FuldaerZertung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
51. Zahrg
Donnerstag, 10« 3uti 1924
Nr. 159
auswärts 030 Boldmark.
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Vie gufsaflung in London.
Die Schwankun
her, daß große um die klein«
eparationsanleihen,
bericht enthalten deshalb unmöglich
Seite gewünschten Reparationsanleihen, die der Dawesplan vorsieht, in England und Amerika nicht zu erhalten wären, wenn die Repara- tionskommission als ständige Quelle der Unruhe und Sanktionen den Dawesplan überwache.
Hnieiaen-Steife: Sleimeile (Colonel) lokal 0,15 Toldmark, auswärts 030 ©olbmarf; Stetlamegeile lokal 0,60, öolbmart.
Macdonald in Paris
Die ersten Konferenzen.
Berastwortli» tüt die SchriMettuug L «nto « BeSlet Aureigeu: 3- B ar,eiter, Fulda. Rotatiourdruck und Verlag der - Fuldaer «ctiendruckerei in Fulda. Fernivrecker Str. 9. --
BerugsvreiS für JuK: ILO Mk.
Zik WM» Kn Mtmitk in Set».
Nach dem Bericht des Internationalen Landwirtschaftsinstituts für Juni ist in den nördlichen und gemäßigten Äonen in der zweiten Hälfte des Mai ein guter Teil des Schadens wieder gutgsmacht worden, der durch die vorherige ungünstige Witterung an den Saaten angerichtet worden war. In den nördlichen Teilen Europas und in den Teilen Rußlands waren sedoch Anfang Juni dir Aussichten ungünstiger als im vorigen Jahr um die gleiche Zeit. Aus den Donau- und Balkanländern lagen günstige Berichte vor. Andauernde Trockenheit und heiße Winde haben in Süditalien, in Teilen von Spanien und Nordafrika schädigend gewirkt, und teilweise zu frühe Reife des Getreides verursacht. In Nordamerika war die Lage im allgemeinen Anfang Juni schlechter als im Juni vorigen Jahres, besonders in Kanada waren die Saaten im Rückstand. Frühjahrsweizen ist in den Bereinigten Staaten weniger als im Vorjahre angebaut worden, was auch für Roggen und Gerste zutrifft. Die Schätzungen aus fünf Ländern, die etwa für ein Viertel der Welterzeugung an Weizen in Betracht kommen, lauten auf 475,1 Mill. Cental (ein Cental = 100 Pfund engl. Gewicht) gegen 816,4 Mill. Cental im Vorjahre. Der Rückgang in den Vereinigten Staaten wird auf 55,5 Mill. Een- tal gegen das Vorjahr und auf 112,7 M. Cental gegen den Durchschnitt der letzten fünf Jahre gerechnet. In Spanien und Indien sind die Aussichten ungünstiger als 1923, in Belgien besser.
schen Manövern gelingen sollte, Herriot zu st ü r z e n, werde Europa einen der beunruhigendsten Rückschläge seit dem Waffenstillstand er- leiden. Im Falle des Sturzes Herriots müßte die Konferenz abgesagt und die ganze Arbeit von neuem begonnen werden.
hoesch bei herriot.
AIS einziger Blatt bekräftigt sich die ,®re Rondelle' mit dem Besuch, den der deutsche Botschafter v. Hoesch am Montag bei Herriot gemacht hat Wenn auch über die Unterhaltung zwischen Hetrioi und v. Hoesch keine offiziellen Mi.tetlungen ver» öffentlicht wurden, so glaubt das Blatt doch zu wissen, daß v. Hoesch nur Erklärungen darüber gegeben hat, wie die deutscheRegierung die A n w e n d u n g deS Sachverständigen-Berichtes bestehe. Bon Hoesch habe, tote das Blatt behauptet, Hecriot gefragt, zu welchem Zeitpunkt er die wirtschaftliche Räumung des Rnhrgebietes ins Auge tafle. Bon der militärischen Räumung deS Ruhrgebietes sei nicht die Rede gewesen. Wir glauben, so fährt die,Ere Nouvelle' fort, daß es von Interesse wäre, wenn der französische Ministerpräsident seine Absichten genau angäbe, ohne Furcht vor'den naiionalislychen Rrititen wegen der Räumung. Ob man wolle oder nicht, der Dawes-Bericht verlange die wirtschaftliche Lutoruunie des Reiches.
