Einzelbild herunterladen
 

FuldaerZertung

Nr. 192.

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.

Verantwortlich für die Schriftleitung: Dr. Johannes Kramer. Anzeige«: I- $ arzeller, Fulda. Rotationsdruck und Verlag der - Fuldaer Actieudruckerei in Fulda. Fernkvrecher Nr- 9. s Monatlicher BezugSvreiS: 1.50 Mk.

Dienstag, 19, Kugust 1924.

Anreigen-Preilc: Sleimeile (Colonel) lokal 0.15 Soldmark, auswärts 0.20 Soldmark: Reklamezeile lokal 0.60, Soldmark :: auswärts 030 Goldmark.

Bei Wiederholungen Rabatt. Postscheckkonto Frankfurt a. SR. 4051.

51. Zahrg.

Die llskk KMWgSMWhM.

wtb Offenburg, IS. August. (Tel.) Der neu- ernannke Kommandant des Brückenkopfes Sehl, Ge­neral Boquet, hat heute dem Oberamkmaun von Offenburg mikgeteilt, datz das neubefehte Gebiet von Offenburg und Appenweier heutegeräumt wird. Gleichzeitig wird eine gemischte Kommission zur Uebernahme des Inventars and der Offiziers- wohmmgen zufammcnkrekev. Die in Offenburg stationierten französischen Truppen sind bereits heute morgen in feldmarschmäßiger Ausrüstung ange- lrcken.

London.

V Bon unserem Berliner Vertreter.

Will man das Ergebnis von London beurteilen, tonn: Nehmt alles nur in allem. Gewiß ist die- enige Frage, die uns am meisten am Herzen liegt, richt zu unserer vollen Zufriedenheit geregelt Wor­ten. Aber wenn man sich die unsäglichen Schwie- ngkeiten bei den Verhandlungen über die Räu­mung s s r a g e, die nicht offiziell zum Gegenstand der Stonferen z-Verhandlungen gemacht wer­den konnte, und trotzdem im Mittelpunkte dieser Konferenz stand, vor Augen führt, wenn man sich vergegenwärtigt, daß an dieser Frage das ganze Konferenzwerk mehr als einmal zu schei­tern drohte, wenn man sich weiter daran erinnert, wie die ursprünglichen Forderungen Frankreichs eine mindestens zweijährige Best^ungsfrist neben der Führung von Handelsvertragsver­handlungen auf dem Grundsätze der Meistbegünsti­gung für Frankreich unter Ausschluß desselben Grundsatzes für Deutschland, und außerdem auch noch der Kontingentsfreiheit für Elsaß-Lothringen ruf weitere drei Jahre schließlich in zähem Rin­gen ganz wesentlich abgemildert wurden, dann wird man doch dem nunmehr Erreichten eine andere Beurteilung angedeihen lassen müssen.

Wir müssen immer wieder in den Vordergrund stellen, daß es gerade gebieterische Pflicht angesichts unserer ganzen wirtschaftlichen und finanziellen Situation, insbesondere auch im Hinblick auf das weitere Halten der nachgerade aufdasäußerste bedrängten Stabilität unserer Wäh­rung war, wirtschaftlich zu einem Ergebnis zu kommen. Und wirtschaftlich ist tatsächlich ganz außerordentliches erreicht worden. Wir haben erzielt, datz die Zollgrenze sofort fällt, vaß die Micnmvertrage, die für unsere In­dustrie nachgerade tödlich wirkten, in Wegfall kom­men, daß die Besatzungskosten verschwinden und in Zukunft nun auf der Gegenseite lasten, was recht erzieherisch im Hinblick auf den Umfang der Besatzung wirkt. Wir haben weiter erreicht, daß die Regie zu ganz bestimmten Zeitpunkten fällt. Ferner haben wir in der Frage des Ver­bleibens der 45000 Eisenbahner die bestimmte Erklärung, daß sie zurückgezogen werden, und zwar nach den Terminen, die für die Uebergabe der Bahnen selbst festgelegt sind. Es wird ledig­lich eine Genietruppe als geschlossene Gruppe ein­gerichtet, sodaß also die Betreffenden nicht im deutschen Eisenbahndienst verteilt wer­den können. Diese Frage hängt ja unmittelbar zusammen mit der Rückkehr der Ausgewiefenen, und was wir für eine selbstverständliche Forde­rung Deutschlands halten, mit der Zurückführung dieser Ausgewiesenen auch in ihre früheren Aemter.

