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Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Aulda.
Mittwoch, 13. flugujt 1924
fir. ISS
von der Londotterllonferenz.
Reichskanzler Dr. und Reichsaußen-
Minister Dr. Strefemann statteten dem belgischen Ministerpräsidenten Theunis einen Höflichkeitsbesuch ab. Im Verlaufe der Unterhaltung, die eine halbe Stunde dauerte, und in sehr verbindlichem Tone geführt wurde, gab Theunis der Hoffnung Ausdruck, daß künftig gute wirtschaftliche und politische Beziehungen zwischen Belgien und Deutschland sicher gestellt würden. Theunis und Hymans haben kurz daraus ihren Gegenbesuch beim Reichskanzler gemacht.
gebietes noch für zwei Jahre, wie es der anfängliche französische Plan vorsah, einfach undiskutabel ist, versteht sich von selbst. Auch darüber hat Herriots Pariser Reise Klarheit geschaffen: Die ranzöfifche Regierung wird nicht mehr auf dieser Forderung bestehen. . .
Run wird es sich in London um zweierlei handeln: einmal um den Termin selber, der sich nicht mehr auf Jahre, sondern im besten Falle auf ein roar Monate, die für den Abbau des Apparates notwendig sind, bemessen könnte, genau zu um- chreiben, und zweitens zu verhindern, daß mrt dieser Räumungsfrage auch noch andere, nut dem oqenannten Sicherheitsproblem in Verbindung testende Dinge, verknüpft werden. Technisch werden sich die Dinge nunmehr so vollziehen, daß über das eigentliche Londoner Programm die Verhandlungen zum Abschluß geführt werden, daß aber daneben auch die Räumungsfrage ihre Rege- lung finden muß. Und erst wenn das geschehen ist, "und erst wenn ganz bestimmte Zusicherungen bezüglich des Umsangs und des Termins dieser Räumung erfolgt sind, wird die Unterzeichnung des Londoner Abkommens durch die deutsche Delegation in Frage kommen können
*
Der Fortgang der Londoner Ber- Handlungen ist, nachdem Herriot mit neuen Vollmachten aus Paris zurückgekehrt ist, gesichert. Mit eine der wichtigsten Tatsachen, die Herriot seinem Ministerrat vorbringen konnte, war die Zusicherung der englischen Regierung, daß auf du Londoner Konferenz spätestens in der zweiter Hälfte des Monats November eine weiters Konferenz folgen wird, in welcher dis Besprechung der Frage der Regelung der interalliierten Schulden stattsinden soll. Der Zeitpunkt ist gewählt mit Rücksicht auf die amerikanischen Wahlen, da man naturgemäß entscheidendes Gewicht darauf legen muß, daß ein offizieller Vertreter Amerikas diesen Verhandlungen beiwohnt.
Was diese interalliierte Schuldenfrage angeht so ist, übrigens auch nach allen früheren Erklärungen der amerikanischen Regierung, die Möglich- leit zu ihrer Inangriffnahme erst dann gegeben, roenn zwischen Deutschland und Frankreich aus wirtschaftlicher Basis ein Uebereinkommen erfolgt ist. So stehen die gegenwärtigen Londoner Verhandlungen auch in engstem Verhältnis zu bet Frage der interalliierten Schuldenregelung.
Berantwortlirb iür die Scbriffteituna: Dr. LvLamieS Kramer. Hnieiaen: I. P arretier. Fulda. Rotationsdruck und Berlag der n Fuldaer «etieudruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. %
Berugsvreis für Juli: 1.50 S!t
Reichsaußenminkfler Dr. Strefemann hatte eine Unterredung mit dem franzöfifchen Finanzmini st erClementesiin deren Verlauf dieser ihm die Wünsche Frankreichs in wirtschaftlicher Hinsicht mitteüte. Wie verlautet, hat Vementel dem Reichsminister auch eine Aufzeichnung über die wirtschaftlichen Wünsche Frankreichs übergeben.
