JK 151.
Donnerstag. 5. Juni 1924.
--- Wnldaer Leitung
Hilfe für die Landwirtschaft.
Don Dr. Johannes Dierkes.
Die deutsche Landwirtschaft steht nach wie vor unter dem Drucke einer großen Not, und zwar ist sie Oceifacher Art; es ist eine Pr eiskrisis, Sleuerkrifis und K r e d i t k r i s i s.
1. Die Preiskrisis. Wer die Preise für landwirtschaftliche Produkte vor dem Kriege mit denen von heute vergleicht, der findet, daß sie in vielen Fällen nicht einmal den Friedenszustand erreicht Haden. Während seine Produkte unter Friedenspreis bezahlt werden, muß der Landwirt selbst für alle von ihm benötigten Bedarfsartikel "nd Produktionsmittel erheblich mehr zahlen als im Frieden; der Preisstand der landwirtschaftlichen Erzeugnisse beträgt im Durchschnitt 85 Prozent der Bor- kriegspreise, dagegen kosten die landwirtschaftlichen Bedarfsartikel (Maschinen, Kunstdünger usw) durchschnittlich 150 Pro ent der Friedenswerte, vereinzelt sogar 200—250 Prozent. Das macht natürlich die Rentabilität der landwirtschaftlichen Betriebe unmöglich. Trotz der niedrigen Preise der landwirtschaftlichen Produkte, weisen die Klei n- handelspreise für Lebensmittel in der Stadt eine außerordentliche Höhe auf. Worin diese Preissteigerung wurzelt, zeigt folgende Uebersicht: Ende April betrug der Preis pro Pfund in Berlin in Pfennigen bei:
Rindfleisch
Erzeugerpreis
Viehhof
GrobhandelSpr.
Kleinhandel
1913
42.75
43,50
72,54
89 00
1921
29,70
41,50
74,C0
90,00
Schweinefleisch
J013
53,50
56,67
70,31
90,00
1921
53,50
51150
75,00
120,00
Das heißt also: Rindfleisch ist durch den Zwischenhandel um 30,9 Prozent teurer geworden als 1913, obwohl der Erzeugerpreis um 30,5 Prozent unter den Friedenspreis herabgesetzt ist. Die größte Spannung entsteht auf dem Wege über den Großhandel. Nicht weniger als 32,5 Psg., d. i. 78,3 Prozent enthält der Großschlächter für das Pfund Fleisch mehr als der Viehhändler, so daß sein Friedensverdienst um 35,2 Prozent erhöht wird. Das ist um so bemerkenswerter, als hier noch die Verwertungsmöglichkeit der Nebenprodukte wie Häute, Fett usw. einen hohen Ertrag abwirft. Noch mehr erweitert wird die Spannung beim Schweinefleisch, das die beliebteste Fleischart der Berliner Bevölkerung ist. Der Erzeugerpreis ist derselbe wie 1913 und trotzdem ist die Spannung bis zum Verbraucher 82,2 Prozent größer. Das Schwergewicht liegt hier beim Kleinhandel, der an dem Pfund 45 Pfennig verdient. Das bedeutet gegen 1913 eine Zunahme von 25,3 Pfg. oder 128,5 Prozent.
Das gleiche Bild finden wir bei anderen Nahrungsmitteln wie Brot und Kartoffeln. Es wurden bezahlt für 1 Pfund in Pfg.:
JO E a xr E
E E <2 Ä
CO _E S* E 8g
Brot 1913 8,22 - — Proz. 14.50 76.4 Proz.
1924 6,79 — — Proz. 14,00 106,2 Proz.
Kartoffeln 1913 2,00 2.66 33,1 Proz. 3.50 75,0 Proz. 1924 2,7.5 5.20 89,1 Proz. 6,00 118.2 Proz.
