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Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.

Nr. 138.

Verantwortlich ftir die Schriftleitung: Dr. Johannes Kramer. Anzeige»! I. Darreller, Fulda. Rotationsdruck und Verlag der n Fuldaer Aktiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr- 9- Bezugspreis für Juni: Postdestellung 1.80,Stadtbezng 1.80 Mt.

Samstag, 14. 3unl 1924.

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51. Zahrg.

M öer UWnWWiV ii Meritt.

lj Von einem unserer außenpolitischen Mitarbeiter. l. Der republikanische Nationalkonvent in Cleve- , land hat den jetzigen Präsidenten der Vereinigten > Staaten Co o lid ge wieder als Kandidaten für . die Präsidentschaft aufgestellt. Die Wahlen selbst finden bekanntlich im November statt. Die Nominierung Coolidges ist selbstverständlich noch nicht gleichbedeutend mit seiner Wahl. Er hat zwar keinen ernst zu nehmenden Nebenbuhler mehr, seit- dem Senator Johnson vor einigen Wochen be: j en Primärwahlen in Kalifornien eine Niederlage erlitten und sich seitdem zurückgezogen hat. Auch von der demokratischen Opposition hat der Präsi­dentschaftskandidat keine ernstliche Gegnerschaft zu befürchten. Dagegen droht doch eine Gefahr; das ist die Aufstellung einer neuen Partei unter dem namentlich im Westen und mittleren ' Westen sehr einflußreichen Senator L a f o l l e t t e Da Lafollette cis Führer des fortschrittlichen Flü­gels nicht zu Worte gekommen war, wird er wahr­scheinlich auf dem Parteitag der Farmer and La- bour Party in Saint Paul seine selbständige Kan­didatur für die Präsidentschaft verkünden und zu­gleich die Gründung einerUnabhängigen republi­kanischen Partei" vollziehen. Dadurch würde er, da er doch immerhin eine starke Minderheit hinter sich hat, sowohl Coolidge eine Reihe Stimmen cm= ziehen, sodaß dieser doch nicht die genügende An- !»zahl erhält. Im letzteren Fall würde alsdann dis Entscheidung über die Präsidenten- und Vizeprä- jidentenwahl dem Kongreß zufallen. Nun wird «Mer auch der Kongreß zum großen Teil bei den Novemberwahlen erneuert das Unterhaus voll- ständig, der Senat zu einem Drittel sodaß seins Zusammensetzung heute noch garnicht vorauszu­sehen ist, und daß damit zugleich auch seine Stel- lungnahine zu dem Präsidentschaftskandidaten, garnicht sich übersehen läßt.

Unter EooliÄge hat die amerikanische Politik schon eine bedeutende Schwenkung gemacht dadurch, daß sie durch die Entsendung ihrer S a ch v e r st ä n d i g e n sich gewissermaßen wieder mit den europäischen Angelegenheiten be­schäftigte und die Reparationsfrage ins Rollen brächte. Doch bleibt andererseits die republikani­sche Partei nach wie vor auf dem außenpolitischen Standpunkt beharren, dem Völkerbund fernzublei­ben, während sie sich zur Teilnahme am Welt- schiedsgerichtshof im Haag bereit erklärt. Lafolette, unterstützt von den Senatoren Johnson und Vorab, führten schon seit langem einen zähen Kampf für die Reform der republikanischen Partei und tritt vor allem für durchgreifende soziale Reformen ein. Er verlangt, das interes­siert uns am meisten, eine aktive Außen­politik mit dem Ziel der Revision der Versail­ler Verträge in Uebereinstimmung mit dem Waf­fenstillstandsabkommen sowie Abschluß fester Ver­träge mit allen Völkern, Abschaffung der Kriege und der Wehrpflicht, schärfste Abrüstung zu Lande, zur See und zur Luft und Sicherstellung von Volksabstimmungen über Krieg und Frieden.

Dawes Vizepräsident?

wtb Newyork, 13. Juni. (Funkspruch.) Dawes ist zum Kandidaten für die Vizepräsi- dentschaft nominiert worden.

Dawes ist der als Vorsitzender der ersten Sach- verständigen-Kommission vielgenannte amerika­nische General und Wirtschaftsmann.

Kurland.

