Zur Unterhaltung
Zuldaer Zeitung Nr 170.
Simpli$iffimus.
5n Bem Een badischen Städtchen Renchen bei Baden-Baden wurde am 13. Juli dieses Jahres der 300jährige Wiederkehr des Geburtstages einer großen deutschen Dichters und edlen Menschen ftst- lich gedacht, des im Jahre 1624 in unserer hessischen Heimat gÄwrenen, im Jahre 1676 als Schult- heiß in Renchen gestorbenen Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen. Der 30jährige Krieg ist der Hintergrund der Schöpfung Grim- melshcmsens. Sein Hauptwerk Simplicius Simplicissimus ist zufolge seiner dreifachen Eigenschaft als Kulturgeschichte, als Menschenschick- scck, als Bekenntnisbuch ein Spiegel feiner Gegenwart und blechendes Denkmal. Es nimmt seinen höheren ethischen Gehalt ans der Führung eines Ernzelschicksals. In der Einsamkeit des deutschen Waldes hebt es mit einem Idylle voll frommer Zartheit an, geht in die Gefahren und Sünden der Welt, und führt schließlich Mir Abkehr von der Well, zur Einkehr in seine Seele als Einsiedler wiederum im Walde. Seine Spannung nimmt der Roman aus dem Findelkind-Motiv. Simplicius wächst aus einem Spessarter Bauernhof vermeintlich als Sohn der Bauersleute (Knau wird der Bauer genannt, Meuder die Bauersfrau) heran. Wir erfahren schrittweise, daß er nur deren Pflegekind ist, ihnen hinterlassen von einer vornehmen und schönen Frau, die das KnMein noch der Schlacht von Höchst auf ihrem Bauernhof zur Well brachte und dann starb. Sie war die Schwester des H a n a u e r Gouvemeurs Ramfay. Dieser ahnte nicht, daß er feinen Schwestersohn vor sich hat, der Einsiedel sein Schwager und des Knaben Vater ist. Das Geheimnis wird erst im fünften Buch enthüllt, damit der Name des Helden, der kn Wirfstchkeft Melchior Sternfels von Fuchsheim heißt. Der junge Simplicissimus hütet auf dem emfamen Wcttdhof die Schafe und spielt dabei die Sackpfeife:
Du sehr verchhter BaurenskanB
Bist doch der beste in dem Land:
Kein Mann dich gnugsam prifen kann, Wann er dich nur reckst stehet an.
Wie stünd es jetzttmd um die Welt, HE Adam nicht gebaut das Feld! Mit Hacken nährt sich anfangs der, Don dem die Fürsten kommen her.
Es ist fast alles unter dir. Ja, war die Erd' nur bringt herfür, Wovon ernähret wird das Land, Geht dir anfänglich durch die Hand.
Der. Hoffart bist du sehr befreit. Absonderlich zu dieser Zeit: Und daß sie auch nicht sei dein Herr, So gib mir Gott des Kreuzes mehr.
Ja, der Soldaten böser Brauch Dient gleichwohl dir zum besten auch; Daß Hochmut dich nicht nehme ein. Sagt er: Sein Hab und Gut ist mein.
Dis hieher und nicht weiter kam ich mit meinem Gesang, dann ich samt meiner Herd Schafe war gleichsam in einem Augenblick von einem Trupp Kürassier umgeben, welche im großen Wald verirret gewesen und durch meine Musik und Hirtengeschrei wieder zurecht gebracht worden waren.
