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\ i Zuldaer Leitung Nr. HS.

Mein Zuldaer Land,

ich grüße dich!

Latz dich grüßen Land der Buche«, Deine stolzen Berg« sehen And die tieben Orte suchen. Die vor meiner Sehnsucht stehen. Wo Erinnerungen wehen Am der Burgen grüne Ranken And die alten Straßen gehen. Wo Jahrtausende versanken. Wo sich fest der Liebe Band Schlingt um Herz und Heimatland.

Wo der Fulda Wellen wogen. Wo des Domes Türme ragen And in weiter Berge Bogen Höhen stille Kirchen tragen. Wo den weiten Platz umschcmern Statuen und Ballustraden, Leber altersgraue Mauern Wipfel weit die Neste toben. Grüß ich dich im lieben Land, Hetl'ge Stadt am Fuldastrand.

Latz zu Winfrieds Grab mich treten. Der die deutsche Rächt gelichtet. An geweihter Stätte beten. Wo uns Sturm' das Kreuz errichtet. Möge Winfrieds Geist umwehen Ans im Leben und im Sterben, Herrlich soll sein Werk bestehen; Sinnt auch Amalech Verderben, Gott beschirmt mit starker Hand Glaube, Heimat, Vaterland.

Auf die Berge will ich steigen And dem lauten Tag entfliehen, Rhön, wo dem« Wälder schweige«, Alte, liebe Pfade ziehen, Lnd wo deine WaldeSriesen Rings der Hänge Triften säumen, Lnd die Hirten auf den Wiesen Unter alten Buchen träumen. Segnend heben meine Hand Leber dir, mein Buchenland.

*

Wieder wie vor alten Tagen Deinem hellen Quellenrauschen, Deinen Liedern, deinen Sagen Leber Tal und Höhen lauschen. Und in reinen, freien Lüften Wieder froh von Herzen fingen, Heber Bergen, über Klüften, Hoch im Blauen soll es klingen: Schütze Gott mit starker Hand Heimat mir und Vaterland.

Seorg Leonhard SetfAet.

Don Dr. Carl Sonnenschein (Seite).

So folgen sie aufeinander: Sturmius (der Heilige), Vaugulf, Ratgar (sapiens archttectus, das Einhcmn des Klosters), Cigil (der Biograph Sturms), Hrabanus (der Gelehrte), fxtito. Die Siebte der benedikbinifchen Abtei Fulda, fest Sturmius sie auf Wmfrids Geheiß im Tale drüben, wo die großen Wege durch Deutschland sich kreu­zen, gegründet. Mit sieben Genossen. Dort baute Stur­mius 744 die erste Basilika zu Ehren des Erlösers und der zwölf Apostel. Heute noch steht die Salvator-Statue auf dem Risalit des Domes zwischen den beiden Tür­men. Drei Räume mit römischen Ztegelterazzo, quer zur Kirch« gelegen, Legte Donderau vor dem Dome frei. Ihr Chor lag gegen Osten wie alle antiken Gotteshäuser, wie die römischen Tempel und die jüdischen Gräber, auch das Grab des Herrn. Durch die drei romanischen Fenster ihrer Apsis floß früh morgens von Osten her, ex Oriente, das Sonnenlicht auf die menfa des Hoch- allars.

Sturm war des großen BAnfrid Liebstngeschüler. Erst trieb ihn der Drang, Cremst zu sein, von Fritzlar nach Hersfeld, wo Haun und Geis in die Fulda münden. Bonifaz wollte sein Kloster weiter hinaus. So ging Sturm bis zum Eichenwald. Mitten in der Slloa bu- chonia. Das Land gehörte Karlmann, Pippins Dor­gänger. Bonifaz erbat und erhielt die Schenkung, 8000 Schritt im Durchmesser. Am 12. März 744 zog er em. Im Mai folgte Bonifaz selbst mit Bauleuten. Hier roollte er von der Misstonsarbeit ausruhen. Hier, wo vier deutsche Stämme, denen er das Evangelium gepre­digt hatte, zufammenstiehen. sollte sein Grab sein. Sturm reiste nach Italien und studierte die großen Klöster Be­nedikts m Rom und Montecasstno Fulda sollte ihr Nachbild sein in Archttektur und Askese.

