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Zur Unterhaltung.

Nie Einsame.

Roman von Horst Werthern.

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Rlckf mürbe gern Fragen über Magda an Sefine ge­richtet haben, aber er wagte es nicht. Unwillkürlich aber erbebte er, als sie, fast seinen Jdeengang erratend, mit einem Seufzer sprach:

.Ich bebaue«, baß Magda nicht hier ist: ich weiß, daß sie sehr viel Sympathie für Sie hegte, baß sie Sie als guten Freund betrachtete, und sie würde sich gewiß freuen, Ihnen wieder begegnen zu können."

Der Klang ihrer Stimme war ein so herzlicher, daß man unwillkürlich das (Befugt hatte, ihre Worte seien mehr als eben nur eine gesellschaftliche Phrase, und Rolf fühlte sich auf das angenehmste berührt.

Ich wäre es, sprach er ernsthaft,der sich mir allzu glücklich schätzen würde, wenn Gräfin Rottenstett sich meiner noch entsinnen wollte, was ich ja kaum er­warten kann.

Da Sie Magda Lennen, müssen ®ie auch wissen, bah sie vollkommen unfähig ist, je die zu vergessen, die sie einmal chre Freunde genannt hat, und ich erinnere mich sehr genau, daß Sie es gewesen, die sie zu jenen zählte . . ." Ihre Rede wurde plötzlich abgerissen, da der kleine Junge, den sie am Strand betreut hatte, auf sie zugeeilt kam und rief:

Sefine, Frau von Mohr verlangt nach Dir, sie sagt, daß es Mittag sei und sie nach Hause wolle.

Die beiden traten nun an die Gruppe heran, die sich um die Baronin gebildet hatte.

Ungeduldig rief die alte Dame:3hm, Sefine, ich dachte schon, Du würdest gar nicht mehr kommen? Was soll das bedeuten, daß Du so spurlos verschwindest? Ach, die Kleine hat oben doch eine sehr merkwürdige 6r- fiehung erhalten!

Einen Slugenbüct lang blitzte es zornig auf in Se» sinsns Augen, die Erziehung aber, die Frau von Mohr kritisierte, hatte ihr jedenfalls tadellose Selbstbeherrschung beigebracht, und nicht mit einer Silbe verriet sich in ihrem Wesen die innere Erregung. Mit leicht geröteten Wangen verabschiedete sie sich von den anwesenden Da­men, und Rolf, der sie mit unoerholener Neugierde be­trachtete, war von dem feinen Takt, der sich auch in der Art zeigte, wie sie die huldigenden Begrünungen der Herren entgegennahm, sichtlich betroffen.

War sie noch ein Kind? Oder schon ein reifes Weib? Ohne Zweifel war sie sehr intelligent, sehr warm fühlend und aufrichtig.

Herr von Warneck, wir werden uns bald Wieder­sehen, wie ich hoffe, bemerkte die Baronin, die nun ihre gute Laune tmebergefunben hatte, lächelnd.

Wenn Sie es gestatten, gnädigste Frau, weide ich mir erlauben. Ihnen bald meine Aufwartung zu machen." .Sie sollen mir stets willkommen sein, aber damit Sie keinen unnötigen Weg machen und mich nicht zu Hause treffen, lade ich Sie für Donnerstag zu Tisch,, es wird sich nur ein kleiner Feundeskreis zufammenfinden."

Er verneigte sich dankend und war im Grunde ge­nommen durch diese Einladung so hoch beglückt, daß er bei ruhiger Ueberlegung über diese glückselige Stimmung selbst hätte staunen müssen. Aber momentan hatte er keine Lust, sein Empfinden zu zergliedern.

.in.

Kalter Herbstregen schlug an die Fenster, und Magda faß, in Gedanken versunken, vor ch«m Schreibtisch, ohne zu arbeiten. Ihre Blicke ruhten auf dem Bilde Sesinen, aus jener Zeit, da sie ihr noch nicht mit der leidenschaft­lichen Zärffichkeit entgegengekommen war, die sie jetzt für sie empfand. Die Gräfin weilte nun einige Tage in der Stadt, um der Rückkehr Sefinens zu harren.

