Zur Unterhaltung.
S uldaer Zeitung
O
Tannenberg.
jßin Gedenkblatt zur zehnten Wiederkehr der Tage der großen Schlacht vom 26. bis 31. August 1914.
Von Franz Steffen, Allenstein. j
Tannenberg! Welche Gedanken und Gefühle weckt Nicht dieser Name in der Brust jedes Deutschen, namentlich aber in den Herzen aller Ostdeutschen! Zehn Jahr? sind es her, als er in aller Munde klang und mi! hellem Jubel genannt wurde, dieser Name seit Jahrhunderten ir.it der Geschichte des deutschen Ostens und seiner Kultur untrennbar verbunden. Traurig ernste, aber doch auch erhebendeErinnerungen waren an ihn geknüpft, und plötzlich lebte er vor zehn Jahren, im übrigen Deutschland bis dahin kaum gekannt, in aller Munde wieder auf, er ist zum Wahrzeichen deutscher Heldengröhe geworden und bleibt dem deutschen Volke für alle Zeiten unvergessen.
Tannenberg? Was ist Tannenberg, das dem Helden- mutigen Völk erringen in den Augusttagen 1914 seinen Namen ausgeprägt hat? Keine Stadt, ein schlichtes, einsames Heidedörfchen nur, fernab vom großen Getriebe der Welt, klein und unscheinbar liegt es da in der Südwestecke Ostpreußens, im Regierungsbezirk Menstein, in unmittelbarer Nähe des kleinen Städtchens Hohenstein, nur 35 Klm. von der russisch-polnischen Grenze entfernt, rnn Südostabhange der Kernsdorf er Berge, in denen Ostpreußen hier mit 3 : 313 Meter feine höchste Erhebung erreicht. Der Name dieses schlichten ostpreußischen Dörfchens ist blutig eingezeichnet in dir Geschichtstafeln unseres Preußenlandes, nicht erst feit dem Heldenringen von 1914, sondern schon seit Jahrhunderten, von denen nur ein schlichter, 200 Zentner schwerer Granitstein, der auf den Ruinen den 1412 errichteten Gedächtniskapelle ruht, irtit seiner Inschrift Zeugnis gibt: „Im Kampfe für deutsches Recht starb hier der Hochmeister Ulrich von Iungingen am 15. Juli 1410 den Heldentod". Nur wenige Worte, mst> doch liegt eine ganze große Geschichte in ihnen, sie künden, daß bereits einmal vor Jahrhunderten hier das Geschick des deutschen Ostens entschieden worden ist.
Ja, im Namen Tannenberg drängt fich bie ganze glänzende Geschichte, der langsame Verfall und die tiefste Schmach des Deutschen Ordens zusammen. In ihm verkörpert sich deutsche Heldengröße von fünfhundert Jahren, in ihm ist vor zehn Jahren Deutschlands Heldentum glanzvoll wieder aufgelebt und hat Sühne gefordert für die dem Ritterorden angetane Schmach. Deutsches Hel- deutum und deutsche Heldenkämvfe sind in diesem schlichten Namen verkörpert, und bell» Male kämpfen Deutsche aus allen deutschen Gauen für deutsche Kultur und deutsche Ehre, das Blut ungezählter Helden ist hier für Deutschlands Größe geflossen, geflossen 1410 wie 1914, und sehr zahlreiche Massen- und Emzelgräber in der ganzen Gegend verstreut, künden, welche blutige Ernte hier der Tod in den Augusttagen 1914 gehalten, sie sind stets ernste Mahner, uns unserer Heldenbrüder von 1410 und 1914 auch in diesen schicksalsschweren Jahren würdig zu erweisen.
