MWMM1V W (M 15 W.)
W W M
Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stadt Fulda.
Nr. 175.
Verantwortlich lür bie SckriÄeituna: Dr- Johannes Kramer. Anzeigen- I- P arzeller, Fulda. RotationSbrnü und Verlag der s Fuldaer Actiendrurkerei m Fulda. Fernlvrecher Nr- 9. :;
BezugsdreiS für Juli- LU-V Wk.
Dienstag, 29. 3uli 1924.
Anzeiaen-Preiie- Kleinzeile (Cownel) lokal 0,15 Goldmarl, auswärts 0,20 So’bmat?: Reklamezeile lokal 0,60, Goldmark, .. auswärts 0,80 Goldmark. r.
Bei Wiederholungen Rabatt- Bostlckeckkonto Frankfurt a- M- 4051
51. Zahrg.
MSklMkgMWWMsMS
Der „Sunday Times" zufolge besteht aller Grund zu der Annahme, daß während des Besuchs der Konferenzteilnehmer in Spithead Besprechungen von einer gewissen Bedeutung stattfanden und daß diese eine wesentliche Wirkung auf die Voll- lonferenz am Montag haben werden. Der Nachdruck, mit dem die Bankiers auf ihre Forderungen dringen, verursache eine gewisse Besorgnis. In Konferenzkreisen glaube man jedoch, Laß eine befriedigende Kompromißformel vereinbart werde. Daher werde die allgemeine Zuversicht auf ein günstiges Ergebnis aufrecht erhalten.
Der „Obferver" schreibt, es fei allgemein erwartet worden, daß Macdonald den toten Punkt durch einen kühnen Schritt überwinden werde. Man habe gefragt, ob die britische Regierung es nicht wagen könnte, selbst für die Anleihe zu haften unter der Bedingung, daß Herriot die erste Theunis- Forrnel annehme und dadurch Frankreichs Recht zu einer Sonderaktion opfere. Newyork sei offen genug, nicht zu verheimlichen, daß es abgeneigt fei, Geld in irgend einen europäischen Konzern zu stecken, wenn nicht die britische Regierung die letzte Sicherheit biete. Die Frage werde erörtert, ob die Anleihe nicht ohne Amerika ausgegeben werden tönne. Die Schwierigkeit sei jedoch, daß der Erfolg einer derartigen Lösung ausschließlich von London abhänge und es sei zweifelhaft, ob die Regierung ein derartiges Risiko übernehmen könnte, das letzten Endes auf die Häupter der bereits überlasteten Steuerzcchler zurückfallen würde.
Laut „Obferver" ist das einzige der von den Ausschüssen noch nicht gelösten Probleme, das der Sicherheit der französischen Trup- p en aufdemlinkenRheinufer. Man erwarte, daß die Dollkonferenz eine Einladimg nach Berlin senden werde und daß die deutschen Vertreter rechtzeitig für die Vollsitzung am Donnerstag vormittag in London eintreffen würden. Während die Arbeit der Konferenz in dieser Richtung fortschreite, hänge jedoch ihr ganzes Gefüge von der Ueberwindung des finanziellen toten Punktes ab.
Darvin «-klärt im „Obferver", das Scheitern der Konferenz wäre eine Katastrophe und würde verhängnisvoll für Herriots und Macdonalds Regierung. Die Bankiers müßten die Staatsmänner zur Vernunft bringen. Das Ruhrgebiet fei eine Wolke, die die Konferenz überschatte. Darvin spricht die Hoffnung aus, daß die Bankiers auf ihrer wesentlichen Bedingung bestehen werden. Eine kollektive finanzielle Hilfe bebeute eine kollektive Kontrolle der Sicherheit. Der Dawesbericht fei u n v e r e i n b a r mit der Ruhrmethode.