Die sechs Wochen, wähvovÄ derer sie jeden Sommer von ihrer Stieftochter getrennt war, lasteten schwer mr ihrer Seele, um so schwerer, weil sie Sefine nie zeigen durfte, wie ungern sie sie von sich sieh, da diese dann niemals zu der Großmutter gegangen wäre. Sie brachte das Opfer, sich von Sefine zu trennen, um so eher, weil sie wußte, daß die Baronin ihr stets öffentlich und ver- steckt den Vorwurf machte, daß sie Sefine zu sehr für sich in Anspruch nehme. Ueberbtes gebot die Klugheit, sich nach und nach an die endliche Leere zu gewöhnen, die Se« fines Heirat ja doch jedenfalls mit sich bringen mußte.

Eines Tages, vor langer Zeit, hatte der Gras von Rottenstett ihr erklärt, es fei unmöglich, daß eine Frau ihres Alters glücklich wäre, wenn sie nur eine mütterliche Rolle auszufüllen habe. Und doch war das der Fall gewesen. Die verflossenen fünf Jahre bildeten für sie eine Quelle des reinsten Glückes, weil ein Kinderherz sich ihr vollständig hingegeben.

Nicht ein einziges Mal hatte sie während der Dauer dieser fünf Jahre sich ein anderes Schicksal gewünscht, niemals war sie in Versuchung gekommen, einen der Be- Werber zu hören, die ihr die Hand geboten. Möglicher» weise hatte sie der Gedanke daran gehindert, eine solche Werbung anzunehmen, da sie sich voll Bitterkeit sagte, jene Männer, mit denen der Zufall sie zusammensührte, jene Männer, die die Gräfin von Rottenstett freien woll­ten, wären an der armen Erzieherin Magda- v. Foreck Dorfibergegangien, ohne ihrer zu achten.

Zuweilen wunderte sie sich selbst darüber, daß es keinem der Männer, > mit denen der Zufall sie zusammen- führte, gelungen war, die Empfindung zu neuer Macht zu erwecken, bte Rolf von Warneck m ihrer Seele wach, gerufen.

Sein beharrliches Schweigen hatte ihr bittere Ent­täuschung bereitet und sie gelehrt, daß man gut daran tue, niemals an die Dauer von Neigungen zu glauben, wenn diese auch noch so aufrichtig scheinen. Sie wollte nichts weiter fein als nur Mutter, und sie sagte sich nicht, daß es vielleicht ein Wahnsinn war, sich so ganz und ausschießlich nur der einen Aufgabe zuzuwenden, die sie sich selbst gestellt, und gar nicht mehr an ihr eigenes Ich zu denken. Was konnte sie von der Zukunst er­warten, sie, die nichts mehr zu hoffen hatte? Warum gedachte sie all dieser Dinge gerade jetzt, da sie eine Stunbc, bevor sie zur Dahn fahren mußte, um Sefine abzuholen, die Briefe ordnete, die sie während ihrer sechswöchigen Trennung täglich von dem jungen Mädchen erhalten hatte. Sie blätterte in diesen Schriftstücken und las die eine oder andere Seite mit besonderer Aufmerk­samkeit durch. 1

Die ersten Briefe galten nur dem Schmerz der Tren­nung. In einem davon schrieb Sefine mit geradezu rührender kindlicher Zärtlichkeit:

Meine geliebte Magda, meine teure Mutter! Wes­halb hast Du mich von Dir fortgeschickt? Ich sehne mich nach Dir, nach Deiner geliebten Stimme, die meinen Nomen nennt, nach Deinen zärtlich und treu blickenden Augen. Einem Kinde gleich, habe ich das heiße Derlan- gen, mich zu Dir flüchten zu können, und der Gedanke allein, daß ich nur auf Deinen auÄrücklichen Wunsch hin hier bin, macht mich tapfer.

