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\ Zuioaer Zeitung Nr. 141.

Zur Unterhaltung.

die

sich mir der

4-1

erfahren?"

„Ja, ich habe ihn aufs Gewissen gefragt, da es nm Sie handelt, Mazda, und er war in der Lage, zu antworten, da er der Sohn einer Jugendfreundin Baronin ist und sie seit langem genau kennt."

„Verkehrt er auch dort?"

„Ich glaube, er geht gelegentlich hin. lieber

Die Einsame.

Roman von Horst W e r t h e r n.

bern sich durch eigene Kraft eine Stellung erringen. Sein Onkel Hot ihm dies nie verziehen. Rolf ist trotz der Gegenreden und der Geringschätzigkeit seiner adelsstolzen Familie Ingenieur geworden, und da er weih, was es heißt, den Kampf mit dem Dasein aufzunehmen, hat er das innigste Mitgefühl für alle, die kämpfen, gleich ihm."

Mazda war der Erzählung aufmerksam gefolgt; war es doch die Geschichte desjenigen, dem sie vielleicht ihr tägliches Brot wurde zu verdanken haben. Jetzt schien es ihr auch weniger peinlich, seine Hilfe anzunehmen. Einen Augenblick lang herrschte Schweigen in dem trau­lichen Gemach, das von Veilchemdust erfüllt war.

Dann machte Mazda eine Bewegung, als ob sie ihre Gedanken von Herrn von Warneck ablemken wollte und fragte:

„Können Sie mir nichts Näheres von dem Kinde er­zählen und von meinen etwaigen zukünftigen Pflichten?"

„lieber Sefintf Rottenett? Die Kleine ist, wie ich glaube, in geistiger Beziehung sehr vernachläsiigt. Ab­wechselnd war sie in verschiedenen Psnsionaten oder unter der Aufsicht ungeeigneter Erzieherinnen, während ihre Großmutter — immer jugendlich — ihren Vergnü­gungen nachging und der Vater immer nur darauf be­dacht war, sich das Leben möglichst angenehm zu machen, und der dann plötzlich sehr erstaunt war, seine Tochter schlecht erzogen zu sehen, oder besser gesagt, gar nicht er­zogen. — Ach, für die arme Sefne wäre es ein wahrer Segen, wenn Sie sich ihr widmen würden!"

Ohne beondere Absicht hatte Frau von Berghoff der Sache eine Wendung gegeben, in der sie Mazda in ganz anderem Licht erscheinen muhte und der neuen Steilung dadurch viel von der Bitterkeit nahm. Der Gedanke, etwas wirklich Gutes zu tun, sich für eine junge Seele, die sich vielleicht unbewußt'nach Liebe sehnte, aufzuopfern, gab ihr neue Kraft, und einen Augenblick lang dachte Mazda mit innigem Mitleid an dieses unbekannte Weten, dessen traurige und einsame Jugend ihr Mitgefühl umso- mehr erregte, als sie ja auch früh verwaist, so manche trübe Stunde verlebt und sich oft nach mütterlicher Zärt« lichkeit gesehnt hatte.

Wenn dieses Kind es ihr nicht wehrte, wollte sie sich mit ganzer Seele hingebon, um in sein junges Leben Licht und Wärme zu bringen.

Frau von Berghoff unterbrach ihre Sebanten: „Ueb» rigens habe ich noch eine Ursache, weshalb ich Sie im Hause der Baronin wissen möchte. Sie werden nämlich dort jedenfalls mit Schriftstellern zusammenkommen, die Ihnen vielleicht nützlich fein können, wenn Sie sich später durch literarische Tätigkeit eine selbständige Existenz grün­den wollen. Außerdem ist noch ein äußerst wichtiger Grund vorhanden, der mir die Stelle für Sie wünschens­wert erscheinen läßt — nämlich der — daß Ihnen dort materielle Vorteile geboten werden, die Sie für die ge­eierte Freiheit einigermaßen entschädigen."

(Fortsetzung folgt.)

