uldaerZertung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Sfaöf Fulda.
51. Zahrg
Donnerstag, 19. Juni 1924
Nr. 142
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L-rantwortlicv iür die Schriftleitung: Dr. IobauueS Sramer. Amelsen: I. B arreller, Fulda. Rotationsdruck und verlas de» n Fuldaer Slctiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr- 9. :
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Die Durchführungsgesehe. — Steuerreformen. —
Die Reichsbahn.
Die „Germania" hört, daß die Reichsregierung beabsichtige, die zur Durchführung des Sachverständigengutachtens notwendigen Gesetze möglichst in ihrer Gesamtheit dem Reichstage vorzulegen. Es handelt sich dabei um das Gesetz über die Aenderung der Reichsbankverwaltung, das Gesetz über die Schaffung einer neuen Goldnotenbank und das Gesetz, das die Belastung der deutschen Industrie betrifft.
Die Verhandlungen über das Goldnotenbank- gesetz seien am weitesten vorgeschritten. Es liege ein vollkommener Gesetzentwurf vor, zu dem das Reichskabinett bereits Stellung genommen habe. Die „Germania" glaubt, daß es wohl Mitte Juli werden dürfte, ehe die Durchführungsgesetze dem Reichstag vorgelegt werden könnten. Wie das Blatt weiter mitteilt, sollen gleichzeitig dem Reichstag eine Reihe von Steuerge'etzent- würfen unterbreitet werden. 5m Reichsfinanzministerium werde an einer grundsätzlichen Reform einiger Steuerarten gearbeitet. Vor allem gelte das für die Umsatzsteuer und für die Einkommensteuer, bei welcher die Vorauszahlungen fortfallen sollen. Die Reform beider Steuerarten soll vor allem dem Preisabbau dienen, der auch durch die Beseitigung der Micum- verttäge eine Förderung erfahren dürste. Den Notwendigkeiten des Preisabbaues dürften ferner auch Post und Eisenbahn im Rahmen des Möglichen Rechnung tragen. Dienstag nachmittag haben in den Räumen des Reichswirtschaftsrates die Besprechungen zwischen den deutschen und den ausländischen Sachverständigen über die Frage der Neuorganisation der Reichsbahn auf Grund des Sachverständigengutachtens begonnen. Nach Abschluß der Beratungen durfte eine offizielle Mitteilung veröffentlicht werden.
Der Reichstagspräsident
hat den Aeltestenrat des Reichstags ein» berufen, um den Zeitpunkt des Wiederzusammentritts des Reichstages zu bestimmen.
* Der Reichspräsident empfing in Gegenwart einiger Reichsminister und Vertretern von Wohlfahrtsorganisationen die amerikanischen Quäker, die sich für das amerikanische Hilfswerk in Deutschland aufhalten. Der Reichspräsident sprach den Er- fchienenen den Dank des deutschen Volkes ans für die große Hilfe, die in den vergangenen 41/« Jahren das "Werk der amerikanisch-deutschen Kinder speisnngen für Millionen hungernder Kinder und Mütter bedeutete.
Herabsetzung der Umsatzsteuer.
Aus Kreisen der Zentrumspartei wird uns geschrieben:
Die Umsatzsteuer ist eine Steuer, die sehr starke soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeiten in sich birgt, erinnert fei nur an die durch sie hervorge- rtifene Preissteigerung und die dadurch bedingte Rückwirkung besonders auf kinderreiche Familien sowie an die ungerechtfertigterweise bevorzugten Betriebe mit mehreren Umsätzen, die sog. vertikalen Betriebe. Sie sollte darum erst dann e» «geführt werden, wenn höchste Not vorliegt, und aridere Quellen nicht mehr zu besteuern sind. Das deutsche Reich hat sie in der Not des Krieges eingeführt, und seitdem immer wieder erhöht, zuletzt in bt/r Steuernotverordnung Ende des vorigen Jahres auf 2Vz Prozent. Durch diese prozentual sehr hohe Umsatzsteuer haben sich die ohnehin aus einer solchen Steuer entspringenden Belastungen und Ungerechtigkeiten in außerordentlich starkem Maße erhöht; sie sind nur getragen worden in dem Bewußtsein, daß in der höchsten Not des Staates auch größte Opfer gebracht werden müssen. Inzwischen haben sich die Verhältnisse zur günstigeren Seite hin gewendet und es muß nun Aufgabe der verantwortlichen Stellen des Reiches fein, diese Steuer stark herabzufetzen, um die soeben dargelegten üblen Auswirkungen zum mindesten zu verringern. Auch das Ausland würde für eine solche Maßnahme Verständnis haben, denn selbst das Sachverständigengutachten empfiehlt eine Herabsetzung der Umsatzsteuer.