Ja, meine teure Magda, ich bin wirklich tapfer, vor der Großmutter und vor allen; so tapfer, als Du es nur

wünschen kannst. Gleichzeitig ermangele ich aber nicht, genau so weltlich zu sein, wie Großmama es von mir begehrt. Ich kleide mich so, wie es ihr zusagt, und tue es nur, damit sie Deinen guten Geschmack anerkennen lernt, denn Du warst es ja, für Deine Tochter jene Toi­letten auszusuchen, die den Beifall der Großmutter ern­ten konnten. Meine teure Magda, wenn die Tage, die ich ohne Dich verbringen muß, nur schon ihr Ende er­reichen wollten; mein armes Herz sehnt sich nach Dir, denn es liebt Dich mit jedem Pulsschllig.

Einige Tage später schrieb Sefine abermals:

17. August. Meine süße Magda! Welch frivoles, alltägliches, überhastetes Dasein führt doch Dein Kind! Du kennst die Ansichten der Großmutter zu genau, um nicht zu wissen, in welch übertriebenem, gesellschaftlichem Chaos wir hier leben, und ich fühle mich, ehrlich ge­standen, m dieser Gesellschaft nicht wohl. All die zahl­reichen Freuvde der Großmama wären bereit, mir den Hof zu machen, wenn ich mich dazu herbeiließe.

Nun aber, meine Hebe Magda, laß mich ein für mich recht beschämendes Bekenntnis oblegen: daß es nämlich Tage gibt, da ich der Versuchung nur schwer widerstehen kann, meine Macht an all den Rittern zu erproben, an denen mir im Grunde genommen nichts ober weniger gelegen ist. Nicht wahr, Magda, Du nimmst mein Bekenntnis mit all jener Milde entgegen, die Du sonst immer für mich an den Tag legst? Und Du verzechst es Deiner kleinen Sefine, daß der Weih­rauch der Huldigung, die man ihr darbringt, ihr zu Kopf gestiegen ist?

Dienstag, 24. August. Du wirst nie erraten, meine Magda, mit wem ich am Strand zusammengetroffen bin! Mit Herrn von Warneck Du erinnerst Dich doch Deines Freundes?

Ich war ans Meer gegangen, um zu sehen, wie der Sturm die Wellen peitscht., und plötzlich riß dieser mir den Schleier vom Gesicht, den ein Spaziergänger auffing und mir überreichte. Der Herr grüßte artig, und als ich zu ihm emporblickte, hatte ich die Ueberzeugung, daß ich ihm schon einmal im Leben begegnet sei. Ganz plötzlich erwachte der Name Herrn von Warnecks in meinem Gedächtnis, doch dachte ich, daß es sich hier um eine Täuschung handeln müsse. Er war es aber trotz­dem in eigenster Person. Am nächsten Morgen hat Herr von Geyer ihn mir am Strand vorgestellt, und ich war sehr verwundert, ihn nicht doch gleich erkannt zu haben. Er sieht noch gerade so aus wie einst; etwas schmäch­tiger, etwas gebräunter vielleicht, aber noch immer mit dem gleichen energischen Gesichtsausdruck und dem durch­dringenden, lebhaften und doch zuweilen recht sanften Blick.

Mütterchen, Dein Fremd muß trotz seiner mitunter etwas allzu herrischen Art von großer Güte sein, und ich weiß nicht, weshalb ich mir einbilde, daß er jene, die er liebt, sehr innig Heben muh. Andererseits kommt es mir vor, daß er jenen, die ihn enttäuscht haben, sehr schwer verzeihen dürste."

27. August. Dein Freund Warneck fff entschieden mit Feuer und Flamme in Großmamas Kreis gedrun- gen. Er machte einen Antrittsbesuch, wir waren zwar nicht zu Hause; doch kommt er am Donnerstag zu Tisch und wird jedenfalls auf das allerliebenswürdigste emp­fangen werden.