Baronin habe ich mir auch au« den Reden de. Grasen ein Urteil bilden können, der in seinem Innern von der grenzenlosen Oberflächlichkeit seiner Schwiegermutter durchdrungen ist, wie es mir vorkommen will."

„Und trotzdem hat er ihr fein Kind anvertraut, wie Sie fugten?"

„Es blieb ihm weiter nichts übrig. Gleich nach dem Tode feiner Frau nahm er die Lebensweise wieder auf, die er vor feiner Verheiratung geführt hatte und die ihm die einzig angemeffene zu fein scheint. Er wohnt nicht bei seiner Schwiegermutter und, unter uns gesagt, ist er sich ebensowenig wie diese der Pflichten bewußt, die er dem Kinde gegenüber hat. Aber manchmal regt sich doch die väterliche Lieb« in seinem Herzen, und in einem solchen Augenblick entdeckte er, daß die Erzieherin, die Frau von Mohr gewählt hatte, durchaus ungeeignet fei. Die Baronin ist gar nicht eigensinnig, aber nachdem die Person entlassen war, überließ sie ihrem Schwiegersohn die Sorge, eine andere zu finden, die besser entsprechen würde. Gras Rottenstett war in großer Verlegenheit, und Rolf erhielt zufällig Kenntnis davon. Das übrige ist Ihnen bekannt."

„Jawohl, es war sehr freundlich von Herrn von Dar. neck, sich der hilflosen Lage einer Fremden zu erinnern. Er muß ein guter Mensch sein", setzte Mazda warm hinzu.

„Das ist er auch. Rolf besitzt einen ungewöhnlich guten und feinen Charakter, und um Ihnen einen Begriff von seinem Charakter zu geben, will ich Ihnen etwas Erzählen: Nach dem Tod« seiner Mutter — er mar ba. wals achtzehn Iahe alt — bot ihm ein sehr reicher Onkel, dessen einziger Erbe er fein sollt« und der wußte, daß er durch unglückliche Spekulattonen seines Vaters ganz iu Grunde gerichtet war, eine Rente an, die ihm eine glänzende Lebensweise ermöglicht und der Notwendigkeit Ut arbeiten enthoben hätte. Rolf lehnt« das Anerbieten E; er wollte niemandem etwas zu danken haben, fon-

„Warmn zögern Sie, gnädige 5 rau?" .fragte Mag da Zberrafcht. „Können Sie mir nicht sagen, wer so freunb- fich war, sich meiner anzunehmen?"

„Ach- mein Gott, ja, — wenn ich den Namen ver­schwieg, so geschah es nur, weil der Betreffende mich ersuchte, feine Person ganz aus dem Spiel zu taffen Aber, da Sie doch heute oder morgen feinen Namen erfahren werden, was übrigens ganz nebenfächlich ist, so kann ich Ihnen ebensogut gleich sagen, daß es Herr von Warneck war. Sie erinnern sich doch seiner? Jener ms befreundete Ingenieur, mit dem Sie vor drei Wochen bet uns frühstückten!"

»Ja, ich erinnere mich", antwortete Magda nach- sjenkkich.

Dor chrem Geiste, der in der Zwischenzeit so viel« Eindrücke ausgenommen hatte, tauchte das Bild jenes Mannes wieder auf, der ihr mit feiner kühler Ritter- kchkett und Korrektheit einen imponierenden Eindruck gemocht hatte. Sie sah ihn vor sich, rote er an den Kamm gelehnt, ebensosehr durch feine Worte, als durch den Ausdruck ferner Züge, das Lächeln, den Klang feiner Stimme und dem klaren Blick feiner Augen, den Ein- druck eines Mannes von unbeugsamer Willenskraft her- vorrief. Er war ihr mit achtungsvoller Rücksicht be­gegnet, und mehr als einmal hatte sie den Blick feiner Lugen auf sich ruhen gefühlt. Er schien ihr von hervor- ragender Intelligenz, wenn auch etwas streng in feinem Urteil.

lind er war es, der sich m so zarter Weife bemüht hatte, ihr zu Hilfe zu kommen. Sie war ihm dankbar dafür, icker zugleich war es ihr peinlich, sich einem Fremden gegenüber verpflichtet zu fühlen.