Bonifaz, der Mainzer Erzknschof, kam Jahr für Jahr. Wohnte auf dem Bischofsberg nebenan. Lehrte Abt mtb Mönche. Nahm teil an der Handarbest. Der schon Alternde war Beispiel und Führer. Die Mönche lebten otzie Fleisch, ohne Meth, ohne Wein.

Fünf Jahre zuvor war er das dritte Mal nach Rom gefahren. Von Rom füfrte ihn der Weg zu Luitprcmd nach Pavia, der falkäugigen Stadt. Von dort zurück zu Odilo ins Frankenreich. Im Hestenland war die Kirche befestigt. Bei Geismar die Göttereiche gefällt. Nun eilte er, Sie inner gründend, durch die bayerischen Lande. 752 weihte er Lull in Mainz zu seinem Ehorbischof. Pippin rab die Bestätigung als Nachfolger. So rüstete der Greis, den Mi'sionsplan Frieslands wieder aufneh- mend, feine letzte Reife. $n die Truhe ließ er heilige Bücher packen.Füge/ sagte er zu Lull, vorahnend,ein linnenes Tuch hinzu. Das ist für meinen Leichnam." Am 5. Juni 751 erschstigen sie ihn am Zuidersee. Das EvanMlienbuch hielt er, berichtet ein Zeuge, erschreckt über seinem Haupt. Seither ist dolchdurchstoßenes Buch bonifattvnisches Wappen.

Wir stehen auf der Weghöhe des Frauenberges, wo Stadt und Dom in klarer' Abendlandschast sich breiten. Diesen Weg, so ertlört uns Prof. Vonderau, zog die Leiche Bonifozens. Don Utrecht nach Mainz. Bon Mainz über d-e Hügel rechts nach Fulda. In die Mitte der ersten Basilika St'rrms betteten sie ihn. Dort wo die zweite Basilika den Kreuzaltar aufbaute. Die karolin­gische Zeit betete ibn in den Westchor der zwetten unter den Hochaltar Spätere Zeit in die Grust. über der sich heute die barocke Kuppel Adalberts von Schleifras wölbt.

Bonifatiustag. Donnerstag vor Pfingsten. Sechs hohe Kerzen auf dem Hochaltar. Dazwischen die Silber­statue des Heiligen. Zur Seite der assistierende Bischof. Am Altar» domkapitularer Amt. Ich kniee auf der letzten Dank' unter der Orgel. Links oben beginnen die barocken Apostel in weißer Toga. Rechts in den schwe-

Zur Unterhaltung.

ren Pfeiler eingemauett die bunte Figur Karl» des Großen. Im Hauptschiff bis unter die Kuppel Pilger aus der Nachbarschaft. Nun wallen sie über den Dom­platz. Weißrot gestreifte Flaggen wehen über Kinder- und Männerköpfen. Das Kreuz voran. Fußwanderer aus fuldifchem Land zum Grab ihres Apostels. In ihr Gebet und chren Gesang fällt vom Dom« her die Osanna- glocke. 1905 zerschmolz die alte. Di« neue, 120 Zentner schwer, die man elekttisch läutet, hängt heute an ihrer Stelle.

Vom vorbarocken Fulda sind übriggebSeben die ro- manischen Schallöcher der Michoelskirche und der schmale gotische Dau der Benediktinerinnenadtei, in der wir Pfingstmontag dem gregorianischen Hochamt beiwohn- , ten. Alles übrige (in Sebastian Münsters Cosmograph« umversalis, 15500 noch zu sehen) Hot der Rausch der drei j ersten Barockjahrzehnte des 18. Jahrhunderts verschlun­gen. Adalbert von Schleifras, Konstanttn von Buttlar, Adolf von Dalberg. Wer von der Rampe des Schlosses oder vom Drunneneck des Kurfürsten das Bild dieses Platzes, dieser Mee und dieser Bauten erfaßt, den um­fängt und überlast das Genie Dientzenhöser», des Bam­bergers, mit unerhörtem egozentrischem Ueberschwang. Es bewälttgt, nein, es vergewaAigt größte deutsche Ge­schichte. Es trotzt der ehrfurchtgebietenden Nähe dieses Apostels mst jener Freiheit, die 200 Jahre früher Bra­mme und Bernmi verführte, die vatikanische Gruft der Apostelfürsten zu überbauen und zu überfpannen.

