FuldaerZettung
Amklicher Anzeiger für den Kreis und die Stabt Fulda.
Nr. 174.
Berautworuuv für die SLrittlcilmrg: Dr. Jobanner Kramer. Anreise«: I- B arreller, Fulda. Rotationsdruck und Verlag der s Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernivreckier Nr- 9. %
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Sonntag, 27. IM 1924.
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51. Zahrg.
Zehn Tage Londoner Konferenz.
Der deutsche Reichstag verhandelt bis 1 Uhr nachts.
10 Tage dauert nun schon die Londoner Kon- b-jereng. Ihr mühseliges Werk wird jetzt wieder »vurcf) das englische „Wochenend", die dort übliche ,e nbedingte Heilighaltung des Sonntags, unter- , rochen. Man darf aber im Anfang der nächsten "Woche rascheres Reifen von Ergebnissen erwarten. Die englischen und amerikanischen Bankiers sind fest jj, geblieben gegenüber dem Gewinsel der Franzosen, 5> inerseits Frankreich Geld zu verschaffen, anderseits etwaige Sanktionsbestrebungen gewisser französischer Politiker jederzeit wieder möglich werden zu lassen. Die Bankiers wollen die Reparationskommission als entscheidende Instanz für die Feststellung von Sanktionen ein für allemal erledigen.
Amerika hat sich einstimmig hinter die Bankiers gestellt. Nach einer „Erchange"-Meldung aus New- york ist die dortige Presse einstimmig der Meinung, daß die Forderung der Bankiers betreffend die Sicherheit für die deutsche Anleihe nicht unvernünftig sei und betont, die Bankiers sprächen für die endgültigen Darlehensgeber, nicht für sich selbst. Die Franzosen sollen fetzt zuletzt, um den unerbittlichen Forderungen der Morgan-Gruppe zu entgehen, nach einer andern Finanzgruppe die Arme ausgestreckr haben: sie pirtschten sich an die amerikanische Bankfirma Kulm, Loeb u. Co. heran. Das Manöver ist aber schon wieder als gescheitert zu betrachten. Sie müssen weiterhin mit Morgan und seinen Forderungen rechnen. Bezüglich der Einladung Deutschlands hat jetzt der für diese Frage eingesetzte Rechtsausschuß einen Spruch getan. Förmlich muß die Einladung Deutschlands natürlich der Vollsitzung Vorbehalten bleiben. Die Vollsitzung wird am Montag stattfinden. Der aus einem französischen und einem englischen Rechtssachverständigen zusammen- ’ gesetzte Ausschuß hat festgestellt, daß die Deutschen berufen werden und zu gewissen Modalitäten der Durchführung des Sachverständigenplans Stellung nehmen müßten.
Kritisch ist noch die Frage der Eisenbahner. Sie wird freilich erst als Frage zweiten Ranges angesehen. Wie mitgeteilt wird, ist der französische Sachverständige Leverve für die B e i b e h a l t u ng der 5000 französischen und belgischen Eisenbahner auf den strategischen Strecken, wie dies von den beiden Regierungen verlangt werde, damit jedem Sabotageversuch vorgebeugt sei. Der englische Sachverständige Acworth sei genau der entgegen- gesetzten Ansicht. In letzter Instanz würden also die Bevollmächtigten dieses Problem zu regeln haben.
Um -le RuhrbSatzung.
Macdonald will Herriol zur Räumung auffordern.
wtb Paris, 26. Juli. (Tel.) Der Londoner Sonderberichlerslaller der „Ere Nieuvelle" will wissen, daß Macdonald am Montag in der Plenarsitzung von Frankreich offiziell die Räumung des Ruhrgebiets verlangen werde. Die Stellung Herrioks zu diesem Punkte scheine noch nicht fest- gestellt zu sein, herriot lasse sich von hochherzigen Anlagen leiten, man dürfe ihm nicht durch die weitgehenden Angaben in Verlegenheit bringen. Nichtsdestoweniger dürste es von großem Vorteil fein, wenn dem englischen Vorschlag starkgegeben würde. Die militärische Besetzung des Ruhrgebiets habe nur Existenzberechtigung als Garantie der wirtschaftlichen Besetzung. Da die letztere verschwinde, sehe man nicht mehr den Zweck der ersteren ein.
