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daer Zeitung

Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stabt Fulda.

Nr. 189.

verantwortlich iür die Schrntleitmlg: Dr. Johannes Kramer. Anzeigen: I- B arre ller, Suita. Rotationsdruck und Verlag der 8 Fuldaer »ctieudruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr- 9. s Monatlicher BemaSvreiS: 1.50 Mk.

Donnerstag, 14. Kugust 1924.

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51. Zahrg.

Macdonalds Bericht.

vor der Beendigung der Konferenz-Arbeiten. , Vorsätzliche Verfehlungen". Die Räumungs- Frage.

Der anitliche englische Funkdienst meldet:

Eine Konferenz der alliierten und amerikani­schen Delegationen wurde Dienstag nachmittag unter dem Vorsitz von Macdonald abgehalten. Sie dauerte TA Stunden. Sir Edward Walton, der Oberkommissar von Britisch-Südafrika, war als Reichsvertreter zugegen. Der britische Premier­minister berichtete, daß verschiedene Ausschüsse zu­friedenstellende Fortschritte in ihrer Arbeit gemacht hätten, und erklärte, daß mit Ausnahme von zwei oder drei Punkte alle diese Arbeiten beendet seien. Er glaube, daß nur noch eine solche Versamm­lung der alliierten Delegierten vor der nächsten Voll­sitzung mit den Deutschen notwendig sein werde. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß diese Voll­sitzung die Beendigung der Arbeiten bedeuten werde.

Die Konferenz nahm Kenntnis von den Be­richten der Ausschüsse und billigte die verschiedenen Abänderungen und Zusätze, die gemacht wurden, seitdem die Deutschen an den Besprechungen teil­nehmen. Die meisten dieser Aenderungen sind bereits bekannt. Von besonderem Interesse war die Zusatzbemerkung zu dem Bericht des ersten Ausschusses, der bestimmt, daß die Bezeichnung .vorsätzliche Verfehlung" in dem Sinne gemeint ist, wie sie der britische Premierminister im Unterhause am 5. August gebraucht hat, und die klar erkennen läßt, daß ein überlegtes und absicht­liches Verschulden mit dieser Redewendung gemeint ist, wo immer in den Dokumenten sie gebraucht wird.

Außerhalb der Konferenz hat dem Vernehmen nach die Erörterung der Frage der militärischen Räumung des Ruhrgebietes während des ganzen Tages fortgedauert, ohne daß bisher über deren Ergebnis etwas Endgültiges bekannt ist.

wtb £ o n t> o n, 13. Ang. (Tel.) Rach einer Reuler-Meldung über dr« oben schon erwähnte Konferenz ohne die deutsche Delegation teilte Alac- donald mit, daß die Arbeiten der verschiedenen Ausschüsse nahezu beendet seien. Der Bericht des ersten Ausschusses wurde angenommen. Hinsicht­lich des Berichts der zweiten Kornmssion erklärte Macdonald, die § r a g e der Amnestie sei noch nicht geregelt. 3m übrigen wies er daraus hin, daß, wenn wie im Bericht vorgesehen, am 15. Aug. die Inkraftsetzung des Dawesplanes noch nicht er­folgen könne, alle übrigen Daten entsprechend hinausgeschoben würden. Hinsichtlich des Berichts der dritten Kommission werden die Listen über die Sachlieferungen Deutschlands noch erörtert. Der Hauptstreikpunkt fei die Lieferung von Farbstoffen, bei der auf die innerdeutschen Bedürfnisse gebührende Rücksicht genommen werden müsse.

Macdonald erklärte, daß eine weitere Konferenz­besprechung notwendig sei, bevor die Schlußsitzung der Konferenz skattfinden könne, an der auch die Deutschen vertreten sein würden.

Der En-Kampf.

Von einem besonderen politischen Mitarbeiter.

Die Londoner Konferenz ist nun in das Stadium des Endkampfes eingetreten. Und dieser End­kampf dreht sich um die R u h r r ä u m u n g.