Der Roggenpreis ist so gesunken, daß man in die 90er Jahre zurückgehen muß, um einen ähnlichen Preis zu finden, und doch wird die Spannung durch den Zwischenhandel um 14,8 gegenüber 1913 vergrößert. Die Kartoffeln bringen dem Großhändler einen Verdienst von 2,45 Pfg. pro Pfund, also 271,2 Prozent mehr als 1913, wodurch sich auch hier
f reißen. Der Warenmangel, die Angstkäufe, die , Flucht der Verbraucher aus der Papiermark in die Sachwerte hatten für den Händler jedes Risiko, auf den gekaufent Waren sitzen zu bleiben, ausgeschal- tet. Auf diesem Nährboden wuchs der Kettenhandel heran. Die Kette wird um so länger, je kleiner die Warenmenge und je größer die Zahl der Händler ist. Die Kette würde sich schon verdoppelt haben, wenn nur die Warenmenge sich nur um die Hälfte verkleinert hätte und die Zahl der Händler Vie gleiche geblieeen wäre. Wenn sich dazu nun auch noch die Zahl der Händler verdreifacht, so verdreifacht sich auch die schon einmal durch die Produl- tionsverminderung verdoppelte Länge der Kette. Mit anderen Worten: Der Weg der Ware vom Produzenten zum Konsumenten ist sechsmal so lang geworden, als er eigentlich sein dürfte. Als weherer verteuernder Umstand kommt hinzu, daß jedes Zwischenglied sich auch noch durch Preisaufschläge für den durch die Produktionsverminderung und die Konkurrenz verringerten Umsatz schadlos zu hallen sucht.
Aus diesen Verhältnissen erklärt es sich, daß die Spannung zwischen Erzeuger- und Verbraucherpreisen immer größer geworden ist. Der Produzent auf dem Lande ist aufs höchste erstaunt, wenn er von den hohen Preisen hört, die in der Stadt für seine Produkte bezahlt werden müssen, während er selbst davon nur einen geringfügigen Bruchteil erhält. Selbst der sozialdemokratische „Vorwärts" (Nr. 278) schrieb vor einiger Zest zu der Ueber- setzung des Verteilungsapparates: „Man kann aber den Landwirten in ihrer Allgemeinheit nicht den Vorwurf machen, daß sie das Volk hungern lassen, nur um verdienen zu wollen. Ein Vlick auf die im Großhandel bezahlten Goldpreise für Getreide, Fleisch und andere Waren zeigt, daß die größte Verteuerung der Ware nicht bei dem Landwirt beginnt, sondern erst im weiteren Verlaufe • der Verarbeitung und der Verteilung der landwirr- schaftlichen Produkte. Das muß um der Wahrheit willen festgestellt werden."
Die Preise der landwirtschafllichen Produkte sind in Deutschland unter die Weltmarktpreise gesunken. Das Ausland bedroht uns in stärkstem Maße mit seinen erheblichen Vorräten, die sich in den letzten Jahren angesammelt haben und noch vermehrt wurden durch günstigen Ausfall der Westernte von 1923.
Steuerkrisis: Die steuerlichen Lasten, welche die Landwirtschaft auf Grund der zurzeit geltenden Steuergesetze zu tragen hat, lassen sich jetzt schon genau überblicken.
Ertrags.lass- i n in iv v
AetnevSgr m d» 30-500 30-500 30-500 30-500 30-500 ,u i. n in iv v.
Ükatl 117,97-131,88 84,03-97,22 56,61-63,98 35,',8-40.59 20,30-23
Diese Lasten sind auf die Dauer natürlich untragbar; es wird eine der ersten Ausgaben des neuen Reichstages sein, nachzuprüfen, inwieweit die Landwirtschaft die Steuern wirklich tragen kann und sie ihren heutigen Verhältnissen wirklich anzupassen. Vor allem ist zu sordern, daß in der landwirtschaftlichen Steuergesetzgebung eine Vereinfachung vorgenommen werde. -
Heute wird nahezu jede Steuerart, Einkommen-, Umsatz-, Vermögenssteuer, Rentenbankgrundschuld, Grundsteuer, Landwirtschaftskammerbeiträge, Kreis- und Kommunalabgaben ufw. auf verschiedener Grundlage und nach besonderen Grundsätzen erhoben. Was bedeutet das für eine Verschwendung von Arbeitskräften bei den Finanzämtern, und welch unnützen Arbeits- und Zeitaufwand muß der steuerpflichtige Landwirt opfern, den er weit oor-
die Spannung um 116,7 Prozent erhöht. teilhafter seiner Wirtschaft zugute kommen lassen
Diese Lebensmittelverteuerung ist zurückzufLH- | könnte. So ist z. B. der Wert ein und desselben ren auf die große Zahl der Zwischenhändler. , landwirtschaftlichen Grundstückes bei der Einschäg- Jedes Zwischenglied ist bestrebt, von dem ver- | ung zur Reichsvermögenssteuer ein ganz anderer knappten Warenvorrat möglchist viel an sich zu als zur preußischen Grundsteuer. Vor allem muß
Iin der Frage der Umsatzsteuer eine Ermäßigung einsteten. Keine Steuer hat so tiefen Einfluß auf Wirtschaftslage und besonders Lebenshaltung nehmen können wie die Umsatzsteuer; so haben wir z. B. trotz niedriger Gesteidepreise hohe Brotpreise — ein Beispiel, dem üiele andere sich anreihen ließen. Dazu kommt, daß die Landwirtschaft im Gegensatz zu anderen Berufen diese Steuer nicht abwälzen kann. Hierher gehört als erste Forderung, daß das Steuerprivileg des Auslandsgetreides verschwinden muß, ebenso die Besteuerung des Eigenverbrauchs in den kleinbäuerlichen Betrieben.