In der Downing Street wird offen zugegeben, daß Macdonald aus dringende Bitte Herriots den für später vorgesehenen Gegenbesuch in Paris jetzt schon unternahm, wobei die unverhohlene Absicht war, Herriot vor dem Sturz zu bewahren. Macdonald mUI, wie er im Unterhaus er- klärte, nicht zulassen, daß die Aussicht der Konferenz durch Intriganten gestört werde.
Die Stimmung in der Downing Street verrät, daß die Lage als heikel erkannt wird, aber weit entfernt ist, hoffnungslos zu sein. Vielmehr wird betont, daß sich erst erweisen müsse, wiewett die öffentliche Meinung und verantworüiche Politiker hinter dem Vorstoß der nationalistischen Presse stehen. Man scheint in London sich der Zuversicht hinzugeben, daß Herriot nicht zu Fall gebracht wird und die Konferenz zu einer Lösung kommt, die zwar nicht allen Wünschen aller Beteiligten entspricht, aber für alle vernünftigerweise annehmbar sei. Entscheidend sei, daß die Reparationskommission nicht Befugnisse auszuüben berechtigt sei, die nicht im Friedensvertrag, dagegen im Dawes- ’ ' ' " " id, und vor allem, daß dies
weil die von französischer
Die heikelste Frage ist unbestreitbar die zweite. Herriot hat, wie er bereits in seinem Regierungsprogramm angedeutet hatte, in Chequers die Annahme des Sachverständigenprogramms von besonderen Garantien für die Sicherheit der französischen Okkupatlonstruppen abhän- gig gemacht. Rach den Kommentaren, die seinerzeit von der französischen Presse gegeben worden (ind, silll es sich dabei in erster Linie um die mtli- tärische Kontrolle der strategisch wichtigen Eisen- bahnlinien im besetzten Gebiete handeln, die England jedoch als int Widerspruch stehend mit der von den Sachverständigen geforderten Rückgabe der augenblicklich unter französisch-belgischer Regie stehenden Eisenbahnlinien an die deutsche Der- waltung ablehnt.
Die Verständigung über dieft drei Punkte wird durch besonders erschwert, daß beide Premierminister in starkem Maße nicht nur mit der öfsent- lichen Meinung ihrer Länder, sondern vor allem auch mit den Machenschaften der Opposition im Parlament rechnen müssen, die wenigstens in Frankreich nur baranf wartet, der eigenen Regierung ein Bein zu stellen.
Eines der entscheidenden Ereignisse in der aus- wärtigen Politik nennt der „Manchester Guardian" die nächsten Mmnerstag kommende Debatte im französischen Senat. Wenn es den Poincare- schen Manövern gelingen sollte, Herriot zu st ü r z e n, werde Europa einen der beunruhigend-
Aus den Ausweisen der Reichshauptkasse kann man nunmehr diejenigen Ausgaben erkennen, die durch die Stützung der Goldanleihe dem Reich er- wachsen sind. Mit bet Stabilisierung der Mark «ach Schaffung der Rentenmark hat diese Finanzaktien eingesetzt, die vom 16. November bi« zum 10. Marz 1924 nicht weniger als 280 Millionen Gold- mark, und damit 12% der gesamte« Ausgaben des Reiche« einschließlich der Zahlungen an die Lander und Gemeinden ausmachte. Dieser Betrag erhöht sich dann im weiteren Verlauf de« Marz auf 38%, um im April auf 16% zurückzugehen, im Mai m- dessen den Höchststand von 24% zu erreichen. Im Juni zeigt sich dann ein kräftiger Rückschlag, und zwar wurden in diesem Monat als Stützung nur 26 Millionen Goldmark aufgewandt bei Gesamtausgaben des Reiches von über 440 Millionen, sodaß also nur 6% der Ausgaben auf diese Aktion entfallen. Die Schwankungen rühren allerdings auch davon her, daß große Beträge aufgewandt werden mußten, um die kleinen Goldanleihestücke, die aufgerufen worden waren, aus dem Verkehr zu ziehen und umzutauschen. Die Goldanleihe ist ziemlich vollständig a«S dem Verkehr gezogen, sodaß die dafür getätigten Aufwendungen künftig in Wegfall kommen., Allerdings kommt dabei keine Entlastung der Retchskasse heraus, weil die neue Erhöhung der Beamtengehälter wieder erhöhte Ausgaben bedingt, und weil anderer- seits angesichts der gesamten Wirtschaftslage an Steuern und Abgaben, namentlich auch an Zöllen und Umsatzsteuer, geringere Eingänge erwartet werden.
