FuldaerZertung
Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stadt Aulda.
Nr. 137.
ereonttoortlitb lür die Sckmktleitung: Dr. Johanne, »tarnet. Aureigenr J. P at»eIler. Fulda. SlotattonSdruck und «erlag der Fuldaer Lctieudtuckerei hi Fulda. Fernlvrechet 9Jt. 8. >
ve?ugkdreirfürJunir Boftdestellung 1.80,Stadtberus1.50Mk.
greitag, 13. 3uni 1924.
«njeia en ««reife: Lletnreile (Tolone!) lokal 0,15 Goldmark, auswärts 0,20 Goldmark: Reklamezeile lokal 0,60, Soldmark, auswärts 0,80 Goldmark. $,
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51. Zahrg,
i)
Die Einsame.
Roman von Horst W e r t h e r n.
Lrskcr Teil.
Mt tiefem Ernst, ohne eine Miene zu verziehen, war Magda von Foreck den Auseinandersetzungen des Notars Doktor Schnell gefolgt.
Als er damit zu Ende war, herrschte in dem vornehm ausgestatteten Arbeitszimmer einen Augenblick lang tiefes Schweigen; nur der Lärm der Straße drang durch die geschlossenen Fenster. Endlich nahm Magda das Wort.
„Kurz gefaßt", sagte sie mit ihrer ruhigen, weichen Stimme, „erklärten Sie mir soeben, daß mir von dem Vermögen meines Vaters und dem meiner Mutter im besten Falle eine Rente von tausendvierhundert Mark übrigbleibl?"
Der Notar nickte zustimmend: „Jawohl, gnädiges Fräulein, sowie sie sich selbst überzeugen konnten!"
Magda schwieg und starrte in die Helle Glut des Ka- min-feuers, aus dem von Zeit zu Zeit große Flammen aufloderten, die auf ihr Trauerkleid und die blonden Wel. len ihres Haares einen rötlichen Schein warfen.
Doktor Schnell kramte emsig in seinen Papieren und beobachtete dabei heimlich, mit einem Gemisch von Interesse und Teilnahme. Die Tapferkeit dieses Mädchens, das die Nachricht von dem finanziellen Zusammenbruch so gefaßt hinnahm, erweckte seine aufrichtige Bewunderung.
Wenn Magda sich bis zu diesem Tage noch bestimmten Hoffnungen hingegeben hatte, so konnte sie jetzt nicht Mehr länger daran zweifeln, daß ihr Vater, der angesehene General von Foreck, sie als Waise ohne jedes andere Hilfsmittel als die erbärmliche Rente von einigen hundert Mark zurückgelassen hatte. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, an ihre Zukunft zu denken, und er hatte dos geringe Vermögen, das ihm nach dem Tode
Vor der Wahl in Versailles.
Die Präfidentfchafkskandidaken.
Millerand hat seinem Rücktrittsschreiben an Kammer und Senat noch einen Brief an die französische Oeffentlichkeit folgen lassen, in dem er der neuen Regierung scharfen Kampf ansagt.
Die Neuwahl des Präsidenten, die von Kammer und Senat gemeinschaftlich vorgenommen wird, ist auf Freitag den 13. Juni, nachmittags 2 Uhr, in den historischen Wahl-Saal nach Versailles anberaumt worden.
Als Kandidaten werden bis jetzt genannt- Kammerpräsident Painleve und Senatspräsident Doumergue. Havas zufolge ist jedoch der frühere Kammerpräsident Raoul Pßret bereit, sich zur Verfügung zu stellen, falls die Partei einen Kandidaten auszustellen wünsche, der sich an dem Kampf um die Person Millerands nicht be- teiligt hat. Nach dem „Paris Soir" wird als weiterer Kandidat Senator Lebrun genannt der Vertreter der französischen Regierung in der Entwaffnungskommission des Völkerbundes ist, sowie ferner von einzelnen Gruppen Senator B a r- thou, der französische Vertreter in der Repa- rationskommission. Das Blatt nennt auch den ehemaligen Kriegsminister Maginot, doch müssen diese Gerüchte mit allem Vorbehalt ausgenommen werden. Es steht jedoch fest, daß die Rechte einen Gegenkandidaten aufstellen wird.