All diese wirtschaftlichen Vorteile wären aber tot höchsten Grade in Frage gestellt gewesen, ja »ollständig nichtig geworden, wenn wir auf der anderen Seite, um die Räumungsfrist noch um ein paar Wochen zu verkürzen, hätten wirtschaft- liche Bindungen hinnehmen müssen, die uns für Jahrzehnte festgelegt haben würden. Die übrigen angedeuteten französischen wirtschafüichen Forderungen, die mit der Räumungsfrage ver­knüpft wurden, bedeuten ungeheure Lasten für unsere ganze Volkswirtschaft, die wir nimmer­mehr hätten tragen können. Es ist nun erreicht worden, daß der ganze Kreis dieser französischen Wirtschaftsforderungen bei den Verhandlungen über die Räumungsfrage ausgeschlossen wurde. Wir haben also unsere volle Handels­freiheit mit dem 10. Januar 1925 gesichert. Wir find dann vollständig frei1 in dem Abschluß eines Handelsvertrages mit Frankreich, und zwa: ohne Sie jetzt erhobene Voraussetzung der Zubilligung Ser Meistbegünstigung, sondern auch nut allen an­deren Staaten. Hätten wir jetzt gegenüber Frank­reich Zusagen gemacht, ober machen zu müssen geglaubt, um einiger Wochen Besatzungssrist wil­len, dann hätten wir für mindestens ein Jahrzehnt, die Frist also, für die ein Handelsvertrag in der Regel bestimmt wird, und auch allen anderen Staa­ten gegenüber festgelegt.

Das alles ist nun vermieden. Das ist ein Er­folg, der ganz ungeheuer zu Buch schlägt, denn täuschen wir uns nicht darüber, unsere wirt­schaftlichen Verhältnisse sind ungemein trübe. Unsere Wirtschaft hungert nach Krediten und sie wird verkommen, wenn nicht bald diese ausländische Kredit-Zufuhr einsetzt. Die Micum- lasten zehrten an der Substanz, und haben sie schon allmählich aufgezehrt. Sehr wichtig ist, daß die Kontingente für Elsaß-Lothringen ebenfalls mit dem 10. Januar 1925 aufgehoben werden. Un­sere Eisenindustrie wäre erledigt, wenn hier noch eine Fortsetzung der Vergünstigungen hätte zuge- standen werden müssen, sie könnten die Konkurrenz nicht ertragen. Und in der gleichen Lage befindet sich die deutsche Textil industrie, und vor allem der deutsche Weinbau.

Betrachtet man diese Dinge in ihrer Gesamtheit, dann wird man, wenn auch sehr schweren Herzens,

und insbesondere' vom Standpunkt eines Rhein­länders, die noch auf Monate hinaus laufende Räumungsfrist in Kauf nehmen müssen. Dieser Auffassung haben sich gerade auch die aus dem Rheinland stammenden Minister des Reichskabinetts, neben dem Minister für die be­setzten Gebiete Dr. H ö s l e auch der Innenminister Dr. Jarres angeschlossen. Gerade die Verbin­dung der wirtschaftlichen Forderungen mit der Räumungsfrage hat im Rheinlande die größte Sorge bereitet Wenn nun ein wirkliches Ende der Räumung zu sehen ist, wenn der Räumungs­termin fest verankert wird durch ein internationa­les Protokoll, dann ist eine solche Abmachung im Hinblick auf die übrigen Botteile, die durch die Londoner Konferenz auf wirtschaftlichem Gebiete uns erwachsen, tragbar. Bei einer solchen inter­nationalen Abmachung wird eine auf Herriot fol­gende Regierung sich den jetzigen Zusagen nicht mehr entziehen können. Auch die anderen Mächte werden als Zeugen und Paten, ja gewiflermaßen als Mitverpflichtete hinter solchen Abmachungen Ken. Es ist weiter vereinbart worden, daß an

t für die Räumung festgesetzten Tage diese Räu­mung vollzogen sein muß, daß also an diesem Tage der absolute Zustand des Geräumtseins Platz greift.

