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FuldaerZeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.

51. Zahrg

Dienstag, 17. Juni 1924

Nr. 140

= Ein nolwendizer Antrag. Die Zentrumsabgeord- nete Frau Dransfeld und Abgeordneter v. 0ue« rard haben mit Unterstützimg ihrer Fraktion dem Reichstag folgenden Antrag unterbreitet: Die Reichs- regierung ivsrd ersucht, bald in eine Nachprüfung des Lichtspielgesetzes vom 12. Februar 1921 einzu­treten und zwar im Sinne einer Dezentralisation des Prüfungswchens, einer Erweiterung der Befugnisse der Äcmdeszentralbehörden und örtlichen Behörden sowie eines verstärkten Schutzes unterer Iua«d utzd Lolkskultuv,

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Verantwortlich für die Echriktleitung: Dr. Johannes Kramer. Antigen: I. B arreller, Fulda. Rotationsdruck und Verlag der n Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernivrecher Nr- 9.

Bezugspreis für Juni: Boftbeftellung 1.8v,Ttadtbe»u« 1^0Ak.

Die Mmsterzujammenkunst. i Macdonald bereitet sich auf die Zusammenkunft

mit herriot vor.

wtb London. 16. Juni. (Tel.) Der Bericht­erstatter desDaily Telegraph" schreibt: Blac- donald, der gestern nach London zurückkehrte, werde wegen seiner für das nach st e Doch en- ende geplanten Zusammenkunft mit Hernot im j Laufe dieser Woche zahlreiche Beratungen mit seinen Miniskerkollegen haben, die sich auf den Sachverfiändigenbericht beziehen. Es sei vollkommen klar, daß die geplanten Erörterun­gen in London bezw. Ehequers einvielgröhe- rcs Gebiet umfassen würden, als dies bei dem letzten Besuch von Theunis und Hymans der Fall war. Während es unwahrscheinlich sei, dah das ganze Schuldenproblem in nächster Zeit aufgerollt werde, werde die Erklärung herrioks, dah er beabsichtigt, sich für einen oder drei Tage in England aufzuhalten, hier als Hinweis dafür aus­gelegt, dah das Problem der Durchführung des Dawesplanes und der damit zusammen­hängenden Fragen, wie z. D. die politische Amnestie, als Vorbereitung für eine Voll- konferenz möglichst eingehend untersucht wer- den wird. Außerdem wird angenommen, dah die Stellungnahme der Vereinigten Staaten zu einer Konferenz sorgfältig erwogen werden wird, ebenso wie die Stellung­nahme des V ö l k e r b u n d e s zu den Fragen der militärischen Kontrolle, der Sicherheit und Rüstungsverminderung. Der Berichterstatter weist weiter darauf hin, dah Lord Tomfon in der letzten Zeit als Gast des Premierministers in Lostiemouth geweilt habe, was keineswegs ohne Bedeutung sei. denn der Minister für Lufischiffahrt sei in inter­nationalen Fragen eine führende Autorität, der in persönlicher Beziehung zu französischen politischen Führern stehe und auch eine Anzahl von deutschen Parteiführern kenne.

Macdonalds Hoffnung.

Der engt Premierminister Macdonald erklärte in einer Rede in Elgin: Ich hoffe, daß wir baß) den Fricben hergestellt haben. Macdonald sagte weiter, er hoffe, in der nächsten Woche mit hem französischen Premierminister zusammenzutref­fen und vertraue darauf, daß das Ergebnis eine vollständige Freundschaft zwischen E n g l a nd und Frankreich sein werde. ,

anstatt».

* Dar englische Parlament tritt am Montag wieder zusammen. Dem Berichterstatter desDaily Telegraph" zufolge hat die britische Regierung we­gen Ueberhäufung mit parlamentarischen arbeiten eine herbsttagun »'beschlossen.

* Die Ermordung Matleolis, des sozialistischen Abgeordneten, durch italienische Fasziften, hat in Italien ungeheuere Erregung hervorge­rufen, die bereits die Regierung Mussolinis zu ge­fährden droht. Mussolini läßt jetzt rücksichtslos Verhaftungen von Fasziften vornehmen, die im Verdacht stehen, die Mordtat begünstigt zu haben. Filipelli, der Direktor des saszistischenCorriere Jtaliano" ist in dem Augenblick verhaftet wor­den, als er den Zug nach Norditalien besteigen wollte, um zu fliehen.

