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uld aerZertung

llr. 139.

Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Skadl Fulda.

Sonntag, 15. Juni 1924

51. Zahrg.

verantwortlich für die Schriitlettuirg: Dr. Jobanne» Kramer. Anzeigen: I- P arzeller, Aslda. Rotationsdruck tmb Verlag der " Svldaer »ctienbruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. x BerngsvreiSfürÄuni: Bostbestellnng 1.8O.@tabtbetoglJ5OS»t.

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i Die soziale Gefahr.

Präfident voumergue.

Der Kandidat der äußeren Linken, Painleve, sst am Freitag in Versailles, wo Kammer und Se­nat zum feierlichen Wahlakt zusammengetreten waren, durchgefallen. Der Kandidat des r e ch t e n Flügels der Linken, Doumergue, ist gewählt wor­den. Das Abstimmungsergebnis war folgendes: Doumergue 515 Stimmen, Painleve 309 Stimmen, Camelinat (Kommunist) 21 Stimmen. Im ganzen wurden abgegeben 860 Stimmen. 8 Stimmen waren zersplittert, 7 ungültig. Doumergue ist so­mit gewählt.

Gaston Doumergue wurde 1863 geboren. Ur­sprünglich war er Verwaltungsbeamter in Cochin- china, von 1893 bis 1910 radikal-sozialistischer De­putierter für Nimes, seit 1910 Senators Während dieser Zeit und späterhin bekleidete er folgende öffentliche Aemter: 19021905 Kolonialminister im Kabinett Combes, 1906 Handels- und Arbeitsmini­ster im Kabinett Sarrien, 19061909 zunächst Handelsminister, dann llnterrichtsminister im Ka­binett Clemenceau, 19091910 Unterrichtsminister im ersten Kabinett Sritmb, 19131914 Mini­sterpräsident und Außenminister, August 1914 bis März 1917 Kolonialminister im dritten Kabinett Viviani,, im vierten und fünften Kabinett Briand. Seitdem ist er als Vorsitzender der Lin­ken im Senat wiederholt hervorgetreten. Mit Potncare steht er im allgemeinen gut.

Der'neugewählte Präsident der Republik wurde bei der Ankunft in Paris an der Porte Dauphin vom Plaßkommandanten von Paris, General Charpy, im Namen der Garnison begrüßt. Das Präsidentschaftsauto nahm sodann, von zwei Dra­gonerschwadronen mit Fahnen eskortiert, den Weg zum E l y s e e. Die Musik spielte und es wurden die vorgeschriebenen 21 Kanonen- s ch ü s s e gelöst.

MarsalZ Rücktritt.

Ministerpräsident Marsal hat unmtttelbar nach der Zeremonie in Versailles dem neugewählten Präsidenten Doumergue die De Mission des Kabinetts eingereicht. Der Präsident hat sie angenommen und das Kabinett gebeten, zunächst die laufenden Angelegenheiten weiter zu erledigen.

Die Berufung Herriots.

. wtb Paris, 14. Juni. (Tel.) Der neu ge­wählte Präsident der Republik, Doumergue, wird bereits heute vormittag seine Bemühungen zur Lösung der RUnisterkrise beginnen. Um 10 Uhr empfängt er den stellvertretenden Vorsitzenden des Senats, eine Viertelstunde später den Kammerpräsi­denten Painleve und um %12 Uhr wird Herriok in das Elyfee berufen werden.

wtb Paris, 14. Juni. (Tel.) Man nimmt an, daß es Herriok möglich fein wird, das Kabinett bis Sonntag nachmittag zu bilden. Das neue Kabinett werde amDienskagvordas Parlament treten.

Die Aufnahme des neuen Mannes:

wtb Paris, 14. Juni. (Tel.) Das Gewerk­schaftsblattCe Peuple" findet, daß die Perfönlich- kett des Präsidenten der Republik nur in zweiter Clnte die Arbeiterschaft interessiere, da es sich nor­malerweise um eine repräsentative Stellung handele. Das Proletariat hat dazu beigetragen. ÄUÜerand sorkzusagen, weil er an der Spitze der Ration die tatsächliche Gewalt an sich riß und da­mit ständige Sonsliktsmöglichkeiten zwischen den Völlern und schließlich den Krieg ermöglichte. Die Arbeiter hassten, daß der neue Präsident sich als Vertreter einer Ration betrachte, die den Frieden und jroar den ganzen Frieden woltte. den Frie­den von heute so gut wie den Frieden von morgen, hen ständigen Frieden.