Es ist selbstverständlich, daß in diesem Zusam­menhang in London auch die Räumung der ersten, der Kölner Zone. verhandelt worden ist. Der Rechtsstandpunkt der deutschen Reichsregierung ist also nach wie vor der, daß diese Zone am 10. Ja­nuar 1925 geräumt fein muß. Auch wenn tech­nische Gründe es vielleicht geboten erscheinen ließen, daß das Hinterland von den Engländern nicht eher geräumt werden kann, als bis das Vorder­land von den Franzosen geräumt ist, so verschlägt das nichts, daß wir die Räumungsfrist als solche mit dem 10. Januar 1925 als gegeben betrachten, und daß wir auch die 10- und 15jährige Frist für, die anderen Zonen dementsprechend berechnen müsien.

Es wird jetzt darauf ankommen, daß Frankreich die Abmachungen von London durchführt. War es Herriot wirklich nur darum zu tun, feine Stel­lung zu retten, um das Gutachten zu retten, dann wird er alsbald Gelegenheit haben, den guten Willen und die ehrliche Absicht Frankreichs da­durch zu bekunden, daß mit dem Abbau der Räu­mung sofort begonnen wird.

Nach dem Abschluß.

Die französische Presse, soweit sie im nationalistischen Lager steht, läßt kein gutes Haar an der Regelung, in die Herriot eingewilligt hat. In der Libertö heißt es:ES ist zu Ende! Ist em Kranker gestorben? Aber ja, der Vertrag von Versailles. Der Sieg Frankreichs hat soeben feinen letzten Seuzer ausgehaucht. Jeden Tag haben wir m London ein neues Zurückweichen Frankreichs er­lebt. Zuerst wurde die Reparationskommission ge­opfert, m der Frankreich und Belgien maßgebend waren, zu Gunsten wer weiß welchen Schiedsgerichts, bei dem unser Recht ans Gnade und Ungnade den mehr oder weniger deutschfreundlichen Neutralen ausgeliefert ist. Dann kam eine Herabschung unserer arm­seligen Forderungen an Deutschland um mehr als die Hälfte, dieser Forderungen die wir seit drei Jahren für unerschütterlich erklätteu, weil sie uns die Hoffnung und die lRöglichkeit gegeben hätten, unsere Schulden bei unseren Alliierten abzutragen. Schließlich haben wir, ohne auch nur abzuwarten, ob Deutschland uns bezahlt, unsere sämtlichen Pfän­der ans der Hand gegeben, di« uns gleichzeitig unsere Reparationen und unsere Sicherheit gewährleisteten. Das alles wird Herriot jedoch nicht verhindern zn erklären:Ich bin zufrieden, sehr zufrieden".

DieSBictorire" will nur feststellen, daß Herttot in der Räumungsfrage neue Zugeständnisse gemacht habe. Das Parlament werde letzten Endes darüber $u entscheiden haben, ob daS Dorsprechen einer Kon­ferenz über einen Handelsvertrag ein Ausgleich da­für sei. Herriot werde vom Parlament besonders bezüglich des Grundproblems der Sicherheit Fran- kreichS beurteilt werden. Die ungeheure Berant- wortung für die Räumung der ersten Rheinzone trage Herriot. Die beiden Kammern werden darüber zu entscheiden haben, ob sie diese Berantwottung mit ihm teilen werden.

DerGaulois" überschreibt feine Ausführungen mit »Das Kompromiß" und sagt der einzige Vor­teil, den Frankreich auf dieser Konferenz voller Ent­täuschungen erreicht habe, sei, daß eS den Beweis für seine Uninteressiertheit, für seinen Edelmut und dafür erbracht habe, daß eS keinerlei annexionisttsche Absichten hege. Wenn die schönen Gesten genügten, um das Budget Fr a n kr e i ch S wreder ins Gleichgewicht zu bringen, wenn sie genügten, um den ausländischen Kredit Frankreichs aufrechtzuerhalten, dann werde alles gut gehen und man werde der Politik des fran­zösischen Ministerpräsidenten Beifall zollen, wenn Deutschland feine neue industrielle, finanzielle und Handelsfreiheit nicht dazu benutze, die von Luden- dorff und den Nationalisten mit lauter Stimme ge­predigte Revanche vorzubereiten. Wer aber solle es wagen, sich beute in solchen Illusionen zu wiegen?

