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90$ Haus am Hirschgraben.

Aa Goethes 175. Geburtstag.

Das Goethehaus am Großen Hirschgraben in Frankfurt a. M. ist noch heule das Ziel aller Goethefreunüe, die in der Mainstadt emkehren. 175 Jahre find am 28. August vergangen, seit Frankfurts größt« Sohn in diesem Hause geboren wurde. Von den ersten Jugendjahren, von dem Leben und Treiben in der Vaterstadt hat uns Goethe in „Dichtung und Wahrheit" ein Bild gezeichnet, das in seiner Frische noch heute unübertroffen ist.

Am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage focif, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. r Wenn man sich erinnern will, was uns in der düh^ten Zeit der Jugend begegnet ist, so kommt man Oft in den Fall, dasjenige, was wir von andern gehört, piit dem zu verwechseln, was wir wirklich aus eigner, «ffchauender Erfahrung besitzen. Ohne also hierüber eine genaue Untersuchung anzustellen, welche ohnehin gu nichts führen kann, bin ich mir bewußt, daß wir in einem alten Haufe wohnten, welches eigentlich aus zwei Hurchgebrochenen Häusern bestand. Eine turmartige Treppe führte zu unzusammenhängenden Zimmern, und t>ie Ungleichheit der Stockwerke war durch Stufen aus­geglichen. Für uns Kinder, eine jüngere Schwester und wich, war die untere, weiüäufige Hausflur der liebste Raum, welche neben der Tür ein großes, hölzernes Git­terwerk hatte, wodurch man unmittelbar mit der. Straße und der freien Luft in Verbindung kam. Einen solchen Vogelbauer, mit dem viele Hauser versehen waren, nannte man ein Geräms. Die Frauen saßen darin, um zu nähen und zu stricken; die Köchin las ihren Salat; die Nachbarinnen besprachen sich von daher miteinander, und die Straßen gewannen dadurch in der guten Jah­reszeit ein südliches Ansehen. Man fühlte sich frei, indem man mit der Oeffenllichkeit vertraut war. So kamen auch durch diese Gerämse die Kinder mit den Nachbarn in Verbindung, und mich gewannen drei ge­genüber wohnende Brüder von Ochsenstein, hinterlassene Söhne des verstorbenen Schultheißen, gar üeb und be­schäftigten unb neckten sich mit mir auf mancherlei Weise.

Die Meinigen erzählten gern allerlei Eulenspiegeleien, zu denen mich jene, sonst ernste und einsame Männer, angereizt. Ich führe nur einen von diesen Streichen an. Cs war eben Topfmarkt gewesen, und man hatte i nicht allein die Küche für die nächste Zeit mit solchen Waren versorgt, sondern auch uns Kindern dergleichen Geschirr im kleinen zu spielender Beschäfttgung einge­kauft. An einem schönen Nachmittag, da alles ruhig im Hause war, trieb ich im Geräms mit meinen Schüsseln und Töpfen mein Wesen, und da weiter nichts dabei herauskommen wollte, warf ich ein Geschirr auf die Straße und freute mich, daß es fo lustig zerbrach. Die von Ochsenstein, welche sahen, wie ich mich daran er­götzte, daß ich so gar fröhlich in die Händchen patschte, riefen: „Noch mehr!" Ich säumte nicht, sogleich einen Topf und auf immer fortwährendes Rufen: „Noch mehr!" nach und nach sämtliche Schüsielchen, Tiegelchen, Kännchen gegen das Pflaster zu schleudern. Meine Nachbarn fuhren fort, ihren Beifall zu bezeigen, und ich war höchlich froh, ihnen Vergnügen zu machen. Mein Vorrat aber war aufgezehrt, und sie riefen _ immer: „Noch mehr!" Ich eilte daher stracks in die Küche und holte die irdenen Teller, welche nun freilich im Zer­brechen noch ein llPigeres Schauspiel gaben; und fo lief ich hin und wieder, brachte einen Teller nach dem Indern, wie ich sie auf dem Topfbrett der Reihe nach erreichen konnte, und weil sich jene gar nicht zufrieden gaben, so stürzte ich alles, was ich von Geschirr erschlep- xen konnte, in gleiches Verderben. Nur spater erschien jemand, zu hindern und zu wehren. Das Unglück war geschehen, und man hatte für soviel zerbrochene Töpfer­ware wenigstens eine lustige Geschichte, an der sich be­sonders die schalkischen Urheber bis an ihr Lebensende ergötzten.

