Fuldaer Zeitung
Line Reise vor M Zähren.
3n einer Zeit hochentwickelter Verkehrstechnik können sich die meisten Menschen nur schwer in eine Zeit zurückversetzen, in der der Postwagen das einzige Verkehrsmittel war. In anschaulicher, humorvoller Weise schildert Wilhelm von Kügelchen, der uns in seinen „Iugenderinnerungen" ein farbenreiches, packendes Buch von Land und Leuten aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts geschenkt hat, eine Reise durch Thüringen, die für die Beteiligten mit vielen Beschwer- den und Mühen verbunden war. Die Eltern des Erzählers wollten im Februar des Jahres 1814 von Ballen st edt nach Dresden reifen. Kügelgen erzählt:
Die Eltern dachten nicht auf dem nächsten Wege nach Dresden zurückzukehren, da eine Kusine meiner Mutter, Mi,1 an den herzoglichen gochaischen Oberforstmeister von Zhrgesar verheiratet war,.sie eingeladen hatte, den Rückweg über ihren im Altenburgischen gelegenen Wohnsitz Hnmmelshayn zu nehmen.
Kus Kindern war es in Ballenstedt so wohl ge« wog ten, daß wir um so weniger gern ans Scheiden dmhten, als wir nicht direkt nach Dresden gehen, sondern das uns völlig fremde Hummelshayn erst überwinden foltten, und besonders war wohl anzunehmen, daß meinem Bruder der Gedanke schwer fiel, eine Der- tünteng wieder aufgeben zu sollen, die ihm so nützlich war. Inzwischen waren wir noch nicht fort, und mancherlei Hindernisse stellten sich der Abreise entgegen, an welche sich die Hoffnung knüpfte, den Frühling vielleicht doch noch in Ballenstedt zu erleben.
Das Geschlecht der Lohnkutscher war nämlich für Ballenstedt noch unerschaften, und die Oekonomen, die sonst für Geld und gute Worte anzuspannen pflegten, wollten chr Geschirr an diese Jahreszeit nicht wagen. Poflpserde gab es auch nicht, und wären sie dagewesen, so fehlte wieder ein Vehikel. Durch die Luft fliegen konnten wir aber ebensowenig als zu Fuße gehen, und so sollte denn die Reise wirklich noch verschoben werden — als sich sehr unerwartet und zum Schreck des jungen Ehemanns plötzlich ein gewifler Bäcker meldete, der uns für schweres Geld bis Erfurt fahren sollte. So mußte es denn doch geschieden sein. Man sagte allerseits den Freunden Lebewohl, die Koffer wurden gepackt, und bei träufelndem Tauwetter hielt der bewußte Bäcker zur bestimmten Morgenstunde vor der Haustür.
Sehr einladend sah die Gelegenheit nicht aus. Der Wagen, von unbeschreiblichen Proportionen, hing altersschwach und lahm in seinen Federn, die Schläge waren mit Bindfaden befestigt und die hart eingetrockneten Fensterladen weder einzuknöpfen noch zurückzuschnallen. Die Pferde standen da mit tiefgesenkten Häuptern, dem Anschein nach halb schlafend oder tot, und niemand konnte begreifen, wie sie nur bis hier gelangt waren. Aber seine Pferde waren gut, sagte der Kutscher, begrüßte jedoch jeden Koster, der ihm zugetragen wurde, mit schweren Seufzern.
Endlich war alles fertig, und Barduas wurden umarmt, fowest dies anging, denn wenigstens wir Kinder konnten die Arme nicht sehr rühren, da wir verpackt und eingewickelt waren wie Kokons. So wurde einer nach dem andern in den höchst jammewollen Kasten verladen, bis sich zuletzt auch noch das Mädchen aus der Fremde, wie sie in Ballenstedt genannt wurde, nämlich die getreue Rose darstellte, um gleichfalls aufzusteigen. Sie Hatte, um sich vor Kälte und ihre sieben Sachen vor dem Verderben des Einpackens zu schützen, alles auf den Leib gezogen, was sie an Wäsche und Kleidern besaß und sah wie das Heidelberger Faß aus. Der Kutscher hatte jeden Einsteigenden im Geist gewogen und zu schwer befunden. Als er aber dieses Ungeheuers von Mädchen ansichtig wurde, tat er einen schauderhaften Fluch und schwur, chn solle dieser oder jener holen, wenn er sie in den Wagen ließe.