Und doch durchbricht und überströmt jede Umkleidung und jedes Gespiel hier diese Geschichte. Das Grab des Heiligen. Dieses Grab ist der Schlüff.'l der eigenarti­gen Bedeutung der fuldischen Abtei im deutschen Mittel­alter. Dieses Grab der Abschlich der beispiellosen Mff- sionsarbeü des angelsächsischen Mönches im Auftrag des Papstes auf dem Kontinent. Dieses Grab der Mittel­punkt der geroaStigsten karolingischen Basllika diesseits der Alpen.

Ueber die Kirche Sturms bauten an ihr die drei fol­genden Aebte. Erst Baugulf, der Einhard an den Hof Karl des Großen nach Aachen schickte. 802 zieht sich der Abt in das nach ihm benannte Klösterchen Wolfs- münster zurück. Nun setzt Ratgar, als Bauherr Adalbert von Schleistas vergleichbar, ein. Ueberbürdet fast mst Anforderungen sein Kloster und gerät mst ihm in Zwie­tracht. Eigil, der Gütige, der in das nahe Gräberfeld der Mönche die einzigartige Michaeöskirche baute, dem großen Führw der Toten, dem Erzengel Michael zu Ehren, die Kirche, deren Unterbau die Wölbung von 8 Peilern auf eine Säule stützt und deren Oberbau von einem Zentralstem gefaßt wird (Christus ist diese Säule und dieser Schlußstein), vollendet den Dau. 791 begon­nen. 819 vollendet.

Der neue Dom, den Professor Richter in den Vereinsgaben des Fuldaer Gefchichts- oersws eingehend untersucht und dargesteA hat, wendet seine Stirne. Zwischen den Tünnen bleibt der Ostchor. Aber der neue Westchor (auch mit Krypta) wächst zum Mittelpunkt der karolingischen Kirche. Dorthin wird des Märtyrers Grab verlegt. Erft unter den HochEar. Später in die neue Krypta selbst. Schwanke Säulen, wie in den römischen Bauten, begleiten das Schiff. Apsiden runden es ab. Das Claustrum der Mönche baut sich im Westen an. Das Paradies mst der Königskapelle, dem laufbnmnen und der Station S. Paulus und S. Bar­nabas lagern sich nach Osten vor. Wett in den Dom­platz hinein. In der Nationalbilstiothek von Paris liegt noch ein Procefstonal«, das Stationen und Lieder für die Umzüge angibt, die Claustrum, Kirche und Paradies berühren. Vonderaus Ausgrabungen förderten im Pa­radies in der Nähe des Taufbeckens vor der Königs­kapelle den berühmten Sarkophag zutage, den das bifchöf- 8che Museum birgt. Zusammengedrückt liegt unten em weibliches Skelett. Jsts Ne Anxilla domtni des Pro- zefsionale? Aufrecht, mit sichtbarem Bußgürtel ums Knie eine männliche Figur. Das Täfelchen unter dem Kopf schreibt: Odo de pagano christianus. Das war wohl der letzte Wunsch dieser beiden Heiden, nahe der Stätte begraben zu werden, an der sie die hl. Taufe empfingen. Die Kapelle selbst mit königlicher Pracht ausgestattet. Abt Werner 96882 hatte sie erbaut. Sein Detter, S. Ulrich, Bffchof von Augskmrg, der für die Ottonen nach Jtallen zog und bei Colonne in (Mabrien fiel, weihte sie. Im karolingischen Dome selbst, nahe beim Kreuzaltar, sand Konrad I., der letzte Karolinger, sein Grab.