Ser Rat der großen Vierzehn hat den Bericht des Zweiten Komitees «halten und von dem Abkommen zwischen der Reparattonskommis- stsn und den deutschen Delegierten Kenntnis ge- nommen. Der Bericht der Juristen über die Amnestiefrage, der den alliierten Delegierten vorgelegen hatte, wurde für weitere Diskussionen zwischen den verschiedenen Delegationen, zu denen Juristen gehören, zurückgeftellt. Ein A b - kommen ist indessen so gut wie erreicht. Der Rat der großen Vierzehn hat auch einen Bericht gewisser Sachverständiger des Daweskomitees entgegengenommen, die aufgefordert worden waren, über die Schiedsfrage bei Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Transferkomitee und der deutschen Regierung zu berichten. Zu entscheiden ist noch, ob ein Schiedsspruch vorgesehen werden soll bei Streitigkeiten betreffend die Transferfonds und Jnveftterung dieser Fonds in deutschen Industrien. Der Bericht des Zweiten Komitees wurde vollständig geprüft und man hat sich darüber bis auf die Amnestiefrage verständigt. Dem Vernehmen nach ist beschlossen worden, daß ein amerikanisch er Bürger der Reparationskommission beigegeben werden soll, wenn irgend etwas, was mit der Ausführung des Dawesberichts zusammenhängt, vor dis Kommission kommt.
Der Rat der großen Vierzehn wird am Mittwoch wieder zusammentreten, um den Bericht des Drittes Komitees und den Bericht der Dawessachver- ständigen betreffend die Schiedsfrage zu prüfen. Dem Vernehmen nach ist entgegen den Erwartungen die militärische Räumung des Ruhrgebiets in der Montagsitzung nicht zur Sprache gekommen, außer in indirekter Weise.
Die Mlttarkontrolle,
Neuerdings ist in London auch die Diskussion auf die Frage der Militärkontrolle in Deutschland gelenkt worden.
wtb p a r i s, 12. Aug. (Tel.) Hebet den neuen französischen Standpunkt in der Sicherheit»- frage meldet der Sonderberichterstatter des «Echo de paris“: französischerseits stelle man sich auf den Standpunkt, daß die deutsche Rote vom 28. Im» nicht befriedigend sei, da sie keinen überraschenden Besuch bei den deutschen
Truppen und Fabriken zulasse. Ihre Abänderung werde sranzösischerseits für unerläßlich gehalten. Im Anschluß daran werde der Völkerbund gedrängt werden, die neue Organisation sestzulegen und in die Praxis umzusehen, die es ermöglichen oll, die Lontrollvollmachten von den alliierten Legierungen auf den Völkerbund zu übertragen.
Der neueste Stanö der Verhandlungen.
wtb paris, 12. Aug. (Tel.) lieber die Haupkverhandlungsgegenftände des gestrigen Tages in London, die militärische Räumung des Ruhrgebiets, die Alilitärkontrollfrage und die deutsch-französischen Wirt- chastsbezieHungen meldet der Sonderberichterstatter des „Quotibien“:
Gebunden durch die Verpflichtungen poincares, gedenke die französische Regierung das Ruhrgebiet unter gewissen Bedingungen zu räumen. Sie stehe auf dem Standpunkt, daß sie in einem Jahre reifen werde, ob der Sachverständigenplan funftioniere oder nicht. Sie werde das Ruhrgebiet also bis spätestens einem Iahre nach Ausführung des Sachverständigenplanes raumen. Wenn sie für die Dauer der Ruhrbesehung ein Maximum fefisehe in der Annahme, daß Deutschland seine Verpflichtungen erfüllt, die es in London einging, so seht sie dafür kein Minimum fest. Sie behält sich auch die Möglichkeit vor, das Ruhrgebiet rascher zu räumen. Gestern abend habe sich herriot längere Zeit mit Strefemann über diese Frage unterhalten und dann den englischen Ministerpräsidenten über eine Besprechung mit den Deutschen unterrichtet.