Deutsch« Reich.

* Aus der evangelischen Kirche. Der erste ver­fassungsmäßige deutsche Kirchentag, bie parlamentarische Gesamtvertretung der im Kirchen­bund zusammengeschloffenen 28 deuffchen Landes- Lrchen, wurde unter fast vollzähliger Beteiligung feiner 210 Abgeordneten sowie hervorragender Vertreter der schweizerischen, deutsch-österreichi- ifchen, schwedischen, finnischen, dänischen, englischen imb anderer Auslandskirchen mit einem Festgottes- dtenst durch den rheinischen Generalsuperintenden­ten Klingemann -Koblenz in der Alfftädter Kirche in Bielefeld-Bethel eröffnet. In d« vorausgehenden Sitzung des Kirchenbundsrats, des Organs der Kirchenregierungen, wurden die Bundesgesetze durchberaten und angenom­men. Der preußische Kultusminister Bülitz sprach M einem Begrüßungsschreiben an den Präsidenten des Kirchenausschusses die aufrichtigsten Wünsche für einen gedeihlichen Verlauf der Verhandlungen aus.

wirtschaftliche Rampsbewegungen.

Streikgeftchr Im sächsischen Bergbau. Nach einer Mtldung desVorwärts" aus Zwickau hat eine Son» keeenz der im frsigewerkschaftlichen Bergarbeileroerband organisierten sächsischen Bergarbeiter den Schiedsspruch über die Lohn- und Arbeitszeitregelung im sächsischen Bergbau abgelehnt.

Friede in den Berliner Brauereien. Der für das Berliner Brausreigewerbe gefällte Schiedsspruch ist von beiden Parteien angenommen rooeben. Die Brauereiarbeiter haben bereits in der Nacht die Arbeit wieder ausgeomm-n.

Die Micmn-vertrSge.

3n Berlin haben am Freitag die Bespre­chungen der Sechserkommision der Rhein- und Ruhrindustrie mit der Reichsregierung über die Frage der Mög­lichkeit einer Verlängerung der Micumverträge begonnen. Vor dieser Besprechung fand eine Sitzung des Präsidiums und des Vor- standes des Reichsverbandes der deutschen Industrie mit der Sechserkommis­sion statt. Es wurde die ungeheure Last der Mi­cumverträge für die 9nbuftrte des besetzten Gebie­tes hervorgehoben und erklärt, daß man eine Ver­längerung des Abkommens für beinahe un­möglich halte. Die Verhandlungen der Sechser­kommission mit der Reichsregieerung werden am Samstag fortgesetzt werden. .

Die Mitarkoittrolle.

wtb Paris, 14. Juni. (Tel.) Rach demPe­tit Pariften" haben die alliierten Regierungen von der interalliierten Rlilikärkontrollkommisflon in Berlin einen Bericht über die gegenwärtige Entwicklung der deuffchen Rüstungen erhalten, den das Blatt als sehr wichtig bezeichnet. Die Boffchasterkonfereuz wird in Kürze darüber zu be­raten haben. .,

Zugzusammenstotz.

wtb Berlin, 14. Juni. (Tel.) Heute vor­mittag gegen halb 9 Ahr ist der Magdeburger Perfonenzug mit einem auf dem Potsdamer Bahnhof haltenden vollbesetzten Vororkzug z«. sammengestoßen. Die mittleren Wagen des Vorortzuges wurden teils auseinander gestoßen, teils umgeworfen. Eine große Anzahl von Per­sonen wurde verletzt. Zurzeit ist man damit be­schäftigt. die Verletzten zu bergen und den Kran­kenhäusern zuzuführen. Rähere Angaben fehlen noch. _____

Kurland.

