Fuld aerZeitung
Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stadt Fulda.
Nr. 166.
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Zrettag, 18. Juli 1924-
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51. Zahrg.
Vie Reparationskonferenz
kn London ist, nachdem allseitig hoffnungsvolle Be- Smßungsworte gewechselt worden waren, zur ildung von Kommissionen geschritten. Am Donnerstag fand keine Vollsitzung statt, sondern die Kommissionen gingen an die Arbeit. In den Vollsitzungen wird Macdonald den Vorsitz führen.
Der amerikanische Botschafter Kellogg, den Macdonald besonders begrüßt hatte, sagte, die amerikanischen Delegierten seien n i ch t in derselben Eigenschaft und mit denselben Befugnissen wie die anderen Konferenzstaaten anwesend. Amerika sei nicht Teilhaber am Versailler Vertrag. Die amerikanischen Delegierten seien jedoch in demselben Geiste der Hilfsbereitschaft gekommen. Kellogg sprach dem Dawes-Ausschuß die wärmste Anerkennung aus. Die amerikanische Regierung und das amerikanische Volk glaubten, daß die Annahme des Dawesberichts der erste große Schritt zur Stabilisierung Europas fein werde.
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Der Londoner „Evening Standard" sagt in seinem Leitartikel, seine beste Hoffnung sei darauf gegründet, daß sogar in Frankreich immer deutlicher erkannt werde, daß die gegenwärtige europäische Lage unerträglich sei und daß keine Möglichkeit bestehe, sie durch bloße Gewaltanwendung zu bessern. Der Dawesbericht biete trotz seiner von seinen Verfassern übersehenen Schwierigkeiten größere Möglichkeiten als irgend ein in früheren Konferenzen vorgelegter Plan. Wenn die jetzige Konferenz vielleicht auch nicht die eigentliche Regelung zustande bringen werde, bestehe doch Grund zu der Hoffnung, daß sie einen wesentlichen Fortschritt aus dem Wege zu diesem Ziele bedeuten werde.
Der Londoner Korrespondent des „Temps", der Gelegenheit hatte, einige Worte mit dem Ministerpräsidenten Herriot auszutauschen, bevor dieser sich zur ersten Sitzung der Konferenz begab, gibt folgende Erklärung Herriots wieder: „Es liegt kein Anlaß vor, s i ch z u b e e i l e n. Die Fragen, über die wir zu verhandeln haben, sind so verwickelt, die Ereignisse, die wir anstreben, von solcher Bedeutung, daß wir uns durchaus die nötige Zeit nehmen werde."
Die Aufgaben der KusfMffe.
wtb London. 17. Juli. (Tel.) Die „Times" schreibt, daß die Hauptaufgabe der Konferenz in den drei Ausschüssen liege. Der erste Ausschuß habe sich mit dem schwierigen Problem eines deutschen Verzuges zu befassen, welche Körperschaft, wenn Deutschland in Verzug geraten sei. darüber zu entscheiden habe und welche Maßnahmen ergriffen werden sollen. Es fragt euch, ob die Reparationskommisfion die entscheidende Instanz bleiben solle und ob diese Körperschaft von den Amerikanern und den andern Beisteuern zu der Anleihe, die für Deutschland aufgelegt werden soll, als entscheidend angesehen würde.
Der zweite Ausschuß hak den weg ausfindig zu machen, um die deutsche wirtschaftliche und politische Einheit, die vom Sachversiändi- genbericht gefordert werde, wiederherzustellen.
Der dritte Ausschuß wird sich mit der Methode der deutschen Zahlungen an die Gläubiger befassen.
Die kleinen Staaken beklagen sich, daß ihre Vertretungen in den Kommissionsn ungenügend seien. Sie erhielten jedoch von Maedonald diesbezügliche beruhigende Antworten.