AbgesÄfen davon liegt eine solche durchaus im Lahmen der gesamten Preisabbauaktion, die von Seiten des Reiches feit Monaten unternommen wird. Von V i Gesichtspunkten ausgehend hat der Reichs" -sfchuß der Handels- und 3nbnftr,iet—iräte der Deutschen Zentrum s p a r tl5i in einem dringend gehaltenen Schreiben an den Reichsfinanzminister die Forderung erhoben, unverzüglich an eine Herabsetzung der Umsatzsteuer zu gehen. Es würde im Äntereffe der gesamten Volkswirtschaft liegen, wenn der Reichsfinanzminister dieser berechtigten Forderung nachkäme.
Kurland.
* Japan, China und Rußland. Rach einet Havasmeldung aus Peking hat der russische Sowjet- gesandte China aufgefordert, in Moskau eine Botschaft zu errichten. Nach einer Havasmeldung aus Tokio wird das neue japanische Kabinett Höchstwahrschein sich gegenüber Rußland größtes Entgegenkommen bekunden. Man nehme allgemein an, bafj- Japan einen Zeitpunkt für die Räumung der ^fel Sachalin als Einleitung zu der ^usstsch-iapLni Konferenz mitieilrn werde.
vor Lhequers.
Verständigung zwischen Frankreich und Belgien.
wtb paris, 18. Juni. (Tel.). Der englische Delegierte im Völkerbund, Lord parmoot, trifft heute aus Genf kommend in Paris ein. Er wird heule noch eine Unterredung mit herriol haben. Die Unterredung herrisks mit dem belgifchen Minister für auswärtige Angelegenheiten, Hymans, findet um 11% Uhr statt.
Der „Petit Parifien" schreibk darüber: Die belgische und französische Reparationspolitik sei so eng miteinander verknüpft, daß es nützlich erscheint, die Ansichten über die wichtigen Frage, wie sie der Re- paralionsplan aufwirfk und die der Gegenstand der Verhandlungen von Lhequers sein werden, zwischen herriok und Hymans zu besprechen. So wird die belgische Regierung über den Gedanken unterrichtet werden, die Herriok Macdonald zn entwickeln gedenkt. Die französisch-englischen Verhandlungen werden dadurch auch an Klarheit gewinnen und dem belgischen Empfinden wird vollkommen Rechnung getragen werden.
wtb London, 18. Juli. (Tel.) Der Brüsseler Berichkerstakker der „Times“ meldet, daß in belgischen ministeriellen Kreisen der Eindruck vorherrsche, daß eiu Aebereinkommen zwischen den Alliierten in der Reparationsfrage ziemlich leicht hergeskellk werden wird. Man sei sedoch der Ansicht, daß die Lösung der Sicherheitssrage ein schwieriges Problem sein werde.
Herriots Erklärungen
in der französischen Kammer, deren wesentlicher Jnhdlt bereits vorher bekannt gegeben worden war, kündigen für die b e s e tz t e n Gebiete einen Strafe rlaß an. Der betreffende Teil der Ausführungen hat folgenden Wortlaut:
Der Strafaufschub, der vom den BesatzungsbehSrden gewährt worben ist, wird m eine endgültige Begnadigungsmaßnahme umgewandelt werden. Auch auf die politischen Verurteilten, ausgenommen die wegen Anschlägen, die gegen die Sicherheit unserer Truppen verübt worden sind, wird die Amnestie angewandt werden. Für die kleinen Beamten und Angestellten, die nur auf Anweisung gehandelt haben, werden die Ausweisungsbefehle zurückgenommen werden. Gewisse schwere Fälle werden besonders geprüft.