* Der politische Mord in Rom Nach einer Mellmng der römischen .Tribuna' ist die Leiche des entführten sozialistischen Abgeordneten Maiteotti auf einer Straße in der Nähe von Buffeno di Sutri aufgefunden worden. Der Befund der Leiche taffe darauf schließen, daß Mattrotti durch Stockschläge auf den Kopf und Dolchstöße et mordet worden ist.

Line Verhöhnung -er Katholiken.

In der in Düffeldorf erscheinenden kommunisti­schen illustrierten ZeitschriftDie Peitsche", Nr. 5, Jahrgang 1924, erschien ein von einem Erkelenzer Kommunisten,Maler und Zeichenlehrer" Fielitz gezeichnetes Bild, das ein Sektgelage darftellt, an dem der Papst, ein mit dem Hakenkreuz signierter Offizier und einKapitalfft" teilnehmen. Die Bil­der sind in ganz gementer Weife gezeichnet, zumal die Figur des Papstes, der eine schiefsitzende Tiara trägt und in der Hand eine Sektflasche schwingt. Unter den drei Personen liegen Haufen von Lei­chen und fließen Ströme Blut. In der Unten Ecke steht:Geschlossene Gesellschaft. Bund der Freunde Chrisff und der göttlichen Weltordnung." Unten stehen rechts und links zwei Inschriften: Mord und Ausbeutergesellschaft, G. m. b. H." undKa­pitalismus, Kirche und Militarismus".

Auf dem Tisch steht eine Stammtifchkarte mit einem Totenkopf. Derartige Pamphlete find ja im ganzen Reiche mehrfach erfchieickn und erscheinen ja auch weiter. Aber die Erkelenzer Katholiken, wie auch die Andersgläubigen jeder Schattierung fühlten sich durch dieses Produkt eines aus ihrer Stadt stammenden Mitbürgers äußerst belei­digt. Sie stellten gegen Redakteur und Zeichner Strafantrag. Außerdem haben fte im Erkelenzer Kreisblatt Nr. 58 folgenderweise zu dem Vorfall Strilung genommen:

Diese wüste, maßlose Bermrrrktmpfuna befettet setzen Katholiken auf« empfindlichste. Wir verehren im Papste das Oberhaupt der Kirche und den Stellvertreter Christi. Wo« uns verehrenswert ist, lasten wir auch von einem Atheisten nicht verhöhnen und schmähen.

Wir oevchren im Papste den Frtedensfüriten, besten Bemühungen um den Frieden unter den Söffern von allen Edelgesinnten lebhaft anerkannt werben. Wenn wir solche gemeinen Verhöhnungen tief bedauern, und gegen sie den schärfften Protest erheben, dann reiften wir uns eins nicht nur mst den Katholiken, sondern auch mit asten andersgläubigen Mitbürgern."

Soziales,

= Hauptversammlung des Verbandes berufstätiger Jrauen. In der Zeit vom 9.11. Juni hielt der Der- l«nb der weiblichen Handels- und Büroangestellten in Eisenach eine Tagung ab, zu der auch Minister a. D. Stegerwald erschienen war, der in fesselnder und interesianter Weise crusführte, welche Aufgabe der deut- che Staat für die Zukunft hab«, und wie der auf natio­nalem Boden stehende Deutsche Gewerffchastsbund, dem auch der Verband angehört, zur Lösung dieser Ausgabe beizutragen bestimmt fei. Die Vorsitzende des Verban­des, Frl. Müller, hielt einen interesianten Vortrag überFrauenberuf und Fvauenoerband", in dem sie das Recht der Frau, sich ihren Beruf frei zu erwählen, eingehend scharf betonte. Aber die Frau müsse zu ihrem Berus so tüchtig ausgebildet werden, datz sie ihn voll ausfüllen könne, und sie habe auch die Aufgabe, jedem Beruf, den sie ergriffen, sich mit solcher ritterlicher Hin­gabe zu widmen, dah daraus Nutzen für die Allgemein­heit erwachst. Nachdem an den folgenden Tagen noch weitere Vorträge über berufliche und wirtschaftliche Fra- gen gehatten worden waren, wurde die Hauptversamm­lung, die dm Teilnehmern reiche Anregung geboten hotte, geschlossen

Von Dr. Heinrich Mataja-Wien.