Vielleicht weil er aus Afrika zurückgekehrt, ist er stolz daraus, sich sein Vermögen dort allein erworben zu haben! Zu diesem, wie es heißt, sehr namhaften Vermögen, ist aber auch noch, eine Erbschaft gekommen, so daß er zu den glänzendsten Partten des Landes ge­bürt und alle Mütter heiratsfähiger Töchter ihm den Hof machen. Mich möchte Großmama mit dem jungen Fürsten Isenburg verheiraten, aber wozu mich quälen, wozu mich zu einer Konvemienzheirat messen, mich, die ich so jung bin und so glücklich in die Zukunft sehe, noch so viel von dieser erwartend! Vielleicht begehre ich wirklich zu viel, vielleicht wird das Leben mich ent­täuschen; aber ach, ich möchte so gern ein kleines Mäd­chen sein, das um feiner selbst willen geliebt wird und dann auch sein ganzes Leben für diese Liebe hingibt.

Vielleicht ist es zu viel verlangt, wenn ich von mei­nem Gatten die gleiche Liebe begehre, die ich für Dich hege! Heute aber bin ich noch zu jung, um diesem Traum zu entsagen, und tadelst mich deshalb nicht, dem Du weißt ja alles, was die Seele Deines Kindes bewegt. Ich liebe Dich mehr als alles auf Erden, Du, meine viel­geliebte Mama!

2. September. Liebste Magda! Spotte meiner nicht, sage mir nicht mit ironischem Mitleid, ich soll es unter- lassen, mich auf meinen Elfenbeinthron zu setze-n, um über andere ein Urteil zu fällen, da ich nicht besser sei als jene anderen. Sm Vertrauen. Dir allein getagt, muß ich Dir bekennen, daß ich für Deinen Freund, Herrn von Warneck, sehr lebhafte Sympathie zu empfinben beginne, und diese Sympathie steigt, je näher, ich ibn kennen lerne; vielleicht auch, well ich weiß, wie sehr Du ihn schätzest, weil ich mich erinnere, wie viel Gutes Herr von Gever mir von ihm erzählte! Und so kommt cs, daß ich ihm gegenüber gern aus meiner Abgeschiedenheit heroovtrete.

Es steht doch fest, nicht wahr, Magda, daß Du Deiner Kleinen nicht spottest, und so darf ich Dir wohl auch be­kennen, welche Freude es mir macht, zu bemerken, daß die kleine Sefine ihm einer gewissen Beachtung würdig erscheint.

Vermutlich well Herr von Warneck mich als kleines Mädchen kannte, verkehren wir auf dem Fuß alter Freunde, die sich nicht davor scheuen, ihre Ansichten über Leute, Dinge, Bücher und Landschaften unumwunden zu äußern, ihre teuersten und intimsten Empfindungen aber sorgfältig in sich selbst verschließen.

Gestern abend jedoch haben wir zum allerersten Male den Gehckmschrank unseres Seelenlebens ein ganz klein wenig geöffnet. Rach dem Diner plauderten wir zusammen auf der Terrasse.

Am Morgen schon war er mir begegnet, als ich auf die Straße hinaustrat. Als wir am Abend einen Augen­blick lang allein zusammenstanden, wurde durch eine zufällige Bemerkung die Erinnerung an die Begegnung am Morgen wachgerufen. Unter Gespräch wuNde plötz­lich, ehe ich mich beffen versah, ernster, als es zuvor gewesen. Wir erinnerten uns gemeinsam meines armen Vaters, und zum ersten Male auch sprach ich ihm von Dir um Deiner selbst willen, nicht nur von Dir als Schrisfftellerin. Ich erzählte chm, was Du für mich, für das Kind, das Du wie Dein eigenes betrachtetest, alles getan hast; ich sagte ihm, daß ich das Gefühl habe, Dich nie genugsam lieben zu können!

Herr von Warneck hat mich begeistert, als er mir er­klärte, daß in meiner Art des Sprechens, in meinen Bewegungen und in meinen Ansichten ich ihn ganz außerordentlich an Dich erinnere. Ist das nicht köstlich? Du siehst also, Magda, daß ich als eine kleine Wieder­gabe Deines eigenen Jchs angesehen werde, Du kannst mich also nicht mehr verleugnen!