Der Amerikaner in der Reparakionskommission.
wtb Paris, 17. Juli. (Tel.) Der Londoner Berichterstatter des Petit Parisicn meldet aus London, daß in der 1. Kommission gestern nachmittag das amerikanische Mitglied
eine wichtige Erklärung abgegeben habe. Es hat mitgekeikt, daß die amerikanische Regierung keinen Einspruch erheben werde, wenn in der Reparations-Kommission ein amerikanischer Staatsbürger Sitz und Stimme hakte, für den Fall, daß die Kommission eine etwaige schwere Verfehlung von Seiten Deutschlands testzustellen hätte. Die Möglichkeit der amerikanischen Beteiligung könnte jetzt zustande kommen, es frage sich nur, wer den amerikanischen Staatsbürger ernennen soll. Es seien darüber zwei verschiedene Auffassungen vorhanden. Rach der einen hätte die Reparationskommission selbst das Recht, den Vertreter der Vereinigten Staaken zu ernennen, der anderen Auffassung zufolge wäre diese Ernennung dem Vorsitzende n des internationalen Schiedsgerichtes im Haag vorzubehalten. Rach gründlicher Auseinandersetzung hat sich dann aber der letzte Standpunkt durchgesetzt.
* wasfernot in Rord-Ehina. Reuter meldet aus Shanghai: Der seit 14 Tagen niedergehende Regen verursacht ernstliche lieber« schwemmungen in ganz Nord-China. Der Eisenbahnverkehr zwischen Peking-Hankow und Ruai- yuan ist eingestellt. Em großer Teil der Stadt Kal- gau steht unter Wasser. Der bis jetzt übersehbare Schaden beträgt 1 Million Dollar. Sie griechischen, französischen und japanischen Konzessionsgebiete sind infolge Durchbruchs der Dämme übr< schwemmt worden«
Sozialpolitik im Reichstag.
Von den Abgeordneten Christine Teusch und Thomas Esser.
Die hinter uns liegende Zeit der dauernden Geldentwertung hat namentlich in ihrem letzten Stadium, als der Sturz unserer Mark ein rasendes Tempo angenommen hatte, das stolze Gebäude unserer sozialen Versicherung und der gesamten Fürsorgemaßnahmen in seinen Grundfesten erschüttert. Es bedurfte äußerster Kraftanstrengung, um wenigstens das Notwendigste vor dem drohenden Zusammenbruch zu retten. In der lieber» gangszeit zwischen dem Höhepunkt der Inflation und der allmählich einsetzenden Wirkung der Währungsstabilisierung sah sich die Reichsregierung genötigt, auf der Grundlage der ihr vom Reichstag erteilten Ermächtigung eine Reihe von Verordnungen zu erlassen, die seinerzeit scharf angefochten wurden und besonders im Wahlkampf eine große Rolle spielten. Wie wenig alle Parteien des Reichstages mit dem derzeitigen Stand der Sozialversicherung und der Fürsorgemaßnahmen einverstanden waren, zeigte sich in der Ueberfülle von Anträgen, die in den ersten Wochen nach dem Zusammentreten des neuen Reichstages eingebracht wurden. Wie immer war auch diesmal sestzu- stellen, daß ein Teil dieser Anträge aus der Absicht verantwortungsloser Agitation heraus geboren worden. Aber selbst wenn man die Anträge dieser Art in Abzug brachte, blieben von den Parteien, die es ernst mit der praktischen Arbeit auf sozialpolitischem Gebiet nehmen, eine große Anzahl wertvoller Anregungen und Forderungen übrig, die volle Beachtung verdienten. Es ist leider Tatsache, daß die Unterstützungssätze in den verschiedenen Versicherungsarten und Fürsorgeeinrichtungen absolut unzureichend sind und einer Erhöhung dringend bedürfen. Um auf diesem Gebiete das Notwendigste bald zu erreichen, trat der Neuner-Ausschuß des Reichstages (für soziale Angelegenheiten) in der jetzigen Reichstagspause zu einer viertägigen Beratung zusammen.
