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Zur Unterhaltung

bedeutendsten deutschen Aufklärer. Auf dem Gebiet der Aesthettk und der literarischen Kritik ist der Hauptvertre- ter Gottsched, dessen verstandesmäßig« Nüchternheit in seinemVersuch einer kritischen Dichtkunst" deutlich her­vortritt. Wenn er auch der Ansicht ist, der echte Dichter werde geboren, so sielst er doch immer wieder in der formalen Seite die Hauptsache der Dichtung. Von Gottsched ist vielfach angeregt der größte deutsche Dickster der Aufklärung, Lessing, der chr in der milden Toleranz seines Nathan die höchste poetische Verklärung gab.

Betont die Aufklärung den Wert der Vernunft für das geistige Leben, so erklärt die Gegenströmung, die Empfindsamkeit, das Gefühl für den ausschlag­gebenden Faktor in der Weltanschauung. Deutlich zeigt sich der Gegensatz zwischen Aufklärung und Empfindsam­keit in der religiösen Auffassung. Der religiösen Gleich- giMgkest des glaubensfsiMichen Rationalismus ge­genüber betont die Empfindsamkeit das tiefreligiöse Ge­fühl. Dor allem der Pietismus versucht den Zwiespalt zwischen Glaube und Wissen zu lösen durch das Fest­halten am fühleirden Glauben. In der beständigen Ver­gegenwärtigung der Tatsache der Erlösung besteht das wahre Christentum. Die Vereinigung des einzelnen Menschen mit Gott wird nicht durch dogmatische Recht­gläubigkeit erreicht, sondern durch innere Erleuchtung. Dadurch weist der Pietismus auf die Innerlichkeit der deutschen Mystik hin. Die Versenkung in Gott und seine Liebe ist das Wesen des Christentums, nicht der Streit gegen Andersgläubige. In diesem Anpreisen der religiö­sen Duldsamkeit berührt sich der Pietismus mit den Forderungen der Aufklärung, obwohl er sie anders be­gründet, das deutsche Gefühlsleben zu bereichern und zu vertiefen. Aber er leitet auch leicht zum Auslösen des tätigen Handelns in Empfindungen und steigert sich bis­weilen zu einer Ueberschwänglichkeit und Tränenselig­keit, die uns heute fremdartig erscheint. Auf dem Gebiet der literarischen Kritik sind die Hauptoertreter der Emp­findsamkeit die Schweizer Professoren Bodmer und Brei- finger. Im Gegensatz zu Gottsched hallen sie dts Ge­fühl für dichterisch wertvoller als den Verstand und wei­sen in ihren ästhetischen Schriften immer wieder darauf hin, daß die Phantasie Haupteigenschaft des Dichters und Grundbedingung echt poetischen Schassens ist. Sie be- »npsen Gottscheds Anlehnung an die Franzosen und finden die Vorbilder für die neu zu schaffende Dichtkunst vielmehr unter den Engländern, besonders in Milton, dessenParadise Lost" Bodmer tm Lahre 1732 übersetzt hat. Der größte Dichter des Zeitalters der Empfind­samkeit, der starke Anregungen aus dem Pietismus emp- fing, uni der viel von dem in die Tat umsetzte, was die Schweizer Theoretiker sordecten, ist Klopstock.