* Der verschwundene Führer der italienischen Kammer-Opposition. Der sozialistische Abg. Matte- otti, ein Führer der Opposition in der italienischen Kammer, ist seit Dienstag abend verschwunden. Blättermeldungen zufolge wurde er in einem Sluto entführt. Die Behörden stellen lebhafte Nach­forschungen an.

Vas Neparatlonsproblem.

Nach einer Havasmeldung aus Brüssel rech­net derEwile Beige" mit der Möglichkeit, daß die interallierte Reparationskonferenz trotz der Krise in Frankreich noch vor Ende des Monats in London zusammentrete.

Wie aus Düsseldorf gemeldet wird, sind die Verhandlungen mit der M i c u m e r g e b ni s- los zu Ende gegangen. Die weiteren Bespre­chungen sind aus Sonntag vormittag festgesetzt worden.

Die seit geraumer Zeit schwebenden diplomati­schen Verhandlungen über das Schicksal der in französischen Strafanstalaten, ins­besondere in Saint Martin-de-R« festgehaltenen 42 Rhein- und Ruhrgefangenen, haben zu dem vorläufigen Ergebnis geführt,.daß zunächst einmal, und zwar noch im Lause dieser Woche, diese Ge­fangenen in Gefängnisse des besetzten Gebie­tes zurückgebracht werden. Gleichzeitig werden sechs wegen politischer Delikte verurteilte Fran­zosen aus dem deutschen Gefängnis entlassen. Es ist zu hoffen, daß diese Maßnahmen die Einleitung Ku der endgültigen Befreiung aller Rhein- und Ruhrgefangenen bilden werden.

Reichstags-wahlresorm.

Bildung kleinerer Wahlkreise. Erschwerung unnötiger Parkeigründungen.

Das Reichskabinett hat beschlossen, den bereits früher genehmigten Entwurf einer Novelle zum Reichswahlgesetz Mahlreformnovelle), die die Bildung kleinerer Wahlkreise vorsieht, nunmehr beim R e i ch s r a t einzubringen. .

Die Novelle sieht außerdem vor, daß die Par­teien sich an den Kosten des Stimmzettels beteiligen, um so die. mißbräuchliche Ausnutzung des amtlichen Einheits st im m zettel s, der sich im übrigen nach Auffassung aller Kreise vor­züglich b e w ä h rt hat, bei künftigen Wahlen aus­zuschalten.

Um die Eisenbahner-Löhne.

Wie dasVerl. Tagebl." hört, hat die Zu­spitzung des Konflikts zwischen den Eisenbahner­organisationen und dem Reichsverkehrsministerium zu einer Intervention der Gewerkschaften geführt. Die Spitzenorganisationen aller Richtungen halten am Freitag eine Besprechung mit den ihnen an- geschlossenen Eisenbahnerorganisationen ab, in der eine Beilegung des Konflikts versucht werden soll.

wer wird prafi-eirt in Frankreich?

An der Abstimmung in der Vollversammlung der linksstehenden Parteien zur Bestimmung der Kandidaten für die Präsidentschaft der Republik nahmen 475 Deputierte und Senatoren teil. D»S Wahlergebnis ist folgendes: Kammerpräsident Painleve ' 306, Senatspräsident Doumergue 149, Poinearü 1 Stimme. 19 weiße Zettel wurden ab­gegeben.

Am Freitag, nachmittags 2 Uhr, beginnt in Versailles der entscheidende Wahlgang, der Ueber- raschungen bringen kann.

wtb Paris, 13. Juni. (Tel.) Um 10 Uhr 30 Minuten abends wurde folgendes Kommunique ausgegeben: Die Vorsitzenden der Linksgruppen der Kammer und des Senats haben beschlossen, am Freitag den 13. Juni um 1 Uhr 30 Minuten im Songreßsaat in Versailles eine Vollversamm­lung abzuhalten.

Diesen Beschluß deutet das führende Statt des Linksblocks, dasOeurc, wie folgt: In Versailles wird heute der S a m p f in Gang kommen, da alle Anstrengungen, eine einheitliche republikanische Kandidatur zu verwirklichen, gescheitert seien. Painleve, der von der Vollversammlung der Linkssraktionen ausgestellt worden sei. werde Doumergue gegenübertreten, der zwar offi­ziell seine Kandidatur nicht aufgestellt habe, aber sich geneigt erklärte, dem Ruf seiner Freunde zu folgen. Unter den letzten seien die Parlamentarier aus dem Süden ganz besonders regsam. Es werde auch noch von drei weiteren Kandidaten gesprochen, die unter Umständen in Erscheinung treten wür­den. Es werde versichert, daß die Stimmzettel mit vier Namen bereits gedruckt seien.

