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FuldaerZertung

Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stadt Fulda.

Nr. 141.

Verantwortlich iür die Schrittlettinrg: Dr. Johanne» Kramer. Anzeigen- I. V arzeller, Fnlda. Rotationsdruck und Verlag der s Fuldaer «ctiendruckerei m Fulda. Fernlvrecher Nr- 9. i> Be zu gSvreiS für Juni: Postbestellung 1.8O,Stobtb«ua 1.B0URL

Mittwoch, IS. 3uni 1924.

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51. Zahrg.

Var Reparationsproblem.

Dem Reuterschen Büro zufolge ist es sehr wohl möglich, daß in einigen Wochen eine alliierte Reparationskonferenz stattsinden werde.

Die deutsche Industrie.

Der Vorstand des Reichsverbandes der deutschen Industrie hat den Hauptausschuß für den 2. Iuli nach Berlin eingeladen, um zu der gegenwär­tigen Wirtschaftslage und den gesamten Fragen des Reparationsproblems, insbesondere zu dem Inhalte des Sachverständigengut­achtens, Stellung zu nehmen, da voraussichtlich bis dahin die Arbeiten der von der Revarations- kommission eingesetzten Organisationsausschüsse zu einem gewissen Abschluß gelangt sind.

Herriot bei Hossch.

Ministerpräsident Herrior hat dem deutschen Bot­schafter v. Hoesch einen längeren Besuch abgestattet, in dessen Verlauf eine politische Aussprache tzattfand.

Frankreich und die Ruhropser.

wtb Paris, 17. Juni. (Tel.) Nach einer offi­ziösen Meldung der havas-Agentur soll, um die Wiederherstellung der normalen Beziehungen zwi­schen Deutschland und Frankreich zu erleichtern, General Rollet beauftragt sein, Amnestie- Maßnahmen für die in den besetzten Gebieten verurteilten deutschen Staatsangehörigen in Bear­beitung zu nehmen. Die Amnestie soll nicht en bloc, sondern nach und nach erfolgen. Dieser wich­tigen Frage habe wahrscheinlich die Unterredung gegolten, die Herriot gestern mit dem Sriegsmini- ster und dem Oberbefehlshaber der Besahungs- truppen gehabt habe.

LautVorwärts" hat die sozialdemokratische Fraktion im Reichstag den Antrag eingebracht, un­verzüglich einen parlamentarischen Ausschuß einzu­bringen, der die Richtlinien für die Befreiung der aus dem besetzten Gebiet Ausgewie- en en und derGefangenennachprüft und Maßnahmen für die wirtschaftliche Sicherstellung der in die Heimat zurückkehrenden Ausgewiesenen »der entlassenen Gefangenen vorschlägt.

Kurland.

* Skandalprozetz in der Tschecho-Slowakel. Wie der ,Vossischen Zeitung' aus Prag gemeldet wird, beginnt -ort der zweite Teil deS Prozesses wegen der Benzinskandale. Eine Reihe von Offi­zieren des tschecho-slowakiscken Kriegsministeriums wird sich wegen Annahme von Geschenken in Amtsangelegenheiten und wegen Mißbrauch- der Amtsgewalt vor dem Militärgeücht zu verantworten haben.

Seipel und die österreichischen Sozialdemokraten.

Aus Wien schreibt uns ein besonderer Mit­arbeiter:

Dem Bundeskanzler geht es unverändert gut. Man muß diese Entwicklung geradezu ein Wunder nennen. Weniger erfreulich ist, daß der ganze Vor­fall und seine Begleitumstände den bürgerlichen Parteien hier noch immer ihre jammervolle Ohn­macht nicht klar machen. Es ist sich doch kein Mensch im Unklaren darüber, daß das Attentat eine Folge der beispiellosen persönlichen Hetze gegen S e i p^e l gewesen ist, die ja wiederholt bis zur di­rekten Aufforderung zum Morde gegangen ist. Die Sozialdemokraten vermögen aber aller Vorwürfe und Anklagen zu fpotten, denn sie verfügen eben über ihre gewaltige Organisation, der die Bürger­lichen nichts entgegenzusetzen haben. Dieser Tage fand ein gewaltiger Aufmarsch der Sozialdemokra­ten statt, voran derRepublikanische Schutzbund", die militärisch organisierte Garde, die sich schon un­zählige Gewalttaten zu schulden kommen ließ. Wie es um die Denkweise dieser Partei und die Ohn­macht ihrer Gegner bestellt ist, zeigt eine Aeußerung der Arbeiterzeitung, in der es wörtlich heißt:

Aber die Ereignisse dieser Woche geben unserem Auf­marsch noch eine andere, ein«, besondere Bedeutung. Mit einem wilden Airsbruch ihres zügellosen Halles gegen uns haben die kapitalistischen Klaffen die unselige, unsin- nige Tat eines armen, verzweifelten Arbeiters beant- wortst. Sie meinen dir Tat eines Einzelnen ausbeuten zu können, die ganze Klaffe einzuschüchtern. Sie alle, die Unternehmer, ihre Parteien, ihre Presse rufen zum Kampf gegen uns, schreien nach Ausnahmegesetzen gegen uns. Unser Aufmarsch wird ihnen unsere Antwort sagen. Sehet Euch, wird er ihnen sagen, diese Arbeiterklasse nur an! Die beugt ihr nicht! Die brecht ihr nicht! Und wenn ihr sie einzuschüchtern, sie kirre zu machen wohnt, dann hallt nur doppelt fest der Maffentritt chrer Ba- taillcm« durch die Straßen, dann trägt sie nur doppelt kühn ihre Fahnen durch die Stadt, dann grüßt sie nn Bewußtsein ihrer Kraft, der Wut haßerfüllter Feinde trotzend, doppelt stolz in ihren Gesten die Internat!anale'

In Wien gibt es heute zwei Gruppen von Men­schen. Die einen sagen:Oh mei, jetzt habn s gar auf den Seiple geschossen, des soll do wohl net sein." Die andern sagen:Hätt der blöde Kerl net besser treffen können, so wär der Hund heit scho hin." Und wenn Seipel seiner Verletzung erliegt, bann werden die braven Leute in Oesterreich sagen: Oh mei, jetzt ist er gar g'storben, der liebe, brave Seipel."

So stehen hier die Verhältnisse. . . .

* Erdrutsch auf Java. Nach einer Agenturmeldung aus Weltevrcden (Java) ist ein Dorf mit 150 Einwohnern in der Nähe von Garoet durch einen Erdrutsch verschüttet worden. 20 Häuser und <0 Hütten wurden zerstört,

Bit MS« Oer stmSMes Kegle«.

Havas veröffentlicht die Hauptpunkte der Re­gierungserklärung, die morgen im Parlament ver­lesen werden soll, wie folgt:

Jnnerpolitisch: allgemeine Amnestie, aus­genommen für Fahnenflüchtige und Verräter, Wiedereinstellung der entlassenen Eisenbahner, Aufhebung der Botschaft beim Vati­kan, strenge Durchführung des Gesetzes betreffend die geistlichen Orden, Herabsetzung der militärischen Lasten in einem mit der Sicherheit des Landes zu vereinbarenden Maße.

Finanzpolitisch: Aufhebung des Ermäch­tigungsgesetzes und Wiederherstellung des Zünd­holzmonopols, Aufstellung einer strengen Gesamt­übersicht über die Finanzlage zwecks Durchführung des Budgetausgleichs, Verfolgung der Steuerhinter­ziehung, restlose Durchführung der Einkommen­steuergesetze, Neuordnung der direkten Steuern, Er­mäßigung der durch die Verbrauchssteuern, beson­ders durch die Umsatzsteuer geschaffenen Lasten.

Auf dem Gebiete des öffentlichen Unter­richts: Aufhebung der Verordnung betreffend die Vorherrschaft des Lateins.

Sozialpolitisch: Respektierung des Acht­stundentagsgesetzes und der gewerkschaftl. Rechte Durchführung der Sozialversicherung, Anerkennung des Gewerkschaftsrechtes der Beamten, Verwal­tungsreform.