Es war zu Anfcmg des 15. Jahrhunderts. Der Deutsche Ritterorden, im Jahre 1226 vom Herzog Konrad von Masowien die gegen die heidnischen Preußen zu Hllfe gerufen, war in die damals unwirtlichen Gefilde östlich der Weichsel gekommen, hatte dort das große Werk der Christianisierung und Germanifierung unter den heidnischen Preußen durchgeführt und stand nun auf der 'Hohe seiner Macht Da wurde für ihn verhängnisvoll der Neid und vor allem der nationale Zusammenschluß der Polen und Litauer, dadurch ermöglicht, daß Großfürst Jagiello von Litauen 1386 mit feinem ganzen Volke zum Christentum übertrat und die Hand Iad- wigas (Hedwigs), der Tochter des Polenkönigs, die bereits im kindlichen Alter zur Königin von Polen gekrönt worden war, erhielt.
Den Polen wie den Litauen war der Deutsche Ritterorden stets ein Dorn im Auge gewesen, und ständig hatten die Fehden zwischen beiden getobt. Jetzt kam aber noch unheilvoll für den Orden hinzu, daß im Innern seines Staates ein häßlicher Krebs fraß, die Uneinigkeit, dies alte deutsche Erdübel, und daß di« ihm bis dahin aus dem Reiche gewährte Hilfe ausblieb. Muster- giltig leuchtete der Hochmeister Konrad von Iungingen (1393—1407) allen voran, aber trotz seines Bemühens ließen Zucht und Ordnung in seinem Orden nach. Unter den Rittern selbst entstanden Parteiungen, der landeingesessene Adel begann sich aufzulehnen und schloß sich zur RitterMsellschaft des Eidechsenbundes gegen den Orden zusammen, ja einzelne dieser Adligen sympathisierten stark mit den Feinden des Landes. Auch die Städte begannen sich ihrer Macht bewußt zu werden und gingen teilweise ihre Sonderwege. So bereiteten sich folgenschwere Gärungen im Lande vor, während äußerlich der Orden in höchster Blüte stand und seinen Besitzstand vermehrte. Aber es scheint, als habe der friedliebende Konrad von Iungingen, der bisher jedem Kampfe aus dem Wege gegangen war, das Unheil herankommen sehen.
Mit einer eindringlichen Warnung schied er 1407 aus dem Leben. Der Sterbenden Sorge für das Wohl seines geliebten Ordens drängte alle Gefühle, selbst die der Blutsverwandtschaft zurück, und er verschied mit der eindringlichen Mahnung: „Erwähll nicht meinen Bruder Ulrich zu meinem Nachfolger".
Doch diese Mahnung wurde in den Wind geschlagen. Ulrich von Iungingen, der gleich seinem Bruder Konrad aus dem Dorfe Iungingen an her Starzel aus dem Hohenzollernlande stammte, wurde zum Hochmeister gewählt. Unter ihm vollzog sich bei Tannenberg das Geschick des Ordens. Unter dem weißen, mit schwarzem Kreuz geschwächten Ordensmantel schlug dem neuen Hochmeister ein kriegerisches Herz, was fein Bruder befürchtet zu haben scheint. Ulrich war ein erfahrener Kriegsmann, hatte als „Kumpan" (Generalstabsoffizier) des Ordensmarschalls und späteren Hochmeisters Konrad von Wallenrodt viele Kriegszüge nach Litauen mitgemacht und war "1904 selbst Ordensmarschall, also oberster Gebietiger hn Kriegswesen geworden. Er stand in der Vollkraft seines Lebens und zählte damals 45 Jahre.
Gegen dieses blühende deutsche Kolonialland, dos den Polen den Zugang zur Ostsee versperrte, bereiteten die vereinten Polen und Litauer den Kriegszug, um der Ordensherrschoft das Ende zu bereiten. Und zielbewußte Persönlichkeiten, bedeutende Staatsmänner und Feldherren standen an ihrer Spitze, Jagiello, der Herzog der Litauer, zugleich Polenkönig, und sein Detter, der Li- tauerfürft Witold (Witaut, oder Witoud).
