M 179»
Samstag, 2. August 1924.
Kulvaer Leitung
2. Blatt.
Sxätfl der F »Warr Aetien-raökrei in Filda
Htts dem Nachbargebiet.
— Petersberg. Der hiesige Musikverein feiert am 24. d. M. das Fest seines 25jährigen Bestehens. Der Verein war stets bemüht und bestrebt, guten Volksgesang zu pflegen und das Interesse für Gesang und Musik zu erhalten und zu stärken. (Nähere Einzelheiten über die geplante Festfeier werden im Anzeigenteil noch bekannt gegeben.)
— Gelnhausen. In der Nacht zum Donnerstag wurde im hiesigen Rathaus eingebrochen. In einzelnen Amtsstuben wurden mehrere Kasten geöffnet und die darin befindlichen Beträge gestohlen.
0 Hana«. Auf abschüssige Bahn war der 30 Jahre verheiratete Schreiner Karl Ritter aus Gelnhausen geraten, der sich vor dem Schöffengericht Hanau wegen Unterschlagung und Betrug zu verantworten hatte. Er arbeitete in Frankfurt und wohnte in Gelnhausen, woselbst er allgemeines Ansehen genoß und vom Kriegerverein in den Vorstand gewählt worden war. Als sein Bruder nach 12jähriger Dienstzeit aus der Fremdenlegion zurückgekehrt war und ihn aufgesucht hatte, änderte sich das Bild. Sie suchten in Frank- furt Lokale auf, in denen das Leben leichter aufgefaßt wird, und verjubelten fremde Gelder. Karl Ritter hatte dem Kriegerverein Gelnhausen 416 Goldmark und dem Mieterschutzverein 93 Goldmark unterschlagen, ferner Gelder im Betrage von 1287 Goldmark, die er für Lieferung von Kohlen von einer Anzahl Gelnhäuser Einwohner engenommen hatte, veruntreut. Das Schöffengericht verurteilte ihn zu 6 Monaten Gefängnis. _
aus Geisa und Umgebung.
— Geisa. Zu Oberlehrern befördert wurden die Lehrer Trestin in Vacha, Leister in Bermbach (Rhön), Katz in Stadtlengsfeld, Träger in Ostheim und Deutsch in Fischbach.
— Vacha. Finanzinspektor Sondheimer ist vom Rentamt Hildburghausen an das hiesige Rentamt versetzt worden. Finanzinspektor Frische von hier wird nach Hildburghausen versetzt.
Neuer aus Frankfurt.
— Die Arbeiksmarktlage. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist weiterhin in der letzten Woche ungün- st,g geblieben. Die Zahl der Arbeitslosen stieg um weitere 300, die der unterstützten Erwerbslosen um rund 200. Der weitaus größte Teil entfällt auf das Metall
gewerbe und die kaufmännischen Berufe. Wesentlich verschlechtert hat sich auch die Lage im Bekleidungs- und Reinigungsgewerbe. Eine kleine Besserung trat im Baugewerbe ein. Es konnten hier mehr als 100 Arbeiter eingestellt werden. In den Berufen für Frauen trat eine Verschlechterung nicht ein. Es waren insgesamt 10 303 (10 054) Stsllensuchende gemeldet, offene Stellen waren 1178 (1253) vorhanden, besetzt wurden 954 einschließlich 491 Aushilfen. In Erwerbslosenunterstützung befanden sich 5598 Hauptunterstützungsempfänger, darunter 552 Frauen.