Lloyd George über potacM

Die Persönlichkeit in der Ge- schichte", unter dieser Üeberschrift beschäftigt sich Lloyd George in einem Zeitungsartikel ausführ­lich mit dem Werk Paul Cambons, des jüngst ver­storbenen früheren französischen Botschafters in London, und demjenigen Poincares. Ueber die un­heilvolle Rolle, die P o i n c a r e in der europäischen Politik der letzten Jahre gespielt hat, äußert sich Lloyd George u. a. wie folgt:

Vor Poincares Aufstieg zur Macht standen Frank­reich und die Alliierten in direkten Verhandlungen mit der deutschen Regierung, die freundlich gesinnt wair und sich verbürgt hatte, den Verpflichtungen naMu- leben. Die öffentliche Meinung in Deutschland befür­wortete damals eine Politik der Wiedergutmachung bis girr Grenze der Leistungsfähigkeit. Wer an der Kon- ferenz von Cannes teilgenommen hat, ist auch heute noch voll überzeugt, daß sie, fortgesetzt, zu einer befrie­digenden Lösung geführt haben würde. Poincare aber brach sie, mir nichts dir nichts, ab und weigerte sich sie wieder aufzunehmen. Seine Theorie war, daß die Deutschen Insolvenz vortSuschten, daß sie MfttÄ genug hotten, die ihnen auferlegten Annuitäten zu entrichten, daß jegliche Diskussion mit Deutschland Schwäch« be­deute, und die Peitsche allein Deutschland zum Zahlen zwingen werde.

Monate lang versuchten die Alliierten, ihn daran zu verhindern, daß er Deutschland an den Pfahl band. Alle Versuche, ihn zum Verhandeln ziu veranlassen, ver­sagten. Er verwarf die Vorschläge der alliierten und assoziierten Bankiers, er brachte die Konferenz von Genua zum Schellern, und während Monaten weigerte er sich, zu einer interalliierten Revaratlonskonferenz seine Zustimmung zu geben. Schließlich brach er mit England und fiel mit einer französisch-belgischen Armee an der Ruhr ein. Jetzt freilich ist er bereit, sich mit wermger zufrieden zu geben, als Briand im Januar 1922 forderte. Der Triumph der Nationasisten in den öst­lichen Bezirken Deutschlands und der Kommunisten in den Rheinlanden ist das Werk Poincares. Ge­lingt es dem deutschen Common fenfe, diese beiden extremistischen Partien zu überrennen, dann haben wir immer noch als Folge der Politik Poincares zwei Jahre europäischer Konfusion zwei Jahre, während derer keine Reparationen entrichtet wurden, bte zu einer be­trächtlichen Redicktion der Annuitäten führten und die damit endeten, daß der für diese Politik verantwortliche Mann von seinen eigenen Landsleuten aufs entschie­denste desavouiert wurde.

* Drei neue Pesuvkrater. Unweit des Haupt­kraters des Vesuv sind drei neue kleine Krater ent­standen, die seit einigen Tagen Lava speien. Zur Verhütimg von Unglücksfällen ist die Vesuvhöhe durch Carabinieri abgesperrt ivorden.

Ilm Ule MW in MW.

China, Japan und Sowjekrußland.

Nach einer Reutermeldung besagen nichtoffizielle Berichte aus M u g d e n, Marschall Tschang- tso-lin setze seine Bemühungen fort, die äußere Mongolei in seine Gewalt zu bringen. Ferner dringe er bei der Sowjetregierung darauf, daß sie die Romanoff-Noten, die er vor ihrer Wertoermin­derung erworben habe, wieder zum Goldwert übernehme. Man erwartet eine Verschärfung der Spannung zwischen Tschang-Tes-Lin und Wu- Pei-Fu, was auch eine Schwächung des chine­sisch-russischen Abkommens bedeuten würde, das sowieso durch die Noten der japanischen Gesandt­schaft an den russischen Gesandten und an das chinesische Auswärtige Amt nicht gerade befestigt worden sei.