Friedrich Gottlieb Klopstock wunde am 2. Lull 1724 als Aelle,tes von siebzehn Geschwistern geboren. Seine Vaterstadt Quedlinburg liegt im Tale der Bode, die bei der Roßtrappe aus dem Harz hervorbricht. Sie ist reich an geschichtlichen Erinnerungen, besonders an Heinrich den Vogler. Diese heimatliche Geschichte und Lar-dschast tritt uns mehrfach in Klopstocks Dichtungen entgegen. Als er einen Helden für sein großes Epos suchte, fiel sein Blick zuerst auf Heinrich den Vogler. Der Schauplatz feiner Hermannsschlacht ist das Bodetal. In der OdeDer Hügel und der Hcun" hat er sich die Gegend der Roßtrappe und des Bodetales vorgestellt, und hier wandeln die Aldermänner seiner Deuffchen Ge- lehrtenrepublik, um ihren Landtag abzuhalten. Auch im Messias läßt sich manche lcmdschastliche Schilderung aas Vorstellungen aus dem Harz zurücksühren. Neben der heimatlichen Umgebung ist vor allem der Einfluß des Elternhauses bedeutungsvoll für die Kindheit und Lu­gend des Dichters. Der Vater war ein vortrefflicher Mann, er betrieb die Landwirtschaft nnd führte den Tllel eines Kommijfionsrates. Er war empfänglich für gelehrte und schöngeistige Bildung, mutig und von tiefer Frömmigkeit beseelt. Als man einst in seiner Gegenwart über Religion spottete, schlug er an seinen Degen und rief aus:Meine Herren, wer was wider den lieben Gott spricht, das nehme ich als Touche gegen mich an, und der muß sich mit mir schlagen". Er neigte dem Pie­tismus und der Mystik zu nnd glaubte an persönliche Verbindung mit der übersinnlichen Well. Ms der Dich­ter neun Jahre alt war, pachtete der Vater das Amt Friedeburg in der Grafschaft Mansfeld.

So hatte Klopstock das Glück, einen Teil seiner Lu­gendjahre in kindlicher Ungebundenheit zu verleben, und hier erfüllt die schöne Natur zuerst sein empfindsames Herz. Der Vater hatte den Grundsatz, daß der Körper feiner Kinder aus alle Weis« gestählt werden müsse, um später geistigen Anstrengungen desto besser gewachsen zu fein, und so ist außer einem lebhaften Natursinn eine stark entwickelte Neigung für körperliche Hebungen, na­mentlich für Reiten und Schlittschuhlaufen, dem Dich­ter von diesen Knabenjahren an zu eigen geblieben.

Neben dem Vater hat vor allen Dingen die Großmutter durch ihre Frömmigkeit und ihr Erzählertalent einen tiefen Eindruck auf den jungen Dichter hinterlasien. Daß sie zuerst ihn auf eine verständige Art mit der Bibel be­kannt gemacht hat, rühmt ihr Klopstock noch im späten Aller nach. Waren die Kinder artig gewesen, so erzählte sie ihnen zur Belohnung eine ansprechende biblisch« Ge­schichte, besonders gern die von Joseph und seinen Drü- dem, und Klopstock hat diese dann auch ausführlich in die Mesfiade verwoben.

So wirkte die pietistische Erziehung durch Vater und Großmutter zusammm, um in dem jungen Dichter eine Kefe und phantasievolle Religiositöt einzupflanzen, und diese fromme Gesinnung des Jünglings ist eine der her- Dortretenbften Eigenschaften des Mannes geblieben.

Mainsahrten.

Von Dr. Karl Freckmann.

H.

Don Amorbach fahren wir nach Miltenberg zurück und von dort am Südrande des Spessarts entlang main- aufwärts nach Wertheim. Fast jedes der kleinen Rester am Main hat irgendwelche bemerkenswerten Baulich, feiten, Straßen und Plätze. So Bürgstadt das hoch- gegiebelte Rathaus, Freudenberg eine alte Burg, die bann noch übertroffen wird durch die große Ruine über Stadtprozelten, einem der nächsten Orte am rechten Fluß- iffer. Aber auch die kleinen, anspruchslosen Sauern« und Bürgerhäuser sind durch die Verwendung von rotem Sandstein und leuchtend Hellen Putzflächen so freundlich mid einladend tm einzelnen wie malerisch in der Ge- samtheit. Es folgt das badische W e r t h e! m an der Cmmüdung der Tauber in den Main, bekrönt von einer ausgedehnten Burganlage, die jetzt allerdings auch fast ganz zur Ruine geworden fft. Von den lerraffen hat man eine prachtvolle Aussicht auf das malerische alte Nest und die Flußtäler sowie das bayerische Dorf Kreuz­wertheim auf der rechten Mainseite. Die Stadt selbst bietet eine Fülle von bemerkenswerten Einzelheiten mif Schritt und Tritt. Städtebaulich intercffante Partien, Brunnen und Tore, Fachwerkhäuser und Kirchen ergeben ein Gesamtbild von hohem Reiz. Bekannt vor allem ist die kleine Vorhalle an der Stadtkirche mit dem entzücken- den Erker daneben, während das Innere infolge früherer Silberftürmerei einen ziemlich kahlen Eindruck macht. Nur der Chor hat prächtige Grabdenkmäler, von denen das von 1591 besonders originell erscheint. Nicht durch seine ragende Höhe, sondem durch die Figuren: die Por- trätftatue einer Gräfin ©tt/berg, flankiert von ihren zwei Ehemännern, zu Füßen ihre zwei Kinder.