Außenpolitisch: Befestigung des Frie­dens durch Verständigung zwischen den Völkern, Ausdehnung der Aufgaben des Völkerbundes und des Internationalen Arbeitsamtes und des Haager Schiedsgerichtshofes, Wiederherstellung der nor­malen Beziehungen zu Rußland, Annahme des Sachverständigenberichts ohne Hintergedanken, Aufrechterhaltung der Ruhrbesetzung bis zur Kon­stituierung und Uebergabe der im Dawesbericht vorgesehenen Pfänder an die zu ihrer Verwaltung bestimmten internationalen Organe, Wiederauf­nahme der Kontrolle der deutschen Abrüstung, Lö­sung der Garantiefrage durch die Verwirklichung von Garantiepakten, die der Autorität des Völker­bundes unterstellt werden sollen.

Wtb Paris. 17. Juni. (Tel.) Zu der Re­gierungserklärung, die heule im Senat und Kam­mer zur Verlesung gelangen wird, schreibt der Mali n, daß sie nicht wesentlich von dem Briefe abwcichcn wird, den herriot am 2. Juni an den Führer der Sozialisten, Leon Blum, gerichtet hat. Sie werde bestätigen» daß die Außenpolitik von dem Wunsche beseelt sei, den Frieden unter den Völkern zu erhalten, was Deutschland betreffe, so müsse es zahlen und den Sachverständigenbericht annehmen, Wenn die Regierung sich heute dem Parlament vorstelle und auch Anhängerin dev Grundsatzes der Herabsetzung der militärischen Dienstzeit sei, so beweise die Anwesenheit des ffie- tierals Rollet und die Gründe, die seine Wahl be­einflußt hätten, daß zwischen Theorie und Durch- sührung eine Welt liege. Das werde die Minister­erklärung zum Ausdruck bringen, wie sie auch die Unmöglichkeit bestätigen werde, an eine Räumung des Ruhrgebiets zu denken, bevor die Sachverstän­digenpfänder konstituiert und der internationalen Organisation übermittelt seien, die sie zu verwalten hätte. Die Politik Deutschland gegenüber werde sich so entwickeln, wie herriot es wiederholt zum Aus­druck gebracht habe. Man bürte nicht Rationa­listen und Demokraten verwechseln. Die Frage der Entwaffnung sei von wachsender Bedeutung u. man muß nach Ansicht des Ministeriums auf eine gemeinsame Aktion rechnen, die im Völkerbund in Erscheinung tritt. Die Sicherheitsfrage werde wohl die neue Regierung durch den Völkerbund losen. Die Regierungserklärung werde auch eine weil- gehende Amnestie ankündigen und sich eingehend über die Beziehungen Frankreichs zu den Vereinigten Staaten aussprechen. Linen weiten Saum werden auch die Fragen der inneren Politik und insbesondere die der Finanzen ein- nehrnen.

herriots Reise nach London.

Ministerpräsident Herriot hat bestätigt, daß er Samstag abend zu einer Besprechung mit Mac- donald nachLondonzu reisen gedenke. Er be­absichtige, in England zwei Tage zuzubringen, um am Sonntag mit dem englischen Minister Fühlung zu nehmen und am Montag sich der ins einzelne gehenden Prüfung der Frankreich und England interessierenden Fragen zu widmen. Wenn er nicht durch die Parlamentsarbeit lange in Paris festge­halten werde, gedenke er vor feiner Reise nach London, sonst aber nach dieser Reise sich nach Brüssel zu begeben.

Theunis.

wtb Conbon, 17. Juni. (Tel.) Wie der Brüsseler Berichterstatter derTimes" von zuver­lässiger Seite erfährt, hat herriot dem b e l g i s ch en Ministerpräsidenten Theunis milgeleill. er werde sich sehr freuen, bei der Rückkehr aus London mit ihm eine Unterredung über die Reparationsfrage zu hoben.

* Die Selbstmorde in Wien. Nach einer Meldung des »Berliner Tageblattes^ aus Wien sind dort laut statistischer Feststellung in den letzten sechs Wochen 500 Selbstmorde bezw. Selbstmord­versuche vorgekommen. Sie sind in der Hauptsache auf die Wirtschaftskrise zurückzusübreu

Das Ergebnis der Notjahre.