Vie Anleihe als Bernhigungsimttel.
wtb London, 26. Juli. (Tel.) Dem diplomatischen Korrespondenten des „Daily Telegraph" zufolge wurde die Sitzung des e r st e n S o m i t e es »on Macdonald und den übrigen alliierten Delegierten abgesagt. Man sei der Ansicht gewesen, daß die Kommission zweckdienlicher Weise nicht zusammenkrete, um die Formulare, die dazu bestimmt sind, die Bankiers zu befriedigen, zu erörtern, bevor eine vorherige Vereinbarung zwischen den Bankiers und den alliierten Regierungen erzielt sei. Die Aussichten einer derartigen Verständigung seien jedoch ebenso entfernt gewesen als am Vortage, da sich sowohl die Bankiers, als die franzöfischen Delegierten außerstande sähen, von ihrem Standpunkte abzugehen. Dem Berichterstatter zufolge hak geskern abend eine wichtige diplomatische Konferenz statkgefunden. Es bestehe der starke Wunsch unter den zahlreichen Bankiers, der auch von zahlreichen Alliierten gekeilt werde, daß sowohl die französischen als auch die deutschen Finanzkreise an der geplanten Anleihe teilnehmen. Ihre Beteiligung daran würde eine gewisse Vorsicht und Beständigkeit io beiden Ländern bewirken.
Herrioks Hilfstruppen für die Bankstagen.
wtb Paris, 26. Juli. (Tel.) Der Sonderberichterstatter des „Petit Parisien" meldet über Oie Zuziehung französischer Bankleuke zu den Londoner Verhandlungen. Elemenlel, der vorgestern nach Paris gereift sei, sei gestern in Begleitung mehrerer Bankiers nach London zurückgekehrl, die an den im Gange befindlichen Verhandlungen mit den englischen und amerikanischen Vertretern über die Aufbringung der Anleihe keilnebmen werden.
deutsche Obligationen zu übernehmen. Die dortigen Kreditinstitute würden ebenfalls einen kleinen Teil der Anleihe übernehmen. Ls werde weiter versichert, daß die deutschen Kapitalistenkreise in ziemlich großem Ausmaß die Anleihe zeichnen werden und sich zu diesem Zwecke ihrer Devisenfonds in ausländischen Banken bedienen würden.
Sie Mitten nnS «MM Wewg.
wtb Paris, 26. Juli. (Tel.) wie der Sonderberichterstatter des „Matin" mitkeilt, haben die Juristen, die beauftragt sind, die Frage der D e t e i- ligung deutscher Delegierter an der Londoner Konferenz zu prüfen, die zur Debatte stehenden Fragen in drei Kategorien eingekeilt:
1) Fragen, die nur die Alliierten interessieren;
2) Fragen, die aus dem normalen Rahmen der Angelegenheit herausgelöst werden können, über die die deutsche Regierung mit der Reparations- kommission verhandelt;
3) Fragen, über die zwischen der deutschen Regierung und den alliierten Regierungen verhandelt werden muß. In diese Kategorie fällt vor allem die Modalität der industriellen Räumung des Ruhrgebiets, weil diese nichts mit dem Friedensverkrag zu tun habe, eine Konsequenz des Planes Dawes fei und nur durch Mitarbeit der deutschen Regierung durchgeführl werden könne.
Menn also die Alliierten sich verständigen, fei die Einladung gewiß. Es fei aber eine Mitteilung vom Foreign Office bis jetzt noch nicht erfolgt und Macdonald habe auch der deutschen Regierung noch nicht mitgekeilt, sich bereit zu halten. Rach dem Berichterstatter des „Quokidien" wird von den Finanzsachverständigen die Ansicht ausgesprochen, daß die deutsche Delegation, die an der Konferenz teilnimmt, auf dem Fuße völliger Gleichberechtigung mit den aßiierfen Delegierten sieben müsse. Der Berichterstatter nimmt an, daß die Diskussion zwischen den Alliierten und Deutschen am Mittwoch beginnen werde.
