! | Zuldaer Zeitung Nr. 164. j
Die Einsame.
Roman von Horst W e r t h e r n.
28] ---------
Weshalb also hatte sie so sehr gewünscht, daß es ein mberer sein möge, der den Sieg über ©efinens junges fttrj davontrage? Daß er, Rolf von Warneck, seinen ßinzug in dieses junge Herz gehalten, das wußte sie nody, bevor Sefine es ihr mit vertrauensvoller Zärtlich, ßeit mitgeteilt hatte. Und weil sie ihre Stieftochter tonnte, par es ihr auch vollständig klar, wie mächtig Sefinms Mpfinden sein mußte.
„Wenn er mich zum Weibe begehren wollte, so hätte fch bas Gefühl, es sei das höchste Glück, das mir ent» gegentrüt!" hatte Sefine gesagt, und sie gehörte nicht fu denen, die zweimal chr Herz verschenken.
Mit unerbittlicher Wahrheit fragte sich Magda:
„Meine Rolle besteht darin, die beiden einander näher K bringen, wie meine Sefine es wünscht, wie Baronin ohr es wahrscheinlich erwartet, und wie vielleicht auch er es sich träumt!“
Ja, soweit es in ihrer Macht stand, muhte sie alles tun, um öem Kinde, das ihr so teuer war, auch das Glück des Weibes zu sichern, sie durfte an ihr eigenes Ich nicht denken, sich nie daran erinnern, wie glücklich sie gewesen wäre, ihre Zukunft in die Hände jenes Man» nes zu legen, dessen Herz nun ihrer Stieftochter gehörte! Das wäre für sie der Frieden, das höchste irdische Glück gewesen!
Vorüber! Vorüber! Und sie mußte nun bis zur äußersten Konsequenz die Rolle durchführen, die das Glück ihrer Einsamkeit gemeßen und den Wahn der Mutterschaft in ihrem Herzen großgezogen hatte.
Sie erhob sich, einen Blick noch warf sie zu dem Altar hinüber, Laim flüsterte sie leise, mit unendlicher Innigkeit:
„Oh, meine Sefine, mein Kind, mein Liebling, alles Glück, desien ich nicht teilhaftig werden kannte,, will ich mit Gottes Beistand dir schaffen!"
Dann verließ sie rasch das Gotteshaus, und der Friede hatte in ihrer Seele feinen Einzug gcholtsn.
VI.
Sie hatte kaum Hut und Mantel abgelegt, als die Hausglocke erscholl und der Diener meldete, daß Herr von Warneck fragen lasst, ob die Frau Gräfin fst emp- ßcmgen wolle.
Sie fragte zu, dann trat sie noch für einen Augenblick vor den Spiegel, um ihr Haar zu ordnen, und warf einen prüfenden Blick auf ihre gesamte Erscheinung.
„Ich rufe kaum mehr den Eindruck einer jungen Frau hervor und tue wohl am besten daran, mich in der, mir von den Verhältnissen aufgenötigten Rolle zurecht, zufinden: ich soll nur Mutter fein, nichts als Mutter," fegte sie sich.
Sie verließ das Schlafgemach und trat in den kleinen Salon, dessen Portiere sie zur Seite schob. Rost stand vor dem letzten Silbe Sefinens, das eine sprechende Aehnlichkeit aufwies und erst kürzlich ausgenommen war.
Eine Sekunde lang betrachtete Magda Rolf, der in den Anblick des Bildes so vertieft war, daß er das Rauschen ihres Kleides gar nicht vernommen hatte. Dann ließ sie die Portiere niedergletten und trat mit ousge- streckten Armen auf ihn zu:
„Lieber Freund, seien Sie mir willkommen; ich freue mich aufrichtig. Sie zu sthen!"
