Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadl Auldcu
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Nr. 1S6.
Verantwortlich iür die Sckriitleitung: Dr- LobanneS Ätarnet. Anzeigen: I- $ arrellet, Fulda. Rotationsdruck und Betlag der - Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernidrecher Nr- 9. u BezngSvreiS für Juli: ILO Mk.
Sonntag, 10. August 1924.
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51. Zahrg.
Wochenende in London.
Die Konferenz wird sich nochmals über ein so- genanntes Wochenende (Samstag und Sonntag fahren die englischen Politiker aufs Land) hinaus erstrecken. Für Herriot, den Führer der fron- zösischen Delegation, gibt es freilich diesmal kein geruhsames Wochenende. Er hat sich entschlossen, im Hinblick auf die Tragweite der Entscheidungen, zu denen die Verhandlungen mit den Deutschen jetzt geführt haben, am Samstag nach Paris zu fahren, dort mit dem Kabinett zu beraten, um am Sonntag wieder nach London zurückzukehren. In der Hauptsache ist es die R ä u m u^n g s f r a g e, die Herriot Schwierigkeiten macht. Schon in London sind von den Franzosen darüber tiefgründige Beratungen angestellt worden. Kriegsminister Rollet, Marschall Fach, General Desticker sind darüber gehört worden. Die Meinungen scheinen noch weit auseinander zu gehen. Deshalb ist die Fahrt nach Paris beschlossen worden. Außer Herriot gehen Rollet und Elemente! nach Paris, um dem Präsidenten der Republik und ihre Kollegen über den Stand der Verhandlungen zu unterrichten.
lieber den Ablauf der letzten Sitzungen in den verschiedenen Ausschüssen ist kurz zu sagen, daß noch immer eine Reihe von Schwierigkeiten in die Erscheinung treten, wenn auch der Grundton der Meinungsäußerungen hoffnungsvoll ist.
Zu der Reife der französischen delegierten nach Paris schreibt das Journal des Debats, es sei Sache Herriots und Theunis, die französisch-belgischen Interessen nach besten Kräften zu vertreten. Man , dürfe sagen, daß sie die Situation beherrschten. Leider scheine in der Auffassung der Delegierten beider Länder eine gewisse Unstimmigkeit zu herschen. In der vergangenen Woche sei ein Entwurf vorbereitet worden, aufgrund dessen die militärische Räumung des Ruhrgebiets in zwei Jahren vollzogen und von der loyalen Durchführung des Sachverftändigenplanes während dieser Zeit abhängig gemacht worden sei, wobei gleichzeitig vorausgesetzt werde, daß die Engländer diese zwei Jahre hindurch ihre Truppen in Köln schon ließen. Heute werde das Vorhandensein eines anderen Planes bekannt, der auf General Rollet zurückzuführen und von diesem Macdonald bereits vorgelegt worden sei. Nach diesem neuen System würde die Räumung erst stattfinden, wenn die Abrüstung Deutschlands offiziell festgestellt werde. Diese Kombination sei vielleicht vom diplomatischen Standpunkt schwerer zu vertreten als die erstere, denn die Besetzung des Ruhrgebiets sei beschlossen worden nicht um Frankreichs Sicherheit zu verbürgen, sondern um ihm Reparationspfänder zu verschaffen. Es würde also ein Frontwechsel vollzogen, eine Operation, die immer einige Schwierigkeiten bereite, besonders aber dann, wenn sie gewissermaßen unter dem feindlichen Feuer vorgenommen werde. Auf alle Fälle müßte die sranzösiche und die belgische Regierung ein für alle Mal ihre Auf- fasiung fixieren. Wichtiger als alles andere aber sei, daß sie vollkommen über das Programm einig seien, das sie durchzusetzen beabsichtigen. Man werde nichts Vernünftiges erreichen, wenn man nicht bis zum letzten Augenblick wisse, was man wolle. Offensichtlich zögere Herriot vor der Wahl. Deshalb komme er nach Paris, um feine Kollegen zu konsultieren. Sicher sei es kein Fehler von ihm, wenn er gründlich nachdenke, bevor er sich entscheidend festlege.
Der Reichstag.
