Einzelbild herunterladen
 

uldaerZertung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stabt Fulda.

Nr. 184.

Verantwortlich tüt die Schrtitleitung: Dr. Johannes Kramer. Anreisen: I-B arre ller, Sulda. Rotationkdruck und Verla» der n Juldacr Tctiendruckerei in Fulda. Fernlvrecher Nr- 9. s. BernaSvreir für Juli: 1.80 Ml.

Srcltag, 8. Kugust 1924.

" < ------------------------

Anreiscn-Preiie: Kleinreile (Colonel) lokal u. Goidman, auswärts 0,20 Goldmark: Reklamereile lokal 0.60. Goldmark :: auswärts 0,80 Soldmark. $.

Bei Wiedsrbolunsen Rabatt- Boltlcheckkonto Frankfurt a. $?. 4051.

51. Zahrg

vie aufgerollte Räumungsfrage. Die HTantelnote zum deutschen Memorandum.

Die deutsche Delegation hat sich entschlossen, vm zweiten Tage ihrer Anwesenheit aus der Lon­doner Konferenz zum Ausdruck zu bringen, welche Fragen nach ihrer Ansicht über den Rahmen der französisch-englischen Abmachungen hinaus geklärt weiden müssen, um zu brauchbaren Ergebnissen zu kommen. Das Memorandum zu den Konferrnz- beschlüssen, das die Deutschen am Mittwoch vor­mittag überreichten, umfaßt im ganzen etwa 20 Seiten, von denen 10 den Bericht des zweiten Ausschusses behandeln, 6 oder 7 den des dritten Ausschusses und 2 den des ersten Ausschusses.

Der Denkschrift ist ein Begleitschreiben (Mantel­brief) beigefügt, worin es heißt, daß die alliierten Beschlüsse den ganzen Fragenkomplex, wie er sich aus der Inkraftsetzung des Sachverständigenplanes ergibt, nicht erschöpfen. In Verbindung hiermit ist auf die Frage der militärischen Räu­mung der über den Versailler Vertrag hinaus besetzten Gebiete und auf die beabsichtigte Belassung der französisch-belgischen Eisenbahner auf einigen Strecken des linksrheinischen Eisenbahn­netzes hingewiesen worden.

Der diplomatische Berichterstatter deS ,Star' schreibt, der deutsche Mantelbrief enthalte den offen­baren Hinweis auf die Notwendigkeit einer vollen Erörterung der Räumung des Ruhrgebiets. Bezüg­lich dieses Punktes müsse man sich klar machen, daß Macdonald ausdrücklich erklärt habe, daß die Er­örterungen der Konferenz auf den Dawesbericht be­schränkt bleiben müßten, was aber bis jetzt in Lon- don befindliche Delegierten nicht hindere, diese Frage in ihrer Eigenschaft als leitende Staats­männer und nicht als Konferenzmitglieder zu er­örtern. Der Berichterstatter behauptet, von zu­ständiger Seite erfahren zu haben, daß bereits informatorische Besprechungen zwischen den deutschen, französischen und bel­gischen Delegierten über die Frage der Räumung und der Eisenbahnen stattfinöen. Der Berichterstatter hält es für wahrscheinlich, daß jetzt nach'Empfang der deutschen Bemerkungen zu den Belichten der drei Komitees diese mit Einschluß der deutschen Mitglieder wieder zusammentreten und ihre Berichte im Lichte der deutschen Bemerkungen durch- iehen werden.