Soweit die Zahlen über die Bevölkerungsbe­wegung des Jahres 1923 vorliegen, ist diese durch weitere Angleichung der Heiratsziffer an den Vor­kriegsstand, verstärkten Rückgang der Geburten­ziffer, geringe Veränderung der Sterbeziffer und sich vermindernde Geburtenüberschuhziffer ge­kennzeichnet.

Die Gesamtzahl der Geburten betrug im Deutschen Reich (ohne Saargebiet) im letzten Jahre 1333 621, d. h. 21,6 auf 1000 Einwohner im Ver­gleich zu 1450 893 im Vorjahre oder 23,6 auf 1000 Einwohner und 1655 569 im Jahre 1913 oder 27,7 auf 1000 Einwohner (bezogen auf das Deutsche Reich heutigen Umfangs).

Die Gesamtzahl der Sterbefälle (einschl. der Totgeborenen) betrug im Jahre 1923 900 660, d. h. 14,6 auf 1000 Einwohner gegenüber 927 304 oder 15,1 im Vorjahre und 934 370 oder 15,7 im Jahre 1913. Die Gesamtziffer ist somit gegenüber dem Vorjahre und dem Jahre 1913 nicht unerheb­lich zurückgegangen. Demgegenüber hat die Zahl der Todesfälle an Tuberkulose weiter zuge­nommen, und es ist mit Bedauern zu bemerken, daß seltsamerweise gerade sehr viel Kinder, genau 3262 von dieser Erkrankung dahingerafft wurden. Die Zahl der Todesfälle an K i n d b e t t- fieber hat sich gegenüber 1922 fast verdoppelt, während die übrigen Infektionskrankheiten, wie Fleckfieber, Pocken, Diphterie, Scharlach, Typhus und Ruhr wesentlich günstigere d. h. niedrigere Er­krankungsziffern nachweisen wie im Vorjahre.

Im Zusammenhang hiermit berührt es pein­lich, wenn das Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose mitteilt, daß im vergangenen Jahre 36 Tuberkulosenheil st ütten für Er­wachsene mit 3577 Betten und 7 Heilstakien mit 940 Betten für Kinder geschlossen werden mußten. Außerdem sind noch 3 Genesungsheime und 3 Versorgungskrankenhäuser für Lungen­kranke ebenfalls infolge der zwingenden wirtfchaft- lichen Verhältnisse eingegangen.

Infolge der stark verringerten Geburtenziffer ging der Geburtenüberschuß weiter be­trächtlich zurück. Auf 1000 Einwohner berechnet, beziffert er sich im Jahre 1923 auf 7,0 gegenüber 8,5 im Vorjahre und 12,6 im Jahre 1913.

ver Weltschiffbau 1924

Innerhalb der Weltwirtschaft und der Einzel­wirtschaften der am Welthandel beteiligten Länder nimmt der W e l t s ch i f f b a u eine bedeutsame Stellung ein. Ein Ueberblick über die Stapelläufe in den wichtigsten Ländern während des ersten Quartals 1914, verglichen mit dem Ergebnis des letzten Quartals 1923, führt zu interessanten Auf­schlüssen. Die Weltstapelläufe in den Monaten Januar bis März 1924 belaufen sich nach Lloyds Register auf 214 Schiffe mit 550 246 Br. R.T. und übersteigen damit die Ergebnisie des letzten Quar­tals 1923 um 200 000 Br. R.-T., beweisen also deutlich den Aufschwung des Weltschiff- baus in diesem Jahre. Der Hauptanteil fällt auf England, wie folgende vergleichende Uebersicht zeigt:

1. Quartal 1924 4. Quartal 1923

8<rtIb.®4Hfe »r.-R-Lo. Zahlt». Schiffe Br.-R-To.

Grohbritanien

126

361508

35

114 583

Belgien

1

1980

Brit. Kolonien

3

2905

5

3997

Danzig

1

165

2

1560

Dänemark

8

14962

8

18 569

Frankreich

7

22490

7

35 480

Deutfchland

14

25847

22

68 041

Holland

8

6918

4

14280

Italien

4

23 830

3

7203

Japan

12

29088

9

21107

Norwegen

2

1900

11

12 987

Spanien

1

8720

Portugal

......