Diese Frage stand offiziell überhaupt nicht auf der Tagesordnung der Londoner Konferenz, sie war das Thema, über das nicht gesprochen wer­den durfte! Aber gerade weil sie das war, stand sie immer im Vordergrund, wenn auch hinter den Kulissen.

Eigentlich gab es in London gar keine andere Frage als die der Räumung. Wirtschaftliche und militärische Räumung bilden eine Einheit, ein un­trennbares Ganzes, um erst einmal die Voraus­setzung für das Sachverständigengutachten zu schaf­fen und damit deutsche Leistungen zur Wirkung kommen zu lassen.

3n sehr lebhaften, stundenlangen Auseinander­setzungen haben nun der deutsche Außenminister einerseits und der französische Ministerpräsident andererseits ihre Bedingungen für die Ruhr­räumung formuliert. Herriot kämpfte mit Zähig­keit für eine mindestens noch einjährige Be­setzungsfrist, die aber von Stresemann selbstver­ständlich abgelehnt werden mußte, da sonst das Sachverständigengutachten nichts anderes wäre, als ein Messer ohne Klinge. Die Franzosen stellen mit Hartnäckigkeit wirtschaftspolitische Forderungen in den Vordergrund und hier ist der Punkt, an dem wir die stärkeren sind. Wir haben daher auch Grund zu der Annahme, daß Frankreich einer Verkürzung der ursprünglich vorgesehenen Rüumungssristen zustimmt, um wirtschafllicher und handelspolitischer Zugeständnisse willen. Damit aber das ist gerade das wichtige und die gegen­wärtigen Beratungen zweifellos verwickelt gestal­tende Moment treten Fragen in den Vorder­grund, die für die ganze künftige wirtschafüiche Stellung Deutschlands gegenüber dem Ausland von allergrößter Bedeutung ist. Deutschland wird ja jetzt allmählich dazu übergehen müssen, das ganze, während des Krieges zerrissene Netz der Han­delsbeziehungen zu dem Auslande wieder zusammenzuknüpfen. Und darum werden wir jetzt, da gewisse Klauseln des Versailler Vertrags uns an der vollen freien Ausnutzung noch hindern, uns hüten müssen, Bindungen einzugehen, die uns

später lästig werden müßten. Wenn daher Frank­reich jetzt das M eistb e günstig ung sre cht in einem kommenden deutsch-französischen Handels­vertrag zugestanden haben will, so wird diese For­derung sehr gewissenhaft auf ihre Wirkungen für spätere handelspolitische Abmachungen zu prüfen sein.

Frankreich legt aber auch einen großen Werrt daraus, daß für die Uebergangszeit bis zum 10. Januar 1925, an welchem Tage Deutschland seine Handelsfreiheit wiedererhält, bestimmte wirtschaft­liche Vorteile zugesagt werden, die dann auch in dem endgültigen Handelsvertrag verankert werden sollen. Daß bei allen diesen Problemen auch die Schaffung einer engen Verbindung zwischen dem französischen und speziell lothringer Erz und der Kohle der Ruhr mit eine Rolle spielt, ist erklärlich angesichts des Jnteresies, das gerade die französi­schen Industriellen an einer solchen Verbindung nehmen.

Jedenfalls wird das Schicksal der ganzen Kon­ferenz nicht nur, sondern auch die Zukunft der ge­samten politischen und wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands und Europas von dem Ausgange des Endkampfes Abhängen, der sich jetzt in London ab- spielt.

Die Räumungsstage.

