. d. Mehrh.) Wenn nun auch dieses Kompromiß uns nicht befriedigt, wie es auch scharfe Krittk in Frankreich und Kritik in England auslöst, ist bannt nicht eigentlich der Beweis geführt, daß jede Delegation das Beste herauszuholen ver­sucht hat? Das Kompromiß hat doch auch nicht Ewigkeitswert!

Der Weg von Versailles bis London hat eine starke Aenderung in der Einstellung der Welt zu Deutschland gebracht. Wenn wtt den Weg in eine bessere Zukunft gehen wollen, dann dürfen wir uns nicht weigern, den Boden des Londoner Vertrages zU betreten. (Lebhafter Beifall und vereinzeltes Händeklatschen.)

Stundenlang zogen sich nach Stresemanns Rede die letzten Verhandlungen hin. Als die Kommunisten sprachen, war kaum ein Dutzend Abgeordnete im Saal: Die Tribünen waren wieder vollgepfropft und in der Diplomaten-Loge waren fortgesetzt Ver­treter der ausländischen Missionen zugegen. Scharf wurde geschossen zwischen der Rechten und der Linken. Völkische und Kommunisten indessen hiel­ten sich während der Debatte vollständig zurück. Die Reichsregierung bot nochmals alle ihre Kräfte auf, um für die Gutachten einzutreten. Neben dem Außenminister kam noch der Finanz- und der Arbeitsmini st er zu Wort. Die Mittelpar­teien begnügten sich mit formulierten Erklärungen, die sehr starken Beifall fanden. Das gilt insbeson­dere für die vom Zentrum durch Fehrenbach und die für die Deutsche Volkspartei durch Dr. Zapf abgegebenen Erklärungen. Darin war aus­gesprochen, daß mit dem Rheinland das ganze deutsche Volk die Befreiung von dem Druck ersehnt, der auf ihm lastet und daß darum die Verantwor­tung für eine Ablehnung der Londoner Gesetze von diesen Parteien nicht übernommen werden kann.

Inzwischen konzentrierten sich noch einmal alle Hoffnungen auf das Schicksal der Anträge, die von den verschiedenen Parteien, auch von den Deutsch­nationalen eingebracht waren. Immer noch gab es Unentwegte, die nicht an den Knalleffekt glaubten! ....

Bon den Nationalsozialisten ist folgender Mißtrauensantrag eingegangen:Die Reichs­regierung besitzt nicht das Vertrauen des Reichstags".

*

Wie der ,Lokal-Anzeiger' erfährt, zogen sich die Be­sprechungen zwischen den Vertretern der Regierungs­parteien, der Regierung und den Deutschnationalen am Freitag bis in die späten Nachtstunden : bin. Es handelt sich hauptsächlich um die Möglich­keit einer Einigung über das Ei senbahn« gesetz. Die Besprechungen wurden in strengster Vertraulichkeit geführt.

üfls 5 Wort Oes Ml».

Die Zentrumsfraktion des Reichstages ließ vor der entscheidenden Abstimmung folgende Erklärung durch ihren Vorsitzenden Fehrenbach cbgeben:

Die Fraktion des Zentrums hat ihre sachliche Haltung mehrmals dargelegt. Unsere Wünsche sind in Anträgen und Entschließungen zum Ausdruck gebracht. Wir verkennen nicht die Leiden und Lasten des ganzen deutschen Volkes, besonders der besetzten Gebiets. Die Entscheidung, vor der wir stehen, wächst in ihrer Bedeutung über Einzelheiten hinaus. Sie ist eine politische und berührt auf das tiefste die gesamte Nation, die Einheit und Freiheit Deutschlands. (Sehr wahr im Zentrum). Politische Entscheidungen haben sich an der Wirklichkeit zu orientieren, auch wenn diese hart und spröde ist. In den Ländern der Alliierten und der Neutralen wird das Gutach­ten und der Londoner Pakt als ein internationales Instrument der politischen Entspannung beurteilt, die Ueberzeugung ist allgemein, daß dadurch das Reparationsproblem zum erstenmale der Politik entzogen und in die Atmosphäre ökonomischer Er­wägungen hineingerückt ist. Eine Ablehnung deut­scherseits würde als totale Verkennung der welt­politischen Lage empfunden werden. (Sehr wahr im Zentrum) und würde die lebendig gewordene und wachsende Einsicht in die ökonomischen Zu­sammenhänge der Reparationsfrage stören. Lm Hinblick auf diesen Sachverhalt und unter Würdi­gung der Tatsachen, haben wir seit Jahren die deutsche Politik verantwortlich getragen oder zu beeinflussen versucht, unser Blick war unter Zurück­stellung parteipolitischer und materieller Interessen unverwandt daraus gerichtet, die Einheit des Deutschen Reiches und Volkes zu wah­ren (Lebhafter Veisall im Zentrum). Damit war und ist es unvereinbar, Teile unseres Rei­ches und der Bevölkerung, die an sich schon schwer unter dem Augriss gegnerischer Mächte zu leiden hatten, irgend wie preiszugeben, ihnen außerordentliche La st en auszubürden oder gar zu Reparationsprovinzen herabziehen zu lassen. Wir erklären auch in diesem Augenblick mit allem Nachdruck, daß jede Politik, die auf Kosten unserer besetzten Gebiete verderbliche Experimente machen will, in uns stete unerbittliche Geg­ner gefunden hat und finden wird. (Lebh. Beifall im Zentrum). Die Lasten sollen vom ganzen deutschen Volke getragen werden im Geist der Gerechtigkeit und wahren Volksgemeinschaft (Lebh. Beifall im Zentrum Ruf b. d. Komm.: Amnestie!) Die Bevölkerung des besetzten Gebietes hat in einem Massensturm von Entschließungen ihren Willen unzweifelhaft kundgetan. Sie er­wartet von der Annahme der Londoner Abmach­ungen eine Erleichterung des heutigen unerträg­lichen Zustandes in Industrie, Landwirtschaft und Handel. Arbeiter und Beamte hoffen die Wieder­erweckung des wirtschaftlichen Lebens, das Heer der Arbeitslosen erwartet die Wiederaufnahme der Arbeit. Durch Ablehnung des Londoner Paktes wird Not und Elend vermehrt. Die Verantwortung dafür tragen die­jenigen, die in politischer Verblendung das Ab­kommen ablehnen (Lebh. Zustimmung im Zentr.) Gerade von der rechten Seite, wo man das Wort National" immer im Munde führt, wird die na­tionale Verantwortlichkeit verkannt, und wir weisen das aufs schärfste zurück. (Lebh. Beifall im Zentrum. Abg. Dr. Quaatz (Dnl.) ruft:Wenn man Sie ansieht, darf man da unwillkürlich lächeln?" Abg. Quaatz wird vom Vizepräsidenten Bell zur-Ordnung gerufen.) Das deutsche Volk wird von Ihnen (nach rechts) Rechenschaft fordern, und es wird fein Urteil fällen. (Lebhafter Beifall im Zentrum).

*

DiedeutschnationalenAnträgezum Mantelgesetz laufen darauf hinaus, daß das Gesetz nur in Kraft treten soll, wenn folgende Voraussetzungen erfüllt find: durch feste Abmach­ungen in völkerrechtlich bindender Form ist Sicherheit zu schaffen, daß die über die im Art. 428 des Versailler Vertrages bezeichneten Grenzen hinaus besetzten Gebiete spätestens bis zum 10. Januar 1925 geräumt werden; ferner soll das Gesetz nicht in Kraft treten, solange nicht die Reichsregierung in einer amtlichen, den alliierten Mächten abzugebenden Erklärung das im Artikel 231 des Versailler Vertrages über die Entstehung des Weltkrieges enthaltene, der damaligen deut­schen Reichsregierung abgezwungene Anerkenntnis der deutschen Schuld am Kriege, das den ge­schichtlichen Tatsachen widerspricht, sörmlich wider­rufen hat.

*

Wie Reuter erfährt, soll nach den bisherigen Ver­einbarungen das Londoner Abkommen am Sams­tag mittag im Auswärtigen Amt unterzeichnet werden. Für die britische Regierung wird der ständige Unterstaaissekretär im Außenministerium Er owe unterzeichnen. Die Alliierten und Deutschland werden durch ihre Botschafter und Gesandten vertreten sein.

* Kämpfe in Maro.ro. Nach einem amtlichen Bericht haben am Dienstag auf allen Linien harte Kampfe stattgefunden. Sämtliche feindliche Vor­stöße wurden durch das Zusammenwirken zweier spanischer Kolonnen erfolgreich zurückgeworfen. Alle vorgeschobenen Punkte und Blockhäuser konnten un­gestört verproviantiert werden. Nebel und Rege» verhinderren ein weiteres Vorrücken.

Das belgische Parlament.

Wtb p a t i s, 29. August. (Tel.) Um der Kri­tik zu begegnen, die der Beschluß der Regierung, nach der Londoner Konferenz das Parlament nicht einzuberufen, in Brüssel gefunden hat, hat T h e u - nis folgende HTitfeihmg an die presse ergehen lassen:

Das Parlament hak unmittelbar vor der Kon­ferenz einstimmig der Meinung Ausdruck gegeben, daß Anlaß zu seinem Zusammentritt nur vorliegen werde, wenn die Konferenz scheitern würde. Dena das französische Parlament zusammengekretea ist, so ist dies auf Grund eines vor der Konferenz von Herriot selbst eingegangenen Versprechens geschehen. Außerdem halte die französische Kammer über ge­wisse Gesetze zu beraten, sodaß die parlamentarische Session bei Schluß der Konferenz noch nicht be­endet war.

Anders ist die Lage in Belgien, wo mehrere Parlamentarier dem Ministerpräsidenten ihre Be- ftiedigung über die in London erzielten Ergebnisse bekundet haben. Das Vertrauen, das die Kammer der belgischen Regierung vor der Konferenz aus­gesprochen hat, würde bei ihrem Zusammentritt nach der Konferenz bestätigt werden.