Frau von Berghoff, die nicht ahnte, was in Magda vorging, erklärte:

„Sehen Sie, wie sich unerwartet alles zum Guten wendet! Am Tage, an dem Sie ntit urtferm Freunde zusammen hier waren, habe ich Rolf in der Oper ge. troffen, im Zwischenakt sind wir auf Sie zu sprechen ge- kommen und ich erzählt« ihm, durch welche Umstände Sie genöttgt seien, sich — eine selbständige Stellung in Iber Welt zu schaffen. Ich muß Ihnen gestehen, daß ich mei- nem Gespräch mit Rolf gar keine Wichtigkeit beilegte; ich hatte es sogar vollständig vergessen. Vor einigen Tagen nun erhielt ich von ihm ein paar Zeilen, die die Mitteilung enthielten, daß er zufällig m die Lage gekom- men fei, von Ihnen zu sprechen; zugleich bat er mich um die Erlaubnis, einen seiner Freunde, den Grafen Gerhavd Rottenstett mit mir in Verbindung zu setzen, der ein junges Fräulein — gleich Ihne» — als Erzieherin für seine Tochter sucht."

„Ein Graf Gerhavd Rottenstett ist verwandt mit unsrer Familie, er ist einer jener entfernten Vettern, mit denen mein Vater, infolge eines Prozesses, jedem Ver- kehr abgebrochen hatte."

„Wirklich?"

Frau von Berghoff sah Magda unschlüssig an; sie wußte nun nicht, ob sie diesen Zufall als «men glücklichen ansehen sollte, oder nicht? Aber die nachdenkliche Miene des jungen Mädchens war nicht zu enträtseln.

„Und mm?" fragte Magda, den Blick zu ihrer De- schützerin erhebend.

„Nun, mein liebes Kind, — da ich der Ansicht war, daß es dax vernünftigste sei, den Grafen gleich zu spre- chen, schrieb ich Herrn von Wameck, er solle ihn zu mir schien, und das ist auch geschehen. Er ist ein außer- ordentlich semgebildeter Mann von beiläufig vierzig Iah. ren — Witwer nach einer dreijährigen Ehe, die nicht lehr glücklich gewesen fein soll. Seine Tochter, di« von ihrer Großmutter erzogen wurde, lebt immer bei dieser. Im Laufe des Gesprächs erklärte mir Graf Rottenstett, daß das junge Mädchen nun sechzehn Jahre alt geworden sei und er den Wunsch habe, eine Gesellschafterin zu finden, die jung genug sei, um die Freundin seiner hevanwachfen- don Tochter zu sein, dabei aber ernst genug, um ihr die Mutter zu ersetzen. Er sagte mir ohne Umschweife, daß seine Sefine schlecht erzogen fei, da sie unter der sehr zweifelhaften Aussicht ihrer Großmutter ohn« richtig« Leitung herangewachsen ist."

„Die die Kleine jedenfalls sehr verwöhnt hat!"

„Durchaus nicht. Die Großmutter — Baronin Mohr I — mar einst eine gefeierte Schönheit und ist noch sehr wohlerhallen. Sie war und ist eine Frau, die von Der« znügungsn vollständig m Anspruch genommen ist und in­folgedessen bleibt ihr keine Zeit, sich um die Enkeln zu kümmern. Sie versammelt in ihrem Salon Schriftsteller aller Art, zugleich empfängt sie auch Leute der besten Gesellschaft, die ebenso wie die Schriftsteller Gespräche führen, die — nun die für das Ohr eines jungen Ge­schöpfes wenig geeignet erscheinen."

„Das alles haben Sie durch Herrn van Wameck

Ak OTnMuno Des MMmMm 1925. I Don Professor Dr. Hilling, Freiburg i. Br.

Am Himmelfahrtstage (31. Mai) 1924 hat Papst I Pius XI. durch die Bulle „Infinita Sei miferi- I cordia" das Jubiläumsjahr 1925 angekündigt, das I mit der ersten Vesper des Weihnachtsfestes 1924 I beginnt und bis zum gleichen Zeitpunkt des folgen« I den Jahres dauert. Ser Jahresanfang für dieses sog. Heilige Jahr (Anno fanto) ist demnach I gemäß alter Sitte auf den Geburtstag des Herrn I (nicht auf Neujahr) festgesetzt.