Die Sahn Wertheim-Würzburg existiert bisher nur auf dem Papier. Da das Wetter nicht so günstig ist, um den an sich reizvollen Weg zu Fuß machen zu ton­nen, bleibt nur die Wahl, entweder' nordwärts das ganze Maindreieck über Lohr-Gemünden zu umfahren ober südwärts über Tauberbischofsheim-Lauda nach Würzburg zu gelangen. Wir wählen das Letztere, da die Anfchlüfle bester sind.

Wilhelm von Scholz schreibt irgendwo, er wäre immer wieder versucht, Würzburg die schönst« Stadt Deutsch­lands zu nennen. Es fft kein blinder Lokalpatriotis­mus, der zu solchen Urteilen führt, es fft di« Einsicht, daß hier, in Würzburg die Schönheit der süddeuffchen Kunst ihre höchsten, zum mindesten ganz bedeutende Tri- umphe feiert. Und der Geist des Barock denn um ihn handelt es sich ja in erster Linie fft hier wie im ganzen Süden heute noch lebendig und lebensfähig, ja, man hat den Eindruck, er erhält sich hier ewig jung, er erfüllt berauschend das sommerwarme Tal, er strömt einen Duft und eine Süße ar», die immer wieder zu neuen Kunstschöpfungen airregen und begeistern. Wenn man dem Franken die besondere Blldnergabe unter den deutschen Stämmen zuspricht, wenn man Franken über­haupt als das eigentlich kunstschöpferische Land, als die Wiege der Kunst bezeichnet, so darf man wohl Würz, bürg als den Mittelpunkt, als die stärkste und stolzeste Zusammenfaflung dieser Kunstübung ansehen. In der einschmeichelnd milden Lust atmen wir den Geist dieser lebensfrohen Kultur, die in verschwenderischer Fülle eine diompisch heitere Kunst hervorzauberte. Da sind die fein- gegliederten Kirchen und Sttste, bte Brücken voll von Sta­tuen, darüber die Festung Marienberg mit ihren Toren voll höchster Monumentalität, da sind die reichen Portale und Gitter, das tausendfältige Beiwerk, die schönsten Ro- koko-Madonnen an den Hausecken mit den am Samstag brennenden Lampen davor, diese Laternen seSibst und die Schilder an den Weinkneipen, die Giebel und Erker und die fanfte Schwellung des Daches, die Straßen voll bun­ten, ftöhlichen Lebens, voll von prächttgen Ausblicken und Ueberfchneidungen. Und erst das Ganze von der

i Zuldaer Zeitung Nr. 152. i

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Zu ttlopstocks Gedächtnis.

Von Studienrat Sorgen«Fulda.

Wer wird nicht einen Klopstock loben? Doch wird ihn jeder lesen? Rein. Wir wollen weniger erhoben. Und fleißiger gelesen fein.