Sehr bald entzündete sich die Kriegsfackel. Jagiello und Witold sammelten eine gewaltige Heeresmacht und zogen, verstärkt durch heidnische Tataren und Russen, gegen das Preußenland. Der Hochmeister bot feine gesamten Kräfte auf, machte Anstrengungen wie nie zuvor, und erhoffte auch starken Zuzug aus Deutschland. In zahllosen Briefen ergingen seine Hilferufe aus dem Hochmeisterschloß zur Marienburg nach dem Westen, aber im Reiche hatte man kein Verständnis für den bevorstehenden Kampf in der Ostmark und kam nur, wenn man gut bezahlt wurde. Das gesamte Ordenrheer zählle an Reitern und Fußtruppen zusammen etwa 15—20 000 Mann und war damit bei weitem nicht einmal halb so stark wie die Heere der Gegner. So kam es, daß der Preis zweihundertjähriger Anstrengungen zahlloser christlicher Kriegsscharen an einem Tage aufs Spiel gesetzt und an eurem Tage bei Tannenberg trotz größten Heldenmutes der Kreuzritter vernichtet wurde.
Man schrieb den 15. Juli 1410. Die Heere standen sich schlachtbereit gegenüber, das Ordensheer in zwei, das der Feinde in drei Treffen. Eine furchtbare Nacht, fo berichtet die Chronik, ging dem unheilvollen Tage vorher; ein schreckliches Ungewitter zog herauf. Blitze durchbrachen von Augenblick zu Augenblick die grausige Finsternis, unaufhörlich rollte der Donner, der Regen floß in Strömen und ein gewaltiger Sturm riß den Lagern beider Heere beinahe sämtliche Zelte um, so daß die Krieger aller Ruhe entbehrten. Und als der Morgen des unglücklichen Tages anbrach, tobte der wilde Sturm in gleicher Stärke fort. Um die Mittagszeit hatte er sich gelegt und eine stechende Sonnenhitze trat an seine Stelle. Das Ordensheer mußte gegen Süden, die brennende Sonne also im Gesicht, kämpfen. Fürst Witold begann auf dem rechten Flügel den Angriff. Mit einem gewaltigen Kriegsgeschrei stürmten die beiden Heere aufeinander los. Stundenlang focht man beiderseits mit unvergleichlicher Tapferkeit, meilenweit hörte man den Donner der Geschütze, das Waffenklirren und das Schlachtgeschrei der Kämpfenden. Endlich ermatteten die Feinde auf dem rechten Flügel des Großfürsten. Der Hochmeister weiß dies klüglich zu benutzen, um ihm eine fast vollständige Niederlage zu bereiten. Auf dem linken Flügel des feindlichen Heeres aber stand noch die Hauptmacht der Polen unter der Führung ihres Feldherrn Zindram. Die polnischen Scharen fochten auch mit außerordentlichem Mut, als aber das große polnische Reichspanier mit dem weißen Adler niedergeworfen und von den Ordenskriegern genommen wurde, neigte sich auch hier der Sieg auf die Selle der letzteren. Diese dachten jedoch in ihrem Eifer zu früh an die Verfolgung, und diesen verhängnisvollen Fehler benutzte Zindram, seine fliehenden Scharen zu ordnen und sie durch seine Reservetruppen zu verstärken. Gleiches tat der Großfürst, uni) noch einmal entbrannte die Schlacht in wilder Wut. Schwächer und schwächer wurden die Streitkräfte des Ordens; Berge von Leichen lagen umher. Hochmeister Ulrich ritt aber trotz des mehrstündigen Kampfes, an dem er sich persönlich beteiligte, noch immer unverwundet auf seinem weißen Streithengst. Es mag fein, daß viele der dem Christentum angehörenden Polen, die den Hochmeister und seine Würde kannten, sich scheuten, auf ihn einen Lanzenstoß oder Schwertstreich zu tun, jedenfalls war er selbst im dichtesten Kampfgewühl bisher völlig verschont geblieben.