Das die Militärkontrolle anlange, so habe Macdonald ohne weiteres den Vorschlag herriots angenommen, bei den Deutschen die Annahme der von der Dotschafterkonferenz gestellten Bedingungen durchzusehen. Die Kölner Zone werde von den englischen Truppen geräumt werden, wenn die Abrüstung Deutschlands genügend durchgeführt sei.
hinsichtlich der französisch-deutschen Wirtschaftsbeziehnngen endlich habe der französische Finanzminister Elementel gestern ein Dokument überreicht, in dem die leitenden Grundsätze und die französische Auffassung niedergelegt sind. Das Abkommen soll ans dem Grundsatz der Meistbegünstigung mit Gegenseitigkeit für Frankreich und Deutschland aufgebaut sein. So werde Deutschland durch langfristige Verträge Frankreich den für seine lothringischen Erze nötigen Koks liefern. Desgleichen muffe auch das Saar gebiet gegen zollfreie Ausfuhr deutscher Daren nach Deutschland ausführen können. Der leitende Gedanke bestehe darin, die normalen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Ostfrankreich und Westdeutschland anzubahnen. Was Llsaß- Lothringen anlangt, so handelt es sich um eine Verlängerung des derzeitigen Regimes über einen noch zu bestimmenden Zeitraum, hierfür kämen zwei oder drei Iahre in Betrachsi Strefemann habe die franzöfifchen Vorfchläge als Ganzes angenommen, aber in gewissen Einzelheiten Vorbehalte gemacht, sen mit ihren Besatzungen in Flammen aufgehen. Der rasch organisierte Widerstand bringt ebenfalls überraschend bereits nach 10 Tagen gegen die Engländer vor, und am 4. Dezember liegt Cambrai schon wieder 12 Klm. hinter der deutschen Front.
Die Stadt weist heute noch Spuren der Tankschlacht auf, da die Engländer es sich bei ihrem Rückzüge nicht versagen konnten, bas Fernfeuer auf die Stadt zu legen. Die Kathedrale liegt, wie überall, auch hier noch in Ruinen, doch der Bahnhof, bas häufige Ziel englffcher Bombenflieger, ist aufgebaut, und in den neuen Hotels kann man bequeme Auswahl für bas Nachtquartier treffen. Ehe ick mein Zimmer betrete, im selben Hotel, wie so oft während des Krieges, suche ich die mir bekannten Stätten auf. Deutsche Inschriften sind noch hier und da sichtbar. „Zur Flimmerkiste“ lese ich an einer Mauer auf dem Marktplatz. Wenn auch hier wieder das gewohnte Leben pulsiert, so ist doch festzustellen, daß Cambrai von allen französischen Städten des Kriegsgebietes, die ich fetzt wiedergesehen habe, diejenige ist, welche den Wiederaufbau anscheinend absichtlich nachlässig betreibt. Douai, welches im Herbst 1918 verzweifelt dicht in die Nähen der ersten Linien rückte, ist hierin um Vieles eifriger gewesen. Je weiter man überhaupt nach Norden kommt, und je tiefer man in bas Industriegebiet eindringt, um so weniger findet man Erinnerungen an den Krieg. Die zahlreichen Fabrik- und Zechenanlaaen des Kohlenreviers waren den Schlachten zum Opfer gefallen. Als der Zug in den Bahnhof von Arras einläuft, wird er von einer riesigen gläsernen Kuppelhalle ausgenommen. Die ehemalige Trümmerstätte ist wieder zur Stabt geworden. Bekannt sind die Namen, die ans Ohr schlagen, doch ihr Wesen ist von Grund auf verändert. Wo heiße und erbitterte Schlachten tobten — Hebuterne, Souchez, Earency, Eloy, um nur einige der blutgetränkten Dörfer z» nennen — sieht man nur noch blühende Fluren, die so heiß um« kämpfte Vimy-Höhe bildet mit ihrem von schwarzen zersplitterten Baumstümplen gesäumten Gipfel einen seltsamen Gegensatz zu den sie umgebenden Getreidefeldern. Aus der weiten Ebene bei Lens, Loos, La Basiee, Bethune ragen in dichter Folge rauchende Schornsteine von Fabriken. In vollem Betriebe ist hier dis französische Industrie, die Kob- lenzechen,. welche unter dem feindlichen Feuer so
Die Räumung -er Ruhr.
Von einem besonderen polnischen Miiarbeiter.