Meines Vaters Mutter, bei der wir eigentlich im Hause wohnten, lebte in einem großen Zimmer hinten Maus, unmittelbar an der Hausflur, und wir pflegten unsere Spiele bis cm ihren Sesiel, ja, wenn sie krank war, 'bis an ihr Bett hin auszudehnen. Ich erinnere mich ihrer gleichsam als eines Geistes, als einer schönen, Hagern, immer weiß und reinlich gekleideten Frau. Sanft, freundlich, wohlwollend ist sie mir im Gedächtnis ge- dlieben.

Wir hatten die Straße, in welcher unser Haus lag, den Hirfchgraben nennen hören; da wir aber weder Gra­ben noch Hirsche sahen, fo wollten wir diesen Ausdruck erklärt wissen. Man erzählte sodann, unser Haus stehe auf einem Raum, der sonst außerhalb der Stadt ge­legen, und da, wo jetzt die Straße sich befinde, fei ehe­mals ein Graben gewesen, in welchem eine Anzahl Hirsche unterhalten worden. Man habe diese Tiere hier aufbewahrt und genährt, weil nach einem alten Her­kommen der Senat alle Jahre einen Hirsch öffentlich ver­speiset, den man denn für einen solchen Festtag hier im Graben immer zur Hand gehabt, wenn auch auswärts Fürsten und Ritter der Stadt ihre Jagdbefugnis ver­kümmerten und störten oder wohl gar Feinde die Stadt eingefroren und belagert hielten. Dies gefiel uns sehr, und wir wünschten, eine solche zahme Wildbahn wäre auch bei unfern Zeiten zu sehen gewesen.

Die Hinterfeite des Hauses hatte, besonders aus dem obern Stock, eine sehr angenehme Aussicht über eine beinah unabsehbare Fläche von Nachbarsgärten, die sich bis an die ©tabtmauem verbreiteten. Leider aber war bei Verwandlung der sonst hier befindlichen Gemeinde- pkätze in Hausgärten unser Haus und noch einige andere,1 die gegen die Straßenecke zu lagen, sehr verkürzt wor­den, indem die Häuser vom Roßmarkt her weitläufige Hintergebäude und große ©arten sich zueigneten, wir ober uns durch eine ziemlich hohe Mauer unseres Hofes von diesen so nahe gelegenen Paradiesen ausgeschlossen sahen.

Im zweiten Stocke befand sich ein Zimmer, welches man das Gartenzimmer nannte, weil man sich daselbst durch wenige Gewächse vor dem Fenster den Mangel eines Gartens zu ersetzen gesucht hatte. Dort mar, mit ich heranwuchs, mein liebster, zwar nicht trauriger, aber doch sehnsüchtiger Aufenthalt, lieber jene Garten hin­aus, über Stadtmauern und Wälle sah man in eine schöne, fruchtbare Ebene; es ist die, welche sich nach Höchst hinzieht. Dort lernte ich sommerszeit gewöhnstch meine Lektionen, wartete die Gewitter ab und konnte mich an der untergehenden Sonne, gegen welche die Fenster grade gerichtet waren, nicht satt genug sehen. Da ich aber zu gleicher Zeit die Nachbarn in ihren Gärten wandeln und ihre Blumen besorgen, die Kinder spielen, die Gesell­schaften sich ergötzen sah, die Kegelkugel rollen und die Kegel fallen hörte, fo erregte dies frühzeitig in mir ein Gefühl der Einsamkeit und einer daraus entspringenden Sehnsucht, das, dem von der Natur in mich gelegten Ernsten und Ahnungsvollen entsprechend, seinen Einfluß gar bald und in der Folge noch deutlicher zeigte.

Die alte, winkelhafte, an vielen Stellen düstere Be­schaffenheit des Hauses war übrigens geeignet, Schauer und Furcht in kindlichen Gemütern zu erwecken. Un­glücklicherweise hatte man noch die Erziehungsmaxime, de« Kudern frühzeitig alle Furcht vor dem Ahnungs­

Zur Unterhaltung.