(Ein Brief Macdonalds.
wtb Paris, 28. Juli. (Tel.) Der Sonderberichterstatter des „Petit Parifien" meldet, die Drage der militärischen Räumung des Rnhrgebietes werde in einem Briefe aufgeworfen, den Macdonald den französischen und bel- gischen Hauptdelegierken am Freitag abend ge- phricken habe. In dieser sehr kurzen Mitteilung fctftöd der englische Premierminister angesichts des jLharakters der von de« Bankiers geforderten Garantien fcheine ihm der Augenblick gekommen zu fein, die Frage der militärischen Garantien aufzuwerfen, deren Regelung vielleicht einen Ausweg mf der Lage, in die man jetzt geraten fei, bringen Knne. Macdonald frage deshalb, zu welchem Datum die Regierungen von Paris und Brüssel
sie vorzunehmen gedachten. Angesichts eines sol- chen direkten Angriffes hätten sich herriot und Theunis nur schwer entschließen können, als sie mit Macdonald im Sonderzug, der sie nach Porlhsmouth zur Ilotkenparade geführt hätte, zusammen getroffen seien. Sie hätten deshalb eine Aussprache über diese Frage unlereinander gehabt u. sie vom ersten Augenblick an dahin präzisiert, daß die militärische Frage nur Frankreich. Belgien und Deutschland angehe, und die Frage der Räumung nicht osfizieil in einer Voll- ihung besprochen werden könne, daß auf keinen Fall die Räumung durch die französischen und belgischen Truppen, die für die Durchführung des Dawesplanes nicht notwendig sei, erfolgen werde, wenn nicht gleichwertige konzessiv- nea geboten würden. Soweit sei die Diskussion über diesen Punkt fortgeschritten.
herriots Stellungnahme.
wtb London, 28. Juli. (Tel.) Laut „Daily Telegraph" wurde eine weitere Plenar- ihung für Dienstag vereinbart. Das Blatt meldet, Herriot habe z u g e ft i m m t, daß die deuschen Delegierten den Alliierten auf dem Fuße der Gleichberechtigung mit Bezug auf die wirtschaftliche Räumung des Ruhrgebiets gegenüberlreten. Weiter wird erklärt, daß nach der wirtschaftlichen Räumung des Ruhrgebiets die Frage der 3 vrü ckziehnng der Desahu ngs- truppen erörtert werden sott.
Die deutschen Delegierten.
Rach London werden als Vertreter Deutschlands gehen Reichskanzler Dr. Marx, Außenminister Dr. Stresemann, ReichSminister Dr. Hoefle. Wie wir hören, besteht auch die Absicht, daß der preußische Ministerpräsident mit der deutschen Dele» gatten zur Vertretung der preußischen Interessen nach London fahre» wird. Desgleichen sollen ein Vertreter Bayerns und ein Vertreter Badens zur Vertretung der Interessen ihrer Länder der deutschen Delegation beigegeben werden.
ftultucWaMr in ML-LÄlinm.
Trotzdem die französische Regierung seit der Zurückeroberung Elsaß-Lothringens von dem Wunsche beseelt war, die neugewonnenen Provinzen möglichst rasch in die einheilliche Rechtsoerfas- sung und Kulturpolitik Frankreichs einzuordnen, hatte sie bisher doch Einsicht genug besessen, um gewisse Eigenarten des elsässischen Volkes zu respektieren. Vor allem hatte sie es nicht gewagt, die religiösen Traditionen der neugewonnenen Bevölkerung anzutasten. Auf diese Weise genoß Elsaß-Lochringen bisher im Vergleich zum übrigen Frankreich in mancher Hinsicht eine Sonder- st e l l u n g, die chm übrigens durch feierliche, offizielle Versprechen der französischen Regierung mündlich und schriftlich garantiert worden war. In erster Linie kommen hier unter dem Namen „pro- messes de Thann" bekannten Erklärungen des Marschall Jo ff re in Betracht. Im November 1914, als die französischen Truppen zum erstenmal festen Fuß im Elsaß gefaßt hatten, hatte Joffte in Thann im Namen Frankreichs zum elsässischen Volke gesagt: „Frankreick bringt euch, außer den allgemeinen Freiheiten, dte es von jeher verkörpert hat, die Anerkennung eurer elsässischen Freiheiten, euerer Traditionen, Ueberzeugung, Sitten und Gebräuche. Ihr seid das Elsaß. Ich bin Frankreich. Ich überbringe euch den Kuß Frankreichs." Dieses Versprechen ist im „Bulletin des Armees de la
Empor!