Wie der „Berliner Lokalanzeiger" hört, wird die Reichsregierung voraussichtlich unmittelbar nach Schluß der Londoner Konferenz den Reichstag zusammenberufen, um ihm die für die Durchführung des Dawesgutachtens notwendigen Gesetzentwürfe vorzulegen. Das Blatt nimmmt an, daß die Einberufung des Reichstages etwa um den 18. August erfolgen werde.
Die Stellung Amerikas.
wtb Paris, 9. Aug. (Tel.) Der amerikanische Botschafter in Paris reist heute von Le Havre nach i>en Bereinigten Staaten ab. Da seine Reise mit !rer Rückkehr des Staatssekretärs Hughes nach den Bereinigten Staaken zusammenfällk, wird der „Chicagoer Tribuna" in französischen diplomali- chen kreise angenommen, daß in Washington hoch- lotikische Besprechungen über die augenblicklich in der Schwebe befindlichen europäischen Fragen statt- finden werden.
Wie die Associated Preß aus Washington meldet, hat Amerika die Absicht, an der Konferenz der Alliierten zur Beratung der Verteilung der von Deutschland nach den Bestimmungen des Dawesplanes zu leistenden Reparationszahlungen teilzunehmen. Die Angelegenheit sei für Amerika deshalb von Wichtigkeit, weil eine solche Konferenz dos einzige Mittel darstellen würde, um v on Deutschland die Bezahlung der von der deutsch-amerikanischen Kommission Amerika zugesprochenen Forderungen oder die Zurückzahlung der amerikanischen Besatzungskosten zu erhalten.
Line Erklärung Dr. Luthers.
wtb Paris, 9. Aug. (Tel.) Aus London berichtet havas, Finanzminister Dr. Luther habe kurz vor Mitternacht der Reparationskom- miffion mitgeteilt, die deutsche Delegation werde das Protokoll mit den Durchführungsmaßnahmen des Dawesplanes unterzeichn en.
Die Schulden-Sonferenz.
wtb Paris, 9. Aug. (Tel.) Die vorgesehene Konferenz über die internationale Schuldenfrage soll nach dem „Petit Journal" bereits zwischen dem 15. und 2 0. August in Paris zusam- mentreten.
Msiolim und die Opposition.
Fortdauer der italienischen Krise.
wtb Rom, 9. Aug. (Tel.) Die Oppositionspartei hielt gestern zwei Sitzungen ab. In einer einstimmig angenommenen Tagesordnung wird erklärt, daß die jetzt getroffenen Maßnahmen den parteiischen Charakter noch mehr bestätigen, daß die angekündigten ver- faffungsmäßigen Reformen zweideutig feien und die Gegensätze, die das Volk trennen, immer tiefer würden. Die Opposition beruft sich auf den Beschluß vom 27. Juli und erklärt nochmals feierlich, daß die gegenwärtigen demütigenden Debatten nur durch die Wiederherstellung der Freiheit überwunden werden könnten.
Aus dem besetzten Gebiet.
Die ,Voff. Zig.* meldet aus Essen, daß auf einer Reihe von Bahnhöfen im Ruhrbezirk, so auf den Stationen Hattingen, Werden, Mühlheim u. s. w-, die französischen Eisenbahner, die dort zusammen mit deutschem Personal den Dienst versehen, zurückgezogen worden seien. Das Blatt bringt diese Maßnahme mit der in absehbarer Zeit erfolgenden Auflösung der Regie in Zusammenhang.
— «lächelt in München. Nach einer Meldung der .Germania' aus München ist das Kartell der katholischen Studentenverbindungen (C. V.) aus dem Hochschulring deutscher Art ausgetreten, nachdem die Verhandlungen über eine Beschwerde des Kartells wegen der antikatholischen Demonstrationen an der Münchener Universität unmittelbar nach dem titlerputsch zu keinem Ergebnis geführt hatten. Das artest begründet seinen Austritt damit, daß der Hochschulring den in seinen Satzungen festgelegten Grund- satz der Unparteilichkeit verlaßen habe.
Kundgebungen.
Zwei kranke Redner.