ständigenkomitee zusammentreten lassen", und diesen Sachverständigen einen Amerikaner zum Vor- itzenden geben. Der Korrespondent nennt es einen besonders günstigen Zwischenfall, daß Owen Poung, Staatssekretär Hughes und Mellon während der Konferenz in London anwesend seien.
In Punkt drei richtet sich der französische Wi- iterftanb, entgegen den tendenziösen Meldungen hier erscheinender amerikanischer Sensationsblätter, keineswegs gegen die Zuziehung Deutschlands zur Konferenz schlechthin, sondern nur gegen die eng- llsche These, daß Deutschland mit der Annahme des Sachverständigenprogramms Verpflichtungen übernimmt, die über den Versailler Vertrag hinausgehen und daß deshalb seine Zustimmung unerläßlich sei. Man fürchtet hier, daß die Anerkennung dieses Standpunktes Deutschland die Möglichkeit geben könne, seine Zustimmung von neuen Konzessionen abhängig zu machen. Würde dagegen eine Sicherheit geschaffen werden können, so würde in Frankreich der Widerstand gegen die englischen Wünsche sehr schnell ein Ende finden.
Hebung der Sanktionen, des Forffalls der wirt- chaftlichen und militärifchen Fesseln, also auch die Räumungsfrage abhängen.
Mussolini.
Im italienischen Ministerrat referierte Musso- Iini über die englisch-französischen Dif- erengen wegen der Durchführung des Dawes- -erichts und fügte hinzu, daß er möglicherweise elbst nach London gehen werde, falls die innere Lage es erlaube.
Italien rin- Tschechoslowakei.
Ein politischer vertrag.
Der auf Grund des Abkommens zwischen der italienischen und tschecho-slowakischen Regierung nunmehr veröffentlichte Vertrag bestimmt, daß die Parteien sich über die zur Sicherung von gemeinsamen Interessen geeigneten Maßnahmen verständigen für den Fall, daß sie übereinstimmend an- erkennen, daß sie bedroht sind oder bedroht werden können. Sie verpflichten sich gegenseitig 3» wechselseitiger Unterstützung und Zusammenarbeit zu dem Zwecke, daß die in den in St. Germain, Trianon und Neuilly abgeschlossenen Friedensverträgen begründete Achtung erhalten bleibt, sowie daß die Achtung vor den in den genannten Verträgen enthaltenen Verpflichtungen und ihre Durch- führung gesichert werden.
vle Manzminister in Berlin.
Die Verhandlungen der Finanzminister der Länder haben im Reichsfinanzministerium begonnen. Der bayerische Finanzminister ist durch die Landtagsverhandlungen in München am Erscheinen verhindert und wird durch den bayerischen Gesandten in Berlin und einen Rat aus seinem Ministerium vertreten. Die Beratungen betreffen bekanntlich die Frage der Entschädigungder Länder aus dem Uebergang der Eisenbahnen auf das Reich. Es ist fraglich, ob diese Konferenz überhaupt die endgültige Lösung der strtttt- gen Fragen bereits bringen wird.
Archer der Konferenz im Reichsfinanzmimste- rimn fand auch eine Zusammenkunft der Vertreter der Länder im Derkehrsministertum unter dem Vorsitz des Reichsverkehrsministers Oeser statt, bei der die Finanzminister in Gegenwart Dr. Luthers über den augenblicklichen Stand der Beratungen des Organisationskomitees zur Ausarbeitung des Gesetzentwurfs für die zu errichtende Reichs - Eisenbahn - Akttengesellschast unterrichtet wurden. _
was ta# Reich für die StStzmg der Goldanleihe ausgab!