Klopstock in feiner Seit

Wieviel Wahrheit liegt doch in obigem Epigramm, mtt dem einst Lessing das Verhältnis der Mitwelt zu seinem Zeitgenossen Klopstock dichterisch gezeichnet hat Zweifellos ist in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhun­derts kein anderer deutscher Dichter so verherrlicht wor­den wie der Schöpfer des Messias, aber ebenso sicher ist, daß viele von denen, die ihn priesen, seine Werke garnicht ober doch nur oberflächlich gekannt haben. Daran hat sich auch bis heute nichts geändert, und Richard Homel, der eine neue Ausgabe von Klopstocks Werken besorgt hat, ruft mit Recht aus:Was wissen wir Deutschen von Kopstock?" Während Seffing den meisten Gebilde­ten wenigstens als Verfasser der Dramen Minna von Barnhelm und Nathan der Weise bekannt ist, roiffen selbst unterrichtete Liebhaber der deuffchen Literatur von Kopstock so gut wie nichts. Zwar wird er mit Les­sing, Herder und Wieland Äs Vorläufer unserer Klassi­ker genannt, aber fast niemand lieft feine Werke: treffend sagt Julius Wiegand in feiner Geschichte der deuffchen Dichdung, daß Klopstocks Kenntnis lange Zeit durch die höhere Schule erzwungen wurde. Von einem lebendigen Fortwirken Klopstocks ist nichts zu spüren, ober war wenigstens bis vor kurzem nichts zu spüren. Es scheint, cis ob in allerjüngster Zeit ein Hin wenden zu Klop­stocks Art und Weise sich anbahne. Den Gründen dieser Erscheinung nachzugehen, dazu bietet die 2 0 0. W i e- derkehr von Klopstocks Geburtstag einen willkommenen und berechtigten Anlaß.

Nach ihrer Stellung zur Außenwelt und zu ihrem Innern kann man die Menschen in zwei Gruppen ein- teilen, in Menschen mit Tagesbewußtsein und m Men­schen mit Nachtbewußffe'm. Sei den Menschen, in deren Seele das Tagesbewußffein überwiegt, herrscht stets logische Klarheit, vernünftiges Ueberlegen und bewußte Wahl der Willensregungen. Diese Denmlagung hat zweifellos manche Vorteile, aber es dürfen doch auch die Nachteile nicht übersehen werden. Ein Mensch, der sich ausschließlich vom logischen Denken leiten läßt, wird sehr häufig arm an Gefühl und für Kunst, besonders für Dichtkunst, nur wenig empfänglich fein. Sei den Menschen, in deren Wesen sich das Nachtbewußtsein stark geltend macht, kommen Willensregungen nicht bis in das Stadium des Entschließens, sondern sie verharren im Sehnen und Begehren. Sie können uns auf das lieber- irdische Hinweisen, durch dunkle Gefühle zum Ideal, zum Göttlichen führen. Vieles kann vor der kritischen Ver­nunft nicht bestehen: das Imaginäre herrscht vor. Träum« mtä Visionen spielen eine wichtige Rolle. Der Verlauf der Vorstellungen ist meistens unlogisch und geht mit großer Schnelligkeit vor sich: weil damtt stets viele Ge- sühlsregungen verbunden sind, ist das Nachtbewußffein in hohem Maße poetisch.

Diese beiden verschiedenen Veranlagungen der mensch- lichen Seele haben die deutsche Weltanschauung des 18. Jahrhunderts entscheidend beeinflußt. In Religionswis­senschaft, Philosophie, Aesthettk und Dichtkunst gehen zwei scharf von einander getrennte Richtungen neben einander her. Die eine Geistesrichtung, die Auf­klärung, wird gekennzeichnet durch das Wort Krittk, durch den Glauben an die Untrüglichftnt des Verstan­des: sie erstrebt Klarheit, Deutlichkeit, Wahrhett, Ein­fachheit und Natürlichkeit. Gern wird bie Zweckmäßig­keit der Welt gepnefen, die Natur wird besungen fast lediglich im Hinblick auf ihre Nützlichkeit für den Men­schen. Rein mit dem Verstand soll die Welt erklärt werden, daher auch der Name Rationalismus (von dem lateinffchen Wort ratio die Vernunft). Den Zwiespalt von Vernunft und Offenbarung will die Auf­klärung beseitigen, nur was mit dem Verstand beweis­bar ist, bleibt für diese Weltanschauung von dem Chri­stentum übrig. Sie setzt an die Stelle aller überlieferten Autorität dasvernünftige Denken", an Stelle des Offen­barungsglaubens eine natürliche Vernunftreligion, die im Wesentlichen in der Anerkennung Gottes besieht, alle einzelnen Dogmen aber beiseite läßt. Sie sordert Freihell für diese und jede andere vernünftige Anschau­ung, aber auch Duldsamkeit für die Bekenner der ver­schiedenen posttiven Religionen. Die Gedanken der Auf­klärung begegnen uns in allen Kulturländern. Sie fin­den sich zuerst in England bei dem Phiosophen Lacke und kommen dann über Frankreich zu uns. Thomasius, Leibnitz, Christian Wolf und Moses Mendelssohn sind die Hi ' .. -------------------

Die Einsame.