Man kann es heute wohl aussprechen, daß die Londoner Konferenz die Krisis überwunden hat. Die Krisengefahr war nämlich viel näher und viel schwerer als weite Kreise doch wohl angenommen hoben. Die Reise Herriots nach Paris war ein Wagnis, der Kampf, den er dort zu bestehen hatte, war auf Biegen ober Brechen abgestimmt.
Jetzt erst ist in Paris darüber die Entscheidung gefallen, ob die Reparationsfrage wirtschaftlich ober politisch unb militärisch gelöst werben soll, und bas Ergebnis war, daß die wirtschaftliche Auffassung obgesiegt hat.
Untergrund alles dessen ist die Frage der Ruhrräumung. Obwohl nicht offiziell aus dem Konferenzprogramm stehend, und obwohl auch jetzt wieder als Auffassung der französischen Regierung bekannt gegeben wirb, baß bie Frage nicht unter die Zuständigkeit der Konferenz fällt unb „von ihr nicht zur Sprache gebracht werben kann“, steht diese Frage im Vordergrunb ber ganzen Londoner Verhandlungen. Unb nun handelt es sich barum, ob biese Frage wirtschaftlich aufgezogen ober militärisch durchgeführt werben soll. Der ersten Auf- fas'ung finb bie im gegenwärtigen französischen Kabinett, namentlich im Außenministerium, sühren- ben Persönlichkeiten, an der Spitze S e y d o u x; als Vertreter ber zweiten Ansicht tritt insbesondere General Rollet hervor. Während Seydoux gerade durch seine Teilnahme an den Verhandlungen ber Reparationskommission sehr wohl barüber Bescheid weiß, baß ohne eine Rückführung all biefer Fragen aus bie wirtschaftliche Basis aus bem Wirrwarr nicht herauszukommen ist, vertritt General Rollet mit feinem militärischen Anhang die Auf- svsiung, baß gerade die Ruhrräumung verbunden werden müsse mit anderen, unter das fogenannte „Sicherheitsproblem“ fallenden Dingen. So verknüpft Rollet diese Angelegenheit mit ber Entwaffnung und ber Abrüstung in Deutschland. Diese militärische Auffassung mißachtet alle feierlichen Erklärungen, bie bie früheren französischen Regierungen selber gegeben haben. Danach ist bas Militär in bas Ruhrgebiet seinerzeit eingerückt zmn Schutze ber Ingenieur-Kommission, bie bie wirtschaftliche Ausbeutung bes Ruhrgebietes zu bem Zwecke betreiben sollte, Deutschland Frankreich bezahlt zu machen. Wird aber das Ruhrgebiet infolge der Londoner Vereinbarungen wirtschaftlich geräumt, dann ist die militärische Räumung eine ganz selbstverständliche Folge. Würde Frankreich anders verfahren, so würde es wortbrüchig werden. Dazu kommt, aber auch, baß neben ber wirtschaftlichen auch bie militärische Räumung eine ber Voraussetzungen für bas Wirk- famwerben des Sachverstänbigengutachtens ist, und daß ohne ErfMung dieser Voraussetzungen auch Leistungen Deutschlands auf Grund des Sachoerständigenplanes einfach unmöglich find.
Der Pariser Ausflug Herriots hat nun also in einer wichtigen grundsätzlichen Frage Klarheit geschaffen. Die militärische Räumung des Ruhrge- bietes ist beschlossene Sache. Run ober handelt es sich noch um den Termin. Es wird keine deutsche Delegation aus London zurückkehren können, die nicht über den Endtermin der militärischen Räumung dieses Gebietes volle Klarheit bringt, und zwar muß dieser Termin kurzfristig gestellt sein. Daß eine militärische Besetzung des Ruhrschwer gelitten hatten, fördern wieder Tag und Nacht das schwarze Gestein. Wie vor dem Kriege ragen die Zechentürme empor, nur daß sie, die ehemals aus Holz gebaut waren, heute in Zement unb Mauerwerk erstanben sind. Die neuesten Erfahrungen ber Technik, das beste Material ist hier herangezogen worden, und man kann nur feft= stellen, daß die französische Industrie in Nordfrankreich mit ber Zerstörung und bem Wiederaufbau kein schlechtes Geschäft gemacht hat. Der franzö- sifche Staat, welcher ja bekanntlich alles bezahlt, hat ja auch mit den Mitteln nicht gegeizt, in letzter Zeit allerdings mehren sich die Fälle, wo Industrielle und andere „Kriegsgeschädigte“ wegen ber Anmelbung zu hoher Schadenersatzforderungen zu Gefängnisstrafen und Aberkennung des Rechts auf Entschädigung verurteilt werben. Als ich abends in meinem Hotel den Wirt auf diese Tatsache hin ansprach, verkündete er mir erbittert, da müsse man nicht einen, sondern Hunderttausende beim Kragen kriegen. Eine schöne Offenherzigkeit, dachte ich erst — ihm war aber fein Hotel ausnahmsweise nicht zusammengeschossen worden, er hatte infolgedessen auch keinen Anspruch auf Entschädigung, während man seinem Konkurrenten gegenüber einen modernen Bau hingesetzt hatte ... In bem Städtebreieck Lille-Roubaix-Tourcoing, wo ebenfalls die Spuren bes Krieges getilgt finb, soll sich mancher bankerotte Betrieb, dem eine Granate aufs Dach gefallen war, gesund gemacht haben.