Roman von Otto Elster.
s? -----------
hem Tische i» der Mitte des Zimmers, dessen £fir Jvmaet Afchusen hinter sich zugezogen hatte, brannte jge Petroleumlampe; daneben stand die Teekanne, Zucker. hkkW. eine Flasche Rmn und ein Teller mit einigen belegte» Brötchen. 3m übrigen sah das Zimmer wunder sich genug aus, fast wie eine Alchimisten oder Gold- ßncherbude. Die beiden schmalen Fenster waren dicht verhängt. Zwischen denselben stand ein alter Schrrib- Hch, mit Papieren, einem Tintenfaß in Form eines Totenkvpfes, Büchern, Medtzinflafchen und ärztlichen hnftnmtenten beladen. Die Längsseite des Zimmers Nahm ein großer Glasschrank ein, in dem sich neben einigen Folianten anatomische Präparate und chirur- gtfche Instrumente, Zangen, Messer, Binden und Ban- jbagen befanden, was zur Behaglichkeit des Zimmers nicht gerade beitrug. Auch die beiden alten gekreuzten Schwerter mit den dunklen Flecken auf den Klingen, welche über dem viel benützten schwarzen Ledersofa hinten, machten das Gemach nicht freundlicher, ebensowenig wie der trat ausgespannten Flügeln an die Wand geheftete große Uhu. und der grinsende cmsgestopfte Pa- Mn auf dem Glasschrank. Das ungemütlichste Stück ftLwch war das Gerippe eines erwachsenen Menschen, do» in einer Ecke stand. Selbst der milde Schein der Lampe und das lustig m dem großen Kachelofen flak- hernde und knssternde Feuer konnten dem Raum keine Behaglichkeit verleihen.
Aber Ismael Asthusen tünumrte sich nicht um all diese Sonderbarkeiten; er warf fein chirurgisches Besteck auf den Schreibtisch, entledigte sich feiner feuchten lieber- klekder und Stiefel, zog einen warmen Schlafrock an und machte sich über die belegten Brötchen her, die er imt viel Appetit verzehrte.
Er mochte etwa fünfundvierzig Jahre alt fein. Seine mittelgroße, untersetzte Gestalt zeugte von großer Kraft, sein breites, stark gerötetes Gesicht mit den unter buschigen Brauen scharf hervorlugenden Augen von fester
Gesundheit. Auf seiner gefurchten, vierkantigen Stirn jedoch lag ein fast menschenfeindlicher Zug. Seine großen, starken Hände waren auffallend weih. Bei feinen , chirurgischen Operationen, beim Schneiden, Ebirenken eines verstauchten Körpertells, beim Schneiden und Zahn- ziehen brauchte er keine Hilfe; diese starken, kräftigen, weißen Hände besorgten alles allein. Ismael Afchusen war kein schöner Mann. Sein Aeußeres war sogar geeignet, ängstlichen Patienten Furcht emzuflößen. Nur feine Augen' milderten den finsteren Ausdruck. Seine Sprache war meist kurz und barsch, und für klägliches Winseln und Wimmern eingebildeter Kranker hatte er kein Verständnis. Deshalb war er Gei ber vornehmen Gesellschaft der Stadt, nmnentlich bei dem Damen, nicht beliebt. Er konnte so spöttisch lächeln, wenn sie ihm chre Leiden klagten, und wenn er auch ein geschickter Wundarzt war, so bediente man sich vorkommendenfalls doch lieber des jungen, freundlichen Doktors, der sich erst kürzlich im Städtchen niedergelassen hatte, ober des alten, gutmütigen Sanitätsrates, der die Klagen mit mitleidigem Lächeln anhörte.
Aber auf dem Lande, ht den Dörfern und einsamen Heidehöfen tote Ismael Afchusen eine weit aus gebreitete, wenn auch sehr beschwerliche Praxis aus. Selbst bei inneren Krankheiten, die eigen!! nicht fein Fach waren, wurde er auf allen umliegenden Dörfern geholt.
Die beiden Kollegen nannten ihn einen Quacksalber, einen besseren Heilgehilfen, einen Doktor Eisenbart.
„Recht haben sie", lachte Ismael Asthusen, wenn chm ähnliche Titel zugetragen wurden, „es sst nichts als Hoffer Neid, der aus den lieben Kollegen spricht. Aber es hilft ihnen nichts, sie müssen mich schon so lassen wie ich bin."
Nachdem Ismael fein einfaches Nachtmahl eingenommen, zündete er sich eine der zu jener Zeit noch Gebräuchlichen fangen Pfeifen an, und bald erfüllten die . würzigen blauen Wolken des „Pastorenkanasters" das i gewölbeartige Zimmer, in dem der Raucher nachdenklich ' auf und ab schritt.