— Die Griesheimer Konservenfleischvergiftungen. Der ärztliche Befund hat ergeben, daß es sich bei den Vergiftungen, denen die fünf Kinder des Arbeiters Wohlmuth zum Opfer fielen, um eine schlimme Form der Fleischvergiftung handelt. Der Ehemann hatte das Büchsenfleisch, sog. Hash-Bees, von einem ' Griesheimer Metzger erworben. Die Frau hatte das Fleisch in der Pfanne warm gemacht, und alle Kinder hatten gut davon gegessen. Noch in der Nacht zum Sonntag stellten sich bei den meisten Kindern starke Verdauungsstörungen und Verglftungserscheinungen ein, sodaß die Kinder nacheinander dem städtischen Krankenhause zugeführt werden mußten, wo sie dann alle Der« starben, ohne daß ihnen ein Arzt Hilfe bringen konnte. Welcher Art die Vergiftung ist, darüber sind augenblicklich noch Untersuchungen in den verschiedensten wissen- schafllichen Stellen im Gange. Alles Fleisch, das der Metzger noch im Besitz hatte, wurde beschlagnahmt. Es soll nunmehr festgestellt werden, ob das Konseroenfleisch schon verdorben war, als er es erwarb, oder ob es bei ihm durch längere Lagerung erst schlecht wurde.
=* Zahlungseinstellung! Das Schuhwarenhaus Emanuel, das auch in verschiedenen Nachbarstädten Zweiggeschäfte unterhält, hat vor einiger Zeit seine Zahlungen eingestellt. Die Gläubiger vertreten Forderungen in Höhe von über 1 Million Goldmark und 306 882 französischen Franken. Das Protokoll, das die Gläubiger aus Anlaß der ersten Sitzung anfertigen ließen, macht ersichtlich, daß das Unternehmen, das zur Zeit der Inflation auf breitester Basis aufgebaut war und mit riesiger Reklame arbeitete, den Anforderungen, die normale Zeiten heischen, nicht gewachsen war und seine Zahlungen einstellen mußte.
Eingesandt.
Zur Aufklärung! Im Publikum ist verschiedentlich die Ansicht verbreitet, daß sich das Reichsbanner „Schwarz-Rot-Gold" hauptsächlich die Aufgabe gestellt habe, sich dafür einzusetzen, daß überall an Stelle der früheren Reichsflagge „Schwarz-Weiß-Rot" die jetzigen Reichsfarben „Schwarz-Rot-Goid" treten. Demgegenüber muß festgestellt werden, daß das Reichsbanner den einen und ersten Zweck hat, die Republikaner zusam- menzuschlietzen und den verfasfungsfeindlichen Kräften da entgegenzutreten, wo sie auch immer einen Angriff auf die Republik unternehmen würden. Die Mitglieder
des Reichsbanners werden sich dann den republikanffchen Behörden zur Abwehr zur Verfügung stellen. Daneben ist es Aufgabe des Reichsbanners, mit den Mitteln der Aufklärung und der Werbung für den republikanischen Gedanken einzutreten und republikanischen Geist zu verbreiten und zu pflegen. (Folgt Unterschrist.)
Gotlesdienstordnung.
Katholischer Gottesdienst.
SamStag, 2. August. (Portiunkula.) Franenberg. 9 Festpredigt u. Levitenamt m. AuSs., nachm. 3 feiert. Vesper, Ankacht und sakram. Segen.
Evangelischer Gottesdienst.
Sonntag, 3. Aug. Fulda. Gedenkfeier an den Beginn des Weltkrieges. Vormittags 8 Uhr Sup. Ruhl. 9>/i Uhr Sup. Ruhl. — Bad Salzschlirf. Vormittags 9'/i Uhr Pfarrer b. Kintzell. — Großenlüder. Vorm. 9Vi Uhr Pfr. Weber. Amtswoche Sup. Ruhl.
Lvangel. landerkirchl. Gemeinschaft, gulba, vnttlarftr. 17-
Sonntag, 3. Aug. Abends 8V« Evangelisation. — Montag abends 6 Kinderbund. — DienStag 8 abends Bibelstunde (Pfarrer Weber). — Mittwoch abends 8Vt Gesangstunde. — Donnerstag abends 81/« Jugendbund. — Freitag abends 8V« Bibel- und Gebetstunde.
Frankfurter Dörse.
