Nr. 183 vom 7. flug. 1924.
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Zur Unterhaltung
T Fuldaer Zeltun
Sie war schon im Garten und hat nach dir gefragt,
Junge,
schlug ein. Stimme.
Dann begaben sie sich in das Eßzimmer und Rieke trug die Suppe auf.
Das Esten war vorzüglich zubereitet, dennoch schien es Eugen nicht recht zu schmecken, denn er würgte an jedem Bissen. Zu viel war an diesem heiligen Oster- fonntag auf feine junge Seele ein gestürmt, er war nachdenklich und traurig über das harte Schicksal feiner Eltern. Da schenkte Ismael den goldenen Rheinwein in die grünen Römer. „Stuf deine Zukunft, mein Sohn,"
gefüllte
Tränen
Rieke?" Das
trinke und sei fröhlich! Aus dunklen, unerforschten Tiefen sproßt alles Leben empor zum Licht, nimm dir ein Beispiel an der Natur, strebe zur Sonne, zur Frei- heil, und du wirst ein echter Mann werden!"
Er leerte fein Glas und Eugen folgte seinem Beispiel. Dann aber befiel chn eine leichte Müdigkeit, und er suchte den kleinen, frühlingshaften Garten auf.
VIII.
Als Eugen die Küche durchschritt, in der Rieke mit aufgekrempelten Aermeln zwischen Topfen und Tellern hantierte, zwinkerte sie ihm luftig mit den kleinen Augen y
(Empor!
Roman von Otto Elster.'
sein?"
Eugen antwortete nichts. Aber er stand zögernd M. Sollte er in den Garten gehen? Was hatte er noch mit Ingrid Sommerfeld, der Tochter des reichen Mannes, zu schaffen, nachdem er heute einen solchen Einblick in die dunklen Tiefen getan hatte, aas denen sein Leben entsprossen war?
Liefen ihre Lebenswege nickst in entgegengesetzter Richtung auseinander?
Da suhlte er den Ring Ingrids, den er an den kleinen Finger gesteckt hatte, und sein Trotz schwand dahin. Abschied nehmen wollte er wenigstens von Ingrid, heute, wo er auch von seiner sorglosen, sonnigen Kindheit Wschied genommen hatte.
Im Garten jedoch sah er sich vergeblich nach IngrÄl um. Er setzte sich unter die alte Kastanie, stützte 6ie Stirn in die Hand und versank in ein Nachdenken über all das, was er heute erlebt und gehört hatte.
Zuerst bk Predigt, die schon einen tiefen Eindruck auf fein weiches Gemüt gemacht hatte. Die Bewohner der atten Frcmstste galten als gute Christen. Das bewies schon der häufige Verkehr des Doktors mit dem Pfarrer Destehorn. Ismael Asthufen war nichts verhaßter als der leere Materialismus, der Herz und Seele unbefriedigt keß.
„Mit unserer Macht ist nichts getan," pflegte er zu sagen, wenn er von einem Schwerkrankan heimkam. „Niemand erkennt das bester, als der Arzt. Oft stehen mir ratlos am Lager eines Sterbenden, und plötzlich er- wacht das Leben wieder und scheucht den Engel des Todes hinweg. Und ein andernufl, wenn wir glauben, den Kranken gerettet zu haben, da reißt der Lebensfaden ganz unvermutet entzwei und wir stehen machtlos da und können uns nur einem höheren Willen beugen.
GorMMa MM
kugel. Eine schwere, goldene Kette baumelte auf der weißen Weste, die den Leib knapp umspannte. „Ich habe dich erwartet, mein Lieber," begrüßte er Eugen, „denn ich möchte dir ein kleines Ostergeschent übergeben. Es soll ein Andenken sein art deine glückliche Kinderzeit." Damit reichte er dem überraschten Jüngling ein kleines Paket: Neugierig öffnete Eugen das Etui und eMnahm ihm mit einem Jreudenruf eine schöne silberne Uhr mit goldener Kette. »
Eugen errötete.