Belgisch-französischer Gegensatz.

wtb Paris, 13. August. (Tel.) Der Londoner Sonderberichkerstatter desTernps" stellt erheb­liche Meinungsverschiedenheiten der französischen und belgischen Delegation in der Frage der mili­tärischen Räumung des Ruhrgebiets fest. Theu- nis sei für sofortige Räumung und habe daraus kein hehl gemacht. Belgien verlange keine Kompensationen als Gegenleistung für seine Räu­mung. Es stelle wenigstens keine dahingehenden Forderungen auf. Frankreich habe zwar offiziell die Frist der weiteren militärischen Besetzung auf ein Jahr eingefchränkk, suchte dann aber weit­gehende Einschränkungen in den Verhandlungen auszumünzen. Dagegen glaubt der Sonderbericht­erstatter des »Petit Parisien", daß die französisch- belgische Auseinandersetzung eine Zusammenarbeit wieder ermöglichen werde.

wtb Paris, 13. August. (Tel.) Rach einer Meldung aus London haben die Belgier sich nach einer gestrigen Unterredung mit Herriot, Rollet, de la Roca damit einverstanden erklärt, ihre Truppen aus dem Ruhrgebiet erst nach Zahlung der ersten Anuikät des Sachverfländigenberichks zurückzuzie- hen. Diese Frage werde heute vormittag zwischen den französischen, belgischen und deutschen Ministern erörtert werden. Diese Auseinandersetzung werde auf den Ausgang der Konferenz einen entscheiden­den Einfluß ausüben, denn sie sei jetzt völlig auf die Regelung der militärischen Räumung des Ruhr­gebiets abgestellt.

DemStar" zufolge hegt der britische Premier­minister nicht den geringsten Zweifel, daß die Deut­schen bereit sind, die Bestimmungen des Dawesbe­richts durchzuführen. Er vertraue vollkommen da­rauf, daß bis Ende Januar nicht ein briti­scher Soldat mehr jenseits des Kanals er­forderlich sein werde.

DerEvening Standard" meldet, ein wichtiger Fortschritt fei in der Richtung der Lösung der Frage der militärischen Räumung des Ruhrgebiets ge­macht worden. Alle Parteien feien jetzt der An­sicht, daß die Konferenz vor Ende der Woche schlie­ßen werde. Das Blatt will erfahren haben, daß, wenn alles gut gehe, der Beginn der Räumung der Ruhr noch vor Ende des Jahres statt­finden werde. Sowohl die militärischen als auch die Eisenbahnbehörden würden allmählich zurück­gezogen werden.

Die Verteilung.

wtb Paris, 13. August. (Tel.) Rach einer Meldung aus London hak die französische Dele­gation einen Vorschlag eivgebracht. der auf den Zu­sammentritt einer Konferenz zwecks Verteilung der deutschen Zahlungen abzielt. Der Vorschlag wird in einer neuen Vollsitzung der Konferenz am Donnerstag zur Sprache kommen. Lr lautet: Die alliierten Regierungen beschlleße«, daß alsbald nach Abschluß der Konferenz in Paris eine Kon­ferenz der Finanzminifter Zusammentritt, um

1) die Verteilung der von Deutschland seil dem 11. Januar 1923 erlangten Zahlungen sowie die Verkeilung der von Deutschland nach Aufnahme der Tätigkeit des Generalagenten für die Repa­rationszahlungen und während der ersten 3ahre des Sachverständigenberichts erhaltenen Beträge zu regeln.

2) Am die durch das Finanzabkommen vom 11. Mörz 1922 für die 3ahre 1922 und 1923 vor­gesehenen Verordnungen vorzunehmen.

Die unzufriedenen Deutschnationalen.

Die Rechtspresse veröffentlicht eine Zuschrift aus Kreisen der deutschnationalen Reichstagsfrak­tion, in der es heißt: Von zahlreichen in Berlin an­wesenden Mitgliedern der i utschnationalen R^chs- tagsfraktion wird die Entwicklung der Verhand­lungen in London mit wachsender Unruhe verfolgt. Es liegt Gefahr vor, daß man keine Ver­besserung der Sachverständigenvorschläge erreicht, sondern sogar noch in Verschlechterungen einwilli- gen wird. Bei allen Besprechungen wurde mit gro­ßem Ernst darauf bingewieien, daß die Stellung

der deutschnationaleen Reichstagsfraktion durch die von ihr beschlossenen sieben Punkte endgültig fest­gelegt ist. Lösungen, die diesen Forderungen nicht voll entsprechen, werden die Zustimmung der Deutschnationalen Volkspartei nicht finden können.

