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Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stadt Fulda.

51. Zahrg

Mittwoch, 30. 3uli 1924

Nr. 176

auswärts 0,80 Goldmark.

Bei Wiederholungen Rabatt- Postscheckkonto Frankfurt a- M- 4051.'

dem

em-

w. mache ihm einen kalten Umschlag."

Ja, das weiß ich schon alleine."

Na, dann gute Nacht!"

Gute Nacht!"

Ismael entfernte sich und Dorette nahm neben Lette Platz.

Mel Freude hatte Dorette Asthusen in ihrem

samen Leben nicht erlebt. Ausgewachsen in dem gefäng- nisartiyen Hause, dem dunklen Hof, in den kaum ein Sonnenstrahl fiel, dem kleinen, dürftigen Garten, den die alten Bäume überschatteten und ihm den Sonnen­schein nahmen, sah sie kaum etwas von der Welt da draußen. Der Schalten ihres verachteten, fluchbeladenen Geschlechtes lastete auf ihrer freudlosen, einsamen Kind­heit und Jugend, in die niemals die Freundschaft oder hie Webe ihre freundlichen Strahlen geworfen. Ihr Later, her Heilgehilfe Ismael Asthufen, war ein ichweta-

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Empor!

Roman von Otto Elster.

Vas zurückeroberte Sao Paolo.

Nach Nachrichten, die dem amerikanischen Staats­departement zugegangen find, haben die revolutionären Truppen Sao Paolo geräumt. Die Stadt ist von den Truppen der brasilianischen Regierung besetzt worden.

Nach einer Meldung aus Rio de Janoiro fliehen die Aufständischen, nachdem sie Sao Paolo verlassen haben, in das Innere des Landes. General Sofia hat die Stadt 40 Meilen südwestlich von Sao Paolo besetzt und will die Flucht der Aufständischen verhindern. __________ ___________

Hu$ dem besetzten Gebiet,

Der verschwundene Portier. Scheck und Akten.

wtb patis, 29. Juli. (Tel.) Nach einer Havasmeldung aus Düsseldorf hat der Dortmunder Kassierer des Zahlamks der Befahuugsbehörde einem deutschen Portier einen Scheck über 300 000 Goldmark übergeben mit dem Auftrag, ihn auf der Reichsbank garantieren zu lassen. Der Portier habe den Scheck angenommen und sei damit ver­schwunden. Ferner erfahre man, daß dem Unter­suchungsrichter eine Anzahl Akten vorliege, die sich auf Unregelmäßigkeiten der französischen Ange­stellten der ANcum beziehen.

Kurland.

* Die volschewifiengefahr in Bulgarien. Auf Grund der Bestimmungen des Belagerungszustan­des ist die Auflösung sämtlicher Som» munistischer Organisationen angeord­net worden. Gegen die sozialistischen Organisatio­nen wurden keine Maßregeln ergriffen.

3s -----------

Es wäre wohl oas Beste für ihn", murmelte Do- tette.

Wer kann das wissen?" meinte Ismael achselzuckend. Wer will sagen, welche Kräfte und Talente in diesem Linde schlummern Vielleicht geht mit ihm ein Genie zugrunde."

Dorette lächelte spöttisch, indem sie das Sinti sorg- föftig wieder einhüllte. Dann blickte sie gespannt tien Bruder an und sagte:Was soll denn mm mit ihm geschehen?"

3a, das weiß ich im Augenblick noch nicht", ent­gegnete dieser.Ich werde morgen früh die Polizei benachrichtigen, sie mag dann zusehen, wie sie sich mit dem Fall abfindet. Dos Mnd lag auf städtischem Ge­biet, also muß die Stadt für dasselbe sorgen."

Wenn unsere Weisheü zu Ende ist, dann -rufen wir Ms nach der Polizei", spottete Dorette.

Weißt du einen andern Weg?"

Vielleicht!" _

Na, dann gebe ich dir Vollmacht. Wenn das Fieber

Berantwortlick lür die Schrittleitung: Dr. Jobannes Kramer. Anzeigen: I. P arzeller, Fulda. Rotationsdruck und «erlag der u Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernivrecher Rr- 9. t Bezugspreis für Juli: 1.50 M

Deutsches Reich.

