Zur Unterhaltung.
* r Fuldaer Zeitung Nr. 153.
Die Einsame.
Roman von Horst Werthern.
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«Dtagha trat ans Fenster. Graf Rottenstett war eben abgestiegen, aber Sefine saß noch zu Pferde, sein und zierlich in dem enganschließenden Rettkleid, die Wangen feirfjt gerötet, mit glänzenden Augen. Sie trug ein.n großen Strauß im Arm, dem sie Magda entgegenhielt ani) innige Zärtlichkeit sprach aus ihren Augen, als sie ausrtef:
„Das habe ich Ihnen mitgebracht, obwohl es sehr Anrecht von Ihnen war, nicht mitzukommen. Aber ich bin gut und pflückte die Blumen für Sie; Papa hat mir dabei geholfen. Soll ich zu Ihnen htaaufkommen?"
Magda antwortete:
„Ich komme hinunter, mein Liebling!"
Ms sie auf der Schwelle der Vorhalle erschien, hatte Gvots Rottenstett feine Tochter aus dem Sattel gehoben And gab dem Reitknecht, der die Pferde übernahm, einige Weisungen; aber sein Blick wandte sich sogleich Magda zu, die, ohne chn zu beachten, Sefine umarmte und leicht die Stirne des jungen Mädchens mit ihren 'Lippen berührte:
«Wie sehr Sie erhitzt sind, Sefine! Gehen Sie schnell hinaus und kleiden Sie sich um!"
„Ja, Magda, aber wo finde ich Sie dann?"
„In meinem Zimmer. Sobald Sie fertig sind, kön- nen Sie mich auffuchen, mein Liebling!"
Ganz leise, mit vor Erregung bebender Stimme, flüsterte Sefine:
„Ich möchte mich nie auch nur für einen Augenbllck von Ihnen trennen, meine geliebte, meine süße Mutter!"
Sie bemerkte nicht, daß ihr Safer daneben stand und ihre Worte vernahm, aber Magda sah es wohl und der undefinierbare Ausdruck, der feine Züge verklärte, verriet chr, daß er den zärtlichen Namen, den Sefine ihr gab, zm ersfemnal hörte. Ohne ein Wort zu sagen, stieg er die Treppe hinaus und betrat nach Magda den kleinen Salon. Ms das junge Mädchen verschwunden war, um möglichst schnell umgekleidet wieder bei ihrer geliebten eiferen Freundin zu fern, sagte er mit seltsam bewegter Stimme zu Magda, die sich ebenfalls entfernen wollte.
„Kinder haben ost wunderbare Einfälle. Sefine hat den richtigen Namen für Sie gefunden, den sie Ihnen für alles Gute schuldet, das Sie ihr erweisen; ich kann Ihnen nie genug dafür danken."
Magda war stehen geblieben und ein first numerischer rosiger Schimmer färbte chr durchsichtiges Antlitz; sie machte eine Bewegung, um den Grafen zu unterbrechen. Ein fetiges Lächeln umspielte ihre Lippen:
„Sie sind mir keinen Dank schuldig; Sefine erweist dir viel mehr Gutes als ich ihr!"
„Wieso." ■ 1:
„Ihr habe ich es zu verdanken, daß ich mich nicht mehr ganz verlassen fühle. — Es ist die volle Wahrheit, wenn man sagt, daß man sich selbst beglückt, wenn man anderen Gutes erweist."
„Sie sind eben ein Weib, wie es wenige gibt"
„Welcher Irrtum! — Mein Gott, ich versichere, daß es unzählige Frauen gürt, die so sind wie ich."
„Mir ist noch keine begegnet; — nein — nicht eine einzige, die in mir zugleich soviel Achtung und — erlauben Sie mir, es Ihnen einmal zu sagen — soviel Be- Wanderung erweckt hätte!"