Der erste Tag, der einer Generalaussprache über die gesamten Gebiete gewidmet war, welche von der Erledigung harrenden dringendsten Anträge berührt wurden, brachte sowohl von Seiten der Reichsregierung als der Parteien sehr veachtliche Erklärungen zur heutigen Lage der Sozialpolitik. Das Reichsarbeitsministerium war auf die zu erwartenden Angriffe wegen seiner Verordnungen aus dem Winter 1923=24, die denn auch nicht ausblieben und namentlich von kommunistischer Seite in der üblichen leidenschaftlichen Weise geführt wurden, wohl gerüstet. Minister Dr. Brauns stellte fest, daß die angegriffenen Verordnungen keineswegs den Zweck gehabt hätten, in fozialpoii- tijcher Hinsicht abzubauen. Sie feien im Gegenteil unbedingt erforderlich gewesen, um von dem Bestehenden das Notwendige zu erhalten. Er schil- derte bie Verhältnisse in der Uebergangszeit zwischen Inflation und heute und zeichnete ein Bild der wirtschaftlichen Lage, insbesondere der Schlüsselindustrien, das auch den Radikalen Veranlassung zum Nachdenken darüber gab, ob der Wirtschaft mit den von ihnen gestellten Forderungen nicht vollends das Genick gebrochen werde. Ein Vertreter des Reichsarbeitsministeriums bewies an Hand von einwandfreiem Zahlenmaterial, daß Umsang und Leistungen in der Sozialversicherung Deutschlands auch heute noch gewaltig groß sind. Versichert sind gegen Krankheit 18 bis 20 Millionen Deutsche, gegen Invalidität und Alter 16 bis 17 Millionen Personen, gegen Unfall 24 Millionen Personen. Der Angestelltenversicherung unterliegen 1,6 Millionen, dazu kommt die knappschaft- liche Versicherung der Bergleute mit 450 000 Versicherten. An Renten liefen in der Jnvalideiwer- sicherung Ich Millionen Invalidenrenten, 0,2 Millionen Witwen- und Witwerrenten, 1,25 Mil-io- nen Waisenrenten, in der Unfallversicherung eine Million Verletzten- und Hinterbliebenenrenten. Die Versicherungen bedürfen heute an jährlichem Aufkommen:
Krankenversicherung 750 Millionen Gcldmark Invalidenversicherung 350 Millionen Goldmark Angestelltenversicherung 110 Millionen Goldmark Unfallversicherung 110 Millionen Gotümark
Zusammen 1320 Millionen Goldmark
Zur Invalidenversicherung gewährt das Reich einen Zuschuß von 90 Millionen Goldmark. Im allgemeinen werden die Beträge sofort in Leistungen umgesetzt. Die Rücklagen sind gering. Nur die Angestelltenversicherung hat einen Beitrags- Überschuß, der im allgemeinen in langfristigen Krediten angelegt ist. Ser Vertreter des Reichsarbeitsministeriums wies ferner nach, daß der Unterschied zwischen den Vorkriegsrentcn und den heutigen ziffernmäßig nur unwesentlich ist. Freilich müssen die Wirkungen der unter dem Druck der Inflation geschaffenen Einheitsrenken,
ferner der niedrige Stand der heutigen Löhne und die geringere Kaufkraft der Mark als erfchwerend mit in Betracht gezogen werden. Das Reichs- arbeitsministerium erkennt die herrschende Notlage durchaus an, muß aber Rücksicht nehmen auf die Finanzlage des Reiches und die schwer beeinträchtigte Leistungsfähigkeit der Wirtschaft, die größere Belastungen kaum ertragen können. Im übrigen dürfe man die Sozialpolitik nicht allein nach der Höhe der Sachleistungen beurteilen, sondern man müsse auch den Wert des vorbeugenden Heilverfahrens mit in Betracht ziehen, zumal sich die jährliche Sterblichkeitsziffer infolge von Tuberkulose aus 23 vom Tausend gesteigert habe.