1

693

Schweden

1

7400

4

5 950

Ver. Staaten

26

47532

16

27 550

214

550246

127

331993

Der erheblichen Zunahme an englischen Stapelläufen um mehr als 200 Prozent steht ein starker Rückgang der Schiffbautätig­keit in Deutschland gegenüber, der beste Gegenbeweis für die besonders int Ausland aufge­tauchten Behauptungen über die Gefahr der deut­schen Schiffbaukonkurrenz. In Deutfchland sind im ersten Quartal nur ca. 38 Prozent der Tonnage des Schiffsraumes im letzten Quartal 1923 vorn Stapel gelaßen worden. Großbritannien baut wieder in großem Umfange für ausländische Rech­nung. Es betreibt sehr scharfe Konkurrenz zur Hebung seiner Schiffbauindustrie gegenüber dem Ausland. Neben England weisen die V e r e i n ig- ten Staaten eine Erhöhung ihrer Stavelläufe um 20000 Br. R.-T. auf, trotzdem gerade die amerikanische Schiffahrt alles andere als Mangel an Schiffsraum hat. Frankreich zeigt eine nachlassende Bautätigkeit, während Italien durch sein Subsidiensystem und den unverkenn­baren Aufschwung seiner Schiffahrt eine relativ er­hebliche Zunahme aufzuweisen hat. Japan rangiert ebenfalls unter den Ländern mit zuneh­menden Stapelläufen.

----- töttbeblatttuftpeft 1924. Die Deutsche Reichs, post hat wieder ein WerbeblattLuftpost" herauSge- geben, das in knapper übersichtlicher Form eine Skizze der Luitpostverbindungen mit eingezeichneten Flug, gelten und die wichtigsten Bestimmungen für Luftpost­sendungen einschl. der Gebühren enthält. DaS Blatt wird ni den Flugpostorten und anderen Verkehrsorten, die gute Anschlutzverbindungen an Luftposten haben, an Behörden, Firmen, Gesellschaften, Vereine und Per- fonen mit lebhaftem Postverkehr unentgeltlich ver- tetlt. Die Versender eiliger Post werden sich in vielen Fällen des Blatte» mit Nutzen bedienen können.

Bot einem nenen WM des WWlSMS?

Nachdem der Kommunismus auch bei uns in Deutschland, wie die jüngsten Reichstagswahlen zeigen, einen starken Umfang angenommen hat, und damit mehrere Millionen Bürger sich zu den Rezepten des russischen Bolschewismus bekennen, ist es nicht nur lehrreich, sondern auch eine unbedingte Pflicht, genauer die Entwicklung des letzteren zu verfolgen und daraus die ent­sprechenden warnenden Schlüsse zu. ziehen. Wir wissen, daß der reine Kommunis­mus in Rußland schon in kürzester Zeit Bankerott gemacht hat. Um nun die Wirtschaft nicht ganz, in das Chaos versinken zu lassen und noch mehr Millionen einem grenzenlosen Elend zu opfern», als ihm bereits verfallen waren, beschlossen Lenin« und Konsorten, im Frühjahr 1921 zu einem System von halb Sozialismus, halb Kapitalismus überzu- gehen, das sieNepo" gleich Neue Wirt­schaftspolitik nannten.

'So' wurde die russische Wirtschaft unter eine Art Geschäftsaufsicht des Kapitalis­mus gestellt. Nicht ohne Erfolg. Sie begann, sich vom schlimmsten Verfall wieder etwas zu er­holen. DieNeue Wirtschaftspolitik" hat die Pro­duktivität der Landwirtschaft zum Teil wieder her­gestellt und auch den Handwerker und Heimarbei- tern gewisse Vorteile gebracht. Aber die städtische Industrie, die fast völlig in den Händen des Staa­tes verblieb, ist in ihrer Entwicklung stark zurück­geblieben. Während die Landwirtschaft bereits 65 bis 70 Prozent der Produktion der Vorkriegszeit erreicht hat, steht die städtische Industrie noch im­mer auf dem Niveau von 30 bis 35 Prozent der Vorkriegsproduktion. Auch die großen Konzessio­nen an das ausländische Kapital haben nur geringe Ergebnisse gezeitigt und die gesamte politische Situation hat ein schnelles Aufblühen der privaten und staatlichen Wirtschaft im Keime erstickt. Immer­hin zeigte sich bis zum Oktober vorigen Jahres auch in der Industrie ein langsamer Aufstieg, aber im letzten Halbjahr stagniert die städtische Wirt­schaft vollkommen.