Er hatte noch nie in ährckichvr Art zu chr gesprochen und drückte sich auch jetzt so schllcht aus, daß jene Worte emen ganz besonderen Eindruck hervor riefen. Magda errötete unbewußt und stand in stolzer, aufrechter Hal- tag vor ihm. Ihre Hand glitt streichelnd über die Blumen, die sfe im Arm hielt, und ihren Blick, d'fefen Bück eines Weibes, das Leben und Menschen kennt, fest auf ihn gerichtet, antwortete sie ernst:
„Für die Achtung sage ich Ihnen meinen Statt, beim ich glaube sie zu oerbienen; auf Ihre Bewunderung jedoch habe ich keinen Anspruch und muß sie zurückwestm. Ich tue ganz einfach meine Pflicht hauptsächlich darum, weil mir nichts verhaßter erscheint, als mich schuldig zu fühlen. Es ist durchaus ksin Verdienst, ein Kind wie Sefine zu lieben; sie lohnt mir reichlich das wenige, das ich für sie tun kann, mit inniger Zärtlichkeit und gürt mir unzählige Beweise ihrer Zuneigung!"
„Es ist wahr, sie betet Sie an; ihr Herz gehört aus- fihkreßüch Ihnen, und wir haben kein Recht, eifersüchtig zu fein; weder ihre Großmutter noch ich haben es verstanden, ihre Liebe zu gewinnen."
Es lag schmerzliche Bitterkeit in der Stimme Sotten- stekts; wenn Magda ihn noch für oberflächlich und leichtfertig geholfen hätte, in dtefem Augenblick würde sie die Gewißheit erlangt haben, daß sie sich täusche, und da sie zu jenen gehörte, die jeden Schmerz zu lindern sirchen, sagte sie mit sanfter Stimme:
„Sie wissen doch, daß es in Ihrer Macht liegt, alles wieder gutzumachen. Zeigen Sie Sefine noch deullicher Ihre Zuneigung und 6ie werden ihr Herz bald erobert habe«. Sie ist so liebevoll und so dankbar für das kleinste Zeichen von Sympathie."
„Das wäre mehr, als ich verdiene! Sie sind gütig, rmendttch gütig — das weiß ich längst. Wenn ich nicht fürchten müßte, Sfe zu beleidigen, denn Sfe find sehr streng, sobald es sich um Sie selbst handelt, würde ich sagen, daß Sfe für mich em lebendes Beispiel sind. Ja, ich habe viel von Ihnen gelernt, ohne daß Sfe es ahnten — und so manches, was ich von Herzen bedauve so spät gelernt zu haben — zu spät. Mein Leben würde ge- miß eine andere Richtung genommen haben, wenn das
Schicksal mir gnädig gewesen wäre und mich einige Jahre früher auf Ihren Lebensweg geführt hätte!"
Was wollte er damit sagen? Heftige Erregung klang m seiner Stimme und ein tiefer Ernst hatte ihn völlig verändert. Magda Keß unbewußt chre Blicke auf ihm ruhen.
„Sie können sich nicht erklären, weshalb ich plötzlich das alles zu Ihnen sage, was ich bis jetzt in meinem Innern verschlossen hielt. Aber — es ist der zärtliche Name, den Sefine Ihnen zuflüsterte, der mich meine — strengen — vernünftigen Vorsätze vergessen machte. Arme Kleine! Als ich Sie zu ihr brachte — mit jener Gleich- gütig feit, die ich mir ihr gegenüber angewöhnt hatte, da ahnte ich nicht, daß ich ihr das Glück entgegenführte — und wenn es in meiner Macht läge, möchte ich, daß dieses Glück ihr nie mehr entschlüpfen sollte!"
Magda lächelte:
„Solange die Frau Baronin und Sfe es wünschen, werde ich bei Sefine bleiben."
„Ich will es gar nicht hoffen. — Sie sind nicht dazu geschaffen!"
„Nicht dazu geschaffen? Weshalb? Ich kann Ihnen versichern, daß ich Sefine von ganzer Seele liebe, ganz so wie eine wirkliche Mutter ihr Kind Bebt!