In diesen Noten bestehe Japan darauf, daß die von ihm erworbenen Vorrechte sowie die Interes­sen an der chinesischen Ostbahn durch das Abkom­men nicht berührt werden dürften. Der Wort­laut dieser Noten sei nicht veröffentlicht worden: es verlautet jedoch, daß der PassusErworbenes Vorrecht" sich auf den Durchgangsverkehr zwischen der chinesischen Ostbahn und den südmandschurischen Bahnen beziehe, während es sich bei den Interes­sen unter anderem um eine Summe von 10 Mil- lionen Pen handelt, die die chinesische Ostbahn für gelieferte Materialien schuldet.

Deutsches Reich.

* Der ständige Ausschuß des preußischen Land­tags beschäftigte sich mit dem Entwurf einer zwei­ten Steuerverordnung, durch die die M i 11 e l f ü r die Erhöhung der Besoldung der preu­ßischen Beamten aufgebracht werden sollen, und zwar durch Erhöhung der Hauszins­steuer, die Kürzung der Provinzial­dotationen und durch anderweitige Vertei­lung der persönlichen Volksschul­lasten. Finanzminister von Richter erklärte, Preußen werde dem Reiche folgen müssen, um seine Beamten nicht schlechter zu stellen als die des Reiches. Die oorgelegte Notverordnung stelle ein Kompromiß der beteiligten Ressorts dar. Don allen Seiten wurden gegen die Vorlage Bedenken wirtschaftticher und finanzieller Art geltend ge« |r macht. Der Finanzminister erklärte, daß sich Preußen in einer Zwangslage befinde, die zur Zurückstellung aller Bedenken nötige.

* Der frühere rumänische Gesandte in Berlin, Beldiman, ist am Dienstag auf seinem Gute in Dirste bei Kronstadt (Siebenbürgen) im Alter vom 79 Jahren infolge eines Schlaganfalls ge­storben. Beldiman, der von 1896 bis 1916 Ru­mänien in Berlin vertrat, hat während feiner Tätigkeit in Berlin im Interesse einer freundschaft­lichen Zusammenarbeit zwischen den beiden Staa­ten gewirkt und in weitesten Kreisen sich der größ­ten Wertschätzung erfreut. Der deutsche Konsul in Kronstadt legte an seinem Sarge einen Kranz nieder._________________

$08uno te Willen toretoetionte.

Am Pfingstsarnstag wurde in Hamburg die Ta- flunfl des katholischen Lehrerverbandes des deutschen Reiches mit einer Vorstandssitzung unter Lettung des Abgeordneten Gottwald eröffnet, der in anerkennenden Worten des im Vorjahr verstorbenen Verbandsgründers, des Rektors Brück aus Bochum gedachte. Mit seltener Weitsicht und Tatkraft habe er den Verband trotz aller Schwierigkeiten zu einer Entwicklung gebracht, die eine glänzende Krönung seines Lebenswerkes darstellt.

Am Pfingstdi-enstag wurden die Verhandlungen mit einem feierlichen Levrtenamt in der Marienkirche einge- leitet. Die erste Vertreterveosammlung wurde durch Haupllehrer mann aus Schmottshausen, Bez. Lieg- netz, geleitet. Er betonte, daß die im katholischen Lehrer­oerband geeinte Lehrerschaft geschlossen hinter der katho­lischen Schule stehe und ihr Herzblut für diese eingusetzen gewillt sei. An erster Stelle begrüßte der Vorsitzende dann den geistigen Führer, die Mitglieder des Verban­des und den Vertreter der Bürgerschaft.

Daraus wurde von dem Geschäftsführer des Verban­des, Rektor Weber aus Bochum, der Geschäfts­bericht erstattet. Unter den schwierigen Verhältnisien der letzten Jahre konnte die Tätigkeit des Verbandes nur durch die Opferwilligkeit von Mitgliedom erhalten bleiben. Der Verband hat feine Wünsche zur Gestaltung des Reichsschulgssetzes § 146,2 beim Reichsministerium des Innern untz bei den Regierungen der Länder, sowie auch bei den Mitgliedern des 23er Ausschusses des Reichstags zur Geltung gebracht. Er hält es für notwendig, daß eine Gesetzesvorlage erfolgt, die den vom K. L. V. vertretenen Wünschen Rechnung trägt. Der Bericht kennzeichnete weiter die in der Lehrerbildungsfrage geleistete Arbeit, die Frage der S Deputation und der kollegialen Schul­leitung. In besonderer Weise nahm sich der Verband in der Berichtszeit der katholischen Schulen in der Diaspora an. Das Versicherungswesen muß jetzt nach der Inflationszeit wieder neu ausgebaut werden. Die Zahl der Mitglieder beträgt zurzeit 23 500, sodaß die Höchstzahl von 1914 um einige Hundert überschritten ist. 2n der anschließenden Aussprache wurden mancherlei Wünsche und Anregungen gegeben und dem Geschäfts­führer der einmütige Dank des Verbandes ausgedrückt.