Roman von Horst W e r t h e r n.

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Jetzt", sie hielt wieder zögernd inne; ihre herrlichen Augen erhellten sich, ein leidenschaftliches Feuer glänzte in ihren Blicken, als sie sagte: .

Letzt liebe ich Sie, wie ich noch nie jemanden ge. liebt habe mein ganzes Herz gehört Ihnen, wenn Sie es aimehmen und behalten wollen ich liebe Sie so, wie nur Ihr eigenes Kind Sie lieben könnte!"

Die naiv ausgedrückte Zärtlichkeit dieser kindlichen Seele drang tief in das Herz der armen Einsamen fi- zog bas Kind an ihr Herz:

Sefine, teure Sefine! Wir werden zusammen sehr glücklich fein sind Sie damit emoerftanben, mein Lieb­ling?"

0, fft es denn kein Traum? Wirklich Sie wollen mich als Kind betrachten?"

Deutlicher als ihre Lippen sprachen die beredten Blicke Magdas. Da beugte sich Sefine auf die Hand, die die ihre feftitelt und drückte einen langen, innigen Kuß darauf. Als sie sich aufrichtete, glänzten Tränen in ihren Augen, aber sie lächelte, und als wär« es ein geheiligtes Wort, das sie kaum auszusprechen wagte, flüsterte sie:

Mutter, o meine Mutter!"

Eine Stund« später saß Magda noch immer an dem Bett und beobachtete Sefine, die unruhig schlief, mit tiefem Ernst. Die zarte kindliche Gestalt war fest in die Kissen geschmiegt, über die das dunkle Haar sich ergoß. Die gssenkten Augenlider, die von langen Wimpern um­säumt waren, verdeckten die Augen, die soviel geheime Leidenschaft ausdrücken konnten und fest geschlossen waren, ebenso wie der Mund, der sie nut fo unendlicher ZärtlichkeitMutter" genannt hatte.

Zum erstenmal hatte sich Magda so nennen gehört, und das eine Wort hatte m ihrer Seele jene Gefühle erweckt, die im Innern jedes Weibes schlummern, die Nffammengesetzt sind aus Liebe und Aufopferung.

In der Stille des Hauses, in dem alles schon zur Ruhe gegangen war, hielt sie Einkehr in ihr Inneres und war sich bewußt, daß sie an diesem Abend dieses Kind, das der Zufall ihr in den Weg führte, als ihr

eigen angenommen hatte, und zwar nicht nur, um die entsetzliche Leere ihres eigenen Daseins auszufüllen, son­dern weil sie den innigen Wunsch hegte, dieses einsame Kind glücklich zu machen.

Wie sie es ihrer alten Freundin gesagt hatte, hoffte sie von der Zukunft nichts mehr für sich selbst. Sie kannte die Menschen zu gut und wußte, daß sie nichts von ihnen zu erwarten hatte. Enttäuscht, mißachtet, vergessen von allen glaubte sie auch, ohne Herzeleid auf die Liebe verzichten zu können, die sie immer nur mit Selbstsucht gepaart gesehen hatte. Sie war bereit, dem Glücke anderer zu leben, nachdem ihr das Schicksal die letzte Hoffnung geraubt hatte, jemals die schönsten Freu­den kennen zu lernen, die das Leben eines Weibes oer- tlären können.

IX.