„Aber das kann ich ja doch nicht annehmen, Herr Kommerzienrat!" stotterte er in höchster Verlegenheit. „Nimm es nur getrost, mein Sohn," entgegnete Sommerfeld imd weidete sich an der Freude des jungen Mannes. „Wir kennen uns nun schon so lange, daß du unbedenklich ein kleines Andenken von mir annehmen darfst. Uebrigens hat auch Irmgard eine Kleinigkeit beigelegt. Das Etui enthielt noch einen schmalen plber. nett Ring in Form eines Hufeisens mit blauen Steinchen besetzt. Auf der Innenseite waren die zwei Worte ein» graviert: „Zum Andenken".
Eugen kannte den Ring wohl. Ingrid selbst hatte ihn getragen. Das Blut schoß ihm in die Wangen,
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Em Schauder tiebte dmch die schlanken Glieder des gütyGngs; heiße Tränen perlten über seine Mafien Wangen herab. So stand er eine Weile schweigend an den Grübern ferner Eltern. Auch Ismael verharrte in Schw ri. gen, bis Eugen zu ihm cmMckte und mit stockender Stimme fragte: „Und mein Vater?
jSx wurde hchb erfroren ans der Landstraße gefun. Den und starb unter meinen Händen tat Armeohmrs", erwiderte Ismael mL harter Stimme.
Da war es mit der Fassung des Iüngkugs vorbei. LbHschkuchgend warf er sich in die Arme seines Adoptiv- vaters und verbarg weinend das AlitLtz an feiner Schuller.
Sanft und zärtllch streikte Ismael den dunAen Lockenkopf. Rach einer Welle sprach er mit mitt er Stimme: „Faste dich, mein Sohn! Du weißt, ich bin Chirurg, und oft bedarf es eines tiefen, schmerzlichen CmschnÄtes, um die Heilung herbeizuführen, um einem liebel vorMlbeugen. So mußte aut) ich dir Schmerz bereiten, um dich stark und mutig zu machenzum Kampf mit dem Leben. Schau um dich! Es ist Früh- Sng geworden. Aus dem dunklen Schoß der Erde quellen die Kräfte unb Säfte hervor, die die Blätter und Suiten nSjren, um tausendfältige Frucht zu tragen. So fit es auch mit dem Leben des Menfchem. Er weiß nicht, von wannen er kommt, wo sich die Wurzeln feines Lebens verlieren. In das Dunkel der Vergangenheit reichen die Wurzeln zurück, aus dem Dunkel der Dergcmgenheit blüht fein Leben auf. Wicke auf unser Geschlecht, mein Sahnt Im tiefen Dunkel einer aber« Mubischen Zeit, im Lesen Dunkel der inensMchen Verachtung, gemieden, gefürchtet, so lebte unser Geschlecht, Ins das Licht einer helleren Zeit In das Dunkel fiel und mir unfern Weg zur Sonne finden konnten. So sollst auch du diesen Weg finden und tapfer verfolgen bis zum Siege. Willst du mir das versprechen, mein Sohn?"
Auge in Auge standen sie sich gegenüber, die Nach- tprow des oerfehmten Geschlechts. Doch m ihren
Zn der südlichen Krim.
Jalta, Ende SnL 1924.
Sechs Uhr morgens fit es, Meeresrcmfchen war unsere Keckeruhr. Unb ganz wie in den letzten Tagen: ht Sonnengllkten blendet und brütet der Meeressand, schon dr dieser Frühe 30 Grad Reamnur hn Schatten.
Leise brummt der Motor zum Fenster hinauf durch Fe Morgenstille und beharrlich läßt Emil die Hupe Krummen. D"s ist feine Einladung zur Fahrt nach gaHn. Denn noch find wir in Eupatoria, sind wir ans der entgegengefetzten Sette dieser Halbinsel.
Durch Steppenland, nur selten unterbrochen von bearbeitetem Ackerland oder weithin leuchtenden roten Mohnfeldern geht der leichtgervellte Weg nach Sim- feroprck. Sali mit seinen beiden Salzseen, einer Lade- station für SÄzschiffe und grauweißen Salzhügeln, liegt bald hinter uns und es sind nur noch einzeln verstreute Gehöfte von Tartareu oder Russen, die hin und wieder in leichter Taksenkung austanchen. Unser aller Bekannter, der stumme Hund, verfolgt uns auch heute wieder eine kurze Strecke des Deges, und zwar auch heute ohne jeglichen Bellton.