Demonstratio» Nollets?
wtb Paris, 26. Juli (Tel). Das „Jonral" bringt heute eine Notiz, »ach der gestern abend in London das Gerücht verbreitet war General Rollet habe feine Demiffion gegeben Man braucht Kaum hinzuzufügen, daß dieses Gerücht Keine Bestätigung gefunden habe, aber es haben einige Stunden in KonferenzKreisen eine lebhafte Beunruhigung hervorgerufen.
M SW für hie MWllü MM.
Wie die „Germania" hört, sind in verschiedenen Parteien Bestrebungen im Gange, die Arbeit der Untersuchungsausschüsse, zum mindesten« desjenigen Ausschusses, der die Ursachen des Weltkrieges nachzuprüfen hat, wieder aufgu* nehmen. Es ist bereits ein diesbezüglicher Antrag, der von den Abgg. Düringer (D. Bpt.), Fehre nb a ch (Ztr.), Schücking (Dem.) und Löbe (Soz.) im Reichstag eingebracht werden wird, in Vorbereitung. Die Tätigkeit des Ausschusses soll sich vor allem darauf erstrecken, von parlamentarischer Seite Material gegen die Schuldlüge zu be» schaffen. ——
3m Reichstag
hat die Freitagsitzung zwar sehr lange gedauert. Erst um 1 Uhr nachts fand sie durch Anzweiflung der Beschlußfähigkeit ihr Ende. Die bei Beratung des Notetats erwarteten Sensationen blieben aber aus. Für die Regierungsparteien verlas Abg. Fehrenbach eine Erklärung, wonach eine außenpolitische Debatte jetzt nicht am Platze fei. Sie billigten die Regierungspolitik und deren Ziel, die Regelung der Reparationsfrage auf der Grundlage des Sachverständigengutachtens. Dabei wurden neuerdings die Voraussetzungen für die Annahme betont. Reichskanzler Dr. Marx erwiderte sofort, daß er den früheren Erklärungen zur Außenpolitik zur Zeit nichts hinzufügen habe.
Es sprach dann für die Deutschnationalen der Abg. Berndt, ein Redner zweiter Garnitur, der sich mit der Kriegsschuldfrage befaßte. Von den Sozialdemokraten sprach Scheidemann, dann Rosenberg (Komm), Reoentlow (Rat. Soz.) und Kuntze (Deutschsoz.)
Die erste Lesung des Noteteats wurde durchgeführt und die zweite Lesung begonnen.
Um 1 Uhr nachts bezweifelte Abg. Schulz (Dtn.) mit Erfolg die Beschlußfähigkeit des nur noch schwach besetzten Hauses. Präsident Wallraf vertagte darauf die Weiterberatung auf Samstag vormittag 11 Uhr.
* Bayern und die Veriassungsfeier. Nach einer Meldung des „Vorwärts" aus München wird die sozialdemokratische Fraktion des bayrischen Landtags in den nächsten Wochen dagegen Schritte unternehmen, daß in Bayern am 11. August auf Grund des Ausnahmezustandes Verfaffungsfeiern nur in geschlossenen Räumen geduldet werden, für die außerdem noch die spezielle Genehmigung bei den Polizeibehörden eiuaebolt werden muß.
Wiioenttg onö MMe.
Es ist bedauerlich, so wird uns von einem parlamentarischen Vertreter aus dem Reichstag geschrieben, daß gerade in dem jetzigen Augenblick, in welchem wir Deutsche dem Auslände die größtmöglichste Geschlossenheit zeigen sollten, eine innere Zerrissenheit Platz greift, die nachgerade gefährliche Formen annimmt. Insbesondere sind es zwei Punkte, die augenblicklich die Gemüter rechts und links auf das heftigste bewegen. Einmal ist es der A ch t ftundentag bezw. die Stellung der deutschen Reichsregierung zu den Beschlüssen von Genf und zum anderen die Zoll Vorlage.