„Ich fühle mich Ihnen gegenüber fo sehr verpflichtet, daß ich glücklich wäre, Ihnen einen schwachen Beweis meiner Dankbarkeit geben zu können. — Die Liebe zu einem Kinde, dessen man sich aus Herzensgute annimmt —'
„Nicht aus Herzensgute — aus Zuneigung."
„Oder aus Zuneigung — gleichviel — sie kann das Leben einer Frau nicht ausfüllen."
„Das Leben so mancher Frau — wenn es —"
Er unterbrach sie und seine Stimme bebte:
„Wenn diese Frauen in der Liebe eines Gatten Trost finden — vielleicht — aber anders. — Es ist Wahnsinn, diesem Gedanken Raum zu geben; Sie können unmögllch daran glauben!"
„Weshalb nicht?"
Wieder blickte sie if>n forschend an.
„Weil Sie zu jung sind, um zu entsagen — weil es Ihnen empörend scheinen muß, ebenso wie mir, wie je- Sem, der Sie kennt, für immer zu einem Leben verurteilt zu sein, das Sie sich mit Ihrem tapferen Stan bemühen, erträglich zu firiben, — für das Sie aber, ich wiederhole es, nicht geschaffen sind! Sie wissen es ebenso gut wie alle, die Ihnen nahe stehen!"
„Wozu erinnern Sie mich dran? Da es nicht zu ändern ist, — da mir keine Walfl bleibt. O, mein Gott, nicht meine Tapferkeit ist es, die mich veranlaßt, in meiner Stellung auzuharren, für die ich, es ist wahr, nicht geschaffen bin; es ist vielmehr di« Notwendigkeit! Ich sehe das Leben so, wie es ist, weiß, daß ich nichts mehr zu Hüffen habe und füge mich in das Unabänderliche!"
Sie hatte, während sie strrach, eine ruhige Würde bewahrt, die ihren Worten befonberen Nachdruck verlieh, obwohl diese Geständnisse fast gegen ihren Willen von ihren Lippen kamen. !
Graff RottensteK machte eine ungebutoige Bewegung, als ob er ihre fthmerzlichen Worte von sich weisen wollte. 1 ! ' 1
„Nichts mehr zu hoffen? — In Ihrem Wer! — Man müfjite blind und sehr unerfahren sein, um nicht vorauszufehen, daß heute oder morgen ein Glücklicher kommen wird, der das Recht Hai, Ihnen jenes Leben zu bieten, für iras Sie geschaffen sind; der Sie fortneh- men wird von hier, wo Sie der Inbegriff des Glückes —"
„Für Sefine waren," fiel sie ein, „bas will ich zugeben; aber das alles kümmert nur mich allein — das scheinen Sie zu oergesseuk"
®raf Rottenstett fühlte, daß er zu wett gegangen war. Er fich nicht mehr die Erzieherin fetaer Tochter vor sich, die ihn mit flammenden Blicke« betrachtete, sondern das Fräulein von Foreck, das einer stolzen aktadeligen Fa- milie entstammte. Sie glich keiner anderen Frau, die ihm je begegnet war — Urre bezaubernde Macht wirke veredelnd auf diejenigen, die chr unterlagen.
Einen Augenblick lang herrschte Schweigen, endlich sagte der Graf: * !
„Verzeihen Sie mir, wenn ich mtnsfret war, ohne es zu wollen. Sie «haben recht, es steht mir nicht zu, Ihnen zu sagen, welchen Antell ich an Ihrem Schicksal nehme, über das Sie allein zu verfügen haben. Cs war lächerlich, zu vergessen, das Sie mir nicht die Ehre er- wechen, mich zu Ihnen Freunden zu zahlen, daß ich ein Fremder sür Sie bin —"
„Nicht doch — Sie sind Sefinens Vater! —
Es war, als ob diese beiden Worte eine beruhigende Wirkung auf die beiden Menschen antsüben würden, die empfanden, daß ffe einander nicht wie Fremde gegen« überstehen konnten, da die gemeinsame Liebe zu dem Kinde sie verband.
Wieder wurde es still, und als Rottenstett sprach, hatte feine Stimme einen Klang, der Magda ganz fremb war:
„Wollen Sie dem Vater Sefinens gestatten,, eine Frage an Sie zu richten?"