I Sas Jubiläumsjahr ist aufs innigste mit der I ewigen Stadt verknüpft. Es kann deshalb des voll- I kommenen Jubiläumsablaffes nur derjenige teil« I hastig werden, der außer den allgemeinen Bedm- I gingen (Beicht und hl. Kommunion) die vier I Hauptkirchen Roms, d. h. St. Peter, St. Paul, St. I Johannes im Lateran und St. Maria Maggiore besucht und dort nach der Meinung des Hl. Vaters betet. Sie Bewohner der Stadt Rom müssen diese vier Kirchen an zwanzig Tagen besuchen, während für die Auswärtigen ein zehnmaliger Besuch ge­nügt Denn jedoch jemand in Rom ober auf der Reise durch Krankheit ober einen anberen gesetz­mäßigen Grund verhindert wird, die vorgeschriebe­nen Kirchenbesüche zu machen ober zu vollenden, ober wenn er vorher stirbt, so soll er auch nach bloßem Empfang der Sakramente der Buße und des Altares des Jubiläumsablasses in derselben Weise teilhaftig werden, als wenn er wirklich die genannten vier Basilikalkirchen besucht hätte.

Nach Schluß des römischen Jubiläumsjahres wird die Jubelfeier gewöhnlich für den Zeitraum von sechs Monaten auf den ganzen katholischen Erdkreis ausgedehnt. So geschah es im letzten Jubiläumsjahre 1900 durch Papst Leo XIII.

Neben diesen, jetzt regelmäßig alle 25 Jahre wiederkehrenden ordentlichen Jubiläen wer­den aus besonderen Anlässen auch außeror­dentliche Jubiläen von den Päpsten ausge­schrieben. Aus der Regierungszeit Pius X. sind noch die beiden Jubiläen in Erinnerung, die er im Jahre 1904 aus Anlaß des fünfzigjährigen Gedächt­nisses der Verkündigung des Dogmas von der Un­befleckten Empfängnis der Gottesmutter und 1913 aus Anlaß der Gedenkfeier an das Toleranzref- kript Konstantins des Großen verkündet hat.

Sie kirchlichen Jubiläen haben dem Namen und der Sache nach einen Anknüpfungspunkt an dem Jubeljahr der alten Israeliten, das nach Ablauf von sieben Jahreswochen (— 49 Jahren) jedes fünfzigste Jahr stattfand und ein allgemeines Er­laßjahr bedeutete. (Buch Leviticus 25, 8 ff.) In noch näherem Zusammenhänge stehen dieselben aber mit der historischen Entwicklung der Ablässe, namentlich des vollkommenen Ablasses. Ser erste vollkommene Jubiläumsablaß wurde von Papst Bonifaz VIII. für das Jahr 1300 ausgeschrieben. Sie Veranlassung hierzu war eine eigentümliche. Am Ende des Jahres 1299 verbreitete sich das Ge­rücht, man könne im nächsten Jahre durch den Be­such der römischen Peterskirche einen großen Ab­laß gewinnen, und zu Beginn des Jahres 1300 strömten zahllose Scharen zu diesem Zwecke in Rom zusammen. Obwohl die Nachforschungen, die Papst Bonifaz VIII. in den römischen Archiven über die früheren Ablässe anstellen ließ, resultatlos verlie­fen, bewilligte er dennoch durch die Bulle vom 22. Februar 1300 einen vollkommenen Jubiläums­ablaß für die Rompilger und fetzte die Wiederho­lung des Jubiläums auf alle 100 Jahre fest, weil angeblich im Jahre 1200 ein Jubiläum stattgefun­den haben sollte.