Die für Freitag abend anläßlich der zehnten Wiederkehr der Kriegsmobilmachungin das B er l i n e r K o n- z e r t h a u s C l o u von dem Nationalverband deutscher Offiziere einberufeneVersammlungist unter starkem Polizeilichen Schutz ohneZwischenfall verlaufen. Ge> neral von Ludendorff und Admiral von Tirpttz, die ursprünglich als Redner vorgeseben waren, hatten sich krankheitshalber entschuldigen lassen. Ihre Reden wurden zur Verlesung gebracht.
Stettin.
In Stettin veranstaltet am Sonntag das Reichsbanner Schwarz-Rol-Gold eine Verfassungsfeier, bei der einige Abgeordnete sprechen werden. Als Gegenveranstaltung haben der Nationalverband deutscher Offiziere, der Stahlhelm, der Jung- deutsche Orden und andere Organisationen einen öffentlichen Aufzug auf dem Königsplatz geplant. Blättermeldungen zufolge ist der Aufruf zu dieser Veranstaltung vom Regierungspräsidenten verboten worden.
Thüringen.
Meldungen aus Weimar zufolge hat die thüringische Regierung den für Samstag als Vorfeier für die Versassungsfeier geplanten Fackelzug des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold und das für Sonntag früh vorgesehene Wecken mit der Begründung verboten, daß dieser Teil des Programms der Verfassungsfeier über den Rahmen dessen hinausginge, was von Anfang an geplant und zugesagt worden sei. An die Beamten der Landespolizei wurde ein Erlaß gerichtet, in dem ihnen die Teilnahme an der Verfassungseier des Reichsbanner in Uniform verboten wird. Begründet wird dieses Verbot damit, daß das Reichsbanner eine einseitige politische Organisation sei.
Ein republikanischer Tag.
Wtb Mannheim, 9. Aug. (Tel.) Die Ortsgruppe des Banners Schwarz-rol-gold wird am 26. und 27. Dezember in Mannheim für Südwestdeukfch- laud einen großen republikanischen Tag, verbunden mit der Einweihung eines Denkmals für den gefallenen Reichskagsabgeordneken Dr. Ludwig Frank, abhalten. Es werden Delegierten aus allen Teilen des Reiches und der abgetretenen Gebiete sowie Deutsch-Oesterreich erwartet.
* „Vereinigte Staaten von Europa". Der internationale Transportarbeiterkongreß in Hamburg hat einstimmig einen Antrag der französischen Seeleute angenommen, welcher die Propagierung der Idee der' Vereinigten Staaten von Europa verlangt. Tillet (England) setzte sich lebhaft für den Antrag ein, wenn auch der Plan heute noch utopisch sei.
* Das russisch-englische Abkommen. Nach einer Neutermeldung ist das englisch-russische Abkommen von Macdonald und Ponsonby als englischen Vertretern und von Rakowsky, Joffe, Scheinmann, Rad- schenko und Tomski als russischen Vertretern unter- zeichnet worden.
* Die Diktatur in Spanien. Der Zivilgouverneur von Saragossa hat in einer Unterredung mit der ,Gazette de Biarritz' Einspruch gegen die Nachricht von dem unmittelbar bevorstehenden Sturz des Direktoriums erhoben. Das Direktorium habe noch immer die ungeheure Mehrheit des spanischen Volkes hinter sich. Trotz der tendenziösen Nachrichten, die verbreitet würden, werde die Regierung die Macht erst an neue Männer abgeben, wenn sie ihre Aus- gäbe abgeschlossen habe. Die neue Regierung werde von der neuen Partei, der politischen Union, gebildet werden müffen und die Armee werde niemals gestatten, daß die alten Politiker wieder ans Ruder gelangten.
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Von Reichsminister a. D. Dr. Bell, M. d. R.