Wie die Menschen so leicht gegebene Tatsachen als unabänderlich hinnehmen, so haben wir alle uns mehr oder minder mit der sozialen Zerklüf­tung abgefunden, die alle Kulturvölker spaltet. Die marxistische Lehre hat dem taffächlichen Zustand der riesigen sozialen Unterschiede in bezug aus die Chancen irdischen Wohlergehens das Ideal dec sozialen Gleichheit gegenübergestellt. Sie erblickt den Urgrund dieser Verschiedenartigkeit im pri­vaten Eigentum an Produktionsmitteln, wodurch dem durch solches Eigentum Begünstigten der Er­trag der von anderen geleisteten Arbeit zugeschanzt wird. Ihm steht also je nach der Höhe seines ar­beitslosen Einkommens der materielle und kulturelle Genuß des Daseins offen, während der Ver­mögenslose ihm von feinem Arbeitseinkommen Tribut zahlen muß. Die Ausbeuter und die Aus­gebeuteten, das sind die beiden Klaffen,die einen mit Sporen, die anderen mit Sätteln geboren", die einander im Kampf gegenüberstehen, solange es privates Eigentum an Produktionsmitteln gibt. Die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft führt eine immer intensivere Konzentration des Eigentums an Produktionsmitteln herbei, sodaß schließlich ganz wenigen Ausbeutern Millionen von Ausgebeuteten gegenüberstehen werden, und durch eine geringfügige, aus der Unerträglichkeit dieser Verhältnisse von selbst resultierende Gewalt­anwendung wird einst das Eigentum an den Pro­duktionsmitteln aus den Händen der wenigen Aus­beuter auf die Allgemeinheit übergehen. Dann ist im Gegensatz zur kapitalistischen die sozialisttsche Gesellschaftsordnung erreicht, der Klaffengegensatz aufgehoben, die Ausbeutung beseitigt.

Diese Ueberzeugung von der Ausbeutung und vom Klassenkampf ist mehr oder minder bewußt in Millionen von Köpfen eingedrungen. Die Ent­wicklung des Wirtschaftslebens hat ihm gewaltig Vorschub geleistet. Je leichter der Angestellte (Ausgebeutete) zum Unternehmer (Ausbeuter) auf- steigen konnte, desto weniger scharf war der Gegen­satz zwischen beiden. Je kleiner die Betriebe wa­ren, je näher aneinander die verschiedenen Glieder eines und desselben Betriebes lebten, je geringer der Unterschied ihrer Lebensführung war, je mehr der Unternehmer selbst die tatsächliche Leitung sei­nes Betriebes führte, in der Gießerei, im Kontor, im Verkaufsladen selbst anwesend und für seine Angestellten erreichbar war, desto weniger drängte sich die Idee des Klassenunterschiedes auf. Für zwanzig Angestellte kann der Unternehmer immer erreichbar fein, da kennen die Arbeiter noch den jungen Herrn Karl ober Franz, wissen, was die Frau für eine Geborene ist und ob es zu Mittag in der Suppe Leberknödel gegeben hat. Bei hun­dert Arbeitern verschwindet das allmählich, bei zehntausend ist jeder persönliche Kontakt ausge­schloffen. Der Unternehmer ist nicht mehr eine Person, er ist ein Begriff. Zwischen den Unter­nehmer und den Arbeiter schiebt sich der Ange­stellte, die Beamtenschaft, das Kollegium der Direk­toren ein. Die Möglichkeit des Aufstieges auch nur um eine Stufe ist gering.