* Ein Zola-Dcnkmal wurde am Sonntag unter Beteiligung des linksgerichteten offiziellen Frank­reichs in Paris feierlich enthüllt.

vas Rätsel des fernen Ostens.

Von unserem außenpolitischen Mitarbeiter wird uns geschrieben:

China und Japan sind gegenwärtig die j großen Rätsel der Weltpolitik. Was sich gegen- i wärtig dort vorbereitet, ist dem europäischen Fest­lande fast völlig undurchsichtig. Das aber dürfte sicher sein, daß das Ziel aller dortigen Vorkehrun­gen eine große Neuorientierung um die Macht im Stillen Ozean bedeutet.

In Japan ist, hervorgerufen durch die ame­rikanische Auswanderungspolitik, eine neue na- tionalistische Bewegung entfacht worden. Die Beziehungen zwischen Japan und den Vereinigten Staaten haben sich in der letzten Woche unmittel­bar verschärft. Der unbekannte Japaner, der zum Protest gegen die Japan durch das amerikanische Einwanderungsgebot angetane Schmach sich den Bauch ausschlitzte, also Harakiri beging, ist mit den höchsten staatlichen Ehren und unter dem Geleit von vielen Zehntausenden Menschen zu Grabe ge­tragen worden. Dieser Japaner ist zu einem nationalen Märtyrer geworden, und man muß die Psyche der Japaner, deren Macht und Nationali­tätsgefühl gerade durch den Weltkrieg außerordent­lich gestärkt worden ist, kennen, um zu wissen, wie auf die Masten dieser Vorgang wirkt. Die jetzt vorgenommene Umbildung des japanischen Kabi­netts ist nicht etwa als eine Entspannung, sondern als eine Verschärfung der Situation zu bewerten.

Andererseits sehen wir in China einen nicht mehr verhüllten Drang, in der Weltpolitik eine Rolle zu spielen. Jetzt hat China die russische Sowjetrepublik ofsiziell anerkannt. Rußland legt einen ganz auffallend großen Wert auf diese Anerkennung, und es gewährt dafür Kon­zessionen, die nach Sage der Dinge ganz außer­ordentlich erscheinen müssen. Es räumt den von Sowjet-Truppen besetzten Teil der Mongolei, der wieder als ein unantastbarer Bestandteil Chinas anerkannt wird. Gleichzeitig steht Japan mit Ruß­land in Verbindung wegen der Anerkennung, und man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß dis russischen Machthaber gerade deshalb so konzes­sionsbereit gegen China sich zeigen, um die eng­lischen Kreise, die sich um Japan bemühen, zu schlagen. Japan spreitzt sich gar nicht gegenüber diesem Entgegenkommen Rußlands, denn es hat ein Interesse daran, nun den amerikanischen Schlag durch einen Gegenzug zu parieren, der nach Sage der Dinge nur in einer Annäherung an Rußland bestehen kann. Daß Japan bei dieser Aktion auf zwei Schultern Wasser trägt, ist klar. Aber es sieht sich zu dieser Anlehnung genötigt, da Eng­land gegenwärtig nicht imstande ist, die japani­schen Interessen gegenüber Amerika zu wahren.

So stehen wir im fernen Osten vor Entwick­lungen, die wir, wie gesagt zwar noch nicht ganz zu durchschauen vermögen, die wir aber in ihren Endzielen und damit in ihren Wirkungen auf die internationale Politik nicht ous den Augen ver­lieren bürfen

Die tage in Griechenland.

Von einem außenpolitischen Mitarbeiter.