Da nun die Sanierung im Zeichen derNepo" nicht schnell genug geht, scheinen die russischen Ge­walthaber einmal wieder das Steuer um­werfen und nach den allen Rezepten wirtschaften zu wollen. Nach Mitteilun­gen der sozialdemokratischenRheinischen Zeitung" (1924, 109) nimmt der Druck auf die neue Bour­geoisie immer schärfere Formen an. Die Polizei und die Wirtschaftsorgane gehen immer heftiger gegen die Handelskreise vor; die Konzessionen an die Ausländer werden immer ungünstiger beurteilt und eine der bedeutendsten Konzessionen (die mit der Firma Otto Wolff) ist liquidiert und der Ver­trag aufgehoben worden. Der stärkste Druck wird zurzeit auf die privaten Händler ausgeübt. Die Kaufleute bilden jene Schicht der neuen Bourgeosie, die sich unter derNeuen Wirtschaftspolitik", die vor allem den freien inneren Handel proklamiert hatte, besonders schnell entwickelle. Die Folge war eine Belebung gewisser Zweige der Wirtschaft, zu­gleich aber auch eine schnelle Bereicherung der ge­schicktesten und erfolgreichsten Händler. Gegen diese Elemente richten sich nun die neuen Maß­nahmen der Gesetzgebung und der Polizei.

Nicht nur der Großhandel, sondern auch die Kleinhändler beginnen bereits den neuen Druck von Moskau sehr fühlbar zu fpüren. Wie in den ersten Jahren desreinen Kommunis­mus" tauchen utopische Hoffnungen auf die Mög­lichkeit einer strengen Kontrolle und der Regelung der Händlerprofite auf. Das System der Höchst­preise wird wiederhergestellt. Auch die naive Hoff­nung taucht wieder auf, daß das bürokratisierte russische Genossenschaftswesen den Privathandel er­setzen könne. Um dieses Ziel zu erreichen, ist den Genossenschaften vorgeschrieben worden, ihre Wa­ren billiger als irn Privathandel zu verkaufen. Auf politischem Gebiet wird die neue Schwenkung in der Wirtschaftspolitik naturgemäß durch ver­schärfte Repressionen ergänzt. Die Rechte der Politischen Staatsverwaltung" sind bedeutend er­weitert worden; sie hat nun wieder die Möglich­keit, Erschießungen vornehmen zu lassen, und ist im wesenüichen zum System der früheren Tscheka zurückgekehrt. Eine Reihe politischer Prozesse, in verschiedenen Städten hat mit Fällung von Todes­urteilen geendet.

Und wie wird der Erfolg dieser neuesten Schwenkung des Bolschewismus sein? Das oben genannte sozialdemokratische Blatt urteilt:Die neue Politik der Sowjetregierung führt mit a b - soluter Notwendigkeit zur Ver­schlechterung der ohnehin schlechten ökonomischen Lage. Die gärende Ünzu- friedenheit in den Arbeitermassen wird unvermeid­lich einen Ausweg suchen, und eine neue Periode der Krisen nicht nur auf politi­schem, sondern auch auf wirtschaftlichem Gebiet wird an die Stelle der verhältnismäßigen Stabil!» tät der letzten Jahre treten."

Die Massen aber werden in erster Linie die Zeche der bolschewistischen Experimentierkünstler bezahlen. Ob sie über die deutsche Wirtschaft das gleiche Unheil bringen würden, wenn sie dem Bei­spiel der Moskauer folgen und auf den Trümmern der deutschen Wirtschaft ein Sowjetsystem aufrich­ten wollten? Je mehr sich der Bolschewismus in seinem wirtschaftlichen Unsinn offenbart, um so mehr sollte es vor allem auch die Aufgabe der ge­schulten Gewerkschaftler sein, die Ergebnisse dieser Selbstentlarvung unter das betörte kommunistische Volk ru tragen.