Hoho, gedachte ich, dies feind die rechte Käuz, dies seind die oierbeinigten Schelmen und Dieb, davon dir dein Knan (der Pflegevater) jagte! Denn ich sah anfänglich Roß und Mann (wie hiebevor die Amerikaner die spanische Kavallerei) vor ein einzige Kreatur an und vermeinte nicht anders, als es mühten Wölfe fein, beroroegen diese schrecklichen Pferdemenschen tag Bockshorn jagen und sie wieder vertreiben wollte. Ich hatte aber zu solchem End meine Sackpfeife kaum aufgeblasen, da ertappte mich einer von ihnen beitat Flügel und schleuderte mich so ungeftüm auf ein leer Baurenpferd, so sie neben anderm mehr auch erbeutet hatten, daß ich auf der andern Seite wieder herab auf meine liebe Sackpfeife fallen mußte, welche so erbärmllch anfing zu schreien, als wenn fie alle Welt zur Barmherzigkeit bewegen hätte wollen; aber es half nichts, wiewohl fie den letzten Atem nicht fparete, meta Ungefäll zu beklagen. Ich mußte einmal wieder zu Pferd, was auch meine Sackpfekfe fang oder sagte, bis in meines Knans Hof. Wunderseltsame und kauderwelsche (Brillen stiegen mir damals ins Hirn; denn ich Wdete mir ein, weil ich auf einem solchen Tier säße, desgleichen ich niemals gesehen hatte, so würde ich auch in einen eisernen Kerl verändert werden. Well aber solche Verwandlung nicht folgte, tarnen mir andere Grillen in den Kopf; ich gedachte, diese fremden Dinger wären nur zu dem Ende da, mir die Schafe helfen heimzutreiben, sintemal keiner von ihnen keines hinwegfraß, sondern alle so einhellig, und zwar des geraden Wegs, meines Staans Hof zueileten. Derowegen sah ich mich fleißig nach meinem Knan um, ob er und mein Meuder uns nicht bald
Der Perlenfischer von Anaa.
Abenteuer-Erzählung aus der Südsee von H. Weber.
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»Paofsil" rtdf er dann und betrachtete freudig erstaunt den Heimatgenossen.
»Süll, ich keime dich nicht!" gab dieser aber ablehnend zurück, „rote kommst du dazu, mich bei meinem Namen N> nennen?"
»Ste Jahre der Trauer haben deine Blicke getrübt", murmelte der Zurückgewicsene, kennst du mich wirklick Nicht mehr oder bist du nickst Paofai von Anaa, der frühere Perlenfischer, mit dem ich so oft Muscheln und Sl^vämme vom Meeresgründe holte?"
»Du irrst dich nicht", antwortete jetzt der Erkannte, sich emporrichtend und scheu umsehend, „aber mir sind in großer Gefahr, Potomba, und du wirst mir, dem Nachkommen der Arii-rahi (emgebo.rener HäupKmg) von Paumotu, betae Hilfe nicht vechigen, ohne unauslöschliche Schande auf 8ch zu laden!"
„Ich uich alle braunen Männer dieses Schiffes ge- hören zu dir, denn wir alle sind Kinder einer Heimat", gab der Polynesier zurück, das Haupt beugend und die Hand des Häuptlings auf feinen Micken legend, „wo dir Gefahr droht soll sie auch uns bedrohen — wer ist dein Feind?"
„Der Führer dieses Schiffes und der schreibende Mann, sein Freund, der seit vielen Jahren fein Gefährte ist."
Die Augen Potombas schoflen Blitze bei Erwähnung des Superfargos; der ganze ungezügelte Haß des stolzen Naturmenschen, der gezüchtigt worden ift, ohne Segen« wehr leisten zu dürfen-, kam bei ihm zum leidenschaftlichen Ausbruch
Er reckte feine breite, kraftvolle Gestalt, so daß die Muskeln seiner Glieder hart hervortraten, und keuchte, aus seine verletzte Obertichpe zeigend:
„Diese Wunde schlug mir der Superkargo, als ich einen Augenblick von der Arbeit ausruhte: meine Hand ^ird ihn dafür wiedertreffen!"
„Damit er dich mederfchteht oder in Ketten legen küßt!" widersprach ihm Tom, der Gefährte des Perlen- fischws, und IchÄÄle mißbilligend den grauen Kopf.
entgegengehen und uns willkommen fein heißen wollten; aber vergebens er und meine Meuder samt unferm Urfele, welches meines Knans einzige Tochter war, hatten Reißaus gespielt und wollten diese Gäste nicht erwarten.