Vor dem Internationalen Arbeitsamt in Genf haben die Vertreter Deutschlands, die dort allerdings nicht gerade geschickt operierten, Erklärungen abgegeben, die eine Zustimmung Deutschlands zu dem Washingtoner Abkommen in der Schwebe ließen. Daraufhin hat die deutsche Sozialdemokratie eine Aktion unternommen in Gestalt einer Reichstagsinterpellation, in welcher die Reichsregierung gefragt wird, wie sie sich zu den Dingen in Genf stellt, und ob sie dem Washingtoner Abkommen beizutreten bereit ist. Die Folge ist nun eine Gegenaktion der Deutschnationalen, die im Reichstage nunmehr folgenden Antrag eingebracht haben:
„Der Reichstag wolle beschließen, die Regierung zu ersuchen, die Vorlage des „Washingtoner Abkommens- zur Ratifizierung zu unterlassen und die Mitgliedschaft Deutschlands im Internationalen Arbeitsamt in Genf angesichts der dort dauernd geübten Brüskierung der deutschen Sache zum nächstmöglichen Zeitpunkt zu kündigen.-
Dieser Antrag hat die Sozialdemokratie auf das Höchste aufgebracht. Sie fordert nun eine klare und rasche Entscheidung der Reichsregierung. Sie betrachtet den Schritt der Deutfchnationalen als einen Rückschritt in der Sozialpolitik bis hinter das Jahr 1890. Die Sozialdemokraten drohen ganz unverblümt mit einer vollständigen Aende- rung ihrer bisherigen Haltung zur Regierung und den Regierungsparteien, wenn in dieser Angelegenheit nicht eine klare Entscheidung getroffen werde.
Zum anderen ist es die Zollvorlage, die die inneren politischen Leidenschaften auf das Stärkste aufwühlt. Diese, allerdings auch in einem psychologisch ganz und gar ungeeigneten Augenblick in die Debatte geworfene Frage wurde ja zunächst vertagt, nachdem auf Antrag Preußens die Beratung dieser Vorlage im Reichsrat zurückgestellt wurde. Das hat nun ober wieder in rechtspoliti- schen Kreisen zu einer starken Verstimmung geführt, und man forderte von dieser Seite die tunlichst rasche Verabschiedung dieser Vorlage, möglichst noch vor der neuen Ernte. Andererseits verlautet aus Kreisen der Reichsregierung, daß sie diese Dinge nicht in Verbindung mit der Erörterung der Probleme der Außenpolitik bringen will und kann. Daß die Zollvorlage bei der gegenwärtigen Reichstagstagung, die man bis etwa Mitte August bemißt, noch im Reichstag zur Erörterung gestellt werden könnte, ist schlechthin unmöglich. Es wird kaum damit zu rechnen fein, daß diese Vorlage, die, entgegen anderen Gerüchten, bis jetzt auch noch nicht von der Reichsregierung zurückgezogen wurde, früher als in der Herbsttagung des Reichstages zur Debatte gestellt werden könnte.
Man sieht, daß sich die inneren Konflikte zu häufen beginnen. Innerpolitische Auseinandersetzungen können wir aber jetzt in der Zeit großer außenpolitischer Entscheidungen am allerwenigsten gebrauchen. Wir gehen aber sehr schweren inneren Kämpfen entgegen, deren Schärfen nicht hinter denen zurückstehen werden, die wir augenblicklich um die Probleme der Außenpolitik zu führen haben.
Eucharistischer Uongrch.