So möge er sich denn hinpacken, wo er hergekom- tnen wäre, schrie ihn der Vater an, ließ wieder abladen, und dieser erste Anlauf war gescheitert.
Mamsell Schäfer hatte aus ihrem Fenster das ganze Mißgeschick mit angesehen. Sie hatte mit ihren Schwiegereltern so gut wie keinen Umgang gehabt und kannte uamentllch meine Mutter, die ebenso einhäusig als sie selbst war, nur von gelegentlichen, nachbarlichen Fen-
Empor!
Roman von Otto Elster.
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„Das ist sehr anerkennenswert von dem Fräulein", meinte der Polizeikommissar. „Wir müffen aber ab- warten, was Lee Gerichtskommifsion beschließt. Uebki- gens hat man bei der Toten einen Briefumschlag mit der Aufschrift Frau Anna Griegenkerl gefunden. Der Brist selbst war leider verschwunden."
Die Kommifston mitsamt dem Bürgermeister war seboch sehr damit einverstanden, den kleinen Findling dem Fräulein Dorette Asthusen ohne weitere Kosten jcherlassen zu können. Das tote Frauenzimmer, das man auf dem Galgsniberge gefunden hatte, wurde auf dem Armenfriedhofe beerdigt, der Wundarzt Ismael Asthufen wurde zum Vormund des Findlings bestellt. Es blieb chm überlassen, einen Namen für das Kind zu finden, ha niemand sagen konnte, wie es hieß.
Nach einigen Tagen sprach man in der Stadt kaum mehr von der toten Frau und dem Kind, das in dem Schatten der alten unheimlichen Franvsste eine Zuflucht gefunden hatte.
Der Wundarzt adoptierte den Jungen und ließ chn auf den Namen Eugen Asthufen taufen und in das Standesamtsregifter eintragen. „Ich will chm nicht meinen Vornamen geben", sagte er zu seiner Schwester, die «nst und traurig nickte, „auf ihn soll der Fluch, der aus Anferom Geschlechte liegt, nicht vererben. Hoffen wir, haß «r aus dem Dunkel unseres Hauses herausfindet Wl Lickst und Sonne und einst ein zufriedener, glücklicher Mensch wird."
„Was ich HaM tun kann, das soll gewiß geschehen", ^sagte Dorette.
Und so blieb der kleine Eugen in der alten Fron- -ftste und gedieh unter der Pflege des alten Fräuleins und Ker Dionstmagd Rieke Weißkopf, die ebenso wie er eine «tternlose Waise und von Dorette aus Barmherzigkeit pufgenommen war.
Besonders Me unscheinbare, sechzehnjährige Rieke Bebte den Geilten Eugen zärtlich. Unermüdlich trug sie khn wnher, wenn er nicht einschkafen wollte, durchwachte ganze RS^e an seinem Lager, erzählte ihm törichte Märchen, die er noch gar nicht verstand, oder sang ihm kleine Lieder vor mit einer Stimme, die so scharf und M klang, daß es dem Hörer fast weh tat.