- Nr. 199 vom 27. flog. 1924. i

vollen und Unsichtbaren zu benehmen und sie an das Schauderhafte zu gewöhnen. Wir Kinder sollten daher allein schlafen, unb wenn uns dieses unmöglich fiel und wir uns facht aus den Betten hervormachten und die Gesellschaft der Bedienten und Mägde suchten, fo stellte sich im umgemanbten Schlafrock, und also für uns ver­kleidet genug, der Vater in den Weg und schreckte uns in unsere Ruhestätte zurück. Die daraus entspringende üble Wirkung denkt sich jedermann. Wie soll derjenige die Furcht los werden, den man zwischen ein doppelt Furchtbares einklemmt? Meine Mutter, stets heiter und froh und andern das Gleiche gönnend, erfand eine bessere pädagogische Auskunft. Sie wußte ihren Zweck durch Belohnungen zu erreichen. Es war die Zeit der Pfirsifchen, deren reichlichen Genuß sie uns jeden Morgen versprach, wenn wir nachts die Furcht überwunden hät­ten. Es gelang, und beide Teile waren zufrieden.

Gewöhnlich hielten mir uns in allen unfern Frei­stunden zur Großmutter, in deren geräumigem Wohn­zimmer mir hinlänglich Platz zu unfern Spielen fanden. Sie wußte uns mit allerlei Kleinigkeiten zu befchäfttgen und mit allerlei guten Bissen zu erquicken. An einem Weihnachtsabend jedoch setzte sie allen ihren Wohltaten die Krone auf, indem sie uns ein Puppenspiel vorstellen lieh und so in dem alten Hause eine neue Welt erschuf. Dieses unerwartete Schauspiel zog die jungen Gemüter mit Gewalt an sich; besonders auf den Knaben machte es einen sehr starken Eindruck, der in eine große, lang- dauernde Wirkung nachklang.

Die kleine Bühne mit ihrem stummen Personal, die man uns anfangs nur vorgezeigt hatte, nachher aber zu eigner Hebung und dramatischer Belebung übergab, mußte uns Kindern um fo viel werter fein, als es das letzte Vermächtnis unserer guten Großmutter mar, die bald darauf durch zunehmende Krankheit unfern Augen erst entzogen und dann für immer durch den Tod ent­rissen wurde. Ihr Abscheiden war für die Familie von desto größerer Bedeutung, als es eine völlige Verände­rung in dem Zustande derselben nach sich zog.

Solange die Großmutter lebte, hatte mein Vater sich gehütet, nur das mindeste im Hause zu verändern ober zu erneuern; aber man wußte wohl, daß er sich zu einem Hauptbau vorbereitete, der nunmehr auch sogleich vor­genommen wurde. In Frankfurt, wie in mehveren alten Stadien, hatte man bei Ausführung hölzerner Gebäude, um Platz zu gewinnen, sich erlaubt, nicht allein mit dem ersten, sondern auch mit den folgenden Stocken überzu­bauen, wodurch denn steikich besonders enge Straßen etwas Düsteres und Aengstliches bekamen. Endlich ging ein Gesetz durch, daß, wer ein neues Haus von Grund auf baue, nur mit dem ersten Stock über das Funda­ment herausrücken dürfe, die übrigen aber senkrecht auf­führen müsse. Mein Vater, um den vorspringenden Raum im zweiten auch nicht aufzugeben, wenig be­kümmert um äußeres architektonisches Ansehen und nur um innere gute und bequeme Einrichtung besorgt, be­diente sich, wie schon mehrere vor ihm getan, der Aus­flucht, die obern Teile des Hauses zu unterstützen und von unten herauf einen nach dem andern wegzunehmen unb das neue gleichsam einzuschalten, so daß, wenn zu­letzt gewisiernmßen nichts von dem alten übrig blieb, der ganz neue Sau noch immer für eine Reparatur gelten konnte. Da nun also das Einreißen und Auftich- ten allmählich geschah, so hatte mein Vater sich vorgenom- men, nicht aus dem Hause zu weichen, um desto bester die Aufsicht zu führen und die Anleitung geben zu können; kenn anfs Technische des Baues verstand et sich ganz gut; dabei wollte er aber auch feine Familie nicht von sich lasten. Die neue Epoche war den Kindern sehr überraschend und sonderbar. Die Zimmer, in denen man sie oft enge genug gehalten und mit wenig erfreu- sichern Lernen unb Arbeiten geängstigt, die Gänge auf denen sie gespielt, die Wände für deren Reinsichkeit und Erhaltung man sonst so sehr gesorgt, alles das vor der Hacke des Maurers, vor dem Beile des Zimmer­manns fallen zu sehen, und zwar von unten herauf, und indessen oben auf unterstützten Balken, gleichsam in der Lust zu schweben, und dabei immer noch zu einer ge­reiften Lektion, zu einer bestimmten Arbeit angehalten zu werden, dieses alles brachte eine Verwirrung in den jungen Köpfen hervor, die sich fo leicht nicht wieder ms gleiche fetzen ließ. Doch wurde die Unbequemlich- kett von der Jugend weniger empfunden, well ihr etwas mehr Spielraum als bischer und manche Gelegenheit, sich auf Balken zu schaukeln und auf Brettern zu schwin- gen, gelosten ward.