Er starrte sie wie ein aus einem Traum Erwachter an, dann begrüßte er sie mit der gleichen Herzlichkeit, die er vor Jahren im Verkehr mit ihr cm den Tag gelegt, und Magda hegte das gleiche Gefühl, das einst in ihrer Seele gelebt, daß es güt sein müsse, unter dem Schutze dieses Mannes zu stehen.
Er entschuldigte sich, vielleicht zu früh gekommen zu fein, sie aber unterbrach ihn lächelnd:
„Sie stören mich niemals, ich erwartete Sie, berat ich hasste, Sie würden sich daran erinnern, daß ich eine alte Freundin bin, der Sie wohl nach Ihrer Rückkehr einen Besuch schuldeten, um so mehr, als Sie während Ihrer Abwesenheit mir nie ein Lebenszeichen gegeben."
„Zürnen Sie mir deshalb nicht und seien Sie überzeugt, daß ich darunter am meisten gelitten, wenn ich durch mein Schweigen die Bande zerriß, die mich an die Heimat fesselten. Ich war abgereift mit dem festen Entschluß, niemand mit der Erinnerung an mich zu be- Helligen."
„Warum?" fragte sie mit fünftem Ernst.
„Weil ich der Ansicht war, daß jene, die abreifen, so wie ich es getan, keine tiefe Neigung zurücklasfen, die ihnen in Gedanken überallhin folgt. Wenn man so dagestanden wie ich, ist man verpslichtet, in der Einsam, kett zu verweilen, die man sich selbst gewählt hat."
„Warum glauben Sie bas?"
. Sie hatte eine so vertrauenerweckende Art des Fra- gens, die ihm, der weder Mutter noch Schwester besaß, die cm seinem Tun und Lassen Anteil genommen hätten, doppelt Wohltat. Er scheute sich plötzlich nicht mehr, vom sich selbst zu sprechen, und redete mit ihr, wie man eben nur mit einer alten, bewährten Freundin spricht, ohne selbst zu bemerken, daß dies nicht mehr der Ton war, den man der Frau gegenüber annimmt, die man liebt. Er sah in ihr jetzt nur mehr eine zartsinnige Vertraute und fühlte das nur zu gut, doch ahnte sie nicht, daß er einst ganz andere Wünsche gehegt.
„Run ober", sprach sie endlich, „haben Sie mit dem Wanderleben ganz abgeschlossen, nicht wahr? Sie lassen sich nicht mehr zu Stellungen überreden, die Sie Ihren Freunden entfremden?"
„Voraussichtlich nicht, es müßte denn sein, daß Verhältnisse eintreten, die mich nochmals zwingen, meiner geliebten Heimat den Rücken zu zeigen. Wem, ich mich hier nicht so niederlassen kan-n, wie ich es wünsche, wenn es mir hier nicht gelingt, meine Einsamkeit aufzugeben, so werde ich vielleicht doch wieder in die Fremde ziehen. Ich habe nur bas sehr ausgeprägte Gefühl, daß ich vor einem Wendepunkt meines Lebens stehe."
Er hielt plötzlich inne, als ob er befürchte, zuviel gesagt zu haben; es hatte den Anschein, als wolle er einer Frage ausweichen, und mit einer gewissen Hast bemerkte er lächelnd:
„Aber, gnädigste Gräfin, Sie verleiten mich in ganz tmoerantrocrtlicbcr Weise, nur von mir selbst zu retten: um mir diesem Egoismus verzeihen zu können, bitte ich Eie, meinem Beispiel zu folgen. Ich möchte doch auch gerne wissen, wie Sie die letzten Jahre zugebracht haben?"
„Es waren glückliche Jahre, so glücklich, daß mir nichts zu wünschen übrig blieb."
Während sie diese Worte sprach, gedachte sie der Zärt- lichkest Sefinens, die ihr Dasein verklärt hatte: er aber wußte nicht, daß es Sefine fei, die ihr Geben ausgefüllt. Er fühlte sich plötzlich entfremdet und es war ihm, als ob sie sich in einer Welt bewege, die ihm gänzlich unbekannt war.