* Entlastung ans der Festungshaft. Der wegen Beteiligung an der Münchener Räterepublik zu SV, Jahren Festung verurteilte Gustav Klingel- Höfer ist aus der Festungshaft in Niederschönen, selbe entlasten worden. Für das letzte halbe Jahr seiner Strafzeit hat er B e w ä h r u n g s f r i st erhalten

Schwieriger Weg.

Tie Vollsitzung in London, die am Montag stattfand, offenbarte in der Hauptsache nur die Tatsache, daß der Kampf zwischen den englisch­amerikanischen Bankiers und den französischen Politikern noch nicht zu Ende ist, daß die Lösung Ser Schwierigkeiten noch nicht gefunden ist, daß die Ententemächte unter sich noch nicht soweit einig sind, um Deutschland als Konferenzteilnehmer heranbitten zu können.

In der Vollsitzung erstattete Snowden Be­richt über die Arbeiten des Ersten Ausschusses, die zu keinem endgültigen Ergebnis geführt hätten. Thomas verlas den Bericht J)es Zweiten Aus­schusses und erklärte, die Frage der Vermischung der deutschen Eisenbahnern mit den belgisch-fran­zösischen Eisenbahnern sei n o ch u n g e l ö st. Die Verhandlungen darüber müßten daher weiter­gehen. Berichte über wirtschaftliche und finanzielle Fragen sollen nicht veröffentlicht werden, bevor nicht die deutschen Vertreter Gelegenheit gehabt hätten, über sie zu verhandeln. Kindersley berichtete über den Dritten Ausschuß und erklärte, die bisherigen glänzenden Fortschritte berechtigten p der Hoffnung, daß die Arbeiten zu einem Ab- lchluß gebracht werden könnten. Der rumänische Gesandte gab für Rumänien die Erklärung ab, daß man der Ansicht sei, daß die Konferenz in 14 Ta- gen geschlossen werde.

Schließlich kam es zu dem Beschluß, daß die Reparationskommission nach London gerufen werden soll, wo zwischen deutschen Dele­gierten und der Reparationskommission Verhand­lungen einsetzen könnten. Es kam dann auch zur Entscheidung über die Einladung der Deut­schen mit der Einschränkung, daß das Datum derBerufung derDeutschenerst bestimmt werde, wenn die fünf Führer der Delegationen auch zu einer Verständigung gelangt seien. Das Reutersche Bureau meldet dazu noch: Die Ein­ladung an Deutschland wird wahrscheinlich am Donnerstag oder Freitag abgefandt wer­den. Hieraus dürfe jedoch nicht gefolgert werden, daß die Konferenz beabsichtige, den deutschen Ver­tretern irgendeine Entscheidung aufzuzwin - gen. Die von der Konferenz vorbereiteten Schrift­sätze werden lediglich als Grundlage für die Unter­handlungen dienen.

Nach der Vollsitzung.

FrauMifches Urteil über die Lage.

wtb Paris, 29. Juli. (Tel.) Zur Lage nach der gestrigen Vollsitzung der Londoner Konferenz schreibt der Sonderberichterstatter des2Itatm: Während der ganzen Sitzung sei die, f r a n 3 0 - fische Delegation fast stumm gewesen. Von der öffentlichen Debatte kehre man zu den Verhandlungen in den Kulissen zurück, die in dieser Konferenz die erste Rolle spielen. Viele Reden seien zusammenhanglos und unklug. Die militärische Räumung nehme hierbei einen sehr breiten Raum ein. Unter den verschiedenen Be­drohungen, die man den Franzosen zu hören gebe, fei eine, die man oft brauche, weil man bemerkt habe, daß fle Eindruck mache. Sie lautet: Am 10. Januar, 5 Jahre nach Inkraftsetzung des Frie- tiensverkrages, werden die Engländer die Kölner Zone räumen. Infolgedessen wür­den die Franzosen in der Lust schweben, d. h. ihrer Verbindungslinien beraubt sein und auf alle Fälle ihre Truppen zurückziehen müssen. Ist es nicht bester, wenn wir uns jetzt schon verständigen! In Dieser Drohung liege ein gutes Teil von Bluff.