Das erste, das diese Reuter taten und in den schwarz gemalten Zimmern meines Knans anfingen, war, daß sie ihre Pferde in sie einstelleten; hernach hatte jeglicher seine besondre Arbeit zu verrichten, deren jede lauter Untergang und Verderben anzeigte. Denn obzwar etliche anfingen zu metzgen, zu sieden und zu braten, daß es aussah, als sollte ein luftig Bankett ab gehalten werden, so waren hingegen andere, die durchstürmten das Haus unten und oben; ja das heimliche Gemach mar nicht sicher, gleichsam als ob das güßme Fell von Colchis darinnen verborgen wäre. Andere madjten von Tuch, Kleidungen und allerlei Hausrat große Päcke zusammen, als ob sie irgends einen Krempelmarkt errichten wollten; was sie aber nicht mitzunehmen gedachten, wurde zerschlagen. Etliche durchstachen Heu und Stroh mit chren Degen, als ob sie nicht Schaf und Schwein genug zu stechen gehabt hätten; etliche schütteten die Federn aus den Betten und fülleten hingegen Speck, andere dürres Fleisch und sonst Gerät hinein, als ob alsdann besser darauf zu schlafen gewesen wäre. Andere schlugen Ofen und Fenster ein, gleichsam Äs hätten sie einen ewigen Sommer zu verkündigen. Kupfer- und Zinngeschirr schlugen sie zusammen und pack- ten die gebogenen und verderbten Stücke ein. Bettladen, Tische, Stühle und Bänke verbrannten sie, da doch viel Klafter dürres Holz im Hofe lagen. Häsen und Schuss sta mußte endlich alles entzwei, entweder weil sie lieber ge- gebraten aßen, oder weil sie gedachten, nur ein einzige Mahlzei toll da zu halten.
Unser Magd ward tat Stall dermaßen traktiert, daß sie nicht mehr daraus gehen konnte, welches, fürwahr, eine Schänd ist zu melden. Den Knecht legten fie gebunden auf die Erd, steckten ihm ein Sperrholz ins Maul und fchüteten ihm einen Melkkübel voll garftig Mistlachen- m aff er in den Leib; das nannten sie einen schwedischen Trunk, wodurch sie ihn zwangen, eine Partei anderwärts zu führen, allda sie Menschen und Vieh hinwegnahmen und in unfern Hof brachten, unter welchen mein Knan, meta Meuder und Ursel« auch warm.
Da fing man erst an, die Steine von den Pistolen und hingegm anstatt derer der Baurm Daumen aufzuschrcm- ben und die armen Schelmen so zu foltern, Äs wenn man hätte Hexen brennen wollen, maßen sie auch einen von den gefangenen Bauten bereits ta ben Backofen steckten und mtt Feuer hinter ihm her waren, ohnangesehm er noch nichts bekannt hckte. Einem andern machten sie em Sell um den Kopf und reitetten es mit einem Bengel zusammen, daß ihm das Blut zu Mund, Nas und Ohren heraussprang. In Summa, es hatte jeder fein eigene Erfindung, die Sauren zu peinigen, und also auch jeder Baur feine besondere Marter. Allein mein Knan war meinem damaligen Bedünken nach der glückseligste, weil er mit lachendem Mund bekannte, was andere mit Schmerzen und jämmerlicher Weheklage sagen mußten, und sülche Ehre widerfuhr chm ohne Zweifel darum, weil er der Hausvater war; denn sie setzten chn zu etaem Feuer, banden ihn, daß er weder Hände noch Füße regen konnte, mid rieben seine Fußsohlen mtt angefeuchtetem Salz, welches chm unser Äte Geiß wieder adlecken und dadurch also kitzeln mußte, daß er vor Lachen hätte zerbersten mögen. Das kam mir so artig und anmutig vor, daß ich der Gesellschaft halber, ober weil ich's nicht beffer verstund, von Herzen mttlachen mußte. In solchem Gelächter bekannte er, was er sollte und öffnete den verborgenen Schatz, welcher von Gold, Perlen und Kleitwdien viel reicher war, als man bei Sauren hätte suchen mögen. Mitten in diesem Elend wendete ich Sraten und half am Nachmittag die Pferd tränten, durch welches Mittel ich zu unserer Magd ta den Stall kam, welche wunderlich zerstrobelt aussahe. Ich erkannte sie nicht; sie sprach zu mir mtt kränklicher Stimm: „O Sub, lauf weg, sonst werden dich die Reuter rnftnehmen! Guck, daß du davon kommst, du siehest wohl, wie es so übel —" Mehreres konnte sie nicht sagen.