Es ist ein klarer, wektfichtiger Morgen, und so taucht tocn wett twr Simferopol die ansehnliche Bergmasse des Tfchaterdak mfi, des, mit 1700 Meter, höchsten Berges der Krim. >
Ab« noch ftnb es Stunden, die wir bis zum Suffe des Berges zu fahren haben werden.
Ennmdeinehalbe Stunde schnell« Autofahrt bedarf es, nm nach Simferopol zu gelangen. Hier er- ganzen wir den Wasservorrat für den Kühl«, fassen Benzin und Oel und stärken auch den leiblichen Menschen.
Den Ausgang der Stadt bildet eine unglaublich schlechte Fahrstraße: in Schneckentempo nur können wir vorwärts gelangen, wollen wir nicht die Maschine mit Bruch gefährden ober selbst zum Wagen hinausfliegen. Ab« dann geht es in langen Windungen bergauf; zur r-cht--» Seite die Bergformationen näher gerückt, llnks in Talbildungen freundllche Acker- und Gartenkulturen; Häuf« und Wirtschaften in cmgenfcheinkich gut« Ord- nnng. Ab« noch immer ist der Weg fett Eupatoria vollkommen baumlos; es prallt die Sonne auf das hochgeschlagene Sommerverdeck. Die hochwallende Staub- bildnng beweist, daß es auch hter feit langem nickst geregnet hat.
Wir fahren in den Hochwald hinein, den die Krim nur auf der südlichen Seite in ausgedehnterem Maße besitzt. In fangen Windungen, die immer eng« und enger neriten, steigt die Fahrstraße ber Krim-Gebirgskette empor. Zu beiden Seiten biswellen hochragende Berg* wände, bmoaldet; und während nur gur rechten die gewaltigen Bergriffe und Schluchten und die Eishaube des Tfchaterdak bestaunen, wandelt stch das Landschaftsbild zu unser« Sinken zu ein« stell Herabgeyenden, weiten Talmulde, ein« dann ebenso schroff ansteigenden Berg- wand vorgelagert. 5n ber Talmulde verstreut Gehöfte, Acker- und Gartenland, und zwischen diesem allem das schmale siltterleuchtrnde Band eines Bergroäfferiäns, das eine Wassermühle lustig klappern macht. 800 Meter sind mir hochgestiegen.
Der Verkehr auf dies« Straße fit schwach; ein Gradmesser für den Besuch der in der Mdkrim gelegenen Badeorte, tue alle nur Sb« diese Straße zu erreichen sind, ltlle« was uns begegnete, waren fünf Mann mit Maschinengewehr und anderem Schietzzeug ausgerüstet. Bona fide nahmen wir an, daß es eine bet dem Bandenwesen zu Leibe gehenden MMSrpatrouillen war. Sind doch die Wald« ber Sudkrim noch immer Schlupf- winkel der sog. „grünen Armee", die zu Zeit« die einzelnen Fahr- und anderen Straßen recht ungemut- llch machen. Und nur aus diesem Grunde mußten wir verzichten, den Rückweg üb« Sewastopol zu nehmen; das auf die ausdrückliche Warnung des Präsidenten bet KrimrepubM, der seine Warnung damit unterstrich, daß «st ein paar Tage zuvor auf der Straße Ialfa-Sewa- stopol Auiomoblle überfallen und ansgeraubt wurden. Wir beugten uns so dies« Einsicht und dcuntt ber „grünen" Armee. , v
Nun geht es abwärts; 1« Werst geht der Wagen ohne Steter unb unter starkem Anziehen der Bremsen. (1 Werst nach einer genauen Angabe --- 1,06678 Klm ) Hm die Wette mit uns rauschten die schnellen Bwgroäfi« in Sttaßenriunen talwärts; aus Gestein sprangen klare und frische und wohlschmeckende Ouellwasf«. Gleich einem Schwalbennest hängt an den Bergwänden rechts und llnks das tariarifche Dorf, ausnutzend bautechmsch jeden, auch den geringsten Steinvorsprung. Richt primi- twste Lchmhütten, wie in der nordischen Schweiz zeigen dtefe Tartarenhäus« den Üb«dachenden und Schatten spendenden Vorbau des Oberstockwerkes, welches durch starke Holzfäulen gestützt wird. Ackerwirtschast, Wem- und Tabakbau, verbunden mit Rindtier- und Pferde- Haltung zeigen die Wirtschaftekultur der Hk« lebend m Tartaren. Die schwarze Krimziqe zupft auf halben