Herriots Programm.
Bon dem neugewählten Präsidenten soll dann Herriots mit der Bildung des Kabinetts betraut werden. Er hat gleich für die ersten Tage seiner Präsidentschaft einen Besuch beim englischen Ministerpräsidenten in Aussicht genommen. Ueber !ein Regierungs-Programm liegt folgende Mel- Sung vor:
wtb London. 12. Juni. (Tel.) herriok erklärte in einer Unterredung mit dem Derichkerstat- /er des „Daily Expreß", er sei bereit, eine Regierung zu bilden. Lein Sozialist werde seiner Regierung beitreten. Dies bedeute jedoch nicht, daß die geringste Meinungsverschiedenheit zwischen feinet parfei und der Partei Leon Blums bestehe. Me Sozialisten hätten ihm ihre UnterMhung zugesagt.
Herriok erklärte weiter, seine Politik gegenüber Großbritannien sei die, sich mit der Londoner Regierung zusammenzutun, um die sofortige Anwendung der Sachverstän« digeaberichks in Angriff zu nehmen. Er gedenke in etwa 10 Tagen nach London zu gehen, wenn alles programmäßig verlause, werde er das Kabinett zu Beginn der nächsten Woche, Montag oder Dienstag, bilden. Er werde das bekannte besondere Programm durchführen.
Herriok bemerkte, „soweit
De u t s ch l a n d
in Betracht komme, sind wir dafür, näher zusam- I meuznrücken und wir werden unser Bestes tun, um eine Entspannung in unseren Beziehungen mit Deutschland herbeizuführen, lieber die Ruhrfrage, die Erneuerung der Micumverlräge und die Amnestie für die ausgewiesenen Deutschen kann ich nichts Bestimmtes sagen, bevor ich nicht die Akten am Quai d'Orsey durchgearbeiket habe." Der Berichterstatter des „Daily Expreß" sieht die letzte Aeußerung herriots als Andeutung dafür an, daßerdasMinisteriumdesAeußern übernehmen werde.
i Miwig VkldkiitliWWklMsW | schreibt der vom Zentrum in den Reichstag entsandte konservative protestantische Politiker Adam Röder in seiner Süddeutschen Konservativen Korrespondenz:
I , Atan kann es beklagen, daß die Regierungs- । krife keinen anderen Ausgang genommen hat, daß es im Besonderen nicht gelungen ist, die Deutschnationalen dem Regierungskörper einzuoer- leiben. Es ist eine alte Erfahrung: Gesinnungsänderung in der praktischen Politik wird nur durch Verantwortung erzeugt. In der I theoretischen Politik, im Gedanklichen, im Ideellen I vermag das geschriebene und gesprochene Wort viel, denn es wendet sich an den Intellekt, der gewiß der große Veranstalter und Vorbereiter auch der gesinnungsmäßigen Umwälzungen ist. Wort und Schrift sind also in der Tat die großen „Idealisten", die Verbreiter und Befestiger von Ideen
I und aus diesen Ideen wird schließlich die Richtung gebende Politik geboren. Aber die Ausgestal- t u n g, die Tätigkeit der Politik, die praktische Bewertung und Anwendung der Politik, das ist Sache der Erfahrung. Erfahrungen kann aber nur der sammeln, der in der Politik Verantwortung zu tragen hat. Darum wäre es gut gewesen, wenn die Deutschnationalen an verantwortungsvolle i Stellungen gekommen wären. In diesen kann man I nichts mit Phrasen, nichts mit den Schlagworten i der Agitationsversammlungen ausrichten.
Es gibt eine Richtung in der deutschnationalen Partei, die die Bedürfnisse der praktischen und zugleich nationalen Politik über die der Partei stellt; aber sie drang nicht durch. Die Angst vor den Völkischen ist zu groß — auch hat man während der Wahlagitation sich derartig auf einen intransigenten Standpunkt gestellt, daß es ohne ein „pater peccavi" vor den Wählern nicht abgegangen wäre. Und die Nationalsozialisten passen scharf auf, ob sie die Deutschnationa- len nicht auf den Wegen eines schwäbischen Opportunismus erwischen: Ludendorff contra Tirpitz. Es ist mehr wie eine parlamentarische oder politi- sche Ironie, die beide Männer, die am entschiedensten in den Weltkrieg eingegriffen haben, nun als Partisane der vom polttischen Scheintum beladene« Parteien anzutreffen. Wie es im I n n e r n dieser beiden Männer aussehen mag, die die öligen Tiraden eines Gräfe und Henning und die rethori» schen Versuche eines Hergt und Westarp erleben müssen, Opposition um jeden Preis in „staatsmännische" Formen zu bringen?