Da machte ich gleich den Anfang, meinen unglücklichen Zustand, den ich vor Augen sah, zu betrachten und zu gedenken, wie ich mich am förderlichsten herausdrehen und daocmlaufen möchte. Wohin aber? Dazu war mein Verstand viel zu gering, einen Vorschlag zu tun; doch hat es mir so wett gelungen, daß ich gegen Abend in den Wald bin entsprungen und hat mich meine liebe Sackpfeife auch in diesem äußersten Elend nicht verlassen. Wo nun aber wetter hinaus? sintemal mir die Wege und der Wald so wenig bekannt waren als die Straße durch das gefrorene Meer hinter Nova Zembla bis gen China hinein. Die stockfinstere Rächt bedeckte mich zwar zu meiner Sicherheit; jedoch bedeuchte sie meinen finstern Verstand nicht finster genug; daher verbarg ich mich in ein dickes Gesträuch, da Ich sowohl das Geschrei der gedrillten Bauten Äs den Gesang der Nachtigallen hören konnte, welche Vöglein sie, die Bauten, nicht angesehen hatten,
„Nein, nein, Potomba — mtt Gewalt ist hier nichts zu erreichen . . . Sage uns lieber die Anzahl der weißen Männer und die Anzahl der (Eingeborenen auf diesem Schiff, damit man einen Ueberblick HÄ, falls die beiden Schurken die Absicht haben, etwas gegen uns ins Werk zu setzen ... Es ist ja bekannt, daß man unliebsame Zeugen gerne beiseite schafft!"
Potomba gab ihm genaue Auskunft und bemerkte hierauf, daß die beiden Steuerleute tüchtige und gute Männer wären, die niemanden ein Unrecht zufügten; bann erzählte er noch sein Erlebnis mit dem Untersteuermann Petersen und schilderte dessen Gutherzigkeit in den lebhaftesten Farben.
Mitten ta seine Erzählung hinein schallte plötzlich die fluchende Stimme des ■ englischen Stewards, die den . Kan-aken in die Kombüse zurückrstf.
Wäre Potomba dem Rufe nicht allzueifrig gefolgt, so hätte er bei seinem hastigen Davonstürzen in dem dunklen fiajütsgange die unbewegliche Gestalt des Svper- kargos wahrnehmen können, der mit bleichen Zügen dicht an der Tür stand, die in die Koje der Schiffbrüchigen führte. — MSUt!
Es waren zwei Stunden nach Mitternacht.
Mit verringerter Geschwindigkeit zog die „Sydney" ihre Bahn und Keß hinter sich nur einen flachen, aufquirlenden Kstlroasstrstreffen zurück, der wie ein leuchtendes Band dem Schiffe folgte; hin und wieder erklangen die Schritte der Deckswache auf ben harten Planken und unterbrachen für Augenblicke die tiefe Ruhe, die ringsum herrschte.
In der Raptiänsfajüte brannte trotz der späten Stunde noch em gedämpftes Licht, das man jedoch nur außenbords hätte sehen können; der Schiffsführer selbst saß am Tische und hatte eine halbgefüllte Brcmntwetaflasche vor sich stehen, aus der er ab und zu ein kleines Glas üllst und austranf.
Eta quälendes Gefühl von Furcht und Sorge schien ben sonst so selbständigen Mann ergriffen zu haben und prägte sich deutlich in feinem Benehmen aus, denn nur minutenlang verharrte er in seiner jeweiligen Stellung; er schien jemand zu erwarten, denn Äs es jetzt leise an die Tür klopfte, öffnete er hastig.
Der Superkargo trat ein und verschloß vorsichtig die Tür hinter sich. Er trua einen dunklen Anzug und weiche
mtt ihnen Müleiden zu tragen ober ihres Unglücks halber den lieblichen Gesang einzustellm; darum legte ich mich auch ohne alle Sorge auf ein Ohr und entschlief. Als aber der Morgenstern im Osten herfürflackerte, sah ich meines Knans Haus ta voller Flamme stehen, aber niemand, der zu löschen begehrte. Ich begab mich hersür, in Hoffnung, jemand von meinem Knan anzutreffen, wurde aber gleich von fünf Reutern erblickt und angeschrien: „Junge kom heröfer, oder schall my de Tüfel Halen, ick schstte dick, bat bi be Dampf tom Hals utgaht."