Der Sommer ging endlich zur Neige. Magda wurde sich bewußt, wie rasch die Zell dahingeschwunden war, als ihr Blick auf das bunte Laub der Bäume fiel, die sich im kühlen Herbstwind vor ihren offenen Fenstern bewegten. In weller Ferne zieht sich in heller Farben­pracht der Wall) dahin, der das Schloß umgab, in dem sie mit Sefine den Sommer verlebt hatte. Die Baronin war in einigen Bädern gewesen, hatte unzählige Freunde auf deren Besitztümer besucht und war nun endlich auf das Gut ihres Schwiegersohnes zurückgekehrt, um die Jagdgäste zu empfangen.

Vor einer Woche war sie auf Lindau eingetroffen, und heute sollte ein Teil der ermarteten Gäste ankom­men. Das große Gebäude, das in feiner friedlichen Stille Magda wohlgetan hatte, war jetzt von dem Lärm und der Unruhe erfüllt, die die Vorbereitungen verur­sachten.

Die hohen, vornehmen Räume, die monatelang ver­schlossen und stillgelegt hatten, sollten nun von lärmen­den, fröhlichen, lachenden Menschen erfüllt werden, vom Rauschen seidener Kleider und raschen Schritten auf den langen Gängen.

Ein Seufzer entrang sich der Brust Magdas; außer in ihrer frühesten Jugend hatte sie lärmende Gesellschaft nie geliebt, und jetzt empfand sie geradezu eine Ab­neigung dagegen.

Aber der Zauber der Einsamkeit, dem sich M>° vereint mit dem Kinde, fo willig hingegeben hatte, <. *

schon durch die Ankunft der Baronin gestört. Seit dem Tag, an dem Magda Sefine als ihr Kind angenommen hatte, war eine lange Zett verstrichen, in der sich die Bande nur noch inniger befestigt hatten. Aus dem mür­rischen, launenhaften Kind war ein zärtliches, einschmei­chelndes Geschöpf geworden, das noch mehr durch zarte Andeutungen als durch Worte verriet, welcher Schatz von Liebe in dieser jungen Seele verborgen lag.

An diesem Herbstnachmittag durchlebte sie noch ein­mal die Zett, die sie hier zugebracht hatte und blätterte in dem Buch, in das sie nach Art der Einsamen fast täglich eintrug, womit sich ihre Gedanken beschäftigt hatten.

Nachdenklich ruhte Slagbas Blick artf dem Bilde Sefinens, das vor ihr auf dem Schreibtisch stand. Es war eine Amateurphotographie von seltener Lebendig- kett, bie den zärtlichen und dabei so leidenschastlichen Ausdruck der Augen und des lieblichen Mundes wieder- gab, der so unwiderstehlich zu sagen verstand:

Seien Sie nicht traurig, Mutter, ich habe Sie ja fo grenzenlos lieb."

Mutter!" Mit welcher Hingebung fie dieses Wort aussprach, das ihr selbst so neu war!

Magda glaubte den sanften Ton ihrer Stimme zu vernehmen und flüsterte leife:

»Du mein geliebtes Kind, nur cm Dich allein will ich denken!" *

Fast gebieterisch sprach sie diese Worte aus, ober wie ein höhnischer Widerspruch zu chrem sesten Willen tauchte im selben Augenblick das energische Antlitz Rolfs vor ihrem Seifte auf.

Sie machte eine ungeduldige Bewegung weshalb dachte sie an ihn? War es nur, weil er sich unter der Zahl der heute erwarteten Gäste befanb? Oder well sie in dem Buch in dem sie geblättert hatte, seinen Namen sehr oft gesunden sich einzelner Gespräche und ge­meinsam verlebter Stunden erinnerte?

Gewiß, sie hatte Sympathie und Achtung für ihn, wie für wenig Menschen. Er war für sie ein ergebener Freund, und offenbar brachte er ihr aufrichtiges Inter­esse entgegen. Freilich durfte sie seinen Ausmerksam- teiten keine Bedeutung beilegen, ebensowenig wie denen <x Rottenstett, der bei jeder Gelegenheit den

Höhe des Räppele ober der Frankenwarte, der Stations- weg des Räppele selbst unter den schattigen Platanen: Wunder über Wunder. Und aller Schönhett Inbegriff fft die Residenz, nicht nur Deutschlands schönstes Barock- schloß, sondern ein Wert von übernationaler, wahrhaft weltwetter Bedeutung. Staunend durchschreitet man wieder diese Räume voll unerhörter Pracht, steht be­wundernd sttll vor Tiepolos Fresken im Treppenhaus und im Kaisersaal. Wie hoch allein diese Gemälde bewertet werden, erhellt wohl aus einer Bemerkung, die Wilhettn Bode zugeschrieben wird: mit Tiepolo höre bte Kunstgeschichte auf. Es fft seitdem nichts Gleich­wertiges mehr geschaffen worden.