Wer die Jugend hat, der hat die Zukunft. Das alte Sprichwort findet heute mehr denn je Geltung. Das gilt vornehmlich von der ukunftsarbeit un« eres deutschen Volkes und dem Wiederaufbau unseres deutschen Vaterlandes. Wer sich in der deutschen Geschichte auskennt und aus zwei Jahr- tausenden zahlreiche Beispiele dafür vorführen kann, wie sich das alte deutsche Erdübel der Zer- plitterung und Zerfahrenheit gerade zu Zeiten bitterster Not, die eine Einigkeit und Geschlossenheit aller Stämme und Volksschichten als unabweisbare Notwendigkeit Herausstellen, am verheerendsten auswächst» den wird es nicht Wunder nehmen, daß für die Einstellung der deutschen Jugend heute noch die große Linie und das klare Ziel, vor allem die einheitliche Zusammenfassung, bedauerlichen Schwierigkeiten begegnet. An dem guten Willen unserer Jugend fehlt es wahrlich nicht. Gerade in unserem trotz aller Kriegsleiden und Nöte materialistisch durchseuchten Zeitalter, dem Willensstärke und Autoritätsgesühl mehr und mehr abhanden gekommen sind, darf es doppelt erfreulich angesprochen werden, baß bei dem notwendigen Ringen um die deutsche Seele die Jugend als Vorkämpfer auf dem Kampfplatz erschienen ist.
Heiße Sehnsucht nach Idealen erfüllt die jugendliche Geister, nicht zuletzt auch unsere akademische Jugend. Davon zeugen ihre Vereinigungen und Tagungen, ihr Wort und Schrifttum. Dieser Idealismus wirkt sich vor allem in doppelter Richtung aus; nach der religiösen und vaterländischen Seite. Kein gläubiger Christ, kein wahrer Vaterlandsfreund wird nicht aufrichtige Freude empfinden an solchen Lichtblicken in trüber Zeit. Jetzt gilt es in die eigene Jugendzeit zurück- zublicken und der Seelenstimmung unserer idealempfänglichen deutschen Jugend gerecht zu werden. Die Herzen unserer deutschen Jünglinge und Jungfrauen müssen den reichen Schatz der Erfahrungen bewährter deutscher Männer und Frauen in sich aufnehmen. Deren Herzen aber muß die lebensfrohe Begeisterung der deutschen Jugend kräftigend zuströmen. Das ist der zukunftver- heißende Kreislauf des Blutes in unserem deutschen Volksleben. Wechselseitiges Sichverstehen, zielstrebiges Ineinander- und Miteinander-Arbeiten:! das ist das Pflichtgebot der Stunde. Getrennt, Marschieren ohne vereintes Schlagen ist allemal vom Uebel. Gegenseitiger Vorwurf falscher Methode und Einstellung wendet kein Elend, macht uns nicht frei. Wir, die wir auf dem Boden der christlichen Weltanschauung stehen und in ihrer lebenskräftigen Betätigung durch sittliche und religiöse Wiedererneuerung das alleinige Hell für' unser Vaterland erblicken und zugleich die unerläßliche Voraussetzung für unseren wirtschaftlichen und finanziellen Wiederaufbau, wie für den heißersehnten nationalen Wiederaufstieg, wird die wir vor der Geschichte den schlagenden Beweis erbracht haben, daß die heilige Beteuerung unserer unverbrüchlichen Liebe zu Volk und Vaterland nicht nur Rauch und Schall ist, wir dürfen uns gerade jetzt der vornehmsten Ehrenpflicht nicht entziehen, der deutschen Jugend Herz und Arm zu weihen, ihr unsere besten Kräfte zu. widmen. Dafür zeigen auch unsere jugendlichen Geister volles Verständnis und tiefempfundene Dankbarkeit.
Solchen von religiöser und vaterländischer Gesinnung getragenen Empfindungen lieh mich der Verfasser dieses Artikels jüngst mehrfach Ausdruck bei begeisterten studentifchen VeranstMun- gen. Unsere Jugend, auch unsere akademische Jugend, weih es zu werten und zu würdigen, wenn man sich ihrer aus tiefstem Herzen und innerster Seele verständnisvoll annimmt, ihre berechtigt« Eigenart und ihren besonderen Einschlag berücksichtigt und ihr mit einem Appell an die vaterländische
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von Dr. Harald Förster, Dresden.
Hl. Das Schlachtfeld der Somme.