Ich hingegen blieb ganz stockstill stehen, und hÄte bas MaÄ offen, weil ich nicht wußte, was ber Reuter wollte oder meinte; und indem ich sie so ansah, wie eine Katze ein neu Scheunentor, sie aber wegen eines Morastes nicht zu mir kommen konnten, welches sie ohn Zweifel rechtschaffen ärgerte: lösete der eine seinen Karabiner auf mich, von welchem urplötzlichen Feuer und unerwartetem Knall, ben mir das Echo durch vielfältige Verdoppelung noch grausamer machte, ich dermaßen erschreckt ward, weil ich dergleichen niemals gehöret noch gesehen hatte, daß ich sobald zur Erden niederfiel; ich regele vor Angst keine Ader mehr, und wiewohl die ’Reuter ihres Wegs fortschrttten und mich ohn Zweffek vor tot liegen ließen, so hatte ich jedoch denselbigen ganzen Tag das Herz nicht, mich aufzurichten. Als mich aber die Nacht wieder überfiel, stund ich auf und wanderte so lang tm Walde fort, bis ich von fern einen faulen Saum schimmern sah, welcher mir eine neue Furcht einjagte, kehrest beroroegen sporenstreichs wieder um und ging fo lang, bis ich wieder einen andern dergleichen Saum erblickte, von dem ich mich gleichfalls wieder fortmachte, und auf diese Weise die Nacht mit Hin- und Widerrennen von einem faulen Saum zum andern vertrieb. ZÄetzt kam mir der liebe Tag zu Hilfe, welcher den Bäumen gebot, mich in seiner Gegenwart ohnbetrübt zu lassen; aber hiermit war mir noch nichts geholfen, denn meta Herz steckte voll Angst und Furcht, die Schenkt voll Müdigkeit, der leere Magen voll Hunger, das Maul voll Durst, bas Hirn voll närrischer Einbildung und die Augen voller Schlaf. Ich ging dannoch weiter, wußte aber nicht wohin; je wetter ich aber ging, desto tiefer kam ich von den Leuten hinweg in den Wald. Damals stand ich aus und empfand (jedoch ganz unvermerkt) die Wirkung des Unverstands und der Unwiffenheit; wenn ein unvernünftiges Tier an meiner Stell gewesen wäre, so hätte es beffer gewußt, was es zu feiner Erhaltung hätte tun sollen, als ich; doch war ich noch so witzig, als mich abermal die Nacht ereilte, daß ich in einen hohlen Saum kroch, meta Nachtlager darinnen zu hÄten.
Kaum hatte ich mich zum Schlaf bequemt, da hörest ich folgende Stimme: „O große Webe gegen uns undank- barn Menschen! Ach mein einziger Trost, meta Hoffnung, mein Reichtum, mein Gott!" und so bergleid)en mehr, das ich nicht alles merken noch verstehen können.