Dieser eine köstliche Abend hat mich für so manche andere entschädigt. Leider währte er nicht lange, denn

ich mußte bald in den Salon zurückkehren, um dort als wohlerzogene junge Dame müßiges Zeug zu reden.

9. September. Ich habe Dich nie erzählen hören, meine teure Magda, daß Herr von Warneck ein aus- gezeichneter Musiker ist, wenn er auch nicht selbst musi­ziert. Und doch ist es der Fall; gestern machte ich zu- affig diese Entdeckung. Höre nur, wie das geschah: Aus- nahmsweif« hatte Großmama mich von einer Visiten- runde dispensiert, die ich sonst gewöhnlich Schlag vier Uhr mit ihr unternehmen mutz. Ich freute mich der ungewohnten Freihett, stellte Dein Bild auf das Klavier und fing an zu musizieren. Für mich war das ein Festtag, und ich begann sogar zu singen. Du weitzt ja, daß ich das nur zu tun pflege, wenn ich ganz allein oder mit Dir zusammen bin. Die Fenster standen wett offen; ich konnte aus der Ferne das Meer sehen.

Plötzlich hatte ich das Gefühl, daß ich nicht mehr allein sei. Hastig wandte ich mich um und gewahrte tat­sächlich neben der Portiere des großen Salons Herrn von Warneck, der an bie Wand gelehnt, mir fett, Gott weiß wann, zugehört hatte.

Nicht wahr, das ist sehr indiskret gewesen? Ich war böse auf ihn und auch böse auf mich selbst, weil ich bas Gefühl hatte, nicht hinreichend entrüstet zu sein.

Er merkte mein leichtes Sttrnrunzeln und fragte mtt einer gewissen Hast:

Zürnen Sie mir wirklich, weil ich meine Gegenwatt nicht früher verriet? Ich kam, well Ihre Frau Groß­mutter mich für halb sechs Uhr hierher bestellte. Der Diener ließ mich eintreten; Sie hörten mich nicht, und ich vermochte bei Versuchung nicht zu widerstehen, Ihrem ausgezeichneten Spiel zu lauschen.

Das roter nicht hübsch," erwiderte ich ärgersich,denn Sie wissen ganz gut, daß ich nur für mich allein musi­ziere. s;

Mir unverwandt in die Augen bückend sagte er: "Wozu denn dieser (Egoismus?

(Fortsetzung folgt.)

Altötting.

Von Dr.-Jng. K. Freckmann.

Gar mancher, der in Jetten sommerlicher Erholung Südbayern auffucht, wird nicht versäumen wollen, dem hochberühmten deutschen Marienheiügtume Altötting einen B^uch abzustatten. Es mag daher eine kleine Skizze dieses Wallfahttsortes vielen, auch denen, die den Ort schon besuchten, willkommen sein.

Don München bis Mühldorf am Inn ist die nicht besonders reizvolle Gegend im Eilzuge schnell durch­fahren. Nun geht es auf der Strecke nach Burghausen an der Salzach in einem unendlich gemütlichen Personen- zuge weiter. Tüßling mit dem weitläufigen Schloß im Schmucke seiner vier Zwiebeltürme ist bald erreicht, es folgt HeiliMfftvdt mit hochragender Kirche, und der nächste Haltepunkt ift bereits Altötting. Vom Bahnhof aus scheint sich der Ort in nichts von ähnlichen Land- slädtchen der Umgegend zu unterscheiden, ja, es scheint sogar der italienische Einschlag zu fehlen, der in Burg­hausen oder besonders in Salzburg manch eigenartigen Gegensatz hervorrust. Der große Platz jedoch, den wir nach kurzer Wanderung erreichen, packt mit der Wucht eines Erlebnisses trotz feiner Formlosigkeit. Zuerst erblickt man links die gothische Stiftskirche mtt allerlei Anbauten, dann rechts die Barockfaflade der Magdalenen- kirche, ein wenig in die Straßenflucht vorspringend. In der Mitte aber wird der Blick gefesselt von einem klei­nen Bau, der von niedrigen Bäumen umsäumt und von einer Bogenhalle umgeben ist. Zwei sonderbare Turm- spitzen erhöhen noch den fetifamen Eindruck: es fft die Gnadenkapelle. Am unteren Ende des weiten Platzes die Franziskamerkirche und im Hintergründe die neue St. Annakirche, die den Rang einer päpstlichen Basilika ein­nimmt. Also abgesehen von den kapellenartigon An­bauten ein Platz mtt mindestens fünf Kirchen.