Rieke Weißkopf war nicht hübsch und nicht klug, tgjr strichgelber Wuschelkopf mit der plattgedrückten Rase stH ein wenig zu tief zwischen den hohen Schultern, ihre langen Arme schlenkerten scheinbar willenlos umher, Äs ob sie überhaupt nicht zu dem kurzen, dicken Körper gehörtem, die Füße waren groß und breit; ihre Geistesgaben standen bis zu der Zeit, wo Rieke in die Zucht
tzje Unterweisung von Fräulein Dorette kam, auf
E Nr. 177 vom 31. JuN 1924. 1
Zur Unterhaltung
scheu zu hören, stieß ihn die „Göttinmutter der Berge" mit seinem Begleiter zurück — m den Tod Mallory hatte das Wesen des Mount Everest rasch erfaßt und fern Schicksal vorausgesehen. Er schrieb:
„Unsere Aufgabe wird gewaltige Ansprüche an die Leute stellen und womöglich die Grenzen menschlicher Kraft übersteigen. Vor allem andern: Glück muß man haben, am liebsten das größte Bergsteigerglück; einen Augenblick milder Stimmung, die das grausame Wesen des Mount Everest vorübergehend er- weicht. Vergeßen wir nicht, daß dem höchsten Berg eine kalte Strenge innewohnt, so furchtbar, daß kluge Menschen gut daran tun, auf der Schwelle des Hochzieles zu zaudern und zu zittern. . . Zum drittenmal gehen wir zmn Angriff vor. Es wird de r letzte sein, entweder zum Guten oder zum Schlechten. Wir erwarten keine Gnade vom Mount Everest.
Es ist dem kühnen Mann nicht gegönnt gewesen, die grandiose Schau zu genießen, die Sven Hedin in seinem prächtigen Buche „Mount Everest" vorahnend in großen Zügen geschildert hat, das weiteste, das mach- tigste Panorama der Welt. Aber soviel Kraft, soviel Mut, soviel Energie sind nicht umsonst vertan, und die strenge „Göttinmutter der Berge" wird sich wohl noch den Europäern beugen müsienl
Der mächtigste Opferaltar der Erde ist der M o u n t E v e r e st. In der kurzen Zeit, daß die Engländer den verwegenen Plan seiner Besteigung durchzuführen versucht haben, sind schon 10 kostbare Menschenleben für diese Aufgabe geopfert worden, drei Europäer und sieben Eingeborene, die als unerschrockene Träger in den ihnen ungewohnten eisigen Höhen treu gedient haben. Und das Ergebnis? wird man fragen. Noch konnte sportlicher Wagemut nicht bis zum Haupt der „Göttinmutter der Berge" vordringen, wie der Bergriese bei den Tibetern genannt wird, und SvenHedin scheint seine Wette gewinnen zu sollen, die er Ostern 1922 mit einem Freund abschloß; in seinem vor einiger Zeit bei Brockhaus erschienenen Buch „Mount Everest" berichtet er in anziehender Weise darüber und auch über die wiederholten vergeblichen Versuche der Engländer, bis zu dem in Eis gehüllten, von den Stürmen des Monsuns umtosten höchsten Punkt der Erde, 8880 Meter über dem Meer, vorzudringen.
Mallory, auf vielen schwierigen Bergfahrten in den Alpen erprobt, war der Tüchtigsten einer unter denen, die die höchste bergsteigerische Aufgabe zu lösen suchten. Zweimal stürmte er vergeblich gegen den Berg an, das drittemal, als er schon glaubte, die Siegespalmen rau«
Der Gipfel des Erfolges. „Nun, hat bei Ihrem Herrn Gemahl die Verjüngungskur Erfolg gehabt?" — „Fabel- haft. oDrgestern waren wir bei Bekannten; bg mürbe mein Wann ins Kinderzimmer geführt!"
„Sollte jemand nach mir verlangen?" fragte Ismael erstaunt, da er selten zu einem Kranken in her Sticht gerufen wurde.
Er ging, um die Haustüre zu öffnen. In dem eisigen Schneesturm, der draußen durch die Straßen fauchte, stand der Nachtwächter, der in seinem beschneiten Mantel und der Pelzmütze wie ein richtiger Knecht Rupprecht aussah.
„Na, Herr Käser, was bringen Sie denn noch?" fragte Ismael.