Sa jedoch die hundertjährige Frist weit über die Lebenszeit der Menschen hinausging, sandten die Römer bereits 1342 eine Seputation an den damals in Frankreich (Avignon) residierenden Papst Klemens VI. mit der Bitte, die Zeit auf 50

Jahre herabzusetzen. Ser Papst willfahrte diesem Gesuche und schrieb bas nächste Jubiläum für das Jahr 1350 aus. Siefe Zeit entsprach dem israeliti­schen Jubeljahre. Sa dieselbe aber immer noch vielen zu lang dünkte, ermäßigte Urban VI. sie im Jahre 1389 zum Andenken an die Lebensjahre des Herrn auf 33 Jahre. Später wurde die Frist von 50 Jahren wieder durch Nikolaus V. in An­wendung gebracht, der im Jahre 1450 ein großes Jubiläum feierte. Sein Nachfolger Paul II. ging aber von dieser Regel ab und bestimmte 1470, daß in Zukunft alle 25 Jahre ein Jubiläum in Rom gefeiert werden sollte. Bei dieser Anordnung ist es bislang geblieben. Jedoch konnten wegen der Ungunst der Zeiten unter Pius II. im Jahre 1800 und unter Pius IX. im Jahre 1850 keine Jubiläen gehalten werden. Sas soeben von Pius XI. ange­kündigte Jubiläum für 1925 ist das 22. in der Reihe der ordentlichen Jubiläen.

Wer die große, dreibändige Geschichte des Ab­lasses im Mittelalter von Prälat Nikolaus Paulus (1922—23) aufmerksam durchlieft, wird darin viele Belege für die wohltätigen Wirkungen finden, die der Ablaß auch in dem sozialen Leben der Mensch­heit hervorgerufen hat. Nach dem Wunsche un­seres Hl. Vaters, den er in der neuesten Jubiläums­bulle ausgesprochen hat, soll bas bevorstehende Jubiläumsjahr auch dem Zwecke dienen, daß ber allgemeine Frieden möglichst bald unter ben Völkern roieber hergestellt werbe. „Ein Frieden, der nicht auf Tafeln aus­gezeichnet, sondern in die Herzen eingeschrieben ist." Alle Pilger, die sich zur Gewinnung des Ablasses während des Jubiläumsjahres im Mittelpunkte der kirchlichen Einheit und am Sitze des Stellver­treters des Friedensfürsten versammeln, sollen hier nach der Meinung des Hl. Vaters beten.

Die IßieöergeOBrt nuferes Bolles uns öle im.

Das Zweit« Frauenheft des Dolksver- eins handelt dieses Mal von der Wiedergeburt unseres Bolkes, ein Wort, das gleich einem anderen: „die Volks­gemeinschaft" in den letztm Jahren in Wort und Schrift viel gebraucht und mißbraucht wurde.

Nach langer Krankheit fühlt sich der Mensch „wie neugeboren". Die dumpfe, drückende Schwere der Krank- hett fft von ihm gewichen, neuer Lebensmut erfüllt seine Brust, und neue Lebenskraft erfüllt seinen Leib. Auch der (Seift eines Menschen und einer ganzen Volkes kann krank sein. Der Körper der einzelnen oder der Volks- körper hat Fremdkörper, Giftstoffe in sich ausgenommen, die er nicht verarbeiten kann, die ihm „im Magen lie­gen". Die deutsche Dolksfamilie ist krank, noch immer; die Wiedergeburt läßt noch auf sich warten. Sie mutz erfolgen, zunächst bei denen, die in erster Linie die Ver­antwortung im Volke tragen: Eltern, Lehrern, Führern des Volkes im öffentlichen Leden. Ein Volk kann ohne den Adel eines Führergeschlechter nicht bestehen; fft es nicht der Schwertadel wie früher, dann heute der Gei st es adel, an dem das Volk sich aufrichten soll. „Ein Wald, der keine Hochstämme mehr hat, sondern bloß verkrüppeltes Unterholz, ist kein Wald mehr." Die Men­schen adellger Gesinnung find die echten, treuen, wahr- hastigen, auf die man sich — wie auf eine Mutter — verlassen kann. Man glaubt an ihre Treue; sie ver- laffen einen nie.