Mer öen Mißen öt5 allen Systems.
Dieser Tage sind die Aufzeichnungen des Herrn von Kiderlen-Wächter erschienen, bearbeitet von Herrn Professor Jäckh (Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart). Rach den Erinnerungen von Bethmann, Bülow, Frhr. v. Eckardstein, Tirpitz, Gras Waldersee, Zedlitz-Trützschler, nach dem Kronprinzenbuch und nach dem Buch des Kaisers selbst ist diese Schrift Kiderlen-Wächters dazu angetan, das alte System geradezu tödlich zu treffen.
Herr von Kiderlen-Wachter hat in der Politik der Vorkriegsjahre eine ganz außerordentliche Rolle gespielt. Im Jahre 1909 wurde er von Bukarest, wo er deutscher Gesandter war, in die Leitung des Auswärtigen Amtes nach Berlin berufen. Kider- len-Wächter war bis dahin geflissentlich von den Beratern des Kaisers, vom unmittelbaren Dienste n der Reichshauptstadt ferngehalten worden. In kochender Wut, so sagt er selber, habe er von Bn- karest aus die unglaubliche Politik des Auswarü- gen Amtes verfolgt. Diese Politik führte bekannt- lich zu der Isolierung Deutschlands, infolge der Einkreisungspolitik Englands, der Deutschland nichts entgegenzusetzen hatte. Kiderlen-Wachter, bekämpft die Flollenpolitik des Herrn von Tirpitz, die uns die Gegnerschaft Englands einbrachte, er ist aber selber verantwortlich für die von ihm vertretene Marokkopolitik, die uns andererseits die Feindschaft Frankreichs zuzog.
Es ist nun bemerkenswert, wie Kiderlen-Wach- ter, also ein Mann, der die Dinge aus allernächster Nähe sah, die Männer von damals und auch den Kaiser selbst beurteilt. Bethmann Hollweg nennt er nur „den Regenwurm", Frhr v. Marschall ist für ihn das „Nilpferd" und den führenden Bulow nennt er einen „Aal". Die unmittelbare Umgebung des Kaisers selber nennt er „feige, verlogene Gesellen". Unterm 20. Juli 1894 bet einer Nordlandreise des Kaisers notiert er in das Tagebuch: Morgens machten wir mitsamt dem Kaiser gesundheitshalber „Freiübungen". Em netter Anblick so zwölf Menschen in verschiedenen Stellun- gen! Ein ulkiger Anblick: Wenn all die alten Kracher von Militärs gemeinsam die Kniebeuge machen müssen mit verzerrten Gesichtern. Der Kaiser lacht manchmal laut auf und hilft nut Rippenstößen nach. Die alten Knaben tun dann so, als ob diese Auszeichnung ihnen eine besondere öreuoe machen würde, ballen aber die Faust in der gasche und schimpfen nachher unter sich über den Kaiser wie alte Weiber. Feige, verlogene Gesellen.
Unter dem 27. Dezember 1909 finden sich fol- gende Aufzeichnungen aus Stuttgart datiert: „ee. Majestät hat bei seinem letzten Zusammensein nut dem König Photographien vom Berliner Scqlotz gezeigt, auch von dem kleinen Garten nach der Spree; er zeigte dann mit dem Finger drauf: „Hier habe ich das Luder (Reichskanzler Fürst Bülow) fortgejagt!" Wundert mich nur, daß er dann „das Luder" zehn Jahre lang behalten hat! Fällt doch auf ihn selbst Zurück."
Kiderlen kommt in seinen Mitteilungen auch auf die parlamentarischen Schwierigkeiten Zurück, die seine Marokkopolitik bereitete. Im Juli 1911 notierte er folgendes: „Ein nationalliberaler Führer war bei mir, um uns zur Sicherung der Annexion in Marokko zu gratulieren. Ich habe ihm klar machen wollen, daß wir in Marokko uns wirtlich nicht festsetzen wollen. Aber das Rmdvreh hat es mir einfach nicht geglaubt!"