Der .Eclair" sagt, Herriot habe in allen Punkten nachgegeben und die heiligsten Jntereffeu Frankreichs geopfert, Deutschland aber habe er Vorteile gewährt, die für Frankreich die größte Gefahr bedeuten.

Nach derAction Fran^aise" hätte Frankreich seine Souveränität aufgegeben, da es die Reparationen internationalen Schiedsrichternüberlaffenhabe^Frank- reich habe in der Schuldensrage und in der Militär­kontrolle sowie in der wirtschaftlichen Kontrolle gar» nichts erreicht.

herriots Abwehr.

wtb London, 18. Ang. (Tel.) herriot er­klärte in einem Interview, das Ergebnis der Lon­doner Konferenz werde bekämpft werden von

. allen denjenigen, deren Unvorsichtigkeit und deren Provokation Frankreich mit der Gefahr eines neuen Krieges bedrohe. Es handele sich um ein ehrliches und friedliches Werk und bedeute den Beginn einer neuen Meta. Frankreich fei nicht länger isoliert, aber die Konferenz werde nun fruchtbringend fein und könne die Fortsetzung gleich- arüget Bemühungen nut ermöglichen, w.nn die Völker, für die man gearbeitet habe, das Werk ge­gen Angriffe derer und ihre Zahl fei noch allzu groß schütze, die von einem Krieg im Ausland und von einem Krieg im Innern träumte»

Urteile aus England.

Macdonald Hai einem Vertreter desPetit Parifien nach Schluß der Konferenz eine schriftliche Auszeichnung über seine Eindrücke übergeben. Es heißt darin: Ich betrachte den Erfolg dieser Kon­ferenz als das bedeutsamste Ereignis feit der Unter­zeichnung des Waffenstillstandes. Wir haben ein Ziel erreichen können, um das sich feit 5 Jahren die Anstrengungen aller europäischen Mächte dre­hen. Cs bleiben no ch zahllose Schwierig­keiten zu überwinden, und mehr als ein prakti­sches Problem zu lösen, bevor sich die Welt end­gültig von ihrem Fall erholen kann, der die Folge des Krieges war. Ader ich habe die feste Hoffnung, daß, wenn die Mächte, die an der Konferenz teil­genommen haben, sich daran machen, diese Prob­leme und Sdjroierigteiten in dem Geiste zu lösen, mit dem ihre Vertreter während des letzten Monats und besonders während der letzten Wochen an ihre Aufgabe herangegangen sind, wir dann künftig das Datum der Unterzeichnung des Dawesplanes als den Beginn der neuen Zeit friedlicher Zu­sammenarbeit zwischen den Hauptnationen der Welt werden betrachten können. ..

£ - -y , fn».....

Garvin führt im LondonerD b f e r d e r" aus, die deutsche Delegation habe das Höchstmaß des gegenwärtig Erreichbaren erlangt, Vorteile und Garantien, auf die man zurzeit des Ruhrkampfes nicht hoffen konnte, deren Annahme das einzige Mittel bildete, um einem unermeßlichen Schaden zu entgehen. Vom deutschen Standpunkt sei es besser gewesen, im letzten Augenblick nachzugeben als die ganze Konferenz zum Scheitern zu bringen. Die Regelung sei mit allen ihren Unvollkommenheiten besser als ein Abbruch und bilde im ganzen einen denkwürdigen Fortschritt.

DieSunday Times" bemerkt, Herriot und Marx hätten die Genugtuung, daß sie in der Lage (ind, ihren Ländern einen brauchbaren Plan ür den Wiederaufb au von Europa vorzulegen, den keine Regierung und kein Parla­ment leichthin ablehnen wird. Die Anleihe, die Deutschland auf die Seine helfen soll, sei gewähr­leistet. Es bestehe die Sicherheit, daß ein solches Unternehmen wie das Ruhr abenteuer nicht wieder versucht werden wird.