Solche Menschen, solche Frauen braucht unser Volk, solche Frauen soll die Wiedergeburt wecken. Sie kann nur kommen aus einer Erneuerung des religiösen Geiste», bes Geistes der G otteskindschaft. Dieses Geheimnis unserer Religion öffnet uns den Dllck für ben heiligen Wert bes Menschen, erfüllt uns mit Ehrfurcht vor dem Heiligen. Aus diesem Geiste heraus erkennt die Frau ihre Lebensaufgabe, ihren Beruf als eine heilige Sendung: sie verwahrt sich dagegen, ein« Dienerin des Mammons zu fein. Und wenn sie aus der Welt der Wirklichkeit in die andere Welt zu Gott hin. übergeht, um zu beten, so kehrt sie nicht müde unb ver­drossen, sondern mit Gnade gestärtt zu ihrer heillgen Kottesaufgabe zurück. „Unheil! ge Mütter haben uns da, unheilige Geschlecht großgezogen, das schon in der Kind­heit kein« größer« Sorge kennt als das Geldverdienen und dar „etwas vom Leben haben", das nicht die Wahr- Hastigkeit und Treue, nicht das Heldentum der Sechst- überwinidung kennt, nicht die Freudigkett der Pflichter, füllung, nicht die Macht einer edlen, reinen Lieb«. Müs­sen nicht heilig« Mütter uns das heilige, tapfere, arbeite, frohe, tatkräftige Geschlecht der Zukunft schenken, deffen höchstes Lebensziel ist die Erfüllung des gottverliehenen Berufes? So kann di« Wiedergeburt der Mutter zur Wiedergeburt der Famill« werden."

Vom Geiste der Gotteskindschast erfüllt findet die Frau auch den rechten Weg im öffentlichen Leben, lieberen schafft sie familienhoftes Gemein, schaftsleben. Nichts liegt ihr ferner, als an der Stile des Manne« als deffen Kriegskamerad mit liebendem oder hastendem Herzen ben politischen Tageskampf zu führen. „Die muß vielmehr so dastehen, daß alle, selbst di« radi- kalsten Männer, in einer geheimen Verehrung zu ihr emporschauen, weil in ihr eine Würde, ein Adel verkör. vert ist, vor dem die Männer sich in Bewunderung beu­gen, so ähnlich wie sich auch im Krankenhaus selbst di« rohesten Männer beugen vor der Würde der Frau, die ihnen in der edlen Pflegerin entgegentritt."

Sorgenkinder.

Von Hugo Reiße.

Ich hab« rrr Kinder. Es sind lauter Adopttokinder. Da hat man so sein« liebe Not.

Ein paar liegen immer im Krankenhaus, und bei jeder neuen Einlieferung fürchtet man, daß einem der Arzt mit einem achselzuckenden: „Mein« Kunst ist zu Ende!" entgegentritt.

Ich will mich nicht rühmen. Aber ich darf ohn« lieber, treibung versichern, daß meine Kinder sämtlich einen gu­ten Charakter haben. Sie bleiben ruhig und duldsam, auch wenn man ihnen wehe tut. Und das geschieht leider so oft.

Unlängst ließ ich allen Kindern von geschickten Schnei, berinnen und Schneidern blaue Anzüge anfertigen. Dazu bekam jedes Kind ein neues, schmuckes, weißes Hütchen.

Das Herz hätte Dir im Leibe gelacht, wenn Du sie im funkelnagelneuen Feststaat mit fröhlichen Gesichtem hättest aufmarschieren sehen! Sie sahen aus wie neu. geboren und schauten mich so dankbar an, umarmten mich und streichelten mir den fangen weißen Bart.

Da klaffchten die buntbemützten blonden und dunklen Schülerinnen und Schüler der altehrwürdigen Latein­schule von der Sexta bis zur Sekunda m die Hände und

baten mich: „Latz uns ntit Deinen Kindern spielen!" Ich nickte, und meine blauen Kinder faßten die Buben und die Mädels bei der Hand und spielten mit ihnen und führten sie ins wundersame Land der kühnen Helden, der guten Feen und der klugen Zwerge, zeigten ihnen auch die Reiche der Poesie und Kunst, der Geschichte und Wissenschaft.