Däs griechische Volk hat sich durch Plebiszit von 13. April 1924 mit erheblicher Mehrheit für du republikanische Staatsform erklärt. Eine Entscheidung, die nicht nur alsbald von den aus- roärtigen Regierungen, sondern auch von den Füh­rern der unterlegenen Monarchisten, insbesondere- dem General Metaxas, ausdrücklich anerkannt, worden ist. Die neue Republik wird sich zwar in» französischer Sprache offiziell Mpublique HellLm- que nennen, doch in griechischer Sprache viel­leicht mit Rücksicht auf die starke monarchistische Minderheit das Wort Dimokratia, das gleich­zeitig Republik und Demokratie bedeutet, vermei­den und sich mit der dem Tagesstreit entrückten klastischen Bezeichnung des Aristoteles schmückens Heleniki Politika-civitas graeca. Der Präsident bet: Republik soll den Titel Kywemitis-gubernator führen.

Die republikanischen Blätter betonen den guten Eindruck, den die Einführung der Republik na­mentlich in Paris gemacht habe. Man hätte dort mit Komplimenten nicht gespart. Man er- i warte in Paris, meint derEleutheros Typos , daß Griechenland nun endlich feine diplomatische Unabhängigkeit (von England natürlich) wleder- gemennen habe. Frankreich werde jedenfalls äußerstes Wohlwollen zeigen, derKemps' werde die Front wechseln und auch derMatin', der leider sogar Herrn Venizelos mit dem verhaßten Lloyd George in einen Topf geworfen habe, werde seine Leier stimmen. Südslavien und Ru­mänien, die aus dynastischen Gründen, nach Behauptung der griechischen Monarchisten äußerst verstimmt sein sollten, hätten im Gegenteil die Re­publik bewillkommnet und zu verstehen gegeben, daß dynastische Rücksichten ihre Politik gegenüber Griechenland nicht beeinflussen. Man könne auf I baldige Eröffnungen dieser Regierungen gefaßt sein betreffend den Beitritt Griechenlands zur kleinen Entente, der von Frankreich eifrig- I gefördert werde. DerEleutheros Typos" hält so- I gar ein griechisch-französisches Bündnis nach Ana-- I logie des tschechisch-französischen, für möglich, um | so mehr als die aufblühende griechisch-fran­zösische Freundschaft mit einer starken Abküh- | lung der türkisch-französischen Beziehungen zu- I sammenfalle.

I Hierzu kommt, daß das englische Pfund, das I vor kurzem noch auf 300 Drachmen stand, jetzt I mit 220 Drachmen notiert wird.

| Kurz, der außenpolitische Horizont hängt den I griechischen Republikanern voller Geigen. Im 1 Innern ist die Stimmung weniger zuversichtlich. I Das Kabinett Papanastassiu hat zwar das Soyali- 1 tätsbekenntnis der Monarchisten mit Dank ent» I gegengenommen, doch gleichzeitig nicht versäumt, I sie gegen mögliche Schwächeanwandlungen zu I schirmen durch Erlaß eines Gesetzes zum Schutze | der Republik, das alle mißliebigen Handlungen I und Erörterungen mit drakonischen Strafen be- I droht; eine Maßregel, die natürlich die Monarchi- I sten aufs äußerste verstimmt hat, und die wenig geeignet erscheint, die angestrebte Beruhigung der

I Gemüter herbeizuführen.

I Einer der streitbarsten Monarchisten, der I frühere Außenminister Streit ist übrigens I im Gegensatz zum General Metaxas nicht nach | Griechenland zurückgekehrt. Er war langjähriger I Berater des Königs Konstantin, begleitete ihn 1917 I in die Verbannung nach Zürich, wo er seine 1922 I erfolgte Rückkehr betrieb, überließ jedoch dann den Vortritt auf der politischen Bühne Gunaris, sich selbst auf den Kulisteneinfluß beschränkend. Di«

I gegenwärtigen Machthaber überwachen ihn arg­wöhnisch und halten es für möglich, daß er mit wohlwollender Förderung Italiens wie früher auch

I erneut einen monarchistischen Umschwung organi-' fiert. Doch dies ist eine spätere Sorge.

I Zunächst wird Herr Papanastassiu, dessen Mäßigung und Versöhnlichkeit gerühmt wird, und seine Zivilkollegen §urch die Haltung der miüläri»

I schen Mitglieder seines Kabinetts: Kondylis, Pan- I gales und Hadjikiriakos lebhaft betümmert. Eis I und ihr Anhang im Offizierkorps waren die Seiten I auf der er zum Thron emporstieg. Nun bedarf et I ihrer nicht mehr und möchte sie in ihre eigentlichen, I Obliegenheiten wieder einsperren, wozu sie aber j um so weniger bereit scheinen, da sie gewohnt sind, I mehr auf dem politischen als auf dem militärischen Schlachtfeld (z. B. gegen die Türken) zu siegen.