dann wieder zu schließen. .. . Freilich mußten wir, uw unter dem Gitter durchzuschlüpfen, mit dem ganzen Körper durch das Wasser kriechen; aber das hielt uns nicht ab. So drangen wir denn rüstig vor, und als wir glaubten, nahe bei der Mündung des Kanals an- gekommen zu sein, hielten wir einen Augenblick an, nm unsere Kraft und Geistesgegenwart für den gefährlichen Moment des Hinaustretens ms Freie zu sammeln. Da schlug ein furchtbarer Laut an unsere Ohren. Dicht vor uns, nur wenige Schritte entfernt, hörten wir etne Stimme „Halt! Werda!" rufen, unb sogleich antwortete eine andere Stimme. Wir standen still, wie vom Don» n« gerührt. In kurz« Zeit vernahmen wir ein anderes „Halt! Werda!" in etwas größerer Entfernung. Dann wieder und wieder denselben Ruf immer entfernter. Es war offenbar, daß wir uns unmittelbar bei der Mündung des Kanals befanden, daß draußen eine dichte Kette von preußischen Wachtposten stand, und daß soeben «ne Ronde ober Patrouille bei dieser Kette vorüber passiert war. Leise, mit ungehaltenem Atem, schlich ich noch em paar Schritte vorwärts. Da war denn wirklich bte Aus- Mündung des Kanals, von so dichtem Gebüsch über- wachsen, daß sie in der dunklen Regennacht fast so finster blieb wie das Innere. Aber mich geräuschlos aufrichtend, konnte ich doch die dunklen Gestalten eines prerchr» scheu Doppelpostens dicht vor mir erkennen, sowie auch das Feuer von Feldwachen in einiger Entfernung. Hatten mir nun auch, was unmöglich schien, unbemerkt ins Freie gelangen können, so wäre doch offenbar der Weg
I nach Steinmauern (einem Dorf am Rhein) verschlossen gewesen.
Leise, wie wir gekommen, duckten wir uns in unfern Kanal zurück und suchten dort für den Augenblick Sicherheit. Glücklicherweise hatte der Regen aufgehört. Das Wasser war freilich noch hoch, aber es stieg doch nicht mehr. „Zurück zu unserer Bank'." flüsterte ich meinen Gefährten zu. Wir krochen unter dem Gitter durch
I und fanden unser Brett wieder. Da saßen wir denn, dicht aneinandergedrängt. Unsere Beratung über das,
I was nun zu tun fei, hatte eine gewiffe Feierlichkeit. I Der Worte gab es wenige, des ernsten Nachdenkens viel. I Ins Feld hinaus konnten wir nicht — das war klar. I Längere Zeit im Kanal bleiben auch nicht, ohne die Ge- I fahr, bei mehr Regen zu ertrinken. Es blieb also nichts I übrig, als in die Stadt zurückzukehren. Aber wie tonn- I ten wir in die Stadt zurück, ohne den Preußen in die | Hände zu fallen? . . . (Die Flüchtlinge stärken sich nun I durch Speis und Trank.) .
I Nachdem wir unsere Mahlzeit beendigt, nahm Adam I das SB ort. „In ber Stadt t>abe ich eine Bafe," sagte er. I „Ihr Haus ist nicht weit vom Eingänge des Kanals. I Um dahin zu kommen, brauchen wir nur durch ein paar | Gärten zu gehen. Wir könnten uns da in der Scheune I verbergen, bis sich etwas Besseres findet." Dieser Bor* I schlag fand Peifall, und wir beschlossen, den Versuch zu I machen. . . .