Es war früher em konservativer Grundsatz, daß Opposition um dieser selbst willen zu treiben, verächtlich sei. Wir haben auch hier eine Umwertung der Werte erlebt. Dem sachlich und gerecht Urteilenden wird schwül bei dem Treiben der Parteien und es befällt ihn Seelenangst um die Wertbeständigkeit des Sittlichen im Menschen, wenn er sieht, wie klein dieser Mensch ist, sobald er sich im Parteigetriebe verstrickt. Was die ersten Sitzungen des Reichstages an Abfallproduk- ten aus dem Allzumenschlichen gebracht haben, wäre trostlos, wenn man nicht wüßte, daß es doch auch hier durch die Nacht zum Lichte geht und daß Unverstand und Fanatismus bei Völki- schen und Kommunisten schließlich doch nur Zufälligkeiten sind, die der eingeborene Sinn der Dinge überwindet.
Der amerikanische firebif.
wtb Jt c ro t) o r f, 12. Juni. (Tel.) Die ameri- ! kanischen Bankiers haben die Derhandlungea be- | treffend die Gewährung eines firebifs von 25 Millionen Dollar an die beuksche Golbbank abgeschlossen.
(eines Vaters zugekommen war, unbekümmert rertan.
Und bei alledem hatte er in feiner Art, feine einzige T°chkr, an deren Schicksal er so wenig badjte, aufrichtig geliebt: war so stolz gewesen auf feine „schöne Magda", wie er sie gern nannte, auf ihre Intelligenz und ihr vornehmes Weifen. Er fand keinen Vewerber ihrer würdig und war dabei überglücklich, sie als den guten Geist feines Hauses bei sich behalten zu können. Sie war es, die feinen Salon zum Sammelpunkt der auserlesensten Gesellschaft machte, in dem auch die Verwöhntesten es sich als Ehre cmrechneten, empfangen zu werden. Da das schöne Mädchen nie darunter zu leiden schien, daß ihr das Glück Gattin und Mutter zu werden, versagt fei, kam der General nie auf dem Gedanken, sie könne von ihrem Los nicht vollständig befriedigt fein.
Doktor Schnell hatte so manchesmal versucht, ihm Vorstellungen zu machen, aber es war ganz vergeblich gewesen, der General war nicht imstande seinen Luxus einzufchränken, selbst nicht aus Lieb« zu seiner Tochter. Mit der größten Sorglosigkeit ließ er die Jahre dahin- gehen und tröstete sich damit, daß es sich schon würde einrichtem lassen.
Dies« Wort«, die Doktor Schnell so oft aus dem Munde des Generals vernommen, kamen ihm jetzt in den Sinn, während er Magda beobachtete. Wie würde die Sache sich jetzt für sie einrichten lassen? Was sollte aus ihr werden?
Cs war ein bedrückendes Schweigen zwischen diesen zwei Menschen, die beide mit klaren Blicken den ganzen Umsang der verzweifelten Sage erfaßten.
3tn Kamm fiel ein schwerer Stück Holz knisternd und Funken sprühend in die Glut. Magda erwachte aus ihrem traurigen Sinnen zur noch traurigeren Wirklichkeit und ein zartes Rot färbte ihre Wangen.
„Verzeihen Sie Herr Doktor, daß ich Ihre kostbare Zeit so lange in Anspruch nehme, ich war gcmz in Ge- danken versunken — und —"
„Es bedarf feiner Entschuldigung, Fräulein!"
„Ihre Mitteilungen waren eben ein harter Schlag für mich; ich sehe mich plötzlich gezwungen, Mittel zu
Langsam ging sie die Stufen hinunter: als sie vor das Haustor trat, schlug ihr die scharfe Winterlust entgegen und erweckte sie aus ihrer Gefühllosigkeit.