Don den Mären der zwetten BasiAka, die bis in das erste Jlchrzehnt des 18. Jahrhunderts stand, wissen wir etliches. Der Kreuzaltar wurde an die Stelle des osten Bonifatiusgrabes gefetzt. Ihn zeichneten Partikel des hl. Kreuzes und Erde von Bethlehem und vom Caloa- rienberg aus. Anna Selbdritt, die Mrstter Mariens, be­saß chren eigenen, prachtvollen Altar. Benedikt, der große Mönchsoater, zu dessen Orden auch der Angelsachse gehörte, den seinen Martin, der Nationalheilige der Franken, fehlte nicht in einer Zett, in der die römisch« Kirche sich diesem neuen Volk und seinen Kaisern so entscheidend zuwandte. Den Dreikönigen Hot später Fsirst- abt von Droste einen bemerkenswerten Darockaltar ge­stiftet. Die Andreaskapelle lag füdüch vom Ostchor. Jo- Hannes der Tmifer wird in der R8H« des Taufbrunnen erwähnt. Valentin, dessen gothisches Figürchen im Dor- rattm der Michoelskirche hängt, den sich windenden Epi­leptiker zu seinen Füßen, Thomas der Apostel, Stur­mius, der den ersten Dom baute und Bonifatius selbst, der Märtyrer vom Friesenland, hasten ausdrücklich eigene Altäre in der zwetten BasMa. Außerdem sind die hl. Paare Crispin und Crispinian, Simpllcius und Fausttnus, sowie Lukas und Markus sowie Agatha und Agnes ge­nannt. Dergesie man nicht den röm. Clemens und die hl. Lioba, deren erstes Grab gleichfalls Ke karolingische Basilika enthielt.

Pfingstsonntag schauten wir vom linken Chörchen des barocken Domes über den Baldachin des Bllchofs hinweg in den Chor. Zwischen den Strahlen und Voluten des Hochaltars schweben Ke spielenden Engel. Aus dem Hintergrund iinten, den schlichten gregorianischen Alum­nen choral umfassend, mst vollem Orchester Gloria, Credo, Sanctus in das breite Schiff über die Kopf an Kopf gedrän-ste Menge der Gläubigen. Die Lichter zucken auf. Der silberne Altar des Domfchatzes leuchtet, wenn ein Sonnenstrahl ihn trifft, gegen Osten. Aus dem Leuchten kämpft sich im Reliquiar zur Linken der braun« Dolch durch, mit dem man ihn erschlug. In der Miste, ganz silbergefaßt, unter der Mitra, die Reliquie seines Haup­tes. Alles in jubelndem Gtonz. Drüben aber in der Krypta am schwarzgeschm-edeten Geländer, fnieen ful- dische Bauern und städtische Wandervogel vor der Borst- fatiusstatue Neideckers, Ke mit michelangiolesker Kraft gegen die Grabplatte drängt, und beten zum (Staubens- vater die Bitte, daß in Deutsichfand wieder eine Kirche werk« und die Irrenden den Weg in itjeen SL«ß Hatten.

Ich sah ein paar Tage später am Hing des Vsgels- bergss m wildrebenmnzrgeneni Haus. An der Sßanb ein paar Goethebilder und eine Madonna. Hinte' ebn Schei­ben der Blick in das grüne, das weite Tal. Im nach­barlichen Wald falte Jugend. Mir gegenüber ein Schrift- j steller. (Braubärtig. Sonueniiugig. Ein w-nig ver­grämt und doch gottzuversichtlich Nsthikathchik.Aber das sage ich Ihnen intuitiv. Air ist's wie ein zweites j Gesicht. Es dauert nicht viele Iahr.z-hnie mehr, bis un- : ferm deutschen Land wieder die Einheft der Kirche wstd 1 Es gibt nur eine katholische Zukunft Deutschlands". Ate ich beimkrbrte, fa- leb m der Frt»Uprler Zeikmg dos

Tages das seltsam feine Gedicht: Das Kloster. Es heißt bort zum Schluß, wir modernen Menschen möchten auch wieder beichten können, wenn wir nur wüßten, daß der Priester hinter dem Gttter uns verstünde.

Heftiger Bonisaz. Gib, daß die Suchenden den Weg ftnfcm uni) haß die Besitzenden ihn nicht verhauen.

Soldaten des Alten M.