I Als wir unsere Bank verließen, um den Rückweg an* | zutreten, hörten wir die Turmuhr draußen drei schlagen. I Ich ging voraus und erreichte bald den letzten Luftschacht. I Ich nahm die Gelegenheit wahr, um mich auszurichten I und ein wenig zu strecken, wobei mir etwas geschah, das I auf den ersten Augenblick ein Unglück schien. Ich hatte I meinen kurzen Karabiner bei dem gebückten Gehen I durch den Kanal als eine Art Krücke gebraucht. Indem I ich mich ausrichtete, fiel mir der Karabiner ins Wasser | und machte ein großes Geräusch. „Holla!" rief eine I Stimme just über mir. „Holla! In diesem Loch steckt I was! Kommt hierher!" Und in demselben Augenblick I kam ein Bajonett, rote eine Sondiernadel, von oben fier» | unter durch das Gitter, welches das Luftloch deckte. I Ich hörte es, wie es an die eisernen Stäbe des Gitters I anstietz, unb wich der Spitze desselben durch rasches I Bücken aus. „Nun schnell hinaus!" flüsterte ich meinen I Genossen zu, — „ober wir sind verloren." MU we» I nigen hastigen Schritten erreichten wir bas Ende des
Kanals. Ohne uns umzusehen, sprangen wir über eine I Hecke in den nächsten Garten und gewannen in schnellem I Lauf einen zweiten Zaun, der ebenso überstiegen wurde. I Atemlos blieben wir dann in einem Felde hoher Gar* I tengewächse stehen, um zu horchen, ob uns jemand ver
folge. Wir hörten nichts. Es ist wahrscheinlich, daß I bas Fallen meines Karabiners ins Wasser die Aufmerk- I samkeit der Wachtposten in der unmittelbaren Umgebung I auf sich gezogen und von der Mündung des Kanals ab» I gewendet hatte. So mag unser Entrinnen durch den zu
erst unglücklich aussehenden Zufall erleichtert worden fein. I Als Adam sich an unserem Halteplatz orientierte, fand I et, daß wir uns dicht bei dem Hause seiner Bafe befan» I den. Wir setzten über einen Zaun, ber uns noch von bem I zu diesem Hause gehörenden Garten schied, wurden ab« I da von dem lauten Gebell eines Hundes begrüßt. Um
ihn zu besänftigen, opferten wir den letzten Rest unser« I Würste. Das Tor der Scheune sanden wir offen, gingen
hinein, streckten uns auf dem an der einen Seite auf* I gehäuften Heu aus und fielen bald in tiefen Schlaf.
6ine abenteuerliche Hlucht. i
Die erst« deutsche Nationalversammlung, die I im Jahre 1848 in der Paulskirche zu Franksurt am Main zusammenttat, um dem deutschen Volke I eine Verfassung zu geben, war nur von kurz« 1 Dauer, da ihr die politische und militärische Macht I fehlte, um ihren Beschlüßen nachdrücklich Geltung I zu verschaffen. Sie löste sich auf, nachdem Preußen und Oesterreich in der deutschen Frage eigene Wege gingen. In mehreren kleinen deutschen I Staaten versuchte man noch einmal durch bewast- I neten Aufffand den demokratischen Ideen zum Siege zu verhelfen, aber vergebens. Mit Hufe I von preußischen Truppen wurde der Aufftand in I Baden, wo besonders heftig gekämpft wurde, I niedergeschlagen und die Führer wanderten ms Gefängnis. Unter ihnen befand sich auch Karl I Schurz, der in seinen „Erinnerungen" in spannender Weise seine Flucht aus Rastatt erzählt. Er ist später nach den Bereinigten Staaten I ausgewandert und hat dort, nachdem er an meh- I reren Feldzügen ruhmreichen Anteil genommen, I als Minister des Innern eine für das Land außer- I ordentlich segensreiche Tätigkeit entfaltet.