Aus Amsterdam wird gemeldet: Am Donnerstag abend fanden die einzelnen Sektionsverhandlungen des Eucharistischen Kongresses statt. Der Zustrom zu den Versammlungen der deutschen und österreichischen Kongreßmitglieder war so groß, daß der große Saal der St. Iosephs- Gesellenvereinigung bei weitem nicht ausreichte und beschlossen wurde, parallel eine Versammlung abzuhalten. Der Versammlung wohnten Kardinal Schulte- Köln, Kardinal Bertram- Breslau, Kardinal Piffl-Wien und andere bei. Der Vorsitzende, Bischof W. Behring- Osnabrück hielt eine Ansprache, ebenso die Kardinäle Schulte und Piffl, die den Dank der deutschen und österreichischen Katholiken für den bewiesenen Opfermut der Niederländer aussprachen. Prälat Jngensand-Goch, sprach über die Heiligung des Sonntags in der Eucharistie. ;
* Zur Schutzzollfrage. Der „Deutschen Tagesztg." zufolge faßte der Reichsausschuß forst- und landwirt- fchaftlichrr Arbeitnehmerverbande zur Schutzzollfrage eine Entschließung, in der erklärt wird, daß zur Sicherung der landwirtschaftlichen Produktionsrentabilität ein angemessener Schutzzoll unentbehÄich sei.
* Die Kämpfe in Brasilien. Wie Reuter aus Buenos Aires erfährt, besteht der Eindruck, daß die Bundestruppen, die Sao Paolo belagern, einen so starken Widerstand vorfinden, daß die Einnahme der Stadt in die Ferne gerückt erscheint. Der Kampf habe die Gestalt eines Schützengrabenkrieges angenommen. Die Regierungstruppen sollen den Kampf im Hinblick auf die gute Verschanzung der Aufständischen nicht angenommen haben.
„persönliche Bemerkungen"-
Federzeichnungen aus dem Reichstag.
(Von einem besonderen parlamentarischen Mttarbeüer.s
I,
Hei, wie geht's da luftig zu, wenn m später Abend, stunde endlich, — wirklich endlich! — die persönlich-.n Bemerkungen an die Reihe kommen.
Da wird doch ein fünf- und sechsstündiges Harren belohnt! Und in solchen persönlichen Bemerkungen kann man sich doch endlich einmal loslassen. Da kann über nichts und alles zugleich nach Herzenslust geredet wer- den. Das ist wirklich ein Heidmvergnügenl
Und niemals ist der Saal voller, als wenn es persönliche Bemerkungen hagelt. Das ist für viele Stammgäste des Parlaments und für die noch zahlreicheren Neulinge ein Heidenspaß.
Und wie leuchten erst die Augen der Zuhhörer auf den Tribünen, die doch in das Haus gekommen sind, um ein herrliches Schauschpiel zu erleben, Stunden! mg sich eine öde hinfließende Debatte anhören zu müssen, ist gerade kein Vergnügen. Aber gemach! auch Ihr sollt auf Eure Kosten kommen. -
II.
Die „persönlichen Bemerkungen" waren ehedem etmai ganz besonderes. Sie waren wirklich nur persönlich Wir erinnern uns aus älterer Zeit an folgenden Vorfall. Der greife Graf Ballestrem prästdierte. Er mal einer der fähigen, und bis heute noch hinsichtlich Takl und Geschicklichkeit nicht übertrumpften Reichstagspräsidenten. Er hatte die Zügel wirklich fest in der Hand Und ganz besonders war er denjenigen Abgeordneten auf der Spur, die persönliche Bemerkungen zu machen beliebten. Als einer einmal davon sprach, daß da», was ein anderer ihm vorgeworfen habe, zerronnen sei, wie Butter in der Sonne, da erhob sich Satte« stvem, klingelte und sagte dem Redner: Das mit der Butter war nicht mehr persönlich. Diese Zeiten sind längst dahin. Heute sind gerade die persönlichen Bemerkungen der Tummelplatz, um sich einmal recht auszubuttern.
III.
Aber bei solchen persönlichen Bemerkungen lernt man Gesichter kennen! und die Menschen enthüllen sich in ihrem wahren Charakter. Sie fühlen sich dann offenbar eines gewissen, sonst mehr oder minder unbequem em» psundenenZwanges entbunden. Hemmungen, auf die man ja ohnehin neuzeitlicherweise kein besonderes Gewicht mehr legt, kommen erst recht nicht mehr in Betracht. §
Ein solches imposantes Kabinsttstückchen: Ueberfchrist: „Der Reichstag" — so betitelt aus den Kreisen der Fröhlichen selbst — spielte sich in der Donnerstagssitzung des Reichstags um die neunte Abendstunde ab) Den Anstoß gab der Völkische Ahle mann. Er stammt aus Krotoschin, ist Oberstleutnant a. D. und völkisch bis auf die Knochen. Aber nicht minder hemmungslos. Denn wie dieser Volksvertreter unbeherrscht und unge- zügelt in dem gröbsten und rücksichtslosesten Feldwebel, ton mit Zwischenrufen eingreift, die der Athmosphäre des Kasernenhofes von Zabern entsprechen könnten, muß man einmal selbst mit angehört haben.