Tarifwesen.

Gehälter der Bankbeamten. Im Reichsarbeits­ministerium ist ein Schiedsspruch gefällt worden, dem- zufolpe die Gehälter der Bankbeamten für Juli und August um IO0/« erhöht werden.

ihm vertrauten und ihm die Hand schüttelten; aber sie lebte Tag für Tag in dem Men, dunklen, dumpfen Hause, auf dein der Fluch der Vergangenheit lastete gleich einem undurchdringlichen Nebel, gleich derSchmach, die nicht abzuschütteln war.

Und nun hatte der Bruder chr dieses Kind,, diesen Findling der Landstraße, diese Gabe ausGottes Wun- tiermagen", in das Haus gebracht!

War es eine neue Last? War es ein Sonnenblick in ihrem dunklen, freudlosen Leben?

War es nicht auch ein Ismael, ein in der Wüste Aus- gestoßener, verachteter Sohn, wie alle ihre Vorfahren, die den verfluchten Namen des Sohnes der Hagar ge­tragen hallen bis auf den legten Sohn des asten Hauses, der ihr diesen Findling von der Landstraße in die Arme gelegt.

Ein trampfartiger Husten erweckte das kranke Kind, das nun anfing, jämmerlich zu meinen und mit Armen und Beinen um sich zu schlagen. Dorette nahm mütterlich den kleinen Jungen auf den Arm, und schaukelte ihn hin und her, im Zimmer auf und abgeheng. Und das kranke Bübchen kuschelte sich wohlig an ihre Brust, hörte sogleich auf zu meinen und schlief wieder ein. Sie legte das Kind nicht wieder ins Bell, sondern setzte sich mit ihm in einen alten Sessel, ihr neunzigjähriger Groß­vater war darin gestorben, und behielt das ruhig schlummernde Kind im Schoß; der Kleine schien sich sehr wohl zu fühlen, bas Fieber ließ nach, Schweißtropfen perlten auf der kleinen Stirn. Stundenlang saß Dorette still, sie wagte kaum sich zu rühren. Ein unendlich sanftes, süßes Gefühl, wie sie es nie in ihrem einsamen Leben empfunden, erfüllte plötzlich ihr Herz. Sie preßte das Kind an sich, sie neigte sich über sein Gesicht und küßte es auf die feuchte Stirn. Und als das Bübchen nach Stunden aus feinem tiefen Schlummer erwachte, feine Pflegerin mit den großen blauen Augen wie er­staunt anfah und dann plötzstch freudig zu lächeln be- gann, da wurden dem alten, einsamen Mädchen die Augen feucht. Leise neigte sich Dorette nieder und flü­sterte:Ich will dich behalten und lieb haben, armer, kleiner Kerl, bist ja so ein verlassener Wurm."

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Beilegung des deutsch-russischen Konflikts

bevorstehend.

Wie mehrere Blätter melden, steht der deutsch- russische Konflikt über den Vorfall in der russischen Handelsvertretung in Berlin vor seiner Bei­legung. Minister des Aeußeren Dr. Stresemann habe den derzeitigen russischen Geschäftsträger in Deutschland Botschaftsrat Brodowski zur Unter­zeichnung eines zwischen Rußland und Deutschland vereinbarten Protokolls über den Zwischenfall em­pfangen. Die Unterzeichnung des Protokolls sei jedoch noch nicht erfolgt, da noch einige kleine re­daktionelle Aenderungen vorgenommen werden sollen. Die Unterzeichnung soll jedoch an einem der nächsten Tage in dieser Woche erfolgen.

politische Rinderfürsorge.

Von einem unserer innerpolitischen Mitarbeiter.