Hartnäckig fetzte der Vater die erste Zeit seinen Plan durch; doch als zuletzt auch das Dach teilweise abge­tragen wurde und ungeachtet alles übergespannten Wachstuches von abgenommgnen Tapeten der Stegen bis zu unfern Setten gelangte, fo entschloß er sich, obgleich ungern, die Kinder wohlwollenden Freunden, welche sich schon ftüher dazu erboten hatten, auf eine Zeitlang zu überlasten und sie in eine öffentliche Schule zu schicken.

Dieser Uebergang hatte manches Unangenehme; denn indem man die bisher zu Haufe abgesondert, reinlich, edel, obgleich streng gehaltenen Kinder unter eine rohe Maste von jungen Geschöpfen hinunterstieß, so hatten sie vom Gemeinen, Schlechten, ja Niederträchtigen ganz unerwartet alles zu leiden, weil sie aller Waffen tmd Fähigkeiten ermangelten, sich dagegen zu schützen.

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MMW litt VKWeit.

Das Augusthest ber „Stimmen der Zeit" rechtfertigt durch die Aktualität seiner Beiträge in selten gelungener Weise den Titel der verdienst­vollen Zeitschrift. II. a. begegnen wir einem aus­gezeichneten Auffatz von Peter Lippert S. J. über „Kämpfergeist ober Duldsamkeit)", dem wir folgenden Abschnitt entnehmen.

„Weber die absolute Liebe im Sinne einer miileibigen Schonung und Duldsamket gegenüber allem Irrtum und aller Unordnung, noch die absolute Wahrhaftigkeit im Sinne rücksichtslosen Umsichschagens kann unsere Tugend, unsere Menschentugend sein, sondern nur die kluge De­mut unb ber liebende Eifer, der gewissenhafte Glaube und der selbstlose Mui, kurz der restlose Wille, nur als Werkzeug Gottes der West und der Wahrheit dienen zu wollen. Die wahre Liebe ist in der Tot nicht Mitleid, nicht Beglückung, nicht Schonung, sondern Demut, Selbst­losigkeit, Ueberrointiung des engen kleinen Ich, selbst bann, wenn sie eine Ueberwindung des engen Du mit ein­schließt. Wer tfte Menschheit oder vielmehr seine Men- schon, die ihm anoerttaUten ttnd ihm vertrauenden Men­schen wahrhaft liebt, der wird auch um ihre Meinungen und Ueberzeugungen zu gestalten, chr Nichtwissen und Irren zu bannen suchen. FreMch darf Reser Eifer für die Wahrheit nicht im persönlichen Niederschlagen ttnd Verunglimpfen des Gegners sich äußern; er braucht auch nicht gerade immer in Polemik zu bestehen. Auch die positive Vertretung unserer Ueberzeu- gung unb vor allem die schweigende Tat, die aus unserer Ueberzeugung ausblüht, ist schon ein Kampf für die Wahrhett und sogar ber wirksamste. Noch viel weniger wird der wahrhaft berufene Eiferer für die Wahrheit der Sache des Lichtes mit finsterer Gewalt, mit Haß und Zürnen, mit harter Verfolgung und leib­licher Schädigung der Andersdenkenden dienen wollm.