Er empfand ein leises Bedauern und in fast vorwurfsvollem Tone sprach er:
„Wissen Sie, gnädigste Gräfin, daß Sie ftne, die Ihrem Herzen nahestehen, allzusehr Ihrem Sinne
Zur Unterhaltung,
modeln: denn gleich Ihnen, lernen sie es auch, über all das zu schweigen, was ihr eigentliches Dafein bildet!'
Sie lächelte ein wenig, denn trotz allen Schmerzes, den sie empfand, tat es ihr doch wohl, ihn fo reden zu hören.
„Nur Sefine ist mir ähnlich, die andern ganz und gar nicht, besten mögen Sie versichert fein.“
„Don jenen andern habe ich zuerst erfahren, daß Ihre Freunde alle Ursache haben, auf Ihr Talent und auf Ihre Erfolge stolz zu sein!"
„Mein Talent, meine Erfolge", sprach sie lächelnd, „erweisen Sie mir nicht allzu große Ehre, Sie würden mich nur in Verlegenheit bringen; mein Talent ist mir gleichgültig, weil ich es, was Sefine immer in Zorn bringt, als Broterwerb ansehe."
Fast gebieterffch sprach er:
„Sie brauchen sich ja Ihren Lebensunterhall nicht zu verdienen!"
„Doch. Sie, der Sie mich nach dem Ruin meines Hauses kennen lernten; Sie, der Sie mir beigestanden, wissen doch besser als irgend einer —"
„Aber die schlimmen Tage sind Mcksicherweise vorbei!“
Sie sah ihm ein paar Augenblicke lang unverwandt ms Gesicht; dann sprach sie langsam:
„Wozu reden Sie solche Worte? Sie wissen so gut wie ich, daß meine Vermahlung mit dem Grafen Rotten- stett die Situation in keiner Weise geändert hat; nur der Schein gestaltete sich anders, ich habe gearbeitet, weil ich selbständig sein wollte und der Erfolg wurde mir in so hohem Grade zuteil, wie ich es nie erwartet hätte, nicht einmal in meinen ehrgeizigsten Träumen; so kommt es, daß ich jetzt unabhängig bin und es auch bleibe, wenn Sefine verheiratet ift und ich, einer wirklichen Mutter gleich, mein Scherflein beitragen kann zu ihrer Aus. ftattung."
„Zu ihrer Ausstattung?"
„Ja, ich habe ihr die Summe bestimmt, die der Gras von Rottenstett in feiner Großmut mir hinterlassen hat."
Sie sprach mit solcher Einfachheit und fand ihr Vor- gehen so durchaus natürlich, baß Rolf fühlte, ein Wort des Lobes würde ihr ebenso unverständlich sein wie ein Wort des Tadels. Mtt leichtem Lächeln fuhr sie fort:
„Im übrigen werde ich meiner fchriftstellerrschen Begabung in Zukunft wohl noch viel mehr zu danken haben als jetzt, dem, nur die Arbeit kann mir über die Leere hinweghelfen, die Ssfines Fernsein in meinem Herzen erwecken wird."
„Ihr Fernfein?" wiederholte er tonlos. „Wohin reift sie berat?"
Ich dachte an ihre Verwährung, denn ich bin leben Tag darauf gefaßt, daß sie mir entrissen wirb!"
„Ja?" ermtberte er sehr erregt „Ich kann sehr gut begreifen, bah alle Männer, die ihr nahen, von ihr ge- liebt zu werden wünschen. Sie haben ein recht entzückendes Geschöpf aus ihr gemacht. Sie erinnert in ihren Anschauungen, in ihren Geschmacksrichtungen, ja fast möchte ich sagen in jeder Bewegung, ganz ungeheuer an Sie!"