Zur Raumungsfrage

wird uns aus Berlin geschrieben:

Die Räumungssrage spielt hinter den Londoner Kulissen eine viel größere Rolle, als das nach außen hin in die Erscheinung tritt. Mit dem offiziellen Verhandlungsprogramm hat allerdings diese Räumungsfrage keine Verbindung, sie ist davon bewußt ausgeschaltet worden. Da indessen ziemlich hinter allem und jedem das Problem der Räumung steht, da insbesondere die Ausführung des Sachverständigengutachtens und die Erfüllung seiner Voraussetzungen zur Herbei­führung einer wirtschaftlichen und finanziellen Einheit des Reiches das Verschwinden des mili­tärischen Druckes notwendig macht, so haben sich nun unmittelbare vertrauliche Bespre­chung en mit den deutschen, den französischen und den belgischen Vertretern über diese Dinge entsponnen. Bei dieser Gelegenheit hat es sich er­neut gezeigt, daß dieser Punkt sowohl für Deutsch­land wie auch für Frankreich den kritischsten dar­stellt. Die gegenwärtige französische Regierung glaubt nicht weiter bestehen zu können, wenn sie schon jetzt die Fristen für die Räumung festsetzt. Man will vielmehr erst bestimmte Bedingungen erfüllt, und gewisse Leistungen getätigt sehen, ehe man dieser Frage nähertritr. Rur hinsichtlich der Gesamträumung wollte man als Endtermin etwa zwei Jahre von der Ausführung des Sachverstän­digengutachtens gerechnet, in Aussicht nehmen.

Für Deutschland ist das selbstverständlich uner­träglich, und die deutschen Vertreter haben darum auch darauf hingewiesen, daß an die Erfüllung der im Sachverständigengutachten geforderten Leistun­gen unter dem Druck militärischer Besatzung nicht gedacht werden könne. Eine noch zweijährige Be­satzungsdauer des Ruhrgebiets ist ausgeschlossen, das wichtigste und grundlegende Erfordernis des Sachverständigen - Gutachtens, das dahingeht, j Deutschland seine wirtschaftliche Freiheit und Selbständigkeit wiederzugeben, würde damit uner­füllt bleiben.

Nun ist der Gedanke aufgetaucht, daß Deutsch­land durch Leistung größerer Ratenzahlungen, als sie im Sachverständigenplan vorgesehen sind, sich von der Besatzung allmählich los­kaufe. Derartige Andeutung en sind offenbar ein Versuchsballon, um festzustellen, ob Deutsch- - land um solchen Preis von der militärischen Be­lastung sich freimachen wolle.

Für Deutschland liegen die Dinge aber so, daß gerade das Verbleiben der Besatzungstruppen im Ruhrrevier die wirtschaftliche Produktivität st ö r t. Deutschland würde also, solange diese Truppen in dem Gebiet bleiben, keineswegs zu größeren Lei­stungen als bisher befähigt sein, ganz im Gegen­teil würde sich die wirtschaftliche Leistungskraft dauernd schwächen. Es ist schon vom rein ge­schäftlichen Standpunkt der Franzosen aus ge­sehen, denkbar unklug, unter solchen Verhältnissen die Besatzung im Ruhrrevier zu belassen, da doch Frankreich das allergrößte Interesse daran bat, so rasch als möglich sich bezahlt zu sehen. Jedenfalls besteht nach der, langen Besetzung des Ruhrgebiets

mit allen ihren schweren wirtschaftlichen Folgen, wie sie durch die Eingriffe des Militärs in den Produktionsprozeß hervorgerufen wurden, für Deutschland überhaupt keine Möglichkeit, höhere Erträge, und namentlich solche Summen herauszu­wirtschaften, wie sie den Franzosen zur früheren Ablösung der Besatzung offenbar vorschweben. Soll Deutschland leistungsfähig werden, dann muß erst der äußere Druck von seiner Wirtschaft genom­men werden, dann müssen die Fesseln verschwin­den, die durch die unerträglichen Eingriffe und Kontrollen heute auf dem ganzen Wirtschaftsleben ruhen. Deutschland muß eine Atempause haben, um erst einmal die Schäden der vergangenen Mo­nate auszubessern und sich auf neuer Grundlage zu frischen Leistungen sammeln und organisieren zu können. Und das alles muß durch eigene Kraft geschehen, und darum ist das Ansinnen, einige tausend französische und belgische Eisenbahner mitten unter das deutsche Personal zu stellen, als ebenso schädigend für die deutsche Produktionskraft abzuweisen, wie die Forderung einer noch zwei­jährigen Aufrechterhaltung der Ruhrbesetzung.