*

wtbp a r i s, 29. Aug. (Tel.) Wie derPetit Parisien" aus Brüssel meldet, wird die belgische Delegation über die Verhandlungen über das" wirtschaftliche Modus-vivendi- Abkommen mit Deutschland am 12. September nach Berlin reisen.

arbeit für MosKau-

Wenn die deutschnationale Opposition mit Hilfe ihrer nationalsozialistischen und kommunistischen Bundesgenossen die Eutachtengesetze zu Fall bringt, dann bleibt das Reparations­problem un g e l ö st, dann sind Zustände zu er­warten, wie sie die Ruhrinvasion mit dem Gefolge ihrer Inflation, Arbeitslosigkeit, Wirtschaftsnot und drohendem Bürgerkrieg gebracht hat. Wemnützt diese Politik? In erster Linie dem Bois chc- w i s m u s, der zur Förderung seiner revolutionä­ren Ziele einen solchen Hintergrund braucht. Diese Zusammenhänge finden wir in einem Artikel der WienerNeuen Freien Presse" vom 22. August besonders klar ausgeführt. Dort heißt es:

Der Moskauer Bolschewismus hat im letzten Jahre gesehen, daß der deutsche Kommunismus trotz wirtschaftlich günstiger Voraussetzungen nicht fähig ge­wesen ist, die Räteherrschaft in Deutschland zu errichten. Er sieht weiter, daß die Londoner Konferenz doch nicht scheitert, vielmehr die Lösung der Reparationsfrage Europa zunächst einmal Ruhe und Ordnung bringt. Hier waren die Gefühle zwiespältig. Man mußte das Gelingen der Konferenz wünschen, weil man vom Kapitalismus Anleihen erhofft, einen wirt­schaftlichen Modus vivendi, die Atempause, die man braucht, da man selber mit dem wirtschaftlichen Latein zu Ende ist und im Bankrott der eigenen Wirtschafts­politik steht. Zugleich aber weiß man, daß der Boden für den Kommunismus nur zu bereiten wäre, wenn das Reparationsproblem ungelöst bliebe, wenn wie­der eine Wirtschaft einreißt, wie im vorigen Jahre in Deutschland als Folge des französischen Ruhreinbruchs mit Inflation, Wirlfchaftsnot, politischer Unruhe . . . Es wird gelten, daß man eine kommunistische Revolution nicht allein durch Agitation in ein Land hineintragen kann, sondern daß diese Agitation nur auf Erfolg hoffen kann, wenn sie an vorhandene Notstände, Unord­nung und Gärung anknüpfen kann."

Besonders interessant an diesem Artikel ist nicht nur der Inhalt, auch der Verfasser. Das ist näm­lich der deutschnationale Reichstag s- ab geordnete Professor Hoetzsch. Die Deutschnationalen haben also für ihre Katastrophen- und Starrsinnspolitik nicht einmal d i e Entschul» digung, daß sie nicht wissen, was sie tun.

Die Rakionalsozialisten gegen Wallraf.

Wie aus parlamentarischen Kreisen vertäuter, hat die nationalsozialistische Reichstagsfraktion an den Reichstagspräsidenten ein Schreiben gerich­tet, in dem sie unter Hinweis auf das Verhalten des Präsidenten gelegentlich der Vorfälle im Reichs­tag, die zur Verprügelimg des Abg. Brodauf führ­ten, und unter Hinweis auf die vom Reichstags­präsidenten im Zusammenhang hiermit vorgenom­mene Maßregelung des Fraktionsvorsitzenden, Abg. Gräfe, dem Präsidenten das schärfste Mißtrauen ausspricht.

Sozialdemokratische Kritik an den Kommunisten.

Dir sozialdemokratischeVolksstimme" in Frank­furt schreibt zu den Prügelszenen im Reichstag:

Die Kommunisten handelten laut Moskauer An­weisung. Brennende Scham überkommt einen, wenn man daran denkt, daß diese unwürdigen Ge­sellen von Arbeitern in den Reichstag geschickt worden sind. Das muß anders werden! Wenn die Arbeiter nicht begreifen, daß Brüllaffen und Raufbolde keine Revolutionäre sind, wenn sie jetzt nicht mit den Kommunisten Schluß machen, so geben sie ihre eigene Sache verloren. Was wir da erlebten, war ein Niedergang ohne­gleichen, ein Verzicht auf jegliche Würde, ein völliges Preisgeben und Jnfchmutztreten aller Ideale der Arbeiterbewegung.

* Herabsetzung der Stärke des japanischen Heeres. DieDaily Mail" meldet aus Tokio, daß die höch­sten Offiziere der japanischen Armee sich mit den Politikern auf einen Kompromiß eingestellt haben, nach dem. das Heer um 50 Divisionen ver­mindert werden soll. Der Vorschlag auf Herab­setzung der Dienstzeit auf ein Jahr soll günstig bs- jurteilt worden fein.