Gewifle Zeitumstände und Strömungen haben das Jnteresie unserer Zett wieder Nachhall,ger auf bie Gestalt Friedrichs des Großen rmd feine Zett gelenkt. Der große Preußenkomg, der bekannttich ein Menfchenverächier gewesen ist, der den Umgang mit edlen Windspielen dem Verkehr tmt Menschen vorzo«, scheint wieder em« volks- tümliche Persönlichkeit geworden zu sein. Es ist deshalb wohl nicht unangebracht, aus zuverlässigen Quellen Einblicke in die Zett des Asten Fritz zu ermöglichen, namentüch auch von dem Soldaten­leben jener Zett etwas zu berichten, was der da­maligen Wirklichkeit entspricht und, rote das immer der Fall zu fein pflegt, nicht ganz zu den Vorstellungen paßt, die von »Zweckdlchtern her­vorgerufen zu werden pflegen. Ein befähigter Schweizer, Uli Bracker, 1735 im Toggenburg, einem Schweizer Tal, geboren, der 1755 preu- ßischen Werbern in die Hände gefallen war, hat uns in seinem Tagebuch, das in der Literatur unter dem Titel: Das Leben und dte Abenteuer des Armen Mannes tm Tockenburg bekannt ist, treffliche Schilderun­gen aus feinem eigenen Leben hinterlassen.

In der Garnison Berlin.

Die zweite Woche nach der Einfteidung mußt' ich mich schon alle Tage auf dem Paradeplatz stellen, wo ich unvermutet drei meiner Landsleute, Schärer, Bachmann und Gäsüi fand, die sich zumal alle mtt mir unter glei- chem Regiment- Jtzenbtttz, dte beiden erstern vollends unter der nämlichen Kompanie Lüderitz befanden. Da sollt' ich vor allen Dingen unter einem mürrischen Kor- poral mtt einer schiefen Nase, Mengke mtt Namen, mar­schieren lernen. Den Kerl macht' ich für den Tod nicht vertragen; wenn er mir gar auf die Füße klopfte, schoß mir das Blut in den Gipfel. Unter fernen Händen hüll' ich mein Tage nichts begreifen können. Dies bemerkte einst Hevel, der mtt feinen Leuten auf dem gleichen Platz manövrierte, tauschte mich gegen einen andern aus, und nahm mich unter sein Peloton (Rotte). Das war mir eine Herzensfreude. Jetzt kapiert' ich in einer Stund' mehr Äs sonst in zehn Tagen.

Berlin <t der größte Ott m der West, den ich ge­sehen; und doch bin ich bei wettem nie ganz dattn herum- gekommen. Wir drei Schweizer machten zwar oft den Anschlag zu einer solchen Reise; aber bald gebrachte uns an Zett, bald an Geld, oder wir waren von Strapazen so marode, daß wir uns lieber der Länge »ach hm- leflten.