Das Zentralkomitee für Internationale Arbei­terhilfe hatte bekanntlich bei der Reichsregierung den Antrag auf Unterstützung der Ausreise er­holungsbedürftiger Kinder nach Frankreich gestellt. Mit dieser Angelegenheit hat sich am letzten Sams­tag auch der Reichstag besaht und einen dement- prechenden kommunistischen Antrag a b g e l e h nt. Die Reichsregierung selbst glaubt auch, dem An­trag nicht stattgeben zu können und gibt hierzu olgende Begründung:

Die Reichsregierung begrüßt an sich den ent­gegenkommenden Beschluß des französischen jetzi­gen. Ministerpräsidenten im Gegensatz zu seinem Vorgänger, deutschen Kindern in Frankreich die Einreise zu gestatten. Wenn daraufhin von an­derer Seite die Unterbringung von deutschen Kin­dern in Frankreich angeregt worden wäre, würde die deutsche Regierung die übliche Unterstützung dieser Reise nicht versagen. Im vorliegenden Falle handelt es sich jedoch um einen rein polt« tisch propagandistischen Akt der tont» munistische Internationalen Arbei­te r h i l f e. DieIah" betreibt diese Hilfe ledig­lich aus politischen Gründen zum Zwecke der kom­munistischen Propaganda. Das Material der Iah" sagt wörtlich darüber folgendes:

Die Internationale Arbeiterhilfe baut sich auf auf nationale Komitees. Die Vertreter der kom­munistischen Parteien und Organisationen und die Kommunistische Partei des betreffenden Landes sind dafür verantwortlich, daß die politisch propa­gandistische Arbeit des Komitees absolut den Be­schlüssen der internationalen Konferenzen, den An- weifungen der Zentralstelle in Berlin und den Direktiven der kommunistischen Internationale ent­spricht."

Ein führendes Mitglied der Exekutive, die Russin Kamenewa erklärt dazu folgendes:

Keinen Augenblick hat Sowjetrußland daran gedacht, daß die Hilfe in materieller Hinsicht eine einschneidende Bedeutung haben könnte. Es han­delt sich in erster Linie um die moralische politisch« Bedeutung. Es ist eines der taktischen Mittel, um an die breitesten Schichten des Proletariats heran- zukommen." j...

Ein deutscher Führer derIah" sagt:

Es ist natürlich auch zu versuchen, gegen dis blödsinnige pazifistische Einstelung der Arbeiter­schaft anzukämpfen."

Und in einer Parteientschließung derIah" in Berlin heißt es:

Rach den neuen politischen Ereignisien muß bi« Iah" noch mehr als in früheren Monaten stark« politisch propagandistische Arbeiten durchführen und ist daher absolut als Parteiapparat zu be­trachten." 1

Bezeichnend ist auch, daß die Vereinigte Sozial­demokratische Partei Deutschlands auf ihrem letz­ten Parteitage beschlossen hat, daß kein Sozial» demokrat Mitglied derIah" sein dürfte. Ebenso haben die holländischen sozialisti­schen Gewerkschaften verboten, Mitglied derIah" zu fein. Aus diesem Grunde hat die Reichsregie­rung beschlossen, dem Zentralkomitee der Inter­nationalen Arbeiterhilfe in Berlin auf das Gesuch mitzuteilen, daß sie nicht in der Lage sei, die von den Kommunisten beabsichtigte Unterbringung deutscher Kinder in Frankreich durch behördliche Maßnahmen zu unterstützen. Es handelt sich bei diesem Plan um einen wesentlichen politischen Akt, mit der man den reinen Zweck der Kinderhilfe nicht belasten dürfe.

Da war es doch em Sonnenblick, den 9>r Gottes Wunderwagen ins Haus gebracht. Ihr Leben würde fortan nicht mehr so einsam sein.

Während dieser langen Nacht, in der der November, sturm um bas alte, finstere Haus tobte, währ«Ä der langen,, dunklen, einsamen Stunden, in denen Dorette den Knaben auf ihren Armen wiegte, erwachten in ihrem Herzen alle die mütterlichen Instinkte, die so lange in ihr geschlummert hallen, ohne Betätigung finden zu können. Und unter ihren sorgenden Händen genas der Knabe; als eine kalte, frostige Novembersonne ihre spär- lichen Grüße in bas Fenster bes Erkers sandte, lag das Biibchen in einem fünften, gesunden Schlummer und Ismael Asthusem nickte zufrieden und begab sich Jxwn zur Polizei, um seinen Fund anzumelden.