Die Uhr auf einem Kiosk zeigte die elfte Stunde. Magda überlegte:
„Es ist noch nicht spät, ich kann mich, ohne zu eilen, zu Frau v. Berghof begeben, die mich erwartet und will dabei nachdanken. Ich komme noch rechtzeitig, um vor dem Frühstück manches mit ihr besprechen zu können. Sie hat einen sehr großen Bekanntenkreis und ist eine | erfahrene Frau: vielleicht wird sie mir einen Rat geben, in welcher Weise ich mir einen Lebensunterhalt verdienen kann."
„Den Lebensunterhalt verdienen!" Wie ein Mißton klangen diese Worte in ihrem Innern und ihr Stolz bäumte sich dagegen auf. Alle Frauen ihrer Familie hatten in der Gesellschaft als elegante, verwöhnte Damen eine Rolle gespielt und sie sollte nun herabsteigen zu benen, die gezwungen sind, Geld zu verdienen!
Doch wozu sich dagegen aufbäumen? Sie wußte, daß ihr nichts anderes übrig blieb.
Aber auch sie hatte eine Zett gehabt, da sie hoffnungsvoll in die Zukunft blickte und sich im Gefühl ihrer Jugend ganz der Freude hingab. UeberaC, wo sie er- schien, gefeiert und bewundert, hatte sie nie daran gezweifelt, daß sich unter den jungen Leuten, die sie um. schwärmten, einer finden würde, der ebenso wie sie selbst, die erbärmliche Geldfrage außer acht lassen würde, wenn er sie liebte: einer, der sich nicht darum kümmerte, daß sie nichts anderes befaß, als ihren altadeligem Namen und das Ansehen, das sie durch die Stellung ihres Vaters genoß.
Die Zeit und die rauhe Wirklichkett hatten sie eines andern belehrt: sie hatte einsehen gelernt, daß ein Mädchen, das kein Vermögen besitzt, keine großen Ansprüche machen darf, und da sie nicht zu jenen gehörte, die ohne Liebe und Vertmuen ihr Leben hingeben, so war ihr bald klar geworden, daß sie nicht dazu auserkoren war, die Freuden der Ehe kennen zu lernen.
<Tortsetzung folgt.)
MMt Hei 8er 6iWr
Der Vorstand und der Verbandsbeirat des Eisenbahnerverbandes nahmen in.Berlin zu dem Lohnangebot des Reichsverkehrsministeriums für die Eisenbahner in einer Entschließung Stellung, in der das Verhandlungs- ergebnis vom 4. Juni infolge seiner Unzulänglich, feit abgelehnt wird. Den Eisenbahnern sei damit der Kampf um die Erhaltung ihrer Existenz aufgezwungen worden.
Zur Vermeidung eines Kampfes macht dann die Entschließung einen Vorschlag, der sich sowohl auf die Lohnfrage als auch auf die Arbeitszeit bezieht. Zur Frage der Beamtenbesoldung erklärte die Konferenz, daß die Besoldungsregelung vom 22. Mai wegen ihrer äußerst unsozialen Wirkung entschieden zu verwerfen sei. Reichsregierung und Parlament werden aufgefordert, die Besoldungsregelung einer Nachprüfung zu unterziehen, mit dem Ziel, die Gehälter der geringst besoldeten Beamtengruppen ausreichend zu erhöhen.
Wie mehrere Blätter mitteilen, werden die drei Epitzengewerkschaften der Eisenbahner zusammentreten, um diese Forderungen auf eine einheitliche Formel zu bringen. Den Blättern zufolge sei auch anzunehmen, daß noch eine erneute Besprechung zwischen der Regierung un- den Eisenbahnvertretern stattfinden werde.