Von der Stadt Bettln sagen zwar viele, sie bestehe aus sieben Städten; unsereinern hat man aber nur drei ge­nannt: Berlin, Neustadt und Friedrichstadt. All« drei sind in der Bauart verschieden. In Berlin oder Cölln, rote man auch sagt» sind die Häuser so hoch wie in den Reichsstädten; aber die Gaffen nicht so breit wie in Neu- und Friedrichstadt, wo die Häuser wieder niedriger, aber gleichförmiger gebaut sind. Da sehen auch die tleinften, oft von sehr armen Leuten bewohnt, wenigstens sauber «nd nett aus. An vielen Orten gibt es ungeheuer viele große, leere Plätze, die teils zum Exerzieren und zur Parade, teils zu gar nichts gebraucht werden; ferner Aecker, ©arten, Alleen, edles in dte Stadt eingeschloffen. Vorzüglich oft gingen wir auf die lange Drücke, auf deren Mitte ein alter Mattgraf von Brandenburg,') zu Pferd in Lrtxnsgröße, von Erz gegoffen steht, und etliche Enakssöhne mtt krausen Haaren zu seinen Füßen gefeffeß sitzen, dann der Spree nach, auf den Weiden- danun, wo's gar lustig ift, dann ins Lazarett, um das traurigste Spektakel unter der Sonne zu sehn, bei dem einen, der nicht gar unsinnig ist, die Lust an Aus- schweiftmgen bald vergehen muß. In diesen Gemächern, so geräumig wie Kirchen, steht Bett an Bett gerecht, in deren jedem ein elender Menschonsohn auf seine eigene Art den Tcch, und nur wenige ihre Genesung erwarten. Hier een Dutzend, die unter den Händen der Feldscherer ein erbärmliches Zetergeschrei erheben; bort andere, dte sich unter chren Decken krümmen, rote ein halb zertretener Wurm; viele mtt an- und weggefaulten Gliedern. Meist mochten rotrte nur wenig« Minuten aushalten, gingen wieder an Gottes Luft und setzten uns auf einen Rosen- platz. Da führte unsere lKnbiDungskraft uns fast im­mer unwillkürlich in unser Schweizerland zurück, und erzählten wir einander unsere Lebensart zu Hause: wie wohl's uns war, wie frei wir gewesen und was es hier für ein verwünschtes Leben fei. Dann machten wir Pläne zu unserer Entledigung. Bald hatten wir Hoffnung, daß uns heut oder morgen einer gelingen möchte; bald sahen wir vor jedem einen unüberfteigbaren Berg; am meisten schreckte uns die Vorstellung der Folgen eines fehl- schlagenden Versuches. Fast alle Wochen hörten wir nämlich neue, ängstigende Geschichten von eingebrachten Deserteurs, dte, wenn sie auch noch so viele List gebraucht, sich in Schfffer und andere Handwerksleute oder gar in Weibsbilder verkleidet, in Tonnen und Fäs­ser versteckt, dennoch ertappt wurden. Da muhten wir zusehen ,wie man sie durch zweihundert Monn achtmal die lange Gaffe auf und ab Spießruten laufen ließ, bis sie atemlos hinfanken wie sie des folgenden Tages aufs neue dran mußten, die Kleider vom zerhackten Rücken heruntergeriffen, und wie wieder frisch drauflos- gehausn wurde .bis Fetzen geronnenen Bluts ihnen über dte Hofen hinabhingen. Dann sahen Schärer und ich rms zttternd und todblaß an und flüsterten einander in die Ohren:Dte verdammten Barbaren!" Was hier- näckst auch auf dem Exerzierplatz verging, gab uns zu ähnlichen Betrachtungen Anlaß. Auch da war des Flu­chens und Karbatschens von prügelsiichtigen Jünkertems, und hmmteder des Lamentierens der Geprügelten kein Ende. ®tr selber zwar waren immer von den ersten auf der Stelle und himmelten uns wacker. Aber es tot uns nicht minder in der Seele weh, andre um jeder Kleinigkeit willen so unbarmherzig behandelt und selber jahrein, jahraus so kujoniert zu sehn: oft ganzer fünf Stunden lang, in unsrer Montur eingeschnürt, wie ge­schraubt stehn, in die Kreuz und Quer psahtgerad mar­schieren, und unterbrochen blitzichnelle Handgriffe machen zu müssen, und das alles auf Geheiß eines Offiziers, der mtt furiosem Gesicht und aufgehobenem Stock vor uns stund, und alle Augenblicke wie unter Kabisköpse") drein­zuhauen drohte. Bei einem solchen Traktement muhte auch der starknervigste Kerl halb lahm und der gedul­digste rasend werden. Kamen wir dann tiAmübe ms Quartier, so ginge schon wieder über Hals und Kopf, unfre Wäsche zurechtzumachen und jedes Fleckcl)en mis- ytmuftern, denn bis auf den blauen Rock war unsre ganze Uniform weiß. Gewehr, Patronentasche, Kuppel, feder Knopf an der Montur, alles mußte spiegelblank geputzt fein. Zeigte sich an einem dieser Stücke dte geringste Uitktt, ober stand ein Haar in der Frisur nicht recht, so war, wenn man auf den lstatz tarn, die erste Begrüßung eine derbe Trachi Prügel. Das währte so de« ganze» Mai und Juni fort. Sellst den Sonntag «ntai wir nttyt jrai; dann mtchlet nch- auf ha- prnyeefte