Nach den Berichten der verschiedenen Ausschüsse sprach Abgeordnete Gottwald über die Stellung der katholischen Lehrerschaft zur Wirtschafts- Politik." Die Volkswirtschaft ist ein Organismus, der sich nach eigenen Gesetzen entwickelt, menschliche Ein- wwkung vermag nur diese Entwicklung zu fördern oder zu hemmen. Die Förderung des Wirtschaftslebens muß Ziel jeder vernünftigen Wirtschaftlichkeit sein. Die Ge­samtheit der vorhandenen Güter, vor allem in dem Um- fange, in dem sie jederzeit ersetzt werden können, bildet die Grundlage für den Verbrauch, deshalb muß die Volks- wirtschcch mehr die Hebung der Erzeugung als die des Verbrauches im Auge behalten. Alle Kultur bedarf der wirtschaftlichen Grundlage, der Hochstand des Vildungs- wesens hängt immer mit einer Blüte der Volkswirtschaft zusammen. Das Privateigentum ist eine Grundlage der

Kultur und eine Sicherung der politischen Freiheit, lieber all diesen Grundsätzen steht der Satz: Die Wirtschaft ist um des Menschen willen da; alle Volkswirtschaft hat der Volksgemeinschaft zu dienen. Zum Gedeihen der Volks­wirtschaft ist ein Gleichschritt der wirtschaftlichen und geistigen Entwicklung noiwendig. Hier berühren sich das wirtschaftliche und das Erziehungsprogramm der Lehrer. Die Wirtschaft entzweit, die Kultur eint. Die Lehrer müssen für sozialen Fortschritt und soziale Gerechtigkeit wirken, beides auch in Beziehung auf die Schule und den Lehrerstand. Die Pädagogik muß im öffentlichen Leben eine Rolle neben der Wirtschaft spielen, das zu erreichen ist eine Hauptaufgabe der Lehrer. Neben dieser mittel­baren völkswirtschaftlichen Tätigkeit tritt die unmittel­bare weit zurück. Die mit starkem Beifall aufgenommene Rede klang aus in der Forderung zum sozialen Wirken, zur staÄsbürgerlichen Betätigung auf das Ziel, die Ge­gensätze im deutschen Volke zum Wettbewerb zu gestal- ten und den verderblichen Bruderkampf auszuschliehen.

In der sehr anregendne Aussprache wurde auch die Lehrerbildungsfrage erörtert, die in den ein­zelnen Zweigverbänden Gegenstand eingehender Ver­handlungen sein soll, die zum Uebergang in die Praxis führen sollen.

wirtschaftliche Uampsbewegungen.

= Sur Beilegung der Streiks im Berliner Brauerei- gewerbe tritt ein aus drei Arbeitgebern, drei Arbert- nehmern und drei Unparteiischen gebildetes Schieds- gericht zusammen. Beide Parteien sollen erklären, ob sie sich mit dem Spruch des Gerichts einverstanden er­klären oder nicht. Falls die Arbeitnehmerseite den Spruch nicht annimmt, beabsichtigen die Arbeitgeber, sofort zur Aufrufung von Arbeitswilligen zu schreiten. Nach einer Schätzung des deutschen Gast. Wirteverbandes haben sich in Berlin und in der Provinz Brandenburg bisher gegen 2000 kleinere Gast­stätten genötigt gesehen, wegen Biermangels zu schließen.

Soziales.