Aber die höchste Schönhett entfalten diese Räume erst bann, wenn sich ihnen eine fongeniale Musik beigesellt. Es ist ber letzte Abend des Mozartfestes in der Residenz. Im Kaisersaal hat man unter den lächelnden Augen ber Flora und des Apolls ein Podium aufgeschlagen, hat für das Publikum ganze Reihen der kostbaren Stühle zufammengeholt, selbst der weiße Saal mußte zu Hilf« genommen werden. Ein gesellschaftliches Ereignis ersten Ranges! Alles trug dem Charakter eines Festes auch m Anzug und Robe aufs Beste Rechnung, man hatte soviel Glanz, eine solche Eleganz gar nicht erwartet. Den Anfang bildete Mozarts Konzert in D-Dur für Violine mit Orchester. Das Orchester des Würzburger Staats­konservatoriums fpielte unter Prof. Zilchers feinsinniger Leitung nut äußerster Delikateste und jener reinen Musi­zierfreude, die erst ganz die rührende Schönheit Mozart- scher Musik auszuscböpfen vermag. Dazu der blühende Geigenion des Solisten Adolf Schiering, der besonders im Ausdruck cantabile von geradezu beglückendem Wohl­laut war. Als zweites Stück folgte das fog. Münchener Kyrie in d-moll für vier Singstimmen mit Orchester. Acht Damen unb acht Herren bestritten mtt vollkommen aus» geglichenen Stimmen den Sefangspart; beseelt und feier» lich unb doch mit jener Grazie, ohne die Mozart nicht denkbar fft, legte dos Werk Zeugnis ab von jener ech.en Safraflmufit, der sich heute nur noch die Kirchenbesucher im deuffchen Süden zu erfreuen haben, während man es im Norden immer noch wagt, die faden- und jämmer­lichen Produkte ber Cäcllianer zu Gehör zu bringen.

In der großen Pause trat man auf den Balkon hin­aus unb genoß den Blick in den Hofgarten, besten Blu- menparterre in üppigster Blüte steht. Dies Muster eines streng architektonisch angelegten Gartens erscheint eigent­lich erst hier, von ber Altane des Festsaals aus, in feiner ganzen Schönheit, zu ber die Laubengänge, Treppen und Ballustraden wesenttich betragen. Unb auf ber Seite bes weißen Saales schweifte der Blick über bie Dorder- bauten unb ben weiten Platz hinüber ben Türmen unb Kuppeln bes entzückenden Stadtbildes.

Zur Iupitersymphonie, die den Beschluß bLdete, er- strahlte ber Saal in flackerndem Kerzenscheine. Die vier großen Lüster aus venetianischem Glas waren mit Ker­zen besetzt, an der Estrade ber Musik, zu Seiten des Dirigenten standen pompejanische Leuchter mH Kerzen. Unter ihrem warmen Scheine flammten Helle Glanz- streifen an ben Stuckmarmorsäulen empor, die Kapitelle sprühten Funken in der Pracht des Goldes, die Gesimse unb Ornamente begannen zu tanzen, Tiepolos Fresken glühten dunkel auf. Die Iupitersymphonie wurde, unter atemloser Spannung vorgetragen, mit hinreißendem Schwung gespielt, zu einer Glanzleistung des Orchesters, ber stürmischer Beifall folgte. Wie das Werk im Aus. bau schon an Beethoven gemahnt, so auch tm Inhalt, den man ins Gefühlsmäßige übersetzt als ben Sieg ber Freude über bas Leid ausbeuten barf, ein Sieg, der be­sonders tm Finale durch höchste Kunst geadelt ist io festlichem Glanz.