Sie neigte stumm das Haupt.
„Sie sagten vor einem Augenblick, daß alles gutzu- machen sei — glauben Sie wirklich daran? — Glauben Sie, daß ein Mann selbst in meinem Alter noch imstande roärev ein neues Leben zu beginnen?"
(Fortsetzung folgt.)
Zu lllopstocks Gedächtnis.
Von Studienrat Bargon-Fulda.
II.
Klopflock als Mensch und Dichter.
1739 trat Klopstock fünfzehnjährig in die berühmte klösterliche Studienanstalt Schulpforta ein. Hier wurde er vor allem mit der antiken Dichtung innig vertraut, deren Spuren sich in fast allen fernen Werken offenbaren. Aber auch die neuere Dichtung blieb ihm nicht verschlossen. Er las Miltons Verlorenes Paradies in der Ueberfetzung von Bodmer und studierte auch Bodmers und Brei» tingers ästhetische Schriften. Sie übermittelten ihm die Ansicht der Schweizer über die Poesie und das Epos als höchste Dichtungsart und ließen in ihm den Entschluß reffen, selbst ein großes Epos zu dichten. Zuerst suchte er den Stoff in der deutschen Geschichte und wollte Heinrich den Vogler, der ihm durch seine Vaterstadt vertraut war, zum Helden wählen, aber bald wurde durch seine religiöse Geistesrichtung und das von den Schweizern empfohlene Studium Miltons fein Dichten auf einen geistigen Stoff hingelenkt. Er faßte den Enffchluß, den Erlösungstod des Heilandes zum Gegenstand eines religiösen Epos zu machen, und bald schwebte ihm der Plan zu den zwanzig Gesängen des Meffias vor. Als er Schulpforta verließ, schilderte er in feiner lateinischen Abschiedsrede die bedeutendsten epffchen Dichter alter und neuer Zett und spendet vor allem dem Engländer Milton im Gefühl dessen, was er ihm schuldet, höchstes Lob. „Wie erhaben ist fein Gegenstand, Gott, Himmel und Hölle, das Chaos, die Reiche der daraus heroorgegange- nen Welten, die Bewohner der Gestirne, die Engel und Menschen vor und nach dem Fall, mit dem Ausblick auf die Erlösung", so lautet die wütigste Stelle in deutscher Uedersetzimg. Und dann sehnte er den Tag herbei, der auch dem deuffchen Volke einen solchen Dichter von tiefster refigiofer Inbrunst und höchster Naturbegeisterung beschere. — Don Schulpforta begab sich Klopstock nach Jena, um Theologie zu studieren. Doch seine Liebe galt bereits feinem Meffias, und es entstanden einige Gesänge in Prosa. Als er schon nach einem Semester nach Lefitz^ ging, schrieb er sie m Hexameter um. Hier in Leipzig genoß er im Kreise gleichgesinnter Jünglinge das Glück der Ingendfreundschaft in vollen Zügen. Es waren vor allem jene jungen Dichter, die sich von Gottsched losgesagt und den ästhetffchen Ansichten der Schweizer zugewandt hatten. Sie gaben eine einflußreiche Zeitschrift heraus, die.nach dem Wohnort des Verlegers kurz die Bremer Beiträge genannt wurden. Im vierten Bande dieser Zeitschrift erschienen ftn Frühjahr 1748 die ersten drei Gesänge des Messias ohne den Namen des Dichters. Zunächst machte das Bruchstück keinen Eindruck, bald blieb aber die begeisterte Ausnahme nicht aus, und der junge Leipziger Student war ein berühmter Mann. Wenige Wochen nach dem Erscheinen biefer ersten Gesänge des Messias verließ Klopstock die Unwer- sität und ging als Hauslehrer nach Langensalza. Hier faßte er eine tiefe Neigung zu ferner Base Marie Sophie Schmidt, die er <fls Fanny in seinen Oden besungen hat. Seine äußeren LebensverhMnstse gestalteten sich in triefen Jahren wenig erfreulich, zumal Klopstock sich zu einem bestimmten Berufsstudium nicht enffchlleßen