Man riet ihm, sich zurückzuziehen. „Das soll, so Gott will, nicht geschehen," entgegnete er, „denn wo so mancher brave Ritter neben mir gefallen ist, will ich nicht aus dem Felde reiten." Damit stellte er sich an die Spitze von noch 16 Fähnlein frischen Volkes und wollte auf den Feind erneut einbringen. Da waren
es Nikolaus von Renys, der Bannerführer des Kulmer Landes und das Haupt des Eidechsenbundes, der mit noch einigen andern Rittern und Knechten derselben Landschaft (nicht etwa Brüder des Ordens) das Zeichen zur Flucht gab. Der ritterliche Hochmeister ließ sich auch durch diesen schmählichen Verrat nicht vom Vordringen abhalten. Er ritt zum letzten Kampfe, indem er hoffte, das Geschick zu des Ordens Gunsten zu wenden. Doch ein polnischer Ritter — Dobeslaw von Oles- ntce soll es gewesen sein — drang auf ihn ein und suchte ihn zu fällen. Es gelang nicht. Bald darauf aber verletzte ein Wurfspieß ihn im Gesicht. Stark blutend kämpfte er weiter, trotzdem er noch mehrmals verwundet wurde. Die meisten der bei ihm gebliebenen Ritter hatten den Heldentod gesunden. Mit dem Schwerte in der Rechten kämpfte der todesmüde Held noch eine Zeitlang, bis ihn ein feindlicher Speer in den Hals traf und er so zu Tode verwundet dahinsank.
Nun war die Schlacht vollends verloren und das Schicksal des Ordens besiegelt, niemals wieder hat er sich von diesem Schlage erholt. Die Mehrzahl seiner Kämpfer, über 10 000 Helden, bedeckten die blutige Wahlstatt. Aber auch die Zahl der gefallenen Feinde war außerordentlich groß. Heldenmütig hatten die deutschen Scharen gekämpft, und obgleich sie der lieber« macht erlegen waren, dürfen wir doch allezeit mit berechtigtem Stolz auf diesen Kampf für die deutsche Kultur blicken. Die Tapferkeit der Deutschritter bei Tannenberg wird von allen Chronisten und auch von den polnischen Schriftstellern der neueren Zeit gebührend anerkannt. Selbst Sienkewicz schreibt in seinem Roman „Die Kreuzritter": „Dieser Tag war für den Deutschen Ritterorden der Tag der größten Niederlage, aber auch zugleich der Tag der höchsten Ehre."
Einen ähnlichen Sieg hofften die Stuften in derselben Gegend im Jahre 1914 daoonzu tragen. Erschien doch zur Feier des 500. Gedenktages der Schlacht im Jahre 1910 im Petersburger Militärwochenblatt „Rußkij Invalid" (Nr. 160), dessen Schriftleiter ein Oberst des ruf- fischen Generalstabes war, unter der Ueberschrift: „Gedanken zur 500-Feier des altslaoischen Sieges am 15. Juli 1410 über die Deutschen bei Tannenberg" ein Artikel, in dem es u. a. hieß: „Eine Hauptursache des Erfolges der Slaven bei Tannenberg 1410 war der schnell entschlossene Reiterangriff des Fürsten Witold. . . Wenn einst die Stunde schlagen wird, kann es wohl erreicht werden, daß die Deutfdjen wie bei Tannenberg, nach einer Wendung des Glücks, wieder an ihre Habe und an ihre Schlösser denken, und wir den modernen Pangerrnanismus zu Fall bringen werden." Die Schlacht von Tannenberg hat sich gar bald nach dem Jubiläum von Tannenberg wiederholt, aber sie hat einen wesentlich andern Verlauf genommen, als es sich die Russen je hätten träumen lassen, sie wurde entscheidend beeinflußt gerade durch den schnell entschlossenen Angriff unsererseits auf die in Ostpreußen eindringenden russischen Heeresrnassen.
verbrecher-pech.
Von E. Herold- München.