Im Anschluß an die Erklärungen Herriots hat die Kammerdebatte eingesetzt.
Der neue Senatspräsident.
wtb Paris, 18. Juni. (let) Die demokratische Linke hak zu ihrem Kandidaten für den Posten des SenaksprSsidenlen ihren Vorsitzenden, den Senator Dienvenn-Marlin bestimmt. Sein Gegenkandidat bei der am Donnerstag statksinden- dm Dahl wird Senator de Seines sein, der 4m Kabinett Poinrare Minister des Jnnern war.
Die Geschichte des Waffenstillstandes kann dem deutschen Volke nicht oft genug vor Augen geführt werden. Immer wieder ist eine eifrige und ganz und gar parteipolitisch eingestellte Propaganda am Werk, um den wirklichen Hergang zu verdunkeln, und um die Schuld für den militärischen Zusammenbruch ganzen Parteien und Volksschichten, ja sogar Konfessionen zuzuschieben. Lude n d o r f s hat es in München sogar fertig gebracht, den sog. Ultramcmtanismus und ganz unverblümt den Papst und die deutschen Katholiken als die Schuldigen zu bezeichnen. Die ganze deutschvölkische Agitation, der sich nun auch Ludendorff angeschloffen hat, nachdem er als Abgeordneter dieser Partei im Reichstage sitzt, ist — darüber soll man sich nicht täuschen — bei aller Verbrämung und Bemäntelung des eigentlichen Zieles darauf abgestimmt, den alten Katholikenhaß wieder zu beleben.
Man sollte es nicht für nwgkich halten, daß sich denkende Menschen, daß sich vor allem urteilsfähige Männer zu solchem Tun mißbrauchen lassen; daß sie sich so ganz und gar unzugänglich zeigen, den untrüglichsten Dokumenten gegenüber, die wir in den Kriegs- und Waffenstillstandsakten besitzen; daß sie, nur um ihrer Vergötterung für Ludendorff übrigens aus ganz ersichtlichen und sehr wenig uneigennützigen Gründen frönen zu können, alles nicht wahr haben wollen, was Ludendorff als Feldherr und Chef der Obersten Heeresleitung in der Geschichte des Waffensttllstandes für eine Rolle spielte; daß für sie alle aktenmäßigen Darstellungen einfach nicht existieren, nur weil ihr Heros unter der Wucht dieser Dokumente klein erscheint.
Nun ist das bereits vorliegende amtliche Weißbuch über den Waffenstillstand von 1918, um eine neue Dokumentenserie vermehrt, herausgegeben worden. Man wird diese Akten, gegen die es keinen Widerspruch gibt, da sie die Unterfdjriften Ludendorffs selbst tragen, dem Volke immer wieder vor Augen führen müssen, denn darüber täuschen wir uns nicht, daß, wie es eine Kriegs- fchuldlüge, erpreßt von unfern Gegnern gibt, auch Kräfte am Werk sind, die eine Kriegsverlust- fchuldlüge nach innen konstruieren wollen und die damit am Werk sind, die unseligste aller Entzweiungen und Verwirrungen in das deutsche Volk hineinzutragen, nur um wieder selber zur Macht zu kommen.
Für heute wollen wir nur erneut feftfteflen, daß nach den amtlichen Dokumenten am 1. Oktober Ludendorff zu den Vertretern des Auswärtigen Amtes und zu dem Kaiser selbst Aeußerungen gebraucht hat, daß die Truppe heute noch halte, was morgen
Die Lage in Italien.
Krife der Zaszirmur?
Von unserem außenpolitischen Mitarbeiter.