Aber als si« zu uns zurückkamen, war manches blaut Kleid befleckt und eingeriffen und manches weiße Hüllein zerknickt und beschmutzt, und die armen Kinder weinten bttterlich

Ach, Du gute Leserin, Du lieber Leser, seht, das geht mir so zu Herzen. Bitte, bitte, helft mir doch etwas 1 Es ist heut« für einen Vater schon schwer, fünf Kinder zu bekleiden und gesund zu erhalten, aber gar erst 2221 Es sind so schwere Zeiten. Die Geldknapphett ist groß.

Und wenn ihr die süßen blauen Kinder sähet, ihr würdet selbst nicht wollen, daß ich sie dauernd in ihr dunkles Holzverließ hn alten, unzulänglichen Bücher­schrank sperre. — Nein, sie sehnen sich danach und ihre Lust fft es, allen Kindern der Lateinschule Spielgefährten und liebe Freunde zu fein. — Helft mir doch bitte! Seht, ich möchte noch viel mehr Adoptivkinder haben. Wenig­stens 500. Aber der Ankauf von Kindern fft kostspielig. Ihr wißt das ja von den armen Heidenkindern.

Und doch, ich m u tz mehr Kinder haben. Die Schüle­rinnen und Schüler der Lateinschule sind nämstch mo­derne Kinder. Ihr Leitstern ist das variatio delectat, und denke Dir, sie lehnen es ab, mtt jedem meiner blauen Kinder mehr als einmal zu spielen. Mit manchen wollen sie es überhaupt nicht tun. Ja, fo sind sie. Was soll ich machen? Ich kann nicht dagegen an!

Bist Du nicht in der Lage, mir ein Kind zu schenken, daß ich es ebenfalls adoptiere und der Schar der 222 zugefelle? Du tätest ein gutes Werk! Ich verspreche Dir, daß das Kind liebreich aufgenommen wird und sofort bei feinem Eintreffen ein modern gearbeitetes blaues Kleid und ein neues weißes Mützchen erhält. Du kannst mir, roenn Du willst, auch Geld für den Ankauf eines neuen Kindes schicken, das aber 3—5 Mark kostet.

Der Dank bleibt iticht aus.

Den statten Dir die Lateinschüler oben in ihrer Berg, kapell« am Gangolft-Derg beim lieben Jesuskind ab.

Also laß Dich rühren.

Ich wohne hn schönen Geisa (Rhön), Allee 11.

Du kannst Geldspenden auch mit Bezeichnung de, Zweckes auf mein Postscheckkonto 72 004, Postscheckant Breslau einzahlen. Du erhallst Empfangsbestätigung vom Rektorat der Bischöflichen Lateinschule Geffa.

Tierquälerei und Jugend.

Don Fr. Möllenhoff.

Unsere Jugend hat ein sehr gutes Auge für alle Vor­gänge in der Natur. Da ist es denn sehr wichtig, diese» Trieb zur Beobachtung und Verfolgung aller Natur- erscheinungen in die richtige Bahn zu lenken.