In der Regel dreht sich der Verbrecher selbst die Schlinge, die ihn fängt; die Polizei zieht sie nur zu. Ein Verbrechen mag in feinen Vorbedingungen, in feinen Mitteln und Folgen noch fo klug überdacht, noch fo geschickt ausgeführt fein, etwas — und gewöhnlich ist dieses Etwas an sich recht nichtig — Übersieht der Verbrecher immer und schließlich wird ein Geldschrankknacker, der bei Dutzenden von Einbrüchen nur Spuren feiner Tätigkeit, nicht aber seiner selbst hinterlassen hat, durch einen Hofenknopf verraten, der ihm bei der „Arbeit" abgeplatzt ist. Hunderten von Verbrechern geht es fo wie jenem Zirkuskünstler: über sechs Paar Pferde schlügt er einen Salto und bricht das Sein, wenn er über einen Kieselstein stolpert.
Und dieses Stolpern der Verbrecher über Kieselsteine hat oft etwas Lustiges. So hat sich einmal in München das Schicksal einen köstlichen Scherz mit einem Dieb geleistet: der hat einen Gruß nicht erwidert und das hat ihn ins Gefängnis gebracht. Seit Monaten waren in der Universität Ueberzieher gestohlen worden, und so eifrig man auch die Korridors überwachte, der Dieb war nie zu fassen. Da traf auf der Neuhauserstratze ein farbentragender Student einen andern, der für seinen achtungsvollen Gruß nicht dankte. Das ging gegen die studentische Sitte. Der Student stellte den Unhöflichen und der benahm sich abermals unkorrekt. Das fiel dem Studenten auf, er winkte einem Schutzmann und auf der Polizei fand man bald die Erklärung für die Un- Höflichkeiten: der Festgenommene war ein Bäckergehilfe. Daß er einem Studenten den schuldigen Respekt verweigerte, nahm man ihm nicht weiter übel, daß er aber auch vor fremden Ueberziehern keinen hatte, ward ihm hoch angerechnet: mit zwei Jahren Gefängnis nämlich!
Eine ähnliche lustige Geschichte hat sich in Halle abgespielt. Dort hatte ein Einbrecher einem Chemiestudenten einen nächtlichen Besuch gemacht und auch eine Dose geöffnet, in der er Schmucksachen vermutete. In der
Aber Eugen Asthusen beachtete das nicht. Er suchte die emfamften Wege auf, wo ihm nur wenige gleich ihm nachdenklich dccherschrestende Menschen begegneten oder sich ein Liebespärchen den Blicken der anderen zu entziehen suchte.
Die Begegnung mit dem Kommerzienrat hatte die Vergangenheit in ihm wachgerufen. Er fühlte wieder das Dunkel auf sich lasten, aus dem er sich zum Licht emporgerungen hatte. Er sah wieder das graue Haus mit allen seinen Merkwürdigkeiten.
Und er schauerte leicht zusammen, ihm war, als ob die alle düstere Zeit wieder Gewalt über fein Leben ge- winnen wollte. Im hellen Licht der Jugend und der Wissenschaft hatte er die letzten Jahre gelebt. Dennoch war etwas wie em geheimes Bangen vor der düsteren Vergangenheit in feiner Seele hasten geblieben und es drängte sich oft in feine Träume. Aber ein mildes Licht schien über dem Dunkel zu ruhen. Er sah den kleinen, sonnenhellen Garten hinter dem grauen Haufe wieder deutlich vor sich, den breitästigsn allen Kastanienbaum, er sah den prächtigen Park des Kommerzienrates, zwi- fchen dessen Grün die weiße Villa hindurchschimmerte.
Und die liebliche Gestalt Ingrids, der Freundin seiner Knabenjahre, der heimlich Geliebten seiner Jüng- lingszell, schwebte durch feine Träume. _ Unwillkürlich griff er in die Westentasche, in der sonst der kleine Ring mit den blauen Steinen, das Geschenk Ingrids, steckte. Vergeblich suchte er. Der Ring war verschwunden, wie das Gedächtnis an die liebliche Geberin in den letzten Jahren mehr und mehr entschwunden war. Und mit einem Male stieg ein anderes Bild vor feiner Seele empor und ließ seine Wangen erglühen. Der Abschiedsabend vor seiner Abreise zur Universität, an dem ihn die Arme Ediths, der leidenschaftlichen Amerikanerin, umschlungen, wo heiße Lippen ihn geküßt und ihm törichte Liebesworte zugeflüstert hatten.