Die hochlöbllche Polizei war sehr erstaunt.Das hängt wohl mit einem andern Fund zusammen, der uns vor einer Stunde gemeldet wurde", meinte der Poli­zeikommissar stivnrunzelnd.Die Gerichtskommission ist bereits draußen am Galgenberg, um den Tatbestantz aufzunehmen." (

Um was handelt es sich denn?" fragte Ismael.

Um ein junges Frauenzimmer, das man tot in dem Gestrüpp auf dem Galgenberg fand. Ob Selbstmord! ober ein Verbrechen vorliegt, muß sich erst Herausstellen, ebenso, ob bas Kinb und das tote Frauenzimmer zu­sammengehören. Aber was fangen wir mit dem Kinde an? Man könnte es der alten Flsntze, die hn Armenhaus wohnt, übergeben."

Frau Flentze hatte in Dolkskreifen den Rus einer Hexe; sie nahm Ziehkinder an, unglückliche, kleine Wai­sen, mit denen man nichts anzufangen wußte. Selten aber überstanden die Kinder die Pflege der alten Hexe, nach einiger Zell starben sie an Entkräftigung. Dann begrub man sie ohne Sang und Klang, Gras und Bren- nesseln überwucherten die kleinen Gräber und kein Mensch bekümmerte sich weiter darum. Das Jahrhun- bert der Fürsorge für die Aermsten der Armen war noch nicht angebrochen.

Ismael Asthusen erhob sich und sagte:Vorläufig will meine Schwester bas Kinb bei sich behallen." titorttefeung folgt)

Denn wir," so sähri der Berichterstatter fort,im Ruhrgebiet bleiben, ist es nicht sicher, daß die Eng- länder sich aus der Kölner Zone zurückziehen, denn dort besitzen sie nicht nur strategische, sondern auch eine handelspolitisch bedeutsame Stellung." Besonders bedauert der Berichterftalker, dah Bel­gien in dieser Frage nicht vollkommen mit den Franzosen einig sei. Der belgische Ministerpräsi­dent Theunis denke vielleicht an die innerpolitische Lage feines Landes, er wolle verhindern, dah die Sozialdemokratie zur Regierung gelangt. Er fei in allen Fällen gegen eine Fortsetzung der Ruhr- besehung. Selbst in der französischen Dele­gation bemerke man solche Strömungen. Der Be­richterstatter schlicht: Es ist hundertmal besser, wenn Herriot London verläßt, die Sach­verständigen weiter arbeiten läßt, das Daria- mentkonsultiertund zur gegebenen Stunde wieder nach London zurückkehrt, anstatt inmitten von Jntriguen, die seiner Rakur zuwider sind, ver­bleibt.

herriots Antwort auf Macdonalds Brief.

wtb London, 29. Juli. (Tel.) Der Bericht­erstatter desDaily Telegraph" meldet, daß gestern morgen Herriot ein Schreiben an Macdo- n a 1 d richtete, um seine Haltung gegenüber dm beiden Probtemeu der Einladung an Deutschland und der Militärischen Räumung des Ruhrgebiets darzulegen. In beiden Fällen erklärte herriot seine gmndsähliche Zustimmung zu den britischen Vorschlägen, währmd er sich das Recht Vorbehalte, gewisse Bedingungen, die vorher in Unterredungen erwähnt wurden, niederzulegm. Später haben herriot und Theunis mit Macdovatd im Downing- street gefrühstückt. Darauf folgte eine Unter­redung, die jedoch keinen abschließenden Charakter hatte.

Die Reise der RepKo.

wtb. Paris, 29. Juli (XeL) Die Reparations- Kommission ist heute zu einer Sitzung einberusen worden. Man nimmt an, daß sie am Mitt­woch die Reise nach London antritt.