Schurz, der mit einem Artillerieoffizier Neustadt« und feinem Burschen Adam zusammen I war, faßte den Entschluß, durch einen Abzugskanal für das Straßenwaff« den Versuch einer Flucht I zu wagen. Er erzählt:
Adam wurde sofort ausgeschickt, um einen Laib Brot, I ein paar Flaschen Wein und einige Würste zu kaufen. I Dann steckten wir unsre Pistolen unter die Kleider und I rollten unsere Mäntel auf. In bem meinigen, einem I großen, dunkeln, mit rotem Flanell gefütterten Rad- I mantel, den ich erst kürzlich aus geliefertem Zeug, mir hatte machen lassen, verbarg ich einen kurzen Karabiner, I den ich besaß. Die Flaschen und Eßwaren, die Adam brachte, wurden auch, so gut es ging, verpackt. Unterdessen begann die Besatzung in geschlossenen Kolonnen über den Markt zu marschieren. Wir folgten der letzten Kolonne eine kurze Strecke, schlugen uns dann in eine Seitengasse und erreichten bald die innere Mündung um | feres Kanals. Ohne Zaudern schlüpften wir hinein. Es mar zwischen ein und zwei Uhr nachmittags am 23. Juli. D« Kanal war eine von Ziegelsteinen gemauerte Röhre, etwa 4—4% Fuß hoch und 3—3% Fuß breit, so daß wir uns darin in ein« unbehaglichen, gehuckten Stellung befanden unb, um uns fortzubewegen, halb gehen, halb kriegen mußten. Das Wafi« auf bem Bo- den reichte uns bis über die Fußgelenke. Als wir weiter in das Innere des Kanals vordrangen, fanden mir in regelmäßigen Entfernungen enge Luftschachte, oben mit eisernen Gittern und Rosten »«schlossen, durch die das Tageslicht herabkam und den sonst finsteren Kanal fleck- weise «hellte. 2ln solchen Stellen ruhten wir einen Augenblick und streckten uns aus, um das Rückgrat wieder in Ordnung zu recken. Wir hatten unser« Berechnung nach ungefähr die Mitte der Länge des Kanals erreicht, als ich mit dem Fiche an ein kurzes, im Wasser liegendes Brett stieß, das sich quer zwischen die Wände des Kanals einklemmen ließ, so daß es uns als eine Art von Bank zum Niedersitzen dienen konnte. Auf dieser Bank, bte unsere Sage ein wenig behaglicher machte, drückten wir uns zusammen zu läng«« Ruhe. —
Gegen neun Uhr abends fing es cm zu regnen, und zwar so stark, daß wir das Klatschen des fierabftrömen- ben Wassers deutlich unterscheiden konnten. Zuerst schien uns bas schlechte Wetter ber Ausführung unseres Flucht- planes günstig zu fein. Bald ab« kam uns die Sache in einem ganz anderen Lichte vor. Wir fühlten nämlich, wie das Wafi« in unserem Kanal stieg und bald mtt i groß« Heftigkeit, wie ein Meßbach, hindurchfchoß. Rach ! ein« Weile überflutete es bte Bant, auf welcher wir saßen, und reichte uns in unserer fitzenden Stellung bis an die Brust. Auch gewahrten wir lebendige Wesen, die mtt groß« Rührigkeit um uns ber krabbelten. Es waren Wasserratten. „Wir müssen hinaus," sagte ich zu meinen Genossen, „ob« wir werden «trinken." So verließen wir denn uns« Brett und drangen vorwärts. Kaum hatte ich ein paar Schritte getan, als ich in der Finsternis mtt bem Kopf gegen einen harten Gegenstand stieß. Ich betastete ihn mit den Händen und entdeckte, daß das Hindernis aus einem eisernen Gitt« bestand. Sofort kam mir der Gedanke, daß dieses Gitter dort angebracht sei, um während enter Belagerung alle Kommunikation durch den Kanal zu verhindern. Dieser Gedanke, den ich meinen Gefährten sofort mitteilte, brachte uns der Verzweiflung nahe. Aber als ich das (Bitter mit beiden Händen ergriff, rote wohl ein Gefangener an den Eisenstäben seines Kerkerfensters rüttelt, gewahrte ich, daß es sich ein wenig hin und her bewegen ließ, und eine weitere Untersuchung ergab, daß es nicht ganz bis aus den Boden reichte, sondern etwa anderthalb bis I zwei Fuß davon abstand. Wahrscheinlich war es so eingerichtet, daß es aufgezogen unb heruntergelassen werden konnte, um fo den Kanal zum Reinigen zu öffnen und
Höhen üppiges Weidegras und bestaunt uns ebenso wie die braungebrannten Buben und Mädel, die vor den I Türen in Scharen sitzen, die uns nach Überwundener I Scheu entweder mit einem „sobancs shairosm" taetarisch begrüßen, ob« deren geplante Unarten wir mtt Stock- I drohungen bändigen müssen.