In diese Atmosphäre fällt nun die unablässige Propaganda des sozialistischen Apparates. Dein Arbeitseinkommen verpraßt der Aktionär in den unerreichbaren paradiesischen Gefilden, aus deiner Arbeit hat er feiner Frau das kostbare Edelsteinkollier gekauft, von dem in allen Zeitun­gen zu lesen ist, dein Hirn und deine Muskeln wer­den verschachert, wenn die Kurse der Aktien im Börsensaal ausgeschrien werden. Du kannst dir dieses Pfund Fleisch nicht kaufen, dieses Buch nicht anschaffen, dein krankes Kind nicht aufs Land schicken, weil jene den Glanz und die Pracht des Lebens auf deine Kosten genießen. Haß loht auf gegen die Ausbeuter, der Klaffenkampfgedanke marschiert. Das ist der Zustand, in dem alle europäischen Staaten sich befinden. Während die Nattonalisten der verschiedenen Länder von dem Krieg gegen einander träumen, schwillt in den Proletariern der Wille, das Joch der Aus­beutung abzuwerfen, nicht wieder die Handgranate nach dem fremdsprachigen Klassengenvssen zu wer- fen, sondern mit ihr das eigene wirtschaftliche und soziale Recht zu erobern, das ihnen vorenthalten wird. Und statt nun diesen Zustand als unhaltbar, als in höchstem Grade gefährlich zu erkennen, benten die Nationalisten der verschiedenen Lander noch daran, demProletariat" mit einer neuen Kriegserklärung das Signal zur Schilderhebung zu geben. Sie können es, cheint es, nicht erwarten, bis die bolschewistische Petarde die Tore ihrer Städte sprengt. Denn daß ie diese Gefahr nicht sehen, oder daß sie ihre Trag­weite nicht verstehen sollten, wäre kaum zu be­greifen.

Will man den Versuch machen, die soziale Ee- ahr wirklich zu bannen, die Unerträglichkeit des gegenwärtigen Zustandes herabzumindern, so muß man sich vor allem drei Dinge zur Richtschnur machen: Man muß. welchem Stand immer man angehört, praktische Arbeit für die Allgemeinheit leisten; man muß an der wirtschaftlichen und kulturellen Hebung der unteren ozialen Schichten auch um den Preis e i g- ner Opfer Mitwirken; man muß dazu beitragen, eine Organisation aufzubauen, die der Organisation des Klassenkampfes gewachsen ist. Ehe die Ueber­zeugung von diesen drei Dingen nicht die Gegner des Klassenkampfes in ihrer Gesamtheit beherrscht, ist an eine Zurückdrängung der Klassenkampfidee nicht zu denken, und mag der sozialistische Ge- )anke in dar; Praxis noch.io -rundlich versagen, £

Die Heime MllMsksWs.

Von einem unserer wirtschaftspolitischen Mit­arbeiter wird uns geschrieben:

Immer mehr häufen sich die warnenden Zeichen von dem Zerfall der deutschen Wirt­schaft. Selbst große Werke, deren Bestand völlig gesichert schien, werden mit in den Strudel des wirtschaftlichen Niederganges Deutschlands geris­sen. Absatzkrisis auf der einen, Kreditnot auf der anderen Seite, das sind die Zeichen, unter denen die ganze deutsche Wirtschaft, besonders aber das deutsche Exportgeschäft leidet. Nun Hai auch in der Kaliindustrie die schon seit langem be­fürchtete Stillegung begonnen. Diesen Betrieben st es ebenso wie einer Reihe anderer großindu- trieller Betriebe auf die Dauer unmöglich gewor­den, sich die Barmittel für ihre Fortführung zu verschaffen. Die Außenstände, sofern große Werke solche noch haben, gehen bei der allgemeinen Kredit­not nur sehr langsam ein und so müssen die Werke notgedrungen für Angestellte und Arbeiter Lohn­geld unter schweren Bedingungen aufnehmen. Das Inlandgeld ist ja heute nur unter viel höheren Zin­sen zu haben, als ausländisches Kapital und der ausländische Geldmarkt gibt nur sehr schwer Gel­der her. Die Großindustrie wartet mit einer ge­wissen Ungeduld und Spannung auf die ausländi­sche Goldanleihe, und diese wiederum wird erst ge­währt, wenn die in dem Sachverständigengutachten gestellten Bedingungen, also vor allem die gesetz­liche Durchführung des Sachverständigengutachtens in die Tat umgesetzt hat.