Eine weitere Sorge Papanastassius ist die Hal­tung seines Amtsoorgängers Kafandaris, der an sich zwar Republikaner, doch die Art mißbilligt, I wie die Republik zustande gekommen ist, und be­müht ist, seine Ungetreuen wiederzugewinnen, die kürzlich ins Sager Papanastassiu übergeschwenkt sind, um dann den Kampf gegen diesen zu eröff- I neu. Hierzu kommt, daß Venizelos, der in heftigem Groll gegen den abtrünnigen Papanastas- I siu vor zwei Montaen aus Griechenland schied, um das undankbare Sand endgültig seinem Schicksal zu überlassen, sich nach den Versicherungen seiner An­hänger seelisch und körperlich genügend erholt hat, um das Athener Klima wieder zu vertragen. Er soll mit Kafandaris verhandeln über die Reorgani­sation der etwas ramponierten venizelistischen I (liberalen) Partei und Kafandaris soll bereit fein, I feine gegenwärtige Führerschaft dem Meister wie­der abzutreten. Auch Oberst Plastiras, der frühere Ches der Revolution", der bei Venizelos in Paris wohnt, soll sich zur Heimkehr anschicken. Hiernach scheint es, daß die vom Volk ersehnte innere Ruhe durch die gegenseitige Eifersucht und Machtgier der Prominenten auch in Zukunft gestört wer- * den wird

Sie «GW Politik ra öcheidtW

Stresemann zum Sachverständigen-Gutachten.

In Karlsruhe hielt Außenminister Dr. Stresemann eine Rede zur deutschen Außen­politik. In den Darlegungen über das Sachver­ständigengutachten wandte sich der Außenminister gegen die namentlich von einer gewissen wirtschaft­lichen Seite geübte Kritik, däß die Privatwirt­schaft der Entente ausgeliefert, die Sou­veränität über die Eisenbahnen verloren und keine tatsächlichen Wirtschaftskredite gegeben würden.