„Entschuldigen Sie, Herr Doktor", — die Leute nannten Ismael so, obgleich er niemals zum Doktor promoviert hatte —, „daß ich Sie so spät noch störe, aber der Herr Sanitätsrat schickte mich hierher, weil der Armenarzt verreist ist", entgegnete der Nachtwächter, den Schnee von seinem Mantel schüttelnd.
„Was gibt es denn so eilig?" fragte Ismael.
„Ja, mir haben da einen armseligen Menschen auf der Straße gefunden", fuhr der Nachtwächter fort. „Er hatte in der Branntweinschenke Krakehl gemacht, da hatte ihn der Wirt rausgeschmifsen. In feinem Dusel ist er auf der Straße liegen geblieben und halb erfroren. Da haben wir ihn nach dem Armenhaufe gebracht, und nun liegt er da in Krämpfen und tobt und wütet, daß es kaum auszuhalten ist, und da möchi ich nun bitten, daß der Herr Doktor mal nachsiehi."
„Gewiß, ich werde gleich mitkommen", entgegnete Ismael bereitwillig. „Muß mir nur erst die Stiefel anziehen; kommen Sie inbeffen herein, meine Schwester soll Ihnen ein Glas heißen Grog geben."
„Danke schön, Herr Doktor, bas nehme ich gerne an." Karl Käser trank den bampfenben Grog, während Ismael die Sttefel anzog, sich in den Mantel hüllte, die Pelzmütze über die Ohren zog und fein chirurgisches Besteck einsteckte. i
„So, nun bin ich fertig!" —
Durch das Pfeifen, Sausen und Heulen des Schneesturms kämpften sich die beiden Männer nach der Dorstadt durch, wo außer der Schnapsschenke „3um Hasenwinkel" mehrere armselige Häuser und ganz am Ende das rum en hafte Armenhaus lag. In den Straßen der Stadt «ar es völlig einsam. Nur hier und da waren die Fenster einiger Wohnungen erleuchtet, Gang noch Lachen und Plaudern heraus auf die dunkle, winddurch- feufte, öde Straße. Endlich erreichte man bas Armenhaus, ein elendes, einstöckiges Gebäude, durch dessen zerbröckelnde Lehmmauern der Wind pfiff. Auf dem nassen, schmutzigen Hausflur standen zwei alte, zerlumpte Weiber und ein siebzigjähriger, krummgezogener Mann, der aus einer kurzen Stummelpfeife übelriechenden Tabak rauchte. Sie scheinen in eifrigem Gespräch über ben wunderlichen Gast zu fein, den „Gottes Wunderwagen" ihnen am hl. Weihnachtsabend in das Haus gebracht hatte. Ihr Gespräch verstummte, als Ismael
Immer vornehm. Im Fremdenbuch eines Luzerner Gasthofes schrieb sich eine Dame wie folgt ein: „Frau Johanna I . . ., wasserdichte Segeltuchfabrikbesitzersgattin." (Tatsache.) *
Auskunft. „Ihre beiden Söhne sind nicht mehr auf dem Gymnasium?" — „Nein, den einen haben sie 'raus- geschmissen, well er so viele Böcke gemacht hat, und den andern wegen seiner dummen Zicken!" (Fliegend, Blätter.")
sterbegrüßungen. Nichtsdestoweniger fühlte sie sich nun zu einer Tat bewogen, welche über die notwendigste Nächstenliebe noch hinausging. Sie bot uns nämlich ihren eigenen Reisewagen an und wußte sogar Pferde aus einem benachbarten Dorfe aufzutreiben, so daß un- fere Abreise sich schon am nächsten Morgen erfüllen konnte.