„Sie ist eine glückliche, junge, lächelnde Magda, wie jene Magda es war, die Sie Nicht gekannt haben! Es ist so lange her, daß ich selbst kaum mehr weiß, daß ich so gewesen! Natürlich weiß ich auch tausendmal bester als irgend ein anderer, wieviel Güte, wievtel Geist, wieviel Zartsinn und Zärtlichkeit in ihrem Wesen Hegt. Die Baronin Mohr hat mir schon sehr oft den Vorwurf gemacht, daß ich sie nicht beeinfluße, einen der Heirats. anträge anzunehmen, die ihr gemacht werden. Es geschah bisher nicht, weit ich wußte, daß keiner der Be. werber ihrer würdig gewestn und ich weiß, was sie einst für denjenigen sein kann, den sie liebt."
„Sie wird sein ganzes Glück ausmachen."
Diese Worte waren fast gleichlautend mit jenen, die Sefine ausgesprochen, als sie von Rolf sprach. Ihm schienen sie saft unwillkürlich entschlüpft zu fein, denn er hielt plötzlich inne und biß sich fast ärgerlich auf die Lippen. Ohne feine Worte zu beachten, fuhr sie scheinbar ganz unbefangen fort:
„Ich habe dem Grafen Rottenstett versprochen, ihr eine Mutter zu fein und soviel es In meiner Macht liegt, will ich sie nur mit einem Manne vermählen, der sie wirklich glücklich macht, so wie ich in meinet Jugend wünschte, glücklich zu fein."
Er antwortete nicht. Weshalb nicht? Was mochte er denken? Seine Stirne hatte sich plötzlich gefurcht. Auch Magda schwieg still. Sie hatte dir Empfindung, daß es an ihr fei, zu sprechen, aber die Kehle war ihr wie zugsschnürt. Mitleid für sich selbst, für die schwache Magda, die sich gegen das Opfer aufbäumte, das sie zu bringen hatte, lebte in ihrer Seele.
Ihre Bücke suchten das gebebte Bild Sefines, und es unverwandt anstarrend, sprach sie langsam:
„Wissen Sie, wovon ich träume, mein Freund?" „Wovon Sie träumen?“ wiederholte er langsam.
„Ja, ich träume davon, Ihnen Sefine zur Frau zu geben! ich glaube, daß es das Glück des Kindes und das Ihre wäre!"
„Sie mir zur Frau geben? Mir?"
Er hatte sich erhoben; tiefe Bewegung verriet sich in feinen Zügen, deren Ausdruck Magda die Gewißheit gab, daß er Sefine liebe.
„Sie?" sprach er fast stammelnd. „Sie wollten mir Sefine —"
„Zur Frau geben, ja, denn Sie sind nicht dazu geschaffen, allein zu leben!"
„Nein, aber es wäre Wahnsinn meinerseits, auf eine Frau zu hoffen, wie sie ist! Sie sind grausam, Gräfin, weshalb führen Sie mich in Versuchung?"
Bei dem herrschenden Halbdunkel vermochte er nicht ihre Züge zu sehen; ja, er konnte nicht einmal wahrnehmen, daß sie unverwandt ihre Blicke auf dem golden n Ring ruhen ließ, der das Symbol gewesen, daß sie ihr Leben in Ketten geschlagen; er wußte nicht, daß er sie mit einem einzigen Wort hätte dazu bringen können, in haltloses Weinen auszubrechen. Ihre Willenskraft lieh ihrer Stimme Festigkeit.
„Ich führe Sie in Versuchung, mein Freund? Aber inwiefern denn?"
„Well Sie mir einen unausführbaren Traum vor die Seele führen, den Traum, jenes Kind heiraten zu können!"
„Warum sollte dieser Traum unausführbar fein? Weil Sie meine Kleine nicht lieben?" Sie stieß diese Frage rasch hervor.