Die Gnadenkapelle besteht aus zwei Bauteilen, die deutlich abgesetzt sind: einem runden Zentralbau und einem einschiffigen Langhaus. Beide Gebäude sind durch einen Umgang in Form einer offenen Bogenhalle ver­bunden. Der Keine Zentralbau hat innen acht tiefe, halbkreisförmige Nischen und stimmt damtt im Grundriß vollkommen überein mit der Marienkapelle auf der Würzburger Festung, deren Umfang allerdings das Dop­pelte beträgt. Wenn für den Würzburger Zentralbau das Jahr 706 ober 742 als Erbauungszeit angenommen wird, so kann man diesen Kern Der Alötttinger Kapelle kaum viel später datieren. Demi der Ort war als Pialz nicht erst unter den Karolingern, sondern schon unter den Agilolfingern von hoher Bedeutung und die hl. Kapelle ist die alte Pfalzkapelle, ebenso wie wir den freien Platz davor als den alten Pfalzplatz ansehen müffen, auf dem die Sendgerichte tagten. Das Spätgotische Langhaus ift künstlerisch ohne Bedeutung, bildet nur den Auftakt zu dem Heffigtume, das wir jetzt betrachten wollen,die finstere, uralte haylige Capel unserer lieben Framen auff der grünen Matten, wie es 1571 heißt. Sonderbar ist der Knick nach Hnfs, der schiefe, versetzte Zugang aus dem Langhaus in das OKogon. Man fühlt sich um alle Symmetrie und Richtung gebracht, verliert die Orientie­rung, jedoch nur, um sogleich von einer unerwarteten, neuen Symmetrie, einer höheren Ordnung umgeben zu sein. Dieser schiefe Zugang, an sich bedeutungslos, bildet gleichsam den Uebergang von der Außenwelt in bie geheimnisvolle Sphäre des Glaubens, die uns nun um­fängt. Schwarz, ganz schwarz der Raum, der nur aus der Höhe Licht erhält. Schwarzer Stuckmarmor und viel Silber an den Wänden, in den tiefem Rischen Bet- stühle, darüber Glasschränke mit silbernen Votivgaben, darüber die Uvnen mit den Herzen der Wtttelsbacher. Dort das Rokokodenkmal Kaiser Karls VII. mit der Urne, die fein und seiner Gemahlin Herz umschließt, an der Epistel?eite des Gnadenaltars die kniemde Figur des Kurprinzen Maximilian von Bayern, ganz in Silber ge­trieben. Der Altar selbst umrahmt von zierlichen Ker- zenschildern, die Nische mit einem Stammbaum Christi ausgestattet, einem der besten Werke derGoldschmiedekunst des Frühbarock. In diesem unendlich kostbaren Rahmen thront bas Gnabenbild ber schwarzen Muttergottes von Altötting. Perlenbestickte, juwelenübersäete Kleider, ganz große, strahlende Kronen, das Antlitz der Muttergottes und des Jesuskindes vom Ruß unzähliger Kerzen stark nachgedunkelt. Die Figur fft ein gotisches Kunstwerk aus der Zeit um 1300, holzgefchnitzt, der Gesichtsausdruck lieblich und mild. Die Wallfahrt entwickelte sich fett 1490, ist aber zweifellos auf das große Anfehen ber. Kapelle und ihr hohes Alter zurückzuführen, das mtt den Anfängen des Christentums in diesen Gegenden zusam­menfällt. Da keine städtische Entwicklung die alten Werte vernichtete, der eigenartige Raum mit feinem Nimbus die Phantasie des Volkes mächtig anregen mußte, fo ist der Aufschwung der Wallfahrt bei der religiösen Erregt­heit des 15. Jahrhunderts schon auf natürliche Weife recht erklärlich. Die übernatürlichen Quellen erschließen