Der Gang der Verhandlungen.

Die von der Konferenz nicht behandelten Fragen, wie die militärische Räumung der besetzten Gebiete, soweit die Besetzung über das Rheinlandabkommen hinausgeht, und das Zurückbehalten alliierter Eisen­bahner wurden einer eigens hierfür eingesetztenOr­ganisation der großen Vierzehn" überwiesen, der je zwei Vertreter einer jeden Macht angehören. Die Organisation ist nicht als zur Konferenz gehörig, sondern als außerhalb der Konferenz stehend zu be­trachten.

wtb Paris, 7. August. (Tel.) Der London- berichkerstakkec der havasagentur berichtet aus London: Die kurze Sitzung, die die alliierten De­legierten gestern abend mit den deutschen Ministern abgehalten hätten, habe zuerst der Anhörung des Berichts gegolten, der im Laufe des Tages von dea deutschen Sachverständigen über die deut­sche« Einwendungen abgefaßt und von dem ständigen Anterstaatssekretär Eyrecrowe ein­gebracht worden sei. Rach den Schlußfolgeruugen des Unterstaatsfekretärs böten die deutschen Ein­wendungen zu dem Bericht der dritten Kommis­sion keine unüberwindlichen Schwierigkeiten. Die Bevollmächtigten hätten im Anschluß daran den auf die Feststellung der Verfehlungen bezüg­lichen Teil des deutschen Memorandums beraten. Stresemann habe sich auf den Standpunkt gestellt, daß die Zustimmung seiner Regierung zu jeder von den Alliierten vorgenommenen Abänderung des Artikels 2 des Friedensvertrags nötig fei, mit der Begründung, daß dies auch den ausländischen Geldgebern eine neue Garantie bieten würde. Be­sonders wurde der Ausdruckflagrante Verfehlun­gen" besprochen, der im Sachverständigenbericht als Bedingung für die Durchführung von Sanktionen angeführt fei. Stresemann habe in diesem Punkte die Möglichkeit einer Schiedsgerichtsentscheidung verlangt. Rach französ. Auffassung müßte« die Worteflagrante Verfehlung" im Sinne vonvor­sätzliche Verfehlung" aufgefaßt werden, wie es im Versailler Vertrag festgelegt sei, d. h. als Nicht­erfüllung der deutschen Verpflichtungen aus mala side.

Die Verhandlungen zwischen den deutschen und alliierten Bevollmächtigten wurde heute vormittag wieder ausgenommen. Vorher traten die deutschen Führer um 10 Uhr zusammen.

- Optimismus.

wtb London, 7. August. (Tel.) Die Blät­ter äußern sich im allgemeinen optimistisch über die gestrigen Verhandlungen. Man hebt be­sonders die Schnelligkeit hervor, mit der die deutsche Delegation auf die Dokumente der Alliierte« ant­wortete.

DieMorning Post" schreibt: Die deuffche De­legation hat ihre Bemerkungen zu den alliierten Vorschlägen gestern zu einem nahezu unglaublich frühen Zeitpunkt vargelegt. Bereits um 9 Uhr sei das Dokument von etwa 6000 Worten in den Händen des Generalsekretärs gewesen. Die deut- fchen Bemerkungen seien zum größten Teil nicht derart, daß eine scharfe Meinungsverschiedenheit oder ausgedehnte Erörterung wahrscheinlich sei. Der Mantelbrief sei wahrscheinlich wichtiger als die Bemerkungen selbst, denn er berühre zwei Fragen, die außerhalb der Kompetenz der Kon­ferenz lägen, an denen aber die Deutschen beson­ders interessiert seien, die Frage der militärischen Räumung und der anderen außerhalb des Rhein­landabkommens besetzten Gebiete und die Frage der Beibehaltung der alliierten Eisenbahner auf den rheinisch-westfälischen Bahnen. Glücklicherweise könntendie großen Vierzehn" in ihrer Eigen­schaft als europäische Staatsmänner diese zwei Fragen erörtern, die eng miteinander verbunden seien und für die eine Lösung gefunden werben müßte, bevor der Dawes-Plan zur Durchführung gebracht werden könne. Die Einwendungen bet Deutschen gegen den Bericht des ersten Sonfercnz- ausschufses gingen nicht fejj* weit, ernstlich seien