Eine grundlegende Neuordnung muß auch m der preußischen Grundsteuer in Verbindung mit der Reichsvermögenssteuer eintreten; die zwei verschiedenen steuerlichen Grundlagen beim gleichen Der- mögensobjekt müssen sortfallen; anstelle der jetzigen Goldsteuer wäre hier am zweckmäßigsten eine Steuer auf Grund des jeweiligen Roggenpreises einzuführen, die so den jeweiligen wirklichen Verhältnissen sich anpassen würde und tragbarer wäre
K red i t kri si s: Von kompetenter Seite wird festgestellt, daß viele landwirtschaftliche Betriebe bis zur neuen Ernte auf Einnahmen nicht mehr zu rechnen haben, da alle Vorräte aus Geldmangel ab- gestoßen sind. Man bat die Düngergaben fast überall verringern und Diehverkäuse weit über das ordn' -gsmäßige Maß hinaus vornehmen müssen. Langfristige Realkredite sind heute nicht unter etwa 20 v. H. zu haben; kurzfristige Kredite sind nur schwer beschaffbar und noch viel teurer. Die Aussichten der neuen Ernte sind wenig günstig: die preußische Saatenstandsziffer für Roggen stellt sich aus 3,5, für Weizen auf 3,2. Da die Ernte sich außerdem erheblich verspäten wird, werden die Landwirte gezwungen sein, zur Abdeckung ihrer Schulden schnell zu dreschen und Getreide in Mengen aus den Mark zu werfen, was zu einer Senkung der Preise führen und die Gefahr vergrößern muh, daß viele Landwirte aus Mangel an Betriebsmitteln zur extensiven Wirtschaft übergehen, e:ne Gefahr nicht nur für die Landwirtschaft, sondern für die ganze deutsche Volkswirtschaft. Die fast einzige noch vorhandene inländische Kreditquelle, die Rentenbank, soll nach dem Gutachten der Reparationssachverständigen künftig nur noch insoweit fortbeftehen, als das Reich von ihr Kredit erhalten hat, während alle Schulden der Wirtschaft, auch der Landwirtschaft, bei Fälligkeit zurückgezahlt werden sollen. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit, und es muß für schleunige Abwehr gesorgt werden. Der Preußische Landtag hat sich in diesen Tagen mit der nicht länger zu tragenden Rot der Landwirtschaft beschäftigt: es liegt ein Ausschußantrag vor, dem schleunigste Annahme zu wünschen ist, wonach die Reichsbank nach ersogter Begründung der Goid- notenbank der freiwerdenden Rentenmarkkredite der Landwirtschaft in erweitertem Umfange zuführen und ferner die Zentralgenosfenschaftskasse in Zu- fünft die landwirtschaftlichen Kredite in einer solchen Zinshöhe erhalten soll, daß sie nur einen billigen, jÄenfalls aber keinen höheren Zinssatz als die Reichsbank von chren industriellen Kreditnehmern zu erheben braucht. Auch soll der der Landwirtschaft zustehende Anteil von 600 Millionen Sternen« markkredit in voller Höhe der ausübenden Landwirtschaft und nicht der landwirtschaftlichen Industrie schleunigst zugeführt, auch allen Landwirten Kredit zu den gleick-en Zinssätzen gegeben werden. Schließlich wird verlangt, daß die Ausgleiche der Preisdifferenz zwischen ^Betriebsmitteln und landwirtschaftlichen Erzeugnissen durch unverzügliche Herstellung der freien Wirtschaft gefördert wird und daß die Frachten für landwirtschaftliche Erzeugnisse herabgesetzt werden, unter erweitertem Ausbau des Systems der Frachtstundung auch für die Landwirtschaft. Ene weitere Erhöhung des Kopi-