Diese Kritiker des Gutachtens vergäßen. die heutige Situation mit der Situation nach der Annahme des Gutachtens zu vergleichen. Heute sehen wir, so fuhr der Minister fort, den Zusammenbruch der Wirtschaft im besetzten Gebiet durch die Erpreffung der Micumverträye und die ungeheure Belastung des Reiches durch die Be­satzungskosten und die Reparatwnsabgab e. Wir sehen 12 Millionen Deutsche ohne pcKtische Freiheit, ohne Rechtssicherheit und ungeheurer materieller, politischer und seelischer Bedrückung ausgeliefert. Wir stehen heute trotz der durch unsere Zahlungsunfähigkeit veranlaßten Aussetzung der normalen Reparationsleistungen vor einer deutschen Jahresleistung von über .1 Milliarde Goldmark. Gegenüber der Be- hauptung Poincares, daß Deutschland aabfen könne, aber nicht zahle, steht die Behauptung des Sachverstän­digengutachtens, daß Derckschland gegenwärtig aus seinem Budget nicht zahlen dürfe, wett es dann seine Währung ruiniere. Damit falte jeder Vorwand für die Ruhr- hesetzung zusammen. Wer die Haltung der jetzigen Re­gierung kritisiere, müße notgedrungen auch die Juli­not der Regierung Cuno kritisieren, auf deren wesentlichen Gesichtspunkten das Sackwerständigengut- achten aufgebaut sei Selbstverständlich 'sei es Ausgabe bet Regierung, bei den Verhandlungen, die gegenwärtig im Gange sind, das Beste herausztcholen. Das gelte vor allem für die Befugnisse des Menbahnkommissirrs. Für die Lage im besetzten Gebiet sei es von großer Be- beutung, daß die uns auferlegten Leistungen die Ge­samtsumme der Verrichtungen Deutschlands darstellen, die Besatzungskosten also von den Besatzungs- machten übernommen werden, worin automatisch ein Druck zur Verminderung der Besatzung liege. Die Nor­malleistungen des Gutachtens seien von den Sachver- ständigen überschätzt. Sich mit dieser Leistung abjgtfin« den, sei nur möglich im Hinblick auf die Bestimmungen über die Transferierung deutscher Guthaben, die nur aus Ueberschüssen der deutschen Wirtschaft stattsinden darf. Die Lösung der Gefangenenfrage und die Frage der Ausgewiesenen ist, so betonte der Red­ner, organisch mit dem Sachverständigengutachten ver­bunden. Ist das Gutachten eine Lösung der Repara­tionsfrage, dann ist es auch das Ende aller Methoden, die während des Ruhrkampfes als K r i e g s Methoden angewandt wurden. Das gilt auch für die militärische Räumung des Ruhrgebiets, die yi einem bestimmten Termin in Aussicht genommen werden muß. Wenn gegenüber dieser Forderung auf die fog. nationa­listische Stimmung in Deutschland hinge wiesen wird, darf nicht vergessen werden, daß die tiefsten Quellen dieser Bewegungen die Deutschland gegenüber betriebene Politik und vor allem die Methoden Poincares gewesen sind. Den nationalen Verbünden und den vielfach äußer­lichen Demonstrationen gegenüber fei aber hin gewiesen auf den Wahlspruch Mostkes:Mehr fein als scheinen!" Viele dieser Demonstrationen gehen von dem entgegen­gesetzten Gesichtspunkt aus. Wir sind in Wirklichkeit ein waffenloses Volk und der Anschein von Stärke, de« manche dieser Demonstrationen gibt, vermehrt nur die Last, die uns bedrückt und erschwert die Lösung der außenpolitischen Fragen. Der neuen französischen Regierung stehen wir ohne Illussionen, aber auch ohne Voreingenommenheit gegenüber.

Am Schluffe feiner Ausführungen erklärte Strese­mann, daß er eine andere Methode der Außenpolitik als diejenige des Versuches einer Verständi­gung auf der Grundlage des wirtschaftlichen Re- beneinanberlebens der Nationen nicht sähe. Der .imperialistischen Politik Poincares hätten wir die gleiche Macht nicht gegenüber stellen können. Die 3Rett)obe der wirtschaftlichen Lösung dieser Frage habe gerade deshalb von uns angenommen werden müssen. Wir hätten nur zwei Machtmittel in der Hand: Das eine fei die weltwirtschaftliche Verbundenheit der übrigen Mächte mit uns und ihr Eigeninteresse daran, uns wirt­schaftlich nicht untergehen zu lassen. Das zweite sei ein einmütiger, verantwortungsvoller nationaler Wille. Dazu brauchten wir die Ueberminbung des Parteigeistes und die Bef re iungberAußen- p-olitik von parteipolitischer Einstel-' lu n g. Wir vergäßen über den Sorgen der Ge­genwart oft die große Entwicklung des Verhält- nfffes der Mächte Meinander, das zweifelhaft heute eine andere politische Konstellation zeige als noch ror 8 Jahren. Unsere Aufgabe fei es, das Reich zu erhalten, die besetzten Gebiete von allen vertragswidrigen Lasten zu befreien und so die Grundlage für den künftigen Wiederaufftieg zu sichern. (Lebh. Beifall.)

Die Micumveriräge verlängert.

Sechferkornmission und Micum haben sich auf die folgende FormA verständigt:

Der am 15. Juni ablaufende Vertrag zwischen der Micum und dem Ruhrbergbau wird unverän­dert bis zum 30. Juni verlängert. Es wurde vereinbart, daß das nächste, vom 1- 3uli abzu- slUießende Abkommen hinsichtlich der Kohlenpreise, Zölle, Zu- und Ablaufsmaßnahmen und anderen Geldabgaben rückwirkende Kraft vom 16. dieses Monats ab erhalten kann.

Das gefährdete Europa.

Das Lhurchitt über Englands Aufgabe sagt.