Denn es ist eine Sünde wider den heiligen Geist Gottes, ein geistiges Wesen, und wäre es auch ein geschaffenes ober gar ein irrendes Geisteswesen, mit ungeistigen Waf­fen überwältigen zu wollen. Ein solches Unternehmen ist auch sinnlos; denn das ©eiffesleben der Menschheit ist wenigstens in feinen Tiefen und im großen Zug seiner Bewegung durch die Jahrhunderte vollständig unabhän­gig von den Machtmitteln der physischen Gewalt, des äußern Zwanges, ja sogar des materiellen Nutzens. Alle Zwangsmaßnahmen wider geistige Bewegungen, wenn sie auch für den Augenblick obsiegen, werden von der geschichtlichen Entwicklung selbst wieder rückgängig ge- macht. Der echte Wahrheitskämpfer, dem es wirklich um die Wahrheit und die Sache um Gott unb Gottes Welt zu tun ist, wird also stets, auch im brennendsten Eifer, ein ehrfiirchttger Diener und Priester des Geistes sein, unb als solcher wird er auch langmütig und duldsam sein wie der Gottesgeist, der den glühendsten Wahrhetts- eifer vereinigt mit unerschöpflichem Erbarmen. Die lau­tere Wahrheit kann nicht wohnen in dem harten und starren, weil eigensüchtigen Fanattker, nicht in dem recht­haberischen unb engstirnigen Verfolger, nicht in dem ge- roatttätigen Despoten, sondern nur in dem Liebenden, der auch im Kampfe nicht haßt, ber auch im Siege noch dient, ber auch als Wissender nicht verachtet, ber auch den Irrenden erträgt. Es ergibt sich also, daß auf höchster Stufe sittlicher Gestaltung ber unbeugsame und feurige Kämpfergeist unb die milde Duldsamkeit, ber angriffslustige Eifer unb bas geduldige Warten, die strenge Grundsatztreue und das langmütige Gewähren» lassen, die lautere Wahrhaftigkeit und die schonende Liebe, die ernste Ueberzeugung und bas lächrtnbe Verzeihen keinen Gegensatz Silben, sondern eine Einheit, eine Einheit frellich nur in der West bes Sittlichen; denn ht ber äußern, physischen Welt sind auch für Heilige die Konflikte ost unlösbar. Auf ber Höhe göttlicher Freiheit unb Kraft ist bas Ziel bes Strebens nicht mehr, alle Menschen unter eine Meinung zu beugen, nicht einmal im Interesse ber Wahrheit; bas Ziel ist nicht mehr, alles Irren und Fehlen unb Sündigen unmöglich zu machen, nicht einmal im Namen Gottes. Sondern Ziel und Ideal tarnt da nur mehr fein: Im Kampfe für die Wahrheit heilig und im Dienste der Siebe klug unb wahrhaftig zu werden. Das war eine ber letzten Bitten Jesu, ber flammender Wahrheitszeuge unb mildes Opferlamm zu­gleich mar: „Vater, heilige sie in der Wahrheit!' (Job 17, 17.)'

Wembley.

(Von dem Verfasser der englischen Reisebriefe.)

Run hatte ich durch bas verwirrende System der Londoner Untergrundbahnen meinen Weg nach Wern- bley hinausgefunden. Die British Empire Exhibition ist schlechterdings eine ganze Welt für sich, ein Extrakt des brittfchen Weltreiches, ausgebreitet über eine Fläche von 8741 Ar, die größte Länderfchau, die bis jetzt existiert hat. Wege in einer Gesamtlänge von ca. 24 Kilometer führen durch das Gelände, denen der Dichter des englischen Weltreiches, Rudgard Kipling, die Namen gegeben.

Wenn man von Norden her, im Strome einer unge­heuren Menschenmenge bas Gelände betritt, so heben sich zu beiden Seiten des Königswegs schwere ftrenge Fas- faden dem Beschauer entgegen: die Betonpaläste ber Industrie unb bes Maschinenbaus. Das Haus ber Industrie stellt einen riesenhaften Bazar aller mensch­lichen Gebrauchsgegenstände jedweden Stoffs unb Ur­sprungs bat — ein buntes Bild ber glänzenden Zivi- fifation unserer Zeit.