konnte. Gern nahm er daher Bodmers Einladung nach Zürich an, erlöste sie ihn doch ans der peinlichen Lage, ohne Gegenliebe zu fieben. Im Juli 1750 kam Klopstock bei Bodmer an, der freilich seine Vorstellung vom dem serophffchen Sänger des Messias in dem lebensfrohen Dichter sehr enttäuscht sah. Klopstock fand bald viele junge Freunde, die ihm den Aufenthalt so angenehm wie mögllch machen wollten. Don den verschiedenen Ausflügen, die ihm zu Ehren unternommen wurden, ist keiner so berühmt geworden alls die Fahrt auf dem Züricher See, die Klopstock in jener schönen Oede verherrlicht hat, die des Sees Namen trägt. Schon 1751 verließ Klopstock Zürich und folgte einem Rufe nach Kopenhagen, wo ihm Minister Bernstorfs am königlichen Hofe ein sorgenloses Dasein erwirkt hatte. In Dänemark war damals das deutsche Element maßgebend, und vor allem Bernstorff selbst war ja ein Deutscher. Aus der Reise nach Kopenhagen lernte Klopstock in Hamburg Meta Moller kennen, die für seinen Meffias begeistert war. Als Cidli lebt sie in seinen Oden und im Meffias fort. Sie wurde 1754 seine Frau, starb aber schon 1758. In seiner Stellung am dänischen Hofe wußte sich Klop- stock eine unabhängige Würde zu wahren und doch die Gunst feines Königs und die Freundschaft feines Gönners zu erhalten. Dichterffch war die Kopenhagener Zett sehr fruchtbar. Langsam, doch in unausgesetzter Arbeit vollendete er den Meffias. In einer reichen Fülle von Oden gab er feinen inneren Erlebnissen, feinem Fühlen und Denken Ausdruck. Auch in der dramatischen Dichtung versuchte er sich, aber mit wenig Glück. Im Jahre 1770 verließ der Dichter nach dem Sturz seines Gönners Kopenhagen und ging nach Hamburg. 1771 erschien die erste Sammlung feiner Oden, die er dem Grasen Bernstorfs widmet. Was Klopstock weiterhin geschrieben hat, war ohne tiefe Bedeutung. 1774 folgte er der Einladung des Markgrafen Karl Friedrich von Baden nach Karlsruhe. Auf der Reffe dorthin wurde er in Göttingen von den jungen Dichtern des Hains ntit überftrömenber Verehrung gefeiert. In Frankfurt bewillkommnete mc; chn in Goethes Vaterhaus, und Goethe hat uns in Düytung und Wahrheit ausführlich über den Eindruck berichtet, den Klopstock auf ihn gemacht hat. In demselben Jahre erschien die Deutsche Gelehrtenrepublik. Aber schon 1775 kehrte Klopstock nach Hamburg zurück, und hat es, abgesehen von kürzeren Besuchen bei Verwandten, nicht mehr verlassen. 1791 verheiratete er sich wieder mtt der Witwe Johanna Msabeth Winthem, einer Nichte feiner ersten
Gemahlin. An den weltgeschichtlichen Vorgängen der Zett nahm er regen Anteil. Sein Freiheitsgefühl trieb ihn, die Anfänge der französischen Revolution begeistert zu begrüßen, bald aber gab er seiner Enttäuschung in der Ode „Mein Irrtum" dichterischen Ausdruck. In der letzten Zett vertieste sich Klopstock inaner mehr in sprachliche und metrische Untersuchungen, mich eine Ausgabe des Heliand, der ältesten deuffchen Meffiade, plante er. Dor allem aber beschäftigte er sich mtt der Ausfeilung und der Herausgabe feiner Werke, auf die er große Sorgfalt verwandte. Er starb am 14. März 1803 zu Hamburg im Atter von 79 Jahren. Seinem Wunsche entsprechend sand er auf dem Friedhof von Ottensen bei Altona neben ferner Meta die letzte Ruhestätte. Die Beerdigung gestaltete ffch zu einer so glanzvollen Feier, wie sie keinem deuffchen Dichter je zu Teil geworden ist. Der Meffias wurde feinem Sarge vorausgetragen.