„Weil ich nicht hoffen kann, daß ich von ihr geliebt werde, von ihr, die unter den schönsten, längsten, verführerischsten Männern wählen kann! In ihren 'Augen vermag ich nichts anderes zu fein, als ein alter Freund, dem sie Vertrauen entgegenbringt, weil sie weiß, daß Sie für mich Freundschaft hegen und sie in Sie das allergrößte Vertrauen setzt!"
„Sprechen Sie nicht so, ich glaube wirklich, die 2a- ronftn meE;r ;*Mn zu hören."
gärte ihre Worte kaum; hoch aufgerichtet stand er ' vor ihr und blätterte mit nervöser Hast in einer Zcit- lchrift, die auf d-m Tische lag."
(Fortsetzung ft- .
Häuslichkeit.
Das edelste Glück, das dem Menschen werden kann, ist das stille Glück der Häuslichkeit. Kein anderes gleicht ihm.
Wer in der Kindheit die Segnungen einer zufriedenen Häuslichkeit genießen durfte, trägt in sich reiche Schätze mit hinaus in das wilde Getriebe des Lebens. Solche Menschen kennen Eltern- und Heimatliebe; das Vaterhaus ist und bleibt ihnen heilig, und der Gedanke daran läßt sie im Lebenskämpfe niemals moralisch zugrundegehen.
Gehen wir die Jahre unserer Kindheit zurück. Vielleicht gab auch uns das Vaterhaus das Glück stiller Häuslichkeit; vielleicht führt uns die Erinnerung in das traute Stübchen der Eltern, an den Tisch neben dem wärmenden Ofen. Draußen schneit es, scharfer Wind rüttelt an den Läden, im Stübchen ist es warm und traut. Der Vater, das dampfende Pfeifchen im Munde, erzählt; die Mutter näht; die Kinder lauschen, necken sich und spielen. Die Augen leuchten; die Herzen schlagen froh. Das Glück sitzt mit am Tisch. Die Sorge, die Entbehrung, die Zwietracht gehen scheu am Häuschen vorüber, — auf der Turschwelle stehen als Hüterinnen die Genügsamkeit und die Religion. Niemals werden Kinder das Vaterhaus vergessen, wenn dort das Glück der Häuslichkeit wohnte. Aus solchen Familien gehen meist innerliche Menschen hervor; Menschen, die Gemüts- wcrle in sich tragen, sich und der Mitwelt zum Segen. Diese inneren Werte, deren Keime schon in frühester Jugend in die jungen Seelen gesenkt wurden, werden nie verloren gehen. Mag auch die Hochflut des Lebens darüber hinbrausen und sie vorübergehend zum Schweigen bringen, es gibt Zeiten, die sie wieder leise erklingen machen; Stunden, wo sie sich mahnend regen und uns erwecken aus dem wilden Taumel, der uns den Traum der Kindheit vergessen ließ. Wie eine Fata Mor- gana steigt dann das Elternhaus als leuchtender Richtstern empor, — mahnend, warnend, bittend, — die Eindrücke der Kindheit sind verwischbar. Sie können manchmal durch äußere Verhältnisse scheinbar jahrelang vergessen sein; ein Wort, ein Ton aus längst vergangenen Tagen läßt sie plötzlich aufs neue wieder erstehen. Sie gleichen Narben, die zu gewissen Zeiten immer wieder an die einstigen Wunden mahnen.
Meist haben wir es der Mutter zu danken, wenn wir eine glückliche Jugend verleben dursten. Wie eine segenspendende Lichtgestalt steht sie im Mittelpunkt einer glücklichen Häuslichkeit. Eine Frau, die begreift, daß das Weib zum Opferleben geschaffen ist, die nicht vergißt, daß weibliche Jugend ohne Entsagung, Entbehrung, Bescheidenheit, Geduld und große Selbstüberwindung nicht vorhanden ist, trägt das Glück zufriedener Häuslichkeit in die Familie hinein. Es herrscht Einigkeit, Liebe, Zufriedenheit und häusliches Wohlbehagen. Das ist der Boden, auf dem eine gute Kindererziehung am besten gedeiht. Selbstüberwindung und Opferliebe des Weibes sind die Grundsteine zum häuslichen Glück.