Wer die Entwicklung und die Betätigung des italienischen F a s z i s m u s an Ort und Stelle beobachtete, wer insbesondere die jüngste Wahlbewegung in Italien, diese Karikatur auf ein Wahlrecht miterlebt hat, der mußte sich von vornherein klar darüber fein, daß dieses System nur auf eine begrenzte Zeitdauer haltbar fein konnte. Was Mussolini wollte, war zweifellos gut: Ordnung im Lande zu schaffen, dem Terror der Kommunisten und radikalen Sozialisten entgegenzuwirken und für eine freie Betätigung der Bürger zu sorgen. Gar bald aber artete das faszisti- sche System in dem Terror von der anderen Seite hin aus, und mit der Wahrnehmung der Interessen der Bürger, insbesondere der mittleren und kleineren Leute hatte es auch seine eigene Bewand- nis. Unter dem fafzistischen System hat eigentlich nur der Großbesitz und die Groß-Industrie Geschäfte, allerdings glänzende, gemacht. Und diese Kreise bettachten die Faszisten ja auch lediglich als die Schutztruppe für ihren Besitz und diese sind bann auch von ihnen finanziert worden.
Was sich aber an die Faszistenbewegung in Italien alles hing, war oft ein sehr zweifelhaftes Beiwerk, waren Elemente, die dort Unterschlupf suchten, weil die politische Chance gerade günstig war, die aber bei jedem Umschwung ebenso mit dabei wären. Eine ungeheure Aemter- und Stellenjägerei hat in Italien eingesetzt. Jeder Faszist will irgendwie eine Rolle spielen und so kam es zu den unausbleiblichen Schwierigkeiten im Jnnern. Wenn alle Führer sein wollen, kann von Untergebenen keine Rede mehr sein. Mussolini und den überragenden Köpfen entglitten immer mehr die Zügel, wollten sie ihre Leute bei der Stange halten. Und das letzte Wahlergebnis, das durch ein raffiniert ausgeklügeltes System dem Fafzisrnus die unbestrittene Mehrheit im Parlament gab, hat nicht etwa die Stellung des Fafzisrnus gestärkt, sondern innerlich ganz ungeheuer geschwächt. Schon bei der Neubildung des Kabinetts hat trotz der überragenden Macht, die Musiolini besaß, eine starke Konzeffion an dis Opposition gemacht werden müssen. Und jetzt steht der italienische Faszis- mus an einer Krise, die er sich in der überschäumen- den Begeisterung über den „Sieg" bei den Wahlen wohl kaum hätte träumen lassen.
Der ungeheuerliche Terror, der von den Faszisten fortgesetzt geübt wird, hat nun zu der verbrecherischen Stortitat an dem sozialistischen Abg. M a t i e o 11 i geführt. Der Deputierte wurde heimlich enfführt, im Auto ermordet und an einer bis jetzt noch nicht entdeckten Stelle vergraben. Der Leichnam ist noch nicht gesunden, es ist auch möglich, daß er in die Tiber geworfen wurde. Hinter dieser Schandtat stecken politische Kräfte, die ein Interesse daran hatten, Matteotti, einen der jüngsten, aber dabei doch führenden kommenden Geist
der italienischen sozialistischen Bewegung aus der Welt zu schaffen. Matteoti machte sich schon einen Namen durch seine scharfen Angriffe auf die Regierung nach dem Zusammentritt des neuen Kabinetts und man wollte in politischen Kreisen wissen, daß er Material gegen eine sehr hoch stehende Persönlichkeit, die ein Ministeramt bekleidet hatte, das diesen Minister der Bestechlichkeit und der Unterschlagung zeihe und das Matteoti bei der jetzigen Budget-Debatte in der Kammer vorbringen wollte. Tatsächlich sind mit Matteoti auch die Akten, die den Fall behandeln, verschwunden. Am meisten kompromittiert ist der Pressechef des Ministeriums des Innern, R o f s i, der inzwischen über die Grenze entflohen ist. Der Minister des Innern im Kabinett Mussolini hat sein Amt abgeben müssen, ebenso der Polizeichef von Nom und eine ganze Reihe anderer amtlicher Persönlichkeiten. Der Direktor einer großen römischen Zeitung, der Den Mörder gedungen und ihm das Auto zur Verfügung gestellt hatte, ist ebenfalls entflohen. Mussolini hat in der Kammer die schärfsten Maßregeln angekündigt und versprochen, alles aufzubieten, um den Mördern und den Hintermännern auf die Spur zu kommen. Die Erregung über die Mordtat ist in Italien, aber auch weit in die gemäßigten fafzistischen Kreise gedrungen, denn man sieht doch die ungeheuren Gefahren, die sich aus solchem Treiben ergeben.