Er badjte an hen seltsamen Furch den er heute gemacht, er dachte an fein eigenes Leben, das ihn aus s den Niederungen eines verachteten Daseins zu feiner
Fräulrin Dorsite trat ein, lautlos wie ein Schatten. „Bist du fertig mit dem Essen?" fragte sie.
„Jawohl, kannst abräumen, nur den Tee faß noch stehen", entgegnete Ismael.
„Ja — und die Rwnflcssche, nicht watzE
Er lachte: „Allerdings"
Republique" (2. Dezember 1914) wiedergegeben, , ist von Joffre im Jahre 1919 dem Bürgermeister von Thann schriftlich überreicht worden, um auf dem Rathaus dieser Stadt aufbewahrt zu werden, und ist seither, wenn auch mit anderen Worten, unzählige Male erneuert worden von Regierungsvertretern wie Millerand, Domergue, Poincare usw.
Nichtsdestoweniger hat Herriot, der neue französische Ministerpräsident, in seiner Regie- | rungserklärung vom 17. Juni, weniger aus persönlichem Sektarismus denn aus parteipolitischen Gründen — die engen Zusammenhänge zwischen Linksblock und Freimaurerei sind ja leicht nachzuweisen — die Aufhebung dieser Sonder st ellung als einen der Hauptpunkte seines Regierungsprogrammes bezeichnet, indem er sagte: „Die Regierung ist der Ueberzeugung, daß sie dem Wunsche der lieben, zu Frankreich zurückgekehrten Volksteile getreuen Ausdruck gibt, wenn sie das Herannahen des Tages beschleunigt, an dem die letzten Differenzen der Gesetzgebung der wiedergewonnenen Departements mit derjenigen des gesamten Gebietes der Republik ausgeglichen werden."
Wer sich in der parlamentarischen Terminologie des Palais-Dourbon auskennt, der wußte sofort, was mit dieser Einführung der gesamten republikanischen Gesetzgebung in Elsaß-Lothringen gemeint war. Sie bedeutete nichts weniger als eine Kriegserklärung der neuen Regierung an das katholische Elsaß, eine Kulturkampfansage.
Seit dem Tage der Erklärung Herriots geht ein Sturm der Entrüstung durch das ganze Land. Elsaß-Lothringen hat den Kampf ausgenommen gegen Herriot und wird ihn um so energischer durchführen, als es in seinem Volks verein eine mächtige Organisation und ein Verteidigungsinstrument besitzt, das seinerzeit den Katholiken im französischen Kulturkampf fehlte. Bereits haben 21 elsässische Abgeordnete (von 24) vor der Kammer das Ansinnen Herriots gebrandmarkt und im Lande selbst haben die verschiedensten Stände der Bevölkerung und alle katholischen Presseorgane die heftigsten Proteste gegen den geplanten Kulturkampf erhoben. Bischof Ruch von Straßburg hat seinen Gläubigen die genauesten Anweisungen gegeben, in welcher Weise der Abwehrkampf zu führen sei. Roch vor Ende des Monats muß in jeder Pfarrei ein besonderes Komitee gegründet werden mit einer eigenen „Verteidigungskasse" und einem „Iuristenausschuß", um den Gläubigen die materiellen und legalen Abwehrmittel zur Verfügung zu stellen. Durch Flugschriften und Ver- sammlüngen muß das Volk noch vor Ende August über die kirchenpolitische Lage in Elsaß-Lothringen und im übrigen Frankreich aufgeklärt und durch öffentliche Kundgebungen die staatlichen Behörden von den Forderungen der elsässischen Katholiken in Kenntnis gesetzt werden. Am 24. August wird dann in Molsheim der Jahreskongreß der Katholikenliga abgehalten und dabei dte durch die gegenwärtigen Umstände geforderten Beschlüsse gefaßt werden. _______________
Die englische KottenParade.
