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| ["$utoaer Zeitung Nr. 159.

Zur Unterhaltung.

Die Einsame.

Roman von Horst Werthern.

SB) --------

JX& ich nichts bchmiere!" Leise wiedecholie sie diese Worte; lesse, mit gebrochener Stimme.

Sr erbebte und unwillkürlich fühlte er sich zu ihr hin. gegogen. sie aber rang nach Fassung und lächelte, jenes «rnste Lächeln, das ihm stets cm ihr so gefallen.

-AH werde nie aufhören zu bedauern, daß Sie so N>kit von mir entfernt sind, denn es gibt gar viele Augen- bütfe im menschlichen Leben, da die Gegenwart eines Freundes gleich Ihn«, von unschätzbarem Wert ist!"

-Wenn Sie es wünschen, so bleibe ich hier!"

SU antworten, stand sie vor ihm, und er harrte »hrer Erwiderung. Eine innere S mime drängte sie, zu rufen: »Bleiben Siel Verlassen Sie mich nicht! Ich will Nicht allem feint' Aber die Worte, die ihre Seele gern gesprochen Hütte, wollten nicht auf die Lippen tre­ten und in diesem Augenblick trat eine Gestalt über die Schwelle des Salons, die lebhaft rief:

Magda, bist Du da? Großmutter möchte gern rtn Wort nut Dir sprechen, bevor Du __'

Sefine vollendete den Satz nicht: sie hatte Raff be­merkt und zarte Röte stieg in ihre Wangen.

Verzeihung. Magda, ich wußte nicht, daß Du nicht allein seiest und wollte Dich eben holen."

Flüchtigen Schrittes machte sie Miene, sich zu ent­fernen, aber Magda, die inzwischen ihre Fassung wieder errungen hatte, hielt sie zurück. Der Traum, den sie eine Sekunde lang geträumt, erstarb: der plötzliche Ein- tritt des Kindes führte sie zur Wirklichkeit zurück und vergegenwärtigte ihr das Bewußte!n, daß sie nicht mehr frei fei, daß sie ihr Leben Sefine geweiht habe.

Sie harrte des Augenblicks, in dem Rolf jene Worte frrechen würde, die ihre Trennung besiegelten und doch erbebte sie, als sie ihm mm wirklich auf die Lippen traten:

-Leben Sie wohl, mein Freund, und Gott beschütze Sie! Nochmals danke ich Ihnen für alles!"

Auf der Schwelle der Tür blieb er stehen und warf ihr einen letzten Blick zu.

Safi ne stand neben ihr, als eifersüchtige Hüterin der Frau, die er gern für sich behalten hätte und die ihrerseits sich ganz dem Kinde hingab.

»Leben Sie wohl," wiederholte sie leise und die Por- fiere fiel hinter ihm zu.

Zweiter Teil. I.

Die Nennwoche hatte ihren Anfang genommen; Ho- stls und Privatvillen waren überfüllt. Am Strande und im Kasino leuchteten die hellen Sommertoiletten der Sa­men, und in den Straßen sah man die prächtigen Equi­pagen auf- inti) abfahren.

An einem Nachmistag des Monats August aber waren die meisten dieser Equipagen geschlossen, denn ein scharfer Wind durchfegte die Gassen,, und die Wellen schlugen mächtig gegen die Strandpromenade. Selbst im Innern der Stadt merkte man das Toben des Orkans. Rolf von Warneck, dessen Wagen, zum Unterschied von allen übrigen, offen war, atmete in vollen Zügen die würzige Luft und konnte, kamn an gekommen, der Der- suchung nicht widerstehen, an den Strand hinabzueilen. Gr warf dem Groom die Zügel zu, fprang ans dem Wagen und bog in eine der Straßen ein, die nach dem Strand führten. Freilich wußte er aus früherer Jett, daß, wenn der Mnd so wie der heutige, am Strande blies, er immer von langer Dauer war, ober Rolf war der Heimat so lange ferngeblieben, daß selbst die um günstige Witterung ihn heute sympathisch berührte.