Ist ein Junge sich selbst überlasten, so rotrb er in den allerseltensten Fällen die ihm zu Gesicht kommen­den Tiere vorsichtig und mit Teilnahme betrachten, son- bern ohne Ueberlegung, ohne Sinn unb verstand die Tiere niederzuschlagen versuchen. Welche Roheiten unb Quälereien kann man da oft beobachten! Kein Schmet­terling in den Lüsten, kein Käfer hn Grase, kein Frosch am Ufer, träte Eidechse am Graben, kein Wurm an der Erde, kein Ameffenhaufen ist sicher vor der Der. folgungs» und Zerstörungswut des Knaben. In den meisten Fällen fft es aber vollständig falsch, solche Grau- famteifen unb Unarten ohne weiteres zu beftrafen. Meist wird man feststellen können, baß bie Kinder aus Unkenntnis ober Gedankenlosigkeit handeln. Mo- ralpredigten helfen da auch nicht. Das Intereste der Kinder mutz geweckt werden, indem man sie anleitet, das Leben unb Treiben der kleineren Tierwelt zu be­obachten, und chnen hierzu die notwendigen Anleitungen gibt. Wie interessant ist es z. B. anzusehen, wenn die Ameffen sich gegenseitig in der Arbeit unterstützen, rote tapfer unb ausdauernd sie jeden Feind — ob groß ober Nein, stark ober schwach — angreifen, rote vorsichtig sie feinen Waffen ausweichen. Mehr Geduld und Vorsicht erfordert schon di« Beobachtung der Sogelroelt. Aber auch das Wenige, was man bei vorübergehender Be­obachtung erblickt, bürste genügen, um die Knaben vor bem Zerstören bet Nester abzuhalten, roenn mit einigem Geschick ihre Teilnahme bis zum Wohlwollen ausgebilbet roirb. Auf etwas soll aber noch besonders hingerotesen werden: die meisten Verfolgungen haben die Tiere zu erdulden, bie nach der landläufigen Meinung schädlich oder giftig sind, ohne es aber in Wirklichkeit zu sein. Wir haben ja nur ein giftiges Tier, vor dem man sich hüten soll und das man töten muß: die Kreuz, otier. Don den meisten Menschen wird alles Getier, was aus dem Busche kriegt, für schädlich und giftig gehalten unb unbarmherzig verfolgt und erschlagen. Was besonders di« Großstädter in ihrer anmaßenden lln« fehlbarkeit an Unkenntnis in diesen Dingen leisten, ist geradezu haarsträubend: Blindschleichen werden zu Kreuz, ottem gemacht und die nützlich« Kröte ober der harm­los«, schöne Salamander für giftig und gefährlich er­klärt. Der Unterricht in der Schule allein kann hier nicht zum Ziele führen, roenn er nicht durch Anleitung zur Beobachtung im Freien, ganz gleich, ob von Leh­rern ober Gütern ober sonst wem, ergänzt, unterstützt unb fortgesetzt roirb.

Ist erst bei ben Kindern die Neigung zur Tier- roell geweckt, bann liegt eine anbere Gefahr sehr nahe: sie wollen sammeln. Lebenbig für ein Aguarium ober Terrarium und tot für Käser- ober Schmetterlings« fammlungen. Unter keinen Umständen darf dies ge« duldet werden; es sei denn unter sachkundiger Aufsicht, sodaß ® raufamt eiten ausgeschlossen sind. Das unbeauf­sichtigte Sammeln ist der Jugend unbedingt zu ver- bieten. Wie gedankenlos und grausam sperren die Jun­gen ost Käfer, Raupen usro. in Flaschen, Dosen ober Büchsen. Aus Gedankenlosigkeit oder Unkenntnis ver- schließt man diese Behälter und die armen Tiere kom­men selten lebend nach Hause. Kommen sie aber wirk­lich lebend an, so fehlt es in der Wohnung an jeder paffenden Einrichtung für Unterkunft. Das Intereste schwindet auch allmählich und die Tiere muffen langsam umkommen. Der Vorwand, daß man di« Tiere in der Wohnung bester beobachten könne, fft nicht stichhaltig, denn ein Tier kann sich in der Gefangenschaft, wo ihm die wichtigsten Lebensbedingungen fehlen, nicht mit seinem natürlichen Wesen zeigen.

Schule, Familie und Tierschutzvereine müffen zu, fammenroirfen, um den Kindern begreiflich zu machen, rote unrecht er fft, Tiere zu peinigen ober chnen btt Freiheit unb bas Leben zu nehmen. Daß durch eine rücksichtsvollere Betrachtung der Natur und menfch- sichere Behandlung der Tiere der Verrohung der Iu. genb wirksam entgegengearbeitet werden kann, ist nicht zu bezweifeln. In England, wo bie Tierschutzvereine sehr viele Anhänger hoben, fft die Zahl der wegen Tier­quälereien beftraften Jugendlichen während der letzten Jahre in stetem Abnehmen begriffen. Zur Erreichung dieses Zieles sofft« auch bei uns ein jeder mithelfen.