Der König von England nahm am Samstag die große Flottenparade bei Spithead ab, an der 196 Kriegsschiffe jeder Art und Größe und zahlreiche Flugzeuge mit einer Besatzung von zusammen 30 000 Mann teilnahmen. Die königliche Yacht, der mehrere Schiffe mit den Führern der alliierten Missionen der Londoner Reparationskonferenz, den Mftgliedern des Kabinetts und zahlreiche Par- lamentsmitgliedern folgten, fuhr die Reihen der Kriegsschiffe entlang, die eine Front von etwa 400 Meilen bildeten.
jetzigen freien Selbständigkeit emporgeführi hatte; er dachte an das Geschlecht feiner Ahnen, das sich durch Sumpf und Moder, durch Blut und Verachtung, durch Einfamkeit und Menschenfeindschaft hatte durchkämpfen müssen. Er dachte an sein altes, festungsartiges Haus, einst ein Ort des Schreckens, des Abfcheus, der Furcht und der strafenden Gerechtigkeit, jetzt eine Stätte der Menschenliebe, der BarmherMeÄ, die trotzdem noch mit einer abergläubischen Scheu der unverständigen Menschheit betrachtet wurde.
Seine Blicke schweiften zu den beiden gekreuzten Schwertern über dem schwarzledemen Sofa empor, deren breite Klingen unheimliche dunkle Flecken bersten. Sem Auge blieb an dem blanken 'Barbierbecken hängen, das unter den Schwertern, gleich entern Wappenschild, befestigt war, und die Schwerter und das Becken erzählten ihm die Geschichte seines Geschlechtes von den dunk'en Zetten an, wo jene unheimlichen Schwerter in diesem Hause geherrscht hatten, bis sie dem harmlosen Barbier- becken Platz gemacht hatten.
Die Zeit der Schwerter war noch gar nicht solange verflossen! Nc h Ismaels Großvater hatte das Schwert der rächenden Gerechtigkett geführt, bis es ihm eint humanere Zeit aus der Faust gewunden und feinem Sohn dafür das Barbierbecken in die Hand gegeben. Aber die Verachtung der Merck bsn war geblieben. Sein eigener Name Ismael erinnerte chn daran, daß er dem verachteten, gemiedenen Geschlecht omgehörte, das länger als ein Jahrhundert das Schwert der Gerechtigkeit über die gebeugten Nacken der armen Sünder geschwungen, die ein hochnotpeinliches Halsgericht vom Leben zum Tode oerurteitt hatte. Und selbst ihn überlief ein Schauder bei diesem Gedanken, während ein ingrimmiges Lächeln seine bärtigen Lippen umschwebte.
3m Reichstag
haben sich am Samstag die Auseinandersetzungen, meistens von deutschvölkischen und kommunistischen „Ansängern" bestritten, noch lange hingezogen, ohne erkennbaren Zweck. Für den Mißtrau e n s a n t r a g, den die Völkischen gegen das Kabinett eingebracht hatten, stimmten nur die Kommuni st en und die Völkischen. Stimmenthaltung übten die Deutschnationalen und die Wirtsch. Vgg. Der Mißtrauenesantrag wurde mit 172 gegen 62 Stimmen bei 79 Enthaltungen ab gelehnt.
Die Anträge der Nationalsozialisten und Kommunisten auf Aufhebung des Ausnahme- zustandes wurden dem Antrag des Rechtsausschusses entsprechend abgelehnt. Dafür stimmen die Nationalsozialisten, Kommunisten und Sozialdemokraten mit 133 Stimmen. Dagegen wurden 168 Stimmen abgegeben. Dann wurde gegen Zentrum und Volkspartei der Ausschuhantrag angenommen, der die Aufhebung des Verbots politischer Parteien fordert.
Der Antrag aus Aushebung der letzten Presseoerordnung des Reichspräsidenten wurde an den Rechtsausschuß zurückverwiesen.
Der vom Rechtsausschuß vorgelegte Gesetzent- wurs auf Einführung des Wiederaufnahmeverfahrens bei den bayerischen Volksgerichten wurde in zweiter Beratung debattelos angenommen. Der dritten Beratung widersprach Abg. Dr. Bredt (Wirtsch. Vgg.) unter Pfuirusen der Kommunisten. Die Vorlage kann also in dieser Sitzung nicht endgültig angenommen werden.
Präsident Wallraf erhielt die Ermächtigung, Termin und Tagesordnung der n ä ch st e n Sitzungselbstzubestimmen.