Er schritt an der Terrasse vorüber, auf der man zahlreiche Fremde gewahrte, und begab sich langsam binab bis knapp an den Strand, so daß der Staubregen des Meeres ihm ins Gesicht schlug. Ein alter Englän­der. offenbar ein Seemann von Beruf, und eine schlanke Frau, die in einen Regenmantel gehüllt war und einen großen Hund an der Leine führte, standen in ferner un­mittelbaren Nähe. Er sah ein durch einen leichten Tüll- schleier verhülltes jugendliches Profil. Als Rolf in ihre Nähe trat, riß ihr gerade ein Windstoß dm Schleier vom Besicht, und als dieser an dem jungen Manne vorbei- flog, haschte er danach. Die Fremde wandte sich, durch die Wucht des Sturmes erschreckt, ab und rief lebhaft: Ach, mein Gott!"

Sie schien ungeduldig und belustigt zugleich und strich mit einer hastigen Bewegung das Haar zurück, das der Wind ihr ins Gesicht getrieben. Rolf lüstete grüßend den Hut und reichte ihr den Schleier:Hier, mein Fräu­lein.' Die Wortegnädige Frau" rooHtai ihm nicht über die Lippen treten, denn dieses feine, garte Geschöpf konnte nur em Mädchen sein. Einfach, mit der Gewandtheit der Weltdame, sagte sie:Ich danke Ihnen, mein Herr."

Mit geschickter Gebärde befestigte sie wieder ihren Schleier: dann wandte sie abermals ihre Aufmerksam, kett dem Meere zu, und der jugendliche Eifer, die warm, herzige Begeisterung, die in ihrem ganzen Wesen lagen, verfehlten nicht, Rolf aus das sympathischste zu berühren. Die tollen Sprünge ihres Hundes, der von einer Welle' übergossen worden war, brachten die junge Dame wieder zum Bewußtsein der Wirklichkeit zurück. Sie schüttelte den Kopf, als gelle es, sich auj einem Traum attfzuraf. fm, und, sich zu dem Hunde niederbeugend, strich sie Heb- kosend über sein Fell.

Mein armer Dick, nicht wahr, das ist ein Aden, teuer, bas btr nicht besagt: doch, beruhig« dich, auch ich bin durchnäßt. Nun ist es ober Zett, an di« Heimkehr zu denken, cs wird spät."

Rolf, der (m der Nähe stand, hörte deutlich jedes Wort, das sie sprach: er sah auch, wie sie den Arm hob und auf die Uhr blickte. (Er bemerkte, daß sie m*n auf einen Ponnywagen zuschritt, der in der Nähe stand uno auf dessen Rücksitz em Diener saß. In den Hotels am Strande sah man da und dort schon Lichter aufleuchten. Langsam schlendernd, erreichte Rolf das Kasino, als ihm plötzlich ein Herr entgegentrat, der ihn überrascht be. trachtete urit> dann lebhaft rief:

Warneck, träume ich nicht? Sind Sie es denn wiri- fich? Sind Sie endlich nach Europa zurückgekehrt?"

Wie Sie sehen und sehr zufrieden, mich wieder in der Heimat zu befinden, Freunden zu begegnen, die sich meiner freundlichst erinnern und mich nach langer Ab­wesenheit doch wieder erkennen."

Rolf schüttelte Paul von Geyers Hand mit großer Herzlichkeit: dann trat eine kurze Pause ein, in der ine beiden Männer, die im Geiste unwillkürlich die fern- liegende Vergangenheit wieder an sich vorüberziehen ließen, einander musterten, um gegenseitig die Züge von «inst wiederzufinden. Paul von Geyers Bart hatte schon angefangen zu ergrauen, und auch Rots war verändert, hauptsächlich in seiner Gestalt, denn er war viel magerer geworden, sah dabei aber doch kräftig aus.