Rur die Eisen- unb Maschinenindustrie ist hier nicht vertreten, ihr hat man einen besonderen Palast von noch größerer Tiefe eingeräumt. Hier fft ein breites Feld für die elektrische Technik in ihren mannigfachen Formen für das moderne Leben, vor allem eine große Kraft- ftation, die bas ganze Gelände speist; hier ist ein Wa- genparf von Automobilen und Effenbcchnmaterial, hier erheben auch die Waffen bes Krieges ihre drohenden Rohre. Eine Riesenlokomottve von 1923 steht ihrer Ur- ahne von 1825 gegenüber, wie sie Stephenson zuerst konsttuiert hat, eine erste, kindlich erscheinende Derköt- permig ber gewaltigen Idee. Ern Fortschritt von acht auf hundert Mellen in ber Stunde — welche Wuchskraft bes Jahrhunderts!

Schreitet man auf dem Königssee weiter, so gelangt man in den landschaftüch schönsten Teil der Ausstellung. Hier erstreckt sich nach beiden Seiten ein See, und wenn man von dem hochgewölbten Brückenbogen nach sink» hinüberblickt, ist man plötzlich in einen fremden Erdteil entrückt. Dort erhebt derindischePalast seine zier- lichen Türme, eine wundervolle Nachbildung östlicher Baukunst aus dem 17. Jahrhundert. Ein Säulengang umschließt einen »eiten Hof, in dessen Mite ein kühlen- der Springbrunnen spielt, und »as diese weißen Mauern bergen, bas sind abertausend köstliche Körnchen des Reichtums eines Wunderlandes.

Indien zunächst, ihm ähnlich in seinem märchenhaft exotffchen Reiz, liegt der Palast seines Nachbarlandes Burma — in der Tat ein königlicher Palast in wun­dervoller Nachbildung. Stan passiert zuerst eine reizvolle Gartenanlage und einen kleinen Drückenpavillon, eine Nachbildung eines Eingangs zu den Tempeln von Stan- dalaya. Wenn man von hier aus, angelocki durch das liebliche Spiel der Klosterglöcklein, die an den siebenfachen Dächern der Türme leise im Winde läuten, das Auge hinauffchweifen läßt an den buntornamentierten, glitzern­den Säulen und den überreichen Schnitzereien aus dun­kelbraunem Teakholz, bann fühlt man sich angeweht von dem Hauche einer märchenhaften kunstreichen Kul­tur. Und dieser Eindruck wird noch verstärkt, wenn man die Kunstschätze aus Elfenbein, Perlmutter, Bronze und den köstlichen Hölzern bes Landes betrachtet, die das Innere des Hauses birgt, — ganz zu schweigen von den natürlichen Schätzen des Bodens, wobei vor allem, neben Reis und Teakholz, ber Gewinnung von Ru­binen zu gebenden ist, die in einem großen plastischen Modell anschaillich vor Augen geführt wird.

Wenige Schritte weiter, und man betritt dar Reich der Mitte. Plötzlich sieht man sich in einer der Straßen inHongkong, wo in 24 Laden Handwerker des Ostens ihre Erzeugnisse aus Seide, Elfenbein, Papier uf«. feil- bieten. An ber anboren «eite befindet sich ein in jeder Hinsicht „echtes" chinesisches Restaurant, reo man bei den Klängen der fremben, wenig melodischen Musik, bedient von chinesischen Kellnern, die mannigfachsten Defikatef- sen des Ostens genießen kann.

Kanada und Australien haben ihre Paläste zu Seiten ber Hauptstraße, «an wird sich hier deutlich bewußt, daß nicht Länder, fondern halbe unb ganze Erd­teile sich hier repräsentieren. An großen Panorama­bildern vorbeistrelsend, sieht man, wie australischer Wei­zen eingebracht wird. Man kann das geschäfttge Trei­ben in einer großen Schaffarm beobachten und einen Blick in das einsame Leben des Pferdehirten tun. Ein Riesenkäse von 1% Tons Gewicht veranschaulicht ein- drucksvoll die Vebeutung ber Milchwirtschaft, unb die reichen Auslagen an frischen unb getrockneten Früchten sprechen für die Ausdehnung des Obstbaues in Australien.