An die Generaldebatte schloß sich in dreitägigen Weiterberatungen die Erledigung der dringendsten Forderungen auf dem Gebiete der Bersicherungs- leiftungen, der Erwerbslosenfürsorge und der Für- sorgepflicht nach den Ergebnissen der Verordnung vom 13. Februar 1924 an. Die Vertreter der Zentrumsfraktion verzichteten in voller Würdigung der tatsächlichen Lage, die durch die Generaldebatte eine hinreichende Klärung erfahren hatte, auf alle Anregungen und Anträge, die von vornherein den Stempel der Unmöglichkeit ihrer beschleunigten Durchführung trugen. Sie fand hierbei verständnisvolle Unterstützung durch die Vertreter der Deutschen Volkspartei und der Demokratischen Partei, der sich die Ausschußmitglieder der Bayerischen Volkspartei, der Wirtschaftlichen Vereinigung und fchließlich auch die Deutschnatio- nale Volkspartei und die Sozialdemokraten wiederholt anschlossen. Das Stärkeverhältnis der Parteien im sozialpolitischen Ausschuß hat sich im neuen Reichstag so sehr verschoben, daß für eine Mehrheitsbildung im Sinne einer praktischen sozialpolitischen Arbeit die Möglichkeiten nicht ganz leicht sind. In dem 28köpsigen Ausschuß ist die Sozialdemokratie mit 6 Mitgliedern, die kommu- nstische Fraktion mit 4 Mitgliedern und die Nationalsozialistische Freiheitsparter mit 2 Mitgliedern vertreten, während die Deutschnationalen 6, das Zentrum 4, die Wirtschaftliche Vereinigung 2, die Deutsche Dolkspartei 2, die Bayerische Volkspartei und die Demokraten je ein Mitglied stellen. Es zeigte sick bald, daß Sommunt ft en und Deutschvölkische in Bezug auf agitatorische Behandlung der ernsten Probleme die gleiche Taktik verfolgten, und daß die Sozialdemokraten, die an sich durchaus geneigt sind. Sozial» Politik nach den Gesichtspunkten des Erreichbaren zu betreiben, manchmal aus parteitaktifchen Gründen gezwungen waren, Rücksicht auf die kommunistische Konkurrenz zu nehmen. Wie weit das Agitationsbedürfnis der Radikalen ging, dafür nur einige Beispiele.
Die Kommunisten forderten Steigerung der Leistungen der Wochenhilfe, die für den einzelnen Entbindungsfall im ganzen über 1100 Mark an Kosten verschiedener Art ausmachten und brachten, als sie gefragt wurden, wie man sich' denn die Deckung für solche utopische Leistungen denke, folgenden Antrag ein:
Die Mittel für die Reichswochenhilfe werden auf dem Wege der hypothekarifchen Belastung analog der Vorschläge der Sachverständigen für die Erfüllung der Reparationslasten von den geschäftlichen Unternehmungen, wie Industrie, Banken, Handel und Verkehr aufgebracht.
Der Vorsitzende des Ausschusses, Abg. Esser- Köln (Ztr.), tat diesen Vorschlag, an den seine Ur» s Heber wohl selbst im Ernst nicht glaubten, mit der geschäftsordnungsmäßig nüchternen Feststellung ab, daß für eine solche Art der Deckungsfrage der Haushaltsausschuß, und nicht der sozialpolitische Ausschuß zuständig sei. Bei der Abstimmung über den kommunistischen Antrag betr. Erhöhung der Wochenhilfe fanden sich aber Kommunisten und Deutschvölkifche zusammen. Die Kommunisten sorderten alle Hilfe vom Reich, das für Reichswehr und Schupo und Beamtenbesoldungen Geld zum Fenster hinauswerfe. Die Deutschoölki- schen taten dasselbe und begründeten ihren Standpunkt mit dem Hinweis auf die nach ihrer Ansicht übermäßigen Leistungen an den Feind. Ein Reich und eine Wirtschaft, die bereit seien, die im Sach- verständigen-Eutachten geforderten Leistungen an die Alliierten zu zahlen, müßte erst für soziale und Fürsorgezwecke im Lande selbst das Äeußerste leisten. Die Deutschvölkischen beantragten eine Verdoppelung der Anwartschaften aus der Invaliden- und Angestelltenversicherung und verlangten einfach die Aufbringung der dazu nötigen Mittel durch eine entsprechende Erhöhung der Arbeitgeberbeiträge. Für eine solche einseitige und uto- pistische Sozialpolitik war erfreulicherweise die große Mehrheit des Ausschusses nicht zu haben.