Bon nicht geringem Interesse ist, wie Herr von Kiderlen-Wächter über seinen Mitarbeiter und Ministerkollegen, den heutigen deutschnationalen Abgeordneten, den die deutschnationale Reichs tagsfraktion sogar zum Reichskanzler präsentierte. Herr von T i r p i tz, urteilt. Schon in einem aus Kisfingen dauerten Brief vom 9. Juli 1909 heißi es' Am nächsten Mittwoch werden wir wohl dev neuen Kanzler wissen. Tirpitz wäre übel, eir falscher Streber und eine schwere Belastung unsere, auswärtigen Politik — wegen seiner Flottem P ° In einem Brief von Februar 1912 steht fob gendes: Ich bin ein Gegner von Tirpitz, well ick fürchte, daß seine Politik uns den Krieg nut England bringen wird. Ich halte Tirpitz für den grofr ten Lügner, den Berlins Pflaster trägt
Habe ich Dir die Geschichte aus dem Reichs tag schon erzählt? Im Hauptausschuß tragt Titc pitz vor. Esti alter erfahrener Abgeordneter sieh währenddem starr zur Decke empor. Das saL schließlich seinem Nachbar auf. Auf dessen Frag« erwiderte der Deckengucker: „Ich will sehen, wu die Balken sich biegen!"
Genug damit. Diejenigen aber, die uns das „alte System" als den Inbegriff aller Weisheit aller Ehrlichkeit und aller Lauterkeit darstellen würden doch gut daran tun, sich einmal umzusehen, wie es hinter den Kulissen dieses Systems ausgesehen hat._______________________
Hus dem besetzten Gebiet.
Dem ausqewiesenen Oberbürgermeister und jetzigen Reicksminister des Innern, Dr. Jarres, ist Du Rückkehr gestattel worden. Da Dr. Jarres, so betont die „Zeit", zum Ausdruck gebracht hat, daß er Wert darauf lege, den Duisburger Oberburger- meisteiposten zu erhalten, rechnet man hier damit, daß ihm in absehbarer Zell das Amt des Ober- bürgermeisters wieder übertragen wird.
= Dr’m Alban zu Löwenftein-Wertheim-Freuden- bera der sich gegenwärtig im Münchener Franziskaner- flotter befindet, wurde am Peter- und Paulsfefte zum Priester geweiht. Der Neupriester stand im Kriege als Rittmeister der Hannoverschen KönigSulanen bot öcm Feind, konnte aber wegen einer schweren Verwundung den Feldzug nicht dis ;-um Ende mitmachen.
Der englische Premierminister ist Dienstag nachmittag in Begleitung des Staatssekretärs des Aus- wärügen Amts Sir Eyre Crewe, sowie seiner bet- bat Prioatsekretäre in Paris eingetroffen. Auf dem Bahnhof fiel es auf, wie schlecht er aussah. Qfr gab Zeitungsvertretern zu, daß er sich unwohl fühle, was er in Anbettacht seiner wich- ttoen Unterhaltung mit Herriot sehr bedauere. Er habe sich auf feiner Reise durch Wales überanstrengt und sich dott Bronchitis und Asthma zu- gezogen. Rach kurzem Aufenchall in der engli- sthen Botschaft hat sich Macdonald nach dem Quai b'Orfag begeben; nachmittags halb 6 Uhr haben dort im Kabinett des Ministerpräsidenten Mac- donald und Herriot ihre Unterhandlungen, ausgehend von der Besprechung von Chequers, auf» genommen und bis 8 Uhr fortgesetzt.