Wenn man als Mitkämpfer an den furchtbaren Schlachten der Somme teilgenommen und die riesigen Zerstörungen gesehen hat, heute seine Schritte über die blutgetränkten Felder lenkt, erkennt man kaum die Stätten wieder, welche im Gedächtnis noch in ihrer wilden Trostlosigkeit haften. Als ich inmitten von Ausflüglern am Sonntagspätnachmittag von Calais kommend den Zug in A m i e n s verlasse, empfängt mich die riesige Bahnhofshalle mit ihrem gewölbten Glasdach, neu gebaut, denn d-e Bahnhofsanlagen von Amiens bargen im Frühjahr 1918 eine Unzahl von Kriegsmaterial und Munition, sodaß sie gezwungenermaßen zum Angriffsziel der deutschen Flugzeuge und zum Zielpunkt des deutschen Fernfeuers werden mußten. Als ich den Weg zur Kathedrale einschlage, gedenke ich des Tages, wo ich selbst im Flugzeug über der Stadt schwebte, ohne böse Absicht, nur um photographische Aufnahmen zu machen und doch von einer Abwehrbatterie in der Nähe des Bahnhofs trotz unserer 5000 Meter Höhe recht unsanft begrüßt. r
Die stolze Kathedrale ist, wie ausdrücklich fest- gestellt fei, völlig unversehrt, ein Beispiel für die Treffsicherheit der deutschen Artillerie, welche sich auf die Beschießung militärischer Objekte beschränkte. Ein Gefühl der Webmut packte mich, als ich nach rasender Fahrt auf der glänzend her- gestellten, von Amiens nach St. Quentin führenden alten Römer st raße in Villers-Bretonneux vor einem Denkstein stehe — hier kam nach erbittertem Kampfe in den Straßen des Dorfes der
große deutsche Durchbruch int März 1918 zum endgültigen Stillstand. — Dann nimmt mich das Schlachtfeld der Somme auf. Doch die Stätten find mir fremd geworden; einstmals Einöden von Kilometerbreite und -Tiefe, wo die Häuser zu Pulver gemahlen, die Teiche zu Sümpfen verwandelt, die Felder zu Trichtern und Kratern zerwühlt, die Wälder zu exotisch zersplitterten Stümpfen zerfetzt waren, darüber Wolken und Schwaden von Gas und Dampf — und heute sieht das Auge das Wogen der Getreidefelder, blickt auf das Rot und Grau der aus neuem Grün hervorleuchten- den Häuserdächer. Eine fremde Gegend. Und doch wird die Erinnerung wieder lebendig als die bekannten Namen ans Ohr schlagen. In Proyart, wo man jetzt noch Spuren eines englischen Pionierplatzes sieht, suchten wir im April 1918 ein erobertes brennendes Lebensmittellager zu bergen, wo Tausende von Büchsen mit Corned Beef vor den Augen der an Entbehrung Gewöhnten mit I Maschinengewehrgeknatter explodierten. Auf dem
Wege nach C h i g n o 11 e s reihen sich zur Linken schwarze Kreuze, schmucklos und einsam die langen Grabreihen, die ich durchschreite. 5000 deutsche Soldaten liegen hier gebettet. (Alles Kampfplätze der Frankfurter 21. Division.) Der Kraftfahrer ; betrachtet erstaunt mein Tun, als ich einige wenige : Feldblumen auf eines der ersten Gräber im Ge- i denken für die vielen anderen streue. Als große
Sehenswürdigkeit wird bei dem dicht dabei gelegenen Chignes an der Straße nach Foueaucourt ein deutsches 38 Zentimeter-Schiffsgeschütz gezeigt. Es wurde im Jahre 1914 von Krupp erbaut. Ich entsinne mich noch des Tages, als ich bei der Besichtigung des Einbaues — das Geschütz schoß mit Fliegerbeobachtung — den Kapitänleutnant als Kamerad von der Marine begrüßte. Eine Bronzetafel kündet die am 23. August 1918 erfolgte „Er- 1 oberuna" durch die 3. australische Division. Das
Auge des ehemaligen Artilleristen sieht jedoch sofort, daß es vorher fachgemäß von feiner Besatzung gesprengt worden ist: das 15 Meter lange Rohr und der viele Zentner wiegende Verschluß liegen in unheilbaren Trümmern.