In den Kreisen des Personals der Reichsbahn ist vielfach die Meinung vorhanden, daß der Personalabbau erledigt sei und weitere Abbaumaßnahmen nicht mehr in Betracht kommen. Diese Auffassung ist, wie von unterrichteter Seite bestätigt wird, unrichtig. Solange die Personalabbauverordnung in Kraft ist, hat die Verwaltung die gesetzliche Unterlage, um ungeeignetes, überzähliches Personal auszuscheiden. Sie ist aus wirtschaftlichen Gründen auch verpflichtet, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen. Wenn auch die auf das ganze Reichsbahngebiet ausgedehnte Gesamtaktion im großen ganzen als abgeschlossen betrachtet werden kann, so stellte es sich doch inzwischen heraus, daß noch weitere E i n z e l m a tz- nah m e n in Aussicht genommen werden müssen und zum Teil schon im Gange sind, um das mit der Perfonalabbauverordnung zu erreichende wirt- schaftüche Ergebnis auch überall herbeizuführen. Die für die Ausführung verantwortlichen Stellen des Außendienstes werden in sorgfältiger Nachprüfung festzustellen haben, wo noch unge- eignetes Personal vorhanden ist und inwieweit vorhandene Kräfte noch entbehrt werden können«
Veutschez Reich.
* Auf dem sozialdemokratischen Parteitag, der iti Berlin stattfindet, sind Anträge eingegangen, de» Reichspräsidenten Ebert aus der Partei au§- zuschließen. Die Mitteilung von dem Antrag wurde vom Parteitag mit Pfuirufen gegen die Antragsteller aufgenommen.
* Die China-Deutschen. Wie das ,Berl. Tage- blattt mittellt, sind die Verhandlungen zwischen der Reichsregierung und dem Ostasiatischen Verein in Hamburg über die Entschädigung der Chinadeutfchen nunmehr zum Abschluß gekommen. Es ist ein Vertrag unterzeichnet worden, in welchem in 20 Paragraphen die Entschädigungsfrage geregelt wird. Die Ausführung des Vertrages ist abhängig von dem Zustandekommen des deutsch- chinesischen Abkommens. Da dieses Abkommen un- längst ebenfalls unterzeichnet worden ist, steht der Durchführung des Vertrages zwischen dem Reiche und den deutsch-chinesischen Interessenten nichts im Wege.
Der Staat find wir!
Adam Stegerwald schreibt:
Das deutsche Volk der Vergangenheit hat sich nie positiv in den Gedanken vertieft: Was i st der Staat? Biele sahen in ihm lediglich den Polizisten und Gerichtsvollzieher. Der Pendelschlag staatlicher Schicksalsereignisse geht nun fast immer zwischen zwei Punkten: entweder regieren im Staate ein Autokrat oder eine gewisse Schicht, die nicht selten sich als Staat auffaht und das Volk als Objekt.
Wir müssen den Staat als Pflicht auf fa ff en, als Gemeinschaft, der wir zu dienen haben.
Diese klare Erkenntnis stellt uns Ausgaben, die mit Phrasen nicht zu lösen sind. Die Schicksalsge- meinschaft, die der Staat sein 'muß, ist nur möglich durch die Autorität. Sie darf weder auf Despotismus noch auf Masieninstinkten beruhen; sie muß sittlich starke Persönlichkeiten zum Träger haben, die das Volk zum Subjekt der Politik machen, die aber, insbesondere in erregten Zeiten, sich nicht von jeder Tagesströmung hin- und hertreiben lassen. Durch solche Autorität allein ist im Innern Ordnung und Einigkeit zu schaffen, und nur so wird der Staat nach außen respektiert und frei und unabhängig m der Welt. Beides fehlt uns heute: Die innere Einigkeit und die äußere Freiheit. Und hier muß der nationale Erneuerungswille emsetzen, der darum ernsteste Betätigung sein muß. Die Autorität im Innern hat zur selbstverständlichen Voraussetzung, daß der Staat für sein reales Leben auch die Mttel hat, die er gebraucht. Ein großer Denker des Mittelalters hat gesagt, die Notwendigkeit des Staates fei schon allein durch wirtschaftliche Momente bestimmt. Darum mich jeder auch aus dem Ertrag seiner Wirtschaft und dem Erfolg feiner Arbest, die doch der Staat schützt und erst möglich macht, dem Staate geben, was ihm gebührt. Wenn daher heute z. V. viele Millionen durch die Wertbeftcmdigkeit der Mark in ihrer materiellen Existenz notdürftig ge- sichert sind und auch seelisch ihr Gleichgewicht wiedererlcmgt haben, so müssen sie denen, die unter der WertbeftäMgkeit und während der Gesun- dungskrisis, die wir durchmachen müssen, zu leiden haben — das sind besonders die Arbettslofen, Kinder, Greife ufw. — in Form von Steuern an den Staat, auch wenn sie drückend sind, und in freier Liehestäsigkeit an den Hungernden ihre Pflicht tun. Wir stehen heute vor der Frage: fall der Staat die Mark, stabil halten, und sollen wir die Opfer, die er für die unter der Stabilität vorübergehend in stärkerem Maße leidende Bevölkerung von allen wirtschaftlich Halbwegs Leistungsfähigen fordert, bringen, oder wollen wir zu einer neuen Inflation zmückkshrsn und durch sie alle zugrunde gehen?