Aber trotz bester Equipage war es doch immer nicht die beste Fuhre. Die Wege gingen auf, und der Wagen taumelte wie ein Trunkenbold von einer Seite auf die Mdere, bis er schließlich in der Naumburger Gegend in kinem Schneeloch stecken blieb. Mein Vater und bet Kutscher sprangen ab. Sie durchnäßten sich fast bis zum Halse, indem sie mit Geschrei und Prügeln taten, .vas sie konnten, auch legten sich die Pferde mit allen Kräften ins Geschirr und taten ebenfalls, was sie konnten; aber der Wagen stand wie eingenietet. >
Da schien es denn ein Glück zu sein, datz ganz in nächster Nähe ein Haufen Schneeschippe: arbeit te. Mein Vater sprach sie an; sie sagten aber, sie wären angestellt, die verschneiten Gläben auszuschaufeln, daß kein Wagen hineinpoltere, und das übrige ginge sie nichts an. Der Kutscher entgegnete, die Löcher auf der Straße wären schlimmer, als alle Gräben und sie jähen doch, daß wir schon drin stäken; aber es war so wenig mit ihnen anzufangen, als m't der Annsäa:« am Wege, dir eben auch zwei unnütze Pfoten m d'» Luft streckte, und weder Bitten noch Geld konnten sie bewegen, ihren Beruf verständiger aufzufass-n.
So saßen wir denn abermals fest und keine Mamsell Schäfer guckte zum Fenster heraus. Mein Vater und der Kutscher hielten Kriegsrat, und es schier: nichts anderes übrig zu bleiben, als den Wagen zu entleeren und abzupacken; eine schlimme Aussicht für die kränkelnde Mutter unb uns alle. Aber siehe! da nahte sich mit fröhlichem Gesangs ein kleines auf bem Marsch begriffenes Detachement von etwa zwanzig russischen Sei- baten. Als diese lohen, was hier los ober vielmehr stecken geblieben war, legten sie unaufgefotberi und augenblicklich Hand on Eia paar ft i.kr Kerle krochen unter ben Wagm uni' hoben ihn mit ihren Rücken, daß er in den Fug:r krach:-, während andere schoben, schrieen und in die Pferde hieben. Im Augenblick waren wir aus dem Pfuhl heraus und unsere Netter zogen beschenkt und singend weiter.
Diesmal hatte der rohe Russe den rohen Deutschen überflügelt. Auch erinnerten sich die Ettern aus ihrem früheren lieben in Rußland ähnlicher Beispiele rascher, uneigennütziger Hilfeli'.st-tiig, und meine Mutter nannte die Russen gutherzige Menschen. Der Vater stimmte ihr bei, nur sagte er, dürsten diese gutherzigen Menschen nicht vornehm werden.
Ohne wettere Fähr.-chketten gelangten wir nach Jena, wo mehrere Tage gerastet wurde. Wit waren in dein Hause des Stallmeisters Seidler abgefliegen. dessen talentvolle Tochter Luise, eben wie die Bardua, Schülerin meines Vaters war und jetzt alles aufbot, unfern Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Von hier aus waren wir sehr viel unter Menschen, am meisten bei der schon von Dresden her befreundeten Familie des Buchhändlers Frommann, der eins der angenehmsten Häuser in Jena machte. Hier fanden auch wir Kinder unsere Rechnung, da die eben Heranwachsende Tochter Allwina sich unser aufs dankenswerteste annahm. Allwina war anmutsvoll, dienstfertig, lebendig, jeder Zoll an ihr ein Mädchen, was ihr ungemein zu statten kam, da sie kein Junge war. Sie trieb sich wacker mit uns herum, haschte und versteckte sich, zeichnete und zeigte Bilder und hockte, Geschichten erzählend, mit uns in Winkeln.
Als wir wieder im Wagen saßen, um die letzten Meilen nach Hummelshayn zurückzulegen und die Eltern untereinander von den mancherlei interessanten Menschen sprachen, die sie in Jena kennen gelernt, richtete der Vater das Wort auch an uns Kinder und fragte, wer denn uns von allen am besten gefallen habe?
„Allwina!" sagten wir wie aus einem Munde.