2. Derbanbstag llriearbefchädigter und Kriegs» Hinterbliebener, Sitz Berlin. Am 1. und 2. Pfingsttag hielt der Zentralverband deutscher Kriegsbeschä­digter und Kriegshinterbliebener in Marburg seinen 2. ReichSverbandStag ab. Der Verbandstag war aus dem ganzen Reiche außerordentlich stark besucht. Beson­ders die Mitgliedschaften des besetzten Gebietes waren zahlreich vertreten. Der 1. Verhandlungstag war aus- gefüllt mit der Erledigung des Geschäfts- und Kassen­berichts und nahm ein Referat über die Kriegsschuld­frage und die deutschen Kriegsopfer entgegen. Im Ver­laufe des 2. Verhandlungstages wurden die Fragen der Versorgung und Fürsorge in der Vergangenheit und tn der Zukunft und in der Praxis durch die Herren Dr. Panzer (Berlin) und Michel (Berlin) behandelt. Die Aussprache, die sich an die Referate schloß, erhielt da­durch eine besondere Bedeutung, daß Herr Geheimer Ministerialrat Kerschensteiner vom ReichSarbeitS- Ministerium das Wort ergriff, um, wie er betonte, ein­mal engere Fühlung mit den Kriegsbeschädigten und deren Organisation zu nehmen. Die Ausführungen der einzelnen Delegierten aus dem Lande, namentlich der Kriegerwltwen, ergab ein betrübendes Bild der derzeitigen Sage der deutschen Kriegsopfer und wirkten einzelne Ausführungen geradezu erschütternd.

* Lin aufsehenerregender Mordprozeß. Am 16. Juni beginnt in Stettin die Hauptverhand­lung gegen die drei ehemalige Angehörige der preußischen Schutzpolizei, die angeklagt sind, Ende März 1922 in Hamborn den bel­gischen Leutnant Graff getötet zu haben. Dem Prozeß kommt deshalb besondere Bedeutung zu. weil über die Urheberschaft des Mordes noch völliges Dunkel besteht. Die deutschen und dis belgischen Gerichte halten ganz verschiedene Per­sönlichkeiten für die Urheber des Mordes. Das belgische Militärgericht in Aachen verurteilte sei­nerzeit wegen dieses Mordes den Polizeileutnant Reinhardt und fünf weitere Angehörige der Schutz­polizei in Hamborn zum Tode. Das Urteil wurde später in lebenslängliches Zuchthaus umgewandelt. Die Verurteilten befinden sich zurzeit im belgischen Zuchthaus in Löwen. Im Gegensatz zu dem bel­gischen Urteil find die deutschen Anklagebehörden der Ansicht, daß nicht die vom belgischen Gericht Verurteilten die Täter sind, sondern deutscherseits werden die ehemaligen Angehörigen der Hambor- ner Schutzpolizei Kaws, Schwirrat und Engeler, die im Stettiner Gerichtsgefängnis in Unter­suchungshaft fitzen, für die Täter gehalten.

Beamtenfragen.

= faft 400000 Beamte abgebaut. Im Reichsfinanz. Ministerium ist über den Personalabbau eine De nk- schrift verfaßt worden, die demnächst dem Reichstag zu­gestellt wird. Die Denkfchrift, der als Stichtag der 1. April 1924 zugrunde gelegt ist, und deren Angaben durch beigegebene Ueberstchten erläutert werden, stellt fest, daß von den am 1. Oktober 1923 im Reichsdienst einschließlich Reichsbahn und Reichspost beschäftigten 825955 Beamten, 60747 Angestellten, 705512 Arbeitern, zusammen 1592214 Köpfen, bis zum 31. März 1924: 134507 Beamte, 30217 Angestellte, 232 134 Arbeiter, zusammen 396858 Köpfe, mithin 24,9 Prozent abgebaut und außerdem 1114 Wartegeldempfänger und kom- rniffarifch beschäftigte Landes- und Gemeindebeamten entlaßen worden sind. Die Ersparnisse an Ge. haltern usw. für das abgebaute Personal werden bei Beamten auf 105 Millionen Goldmark, bei Angestellten auf 50 Millionen Goldmark, bei Arbeitern auf 278 Mil­lionen Goldmark, bei Wartegeldempfängern usw. auf 1 Million Goldmark, zusammen 434 Millionen Gold­mark geschätzt. Damit ermäßigen sich die gesamten Personalaufwendungen des Reichs um 15,3 v. H. Hin- zukomrnen die der Höhe nach schwer zu schätzenden, aber keineswegs zu unterschätzenden Ersparnisse an Sachauf­wendungen für Räume, Licht und Heizung, Arbeits­material usw.

Vie beutsche Universität in Prag. Nach einer Slättermelbung aus Prag wird die dortige deutsche Universität thre Absicht, nach Reichenberg überzu­siedeln, aufgeben, da der Hochschuletat für das neue Jahr eine Reihe von Neubauten für die deutsche Uni­versität vorsieht.