Er fühlte, wie Paul von Geyers Augen forschend auf ihm ruhten und sagte lachend:

Gestehen' Sie nur ehrlich, daß ich mich eigentlich nur einer Illusion hingab, als ich mir einredete, daß Sie mich erkannt . haben. Sie finden mich im Gegenteil furchtbar exotisch!"

Ganz und gar nicht. Ich bin ganz verblüfft, daß Sie im Grunde genommen gerade so zurückkehren, wie Sie von uns gegangen sind. Wer was in des Kuckucks Namen treiben Sie jetzt hier, während man sich in dem Wahn befindet, daß Sie in Afrika sind? Wieso kamen Sie hierher, ohne Ihre Absicht irgendwie vorher bekannt, zugeben?"

In der abendlichen Dämmerung waren die beiden Männer dahingeschritten, ohne des Windes zu achten, ganz in (Erinnerungen an die Vergangenheit versunken.

Mit kaum merklicher Bitterkeit sprach Rolf endlich: Sie wissen, lieber Freund, daß ich ein Einsamer bin, der eigentlich so gut wie gar fein Daheim hat. Ich habe mich vor drei Wochen ausgeschifft und gab mich nicht dem Wahne hin, von irgend jemand besonders freund­lich ausgenommen zu werden. Ich begab mich sofort nach München, wo ich mich in der heimischen Atmosphäre sehr wohl fühlte. Dann, nachdem ich meinem äußeren Menschen wieder einen möglichst weltmännischen Anstrich gegeben und die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß im August sich alle Welt nach allen vier Windrichtungen verteilte, fuhr ich hierher, wohin mich übrigens meine neue Eigenschaft als Erbe berief."

Als Erbe, ja richtig. Jenes Original, Ihr Onkel, der Graf Whildt ist gestorben, nicht wahr?"

Dor zwei Monaten. -

Und Sie sind sein Erbe?"

Ja, ich bin sein Erb«. Mein sehr ehrenwerter Onkel, der mich Jahre hindurch gleich einem der Er­bärmlichsten behandelt hat, weil ich mir wie ein Prole­tarier mein Brot verdienen wollte, ist später, allem An­schein nach, doch zu der Ueberzeugung gekommen, daß man jedem Verbrecher gegenüber Barmherzigkeit üben darf, und er hat mich sozusagen zum Millionär gemacht, zum Besitzer mehrerer Schlosser, von betten eines sich hier befindet."

Ich verstehe, das erklärt Ihre Anwesenheit hier."

Ja, der Notar hat mir Kunde gesandt, daß wegen Verkaufs von Grundstücken meine Anwesenheit notroen- dig sei. Und Sie, sind Sie wogen der Rennwoche hier?"

Ganz und gar nicht: wir verbringen den Sommer fast stets hier. Meiner Frau gefällt es hier, weil sie ihren ganzen Kreis wiederfindet. Sie werden viele bekannte Gesichter sehen: auch die Baronin Mohr ist mit ihrer Enkelin hier." ,

Rolf erbebte. In seiner Serie waren schlummernde Erinnerungen allgewaltig wach geworden, Erinnerungen an eine Vergangenheit, die er längst hatte begraben wollen, Erinnerungen an jenen Tag, da er das Pakais Mohr verlassen, nachdem er von Magda von Rottenstett Abschied genommen, fühlend, daß er sie für immer ver­loren habe, well sie sich einer anderen Pflicht hinge­geben. Mechanisch wiederholte er in fragendem Ton:

Baronin Mohr ist also hier? Wohnt ihre Enkelin stets bei ihr?"