Wohin war all das entschwunden? All die Iugend- torheit, all die Iugendeselei?
Edith hatte ihm oft geschrieben in den ersten Jahren ‘einer Unioerfitätsjeit. Lachend hatte er die Briefe bei-
Empor!
Roman von Otto Elfter.
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XVII.
Erne seltsame Gesellschaft hatte sich da an dem runden Marmortisch zusammengefunden. Der kleine weißhaarige Herr im schwarzen Gehrock, dessen abgemagertes Gesicht riefe Falten zeigte, ihm zur Seite der dunkelschöne, kräftig entwickelte junge Doktor mit dem schön gepflegten dunklen Bart und den offenen, klugen Augen, und ihm gegenüber die lange, hagere, schwarzgekleidete Gestatt des jungen Philologen, dessen Gesicht ein spärlicher Backenbart umgab.
„Also sind Sie Assistenzarzt in der Klinik des be- rühmten Professors Behrmann, lieber Eugen?" wiederholte der Kommerzienrat Eugens Erzählung. „9hm, das freut mich, ich hatte schon lange die Absicht, den Geheimrat zu konsultieren, Sie wissen ja, daß meine Frau schon lange leidend ist."
„So hat sich das Leiden der Frau Gemahlin noch immer nicht gebessert?"
„Leider nein. Nun, die Ereignisse der letzten Jahre waren auch nicht dazu angetan, ihre Nerven zu stärken", entgegnete der Kommerzienrat mit leisem Seufzer. „Sie wissen doch, daß ich die Fabrik aufgeben mußte?"
„Ja, und es hat mir recht leid getan!" Aber ich denke, Ihr jetziges Geschäft nimmt einen guten Fortgang."
„Wir wollen es hoffen. Aber man hat seine liebe Not tmb viel Arbeit, um die Sache m Gang zu bringen. Ich bin ja auch feiner der Jüngsten mehr und habe schon zu schleppen an meinem Päckchen."
„Nun", warf Bestehorn ein, „des Menschen Leben, — wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen."
,/Da haben Sie wohl recht, Herr Bestehorn, oder muß ich auch Herr Doktor sagen?"
„Noch nicht. Vorläufig bin ich noch als Privat- teurer tgtig."
„Sie haben da eine mühevolle Aufgabe übernommen." „Ja, mühevoll und anstrengend, aber ich arbeite gerne und freudig, ohne auf Dank zu rechnen."
„Ja, Dantbarfeti findet man selten bet den Menschen," pflichtete Sommerfeld bei.
„Nun ganz so schlimm ist es nicht," sagte Eugen lächelnd, „wenigstens habe ich von Ihren früheren Arbeitern manches dankbare Wort für Ihre väterliche Fürsorge gehört."
„Ja, das war einmal," seufzte Sommerfeld, „da hatte ich noch den großem Geldbeutel. — Aber hören Sie, Eugen, haben Sie morgen eine Stunde für mich und die meinigen übrig?“
„Gewiß, Herr Kommerzienrat."
„So geben Sie uns die Ehre, morgen mittag zu einem einfachen Essen. Da ist meine Adresse, ich hoffe, Sie kommen gern."
„Aber natürlich! Um welche Zeit befehlen Sie?"
„Um zwei Uhr, wenn ich biteten darf."
„Mit dem größten Vergnügen."
„9hm, und Sie, lieber Bestehorn?"
„Es tut mir leid," entgegnete Immanuel, „aber morgen geht es nicht. Ich habe über meine Zeit schon verfügt"
„Schade, nun, vielleicht ein andermal!"
„Ich werde gern kommen, Herr Kommerzienrat!"
„Also auf Wiedersehen, meine Herren! Ich muß nach .Hause."