Von Interesse war aus der Debatte zum Notetat, der angenommen wurde, nur noch die Rede des deutschnationalen Abg. Pros. Dr. H o e tz s ch , bekanntlich des besonnensten Vertreters der Deutschnationalen. Die Rede wird allgemein als Aussorderung an die Regierung gedeutet, d i e I Deutschnational en in die Koalition aufzunehmen. Während früher die ganze Tendenz der deutschnationalen Außenpolitik darin
I gipfelte, den Gedanken der Leistungspolitik als „des deutschen Volkes unwürdig", mit großer partriotl- scher Geste abzulehnen, begnügte sich der deutschnationale Redner jetzt damit, sein großes Miß -
I trauen gegenüber dem, was in London abgemacht werden soll, zum Ausdruck zu bringen. Und seine „Bedingungen" und „unverzichtbaren Vorbehalte" bestanden letzten Endes darin, daß die auch
I von den Regierungsparteien als f e l b st v er« I stündliche Folgerungen des Sachverständigen-
Gutachtens verlangten Gegenleistungen bei den Verhandlungen in London „unbedingt sichergestellt" werden müßten. Welche Wandlung in wenigen Monaten! Und sie ist lediglich herausgeboren I aus der beklemmenden Erkenntnis der Deutsch- nationalen, daß das Sachverständigen-
I Gutachten, das zwar eine Last, aber doch geeignet ist, als ein erster Lichtblick nach langen Jahren des Dunkels ins Freie zu führen, angenommen werden mußte.
I Die Deutschnationalen kommen durch diese ihre I Haltung immer mehr in Gegensatz zu den Völkischen. Deren „Außenpolitik" fällt immer mehr der Lächerlichkeit anheim. Graf Reventlow hat jetzt allen Ernstes von der Tribüne des Reichstages als völkisches Rezept für die Rettung Deutschlands den offenen Bund mit den russischen
I Bolschewisten verkündigt.
Dann setzte er seinen Spaziergang durch das Zimmer wieder fort. Das alte Fräulein stellte die Teller zusam- I men. Dann sagte sie mürrisch: „Willst du nicht m<V I nach deinem Findling sehen?" I „Warum? Ist er krank?"
„Mir scheint, er hat starkes Fieber."
.Lein Wunder", brummte der Arzt.
Die Geschwister begaben sich zusammen nach bet I Räumen, die Dorettes Wohnung bitbeten, zwei gewölb- I ten Zimmern mit Küche, deren Fenster auf den dunklen I Hof hinausgingen. Urväter-Hausrat füllte die Räume, schwere Schränke und Truhen, Tische und Stühle, die kaum von der Stelle zu rücken waren, rmmderliche atte
I Bilder hingen an den Wänden und in dem Schlafzimmer I standen zwei große, breite, schwere Betten, in deren
Kissen sich die schmale Gestalt des alten Mädchens voll- I ständig verlieren mußte. Nur einen traulichen Raum I gab es in dem Wohnzimmer, einen Erker, in dem
Dorettes Nähtisch stand, von grünen Blattpflanzen und Efeu umgeben. Das Fenster dieses Erkers gestattete I einen Ausblick auf einen kleinen Garten, der von hohem I Gebüsch und fchönen alten Bäumen eingefaßt wurde.
In der Kirche hantierte ein junges, kaum der Schule I entwachsenes Mädchen mit dem Geschirr. Scheu duckte es sich hinter den Herd, den ein gewaltiger, altmodischer Rauchfang überdachte.
„Hol' das Geschirr aus dem Zimmer des Herrn, I Rieke!" befahl Dorette und folgte dem Bruder in das Schlafzimmer. Hier lag der Findling von der Land- I straße in einem der großen Betten in unruhigem Fieber- fchlaf. Seine Bäckchen glühten, unruhig zuckten die heißen Hände <nif der Bettdecke, während die Beinchen die schwere Decke wegzuschieben suchten. Dunkles, krauses I Haar hing ihm wirr um das Köpfchen. Er röchelle heiser und husttte von Zett zu Zeit. Der Doktor betrachtete ihn forschend, untersuchte ihn sorgfältig und maß die Temperatur. „Soviel ich erkennen kann, ein starker Bronchialkatarrh, aus dem sich vielleicht eine Lun- genentzündung entwickelt", sagte er bann. „Ich werde ! Rezept schreiben, das Rieke zur Apotheke bringen .uun. Möglicherweise übersteht der kleine Sed üe
4 Krankheft not nicht." ". r; V