Ist es nicht auch wie ein Sieg ber Freude, den dies ganze Frankenlanb verkündet mit feiner reichen Vergan­genheit, feiner heiteren Lebensbejahung, feiner glänzenden Kunst? Aber was haben wir heute davon, wenn wir uns in diese Träume mir allzu willig einspinnen kaffen? Ist nicht der Amerikanismus heute die Losung oder können wir uns vielleicht doch noch vor der oben Gleich- förmigfett moderner Städtebilder, vor ihrer ausschließ­lichen Zweckmäßigkett erretten? Wie oberflächlich mutet vor Bauten wie der Würzburger Residenz jener platte moderne Nützlichkeitsstandpunkt an, dem alle Materia­lien und Konstruktionen untertan sind und dem doch das eine Notwendige, die Seele, fehlt! Nicht die Zweckform als solche ist schon Kunst, nein, erst nach Befriedigung ber elementarsten ßebensnotroenbigfetten beginnt bas, was wir Kunst nennen. Diese Kunst erwächst aus einer großen Gesinnung, bie ber Heimatliebe verwandt ist, und um diese Gesinnung zu wecken und zu fördern, gibt es fein andere Mittel als das liebevolle Verfenfen in die KunstfchLpfungen der Vergangenheit besonders in jenen Gegenden, die schon von Natur aus so reich sind durch Sonne und Wein wie diese herrlichen Lande um den Main!

Wunsch aussprach, ihr seine Dankbarkett sür bie auf. opfernde Güte gegen Sefine zu beweisen.

War es wirklich nur das? Nein, sie glaubte nicht daran. Sie war zu sehr Weib, um nicht zu empfin­den, welcher Art ber Reiz war, ben sie auf ihn unwill­kürlich ausübte; vielleicht eben well er sie in ihrem voll­ständigen Verzichten verschloffen und unnahbar fand.. Jetzt konnte sie nicht mehr daran zweifeln, obwohl et ihr immer mtt der größten Ehrerbietung begegnete, und trotz ber Zurückhaltung, die er sich in Erwägung ber schwierigen Stellung, die sie im Hause einnahm, auf­erlegte.

Durch bie unschuldigen Bemerkungen Sefinens wurde ihr klar, daß sich eine geheimnisvolle Wandlung in ihm vollzog. Nie noch hatte er, so wie jetzt, nach dem Zu­sammensein mtt seinem Kind verlangt! Unb immer bat er Magda, sich seinen Spaziergängen mit Sefine anzu- schließen.

Nie war er so häufig in das Haus seiner Schwieger­mutter gekommen, wo er ganz offen jede Gelegenheit er­griff, sich mtt ihr zu unterhalten, begierig, ihre An­sichten und ihr« Gedanken kennen zu lernen und ihnen eine Aufmerksamkeit entgegenbringend, die sie, ohne zu wissen weshalb, ungeduldig und verlegen machte, und ohne daß sie je Veranlassung gehabt hätte, eine Be- leibigung in dieser Aufmerksamkeit zu sehen. Mtt feinem Takt war er bemüht, sie ihre Trauer oergefien zu machen und ihr das Schwierige ihrer jetzqen Lage nach Mögt lichkeit zu erleichtern.

Wenn sie ihn in früherer Zeit kennen gelernt hätte damals, als sie noch die freie, unabhängige Magda von Foreck war, hätte sie das Interesse, bas er ihr ent« gegenbrachte, gewiß nicht zurückgewiesen, aber jetzt jetzt befand sie sich als Erzieherin im Hause ber Baronin nur clls Erzieherin! Das durfte sie nie außer acht lassen unb auch Graf Rottenstett sollte es nicht vergeßen.

Plötzlich vernahm sie ben Hufschlag eines Pferdes auf bem gepflasterten Vorhof. Sollte Sefine, bie mtt ihrem Vater ausgeritten war, schon so früh heimkehren?

Magba, Ihr Fenster fft offen! Wollen Sie nicht für einen Augenblick erscheinen wie die Königstochter?" rief eine jugendliche Stimme, bie fröhlich in ber lauen Luft wieberhallte.

(Fortsetzung folgt)