Aber nein, durchaus nicht. Sefine lebt bei ihrer Stiefmutter, und zwar schon seit Jahren. In dem Jahre, das dem Tode ihres armen Vaters folgte, war sie wohl, infolge der ausgestandenen Gemütsbewegungen, sehr leidend. Die Gräfin reifte mit ihr ans Meer, wie der Arzt es verordnet hatte, und der Baronin wäre es unan­genehm gewesen, die Stadt zu verlassen. Sie freute sich so sehr der wiedererlangten Freiheit, daß sie ihr mög­lichstes tat, sich diese zu erhalten. Gräfin Rottenstett bezog mit Sefine die Wohnung ihres Gatten und blieb bann auch dort. Momentan ist Sefine mir zum Land­aufenthalt bei der Großmutter."

Eine Pause entstand; die beiden Männer verweilten nun fast allein aus der leergewordonen Terrasse. Schwere Wolken bedeckten ben Himmel, aber Paul von Geyer allein sah sie, denn Rolfs Gedanken meisten in der Ferne. Plötzlich fragte er mit einem kaum merklichen Zittern der Stimme:

Ist die Gräfin auch hier?"

D nein", erwiderte Geyer mit verstohlenem Lächeln. Stellen Sie sich vor, daß die schöne Baronin, deren mütterliche Ader immer sehr wenig entwickelt gewesen, es sich eines schönen Tages in den Kops gesetzt hot, eifersüchtig auf die große Zärtlichkeit zu werden, die Sefine für ihre Stiefmutter an den lag legte. Diese Zärtlichkeit aber ist vollkommen gerechtfertigt, denn die Gräfin hat sich der Kleinen gewidmet, wie manche eigene Mutter es nicht getan haben würde. Die Baronin frei­lich ist anderer Ansicht, und da sie die Gepflogenheit hat, alles zu äußern, was ihr durch den Kopf fährt, nahm si« auch Gräfin Rottenstett gegenüber kein Blatt vor den Mund und sprach, sogar in Gegenwart meiner Frau, sehr verletzende Worte zu ihr. Natürlich hält sich die Gräfin möglichst fern und sieht die Baronin sehr wenig. Unter uns gesagt, glaube ich. daß die Baronin nicht so sehr eifersüchtig ist auf die Zärtlichkeit, die ihre Enkettn der Stiefmutter entgegenbringt, als vielmehr auf die literarischen Erfolge der Gräfin und auf die lieber» füttung ihres Salons."

Don welchen literarischen Erfolgen sprechen Sie?"

Mein Gott, lieber Warn eck, haben Sie denn alte Freunde ganz aus dem Gesicht verloren?"

Vox allem jene, die mir von der Familie Rotten­stett hätten sprechen föitnen; das Ehepaar Berghoff ist ja rasch hinter ein ander gestorben."

Ja, nachdem es den zarten Gedanken durchgeführt, Gräfin Magda, die sie wie ihre Tochter liebten, ihre Besitzung in Steiermark zu vermachen. Vielleicht taten sie das hauptsächlich deshalb, well sie wußten, daß Magda sich weigerte, aus dem Vermögen Vorteil zu ziehen, das ihr durch die Vermählung mit dem armem Rottenstett zugefallen mar. Um sich eine unabhängige Stellung zu schaffen, hat sie angefangen zu schreiben, und ihr Be­streben war von außergewöhnlichem Erfolg gekrönt; sie ist eine hervorragende Fvcm. Nach Rottenstett hat sich noch mancher gefunden, der von ihr begeistert war, so zum Beispiel der bekannte Dichter Egon Hellmann, aber o lange Sefine nicht verheiratet ist, wirb sie sich sicher­lich nicht zu einer Ehe herbeilassen."

Di« Vermählung des jungen Mädchens dürfte aber ohne Zweifel bald ftattipnben. Komtesse Sefine muß heute"

Sie ist zwanzig Jahre oft, folglich in den Jahren, in denen man an eine Ehe denken könnte. Ungerechter­weise behauptet die Großmutter, daß Gräfin Rotten- test daran schuld sei, wenn das junge Mädchen ohne Enthusiasmus über die Ehe denkt. In Wahrhaft aber ist die Kleine nur schwer zu befriedigen, weil sie zu Hause zu sehr geliebt und von Gräfin Magda verwöhnt wirb, was ich sehr begreiflich finde, denn sie ist reizend."