Uber Dompierre, wo eine riesige Zuckerfabrik neu gebaut wird, gelange ich, vorbei an dem einst schwer beschossenen Flugplätze des Freiherrn von Richthofen, nach Cappy, wo ich das von mir erbaute Quartier von einer freundlichen Franzosenfamilie bewohnt unverändert wiederfinde. Der Kirchturm von Bray für Somme lugt herüber, nicht weit von dort wurde Richthofen nach seinem 80. Siege im Luftkampf nach erzwungener Notlandung bei feinem Fluchtversuch von Australiern mit Knüppeln erschlagen. Bei Susanne, wo ein nicht beseitigter Mauerrest deutsche Inschriften zeigt, und Frise, an den steilen Hängen der Somme, zeigen sich noch die Spuren ehemaliger Kämpfe, da die Kultur kein Interesse daran hat, diese zu praktischer Verwendung ungeeigneten Hänge einzuebnen. In der „Artillerieschlucht" von Mammetz gedenke ich der Augusttage 1916, wo hier der Mündungsblitz feindlicher Geschütze ohne Zahl empor« flammte, wo ich mit Beobachtung vom Flugzeug Tausende von Eisenzentnern deutscher Batterien auf die gierigen Mäuler schleudern ließ, ohne sie doch alle zum Verstummen bringen zu können. Ueber Contalmaison gehts weiter nach Longue- v a l, wo alte englische Wegweiser zum Delpillewald zeigen. Teufelwald haben ihn die Engländer geheißen, die ihn am 27. Juli 1916 in ihren Besitz brachten. Die Baumstämme sind zerfetzt, buschiges Unterholz überkriecht die Grüben, von roten und weißen Blumen ist die Unzahl von Trichtern übersät. lieber Guillemont und Guinchy führt der Weg nach Combles. Mit ungeheurer Wucht wurden diese heute friedlich lachenden Dörfer von den Engländern angegriffen, deren erster aroßer Ansturm von
der 24. deutschen Reservedivision und der 27. Division, Sachsen und Schwaben, zurückgeschlagen wird. Trommelfeuer geht auf die Tapferen nieder» Fliegergeschwader leiten das Feuer der schwersten englischen Batterien, Trichter reiht sich an Trichter, in heißer Sonne überzieht Leichengeruch das Feld. Gasschwaden wehen über die Stätten des Todes und der Verwesung. Australier, Engländer, Neu- feelänber stürmen in dichten Wellen gegen die Dörfer an. Die Württemberger schießen freistehend in den Feind, Maschinengewehre speien verderbenbringendes Feuer» die letzten Geschütze werden aus der Deckung gerissen, Handgemenge — der Feind flutet in seine Ausgangsstellungen zurück. Nur eines der Schlachtenbilder an der Somme, die tagtäglich und stündlich wiederkehrten.
Ich stehe am Trones-Wald, der 18mal von den Engländern genommen und 18mal von den Deutschen wieder erobert wurde. Grab an Grab gibt Kunde von diesen Kämpfen, die nur der verstehen kann, der sie erlebt hat. Weit schweift von dem auf dem Hügel gelegenen Combles der Blick über die ehemaligen Kampfstätten, doch vergeblich sucht man die zerrissenen Gräben; soweit das Auge reicht wogen die Getreidefelder. Umgeben von Getreidegarben stehe ich auf unserem ehemaligen Flugplatz Bertincourt, wo wir unter dem Fernfeuer der sranzösifchen Geschütze und dem Bombenhagel englischer Flugzeuge mit Boelcke, Richthofen und vielen anderen, die alle heute nicht mehr sind, die Erfahrungen harter Kämpfe in der Lust austauschten. Von dem wiedererstandenen B a p a u m e, in dessen Nebenstraßen die Trichter nur notdürftig zugeschüttet find, führt in gerader Linie die Chaussee nach Albert. Le Sars, Courcelettes, Pozieres, Ba- zentin rufen die Erinnerung an die ehemaligen Kämpfe wach, doch lassen sich ihre Spuren fast nur noch an den aus Baumstümpfen bestehenden Wäldern feststellen. Auf der überragenden Höhe von