die gegen den Bericht der dritten Kommission be­züglich der Schiedsgerichtshöfe.

DieTimes" schreibt: Die deutsche Delegation habe gestern durch die schleunige Antwort auf das alliierte Memorandum den Beweis für ihren guten Willen gegeben, keine Zeit zu verschwenden. Die Antwort sei gemäßigt im Ton und werfe keine neuen technischen Schwierigkeiten auf.

ItoHet bei Mscdsnald.

wtd Paris, 7. August. (Tel.) Havas meldet aus London, General Rollet habe gestern nachmittag Macdonald einen Besuch abgestattet. Man dürfe annehmen, daß beide sich über die Frage der militärischen Räumung unterhalten haben.

Die RcparationskomMission

Hai am Sih der französischen Delegation in London in einer offiziösen Sitzung den Stand der Konferenz- Verhandlungen zur Kenntnis genommen. Sie tritt Donnerstag wiederum zusammen und wird vielleicht dann beschließen, die deutschen Delegierten offiziell zu hören. .

Die Räumung von Köln.

Erneut ist im englischen Unterhaus die Frage der Räumung des Kölner Gebietes zur Erörterung ge» kommen. Lloyd George hat sie aufgeworfen und dabei allste ührt, daß diejenigen Fragen des Ver­sailler Vertrages, die für Deutschland günstig seien, auch innegehalten werden müßten, wenn andererseits die Erfüllung jeder einzelner Verpflichtung aus die­sem Vertrag gefordert würde. Die Erklärung, daß die Räumungsfrist noch nicht begonnen habe, wird von Lloyd George als nichts anderes bezeichnet, als ein Versuch, sich einer Vertragsverpflichtung auf nicht ganz ehrenhafte Weise zu entziehen.

Der englische Ministerpräsident gab die Erklärung ab, daß er nicht einwilligen würde, daß ein britischer Soldat auchnureineMinutelängerinKöln verbleiben würde, als es notwendig wäre, um die England durch den Vertrag von Versailles auferlegten Bedingungen zu erfüllen.

Damit wird die, schon von früheren englischen Regierungen abgegebene Erklärung bestätigt, dpß England für sich die Räumungsfristen der besetzten Gebiete als laufend ansehe. Indessen steht die Räumung der Kölner Zone, die mit dem 10. Ja­nuar 1925 fällig wird, tn engster Beziehung mit der Ruhrräumung. Eine Räumung des Kölner Gebiets, nur damit die Franzosen nachstoßen, ist nicht nur für Deutschland, sondern auch für England uner­träglich.

Frankreich und der Völkerbund.

wtb Paris, 7. Aug. (Tel.) DemPetit Parisien" wird aus Gens gemeldet: 3n Völker­bundskreisen werde das Gerücht verbreitet, daß herriok eine durchgreifende Aenderung der Zusam- mensehung der französischen Delegation für Genf beabsichtigt. An der Spitze soll Bourgeois bleiben, auch de Jouvenel werbe der Delegation weiter angehören, hanotaux und der Abgeordnete Baikhmy und Raynal würden jedoch, wie ver­sichert wird, durch Männer der Linken erseht wer­den. Auch ist die Rede davon, daß herriot im September den seit zwei Jahren durch den Aus­tritt Vivianis freigewordenen Platz einnehmen werde.

Hus dem besetzten Gebiet.