Hier mutz die Schicksalsgemeinschaft des Staates, die wir passiv erleben, auch aktiv in der Tat zeigen: nicht die anderen sollen vorangehen (der Besitz natürlich sehr viel ftärter als das meist spärliche Ar- beitseinkmnmen), nicht nur die anderen sollen zahlen, nicht die anderen sollen sparen und den Notbedürftigen und Hungernden helfen, nein--
der Staat sind wir! Der Staat ist eine Gemeinschaft, die aus uns allen besteht, und der jeder von uns zu dienen hat; der Staat bin ich, ist jeder, wenn es gilt, ihm gegenüber Pflichten zu erfüllen.
* DieRegiernngsbildungin Bayern. Meldungen aus München zufolge ist der Versuch der deutsch- nationalen Landtagsfraktion, den Völkischen j Block an der Koalition und Regierungsbildung in Bayern teilnehmen zu lasten, als gescheitert anzusehen, nachdem die Bayrische Volkßpartei die angesetzte Führerbesprechung mit den Fraktionsvorständen der Deutschnationalen, der Völkischen und des Bauernbundes in letzter Stunde abgesagt hatte.
suchen, um meinen Lebensunterhalt zu sichern. Und ich habe darin so gar keine Erfahrung!"
„Erlauben Sie mir, gnädiges Fräulein, Sie meiner
aufrichtigen Ergebenheit zu versichern. Wenn ich Ihnen in irgend einer Weise nützlich sein kann, so —"
Sie nickte dankend.
„Vielleicht werde ich von Ihrer Güte Gebrauch machen, aber ich weiß noch gar nicht, was ich anfangen I soll, auf welche Art ich mir mein Brot verdienen könnte? I Bis jetzt war ich nur ein Luxusgeschöpf — nun; ich I muß es eben versuchen!"
Sie erhob sich und Doktor Schnell, der nicht aufdring- I sich erscheinen wollte, versuchte es nicht, ihr einen Rat I IU erteilen, um den er nicht gefragt wurde. Was hätte j er übrigens auch sagen sollen? Durste er Hoffnungen I m ihr erwecken, an die er selbst nicht glaubte? Er, der I vermöge seiner Erfahrungen nur zu gut wußte, welche I Schwierigkeiten sich einem hübschen verwöhnten Geschöpf I entgegenstellen, wenn es sich darum handelt, einen Er- I werb zu finden. Magda machte sich selbst über ihre I Zukunft keine Illusionen mehr; bei den wiederholten I Unterredungen, die Doktor Schnell mit ihr gehabt, war I C5 ihm nicht entgangen, daß sie Menschen und Dinge I mit einem skeptischen Scharfblick beurteilte, der bei einem I Mädchen ihres Atters seltsam schien.
Er verneigte sich tief, als sie ihm zum Abschied die I Hand reichend, jagte:
„Ich danke Ihnen, Herr Doktor, für die steundliche I Bereitwilligkeit, mit der Sie mir alle Aufklärungen ge- | geben haben und ich werde mir, wenn die Umstände es I verlangen, erlauben, Ihren Rat einzuholen, da Sie es | gütigst gestatten."
»Ich werde Ihnen jederzeit für Ihr Vertrauen dank- I bar fein, gnädiges Fräulein!" I
Nun war sie allein, ganz vom Dämmerlicht des etwas düsteren Treppenhauses umhüllt. Mechanisch blieb sie stehen und hatte sich am liebsten im Gefühl grenzenloser I Erschöpfung hinsinken lasten mögen, um zu schlafen, um I die quälenden Gedanken los zu werden, zu vergessen! * 1