Gerade die Stillegung der Kaliindustrie zeigt am deutlichsten die große Gefahr, in der sich dis deutsche Wirtschaft befindet. Einmal ist es, wie gesagt, die allgemeine Wirtschaftskrisis, von der die gesamte Industrie schon erfaßt ist oder im Lause weniger Wochen erfaßt werden wird, dann ober auch hier noch im besonderen Fall die schwere Not der deutschen Landwirtschaft. Was die deut­sche Landwirffchaft im Kriege und während der ersten Nachkriegszeit zu reichlich verdient hat, das muß sie jetzt doppelt zusetzen, denn die Lebensmit­telpreise wie die Preise der ganzen landwirtschaft­lichen Produktion stehen in keinem Verhältnis zu den Unkosten. Infolgedessen fehlt es der Landwirt- fchast an den nötigen Barmitteln. Eine weitere Folge davon ist, daß sie den ihr so notwendig ge­wordenen Düngerbezug aus den Kaliwerken nicht weiter fortsetzen konnte, und die nächste Folge da­von, daß natürlich die landwirtschaftliche Produk­tion, das heißt der Ertrag der Felder sinken muß. So häuften sich infolge des mangelnden Jnland- absatzes immer mehr die Läger. Zu gleicher Zeit liegt aber hier auch der schlagende Beweis vor für den Niedergang des de utfchen Ex­ports und der sich ebenfalls daraus ergebenden chweren Folgen für die gesamte deutsche Mrt- chaft. Auch in dieser Industrie wird seit langem u teuer fabriziert, das hängt mit den ganzen wirt­schaftlichen Nachkriegsverhältnissen zusammen, und so hat auch das Auslandsgeschäft aufgehört, da die elsässische Konkurrenz mit ihren billigeren Preisen hier starken Abbruch tat. Ein Nachgeben im Preise brachte nur Verluste, die ihrerseits gerade bei der jetzigen Kreditnot nicht lange anhalten dürsten.

Was hier gerade das Exportgeschäft anlangt, so werden sich dieselben Folgen auch bei anderen deutschen Exportfirmen immer mehr zeigen, soweit sie nicht schon zutage getreten sind. Das deutsche Exportgeschäft, das kann man von kaufmännischer und industrieller Seite täglich hören, liegt vollends darnieder. Das hat bei der für Deutschland not­wendigen Wechselwirtschaft mit dem Auslande wiederum feine schädigenden Folgen für den deut­schen Geldmarkt im Gefolge. Wir wissen noch aus der Zeit der Inflatton, daß gerade das Ueberge- wicht von Import gegen Export auf die deutsche Eeldwirtschaft so vernichtend wirkte. Eine neue Inflation ist undenkbar, weil aus ihr heraus kein zweites Mal ein Rettungsweg sich böte und des­halb der Ruin Deutschlands nicht mehr aufzuhalten wäre. Daher geben sich ja auch die maßgebenden finanzpolitischen Kreise die größte Mühe, unter Aufbietung aller Kräfte, die Mark stabil zu halten.

Ein erfreulicher Hoffnungsstrahl zeigte sich ihnen dadurch, daß die amerikanische Bankwelt den Kredit für bie deutsche Goldbank nunmehr von 5 Millionen auf 25 Millionen Doll, erhöht hat. Aber das genügt bei weitem nicht, um die ganze Wirtschaft wieder in Schwung zu halten, respektive in Schwung zu bringen. Hier hilft nur eins, und das ist die Durchführung des Sachver­ständigengutachtens und mit ihm die endgültige Lösung des Reparationsproblems, das heute mit seinen unbestimmten Zahlen als die schwere Kette betrachtet werden muß, an der sich die deutsche Wirtschaft und das deuffche Volk, zu Tode schleift.

* Die Verordnung über die Geschöstsauffichl. Von zuständiger Seite wird mitgeteilt, daß das vom Reichstag in der letzten Sitzung vor Pfingsten beschlossene, eine Abänderung von den Vorschriften der Geschäftsaufsichtsverordnung im Verordnungs­wege ermöglichende Gesetz wie auch eine entspre­chende Verordnung, zu deren Erlaß der Reichsrat in seiner Vollsitzung bie Zustimmung beschloß, vor­aussichtlich bereits in ber am 14. Juni zur Aus­gabe gegangenen Nummer bes Reichsgesetzblattes enthalten fein werben. Die Verordnung wird so- ort mit dem Tage der Verkündung in Kraft treten, ist mit rückwirkender Kraft für die be­reits bestehenden Geschäftsaufsichten ausgestattet, und enthält weitgehende Aenderungen des bisheri­gen Verfahrens. - ' - ' --