In Oberkassel bei Düsseldorf fuhr ein bel­gischer Motorradfahrer mit einem Beiwagen in einen deutschen Personenkraftwagen hinein. Der Kraftradfahrer und seine beiden Begleiter wurden schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Der Belgier fuhr mit großer Geschwindigkeit ohne Licht.

*

Der französische Kommandant Generalleutnant Bourget hat beschlossen, den durch den Befehls­haber des Brückenkopfes am 29. Januar 1923 gegen den Oberbürgemeister Dr. Jarres- Duisburg erlassenen Ausweisungsbefehl zurückzu- zichen. Trotzdem darf Jarres in feiner Eigen- scl-aft als Reichsminister das Ruhrgebiet nicht be­treten und sich in ihm auch nicht aufhalten, und zwar auf Grund der Bestimmungen der Verord­nung Nr. 15 vom 24. Mai 1923. Die Zurück­ziehung der Ausweisung hat auch die Wiederein­setzung in sein Amt als Oberbürgermeister von Duisburg-Ruhrort nicht zur Folge.

Der Schüler Karl Beysiegel aus Rüdesheim hatte von seinem ehemaligen, nun ausgewiesenen Lehrer Dr. Reuter, der sich in Bayern aufhält, ein Schreiben erhalten, in welchem Dr. Reuter an die Schüler seiner ehemaligen Klasse einen militärischen Aufruf richtete. Beysiegel vervielfältigte dieses Schreiben und verteilte es an die Klassenkamera- dcn. Dor dem Kriegsgericht in Wiesbaden wurde er wegen Verbreitung einer Schrift verbotenen Inhaltes zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt.

*

Zu vier Monaten Gefängnis verurteilte das Kriegsgericht in Wiesbaden den Kontoristen Wilhelm Schwarz aus Wiesbaden, da er Mitglied des Deutschen Wandervogels, des Grcifenbundes im Deutschen Orden war.

tiatholische weit.

-= Liickok Martv von Slimes ilt gestorben.

Amerikaner in Berlin.

Dr. hoesle schildert die Lage an Rhein und Ruhr. Was die Amerikaner gesehen haben. Die ganze Welt ist Schuld am Kriege.

Bei einem Tee, den der Reichslandbund 8 0 amerikanischen Professoren und Geistlichen der American Fellowship Group 1924 gab, und zu dem die Vorstände der Deutsch- nationalen Volkspartei, der Deutschen Volkspartei, der Nationalsozialistischen Freiheitspartei sowie die Spitzenvertreter der vaterländischen Verbände er­schienen waren, schilderte der Minister der besetz­ten Gebiete, Hoefle, den amerikanischen Gästen die Lage an Rhein und Ruhr. Mit der Besetzung des linksrheinischen Gebietes müsse man sich entspre­chend dem Versailler Vertrag abfinden, die Be­setzung des rechten Rheinufers aber sei wider­rechtlich. Die deutschen Unterhändler in Lon­don würden sich aufs äußerste für die Räumung dieses Gebietes einsetzen. Man werde auch durch­zusetzen versuchen, daß die deutsche Bahn, die die Regie übernommen habe, an Deutschland zurück­kehre. Deutschland müsse im besetzten Gebiet seine volle Souveränität wiedererlangen. Auch die Be­setzung selbst müsse abgeändert werden: denn im Versailler Vertrag stehe nichts davon, daß 700 000 Soldaten auf Kosten Deutschlands jahrelang an Rhein und Ruhr stehen. Alle diese Fragen müßten das Interesse der gesamten gesitteten Welt wach- rufen.

Als Vertreter der amerikanischen Gäste sprach Dr. Eddy. Er erklärte, daß man Deutschland zweifellos in vielen Fällen Unrecht getan habe. Dr. Eddy schilderte, daß er selbst gesehen habe, wie die farbigen Franzosen dort gehaust und die weißen Franzosen ihre Macht hätten fühlen lassen. Die Hungerblockade, die noch Jahre über den Krieg hinaus gedauert habe, sei die s ch w e r st e moralische Schuld, die die Welt auf sich genommen habe. Nicht Deutschland allein, die ganze Welt sei an dem Kriege schuld.