Die Tlotierungen oerflehen sich in Bi I tonen Prozent legt. Kurs 81.7 leb* Kar« 31.7
Central-Sport-Bazar-Fulda
Central-Passage — Telefon Nr. 100.
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Srankf. fiyp. Bank
8,9
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5,6
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Mitleid. Krebltb.
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Kaff. gr. Straßenbahn
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fiaib und Tleu
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1,5
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Beck L tzendet C
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2,25
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10,0
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Breuer & Co.
4.75
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11,85
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Gement Kartffabt
6,9
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Pf lz. Nahm.
1,95
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Cbem. Griesheim
14,3
18,75
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35,2
34,0
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2,55
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2,8
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26,0
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Schuht 6erz Zf.
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1,6
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Cif«. Kaiferslautem
1,1
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Sichel & Co.
4,75
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Clberfelö. Kupfer
1,125
1,125
Siemens elektr. Betr.
6,5
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Clektr. tief. 6et
12,9
12,75
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4,6
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Ci. Licht und Kraft
8,1
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2,6
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0/25
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wayß & Zreyt
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59,25
10,25
5,75
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53,0
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8,8
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Bdchscnteihe
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0,72
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40,0
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Srankf. Gas».
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6s -----------
„Einen ordentlichen Sarg für den Verstorbenen werde Ich besorgen. Er soll anständig begraben werden!'
„Wohl, wohl, Herr Doktor!"
Was ging es Karl Käser an, wenn dieser dwnme Mensch sein Geld für den toten Landstreicher fortuxirf?
Ismael stand noch eine Weie an dem einsamen Grabe. Eine Schwarzdrossel hatte sich aus die oberste Spitze des Holunderbaumes gesetzt und äugte neugierig aus den stillem Mann nieder. Als dieser sich bewegte, zwitscherte sie laut aus und flog davon, sodaß der Schnee von den Zweigen des Baumes niederriefelte. Ismael seufzte leicht auf. Dann entfernte er sich von diesem traurigen Fleck Erde.
Einiges Auffehen machte die Beerdigung des Landstreichers. Nicht nur, daß er in einem hübschen, mit einem großen Kranz geschmückten Sarg auf dem städtischen Leichenwagen zum Friedhof gefahren wurde, als vielmehr die Begleitung dihrch den Pfarrer und das seltsame Gefolge, erwecken die NouMer der Menge, die zahlreich die Sttaßen umsäumte, durch die der Zug sich bewegte. Hinter dem Pfarrer schritt Ismael Asthusen nut seiner Schwester, die den kleinen Eugen auf dem Arm trug: dann kam die Dienstmagd Rieke und den Schlich machten die Bewohner des Armenhauses. Der einzige männliche Bewohner desselben, der Invalide Krischan, sah in seinem langen, blauen Schpßrock mit der Waterloo- Medaille auf der Brust und einem altmodischen Zylinderhut auf den schneeweißen Haaren ordentlich würdevoll aus, zumal er sich auf Kosten des Doktors hatte rasieren lassen. Auch Ne Weiber machten einen würdigen Eindruck. Sie waren sich bewußt, daß sie heute die Hauptpersonen in diesem Schaustück waren und daß die Augen all der Neugierigem auf ihnen ruhten.
Man sprach noch einige Tage von Nefem seltsamen Begräbnis, schüttelte den' Kopf über den „verrückten" Doktor, dann wandte sich das Jnteresie anderen Ereig- Ässen zu.
Um das Grob und den Begrabenen kümmerte man sich nicht wetter, auch Ne Behörde nicht, nachdem sie sich mit einer Anfrage nach Hannover gewanN, ober auch von dort keine weitere Auskunft erhalten hatte, als daß der 23:rf!crbene, non dem man nicht wußte, woher er
stamme, mit seiner Gitarre in den Wirtshäusern musiziert habe, dann aber verschwunden sei. Da nun der Doktor für alle Kosten aufkam, hatte die Behörde keinen Anlaß, sich weiterksin mit der Sache zu beschäftigen. Asthusen mußte wohl seine besonderen Gründe haben .für sein Verhallen und sein Interesse an dem Toten. Dem war auch so.