Der Mann, der sich im eigenen Heim wohl fühlt, bleibt gern in der Familie. Er sucht das Vergnügen nicht außer dem Hause und trägt in sich den Frieden und die Zufriedenheit.
Oft beklagen Frauen im nächtelangen Kummer den Verlust der Häuslichkeit. Es war erst anders gewesen. Da war der Mann daheim geblieben, war zufrieden und verträglich und freute sich im Verkehr mit seinen Kindern. Und nun geht er täglich aus dem Hause, macht Reifen oder besucht Klubs und Gesellschaften, ist daheim launenhaft, gilt bei den Schwiegereltern als entartet und erpreßt seiner Frau bittere Tränen. Und diese denkt gar nicht daran, daß oft kleine Urfachen große Wirkungen haben, daß lediglich sie selbst an der Veränderung ihres Mannes die Schuld trägt.
Der Mann wußte vielleicht anfangs selbst nicht, was ihn aus dem Hause trieb; er fühlte es nur als Unbehagen, es gefiel ihm nicht daheim, ohne einen eigentlichen Grund dafür zu wissen. — Die meisten Männer lieben vor allem die Behaglichkeit. Man sagt ihnen auch nach, ihre Liebe mache den Umweg durch den Magen. Es ist dies in vielen Fällen Tatsache. Die Frau, die ihre Häuslichkeit beklagen muß, vernachlässigt häufig diese beiden Punkte. Freilich, gar oft im Drange der häuslichen Arbeiten oder infolge der Pflichten der Mutter. Und doch muß die Pflicht dem Manne gegenüber an erster Stelle stehen. Das Familienglück muß, ob dies auch mancher Mutter schwer fallen mag, vor der Liebe zum Kinde stehen. Das häusliche Glück kommt ja doch in erster Linie den Kindern zugute, während Familiendifferenzen wie Rauhreif auf die Kinderseele wirken. Kommt der Mann müde und abgearbeitet aus der Tretmühle der täglichen Berufsarbeiten heim, dann muß im Hause alles darauf eingestellt fein, dem Gatten und Vater das Daheim recht behaglich zu gestalten. Das sei oberstes Gesetz, das auch das Jüngste des Hauses zu beachten hat.
Wo ein solcher Geist die Häuslichkeit regiert, da wird kein Gefühl des Unbehagens den Mann von der Familie fort ins Wirtshaus treiben; es wohnt der Friede im Haus und das echte Glück!
Freilich gibt es oft im Familienleben traurige Ausnahmefälle, wo auch das selbstloseste Weib, trotz aller persönlichen Opfer und Entsagungen vergebens das Glück der Häuslichkeit zu bannen sucht. Den Kindern zuliebe tragen diese stillen Dulderinnen lächelnd die Dornenkrone der Märtyrin durch das Leben, stets bereit, nicht nur alle Demütigung und Kränkung und Zurücksetzung zu vergessen, sondern auch die schwersten persönlichen Opfer um den Preis des Familienglücks zu bringen. Das sind Heldinnen im wahrsten Sinne. Ungekrönte Königinnen! Wie eine Schmach verstecken sie hinter hellem Äug' und heiterer Stirne den Kummer ihrer durchweinten Nächte. MU heißer Sehnsucht fd-cuen sie den hellen Lichtschein hinter den Fenster n ihrer glücklicheren Freundinnen, um klagte s ihre stillen Schmerzen und heimlichen Wünsche wieder mit heimzutragen, duldend, hoffend, bis das kampfmüde Herz stille steht.
„Der ist der Glücklichste, er fei ein König oder ein Geringer, dem im eigenen Hause Wohl bereitet ist," sagt Goeche.
Und ein anderer Dichter spricht:
„Des Gottesfriedens Heimat ist das Haus!"