(Ein zweiter Artikel folgt.)
Gegen öie deutsche Cicheka.
Reichstagsprüsident Wallraf hat der kommunistischen Reichstagsfraktion die Abfchrift eines Schreibens zugehen lassen, das er an den Untersuchungsrichter beim Staatsgerichtshof gerichtet hat und in dem es heißt:
Da nach Ihren Darlegungen die Taten und Pläne der deutschen Tscheka in engstem Zusammenhang mit einem vorbereiteten Hochverrat stehen, erteile ich Ihnen hierdurch gtzmüß Artikel 30 Absatz 2 der Reichsversassung zur Beschlagnahme der auf das Verbrechen des Hochverrats &e- | züglichen Schriftstücke.
Anlaß zu diesem Schreiben des Reichstags- ! präsideiiten hat eine Beschwerde der Kommunisten beim Staatsgerichtshof gegen die Beschlagnahme von Schriftstücken in den kommunistischen Frak- tionszimmern gegeben, die sich nicht nur auf die deutsche Tscheka, sondern auch auf die Vorbereitung eines Hochverrats bezogen.
* Die nächste Reichslagsfihung ist auf Diens- ‘ tag den 22. Juli, nachmittags 3 Uhr, berufen worden.
* Der preußische Landtag, der sich am Mittwoch noch über Fürsorgepflicht und Bergetat aussprach, wird am Donnerstag über die Hauszins»
1 jt* uer verhandeln. -
Ein neuer yexenwahn.
Wer jetzt auf einer Sommerreise durch die schönen bayerischen Stätüe kommt, findet dort alle Straßenecken mit einem Plakat „verziert", aus dem das „Volksbuch von Hitler" angebotev wird. Z. B. in Aschaffenburg konnte man dieser Tage das Plakat allenthalben sehen. Heut« wird uns aus Hochschulkrersen des bejetzten Gebietes geschrieben:
Nur mit Schaudern kann man an die Zeit denken, da in Deutschland die Scheiterhaufen auf» flammten, und ungezählte Unschuldige nach grausamsten Martern als Hexen einen furchtbaren Tod fanden. Jeder Freund feines Volkes wird zu Gott beten, daß er doch unser Vaterland vor einer Wiederkehr solchen Wahnes bewahre» gegen den man lange machtlos war, bis es nicht zuletzt dem rheinischen Jesuiten von Spee gelang, diesen Zauber zu bannen.
Aber zur Zeit zieht ein neuer Wahn gefahrdrohend über unser so hart geprüftes Volk, denn gewisse Kreise sind an der Arbeit, den konfessionellen Hader neu ausflammen zu lassem In München ist jüngst ein Buch erschienen, das einen traurigen Beleg dazu liefert Es nennt sich ein „Volksbuch von Hitler", und darf als das traurigste Zeugnis konfessioneller Verhetzung bezeichnet werden, das in letzter Zeit ans Licht getreten ist. Wir wollen einmal davon abjehen, daß es jeden wahren Vaterlandsfreund anekeln muß, wie mit dem Namen Hitler eine widerliche Personalpropaganda getrieben wird, wie man ihn zu geschäftlichen Zwecken ausnützt. Täte das ein Jesuit, so wäre es ja begreiflich nach der Ansicht der Verfasser, denn „der Zweck heiligt die Mittel", aber daß man selbst immer seine „reinen“ uni „lauteren" Absichten in Reden und Ausrufen betont, aber daneben solchen „Gejchästsidealismus" treibt, das ist eigentlich merkwürdig.