Der englische Staatsmann Churchill schreibt in RothermeresWeekly Despateh", wenn nicht der tödliche Antagonismus zwischen F r a n k r e ich, das sich vor der deutschen Revanche stirchte, und Deutschland, bas entschlossen sei, seine Geschichte nicht endgültig durch den Versailler Vertrag bestimmen zu lassen, behoben werde, werde ein fyuftiges Geschlecht stÄ» Europa wieder

in Asche und Staub gelegt sehen. Es müsse daher die Politik Englands sein, seinen ganzen Einfluß und seine Hilfsquellen anzuwenden, um Frankreich und Deutschland wirt- chafllich, sozial und moralisch so eng zusammenzuweben, daß ihre Gegensätze einer Erkenntnis einer Abhängigkeit voneinander Platz machen. Churchill ist der Ansicht, daß weder die deutsche noch die russische Nation jemals dauernd den durch die Friedensverträge festgesetzten Gren­zen zustimmen werden.

herriot am Ruder.

Der neue französische Ministerpräsident hat fein Kabinett in aller Eile gebildet und bereits die Ge­schäfte, insbesondere die der auswärtigen Politik, übernommen. Don den neuen Ministern ist weite­ren Kreisen in Deutschland nur der zum Kriegs­minister ernannte General Rollet durch seine Tätigkeit als Führer der Militär-Ueberwachungs- kommission bekannt.

Die Ernennung Nollets zum Kriegsminister erläuterte Herriot Journalisten wie folgt: Rollet hat mich aufgeklärt über das, was sich in Deutsch­land ereignet und was ich jum Teil schon gewußt habe. Er, der Deutschland gut kennt, hat den sehr klaren Eindruck, daß es sich unter den gleichen Be­dingungen wie Preußen nach 1806 wieder organisiert. Ich bin entschlossen, gegenüber der deutschen Demokratie eine liberale Politik zu trei­ben. Äber es ist nötig, daß es hn guten Glauben die Nationalisten verhindert, ihre Propaganda und Organisation weiter zu betreiben. Es ist notwen­dig, daß das jetzige System sich ändert. Wenn wir keine Befriedigung erlangen können, feien Sie über­zeugt, daß wir viel schärfer gegenüber Deutschland sein werden, als andere. Wir werden es fein, weil es sich darum handelt, den Frieden zu sichern, die Achtung von unseren Rechten und die Entwicklung der demokratischen Bewegung. Deutschland muß wissen, daß wir liberal sind, daß wir uns aber nicht täuschen lasten. Die Teilnahme Nollets an der Regierung ist für die Nationalisten und alle Deutschen das sichtbare Zeichen, daß wft ihnen nicht gestatten werden, uns zu täuschen und den Frieden zu tomprimittieren.

Französisch-belgische Besprechungen.

Der Brüffeler Korrespondent desTemps" mel­det, in Brüssel fei man der Ansicht, daß bevor irgend welche interalliierte Verhandlungen ftattfän- den, eine ftanzösifch-belgifche Besprechung abgebal­ten werden müsse wegen der engen Solidarität der beiden alliierten Länder seit der Besetzung des Ruhrgebiets. Obwohl noch nichts bar- über entschieden fei, nehme man an, daß eine Unter- rebung zwischen dem französischen Ministerpräsi- deuten und den belgischen Ministern Ende der Woche in Paris oder Brüssel stattsinden könne.

Der völkerbunösrat.

MMtärkonkrolle.

Aus Genf wird gemeldet: Zu der gegenwär­tigen Tagung des Völkerbundsrats, deren wich­tigste Fragen infolge der Regierungskrise in Frank- reich auf den Beginn dieser Woche verschoben mür­ben, trafen hier ein als französischer Delegierter Leon Bourgeois und als stellvertretender Delegierter Senator be Jouoenel, sowie der französische Oberst Reguin für die Abrüstungs- und Militäriontrollsrage, die anläßlich des englischen Antrages über die Stellungnahme des Rates zu der militärischen Kontrolle durch den Völkerbund auf Grund der Verträge von St. Germain, Trianon und Reuilly zur Debatte stehen. Der betreffende Artikel dieser Verträge, der dem VAkerbund gegebenenfalls die Militärkontrolle zu­meist, findet sich auch wörttich im Vertrag von Ver­sailles.