........•■■■■■•........... ■•■Clllll
Aus aller well.
— Die letzten deutschen Biber. Dor einiger Zeit ging durch die Presse eine Mitteilung, wonach die letzte deutsche Biberburg aus dem rechten Ufer der unteren Saale im Kreise Calbe zerstört und ihre beiden Bewohner von unbekannter Hand er- chlagen worden sein sollen. Wie nun Dr. Floe- ricke im „Kosmos" mitteilt, ist diese Nachricht stark übertrieben. Allerdings haben Rohlinge eine bei Calbe bestehende Biberburg zerstört, aber der Hauptbau besteht noch und auch die beiden Biber leben noch. An verschiedenen Stellen leben noch sowohl Pärchen als auch Einzelgänger. Im allgemeinen ist die Stimmung der Bevölkerung für den Biber nicht gut, weil sein forstlicher Schaden sehr ins Auge fällt; namentlich die Weidenpächter sind schlecht auf die Tiere zu sprechen. Die Fischer sind geteilter Ansicht; manche beklagen sich, daß die Biber ihnen die Netze zerreißen, andere aber meinen, man solle sie ruhig gewähren lassen, weil sie wertvolle Gehilfen für die Fischer seien. Wo die Biber Holz ins Wasser werfen, da sammeln sich darunter die Karpfen, und die Fischer wissen deshalb immer, wo sie Karpfen zu suchen haben. Auch unter den Biberbauen sollen die Karpfen zu jeder Tageszeit stehen, und wenn dann vom Fischer der Bau beschädigt wird, wird rasch ein neuer gebaut, ohne daß es die Tiere besonders übel nehmen. Geklagt wird darüber, daß die zoologischen Gärten beständig unter Gebot hoher Preise an Müller und bergt schreiben, daß man ihnen Biber schicken solle. Unsere Tiergärten können den Biber schließ- sich auch anderswoher beziehen als gerade aus dem letzten deutschen Bibergebiet.
— Der Gedanke des Flug-Zuges ist wohl für den Laien bestechend, für einen Flugzeugführer da- gegen kaum. Gewiß läßt sich, wie Heuckeroth im „Kosmos" schreibt, ein motorloses Flugzeug von der Erde aus durch ein Motorboot, ein Automobil usw. schleppen (wir haben da für diese Möglichkeit das einfache Beispiel des Kinderdrachens). Das Haupthindernis für die Ausnutzung dieses Gedankens ist aber der sog. „Propellerwind", das find die Luftströmungen, die die Luftschraube hinter der Maschine erzeugt. Aus unseren Flugplätzen sind eine nicht geringe Zahl der Unfälle dadurch hervvrgerufen worden, daß die einzelnen Maschinen zu kurz hintereinander starteten oder flogen. Dies führte dazu, daß die Starter angewiesen mürben, einen Minbestabstanb von 300 Meter von Flugzeug zu Flugzeug einzuhalten. Die größte Wirtschaftlichkeit bes Luftverkehrs wirb wohl barin liegen, bah bas Zukunftsflugzeug etwa als bas ausgebilbet wirb, was wir heute unter motorlosem Flugzeug mit Hilfsmotor verstehen. Flugzeuge tiefer Art würben inzwischen auch gebaut unb sollen in biesem Jahre auf ber Wasserkuppe zu be- sonberen Konkurrenzen zugelasfen werben.