sich dem leicht von selbst, der gläubigen Sinnes hier, herkommt. Der religiöse Wert solcher ©nabenftätten ist eine Sache persönlicher Erfahrung und soll hier nicht weiter behandelt werden; jedenfalls muh aber mich der Ungläubige zugeben, daß er hier dem Göttlichen näher steht als irgendwo sonst, hier an dieser geweihten Stätte, angesichts dieses Bildes mit dem Blicke voll Milde und Güte, ber feit Jahrhunderten den Hilfeflehen, den Gewährung verheißt und ihre Danksagungen freund­lich aufnimmt.

Südlich der Gnadenkapelle erhebt sich die Kirche des von Karlmann gegrünbeten Chorherrenstistes, bisher viel­fach irrtümlich als Benediktinerloster bezeichnet. Nur noch die Untergeschosse der Westtünne zeigen romanffche For­men, alles übrige gehört dem spätgotischen Neubau an. Traulich schmiegen sich kleine Lädchan mit bunten Wall» sahrtserinnerungen an die efeumnrankte Kirche: bie falsche Ansicht, daß Kirchen fiefftehen ober freigelegt werden müssen, hat hier gottlob keine Zerstörungen angerichtet. Ebenso ist es im Innern: die Irrlehren der Puristen haben hier nicht gewütet, Barock, Gotik und Klassizismus vertragen sich ausgezeichnet, eins steigert das andere. Was der Gotik an Glanz und Kraft und Farbe fehlt, bringt der Barock mit Marmor und Gold, Gemälden und Fi­guren. Seltfam berühren die Antependien der Setten» altäre, in denen hinter Glas die Gebeine von Helligen ruhen, bekleidet mit perleinbestickten Gewändern, so daß nur die Totenköpfe und die knöchernen Hände sichtbar sind. Arn Chorumgang eine kleine Platte mit der In­schriftKarlmann. 880" hier fand er feine Ruhestätte. Durch einen Kreuzgang erreicht man ein Kapellenpaar, von dem besonders die rechte mit dem Grabe desGenerols Tilly Beachtung verdient. Man kann in die Gruft hinab­steigen und sieht durch den Glasdeckel des Sarges die 400 Jahre alte Leiche des Feldherrn. Das Mtarbild oben zeigt Tilly in feiner Glanzzeit: ein ziemlich harter Kontrast zu dem Bilde unten.

Von der Stiftskirche aus muß man sich einer Füh­rung in die Schatzkammer anschließen. Es würde zu weit gehen, wollte man alle die Kleinodien beschreiben, bie hier seit Jahrhunderten von Kaisern und Königen wie auch von den schlichten Leuten des Volkes als Weihe­geschenke niebergelegt wurden. Bekannter geworden ist das goldene Rössel, eines der Wunderwerke der abend- ländffchen Goldschmiedekunst, durch den Versuch des Diebstahls vor einigen Jahren, wobei der eine Ver- brecher auf der Stelle erschossen, der andere gefeffelt und später zu langjähriger Zuchthausstrafe verurteilt wurde. Möglich war die schnelle Entdeckung des Versuches da­durch, daß sich jede Berührung des Kunstwerkes sofort auf der Polizeiwache mittels elektrischer Alarmglocke be­merkbar machte, ein Verfahren, bas sich auch anderswo empfehlen würde. In einer goldenen Rosenlaube, die mtt großen Edeffteinen geziert ist, thront Maria mtt dem göttlichen Kinde, vor ihr knien Katharina und Johannes, ein wenig tiefer Karl VI., König von Frankreich, mit feinem Marschall. Zwei Treppchen führen hinab zu der offenen Halle, in der ein Ritter mit dem Schimmel mär­tet. Das Werk ist ganz in Gold und Email auf Gold­grund, dem sogen. Tiefschmelz, ausgeführt, technisch und künstlerisch gleichermaßen vollendet, ein Prunkstück ber Pariser Goldschmiedekunst des späten 14. Jahrhunderts.