Jedenfalls ist der Fall Matteoti, wenn nicht alles täuscht, Sprengpulver für den italienischen Fafzisrnus. Es wird jetzt so oder so zu einer Klärung in Italien kommen müssen. Der italienische Fafzisrnus wird seines terroristischen Charakters entkleidet werden müssen, der ja soweit ging, daß bei den letzten Wahlen keine nicht fafzistische Partei überhaupt irgendeine Versammlung halten ober auch nur Wahlplakate oder eine sonstige Wahlaufklärung zu geben vermochte. Wenn aber der Fas- zismus, was ganz unabweisbar ist, zu Konzessionen und Kompromissen kommen muß, dann wird er eben nicht mehr der Fafzisrnus fein. Die Krisis, in die Italien naturnotwendig nunmehr hinein steuert, wird von ganz außerordentlicher Bedeutung für die Entwicklung dieses Landes sein müssen.
Allmähliche Beruhigung.
wtb Rom, 18. Juni. (Tel.) Nach den letzten Verhaftungen ist die allgemeine Lage viel ruhiger geworden. Die Neubesetzung des Ministeriums wird auf Anfang Juli verschoben werden in der Hoffnung, daß, nachdem dis Gerichte,!« Tätigkeit getreten find, die Oppositionsparteien entgegenkommender fein werden. Besonders wird verlangt, daß das Ansehen der Presse wieder her- gestellt wird und daß besonders Drohungen, wie sie in der faszistifchen Presse zu lesen waren, aufhören und die Einigung fasziskischer Partei- gröhen in den Zentral- und Provinzialverwaltungen endgiltig herbeigeführt wird.
geschehen könnte, fei nicht vorauszusehen. Daß die Armee keine „48 Stunden mehr warten könnte" bis das von Ludendorff und der Obersten Heeresleitung seiber verlangte Waffenstillstandsangebot an die Entente herausgegeben sei. Ludendorff erklärte, daß alles darauf ankommt, daß dieses Angebot „mindestens Mittwoch nacht oder Donnerstag rüh in den Händen der Entente sei", ja er forderte ogar auf, das Angebot eventuell an die Schweiz durch Funkfpruch nach Nauen zu geben.
Es ist weiter von großem Intereffe, aus den Akten zu ersehen, daß Ludendorss das Drängen zu einer Antwort an Wilson, das er natürlich heute nicht mehr wahrhaben will, noch dadurch unterstützte, daß er gegen alle Anregungen, die Räumungsverhandlungen hinauszuzögern, um vor dem (Eintreffen der im Westen stehenden Truppen auf deutschem Boden einen Ueberblick über die kommenden Friedensbedingungen zu erhalten, rundweg ablehnte. Es wurde gegenüber solchen Vorschlägen sogar eine offizielle Anweisung der Obersten Heeresleitung an die Waffen- stillstandskommission vom 23. Oktober 1918 heraus- gegeben, die folgenden Wortlaut hat:
„Ein solches Verhalten würde dem Geiste unteres bisherigen Notenwechsels mit Wllson zweifeAos wider- sprechen. Uns würde mit Recht Hinterhältigkeit vorgeworfen werden. Unsere Stellung gegenüber Wilson, die bei dem von uns eingeschlagenen Verfahren von entscheidender Bedeutung für den Ausgang sein wird, würde eine ernstliche Trübung erfahren. Wir haben aber alles Interesse an einer offenen, rückhaitlosen Haltung gegenüber dem Präsidenten."