In diesem „Volksbuch" wird nun auch ein neuer Popanz aufgerichtet, der immer dielen Leuten zur Hand ist, wenn sie nichts an positiven Tatsachen anzugeben wissen: Der I e j u i t i s» mus. Seit einiger Zeit zieht wieder wie ein giftiger Schwaden die Hetze gegen den Orden durch die deutschen Lande, ein neuer Hexenwahn. Es besteht tatsächlich eine starke Verwandtschaft zwischen dem Hexenwahn und der Angst vor den Brü - dern aus der Gesellschaft Jesu.
Sogar viele sonst allen Zauberspuk ablehnenden und sich gebildet nennenden Männer und Frauen erschauern doch, wenn sie von jo „hochgelehrter" Seite, wie die Apostel des neuen Hitlerevongeliums neuester Observanz es sein wollen, lesen. Was wird dem armen Deutschland noch alles blühen von diesen Genossen des Antichrists und den verkappten Deutschenhassern schlimmster Sorte, als da sind — die Jesuiten! Auch darin liegt eine Aehrllichkeit mit dem Hexenwahn, daß man niemals den Angeklagten selber zu Worte kommen läßt. Wir haben Hunderte von Jesuiten in Deutschland, deren Wirken sich vor aller Oesfentlichkeit vollzieht. Warum untersucht man denn nicht deren Wirken, um die Gefährlichkeit des Ordens nachzuwei- fen? Statt dessen gräbt man in alten, längst als unkritisch erwiesenen Schmökern herum, lieft alte Mätzchen zusammen, die für alte Weiber gut genug sind. Dabei will man selbst in „Reinheit und Wahrheit" das Vaterland „aufbauen". Man könnte über das unkritische Geschwätz eines literarischen Geschäftsmannes zur Tagesordnung übergehen, aber das würde von jenen Streifen als Zustimmung angesehen werden. Wir müssen gestehen, w i r bewundern im Westen die Langmut der katholischen Kreise, daß sie sich von solchen Leuten derartig mitfpielcn lassen. Für sie wäre auch der Hieb die beste Parade. So sollten sie jene „Wahrheitsfreunde" einmal fragen, woher der eigene Zwiespalt in der Hitlerbewegung in der Stellungnahme zur Freimaurerei? Warum erklärt man es einmal als einen Programmpunkt der Bewegung, das Freimaurertum (das doch wahrlich selbst nach Zugeständnissen der völkischen Kreise dem Deutschtum im Kriege großen Schaden zugefügt hat), zu bekämpfen, läßt sich aber auf der anderen Seite von der gleichen Macht Gelder geben, wie die Spatzen von den Dächern pfeifen.
Woher kommen die Gelder, mit denen die Hitlerbewegung arbeitet? Aber es ist eine beliebte Methode, um von solchen Schwächen der eigenen Partei abzulenken, den altbewährten Popanz des Jesuitismus aus dem Winkel hervor- zuholen. Täten jene „Ultranationalisten" dem Vaterlande nicht einen größeren Gefallen, wenn sie es vor dem furchtbaren Schauspiel eines neuen Kulturkampfes bewahrten, als diese Brandfackel in unser Volk hinein zu werfen? Wir sind aber bereits bedenklich nahe am Ausbruch eines solchen Kampfes. Wir im Westen bedanken uns für eine solche „Liebe zu den besetzten Gebieten", wir wissen selbst, was wir unserem Vaterlande schulden, und brauchen es uns nicht von geschäftstüchtigen, volksvergiftenden Schreibern sagen zu lassen. Wir haben den mit Frankreich arbeitenden Separatismus abgewehrt, die um Hitler und Ludendorff aber haben uns das Volk entzweit.
Die so oft betonte reine Gesinnung, die Wahrheitsliebe der Kreise um den Verfasser des Volksbuches, wird es als Pflicht der Gerechtigkeit an» sehen müssen, daß man dem deutschen Bruder so lange seine Ehre lassen muß, bis er bewiesen hat, daß er diesen Namen nicht verdient.
Dies gilt unter anständigen Menschen, es behält auch Geltung, wenn der Gegner ein — i Jesuit ist. Athanasius.