Dieses waren wohl Worte die einen Christenmenschen, der sich in einem solchen Stand, wie ich mich dazumal, befunden, billig aufmuntern, trösten und erfeuen hätten sollen. Aber, o Getafelt und Unwissenheit! es waren mir nur böhmische Dörfer, und alles ein ganz unverständliche Sprache, aus ber ich nicht allein nichts fassen konnte, sondern auch ein solche, vor deren Seltsamkeit ich mich etasetzte. Da ich aber hörete, bafc dessen, der sie redete, Hunger unb Durst gestillt werben sollst, riet mir meta unerträglicher Hunger, mich auch zu Gast zu laden; derowegen faßte ich bas Herz, wieder aus meinem hohlen Saum zu gehen unb mich ber gehörten Stimme zu nähern. Da wurde ich eines großen Manns gewahr in langen schwarzgrauen Haaren, die ihm ganz verworren auf den Achseln herum lagen; er hatte einen wilden Bart, fast formiert wie ein Schweizerkäs; sein Angesicht war zwar bleichgelb und mager, aber doch ziemlich lieblich und fein langer Rock mit mehr als 1000 Strickern von allerhand Tuch überflickt unb aufeinander gefetzt; um Hals und Lew hatte er eine schwere eiserne Kette gewunden wie Sankt Wilhekmus unb sähe sonst ta meinen Augen so scheutzfich unb fürchterlich aus, daß ich anfing zu zittern wie eit nasser Hund. Was aber meine Angst noch vermehrte, war, daß er ein Kruzifix, ungefähr sechs Schach lang, an feine Brust drückte, unb well ich ihn nicht kannst, konnte ich nichts anders ersinnen, als dieser alte Greis mühst ohn Zweffel ber Wolf fein, davon mir mein Knan kurz zuvor gesagt batte. In solcher Angst wischst ich mit meiner Sackpf eis hersür, welche ich als meinen einzigen Schatz noch vor den Reutern salviert hatte; ich blies zu, stimmte an unb ließe mich gewaltig hören, dst- fen greulichen Wolf zu vertreiben, über welcher plötzlichen und undgewöhnlichen Musik an einem so wilden Ort der Einsiedler anfänglich nicht wenig stutzte, ohn Zweifel ver- metaenb, es sei en teuflisches Gespenst hingekommen, ihn, wie etman dem großen Antonio widerfahren, zu schrecken und seine Andacht zu zerstören. Sobald er sich aber wieder erholest, spottete er meiner als feines Versuchers im hohlen Saum, wo hinein ich mich wieder retiriert hatte; ja er war so getrost, daß er gegen mir
Filzschuhe an den Füßen und sah nicht minder bleich und verstört aus wie der Kapitän.
Ohne ein Wort zu sprechen, schritt er an den Tisch heran, schüttest hastig zwei Gläser des starken Getränkes hinunter und ließ sich dann schwer auf einen Stuhl fallen.
„Nun, mach doch den Münd auf! . . . Was hast du gehört?" fragte Ellington gespannt.
„Unsere Sache steht schlecht!" murmelte der Schreiber, ben Kopf in die Hand stützenb, Äs ich gestern abend den schmutzigen Sonaten, ben Potomba, mit den beiden Fremden sprechen hörst, wußte ich gleich, daß sich etwas ereignen wurde unb habe mich darum auch beständig in der Nähe der Tür aufgehalten. Als bann der Steward den Sonaten fortrief, hatte ich die ganze Unterhaüung belauscht, vermutete aber, daß Potomba wiedertommen würde, wenn er es bewerkstelligen könne. Ich halst mich nicht getäuscht, beim eine halbe Stunde später stand er schon wieder in der Koje feines Landsmannes. Hier sagst ihm der Genosse des Perlenfischers, daß er vorsichtig die beiden Steuerleute aufsuchen und ihnen sagen solle, daß er und Paosai in einer äußerst wichtigen Sache mtt ben beiden Männern sprechen müfle unb daß sie nach Mitternacht, wenn Ruhe im Schiff sei, zu ihnen kommen würden. . . . Potomba versprach, alles richtig zu bestellen und entfernte sich, worauf die Schiffbrüchigen sich zum Scksiafen niederlegstn, wie ich aus ihren Reden entnahm."
„Weiter, wetter!" drängst ungeduldig der Kapitän, als Thomson eine kurze Pause machte, um sich wieder der Flasche zu bemächtigen.
„Wst es mir zumute war, kannst du dir denken, denn mir hatten doch beide geglaubt, daß jene Äst Geschichte längst vergessen wäre!" fuhr der Superkargo mederge- drückt fort. „Ich fand keinen Augenblick Ruhe und wünschte sehnlichst die Nacht herbei, die mir doch wenigstens Gewißheit bringen würde. . . Durch bie Holzwand ber Steuermannskoje hatte ich ein kleines Loch gebohrt, um bie Unterredung mitanhören zu können, und stand nun fast eine Stunde vorher ta dem leeren Raum, ber cm die Koje stößt, um ja kein Wort zu verlieren. . . Endlich hörst ich sie etateeten. Nach einigen erklärenden Worten erzählst Paofm, daß die Insel Anaa in der Pcmmo-ru-Gruppe feine Heimat sei. Er sei Händler, habe
ging, ben Feind des menschlichen Geschlechts auszuhöhnen. „Ha," sagte er, „du bist ein Gesell darzu, die Heiligen ohne göttlich« Verhängnus —Mehreres habe ich nicht verstanden; da seine Näherung em solch Grau- fen und Schrecken in mir erregte, daß ich des Amts meiner Sinne beraubt wurde unb auf bem Fleck ta Ohnmacht nieberfanf.