Der belgischen Hauptstadt Brüssel, wo vor jedem Heimaturlaub umfangreicher Proviant für die belagerte Festung Deutschland ausgenommen wurde, schenke ich nur wenige Blicke. Es ist alles wie einst, nur das Feldgrau fehlt. Auf der Fahrt nach Gent habe ich wieder Gelegenheit, die flandrische Landschaftseigenart an mir vorüberziehen zu lassen, flaches sumpfiges Weideland, von Gräben durchzogen/ die einzelstehenden Pappelreihen vom ewigen Weststurm nach Osten gebogen, auf welche die eilenden Regenwolken tief herabsinken. Wehe bem Flieger, ber in diesem Gelände zur Notlandung schreiten mußte, es ging meistens nicht mit Bruch ab, sondern kostete nicht selten das Genick. Als liebes und vertrautes Städtchen finde ich Brügge wieder, wo wir im Winter 1917 mit den II-Boot-Offizieren gute Kameradschaft hielten. Na-b siegreicher, aber unsagbar schwerer Fahrt
itet die SMMlMr der MM
von Dr. Harald Förster, Dresden.
IV. Das Industriegebiet.
Die Strecke von Cambrai nach Douai ist mir nicht unbekannt. Schon einmal fuhr ich sie entlang, aber in umgekehrter Richtung. Und nicht wie heute im Abteil 2. Klasse bes Basel-Calais- Expreß, sondern auf einer einzelnen Lokomotive, die gegen das Hagel- und Schneegestöber auch nicht den geringsten Schutz bot. Ganz oben an der Nordsee!liste kam spät nachts ber Befehl, mit größtmöglicher Beschleunigung nach Cambrai zu eilen. Gefahr im Berzng. Im Kraftwagen jagen wir nach Süden. Bei Douai sind sämtliche Reisen aus Erfatzmaterial geplatzt, der Wagen unbeweglich. Zugverbindung nach Cambrai? Der Beamte schüttelt den Kopf, englische Kavallerie soll die Sttecke überschritten haben und schon im Rücken der Stadt stehen. Drohen und Bitten verschaffen uns endlich eine Maschine. Eine Höllenfahrt, Orkan umheult uns, Geschosse pfeifen über uns hinweg, zwischen Infanterie unb Artillerie, die verdutzt bas vor ihren Reihen aus bem Nebel auftauchende Ungetüm wieder verschwinden sehen, immer in ber Erwartung, in einen frischen Granattrichter zu fahren, erreichen wir Cambrai, gerade als ein 38= Zentimeter-Geschoß bie Bahnhofshalle trifft. Am 20. November 1917 war der Engländer mit 30 Tankgeschwadern überraschend durch die Front gebrochen. Die Wirkung sonst tagelanger Beschießung entlud sich in Minuten, bann wälzten sich die Tanks heran, mit der Geschwindigkeit eines trabenden Pferdes, umgeben von künstlichem Nebel manövrierten sie wie Schiffe auf hoher See. Der wenige Widerstand wird gebrochen, bie Briten ftofjen ins Leere. Was monatelangem Trommel- feser der Somme nicht gelungen war, warb hier Ereignis. Die Front war durchbrochen. Verzweifelt kämpfen die Deutschen, um Cambrai zu retten. Mit Handgranaten wirst sich die Infanterie auf iüe Tanks, Geschütze fahren hn Galopp gegen die Ungeheuer an, Flugzeuge stoßen steil auf sie herunter und meßen sich mtt ihnen im Zweikampf, Ms bä Angreifer zu Dutzenden zujammengeschos-
Deutscher Keich.