— Schildkrötenjagd auf dem Lande. Wie die Schildkröten erlegt werden, wenn sie zu gewissen Zeiten an Land kommen, um ihre Eier abzulegen, erzählt der „Kosmos". Die Insulaner der Torres- straße legen sich im Schatten bes tropischen Laubwerks nahe bem Strande nachts auf die Lauer. Schwerfällig schieben sich die Schildkröten unter Wahrung ber größten Vorsicht über ben Stranb, eine auffallende Spur hinter sich lassenb, unb beginnen mit ben Hinterfüßen ein zylinberförmiges Loch in ben Sandboden zu graben. Abwechselnd arbeiten sie dabei mit ber rechten unb mit der linken hinteren Schaufel. Nun ist das Nest fast 40 Zentimeter tief. Befriedigt stellen die schwerfälligen Geschöpfe die Arbeit ein unb beginnen ihre etwa 100 Eier abzulegen, bamit bie warme Sonne bas übrige tue. Diesen Zeitpunkt benützen die Jager, packen mit kräftigen Griffen die Schaufeln, und bann liegen bie Schilbkröten, die ihre Angreifer bloß etwas anzufauchen wissen, hilflos auf bem Rücken; bies wiederholt sich so oft, bis etwa 40 ober 50 ber Tiere, bie bis zu hundert und mehr Pfund wiegen (handelt es sich doch um die sog. Suppenschildkröte, die sogar 1,1 Meter Panzerlänge unb bis 450 Klg. Gewicht erreicht unb alle Meere in ber heißen Zone bewohnt-, umgelegt sinb. Inzwischen werden die Eier gesammelt, die Schildkröten dann mit Knüppeln totgefchlLgen und in die in der Nähe liegenden Kähne geschleppt.
— Rennfierfarmen. In Nordamerika hatte man mit der Zähmung des Karibu, des dort einheimischen Renntieres, kein Glück. Diese Tiere sind zwar größer als die Renntiere aus dem nördlichen Europa, aber auch viel wilder und scheuer. Einige Züchter in Alaska ließen deshalb mit großen Kosten sibirische Renntiere einführen, die sich dort sehr gut eingewöhnten und schnell vermehrten. Jetzt ist die Renntierzucht eine der bedeutendsten und ergiebigsten Unternehmungen des nordwestlichen Amerika. Allerdings hat man die Sache dort in echt amerikanischer Weise ganz großzügig angefaßt unb sich nicht etwa mit bem primitiven Zuchtverfahren, wie es z. B. bei den Lapp- länbern üblich ist, begnügt. Man hat ähnlich den ungeheuren Ochsen- und Hammelweiden große Renntierfarmen errichtet, in denen man die Zucht planmäßig im großen betreibt. Man hat verschiedene Unterarten herangezüchtet und deren Eigenschaften besonders entwickelt, je nachdem man hauptsächlich auf das Fleisch, auf das Fell oder auf die Zugkraft Wert legte. Bei jeder dieser Zuchtrichtungen hat man günstige Ergebnisse erzielt So versorgen die Renntierfarmen die Schlächtereien in Chicago bereits mit Tausenden Tonnen Fleisch, das in den Vereinigten Staaten immer mehr geschätzt wird. Es läßt sich vorzüglich konservieren, so daß es bereits eine hervorragende Stelle neben dem „Corned beef" einnimmt. Auch die Felle finden vielseitige Verwendung, und dabei ist hier der Gestehungspreis viel niedriger, als wenn arme Trapper auf mühevollen Jagden einige Karibus erlegen. Auch bie Leistungsfähigkeit des Renntiers im Ziehen ist erheblich gesteigert worden. So hat ein Gespann zehn Meilen (etwa 16 Sim.) in 27 Minuten 20 Sekunden zurückgelegt, also eine Geschwindigkeit entwickelt, die nur wenige Pferde (abgesehen von den eigentlichen Rennpferden) errei* eben. Das ist für jene Gegenden, in denen die Verkehrsmittel teils fehlen, teils großen Schwierig- feiten begegnen, natürlich von bedeutendem Werte. Hierdurch wird es möglich, die ungeheuren Bezirke des nördlichsten Amerikas, die früher öde und kaum von einigen dürftigen Jndianerstämmen bewohnt waren, ber Kultur zu erschließen. Das Wirtschaftsleben ist schon jetzt dort so gefördert, daß an Stelle ber indianischen Wigwams der früheren Zeit große Städte der Arbeit zu finden sind.