Kuchenparade machen. Also blieben uns zu jenen Spa- ziergängen nur wenige zerstreute Stunden übrig, und rott hatten kurz und gut zu nichts Zett, als zum Hunger- leiden. Wahr fft's, unsre Offiziere erhielten gerade damals bie gemessenste Order, uns über Kopf und Hals zu mustern; aber wir Rekruten wußten den Henker da- von und dachten hast, das fei so Kriegsmanier. Alle Soldaten vermieten wohl so etwas, schwiegen ober mausstill. Indessen waren Schärer und ich blutarm ge­worben; und was uns nicht an den Hintern gewachsen war, hatten wir alles vertäust. Nun mußten wir mtt Brot und Wasser ober Kavent?) bas nicht viel bester als Wasser ift, vorlieb nehmen. Mittlerweile war ich von Zittemann weg, zu Wolfram und Meewis ins Quar­tier kommen, von denen der erftre ein Zimmermann, der andre ein Schuster war, und die beide einen guten Ver­dienst hatten. Mtt diesen macht' ich anfangs ebenfalls Menage. Ste hatten so ihren Bauerntisch: Suppe und Fteisch, mtt Erdäpseln und Erbsen. Jeder schoß zu einem Mittagsmahl zwei Dreier: Abends und zum Frühstück lebte jeder für sich. Ich besonders gern eine Ochsen- psote, einen Hering ober einen Dreiertäse. Nun aber könnt' ich's nicht mehr mtt ihnen hallen; »u verkaufen hott' ich nichts, und mein Sold ging meist für Wäsche, Puder, Schuhwachs, Kreide, Schmirgel, Del und anderes Plunderzeug auf Jetzt fing ich erst recht an, Trübsal zu blasen, und keinem Menschen könnt' ich so recht von Herzensgrund meine Not klagen. Des Nacht legt' ich mich ins Fenster, guckte weinend in den Mond hinauf, und erzählte dem mein bittres Elend:Du, der jetzt auch überm Tockenburg schwebt, sag' es meinen Leuten da­heim, wie armselig es um mich stehe, meinen Eltern, meinen Geschwistern, meinem Aennchen sag's, wie ich schmachte, wie treu ich ihr bin, daß sie alle Gott für mich bitten. Aber du schweigst so stille, wandelst so harmlos deinen Weg fort? Ach, könnt' ich ein Vöglein fein und dir nach, in meine Heimat fliegen 1 Ich armer, unbesonnener Mensch! Gott erbarm' sich mein! Ich wollte mein Glück bauen, und baute mein Elend. Was nützt mir dieser herrliche Ort, worin ich verschmachten muß! Ja, wenn ich die Meinigen hier hätte und so ein schön Häuschen, wie dort grod' gegenübersteht, und nicht Soldat fein müßte, bann roärs hier gut wohnen; dann wollt' ich arbetten, handeln, wirtschaften, und ewig mein Vaterland meiden! Doch nein! Denn auch so müßt' ich den Jammer so vieler Eienden täglich vor Augen sehn! Nein, geliebtes, liebes Tockenburg! Du wirft mst immer vorzüglich wert bleiben! Aber, ach! Viel­leicht seh' ich dich in meinem Leben nicht wieder, ver- liere sogar den Trost, von Zett zu Zeit an die Sieben zu schreiben, die in dir wohnen! Jedermann erzähll mst ja von der Unmöglichkeit, wenn's einmal ins Feld gehe, auch nur eine Zeile fortzubrmgen, worin ich mein Herz ausschütten könnte. Doch, wer weiß? Noch lebt mein guter Vater im Himmel; dem ist's bekannt, rote ich nicht aus Vorsatz ober Liederlichkeit dies Sklavenleben gewählt, sondern böse Menschen mich betrogen haben. Ha! Wenn alles fehlen sollte. Doch, nein! desertieren will ich nicht. Weber sterben, als Spießrutenlaufen. Und bann kann sich's ja auch ändern. Sechs Jahre sind noch auszuhalten. Freilich eine lange, lange Zett; roenns zumal wahr fein sollte, daß auch bann kein Abschieb zu hoffen wäre! Doch, was? Kein Abschied? Hab' ich doch eine, und zwar mir ausgedrungene Kapitulation! Ha! Dann müßten sie mich eher töten! Der König müßte mich hören! Ich wollte seiner Ktttsche nachrennen, mich anhöngen, bis er mir sein Ohr verleiht. Da wollt' ich ihm alles sagen, was der Brief ausroeift. Und der gerechte Friedrich wird nicht gegen mich allein ungerecht sein." Das waren so damals meine Selbstgespräche.