* Der Völkische Block hat den „Münch. Reuest Nachr.“ zufolge in einer Sitzung der einschlägigen Parteiinstanzen beschlossen, bie völkischen Landtags- abgeorbneten Wiesenbacher unb Fr u ha u s aus der Partei auszuschließen. Die Syiag- nahme gegen Frühauf erfolgte, wie bas Blatt meldet, wegen feines Verhaltens in ber Frage bes Achtstundentages. Ein mit Mehrheit in ber gleichen Sitzung angenommener Beschluß schließt auch Hermann Esser und bas Vorstandsmitglied Wol- tereck wegen Schädigung des nationalen völkischen Gedankens aus ber Partei aus.
* Die Kommunisten in Polen. Nach einer Meldung ber .Kattowitzer Zeitung' wurden in Lodz 11 Kommunisten verhaftet, darunter ber Leiter ber Kommuniftenbewegung in Polen.
nahm sie ber schützende Hasen von Brügge auf. Schnurgerade führt vom Meere der Kanal nach dem Wasserviereck der Werft — ein ausgezeichneter Wegweiser für die englischen Bombenflieger, die so selbst in dunklen Nächten mit ziemlicher Sicherheit ihr Ziel fanden, mefft vergeblich, denn die kostbare Beute, die U-Boote, liegen unter dicken Betondecken, die ich heute noch wiederfinde.
Als ich das letzte Mal in Ostende war, wir badeten noch m den ersten Novembertagen 1917 ,n der Nordsee, war der ganze Strand mit Stacheldraht unb spanischen Reitern verspannt. Auf den verödeten Strandpromenaden standen Maschinengewehre, und ab unb zu zerstörte bas rotit vom Meere heranheulende 30-Zentimeter-Geschoß etnes unsichtbaren englischen Schiffsgeschützes das „Badeleben“, wobei die prunkvollen Hotels manchen Treffer erhielten. Hier ebenso wie in Zeebrügge Der- suchten die Engländer ttn Morgengrauen des 23. April 1918 eine Landung. Während ber An- griff vor Ostends auf offener Reede scheiterte, ge- lang es den Engländern, an der Mole von Zeebrügge festzumachen, bie Mole selbst an einer Stelle zu sprengen und 3 drei kleine Kreuzer im Fahrwasser des Kanals zu versenken, sodaß dieser drei Tage für unsere U-Boote gesperrt war. Heute lacht die Sonne über den von eleganten Menschen dicht bevölkerten Strand, die Schäden des Krieges sind beseitigt, und als bas Schiff um den einst mit Geschützen 'besetzten Molenkopf in die offene See biegt, winken fröhliche Mädchengesichter einen letzten Gruß vom Festland. In der steifen Brise stampft unb schlingert bas Schiff ganz gewaltig, sodaß die Küste, welche ich durchs Glas beobachte, in wilden Sprüngen auf und nieder tanzt. Middel- kerke und Nieuport, zwischen welchen die an der Schweizer Grenze beginnende eisenstarrenbe Linie durch Frankreich und Belgien ins Meer stieß, mußten dereinst das Schicksal aller in der Front liegenden Ortschaften teilen — heute haben sie ihre Eigenschaft als beliebte belgische Seebäder kleineren Ranges zurückerobert. Nur hier unb da tauchen in den Dünen noch Stellungen auf, die Betongeschützstände ber belgischen Artillerie hat ber Flugsand verschlungen. In Dünkirchen, über dem wir oft schwebten, um die Zahl der darin liegenden Kriegsschiffe auf die Platte zu bannen, befinden sich große Hafenanlagen im Neubau. Trotz ber Klar-
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