Die ehemalige Jesuitenkirche St. Magdalena am Oft» rande des Platzes gehört zu den einfachen, einschiffigen Anlagen mit Andeutung eines Querschiffes. Sie hat trotzdem in ihrer Raumgestaltung und in der starken Plastik der Stuckdekoration etwas von jener Virtuosität, mit der bie glanzvolle Barockzeit auch kleinere Bauauf­gaben zu erfüllen verstanb. Es nimmt Wunder, daß an solchem Platze wie Altötting nicht ein großes kirchliches Bauwerk allerersten Ranges in jener bauluftigen Zett entstanden ist. In der Tat existiert ein Entwurf dazu von Henrico Zuccalli, der den Ausbau der Münchener Theatinerkirche und später den Umbau von Ettal leitete. 1674 wurden die Fundamente gelegt für diesen groß­artigen Zentralbau, dessen Chor die Gnadenkapelle um­schließen sollte. Das Schiff besteht m einer doppelschos- sigen Rotunde mit bedeutenden Abmessungen, Vorhalle und Umgang. Mangel an Mitteln zwang den Bauherrn, Kurfürsten Ferdinand Maria, zur Einstellung des groß- gedachten Planes.

Eine gewiffe Wiederauferstehung fand er in dem Neu- bau der sog. Basilika am Westende des Dries, die erst kurz vor dem Kriege fertig wurde. Es ist zweifellos eine achtbare Leistung, und der Aufwand an farbigen Altären vor dem weißen Stuckgrunde ist bedeutend. Daß man trotzdem unbefriedigt bleibt, Hegt wohl letzten Endes daran, daß die Raumform zu einfach gewählt ist. Man wünschte sich bei den großen Mitteln, die hier offenbar zur Verfügung standen, vielleicht einen elliptischen Zen­tralraum mit weitgespannter Kuppel und kleinen, geheim­nisvollen Kapellenkränzen ringsum und kann nicht be­greifen, daß gerade in Bayern, das doch an glänzendsten Vorbildern keinen Mangel hat, ein solch einfacher, gleich­mäßig Heller, übersichtlicher, um nicht zu sagen langroet- liger Raum geschaffen wurde. Man braucht nicht an Weltenburg zu erinnern, braucht keine überraschenden und theatralischen Mittel und kann doch durch Nug be­rechnete Lichteinfälle Kontrastwirkungen erreichen und einen mystischen Raum gestalten, der jedem Besucher zum unvergeßlichen Erlebnis würde. Dies Problem, das Licht selbst als materiellen Bestandteil in die Raumkom­position aufzunehmen, ist hier nicht einmal geahnt.

Glücklicherweise steht diese neue Kirche etwas außer­halb und hat daher auf das eigentliche Platzbild keinen Einfluß. Aber sollen roir das Schicksal schelten, daß es uns die Barockkirche Zuccallis vorenthalten hat? Viel- leicht ist dieser Mangel für Altötting ein Vorzug, denn es blieb dadurch etwas ganz Seltenes erhalten: ein Denkmal ältester deutscher Kunst, das doch zugleich etwas Zeitloses und Dauerndes hat. Dies Kirchlein auf dem weiten Platz mit seinen zwei Dachreitern, dahinter der Volutengiebel der Magdalenenkirche, die Stiftskirche da­neben in trotziger Gotik und unweit davon die Chor- Herrengebäude in ttalienischem Barock: Gegensatz auf Gegensatz, und aus alledem erblüht die reinste Harmonie. Nord und Süd geben sich in diesem Winkel zwischen Inn und Salzach ein sonderbares und glückliches Stelldichein. Keine großstädtische Entwicklung hat diese alten Werte überwuchert, Vergangenheit und Gegenwart stießen m« einander, und was uns von jeher das Bayernland so lieb und vertraut gemacht, dieser geheimnisvolle, tiefx Reiz des unversehrten Alien, findet sich hier gesteigert und wie unter südlicherem Himmel in hellerem Lichte, in leuchten­deren Farben zu letzter Blüte gebracht.

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