Reizend? Physisch oder movcttisch?"

In jeder Hinsicht," entgegnete Geyer lachend.Grä in Magda hat es verstanden, ein allerliebstes Gstzhöpf aus chr zu machen und dabet doch ihre Eigenart zu re- petffieren. Ich begreife ganz gut, daß es viele Bewerber um die Hand dieser kleinen Göttin gibt, hie sich nicht in den Hasen der Ehe lenken lassen will. Kommen Sie doch morgen gegen elf Uhr an den Strand, da werden Sie meine junge Freundin Sefine sehen. Da ich in ihren Augen ein alter Herr bin, em Altersgenosse ihres Vaters, ist sie mir gegenüber nicht in der Defensive, wie dies ben glänzenden Kavalieren gegenüber der Fall ist, die

ihr ben Hof machen. Si« gestattet mir großmütig, mich an ihver Iugendfrische zu erquicken."

Rolf schwieg: er war träumerisch geworden. Plau­dernd waren die beiden Herren vor dem Kasino ange­langt, als schwere Regentropfen niederfielen.Teufel, wir werden naß; kommen Sie ins Kasino, Warneck?"

Nein, auf Wiedersehen," erwiderte Rolf, und ließ Herrn von Geyer ins Kasino treten, während er selbst im strömenden Regen davoneilte auf der Suche nach seinem Wagen.

(Fortsetzung folgt.)

polar-Tragödien.

Von Emil Herold-München.

Es sind viele, viele Hunderte, die denDrang nach dem Pol" mit dem Leben haben bezahlen müssen: ver­unglückt, ertrunken, erfroren und der schrecklichste der Schrecken! langsam verhungert! Furchtbare Tragödien haben sich abgespielt da oben hn ewigen Eis. Von man­cher Expedition ist auch nicht ein Einziger zurückgekom­men, Schiffe sind mit Mann und Maus verschwunden, zu Wracks zerquetscht worden zwischen den langsam mah­lenden, aber unermüdlichen Kinnbacken riesiger Eisschol­len oder sie kreisen, vom Packeis emgeschßossen, als eis- überkrustete Gespensterschiffe dieFliegenden Hollän­der" der Eskimosagen mit Skeletten an Bord in ewiger Triftfcchrt rund um den Pol. Glücklich noch die, die keinen Versuch zu ihrer Rettung gemacht und sich rasch entschlossen zum Sterben aufs Eis niedergelegt haben. Denn der Polar-Tod ist grausam! Grausam, weil er mit den Menschen spielt wie die Katze mit der Maus, weil bei der Eigenart der Polarkatastrophen ge­wöhnlich ein Teil der Lebensrnittel gerettet werden kann. Die Erzählungen Geretteter, die Tagebücher, die man neben Skeletten aufgefunden hat, sprechen eine erschüt­ternde Sprache. Wochen, Monde, ja ost Jahre sind die Schiffbrüchigen zwischen Eis und Felsen umhergeirrt, und wenn die letzten Vorräte aufgezehrt waren, da hat ihnen das tückische Schicksal ein paar eßbare Flechten an einem Felsen, ein paar Wurzeln unterm Schnee, eine Robbe ober einen Eisbären geschenkt und die Qualen der Sterbenden um Wochen verlängert. Und der ewige Kampf mit Kälte und Hunger und die hoffnungspenden­den kleinen Danaergaben des Schicksals steigern den Lebensmut der Irrenden zu einer furchtbaren Lebens­mut, die so reich die Geschichte der Polarforschung auch an Kameradschaftstreue ist Kranke und Invalide dem Schicksal überläßt und schließlich nicht einmal mehr Ekel fühlt vor Menschenfleisch!