Die kaltgefiellten französischen Bankiers.

wtb P aris, 29. Juli. (Tel.) Der Sonder­berichterstatter desMatin" in London stellt fest, daß die aus Paris angekommenen Bankiers Finaly und Sergent noch nicht in Erscheinung getreten find. Rach einem Tage vergeblichen Wartens fragten sie sich, warum sie überhaupt nach London berufen würden. Die angelsächsi­schen Finanzlente hättm die französischen Ban­kiers gefragt, wann sie kämen, um sich mit ihnen zu verständigm. Damit könne man' doch an neh­men, dah sie kämen, um einen Teil der An­leihe zu übernehmen. Die franzöflfchcn Bankiers hätten erklärt, dah das nicht ihre Ab- ficht fei.

Micum-Verhandlungen,

Die in Düsseldorf geführten Verhandlun­gen der Sechserkommission mit der Micum sind a b- gebrochen worden. Wie verlautet, erfolgte der Abbruch, weil die geringen Zugeständnifle der Mi­cum der verschlechterten Wirtschaftslage, wie sie besonders auch in der Zunahme der Feierschichten zum Ausdruck kommt, in keiner Weise Rech­nung tragen. Die Verhandlungen sollen nach Füh­lungnahme mit der Reichsregierung am Donners­tag vormittag fortgesetzt werden.

ferner Mann gewesen, ihre Mutter eine stille Frau, auf der bas Leben schwer lastete. Noch entsann sie sich bes finsteren Großvaters, besten Hanb noch bas Schwert bes Henkers geschwungen hatte unb der in feinem Aletr ein chnscmner Mann geworben war unb weltentrückt in feinem Giebelzimmer hauste, von besten Fenster aus mam die Stadt überschauen konnte.

Der Fluch ihres Geschlechts, besten Mitglieder feit mehr benn hundert Jahren in der alten Frohnveste ge­hörst!, lastete noch immer auf der Familie, die Verachtung der Menschen, die mll scheuem Aberglauben auf die Frohnveste blickten, die Unehrlichkeit, in der ihr Ge­schlecht seit hundert Jahren gelebt, verbitterte chr bas Geben. Keines Menschen Hanb streckte sich ihr in Freund­schaft entgegen, keines Menschen Auge lachte chr in Liebe zu. Wenn auch bie neue Zeit die Unehrlichkeit, die Verachtung, den scheuen Aberglauben von ihrem Ge­schlecht genommen fett ihr Vater ein harmloses, bürger­liches Gewerbe betrieb, so vergaßen bie Menschen doch nicht bte unheimlichen Geschichten, bte über bie alte Frohnveste, bas Haus bes Henkers umliefen, unb bie auch sie, bie letzte Tochter dieses Geschlechtes, nicht aus ihren Gedanken und Tränen loswerben konnte. In den stillen Stunden, bereit es in ihrem Leben so viele gab, beschäftigten sich ihre Gedanken mit den alten Geschich­ten, die in der großen, schweren Familienchronik aus­gezeichnet waren; unb im Dunkel der Nacht umschwebten sie die Gespenster der unheimlichen, blutigen Vergangen- hell bes allen Hauses. So war sie ein ftüles, verbitter­tes Mäbchen geworben, das jahraus, jahrein in den dunklen Hinterzimmern hauste unb selten einmal! cm bas helle Sonnenlicht bes Tages kam. Unb babei besaß sie doch ein Herz voller Sehnsucht nach Lust unb Licht, noch Freunbschaft und Liebe, nach dem hellen Sonnenschein bes Lebens. Aber nur Schatten umringten sie, unb bie Menschen wichen scheu vovr chr zurück, wenn sie sich ihnen nähern wollte. Ihr Araber hatte seine Tätigkeit. Er war auch ein einsamer Mann ohne Weib unb Kind, aber er hatte sich doch aus bem Dunkel emporarbeiien können unb brachte den Bauern draußen in den Heide- höftn Hilfe in ihren Nöten. Er kam täglich hinaus im Gottes trete Natur, er belaß Freunde und Bekannte, die