Am Abend des Begräbnistages saßen Ismael und der Pastor Georg Bestehorn in dem Zimmer des ersteren beisammen, Ne alte Familienchronik des Hauses Asthusen vor sich, und studierten den darin ausgezeichneten Stammbaum des alten Geschlechts.
Bestehorn war der einzige Freund Ismaels. Schon von der Schule her, wo sie nebeneinander saßen, kannten sie sich, und Ismael hatte oft fein Frühstucksbrot mit dem sehnsüchtig danach ausschauenden Kameraden geteilt, denn im Hause des Vaters gab es schmale Bisien. Und dem Pfarrer Georg Bestehorn sah man es auch jetzt an, daß es ihm in seinem Leben nicht zum besten gegangen war. Er war ein magerer, großer Mann von fünfund- vterzig Jahren. Sein Gesich war blaß und schmal, und Ne große, scharf hervorspringende Nase trug zur Verschönerung des Anüitzes nicht gerade bei.
„Stehst du, Georg", sagt« Ismael, den Finger auf den Namen seines Urgroßvaters legend, „em Bruder von diesem Asthusen ist in Ne wette Welt gegangen. Für zwei Scharftichter war kein Platz, und nicht genug zu tun, obgleich man damals mit den armen Sündern kurzen Prozeß machte."
„Das ist enffetzlich, lieber Freund", sagte der Pfarrer traurig, „deine Familiengeschichte hat etwas unsagbar Grausiges."
„Na, man muß es gewöhnt sein", lächelte Asthirsen, „ich kenne sie von Kindhett an. Aber man braucht auch heute noch den Henker und Vollzieher des richterlichen Urteils. Freilich, heute hantieren die Herren Scharfrichter anders als damals. Meine Vorfahren trugen einen blutroten Mantel und waren sogenannte „unehrliche" Leute, verfehmt und ausgestoßen von der mensch- llchen Gesellschaft. Wen die Hand des Henkers berührte, wurde auch unehrlich. Ich fühle es ja noch an mir selbst. Aber man muß sich damit trösten, daß alles Leben aus der dunklen Tiefe emporwächst. Auch in der Natur ist es nicht anders, lieber Bestehorn".
„Ja, du hast recht. Ismael", seufzte der Pfarrer, „dock) sag' mal, was wurde aus jenem Asthusen, der laut Familienchronik in die weite Well ging" 2
„Er mürbe Soldat und ging mit braunschweigischen Truppen nach Amerika zur Bekämpfung der sogenannten nordamerikanischen Rebellen. Da hat er sich mit den Indianern und allem möglichen Gesindel herumgeschlagen und geriet bei der Kapitulation von Saratoga m Gefangenschaft. Als er nach Friedensschluß zurückkam, hat er sich verheiratet und in dem kleinen Harzstädtchen Eldingrode eine Gastwirtschaft betrieben."
„Und du glaubst, daß Ne unglückliche Frau von diesem Manne abstammt?"
„Ja, obgleich ich nur wenige Anhaltspunkte habe und die Sache noch nicht ganz geklatt ist."
„Man müßte die Kirchenbücher nachsehen."
„Darum eben wollte ich dich bitten, alter Freund. Du kennst Nch da besser aus als ich, hast auch leichteres Spiel, weil deine Kollegen Nr sicher gern an Ne Hand gehen, wenn du sie darum bittest."
„Was ich tun kann, soll gern geschehen, Asthusen. Aber, es wird etwas Geld kosten."
„Das stelle ich Nr natürlich zur Verfügung."
„Dann will ich mir Ne Daten aus deinem Stammbaum aufschreiben." I
„Bitte, hier liegt schon alles bereit."