3. Blatt.
Druck der Fuldaer Setten» rntferei ftt Fulda
tals der Preußischen Zentralgenossenkasse und ihre Reorganisation in dem Sinne, daß sie den kürzesten Weg vom Kreditgeber zum Kreditnehmer schasst, soll weitere Erleichterung bringen. Darüber hinaus wird es nötig fein, die Rentenbank fortbeftehen zu lasten und zu einer großen Agrarbank auszu- bauen, die in Verbindung mit den bisherigen Kreditinstituten, vor allem den Landschaften, den Realkredit wieder herstellt und die landwirtschaftlichen Pfandbriefe wieder zu e!nem in In- und Auslände begehrten Anlagepapier macht. Der preußische Landwirtschaftsminister hat diese Notwendigkeit in vollem Maße anerkannt.
Schließlich verdient der Beschluß des volkswirtschaftlichen Ausschusses des Reichswirtschaftsrates Beachtung, der sich vor einigen Tagen mit der Lage der Landwirtschaft be'aßt und ü'*ereinTam, die Einführung von Schutzzöllen auf Agrarprodukte zu empfehlen, lieber die Bedeutung von Sch'ib'öllen wird noch besonders ein« gehend zu reden fein.
Deutscher Bauerntag in Hamburg.
Aut dem diesjädri en Deutschen Bauerntai in Hamburg, der von ‘28 beutften Bauernvereinen der. anitaltei wurde und der von unoezäbNen Landwirten aus allen men Deutscblan >8 nut) aus dein utdaer Linde) besuch! war, wurden nachstehende Entschließungen gefaßt:
Tie Bauernvereine zum Sachverständigengutachten.
Das Zacbverlländi ennutachten vertan t vom deut, schen Volke Leibungen, bie in Einzelheiten noch über die Forderungen des ^riedensveriraaes von Versa» eS binausgeben. Wenn die un eheuren Lelsiun en, die das Sachver iändigen utatiten fordert, mehr oder toenicer erfüllt werden sollen, so ist dres nur möili.b, wenn die steuerliche und wirtschaftliche Ein. bett des ReiweS und der Länder in vollem Um» son e toieber'irftcnt lrird und erh llen bleibt. Dazu gehört tn erster Linie dte Befreiung derbesetzten Gebiete. Alle Bewohner, auch die der besetzten Gebiete, muffen wieder der p odukttven Arbeit für die Setuiat zueefiihrt werden. Rückkehr ter Gefangenen und AuSgewlesenen ift eine unbedingte Vorou-setzuna, um die Stuumun i in Deutschland tu erzeugen, die notwendig ist, um an die gewaltigen Leistungen heran- zugchen.
Die Bauernvereine und der Derwaltungsrat der Reichspost.
Bei der Umgestaltung der Neichspo st vermal- tun« wurde ein Derwallungsrat gebildet, dem zwei Der. freier der Landwirtschaft angehören. Die Bauernvereine haben mit Bedauern davon Kenntnis genommen, daß bei der Auswahl der beiden lnndwlrtlchaftlichen Vertreter für diesen Derwaltungsrot die Bauernvercinsorganisa innen, insbesondere auch Süd- und Westdeutschland, aus- geschaltet weiden. Diese Maßnahme ist nicht geeignet, das Vertrauen der Bauernvereinsmitglieder zu der Reichspostoerwaltung zu erhöhen.
Die Bauernvereine und der Meliorationskredit.
Die deutsche Rentenbank will durch Vermittelung bet Reichsiegierung den Ländern für Meliorationen und Kultivierungen einen Kredit von 30 Millionen Mark zu einen Zinsfuß von 6 Proz. zur Verfügung stellen. Dis Dereinigung der Deutschen Bauernvereine verlangt, daß diese Kredite vornehmlich für Meliorationen und Kults« vierunqen mit dem Ziel der Verbesserung, Schaffung und Vergrößerung bäuerlicher Betriebe gegeben werden. Diese Forderung ist um so mehr berechtigt, als von den bisherig-m Krediten der Rentenbank der Bauernstand verhältnismäßig wenig erhalten hat Daher verlangen die Bauernvereine, daß die Verteilung dieser Kredite auf die Länder und Provinzen zurchälftenach Flächen und zur Hälft, nach vorhandenem Oedland erfolgt.
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