Es ist durchaus nicht die Kälte, die die Polarkata­strophen verschuldet. Freilich sind die Winter oft furcht­bar und manche Expedition hat ihren Wem oder Schnaps mit den Siegten in Portionen teilen und am Feuer auf- tauen müssen. Oft kam's vor, daß die Mannschaft in hohem Fieber aber mit steifgefrorenen Gliedern in den Hütten lag und die Leute von der Hall-Expedition im Jahre 1871 haben mit gefrorenen QueSsilber-Kugeln durch Bretter geschossen. Furchtbar wird die Kälte, wenn ein Schiff, das nicht auf eine Ueberrointeusmg vorbereitet ist, im Eis eingeschossen wird. Gefährlicher werden die langen Polarnächte, weil sie von der Bewegung in der freien Lust abhalten und ihre dumpfe Trägheit den Kör- per so schwächen, daß er gegen die Polarkrankheit wider­standslos wird Und diese furchtbare Polarkrankheit, die schon ganze Expeditionen vernichtet hat, ist der Scharbock. Er entsteht durch Mangel an frischen Lebensrnitteln und hat wohl die meisten Todesopfer unter den Polarfahrern gefordert. Die meisten Polarkatastrophen sind letzten Endes auf die furchtbare Gewalt des Eises zurückzufüh- ren, das oft Schiffe zerdrückt als wären es Streichholz­schachteln oder sie so in Fesseln schlägt, daß sie nie wieder vom Eis loskommen. An sich ist so ein Schiffsverlust nicht so gefährlich After bei den Versuchen, bewohnte Gegeiü>en zu erreichen, erliegen die meisten den Stra­pazen. Die Boote müssen sich oft wochenlang zwischen den Eisschollen hindurcharbeiten, oft über kilometergroße Eisschollen getragen werden. Nicht selten überlassen sich die Schiffbrüchigen solchen Riesenschollen, die sie ins offene Meer treiben. Monatelang sind schon ganze Ex- pebitionen auf solchen Eisschollen Herumgetrieben. So die Mannschaft der deutschenHansa", deren Schiff im Jahre 1869 zum Wrack zerquetscht worden war. Sie bauten eine Blockhütte auf die Scholle, mit der sie dann kreuz und quer über 2000 Kilometer trieben. Ein ähn- liches Schicksal hatte eine der ersten Polarexpedittonen überhaupt, die holländische Barrents-Expedttion, getrof­fen. Sie hatte in einer Blockhütte überwintert und war durch den Scharbock dezimiert worden. Im Frühjahr suchten sie in Booten das Festland zu erreichen. Nach furchtbarer Fahrt sie legten in 28 Tagen nur 110 Km. zurück wurden sie von Fischern gerettet. Das war im Jahre 1596. Erst dreihundert Jahre später tarn wieder einmal ein Mensch in jene Gegend, wo Barrent über» wintert hatte. Seine Hütte fand man mit allen zurück- gelassenen Instrumenten und einem schriftlichen Bericht unversehrt vor

Die furchtbarste Katastrophe, die sich je ftn Eis abge­spielt hat, Ist an den Namen des Engländers Frank­lin geknüpft Schon feine erste Expeditton 1823 endete mit einer gruseligen Tragödie. Er wollte damals den Verlauf des Kontinents feststellen. Seine Annahme, daß er durch Eskimos Lebensmittel bekommen könne, war falsch; nach einem mehrwöchigen Marsch mußte er um- kehren. Und er hat nur noch Lebensmittel für zwei läge! Am dritten Tag essen feine Leute Flechten und tauen am Schuhwerk. Einer nach dem andern bleibt entkräftet zurück. Der Arzt, Dr. Richardson, macht ab­sichtlich den Letzten, um die verzweifelten Nachzügler doch noch in das rettende Fort Enterprise vorwärts zu peit­schen. Da sendet der voraus eilende Franklin zwei seiner Leute mit dem Irokesen Michel zur Unterstützung Richardsons zurück. Der Irokese kommt wohlbehalten und kräftig bei dem Arzt an. Aber allein. Seine beiden Begleiter, so erzählt er, seien unterwegs gestorben. Er aber habe Glück gehabt und einen Wolf erlegt. Und er bringt Fleisch mit für die wandernden Skelette. Fleisch! Frisches Fleisch! Zwar von einem Wolf, aber es ist frisches Fleisch! Gierig essen es die Leute. Es war Meiffchenfteisch! Mit 23 Personen war Franklin ausge­rückt. Fünf von ihnen sind zurückgekommen.