Jedenfalls dürften weite Kreise des deutschen Volkes heute der Auffassung sein, daß die in frü­heren Fällen bewiesenenKünste" der Deutschnatio­nalen die Annahme rechtfertigen, daß die Deutsch- nationalen in London noch viel weniger aus­gerichtet hätten als Marx und Stresemann. Wenn die Rechte im Reichstag Schwierigkeiten macht, sollte der Ruf an die Wähler ergehen, wie sie sich zu den deutschen Lebensfragen stellen.

Die in Berlin verbliebenen Mitglieder des Reichskabinetts find am Dienstag zu einer B e- sprechung der schwebenden Fragen zusam­mengetreten.

Um de« Handelsvertrag.

wtb Paris, 13. Aug. (Tel.) Rach dem Petit Parisien" enthält das Memorandum über die wirtschaftlichen Verhandlungen zwischen Frankreich und Deutschland, das Fiuanzminister Elemente! vorgestern der deutschen Delegation überreichte, im wesentlichen folgende Forderungen:

1) Für Frankreich Meistbegünstigung ohne Gegenseitigkeit für Deutschland, wobei jedoch gewiße, wirtschaftliche Vergünstigungen für Deutsch­land vorgesehen sind.

2) Für Elfatz-Lokhringea Fortsetzung des Vorzugs-Regimes, das zurzeit nach Deutsch­land Zollfreiheit genießt.

3) Eine französische Beteiligung an den Ruhr­bergwerken.

Die gestrigen Besprechungen zwischen Elemente! und Luther im Beisein ihrer Sachverständigen ha­ben die Debatte erheblich erweitert and die Rot- wendigkeit erwiesen, zahlreiche Fragen für ein vertieftes Studium Mrückzufiellen. Sie werden an den stanzösifch-deutfcheu Sachverständi- gen-Ausfchuß verwiesen.

Rach derTimes" wurde vorgeschlagen, daß die Einzelheiten des Abkommens im Ott in Paris oder Berlin erörtert werden sollen. Für heule vormittag wurde erstmalig eine Zusammenkunft zwischen den Deutschen, Belgiern und Franzosen vereinbart.

Für alle Fälle.

wtb Paris, 13. August. (Tel.) DerPetit Parisien" will wissen, daß der französische Minister für öffentliche Arbeiten zn der Londoner Konferenz berufen wurde, um einen Plan zwecks Errichtung einer Ruhreisenbahn- g e f e 11 f ch a f t aufznstellen, völlig verschieden von der Gesellschaft für den Betrieb der rheinischen Eisenbahnen. Es sei unerläßlich für den Fall, daß Deutschland seine Verpflichtungen nicht erfülle, den Hachverständigenplan verleugne und es nötig inache. das Ruhrpfand von neuem zu beschlag­nahmen.

Das besorgte Polen.

Wie der Sonderberichterstatter der Haoasagen- tur aus London berichtet, hat der polnische Ge­sandte Skirmunt den ftanzösischen Ministerpräsi­denten um eine Unterredung bitten lassen. Der Ministerpräsident wird ihn empfangen. Nach An­sicht des Korrespondenten beabsichtigt der polnische Gesandte, Herriot um Berücksichtigung der beson­deren Situation Polens an der deutschen Ostgrenze zu bitten, für den Fall, daß zwischen zwei oder drei Regierungen Vereinbarungen in der Sicherheits­frage Zustandekommen sollten.

Veamtensragen.