Wasgeftatten mir wieder zu mir selbst geholfen worden, weiß ich nicht, aber dieses wohl, daß der Alle meinen Kopf in seinem Schoß und meine Juppen vorne geöffnet gehabt, als ich mich wieder erholete. Da ich den Einsiedler fo nahe bei mir sah, fing ich em solch grausames Geschrei an, als ob er mir tat selben Augenblick bas Herz aus dem Leibe hätte reißen wollen. Er aber sagte: „Mein Sohn, schweig! Ich tue dir nichts, fei zufrieden!" Je mehr er mich aber tröstete unb liebkoste, je mehr schrie ich: „O, du frißt mich! O, du frißt mich! Du bist ber Wolf unb willst mich freffen." — „Ei jawohl nein, mein Sohn," sagte er, „fei zufrieden, ich friß dich nicht." Dies Gefecht währte lang, bis ich mich endlich so wett weifen ließ, mit ihm ta feine Hütten zu gehen; darta war die Armut selbst Hosmeisterm, ber Hunger Koch und der Mangel Küchenmeister; da wurde mein Magen mit einem Gernüs und Trunk Waflers gelabt und mein Gemüt, so ganz verwirret war, durch des Alten tröMche Freundlichkeit wieder aufgerichtet und zurecht gebracht. Derowegen ließ ich mich durch die Sehnsucht nach süßem Schlaf leicht betören, ber Natur ihr Recht zu geben. Der Einsiedel merkte meine Notdurft, darum ließ er mir den Platz allein ta seiner Hütten, weil nur einer darin liegen konnte, ohngefähr um Mitternacht erwachte ich wieder und hörete ihn folgendes Lied singen, welches kch hernach auch gelemet:
Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall, Laß deine Stimme mtt Freudenfchall Aufs lleblichste erklingen!
Komm, komm und lob den Schöpfer dein. Weil andre Vöglein schlafen fein Unb nicht mehr mögen fingen!
Laß dein Stimmlein Laut erschallen, Dann vor aUen Kannst du loben Gott im Himmel hoch dort oben.
Unter während dieses Gesanges bebünfte mich wahrhaftig, Äs wenn die Nachtigall sowohl Äs die Eule und Echo mtt eingestimmt hätten; und wenn ich den Morgenstern jemals gehört ober dessen Melodei auf meiner Sait pfeifen aufzumachen vermöcht, so wäre ich aus ber Hütten gewischt, meine Karten mit einzuwerfen, well mich diese Harmonia so lieblich zu fein bebünfte; aber ich entschlief unb erwachte nicht wieder bis wohl ta ben Tag hinein.
Staub.
Von Reinhard PolliS.
Es gibt viele Dinge, bie auf ben ersten Blick einer Betrachtung kaum wert erscheinen, viele auch, die man, wenn man fie nur erwähnen hört, ohne roetteres verabscheut. Zu diesen gehört ganz sicher der Staub, der uns jetzt zur Sommerszeit die Freude an den Schönheiten ber Natur so oft vergällt, ber bie Kleiber bedeckt, bas Atmen erschwert unb wie bie Unannehmlichkeiten, bie er verursacht, sonst noch heißen mögen. Es ist ganz selbstverständlich, daß man da mal ein kräftig Wörtlein redet, wie dem Staub zu Leibe gegangen werden könnte und sollte, auf daß wir eine sommerliche Plage weniger hätten, unb ich gebe zu, daß es vielerlei lobenswerte Bestrebungen gibt, bst Nutz und Frommen fröhlicher Naturfteunbe in btefent Sinne tätig sind. Gleichwohl spreche ich für den Staub, freilich ta naturwissenschaftlichem Sinne.