In diesen Umständen flogen Schärer und ich zu­sammen, wo wir konnten; klagten, überlegten, beschlos­sen, verwarfen. Schärer zeigte mehr Standhaftigkeit als ich, hatte aber auch mehr Sold. Ich gab jetzt, wie so Diele andere, den letzten Dreier um Genever, meinen Kummer zu vertreiben. Gin Mecklenburger, der nahe bei mst im Quartier und mtt mir in gleichen Umständen war, machte es ebenso. Aber wenn er feinen Brand im Kopf hatte, setzte er sich in der Abenddämmerung vor, Haus, fluchte und haselierte da mutterfeels allein, schimpfte auf seine Offiziere, und sogar auf den König, wünschte Berlin und allen Brandenburgern tausend Mil- fionen Schwernot auf den Hals und fand, wie der arme Teufel, so oft er wieder nüchtern ward, behauptete, in diesem unvernünftigen Rasen seinen einzigen Trost im Unglück. Wolfram und Meewis warnten ihn oft; denn sonst war er noch vor kurzem ein recht guter, umgäng­licher Bursche:Kerl!" sagten sie zu ihm,gewiß wirst du noch ins Tollhaus wandern!" Dieses war nid>t wett von uns. Oft sah ich dort einen Soldat vor dem Ge­zitter auf einem Bänkchen sitzen, und fragte einst Mee- wis, wer er wäre. Ich hatte ihn nie bei der Kompanie gesehn:Just so einer, wie der Mecklenburger," ant­wortete Meewis:darum hat man ihn hier versorgt, wo er anfangs brüllte rote ein tmgarscher Stier. Aber feit etlichen Wochen soll er so geschlachrt) wie ein Lamm fein." Diese Beschreibung machte mich lüstern, den Menschen nälter kennen zu lernen. Es war ein Anspacher. An- fang ging ich nur wie verstohlen bet ihm hin und wie­der, sah mit wehmütigem Vergnügen, rote er, feinen Blick bald zum Himmel gerichtet, bald aus den Boden geheftet, melanchoSffch dasaß, bisweilen aber, ganz für sich, sanft lächelte, und übrigens meiner nicht zu achten schien. Schon aus seiner Physionomie war mir ein solcher Er­densohn in seiner Lage heilig. Endlich wagt' ich es, mich zu chm zu fetzen. Er sah mich starr und emft an, und schwatzte zuerst lange meist unverständliches Zeug, das ich doch gerne hörte, weil mitunter etwas höchst Vernünftiges zum Vorschein tarn. Was ihm am meisten Mühe zu machen schien, war, soviel ich merken mochte, baß er von gutem Haus, und nur durch Verdruß in diese Umstände gekommen sein mußte, jetzt aber von Nach- rcu und Heimweh erbärmlich litt Nun entdeckt' ich ihm durch Umwege auch meine (Bemütsftimmung, hauptsäch­lich in der Absicht zu horchen, was er allenfalls zu mei­ner Entweichung fugen würde; denn der Mann schien mir ordentlich einen Geist der Weissagung zu haben: Brüderchen!" sprach er, aus Derankasfung eines solchen Diskurses, einst zu mir:Brüderchen, halt' du still! Deine Schuld fft's sicher, daß du leidest, und was du leidest, mehr oder minder verdiente Züchtigung. Durch Zappeln machst du's nur ärger. Es wird schon noch anders und immer anders kommen. Der König allein ist König; seine Generals, Obersten, Majoren sind selber seine Be­dienten und wir, ach! wir, so hingeworfene, verkaufte Hunde, zum Abschmieren hn Frieden, zum Totstechen und Totschiehen im Krieg bestimmt. Aber all' eins, Brüderchen! Vielleicht kommst du nahe an eine Türe; geht sie dir auf, so tu', was du willst. Aber hast still, Brüderchen! nur nichts erfrettet5) ober erzwungen, sonst ist's mtt einmal aus!" Dergleichen und noch viel anderes sagte er öfter ju mir. Aller Welt Priester und Leviten hätten mir nicht so gut predigen und mich zugleich so gut trösten können wie er.

:) Der Große Kurfürst.

®) Kohrköpfe; dann in der verächtlichen Bedeutung: Dick köpfe

») Ursprünglich: im Kloster gebrautes Mer; hier: Dünnbier.

) Sittsam: Gegenteil von ungeschlacht.

H grptacen.