Es wurde weiter ausgeführt, daß man alles tun muffe, um jegliches Mißtrauen der amerikanischen | Vertreter zu verhüten. In dieser denkwürdigen Ur- ; künde ist zur Begründung dieser Stellungnahme ausgeführt, daß es nicht mehr möglich fei, „das Heer in absehbarer Zeit auf eine ausreichende Kampfkraft zu bringen, daß sich vielmehr das Stärkeoerhältnis des Heeres dauernd zu unseren Ungun ft en verschlechtere".
Und die Urkunde ist im Entwurf von Hindenburg und Ludendorff signiert und bann noch einmal von Hindenburg selber mit Namenszug unterzeichnet. Es ist also die Unmöglichkeit gewesen, den Krieg militärisch zu Ende zu bringen, die den Zusammenbruch brachte und diese Unmöglichkeit ist von der Obersten Heeresleitung selber von Hindenburg und Ludendorff amtlich und offiziell wiederholt zugestanden worden.
Und der Wafsenstillftand ist schließlich auf stürmisches Drängen derselben Heeresleitung — 48 Stunden könne die Armee nicht warten, heute halte
die Truppe, was morgen geschehen könne, sei nicht vorauszusehen, alles tommt darauf an, das Angebot sofort in die Hände der Entente zu bringen, und so weiter — herbeigeführt worden, und Hindenburg und Ludendorff haben ihrerseits offiziell aufgefordert, den amerikanischen Vertretern zu vertrauen, und schließlich hat. Hindenburg selber nach Bekanntwerden die Waffenstillstandskommission aufgefordert, die Bedingungen zu unterzeichnen, auch wenn keine Milderungen zu erreichen sind.
Das ist die Wahrheit!
Reichsregierung und Veamkenbefoldung.
Das Reichskabrnett beschäftigt sich mit der Fra«^ der Beamtemgehälter. Die BearntenorgG: nifationen haben von der Regierung eine Erhöhung der Einkommen für die Beamten der Gehaltsklasi fen 1 bis 5 sowie der sozialen Zulagen erbeten.
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Der Reichsverkehrsminister hat die Beamtenorganisationen für den nächsten Samstag zu einer Besprechung über die Frage geladen, ob die sich ietzt häufenden Z u f a m m e n st ö ß e, Verfehen in den Stellwerke ufw. in ursächlichem Zusammenhang mit der verlängerten Dienstdauer für die Beamten und Arbeiter stehen. Seitens der Organisationen ist eine ausführliche Denkschrift ausgearbeitet worden, die in der Forderung gipfelt, daß die Dienstdauer, vor allem des fahrtechnischen Personals herabgesetzt wird.
Deutsches Reich.
* Geheimrat Prof. Dr. Kahl, eine sympatisch« Gestalt im deutschen Reichstag, feierte jetzt den 7 5. Geburtstag. An den greisen Parlamentarier und Rechtsgelehrten, der der Deutschen Volksparts angehört, richtete Reichskanzler Dr. Marx folgendes Telegramm: „Zu Ihrem 75. Geburtstage fenbt ich Ihnen, sehr verehrter Herr Geheimrat, namens der Reichsregierung die herzlichsten Glückwünsche Was die deutsche Rechtswissenschaft und die deutsche Politik Ihrem reichen und unermüdlichen Wirken verdankt, das zu ermeffen, wird Sache künftiger rückschauender Betrachtung fein; heute fei mir gestattet, Ihnen Dank zu sagen insbesondere für Ihre überaus wertvolle Mitarbeit an den schwierigen gefetzgeberischen und polittschen Aufgaben der Nachkriegszeit und zugleich der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß Ihre unschätzbare Arbeitskraft uns noch lange erhalten bleiben möge zu Ihrer Befriedigung und zum Wohle d»>- Vaterlandes.^