Sie schüttelien sich die Hände und der Kommerzienrat entfernte sich, während auf feinem leicht geröteten Antlitz noch immer ein Lächeln lag.
Eine Weile saßen die Freunde schweigend beisammen, jeder mit feinen Gedanken beschäftigt.
Endlich gingen auch sie.
Auf der Straße trennten sie sich.
Eugen schlenderte die Linden entlang gegeen den Tiergarten. Tulpen und Hyazinthen entsandten ihren Duft in die milde Abendlust. Eine Menge Spaziergänger füllte alle Ws-» tmb erfreute sich des herrlichen Abends.
\ Nr. 196 vom 23. flug. 1924. j
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Dose war aber Niespulver! So sehr sich der Dieb auch gegen das Kitzeln wehrte, er platzte doch los und weckte so den schlafenden Studenten. Aber er hatte Geistesgegenwart genug, dem Studenten das Pulver ins Gesicht zu werfen. So waren beide vor Niesen wehrlos; schließlich siegte in dem Niesduett der Student. Vielleicht, weil er im „Bierjungen-Trinken" Uebung im Ueberroinben von Reizen hatte. So konnte er den immer noch niesenden Einbrecher übermäßigen.
Daß Einbrecher Bitterwasser oder ähnliche ©etrtlnfe für einen guten Schluck halten und sich durch die Folgen „anderorts" verraten, ist keine Seltenheit. Ein zu spät zugestellter Eilbrief und ein nasser Hofenboden hat vor Jahren den Dieb verraten, der auf dem Wasserweg in das Münchener Münzamt eingedrungen war und 120 000 M frisch gemünztes Gold gestohlen hatte. Sein Komplize hatte den Dieb, der damals Soldat war, durch den Eilbrief warnen wollen, den Einbruch auszuführen. Der Brief kam zu spät. Der Soldat war bereits über die Kasernenmauer geklettert und der diensttuende Unter« Offizier, der ihm den Brief hätte übergeben sollen, fand ein feeres Bett. So gab man in der Rächt besonders Obacht, um den Durchbrenner bei der Rückkehr zu faflen. Man fing ihn auch ab, dabei sah man, daß er einen nassen Hosenboden hatte. Diese Beobachtung roarb nach Wochen em wichtiger Beweis zur Ueberführung des Diebes, der ohne den Zufall des Eilbriefes ein Alibi gehabt hätte, wie er flch's nicht besser hätte wünschen können.
Oft müssen Verbrecher für die Sünden anderer büßen. So besonders in Großstädten, wenn bei sensationellen Fällen die Polizei das Publikum zur Mitarbeit an- spornt. Da werden der Polizei Hunderte von auffälligen Beobachtungen mitgeteilt, und wenn bei genauerer Nachforschung auch der gesuchte Verbrecher nicht gefunden wird, einige der Verdächtigten bleiben doch immer, wenn auch aus anderen Gründen, in den Händen der Polizei. Daß zwei vollständig von einander getrennt arbeitende Verbrecher sich gegenseitig verraten, ohne eine Ahnung davon zu haben, das hat vor einigen Jahren ein Fall gezeigt, der in München und Zürich gespielt hat. In München hatte ein Graveur im Auftrage eines portugiesischen Gauners für etwa zwei Millionen Goldmark brasilianischer Noten gefälscht. Ein von dem Graveur nach Zürich postlagernder Brief, der dem Portugiesen das Original zu den Fälschungen und die ersten gelungenen Fälschungen bringen sollte, geriet in die Hände eines ungetreuen Postbeamten, der in Zürich schon seit Jahren postlagernde Briefe an Ausländer unterschlug, well er gerade in solchen Briefchen in der Regel Banknoten sand. Der Züricher Postbeamte, der keine Ahnung hatte, daß die Noten mit einer Ausnahme falsch waren, machte damit eine Urlaubsreife nach Italien; beim Wechseln einer falschen Note wurde er verhaftet. In seiner Brieftasche fand man den Begleitbrief des Münchener Graveurs. Man ahnte die Zusammenhänge und machte der Münchener Polizei eine Mitteilung. Die fand in der Wohnung des Graveurs die Platten für die Fälschungen. Unterdessen war zwischen ihm und seinem portugiesischen Auftraggeber wegen des vermißten Postlagerbriefs ein Zerwürfnis ausgebrochen. Der Portugiese glaubte nicht, daß der Graveur den Brief abgesandt hätte und warf ihm vor, er habe die echte Note für sich behalten. Diese Verächtigung kränkte den Graveur an seiner „Ehre". Er war wütend über den Portugiesen und glaubte, der wolle ihn nur um seinen Lohn bringen. Und in feiner Wut verriet er feinen Komplizen. So hatten sich drei Verbrecher in einer Schlinge gefangen: der Postbeamte, der Graveur und der Portugiese. Einem Schwank-Dichter hätte man eine so lustige Geschichte gar nicht geglaubt!