Dieser Ahlemann scheint es mit der Ehre seiner Mitmenschen nicht gerade allzu penibel zu nehmen. Den Sozialdemokraten Breitscheid fragte er, was er denn eigentlich in Paris gemacht habe. Er werde dort „wohl" Landesverrat getrieben haben.
Daß hier ein Tumult einsetzte, der nicht nur die -Sozialdemokraten in Mitleidenschaft zog, kann man sich denken. Denn ein solcher Borwurf muh doch begründet sein. Breitscheid fordert Ahlemann auf, sofort von der Tribüne des Hauses hercck, die Begründung zu geben, andernfalls den Vorhalt in der Oeffentlichkeit ohne den Schutz der Immunität zu wiederholen. Ahlemann sagt nun, vor acht Tagen habe er von seinen Freunden gehört, daß Breitscheid bei der Ruhrdebatte im Reichstage gesagt habe, er vertrete nicht die Interessen Deutsch- lands, sondern die der Welt.
Breitscheid berichtigt das. Er HÄte damals gesagt, mit dem schärfsten Protest gegen die poincaresche Gewaltpolitik vertrete der Reichstag nicht nur die Interessen Deutschlands, sondern die der ganzen zivilisierten Welt.
Nun ist der Vorwurf des Landesverrats einem Abgeordneten gegenüber, noch dazu im Parlament selber mit das Schwerste, was sich an dieser Stelle zutragen kann. Es ist schon ein eigenartiges Stück, daß Ahlemann auf Grund eines acht Tage vorher „gehörten" angeblichen Ausspruchs einen Abgeordneten solchen Verbrechens beschuldigt, so hätte man doch zum minbeften glauben sollen, daß er sich inzwischen von der Richtig» leit oder der Berechtigung eines solchen Vorwurfs über» zeuge. Die Nachprüfung hätte er aber vollziehen müssen, bevor er einen solchen Vorwurf im Reichstag erhebt. Ahlemann hat das nicht getan, aber herausgefordert, erklärte er, er wolle jetzt einmal versuchen, feftzustellen, was Breitscheid damals gesagt habe.
Dieses Auftreten Ahlemanns hat den ganzen Reichstag geradezu in Empörung gebracht. Und als Breitscheid ihm zurief, er wolle doch als Offizier ein Ehrenmann fein, und es fei doch nicht anzunehmen, daß er zu dem Vorwurf der Verleumdung und Ehrabschneiderei auch noch den der Feigheit kommen lassen werde, berührt das Ahlemann kaum. Aber das ganze provozierende Auf. treten, das einen großen Teil der Deussch-Bölkifchen ossensichtlich peinlich berührte, war schließlich derart, daß Ahlemann mindestens dreiviertel des ganzen Reichstags gegen sich hatte. Die Aechtung war schier allgemein, Auch die Deutschnationalen wandten sich, auf das Pem- lichste berührt, von diesem „Kollegen".
IV. ;
Solche Ahlemänner haben die Deutsch-Völkischen eine ganze Masse. Man muß Mefes Schauspiel, das jene Volksvertreter geben, und die Methoden, die sie bah« anwenden, auf sich ein wirken lassen, um zu fühlen, wie maßlos herabgewürdigt dieser Reichstag werd durch solche Vorgänge. Da ist unter den Völkischen auch ein ganz wilder, Hans Jacob sich nennend. In frühester Jugend hatte er einmal Bildhauerneigungen, jetzt ist er Straßenbahnschaffner in München. Wenn er mit den .Straßenbahnen dort ebenso wild mngeht, wie es fein