England und Rußland.

Ueberrafchender Abschluß des englisch-russischen

Vertrages.

Nachdem der Abbruch der englisch-russischen Ber> Handlungen gemeldet worden war, kommt jetzt die Nachricht, daß doch noch im letzten Augenblick eine Einigung zustande gekommen ist. Im englischen Unterhaus teilte der Regierungsvertreter mit, daß mit der russischen Delegation ein endgültiges lieber- einkommen erreicht worden ist. Ferner gab er be­kannt, daß der Handelsvertrag in dem Sinne ab- geändert worden ist, daß England Dem Monopol der Sowjetunion betreffend den auswärtigen Handel Rechnung trägt und eine begrenzte Zahl von Handelsdelegationen sowie die diplomatische Immuni­tät gewährleistet. Außerdem teilte er mit, daß neben dem Handelsvertrag ein allgemeiner Vertrag abgeschlossen worden ist.

An die Mitteilung schloß sich im Unterhaus eine Debatte, in der scharfe Kritik an dem Vertrage zu Tage trat.

Deutsche; Reich.

* Zur Auswertungsfrage. Wie dieBossische Zeitung" mitteilt, trifft die Meldung, wonach eine amtliche Erklärung der Reichsregierung über die Aufwertung der öffentlichen Anleihen bevorstände, nicht zu. Auch jetzt halte die Reichsregierung noch daran fest, daß eine Aufwertung ganz unmöglich sei. Auch sei es unrichtig, daß von der Reichsregierung Reicksanleihen an der New Aorker Börse zurückge­kauft worden sind. Auch die preußische Regierung dementiert, daß preußische Anleihen an den inlän­dischen ober ausländischen Börsen von der Regierung zurückgekauft würden.

*Politik" auf eigene Faust. Die norddeut­schen Tabakfabrikanten haben beschloffen, wie die Presse mitteilt, den griechischen Tabak zu boykottieren und die Interessenten zu ersuchen, diese Aufforderung zu unterstützen. Wie wir er­fahren, ist ein derartiger Beschluß, auch wenn er, tote zu erwarten, praktisch bedeutungslos ist, außer­ordentlich bedauerlich, da er geeignet ist, die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu Grie­chenland, die erst durch das kürzlich abgeschlossene Wirtschaftsabkommen eine Konsolidierung erfahren haben, aufs schwerste zu schädigen. Der Be­schluß ist umso schärfer zu verurteilen, als seine Begründung mit angeblichen Provokationen der griechischen Regierung unrichtig und haltlos ist.

* Erfreuliche Einsicht. Der deutschnationale Land­tagsabgeordnete Prof. Bauer, der Präsident der Vereinigten Vaterländischen Verbände Bayerns, hat jüngst in einer Gedenkfeier ausgeführt, daß die viel­fach bisher in Der vaterländischen Arbeit beschrittenen Wege falsch gewesen seien. Man habe Feste-Feiern und äußeres Auftreten vielfach mit vaterländischer und völkischer Arbeit verwechselt. Er warnte vor diesem Expressionismus und mahnte zur stillen, äußeren Effekten entsagenden Arbeit, deren letztes Ziel nur in Demut, Schweigen und zähem Willen erreicht werde. Hoffentlich verlieren nicht viele jugendliche Anhänger der Verbände den Spaß an bet Sache, wen» ohne Tamtam ge­arbeitet werden soll.

* Vom Bundeskanzler Dr. Seipel. Aus Wien wird gemeldet: Die Aerzte des Bundeskanzlers Dr. Seipel haben einen dauernd günstigen Zustand festgestellt, sodaß ihm eine weitere Reise zum Zwecke des Aufenthalts in kräftigerer Luft empfohlen werden konnte.