heileres.
Kotiert. „Finden Sie nicht auch, daß meine Frau heute gut singt?' — „Wie, bitte?" - „Ich fragte, ob Sie nicht auch meinen, daß meine Frau heute besonders gut singt? — „Entschuldigen Sie bitte, ich kann kein Wort verstehen, das Weib da vorn grölt entsetzlich!»
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freundliche Aufforderung. Maier: „Alle Achtung, Mensch, du hast aber krumme Beene, da kann ja 'n Affe durchspringen." — Paul: „Na, denn spring man."
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vorhast. Weinwirt (entrüstet): „Da hat doch ein Unteroffizier einen jungen Soldaten beim Schwimmen so viel Wasser schlucken laffen, daß er bewußtlos wurde!' — Stammgast: „Machen Sie es denn mit ihren Gästen anders?'
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feite geworfen, oljne sie zu beantworten. Er schämte sich der Stunde und wollte dis Erinnerung daran mv Gewalt aus feiner Seele verbannen.
Dann hörten die Briefe auf und er vernahm nichts mehr von dem leidenschaftlichen Mädchen. Alles, alles, was seiner Jugend Duft und Farbe gegeben hatte, war untergegangen in dem Strom der Zett, an dessen Ufer er jetzt stand, ein kluger, verständiger, aber einsamer Mensch, der seine Pflichten als Assistenzarzt des west be- rühmten Chirurgen Professor Behrmann getreu erfüllte, fein Wissen und Können erweiterte, aber trotzdem eine unerklärliche Sehnsucht empfand nach den Traumbildern seiner Jugend und einen Hunger nach Liebe und Freund- schäft, den der Umgang mit Immanuel Bestehorn nicht stillen konnte.
Denn der Jugendfreund war ein anderer geworden. Aus feiner kindlichen Frömmigkeit war ein krankhafter Hang nach Uebersinnlichem enfftanden, den Eugen durch- aus nicht teilte. ’
Weniger denn je verstanden sich daher ine beiden jungen Männer und selten nur trafen sie zusammen.
Jetzt sollte Eugen Ingrid Wiedersehen.
Ingrid! In ihrem Namen schien sich all der Sonnenschein zu sammeln, der seine einsame, düstere, fteudenft arme Jugend erhellt hatte. Er hörte das Jauchzen des Kindes, wenn er vor ihr die Puppen tanzen ließ oder, sonst allerlei Unsinn trieb. Was erfann er damals nicht alles, um die Kleine lachen zu machen! Mit ernsthaftem Gesicht lauschte sie dem Märchen, das er chr erzählte, den blonden Kopf an feine Schulter gelehnt. Oder spater, als sie verständiger wurde, tos er ihr vor und sie konnte nie genug hören und wollte immer noch mehr. Er sah sich noch vor ihr stehen, als er Abschied nahm, um zur Universität zu gehen. 1
Eine Unruhe hatte sich seiner bemächtigt, die er noch vor kurzem kaum für möglich gehalten hätte, die ihm aber jetzt als ein heiliges Vermächtnis feiner Jugend' erschien.
(Fortsetzung folgt)