Verhandlungen mit Belgien.

wtb Paris, 18. August. (Tel.) DemPetit Parisien" wird aus Brüssel gemeldet, daß in einem in der vorletzten Pacht der belgischen Delegation in London übergebenen Schreiben des deutschen Außenministers Dr. Stresemann festgelegt werde, daß die belgisch-deutschen Wirtschaftsverhandlungen bereits am 1. September beginnen können. Der belgische Sachverständige van Langchooven werde am 1. September für diesen Zweck nach Berlin reisen.

Die 2ßpro;entige Reparakionsabgabe.

wtb London, 18. August. (Tel.) Reuter zu­folge wird in amtlichen Kreisen Londons betont, daß die Wiedereinführung der 2KprozenkIgen Re- paratioasabgabe die Deutschland nach dem Dawes­plan auferlegken Verpflichtungen nicht erhöhe, son­dern lediglich die Betrage berühre, die der General­agent für die Reparationszahlungen von den Wehr- forderungen gegenüber Deutschland abzuführen habe.

*

Savas veröffentlicht folgende Note: Die badischen Städte Offenburg und Appenweier sind am 4. November 1922 infolge der Aufhebung der inter­nationalen Züge Paris-Warschau und Paris-Prag seitens der deutschen Behörden als Sanktion durch französische Truppen besetzt worden. Da der Ver­kehr dieser Züge wieder hergestellt worden ist, haben sich die französische und die belgische Regierung da­rüber geeinigt, diese Städte räumen zu lassen, aus denen die französischen Truppen am 18. August abziehen werden.

* ...... -

Die deutschen Delegierten wurden am Montag morgen in Berlin zurückerwartet.

Rußland und Europa.

Wie das Pariser Journal meldet, haben die Sowjetvertreter in London versucht, mit den französischen und belgischen Ministern Verhand­lungen an zu knüpf en. Die Ruffen feien bereit, die französischen und belgischen Schulden teilweise anzuerkennen, Herriot und Theunis hätten zwar Verhandlungen in London abgelehnt, seien aber übereingekommen, daß die Sowjetregierung nach Schluß der Konferenz nach Paris und Brüffel ein» geladen werden würden.

In Moskau traf unter Führung Rakowskis bie zur englisch-rusifchen Konferenz entsandte Sow­jetdelegation wieder ein. Die Delegatton war am 15. August von Königsberg abgeflogen, mußte aber wegen Motordefekt unterwegs landen, doch war die Delegation vollkommen unverletzt. geblieben

Die Kämpfe in Marokko.

wtb Paris, 18. August. (Tel.) Wie der 2Rafin ans San Sebastian meldet, verlautet in Marokko, daß die Lage im westsichen Abschnitt der spanischen Zone stark gefährdet fei. Ueberall fei der Aufstand im Gang. In der Umgebung von Te- tuan, im Tale des Lauffluffes, wo die fpani- fchen Stellungen angegriffen wurden und in der Umgebung von Tfchetchuan, befonders im engen Umkreis von 10 Kilometer. Die Marok­kaner griffen jeden Tag rückfichkslos an und wenn ihre Angriffe nicht sofort von einer energischen Ge­genoffensive zum Stillstand gebracht würden, so fei nicht voransznfehen, was in kurzer Zell sich noch ereignen könne.

-------- I " '

Sudan und Indien.

Nach einer Reutermeldäng aus Karthum fan den am Samstag in Omdurman Kundgebungen statt, wobei die Polizei mit Steinen beworfen wurde. Drei Personen wurden verhaftet.

Reuter meldet aus Sikraudabad (Indien), daß es zwischen Hindus und Moslims in Dnlbarga zu Zusammenstößen gekommen ist. Ein Polizeichef wurde getötet, während einige Moslims verletzt wurden. Truppen und Polizei beherrschen die Lagh die jedoch ernst ist.

wtb London, 18. August. (Tel.) Reuter meldet aus M a l k a, datz die Kontingente des Dof- fet-Reglments nach Aegypten am Sonntag abgegangen feien.

Die Leiche Matteotis.