Dst Rolle des ©taubes ta der Natur ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung, es sind wenige Erscheinungen ta ber Erdatmosphäre, an denen er nicht ben größten Anteil hat. Soweit bst Lufthülle unseren Planeten umgibt, sowett wirbeln auch Myriaben Staubkörperchen; in ber Nähe bes Erdbodens am dichtesten, ta ber Höhe feinere Teilchen. Wer hätte nicht schon etamÄ die Son- nenstmhlen betrachtet, bie in unser Wohnzimmer Men. Wst tanzen dann bst Staubkörperchen tat Lichte auf unb ab, um sich bann schließlich zu senken unb neuen Körpern Platz zu machen. Aber wie vstle benten wohl bei diesem unterhaltenden Schauspstle daran, daß dst Staubteilchen bst Veranlassung sind, baß wir bst Hellen Lichtstrahlen überhaupt rocchrnehmen! An chnen bricht sich bas Ächt unb fällt ta unser Auge, ohne sie könnte ber Lichtstrahl gar nicht sichtbar werben. Unb was rotr fo im kleinen beobachten können, bas fpstft sich auch ta ber großen Natur ab, ohne Staub gäbe es keinen heiteren blauen Himmel für uns, ohne Staub keinen Regen, ohne Staub' keine Wärmevetteilung, keinen Nebel, keine 2Bölten.
aber früher in Gemeinschaft mit seinem Sohne bas Gewerbe eines Perlenfischers ausgeübt und sei sehr wohlhabend geroefen. Sein Reichtum fei bösen Menschen zu Ohren gekommen. In einer Nacht wären zwei weiße Männer ta feine einsame Wohnung gedrungen, hätten seinen Sohn erschoßen, ihn selbst mtt einem Schiffs- mefler niedergeschlagen und wären hierauf mit seinem ganzen VorrÄ an Gelb und Perlen entflohen. ... Da es eine Helle Nacht gewesen, sei Tom, sein treuer Freund, erst spät vom Fischfcmge heimgekehrt und habe ihn be« wußtlos ausgeftmden; eine Stunde darauf habe Tom erzählt, daß er unterwegs zwei Männer getroffen hätte, bie, mit Lemwanbbeustln in ben Händen, eiligst ber Einfahrt zugeschritten wären, wo ein kleines Schiff vor Anker gelegen habe."
Mit einem knirschenden Fluch unterbrach Elligton bie Rebe feines Freundes; bann sprang ber Schiffsführer auf unb lief wst ein Irrer ta dem schmalen Raum auf unb ab.
„Wir sind verloren!" keuchte er verzweiflungsvoll.
„O, noch Ächt, Joe! Ich habe schon einen Ausweg gefunden!" beschwichtigte ihn der Superkargo mit der Ruhe eines Mannes, ber alle Möglichkeiten überlegt hat;; dann schenkte er sich ein Glas ein, tränt es aus unb1 fuhr fort: „Soweit hatte also PaosÄ erzählt, und ich! wartete jeden Augenblick, unser« Namen zu hören. Äs zu meiner Uebervaschung Mac CHarty, unser Dberfteuer« mann, hastig frag, wann dieser Uüberfall stattgefunden habe. Der Kanake antwortete chm, daß feit jener Nacht neun Jahre verflossen seien, worauf Mac Charty auf» (prang unb mit erregter Stimme rief, daß die Stunde ber Strafe für bie beiden Uebettäter gekommen sei. Er selbst habe in jener Nacht bas Schiff in dst Einfahrt gelenkt unb auf diese Weise zu Raub und Mord ahnungslos (feine Hand geliehen. Das Schiff sei die „Sydney" gewesen und jene beiden Schurken wären nstmand anders Äs Kapttän Ellington und Mr. Thomsen, der Super» fargo! . . . Er selbst habe uns zurückkommen sehen unt auch bemerkt, daß wst rundliche Gegenstände, ohne Zweifel die Lemendeutel, unter unseren Kleidern getragen hätten."
„Er hatte die Wache am Deck — es stimmt alles!'; . . . Und was wollen sie jetzt tun?" stammelte Ellington, zitternd über die heiße Stirn streichend.
(Fortsetzung folgt)