Unmöglich ist es, die Fülle der Eindrücke wieder- zugeben, die sich hier und in den Häusern ber übrigen Kolonien, von Süd-, Ost- und Westafrika, Malaya, Pa- lästina, Neuseeland, Neufundland, Malta, Nigeria, der Goldküste, Sierra Leone, Süd-Rhodesia, St. Helena, West- Indien, Saravak, Eypern, Bermuda, Dritisch-Gniana, Ceylon und den Fidshi-Inseln entfaltet Ein Studium von Monaten würde nicht genügen, dies ungeheure Ma­terial zu erfassen, und der Versuch einer schriftlichen Dar­stellung würde ein vielbändiges Werk bedeuten, — das britische Weltreich in kustureller, geographischer, ethno­graphischer. kommerzieller Hinsicht.

Gleichsam einen kurzen summarischen Eindruck von der Größe des Reiches hat die britische Regierung in ihrem eigenen Hause geben wollen durch eine große plastische Weltkarte. Unsichtbar gelenkte Dampfer durch­ziehen unablässig die künstlichen Ozeane. Während aus dem im Hause befindlichen Theater die Kanonenschüsse erdröhnen, die englischen Monitore im Angriff auf die Mole von Zeebrügge abfeuern (dieses Kriegsschauspiel wird in allen Einzelheiten unter lebhaftem Beifall des Publikums vorgeführt), leuchteten hier auf diesem Welt­bild die Länder britischer Macht wechselweise in elektri­schem Lichte auf.

Auch im übrigen ist der Geist dieses Hauses etwas kriegerisch gestimmt: Modellbilder der Schlachten von Ppern und an der Somme, von Luftkämpfen unb Zeppe­linangriffen auf London mahnen zur Waffenbereitschast. Natürlich kommen die Fragen bes Handels und Ver­kehrs, des Gesundheits- und Erziehungswefens ufw. auch hier zur Sprache, besonders in bezug auf dis lieberfee- gebiete bes Reiches.

Hinter dem Hause der Industrie befindet sich der kleine Palast ber Künste. Eine große Menschenmenge strömt hier trotz einer Sondergebühr fortwährend hinein und die Turnstiles, die drehbaren Einlaßbarrieren, klap­pern unablässig — fleißige Mühlen des Geldes. Es sind nicht die Werke der großen Maler, der Hogarch, Sains- borough, Reynolds oder der Präraffaeliten noch die der Künstler von heute, weder die kostbare Schau von Mö­beln feit 1750, noch die Schaustellungen der Theater- unb kirchlichen Kunst des älteren und heutigen Englands, was die große Menge hineinlockt, sondern das Pup-, penhaus der Königin. In dreifacher Windung zieht sich der Menschenstrom ununterbrochen um dies Ge­bilde, das wie ein Spielzeug erscheint, aber ein Kunst­werk bedeutet. Es verdankt feine Entstehung ber An­regung einer Prinzessin, den Entwurf machte ein be­deutender Architekt und 2000 Künstler und Kunsthand­werker trugen in 2 >6 jähriger Arbeit zu seiner Vollen­dung bei. Nichts fehlt in diesem Palast bes Königs von Liliput, weder das Wasser in den Leitungen, noch der elektrische Strom in den Auszügen. Bedeutende Schriftsteller schrieben die zierlichen Bände ber Biblio­thek unb Künstlerhand schuf die kleinen Gemälde an ber Wänden.