Da lachte der Vater und sagte, wenn er sich recht besänne, ginge es ihm ebenso, und die Mutter pflichtete ihm vollständig bei. Ein junges Mädchen von etwa fünfzehn Jahren hatte den Preis über alle Genies der Mufenstadt baoongetragen. Das ist bie rounberbare Macht, die auch bie jüngsten Mädchen üben, wenn sie nur weiblich sind.
Unter Freundinnen. „Else ist auch nicht mehr bie jüngste." — „Ja, sie wird bald vor das Ultimatum ge- stellt fein: „Myrtenkränzchen ober Kaffeekränzchen"?"
mit dem Nachtwächter eintrat. „Wo habt ihr denn ben Kranken?" fragte der Doktor. „Er liegt bei der Mutier Flentzen am Ofen", entgegnete der alte Ma-m mit heiserer Stimme. „Aber da is Ihre Kunst vergebens, Herr Doktor, vielleicht is er schon tot!, •
’ „Run, nun, wir wollen sehen."
„Und em Unrecht ist es", kreischte eines fier aßen Weiber, „uns den betrunkenen Kerl am Weihnachtsabend ins Haus zu bringen. Wir sahen gerate genMich des der Flentzen zusammen---"
' „Ja, und hattet eine Flasche Schnaps vor euch stehen", knurrte der Nachtwächter.
„Ein kleines Vergnügen muß ter Mensch doch am , Weihnachtsabend haben" grinste ter alte Mann.
„Sie brauchen den Schnaps nicht zu bezahlen", trumpfte das andere der Weiber auf und lachte.
Der Nachtwächter öffnete die nächste Türe unfi sagte: „Bitte, hier herein, Herr Doktor!"
Eine heiße, verdorbene Lust, die nach schlech^r Fusel und nach schlechtem Tabak roch, schlug den ®n* tretenden entgegen und raubte ihnen fast Aus dem wackeligen Tisch in ter Mitte te» Zimmers brannte eine kleine, schwelende Oellampe. Einige Schnaps, gläser standen umher. Aus der Bank neben dem Mhen- ben, eisernen Ofen, ber eine unerträgliche Hitze aus« 1 strömte, wand sich die erbärmliche Bettlergestalt eines etwa dreißigjährigen Mannes, während Fran Flentze, ein starkknochiges Weib von nahezu sechzig Jahren um ihn bemüht war.
Aks Ismael eintrat, ließ Jie von ihm <& JS& nutzt nix mehr, Herr Doktor", krächzte fte.
„Lassen Sie mal sehen", entgegnete Ismael rtthig, sich über den stöhnenden Menschen beugend. „Mein Gott", sagte er dann streng, „was haben Sie denn mit dem Unglücklichen angefangen? Er ist Ja erfroren!"
„Ja, Herr Doktor", meinte Karl Käser, „als sth ihn }®nb, war er schon ganz steif gefroren*.
„Und da haben Sie ihn an den glüfjenten gfenj gelegt? Welch ein Unverstand!"
„Ich dachte, er muß austauen."
„Sie Haden ihn getötet! Emen Erfrorenen «M man tüchtig kalt ab, bas sollten Sie doch wissen! Don ber Hitze bekommt er bie fürchterlichsten Krämpfe."
„Ich hin doch kein Doktor", sagte Karl Käser Le- leibtgt.
„Sie haben ganz widersinnig gehantelt, schalt Ismael. „Der Mann lebt keine Stunde mehr, da — scheu Sie, — da fangen die Krämpfe wieder an!"
.Nun, wenn er färbt, ist's auch kein großer Schoten", meinte Mutter Frentze achselzuckend. „Hier im Armenhaus ist sowieso kein Platz für den Landstreicher."