Werst um Werst rollten wir abwärts. — Südlich ist die Fauna geworden: schlank ragt in die Höhe Sie Cyp«, I weit ausbreiten sich Feigen und Lorbeerbaum, hoch wu« | chern Grasarten aller Art. Und bei angehaltenem Wagen horchen mir hinaus: Nachtigallenschlag! herrlich schon schmeichelt sich ins Menfchenherz hinein. Erster Nachtigallengesang, den ich in diesem Jahre höre; mir I klingt es um so lieblicher, unb nur schwer kann ich mich I von diesem Orte trennen.
Aluschta ist die erste größere Stadt an ber Süd- I küste des Schwarzen Meeres, in die wir hineinfahren. Von den Berghohen sahen wir die Schimmer ber Wasser sich widerspiegeln, nun breitet sich plötzlich vor uns dies« unübersehbar blau-schwarze Wasserspiegel aus! Weit, wett bis dort, wo scheinbar die Himmeks- tuppel sich ins Wasser senkt, reichen die Wasser, die ht der Unendlichkeit ihre rauschenden Wellen auf den Strand immer und immer wieder werfen. . ..
Wieder geht es in stellen Windungen bergauf. In den Biegungen glänzt die Stadt herauf, leuchtet das Minarett der kleinen Moschee. Im Rücken endlich die Stadt, fahren wir in 400 bis 500 Meter ber Küste ent- | fang, sehen über die tiefer liegenden Waldungen hinweg i auf das Steer. — Nach einer der vielen und unzählbaren Biegungen steigt das Krüner Riturkurtofum an der Südküste vor uns auf: Der „Bür", Medwed im russischen Bolksmunde benannt. Ein bev'üdstec Bergrücken, der das Aussehen eines mit ber Vordertatzen und der Schnauze im Meere liegenden und saufenden Bären hat. auf buckelnd nach rückwärts gewandt bas gewaltige Hinterteil.
Unter uns, nach bem Meere hin, dehnen sich die riesigen staatlichen Weingärte,.' um Crrriao herum. Niedere Steinmauer schützt den Weg vor steilem Abfall. Wir halten vor einem der Tore und zeigen dem halbnackten heran kommenden Torhüter unteren Ausweis des Krim- Präsidenten. Ihn interejftert nur bet Stempel; bann öffnet er dienstfertig das Tor und wir fahren auf schmalst« Spur an tausenden und abertaufenfcen Weinreben vorbei, talwärts auf Guriuo zu. Surftw hat einen poetischen Beilfang, und das wirklich nicht mit Unrecht! Wer einmal durch dieses Parkparadie» gewandttt ist, wer an einem Mondabend den rändelnd rauschenden Welle« zusah und Itebüchen Vogelstimmen nachträumte, — d« wird nachempfinden können, was Puschkin, den russischen Lyriker, zu seinen zarten und stimmungsvollen Liebes- und Naturpoemen bewegte. 3m Parke zu Gur- fun steht in ein« natürlichen Lichtung das Puschkin- Denkmal, welches ein einfacher Lorbeerkranz schmückt zum Gedenken des diesjährigen hundertsten Geburtstages des letzten großen russischen Lyrikers.
In Blutrot Hegen die höchsten Berggipfel, Abend- bämmer legt blaffe Farben über Landschaft und Meer. In dem abendlichen Zwielichte erreichen wir Jalta, das in einem nach rückwärts spitz verlaufenden Tal- einschnitt sich eingebettet fiat Fast den ganzen Einschnitt füllt ein weitläufig angeordnetes Häusermeer. Etwas ferner glänzt aus dunkelgrünem Walde bkendendroeihes Gemäuer des früheren Zarenschlosses, bestimmt und de- nutzt zu alljährlichem ©omrn«aufentfialt Lichtpunkte blinken vom Hasen und von der Stadt zu uns herauf; abendliches Gewimmel in engen, bergigen Straßen, die erfüllt vom lauten Schwatzen Abendkühle genießender Menschen. Wir fahren über die Stranbpromenabe — d« erhobene Knüppel des Millzmannes gebietet uns Halte Es fit Automobilen unb anderem fahrenden Gelichter verboten, nach 5 Uhr nachmittags die Erholungs- rufie dies« Straße zu stören. Wir biegen ab unb suchen durch enge unb holprige Straßen hindurch uns« Hotel.