--- wshnungrgelbzuschuh und Seichrregierung. Die Beamtenspitzenorpanisationen hatten unlängst bei der Reichsregierung Schritte unternommen, um den Woh- nungsgeldzuschutz entsprechend der seit dem Januar eingetretenen MietzinSsteigerung zu erhöhen. Das Neichsfinanzministerium hat nunmehr, wie eine Berliner Zeitungskorrespondenz erfahren haben will, den Ge­werkschaften mitgetcllt, daß eine Erhöhung des Woh- nungsgeldzuschusies nicht in Frage komme. In der Begründung heißt es, daß im allgemeinen in Deutsch­land gegenwärtig nicht mehr als 62 Prozent der Friedensmiete zu zahlen find, und daß der Ortszuschuß mit 80 Prozent der vollen Sätze auf eine 60prozentige Friedens miete ab gestellt sei. Eine Erhöhung des Woh- nungsgeldzuschuffes könne erst dann wieder in Frage kommen, wenn eine weitere Erhöhung der Goldmieten im Reich allgemein Platz greifen sollte.

wirtschaftliche Kampfbewegungen.

von den Vergarbeiteroerbänden. Der.Vorwärts' meldet aus Bochum, daß in nächster Zeit die Berg­arbeiterverbände gemeinsam über die Kündigung der Lohnordnung durch den Zechenverband beraten werden. Seitens der Bergarbeiter besteht die Absicht, das lieber« schichtenabkommen vertragsmäßig zum 1. September zu künd igen.

= Aussperrung im Baugewerbe. Die verschiedenen Arbeitgeber des Baugewerbes haben sämtlichen Ar­beitern des Hoch-, Beton- und Tiefbaus in Rh ein­land. l^cstfal en zum 12. August gekündigt. In. folgebejiui wird ab 13. August die Arbeit auf allen Bauplätzen in ganz Rheinland-Westfalen ruhen. Von dieser Aussperrung dürsten ungefähr 60 bis 70000. arbeitet betroffen werden.

* Der Brotprcis in Paris. Ab 18. August wird in Paris der Brotpreis von 1,25 auf 1,3 0 Fran­ke» heraufgefetzt worden.

Der Reichspräsident

hat dem W. T. D. folgende Zuschrift Mr Veröffent­lichung übergeben:

Mir gingen anläßlich des diesjährigen Verfaf- sungstages aus allen Gauen Deutschlands in überaus großer Anzahl Kundgebungen von Orts­gruppen des ReichsbannersSchwarz- Rot-Gold", anderen republikanischen Vereini­gungen und von den zu Verfassungsfeiern oerfam- melten deutschen Frauen und Männern und von Einzelpersonen zu. Sie alle einzeln zu erwidern ist mir leider nicht möglich, und id) muß mich begnü­gen, denen, die an diesem Tage des Repräsentanten der deutschen Republik gedachten, auf diesem Wege herzlichst zu danken. We Telegramme und Zu- schristen gipfeln in dem Treuegelöbnis zur Verfassung von Weimar und zu dem in der Republik geeinten deutschen Volke. Sie geben mir in ihrem Gesamtbilde die Gewißheit, daß die große Mehrheit der Deutschen, namentlich der werktätigen Volksgenossen, fest und entschloffen sind, auf dem Boden der verfaffungsmäßigen Staatsordnung den Weg weiter zu gehen, der zur Freihest und belfern Zukunft Deutschlands führen wird. - v" - v-:-

Der Reichsverband der AuSgewreckeneu und Verdrängten von Rhein und Ruhr, Sitz Raffel, hat an den Reichspräsidenten folgenbeä Telegramm gesandt:

Ihnen, Herr Reichspräsident, sendet der ReichS- verband der Ausgewieseuen und Verdrängten ehrer­bietigsten aufrichtigsten Dank für die Worte $u Münster. Wir bitten, daß wir mehr denn je in Ihrer Person einen starken Befürworter zur Linde­rung der Not der Gefangenen, Ausgewiesenen und Verdrängten sehen dürfen. Zugleich entnehmen wir Ihren Worten die Mahnung, daß kein Opfer: groß genug ist, die deutsche Einheit jy wahren".

Unruhen im Sudan.