Das Werk/) an dem Klopstock fast ein Menschenalter unermüdlich gearbeitet hat unu dem er feine Unsterblichkeit verdankt, ist der Messias. Den drei ersten Gesängen, die im Jahre 1748 veröffentlicht wurden, folgten im Laufe der Jahre noch 17 andere nach. Im Jahre 1773 war das Werk mit dem 20. Gesang abgeschloffen,und der Dichter konnte in der Ode „An den Erlöser" seinem Dankgefühl Ausdruck geben. In diesem religiösen Epos stellt Klopstock allen Auftlärungszweifeln zum Trotz bte Haupttatsachen der Erlösung dar. Er erzähü bte Lebens- und Leidensgeschichte Ehristi vom Einzug in Jerusalem bis zur Himmelfahrt. Im allgemeinen folgt der ©efrntg ber Handlung bem Bericht bet Evangelien, manches 90c der Dichter frei ausgeftaltet. Da das Leiden unter dem Gesichtspunkt der Erlösung und Versöhnung dargestellt wird, führt uns der Dichter zuerst in den Himmel. Der Gottessohn erbietet sich dem Vater zur Sühnung der Menschhett, Enge» richten ats Boten Gottes Befehle aus. Don der Erde sehen wir Jerusalem und Golgatha, mit manchen örtlichen Einzelheiten, aber doch frei gezeichnet In des Dichters Landschaftsmalerei begegnen sich Barock und Rokoko, heroische Landschaft tmb Idyll. Reben Schluchten und dunklen Tälern liegen anmutige Auen und Gärten. Sicherlich hat Klopstock hter dfler Ennne- rungen an die heimatliche Natur verwertet. Mtt der- selben schöpserffchen Phantasie, mit der er fee Derhand- tagen im Himmel schildert, malt er auch bte Vorgänge ht der Hölle aus. Die Teufel schließen emen Bund, um den Messias zu töten. Diesem Beschluß widersetzt sich der gestürzte Engel Abbadona in tiefer Seue über feinen Fall Am Ende des 10. Gesanges stirbt Christus, Auferstehung, Höllen- und Himmelfahrt, zahlreiche Ersche'" mmgen ber Aifferstandenen, das jüngste Gericht füllen noch weitere zehn Gesänge. So ist k« Meffias eine ge- wattige Dichtung, fast überreich an Motwen und Ge- statten, wie es in der deuffchen Sprache keme zwette gwt. Die drei Schauplätze, Himmel, Erde und Holle, werden zur kosmffchen Einhett verschmolzen und machen dieses religiöse Epos zu entern wahren Erzeugnis ber Blute- zett des beuffchen Barock. Mit Recht hat man es feinem Geist bes Aufbaues nach mtt ben Oratorien von Händel tmb Dach verglichen. — Zu dem Inhalt paßt auch die Form Anstelle des steifen Alexandriners, der fett dem 17. Jahrhundert der deuffche Modevers war, wahtt Kwp- stock den Hexameter, den er nur den Gesetzen ber «eben- digen Wirkung unterordnete. Wenn er ihn auch der Antike nachgebildet hat, fo ist er doch kein «rtechstrh" römischer Vers, sondern ein rhythmisches Gebilde aus bem musikalischen Geiste ber deuffchen Sprache, von gro- her Anpaffungsfähigkett an Ausdruck und Seele fernes Inhalts. Klopstock hat den Meffias ja nicht zum Lesen, sondern für den lauten Vortrag geschrieben und ihn cmch ost selbst tat Freundeskreis unter starkem Bestall deklamiert. Daß bte zwanzig Gesänge nicht gleichwertig sind, stt felbstoerstänblich, aber habet bars man nicht vergeßen, daß manche Feister aus bem Wesen ber Zett zu erklären sind. Die Zeichnung ber Charaktere ist