Der Pfarrer machte sich an die Arbeit, wahrend Ismael im 3immer auf- und abging, mächtige Dampf- wölken aus feiner langen Pfeife in Ne Luft blasend.
Dann rief Dorette zmn Esten und es wurde ein ganz gemütlicher Abend.
V.
Es war wieder einmal Frühling geworden. Der alte Holunderbusch auf dem Friedhof stand im schönsten Blütenschmuck, Ne Gräber der Frau vom Galgsnberg und ihres Gatten waren mit Blumen frisch bepflanzt, und ein einfacher Grabstein meldete die Namen der Toten, die hier unten schliefen. Ismael Asthusen hatte für alles gesorgt.
Auch in dem kleinen Gärtchen der alten Frohfeste war der Frühling ein gekehrt. Büsche und Bäume standen im ersten Grün, und auf dem Blumenbeet blühten Goldlack und Stiefmütterchen. Auch Ne liebe Sonne fand ihren Weg in diesen versteckten Winkel, und die Vögel zwitscherten so lustig, als befänden sie sich im schönsten Park. Sie flogen hinüber nach dem großen, herrlichen Garten des Kommerzienrats Adrian Sommerfell), der von dem bescheidene» Gärtchen der Fron- feste nur durch eine niedrige Ligusterhecke getrennt war. lieber diese Hecke httupeg schweifte her Blick über weite
Rasenflächen, mit buntfarbigen Teppichbeeten geschmückt Prachtvolle Gruppen von Blutbuchen und anderen selten schönen Bäumen erhoben sich hier und bort, im Hin- tergrunde schimmerte Ne weiße, schloßartige Villa des Herrn Kommerzienrats. Eine säulengeschmückte Terrasse mit Marmorstufen führte in den Park, und vor derselben breitete sich eine Anlage hochstämmiger Rosen der seltensten Hirten aus.
Mit scheuem Staunen schaute Rieke Weißkopf auf all Nefe Herrlichkeit, wenn sie auf dem Bänkchen unter dem Kastanienbaum saß und der kleine Eugen zu ihren Füßen im Sande spielte. Ihn kümmerte die Herrlich- kett wenig. Er befand sich in dem Gärtchen seines Pflegevaters ebenso wohl, als wenn er in dem wunderschönen Park des Kommerzienrats spazierengegangen wäre.
Drüben schob eine stramme Amme in der bunten Tracht der Merländerinnen einen von köstlichen Spitzen verhüllten Kinderwagen auf und ab. Diese stattliche Vierländerin erschien Rieke als Ne Verkörperung des Reichtums, der drüben in der Villa herrschte, und kaum konnte Rieke sich enffchließen, Nefes stolze Wesen anzu- reden und zu bitten, ihr den bunten Ball wiederzugeben, den der kleine Eugen unachtsamer Weise in den Park über die Hecke geworfen hatte.
„Da hast du deinen Ball wieder", sagte die Amme grämlich, „aber nimm dich in acht, daß es nicht wieder geschieht, denn der gnädige Herr ist sehr streng, und will nicht, daß wir nut jedem verkehren."
In Rieke empörte sich der Stolz. „Na", erwiderte sie mit einer gewissen Frechheit, „Sie brauchen sich nicht so aufzuspielen! Sie sind doch nur eine Amme, und wer weih,, woher Sie kommen!"
„Du bist aber mal eine freche Göhre", schalt Ne Vierländerin lachend. „Aber der kleine Junge da, der gefällt mir, ist ein hübsches Kind mH seinen dunklen Locken und den großen, blauen Augen. Wie heißt er denn?"
„Eugen; und wie heißt denn das Kind da im Wagen?"
„Ingrid."
„Den Namen habe ich noch gar nicht gehört, ein komischer Name," lachte Rieke.
„Ja, das ist wahr; aber Ne reichen Leute müssen ja stets was Besonderes haben. Na, guck Nr Ne Kleine nur mal an. Ist sie nicht süß?"
(Fortsetzung folgt.)