Grortiehutui kolaO
dem Nullpunkt. Der Lehrer hatte sie stets für eine Idiotin erklärt. Aber er haste doch unrecht. Rieke befaß nämlich eine gewssse Schlauheit, obgleich sie mit dem Schreiben, Lefen und Rechnen auf gespanntem Fuße lebte. Dazu hegte sie eine unbegrenzte Dankbarkeit gegen chre Wohltäter, die über ihre sonstigen Mängel hinwegsehen ließ. Rickes Mutter war längst tot, und als das Mädchen, das bei einem Bauern aufgezogen wurde, diese Zufluchtsstätte verlor, weil ter alte Bauer starb, da nahm Ismael Asthufen sie in fein Haus, und in der alten einheimlichen Fronseste sand sie eine neue Heimat.
III.
Ein Jahr verfloß in aller Stille und Ruhe für die Bewohner des alten Hauses. Die Leute in der Stadt kümmerten sich wenig um die Menschen in dem stillen Winkel. Der kleine Eugen entwickelte sich recht kräftig. Fortwährend hing er an Fräulein Dorettes Rock, oder ließ sich von Rieke auf den Armen tragen, obwohl er längst laufen konnte.
Es war wieder einmal Weihnachten, und zum ersten- mal feit langen Jahren brannte in ter Wohnstube Dorettes em Weihnachtsbaum. Und wenn er auch nur dürftig geschmückt war, so verbreiietcn seine wenigen Lichter doch einen hellen Schein in dem altmodischen Zimmer. Freudig kreischend streckte ter kleine Eugen die Aermchen nach den Lichtern aus, und Rieke stand mit fromm gefalteten Händen da, während sich ihre Augen nut Tränen füllten. Selbst auf dem strengen Antlitz Dorettes ruhte em lichter Schein, und Ismael Asthufen baute lachend dem kleinen Eugen ein herrliches Schloß aus Bausteinen auf. Auch die Arche Noah erregte das Entzücken des kleinen Kerls, und den bunten Hampelmann ließ er den ganzen Abend nicht aus den Armen. Er nahm ihn mit ins Bett und hielt ihn noch im Schlaf fest umklammert.
Rieke aber konnte es kaum fassen, daß das hübsche Kleid, das warme Tuch, die zwei neuen Schürzen, der große Teller voll Aepsel und Nüsse chr Eigentum sein sollten. „Gottes Wundsrwagen" hatte sich wieder einmal bewährt und mit feinem Geschenk von ber Landstraße ein helles Licht in dem dunklen Hause verbreitet.
Als die kleine Weihnachtsfeier beendet war, ter kleine Eugen in feinem Bettchen schlief und Rieke in der Küche noch einmal ihre Geschenke bewunderte, saßen die Geschwister still beisammen, Ismael bei einem Glase Grog, Dorette bei einer Tasse Tee. Sie sprachen nicht viel, wie das ihre Gewohnheit war, sondern jedes hing seinen Gedanken nach.
Da ward ter Klopfer an ter Haustüre — elektrische Klingeln gab es damals noch nicht — mit solch starkem Geräusch angeschlagen, daß die rostigen alten Richt - schwerter über dem Sofa leise flirrten.
(Engelgefang. Sie: „Meine Freundinnen sagen alle, ich finge rote ein Engel," — Er: „Gewiß, aber bann solltest bu bamit warten, bis bu im Himmel bist." -„Malin".)
Herr Neureich: „Sie wollten doch mit Ihrer FamWe noch ter Schweiz reisen? Warum haben Sie diesen Plan aufgegeben?" — Protzmeter: „Mein Gott, — die Aus- reisegebühr ist doch schon wieder aufghoben worden."
Bus -er Welt des Radio.
Do meldet man sich zum Unlerhallungsrundfunk an?
Nach ter neuen Verfügung des Reichspoftministeriums mb die Anmeldungen für private Runbfunkempfangs- anlagen an bas für den Wohnsitz des Antragstellers zu- tänbige Zustellpostamt, das bei jedem Briefträger er- ragt werten kann, zu richten. Die Anmeldung kann persönlich, schriftlich, durch die Briefträger, durch Fern- precher ober durch die Verkäufer von Rundfunkgerät er- olgen.