wenig ausgeprägt. Die meisten Gestalten sind roefenstos. Am besten gelungen ist Abbadona, ber durch den Gegensatz zu Adrmnaüech noch gehoben wird; auch die Gestalt bes PUati» und seiner Gemahlin Portio, die Klopstock frei erfunden hat, gewinnt durch das Kunftinittel bes Gegensatzes. Der Stoff bedingt es, daß vorwiegend unrrdische Wesen vorgeführt werden, wodurch das Gestatten einer episch fortschreitenden Handlung sehr erschwert wurde. Was das Leiden Christi an äußerer Handlung bot, ver- schwindet saft ganz unter der Fülle religiös-schwärme- rischer Betrachtung. An die Stelle der Handlung treten lange religiöse Gespräche und lyrffche Ergüsse. Die Seelen zustande der Beteiligten werden breit ausgemalt. Die Anlage bes Ganzen ist ebenfalls zu breit, auch Wiederholungen finden sich. Fast ganz feJj® Ort und Zeitfarbe, wie sie ber alte Helianddichter feinem Werke verliehen hat. Die Spannung ist sehr gering, Steige- nmg im Aufbau finbet sich kaum. Das Epos stt zu ge« fühlvoll und (rietet zu wenig Abwechselung in ben Gefühlen Dem Leser wird es schwer, dem Schwung der religiösen Empfindung durch die fast 20 000 Hexameter zu folgen. Hat fo der Meffias als Ganzes auch bedeutende Mängel, so sind viele Einzelhetten doch noch heute von hohem poetischen Wert. Die Verzweifetag der Höllenfiifften Satan und Adramalech und die Seelen, quälen Abbadonas tmb seine Erlösung sind ergreifend bargeftettt. Vor allem der Gang ber betben Jünger nach Emmaus stt eine idyllische Meisterstelle bes Gedichts. Klopstock ist eben vor allem Lyriker, und überströmende Gefühle sind die Seele seiner Dichtungen.
») Von Klopsto'cks dichterischen Werken besitzen wir gute Ausgaben mit ausführlicher Einleitung von Robert Boxberger (Berlin, Hempel) und von Richard Hamel «Kürschners Deutsche Nationalliteratur). Auch bei Reclam sind sie erschienen.
itung nue Durch
F X 4 I I M
Junge Mädchen im Alter von 14—18 Jahren gesucht. Nikolaus Weber, « m v. u„ mech. Weberei.
liillllil lii
Wer Geld braucht
der kaufe sich sofort ein Los zur Hauptziehung der Preutz. Klaffen-Lotterie. Beginn am 9. Juki
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Donnerstag, ben 3. Juli b. Js., vormittags 11 Uhr soll zur Hinterburg 6 dahier
1 Partie Abfalleder, l 5ahrrad
ösfemlich meistbietend gegen Barzahlung versteigert werden.
Ditzel, Obergerichtsvollzieher.
66000 Gewinne, rund
15 Millionen Goldmark
Lose hierzu sind zu haben bei
21. Großenbach, Staat!. Lotterte.
Musikinstrumente in la. Klang und Ausführung, sowie Sai sämtliche Ersatzteile kaufen Sie stets billig und hast in ber
Instrnmentsnhandlun
Frau E. Fuchs, Fulda, Kanamr.sii.
i Kein Laden! Kein Laden!
Bekanntmachung
Donnerstag, den 3. Suli 1924,
morgens 9 Ahr, versteigere ich im Hause Frankfurterstraße 25 folgende gnterhaitene Möbelstücke:
1 Verttkow, Bettstelle mit Matratze, 1 Kinderbett, 7 Stühle, 1 Küchenschrank, 2 Tische, 1 Zinkbadewanne, 1 Spiegel- schrank, Landschaftsbilder, Handtuchhalter, Wandbretter, Einmachtöpfe und sonstige Haus- und Küchengeräte.
Besichtigung Mtttwoch Nachmittag.
Der Versteigerer:
S. W. Ruppert.