Das Bild der großen Ausstellung wird beherrscht von dem gewaltigen Bau bes Empire-Stadions. Das weite Amphttheater faßt 100 000 Besucher, was im Lande des Sports nicht wundernimmt. Gestern wurde hier ein Boxkampf zwischen einem Engländer und einem Amerikaner ausgetragen. Mikrophone unb Lautsprecher waren in ber Arena und auf ben Tribünen installiert, so daß jeder Schlag deutlich den Zuschauern zu Ohren kam. Hier fand vor einigen Tagen auch eine große Ver­sammlung von ca. 100 000 Boy Scouths aus ganz Bri­tannien statt, mtt allerlei lustigen Veranstaltungen, . denen ber Prinz of Wales lebhaftes Interesse retbeaete. Diese Jugendwehr, wenn man sie fo nennen will, wurde im Jahre 1907 gegründet und gehört heute in einer Stärke von 2 Millionen unter ber Führung des Ehief Scouths des Generals Baden-Powell stehend, zu den auffallenden und charakieristtschen Erscheinungen bes eng­lischen Volkslebens. Die Arena von Wembley dient aber auch künstlerischen Veranstaltungen, wie den Auf­führungen von Szenen ber britischen Geschichte, bärge- stellt von 12 000 Spielern nebst allerlei Getier . ..

Die Abendstunden wirb ber Besucher von Wembley htt Vergnügungspark verbringen. Bevorzugt er eine gewähltere Unterhaltung, fo kann er Tut-anch-amons Grab besuchen, eine kunstteiche Nachbildung, unter wis- senschaftlicher Lettung hergestellt — ober er kann im Palace of Beauty sich am Anblick berühmter Schönheiten ber Dellhistorie (von Kleopatra bis „Miß 1924") er­freuen, ober im Palace of üteptune Seelöwen unb Meer­weiber bewundern. Bedarf ber Besucher indessen einer Nervenstärkung nach den Anstrengungen eines Wembley- Tages, fo ist ihm die anregende Talfahrt auf einer der Rrttschbahnen zu Wasser unb zu Lande zu empfehlen. Daß außerdem noch für eine Fülle von Zerstreuungen für große und kleine Kinder geforgt ist, bedarf nicht be­sonderer Erwähnung . . .

lieber ben kulturellen Wert der großartigen Schau von Wembley ist kein Wort weiter zu verlieren. Ihre poliissche Bedeutung liegt vor allem darin, daß sie das Band zwischen Mutterland und Kolonien enger knüpfen und die Lnnäheruivg, die die Waffenbrüderschaft im Kriege mit.sich brachte, noch weiter fördern wird. Die Darstellung der Reichtümer ber Territorien und der Mit- fet und Wege ihrer Gewinnung wird die feit dem Kriegsende ohnehin rege Auswandererluft noch bedeu­tend verstärken. Dr. W.

heiterer.

Grob. Er: „Man sagt, die Dummheit mache glück­lich. Sind Sie auch der Meinung?" — Sie: „Ich weiß nicht. Jedenfalls sehen Sie nicht unglücklich aus.'

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Schwer zu helfen. „Nun, wie geht es Ihrer Frau?" — „Leider gar nicht gut, ihr Kops macht ihr Sorgen." — „O, leidet sie an chronischen Kopfschmerzen?" — „Das weniger, aber sie braucht einen neuen Hut."

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Der unpiinkkliche Ehemann. Sie hatten eine kleine Auseinandersetzung, weil er zu spät zum Essen kam. „Du kommst immer zu spät," sagte sie, „sogar zu unserer Hochzeit bist du zu spät gekommen." — „5a," sagte er traurig, „aber leider nicht spät genug."

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vom Pennal. „Es wäre mir schon lieber, wenn unser Ordinarius kein Hitlerianer wäre!" — „Warum? Das kann uns doch gleich fein!" — „O nein, ber macht lauter Vierer, weil er beim Notengeben immer ins Ha­kenkreuz neinkommt!" (.Lugend.")

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Der Mitarbeiter. Seit einiger Zeit — so wird in „Reclams Universum" erzählt — schrieb Arno Vögllin kleine Geschichten für große Blätter. Seinem Freunde Guido Bachmayr imponierte er sehr damit. Eines Ta­ges kam das Gespräch auf ein großes führendes Blatt. „Kennst du dieses Blatt näher?" fragte Guido. — „5a, gewiß — sehr gut ..." — „Bist du dort etwa Mtt- arbeiter?" — Da machte Arno Vögllin plötzlich ein bekümmertes Gesicht unb druckste eine Weile. Dann ruckte er heraus: „5a . . . hin und wieder! 5ch schicke nämlich meine Geschichten bin, und die Leute schicken sie mir wieder!"