Nach hier eingetroffenen Meldungen veranstal­teten die Kadetten der Militärschule in Khartum mit Gewehren einen Zug durch die Stadt. Ihne» folgte eine große Menschenmenge, die von der Polizei rasch zerstreut wurde. Die Kadetten, die sich weigerten, die Waffen abzugeben, wurden von einer Kompanie britischer Truppen umzingelt, ent- wafsnet und verhaftet. Auch in Port Sudan ver­anstalteten Mannschaften des ägyptischen Eisen­bahnbataillons Kundgebungen. Ein britisches Bataillon wird nach dem Sudan zur Verstärkung der dortigen britischen Truppen entsandt. Der Evening Standard" schreibt dazu, eine Reihe von Ausschreitungen und Kundgebungen, die von ägyptischen Agitatoren organisiert seien, hätten im Sudan eine ernste Lage geschaffen. In maßgebenden Kreisen sei man der Ansicht, daß diese Entwicklung die bevorstehenden Verhandlun­gen zwischen der britischen Regierung und Aegypten beeinträchtigen werde.

Die Lage in Brasilien.

Nach Blättermeldungen aus Sao Paolo Weichen die Aufständischen unter dem Druck der Bundestruppen in der Richtung auf Parana zurück. In Sao Paolo werden immer noch weitere Personen verhaftet, die der Teilnahme an der Revolution verdächtig find.

Die KPD. als Stoßtrupp Moskaus.

Von einem fozialpolttifchen Mitarbeiter.

Man mag über die Zukunft des Kommunis­mus sowie seine politische Verkörperung in der Kommunistischen Partei Deutschlands, der KPD., denken, wie man will, auf alle Fälle bedeutet er heute einen Faktor, den man bet unserer inner- wirtschaslichen und innerpolitischen Entwicklung in Rechnung stellen muß. Als seelische Krank- heitserscheinung birgt der Kommunismus einen Giftstoff in sich, der insbesondere deswegen leicht gefährlich werden kann, weil dieser vom Ausland her, nämlich von Moskau, als dem Sitz der (3.) Kommunistischen Internationale, immer wieder aufgefüllt wird. Allerdings konnte es eine Zeit- lang, in den Jahren 1922 und in der ersten Hälfte 1923, so scheinen, als ob der Radikalismus auch in der KPD. im Abflauen begriffen fei und hier eine gewisse Mäßigung bis zu einem eventuellen Zu­sammengehen mit dem linken Flügel der Sozial­demokratie Platz greife. Diese Zeit ist wieder da­hin. Einmal ist der KPD. mit ihremWahl­sieg" vom 4. Mai der Kamm gar sehr geschwollen. Sodann aber sorgt Moskau dafür, daß der KPD. der Radikalismus nicht ausgeht; ja Moskau hat sie sogar dazu ausersehen, als Sturmbock für die Weltrevolution zu dienen.

Für diese ehrenvolle Rolle scheint im Augen­blick die KPD. den Moskauer Drahtziehern noch nicht ganz reif zu fein. In einer zusammenfassen­den Besprechung der Ergebniffe des im Juni in Moskau abgehaltenen 5. kommunistischen Welt­kongresses im Zentralorgan der KPD., derRoten Fahne" (1924, 71), finden sich darüber einige be­zeichnende Sätze: Die Kommunistische Partei Deutschlands habe in einer revolutionär günstigen Zeit (Herbstniederlage 1923) arg versagt. Sie sei nicht manöverierfähig gewesen und habe es nicht verstanden, die selbständige Rolle der Partei durch­zuführen, es nicht begriffen, daß die Revolution gegenüber der wohlorganisierten Konterrevolution sehr gut vorbereitet sein müsse. Noch vom sozial­demokratischen Gedanken die Massen müßten sich spontan erheben beeinflußt, zum Teil sogar be­herrscht, habe die deutsche Partei nicht erkannt, was Lenin gerade den deutschen Revolutionären schon während des Krieges (zur Januar-Broschüre)