Nach dem äbeabeffen, zu zweit waren wir sicher die einzigen Europa« in Jalta, machen rote einen JSpajter« gang durch die Stadt, riechen von wettern N« ganz und gar tartarfich duftenden Markt; dem Dufte auszuweichen, ist eine Unmöglichkeit. Vom Strande und von Baikonen zittern die ball» dünnen, bald vollen Töne der Bafaleika; es nehmen uns gefangen bte so sehnsuchtsvoll fügen Lieder des russischen Volkes. — Lange noch sitzen wir auf dem Balkon nuferes Hotels; es ist die Nacht des Südens, die uns mit all ihrer duftenden Schwere fo gefangen nimmt, daß wir uns für fange nicht zu trennen vermögen. So lasten wir denn unser Bett auf dem Baifon bereiten unb lasten uns einschläfern von den rcufichenden Wellen des Schwarzen Meeres, die uns bei neuem Tage wieder erwecken werden.
Wir haben noch viel, sehr viel vor in Ialla! Es soll nur gesagt sein, daß dicht bei Jalta, so gut wie in ber Stadt noch, ber Maffandrakell« sich befindet, den man den größten in die B«groanb fiineingefiauenen Weinkeller ber Erbe nennt.
Eugen," flüsterte sie.
Eugen errötete und sagte leise: „Wen meinst du,
__Mädchen kicherte vergnügt: „Na, stell dich nicht so an, du weißt schon, von wem ich rede, von Fräulein Ingrid natürlich, wer sollte denn dwgewefen
sagte der Doktor, und hielt dem Jüngling das Etas entgegen. Eugen konnte nicht sprechen; bte erstickten die Stimme.
„Nun, nun," lätfieße Ismael, „Stopf hoch,
Augen blitzte es mutig auf. Das Dunkel ber Bergan- I Tränen traten in feine Augen; er fand keine Worte, um gschett befaß keine Gemalt mehr üb« sie und ihr Leben, feine Ueberraschung und Freude auszubrücken. Seit-
Ismael reichte feinem Sohn beide Hände und Eugen fam war es nur, daß ihn ber einfache, schmale Silb«.
„Ich verspreche es dir", sprach « mit fester I reif mehr freute als bas kostbare Geschenk des Kommerzienrats. Ab« efie « sich von fein« Ueberraschung ~ „So fit es gut Und mm komm, Tante Dorette erholt hatte, war dieser verschwunden. Taktvoll ent-
wariet auf uns mit dem Dfterbraten." zog « sich den Danksagungen fernes jungen Freundes.
Ehe sie Wschied von den Gräbern nahmen, beugte I Es war gut, daß Tante Dorette mit ber Meldung
ttch Eugen nieder und pflückte ein paar Efeublätter, die eintrat, das Mittagessen sei fertig, um den so reich Beer in fernem Notizbuch barg. schenkten wieder auf die Erbe und in die Wirklichkeit
Dann fchridten ste nachdenklich der Stadt zu, durch zurückzurufen.
den hellen Frühüngsfonnenschein, umfächelt von dem Die hübschen Geschenke machten übrigens auf Tante sanften Hauch des Lenzes, umjubelt von den taufend Dorette keinen sonderlichen Eindruck. Sie rümpfte Bee Stimmen ber erwachten Natur. Nase unb fache trocken: Bilde dir nur nichts rin,
Zu Haust angefomtnen, trafen sie den Kommerzten- I Eugen, — und mm kommt zum Esten."--
rat Sommerfeld in ber Wohnstube. Er war viel stark« Ismael fachte unb fache: „Du bleibst doch stets bas geworden, fo daß feine kleinen Augen fast ganz hinter | alle Murmeltier." den dicken Backen verschwanden. Aber der gutmütige Ausdruck feines Gesichtes war geblieben. Sein Schädel war ganz kahl geworden unb glich ein« Wanten Kegel-
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