Es bedeutet also eine unnötige Verzögerung, wenn derartige Anmeldungen, wie es zurzeit immer noch ge- schicht, an andere Stellen, rote bie Oberpostbirektion, das Fernsprechamt usw. gerichtet werten, da sie von dort wieder an die zuständigen Postämter weitergegeben wer- ben müssen, unb es liegt im eigenen Interesse ter Rundfunkteilnehmer, wenn sie ihre Anmeldungen sogleich an bie zuständige Stelle richten.
Umtausch ter bisherigen Genehmigungsurkunben.
Durch die Neuordnung ber Bedingungen unb Gebühren für ben Betrieb von und ben Handel mit Rundfunkgerät ist die Ausstellung neuer Genehmigungsurkun- ten notwendig geworden. Die bisherigen Genehmigungs- urfumben werden nach unb nach gegen neue umgetauscht. Der Umtausch erfolgt durch bie Briefträger. Wer im Besitz einer alten Genehmigung ist, legt sie zweckmäßige rweise für den Umtausch bereit.
plane für die Ausgestaltung des deutschen llnkerhallungs- rundsimks.
Die R.T.V. hat jetzt acht Rundfunkstellen in Betrieb gefetzt; bie letzte, ter Sender in Münster-W estf., soll in Kürze eröffnet werden. Leiter zeigen die Erfahrungen jetzt schon, daß mit diesen neuen Sendern nicht alle berechtigten Wünsche befriedig werten können. Die R.T.V. hat deshalb ihren anfänglick>en Plan dahin abgeändert, daß noch eine Reihe weiterer Sendestellen er- richtet werden soll. Und zwar soll es sich dabei um sog. Zwischen- ober Relaissender hanteln, bereit Eigenart darin besteht, baß sie keine eigenen Darbietungen aus« senden, sondern die Darbietungen anderer RunLfunk- stationen aufnehmen und roeiter verbreiten. Dieses Ball- oder Relaissenten, das besonders in England sehr entwickelt ist, bietet vor allem wirtschaftliche Vorteile. Die Apparatur ist einfacher und die hohen Kosten eigener guter Darbietungen fallen fort, ohne daß bie Güte ber Vortragsfolgen irgenbroie leitet. An welchen Orten solche Relaissender eingerichtet werten, ist noch nicht bekannt.
Radio in China.
Die chinesische Regierung hat nunmehr allen Chinesen ben Kauf unb die Benützung von Radiogeräten verboten.
heileres.
Hbitutitntenprafung im Sauetlanb. AIS RegierungS. kommifsar ist ber Herr Schulrat aus Arnsberg erschienen. Einer der Abiturienten, der wie alle Sauerlänber natur» lich auch plattdeutsch spricht, zeichnet sich durch gewandte und flüssige Horazübersetzung aus. „Sehr hübsch, junger Freund," sagt der Schulrat — „nun machen Sie aber mal ganz schnell einen lateinischen Vers in Distichen meinetwegen! — Der Oberprimaner sängt mutig an: „Jupiter ömnipotens ... * @t stockt. — „Sehr gut! nun weiter!" — „Jupiter ömnipotöns . . . " ®r stockt wieder, wirb purpurrot und stammelt endlich ben Hexameter: „Jupiter ömnipotöns, help mi mine cärnrina mäken.“ — Todernst schloß der Schulrat daS Distichon mit einem Pentameter: „Jupiter räspondit: mä.k’ dm« cirmina selbst!"
Ein Schlauberger. Metzger: „Na, mein Jungs, was willst Du haben?" — Kleiner Junge: „Ein Pfund Rindfleisch, aber bitte, etwas zäh." — Metzger: „Nanu, hat Deine Mutter Dir gesagt. Du sollst zähes Flessch bringen?" — Kleiner Junge: „Nein, aber wenn's zart ist, dann ißt Vater alles allein auf unb jch bekomm« nichts