Roch furchtbarer war die zweite Expedition: mit 138 Personen ist Franklin 1845 auf den SchiffenErebus" undTerror" abgefahren und alle sind in Schnee und Eis um gekommen. Und die Unglücklichen sind, wie spä­ter durch die Nettungsexpedittonen festgestellt wurde, zum Test noch Jahre lang in der Ciswildnis umhergeirrt und einer von ihnen soll 1864 noch gelebt haben! Nach an- sanglich gutem Verlaus der Expedition wurden die beiden Schiffe rettungslos im Eis eingefchlossen. Der Sommer kam der die Schiffe hätte freimachen sollen. Aber das Packeis blieb geschlossen. So mußte man zum zweiten- mal überwintern. Das wäre an und für sich nicht ge­fährlich gewesen, denn die Expedition war für fünf Jahre mit Lebensmitteln versorgt. Aber man hatte ba®> nach dec Abfahrt eine furchtbare Entdeckung gemacht: Der größte Teil der Lebensrnittel war völlig unbrauchbar und mutzte über Bord geworfen werden. Der durch diesen schändlichen Betrug des Lieferanten eMgridene Lebevs-

mitielmangel war der Hauptgrund für den Tod der 138 Polarfahrer.

Franklin und etwa 30 Mann starben während der dritten Ueberointerung. Die Schiffe setzen sich zwar im Frühjahr noch einmal in Trist und werden mit dem Eis südwärts getragen, aber nach kurzer Zett stockt die Trift abermals und man muß die Schiffe verlassen, da man nur noch für 40 Tage Lebensmittel hat. Aber man kommt am Tag nur 8 Kilometer vorwärts. Man muß Kranke und Invalide zurücklassen. Vierzig versuchen, sich aufs Schiff zurückzuschleppen. Nur einer erreicht es. Im Juli glaubt sich der Rest der Expedition gerettet. Man stößt auf ein Eskimolager. Die Eskimos können die Engländer retten. Ader sie verschwinden bei Nacht und Nebel. Aus den Erzählungen von Eskimos, aus den später von Rettungsexpedittonen gemachten Funden, las- fen sich gruselige Schlüsse auf den verzweifelten Kampf der Schiffbrüchigen ziehen. 30 Leute kommen bis zur Richcrdscnspitze. Dort erliegen sie ihrem Schicksal. Ein Teil wendet sich zur Oggle-Spitze, wo sie sich gegenseitig auffressen. Wie furchtbar diese Einzeltragödien waren, das geht aus der erschütternden Erzählung eines Eskimo- weibes hervor. Auf einer Wanderung sah sie 40 Euro­päer, die sich mühsam fortschleppten. Als sie nach kurzer Zeit an der gleichen Stelle vorüberkam, lagen alle tot im Schnee. Nur einer lebte noch.Er saß am Strand. Er war groß und stark und hatte den Kopf aus die Hände gestützt und die Ellenbogen auf den Knien. Er starb, als er den Kopf erhob, um mit mir zu reden." Keiner von den 138, die ausgezogen waren, die nord- östliche Durchfahrt zu suchen, ist in die Heimat zurück- gekehrt. Nur einer hat sein Ziel erreicht, derTerror"! 2er hat ohne Kapitän und Mannschaft, von der Strö­mung getrieben, die Nordwestpassage passiert.