Die zweite Besprechung fand Dienstag abend in der englischen Botschaft statt. Der Draht meldet uns:
.wtb pari®, 9. Juki. (Tel.) 3m Anschluß an bte gestern abend 9 Uhr 15 Alin, aufgenommene zweite Beratung ta der englischen Botschaft wird folgendes Kommunique ausgegeben:
Die Unterredungen zwischen Macdonald und 9 er- tiot haben nm 9.15 Uhr in der englischen Botschaft wieder begonnen. 6s wohnten ihr auf englischer Seite Lord Grewe, Sir 6yre Lrowe. Lord water- h«mse und der englische Botschaftsrat phies, franzö- fischerseits de la Roca, Seydouse, Lannentier, der Generalsekretär der Botschastskonserenz Mattili und der Kabinettschef Herriot bei. Die Besprechungen waren erst um 1 Uhr 35 Minuten heute vormittag beendet.
wtb paris, 9. Juli. (Tel.) Der „ßuofibten“ schreibt, die Verhandlungen, die das Gepräge großer Herzlichkeit getragen hatten, hätten sich fast mrsschlietzlich aufvierhauptpnnkte bezogen.
1. Unter welchen Bedingungen wird Dentsch- fanb zur Konferenz am 16. 3uli hinzugezogen werden? werden die Alliierten ihm ein Protokoll auf- zwingen ober wird Deutschland das Recht haben Über diese Bedingungen zu diskutieren?
2. werden Frankreich und Belgien, um die Sicherheit bet französischen und belgischen Truppen im Rheinland zu garantieren, eine Kontrolle über Re strategischen Linien behalten?
3. welche Maßnahmen wirb Deutschlanb im einzelnen treffen, damit der Sachverständigenplau offiziell als in Kraft befindlich erklärt und entfpre- chend bas Ruhrgebiet wirtschafttich geräumt werden kann?
4. welches Organ wird die etwaigen Berfeh- lungen Deutschlands feststellen? Frankreich hält die Absetzung bet Reparationskommission für ausgeschlossen, aber es möchte Amerika, an dessen Kredit Europa appellieren wird, die Möglichkeit lassen, seine Stimme geltend zu machen. Das fran- zöfische Memorandum, bas im Ministerrat gestern angenommen rourb^ gilt natürlich als Ausgangspunkt für bie ganzen Verhandlungen.
Die Schwierigkeiten der Verständigung.
Drei Fragen sind es, die in Chequers ungelöst geblieben sind, über die man sich auch im Laufe des in der Zwischenzeit geführten Gedankenaustausches noch nicht zu einigen vermocht hat: erstens die Frage, welches Organ die etwaigen Verfehlungen Deutschlands gegen das Sachver- stiindigenprvgramm zu konstatieren haben wird; «veitens der Versuch Frankreichs, durch die Forderungen besonderer Garantien für den Schutz der Besatzungstruppen die Durchführung des Sachverständigenprogramms mit dem Sicherheits- Problem zu verquicken und endlich drittens die Fruge, ob und in welcher Form Deutschland zu der Konferenz am 16. Juli zugezogen werden soll.
Zu der strittigen Frage, wer über Deutschlands Verfehlungen gegen den Dawesbericht zu entscheiden habe, schreibt der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph", man höre jetzt in politischen Kreisen von einem neuen Ausweg. Man wolle nämlich die Reparattonskommission „nicht als Reparattonskommission, sondern als Sachver-
Die Teilnehmer der Londoner Konferenz werden sich aus folgenden Staaten zusammensetzen: England, Frankreich, Italien, Japan, Belgien, Ju- goslavien, Griechenland, Portugal und Rumänien. Amerika wird durch einen Delegierten und zwar den amerikanischen Botschafter in London selber vertreten fein, der als Beobachter an den Verhandlungen teilnimmt, um seine Regierung jederzeit zu unterrichten. Eine Einladung wird an Deutschland sofort ergehen, wenn die Alliierten über die Ausführung des Sachverständigengutachtens sich grundsätzlich geeinigt haben. Die i Dauer der Konferenz wird auf anderthalb bis zwei Wochen berechnet.
Das Inkrafttreten des Sachverständigengutachtens wird nach englischen Informationen für ; den Septe-nber erwartet. Jedenfalls ist es Eng- ■ lands Absicht, bei der Londoner Konferenz einen ; bestimmten Termin für das Inkrafttreten dieses Gutachtens festlegen zu lassen. Von diesem Ter- : min werden dann auch alle anderen bezw. der Auf- 1