Die Leiche des von den Fafzisten ermordeten italienischen Sozialistenführers Matteoti, der zu einem neuen italienischen Volkshelden geworden ist, soll jetzt gefunden worden fein. Die ganze italienische Presse beschäftigt sich in spaltenlangen Berichten in Extraausgaben mit der Auffindung der Leiche Matteotis. Die Angelegenhell erregt alle Gemüter und macht einen ungeheueren Eindruck. Aus vielen Einzelheiten scheint zwei­fellos hervorzugehen, daß der vollständig nackt auf­gefundene Körper mit dem Leichnam Matteotis identisch ist. Den Blättern zufolge scheint der in geringer Tiefe begrabene Leichnam von Füch­sen aufgefunden und angefressen worden zu fein. Der Leichnam ist von dem Geistlichen der nächsten Kirche eingesegnet worden. Unzählige Neugierige und Freunde des Ermordeten sowie Journalisten haben sich an die Fundstelle begeben, sie werden je­doch von den ausgestellten Carabinieri zurück- gehalten.

Der vermeintliche Leichnam Matteotts tft ein» gesargt und in die Friedhofskapelle des Dorfes Riano verbracht worden. Der versiegelte Sarg wird zur Verfügung der Gerichtsbe­hörden gehalten. Die Kapelle wird von Cara­binieri auf das Strengste bewacht.

Die Nationalsozialisten in Weimar.

Zufammenstötze.

Der nationalsozialistische Parteitag, der in Wei­mar ftattfanb, wurde nach dreitägigen Verhandlun­gen mit einer Ansprache des Leiters der Versamm­lung, Abg. Feder, geschlossen. Aus dem Platz vor dem Nationaltheater fand ein Aufmarsch von 10000 Männin Hit teruniform statt. Bei dieser Gelegenhell ergriff zunächst Dinier das Wort, der heftige Angriffe gegen die Regierung rich­tete. Darauf hielt Ludendorff eine Rede, in der er u. a. die Freilassung Hitlers forderte.

DieMontagpost" meldet aus Weimar, daß es dort gelegentlich der Tagung des nationalistischen Parteitages zu einigen Zusammenstößen gekommen sei. Am Samstag nachmittag überfielen, wie das Blatt berichtet, in der Schillerstraße 50 60 Nationalsozialisten sechs Reichsbanner­leute, denen sie ihre Abzeichen zu entreißen versuch­ten. Ein Reichsbannermann wurde von ihnen b e- wußtlos geschlagen. Ein anderer trug eine Kopfwunde davon. Ein zweiter- Zwischenfall er­eignete sich abends im Dolkshause. In dessen Nähe hatten zwei bis drei jugendliche Kommunisten eine bayerische Truppe geneckt, worauf die Bayern mit großen Dolchmessern und Revolvern in das Dolks- !>aus eindrangen, dort einen den Hausflur über» chreitenden 64jährigen Arbeiter durch fünf Messer­stiche verwundeten und im Gastlokal auf die Gäste scharfe Schüffe abgaben, die glücklicherweise fehl­gingen.

Ein merkwürdiger Fall.

Der rechtsradikale Großkaufmann Hoff mann aus Leipzig, der im Mai im Verlauf einei erregten Auseinandersetzung seinen Portier erschos­sen und beffen Frau durch mehrere Schüsse schwer verletzt hatte, war gegen eine Kaution von 5000 Mark aus der Haft entlassen worden. Dieser Bettag soll, wie dieMontagspost" meldet, der Rechtsbeistand Hoffmanns, Rechtsanwalt Mel­zer, der ihm anoertrauten Kasse des Leipziger Stahlhelms" entnommen haben. In zahl­reichen Protestversammlungen aller Parteien wurde übereinstimmend erklärt, daß eine solche Verwen­dung von Geldern, die zu ganz anderen Zwecken gegeben wären, im Interesse eines Mörders ober wenigstens eines Totschlägers zu verwerfen fei. An­dauernde Eingaben aller Parteien haben jetzt er­reicht, daß Hoffmann, der sich vorübergehend . in Berlin aufhielt, am Sonntag auf Ersuchen der Leip­ziger Staatsanwaltschaft in Hall genommen wurde.