Das furchtbarste Schicksal aber, das je Menschen in der Polaris getroffen hat, war das des berühmten Polar fahrers Hudson. Fast am Ziel hat seine Mann­schaft gemeldet und ihn mit dem Schiffsmathematikus und fünf treuen Matrosen und seinen kaum ben Kinder- schuhen entwachsenen Sohn in ein Boot gezwungen. Nichts hat man den Armen mitgegeben, kein Instrument, keinen Bissen Zwieback, kein Gewehr.Man hat nie wieder etwas von ihnen gehört!" sagt die Geschichte der Polarsorschung, wie von so vielen, die mit Schiff und Schlitten und Ballon ausgezogen waren, ben Nordpol zu suchen.

Aus aller wett.

Lalenderkuriofum. Nicht allgemein bekannt dürfte es sein, daß seit dem 1. März dieses Jahres der Kalender genau mit dem von 1919 überein­stimmt, ja sogar die beweglichen Feste fallen auf dieselben Kalendertage. Der selbe Fall wird wie­der 1930 eintreten. Daß die Kalenderübereinstim­mung erst mit dem 1. März beginnt, hat seine Ursache darin, daß 1924 ein Schaltjahr ist, wäh­rend 1919 und 1930 Gemeinjahre zu 365 Tage sind.

Darum bork der Mensch auf zu wachsen? Da das Wachstum des Körpers von der aufgenomme­nen Nahrungsmenge abhängig ist, so könnte man glauben, daß der Erwachsene, der seiner Länge noch einige Zentimeter zuzusetzen wünschte, nur nötig hätte, mehr zu essen. So einfach liegt die Sache aber nicht, wie Dr. Werner Bloch imKosmos" ausführt. Es kommt nämlich nicht auf die Mengs an, die wir tn den Magen befördern, sondern auf die Menge, die durch die Darmwand hindurch m den Körper gelangt. Die Menge der Nahrung, die in den Körper einwandert, ist also, abgesehen von der Masse der auf genommenen Speisen usw., auch noch von der Größe der Darmwand abhängig. Je S"ßer die Darmobersläche ist, um so mehr Nähr­

te vermögen hindurchzutreten. Je mehr anderer­seits ein Mensch wächst, desto mehr steigt auch der dauernde Energieverlust. Die Energieabgabe wächst dabei entsprechend der Zunahme des Rauminhaltes des menschlichen Körpers, die Fähigkeit zur Nah­rungsaufnahme aber nur entsprechend der Vergrö­ßerung der Darmoberfläche. Nun aber nimmt der Rauminhalt und damit also auch der Energieverlust viel stärker zu als die Oberfläche eines Körpers und damit auch die Möglichkeit des Ersatzes für die Aus­gaben. Wachst ein Mensch z. B. von Kind an bis auf das Dreifache seiner ursprünglichen Länge, so wird sich seine Darmoberfläche zwar auf das Neun­fache, sein Körper aber auf das Siebenundzwanzig­sache vergrößern. Es muß also einmal ein Zeit­punkt kommen, in dem die Nahrungsmenge, die der Darm hindurchläßt, nur noch gerade ausreicht, um den ständigen Verbrauch des Menschen zu decken, in dem sich also ein Ueberschuß, der zum weiteren Ausbau des Körpers verwendet werden könnte, nicht mehr ergibt. Das wäre der Augenblick, von dem an das Wachstum des Menschen zum Stillstand kommt. Freilich, der hier angeführte Grund dürfte nicht der einzige sein, der tgn Größenwachstum von Mensch und Tier eme Grenze setzt. Auch andere Umstände, die Artbeschaffenheit, das Klima, die Zusammensetzung der Nahrung spielen eine Rolle.

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