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Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Skadl Fulda.

Nr. 129

Dienstag, 3. 3uni 1924.

51. Zahrg.

Verantwortlich iür die Schriitleitnng. Dr. Jobmined ft v a m e x. Anzeigen: I. P arreller. Fulda. Rotationsdruck und Verlas der " Fuldaer Actieudruckerei in Fulda. Fernkdrecher Nr- 9. %

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uldaerZntung

Reoolliec-MeM aus deu österreilh. BuuhesKanzler.

Prälat Dr. Seipel schwer verwandet.

Zusammentritt des

Wiener Parlaments.

Auf den österreichischen Bundeskanzler, Prälat D r. Seipel, ein Attentat gemacht worden. Dr. Seipel hat bekanntlich in einem Augenblick, als Oesterreich, in jeder Beziehung von den sozialisti­schen Erben des Kaiserreichs ruiniert vor dem Ab- grund stand, durch seine Energie, seine feine diplo­matische Geschicklichkeit und seine echt priesterliche Persönlichkeit es vor dem Schlimmsten gerettet und ans den Weg zur langsamen Gesundung geführt:

Es liegen folgende Meldungen vor:

»tb Wien, 1. Juni. Auf den Bundeskanzler Dr. Seipel wurde heute abend auf dem Wiener Südbahnhof von einem Passagier desselben Zuges, in dem der Bundeskanzler gereist war, ein Attentat verübt. D r. Seipel wurde durch einen ßungenschuß schwer verletzt. Der Täter Zevletzte sich bei seiner Verhaftung sewft durch einen 'Muß schwer. Ex ist noch nicht aernchm-migsfähig.

Der Täter.

Der Verüb« des Attentats auf den Bundes- fanzler Dr. Seipel heißt Jaworck und ift ein Spin­ner aus Pollendorf, lieber die Motive des Tä­ters zu dem Anschlag istnochnichtsbekannt. Der Bundeskaznler ist in schwer verletztem Zustande in das Wiener Krankenhaus gebracht worden. Der deutsche Gesandt« begab sich, sobald er von dem Attentat erfahren hatte, in das Spital, um sich nach dem Befinden des Bundeskanzlers zu erkundigen.

Der Vorgang bei dem Attentat.

Zu dem Attentat auf den Bundeskanzler Dr. Seipel wird noch gemeldet: Um 7 Uhr am Sonn­tag abends traf Dr. Seipel auf dem Südbahnhof mit dem von Wiener-Neustadt kommenden Zuge ein. Er verweil« auf dem Perron noch einen Augenblick im Gespräch mit dem Polizeikommissar und dem Bahnhofsoorstand. Während dieser kur- ,zen Unterhaltung fielen aus nächster Nähe zwei Schüsse. Der Bundeskanzler fragte die bei ihm stehenden Herren:Es hat wohl eben ge= knallt. Ist etwa jemand von Ihnen getroffen wor- benT"*"Ich"spüre nichts." Unmittelbar darauf er­

reichte er und wurde ohnmächtig. Sie Herren der Umgebung fingen ihn auf und brachten ihn sofort in das in der Nähe gelegene Krankenhaus.

Bon den zwei Schüssen, die auf den Bundes­kanzler abgegeben wurden, ift der eine ein S t r e if- fchuß, der andere ein Lungenschuh. Bei dem Lungenschuß ist das Geschoß im Körper stecken ge­blieben. lieber den Zustand des Verletzten kann ein abschließendes Urteil noch nicht abgegeben wer­den. Die Verwundung ist jedoch st h r schwer, wemi auch nicht tödlich.

Das Befinden Dr. Seipels.

wtb Wien, 2. Juni. (Tel.) Die erste 2Rel- öwng, daß Bundeskanzler Dr. Seipel bereits zweimal operiert worden fei. bewahr- ,Heitel sich nicht. Nach dem um Nlitkernachk äusgegebenen Bericht befindet sich der Bundes- kanzler bei vollständig klarem Bewußtsein, hat keine Schmerzen und stin Befinden ist rela­tiv günstig.

wtb iS j e n, 2. Juni. (Tel.) Heute früh 7 Uhr 30 Minuten wurde über den Zustand des Bundes­kanzlers Dr. Seipel folgender Bericht ausgegeben: Nach gut verbrachter Nacht allgemein zufrie­denstellend. Puls 96, Atem 25, Temperatur 36,7. Die Blutanfammlungen im rechten Anter- brppen sind nicht gestiegen, der Dlutauswurf ist sehr gering. Dr. Seipel muß absolute Ruhe halten.

Einberufung des Parlamente

wtb Dien, 2. Juni. (Tel.) Vizekanzler Frank, welcher Men aus einige Tage zur Er­holung verlassen hak, ist sogleich von dem vorge­fallenen verständigt worden, ftente nachmittag trifft er in Wien ein.

Gestern abend 11 Ahr fand ein Ministerrak statt, in dem, wie verlautet, eine Kundgebung und über die Einberufung des Parla­ments beschlosien wurde.

Die neue Richtung in Frankreich.

Poincarvs Rücktritt. Das Mißtrauen gegen Milterand. Die erste Kammerfitzung.

Am Sonntag war für das politische Frank­reich ein Tag von ungewöhnlicher Sensation. Um 10.30 Uhr vormittags übermittel« P o i n c a r e dein Präsidenten der Republik die Demission fernes Ministeriums.

Der Dsmisflonsbrief ist von allen Ministern unterzeichnet und hat folgende Wortlaut:

Nach der Entscheidung, die die Regierung am Tage nach den Kammerwahlen getroffen hat. ha- den wir Ihnen ine Kollektivdemission des Mni- steriums zu überreichen."

*

Der Vorstoß ge gen den Präsidenten der französischen Republik Mille­rs n d, der sich schon in den letzten Wochen ange» kündigt hat«, ist jetzt in den Fraktionssitzungen der Links-Parteien mit unerwarteter Wucht geführt worden. Nachdem sich bereits Sozialisten rmd re- publikanische Sozialisten m der schärfsten Form ge­gen ihn ausgesprochen hatten, haben auch di« Radikalen und Radikalsozialisten eine Resolution angenommen, die MAerands Verbleiben «n Amte alseine Verletzung des republikanischen Gewissens, als eine Quelle von Konflikten zwischen Regierung und Staatsoberhaupt, als eine konstante Gefahr für das gegenwärtige Regime" bezeichnet. Dieser Beschluß ist in der Fraktionssitzung, an der 115 Abgeordnete teilgenommen haben, einstimmig bei vier Enthaltungen angenommen worden. Nicht angenommen wurde der Antrag, daß kein Abge­ordneter der Linken das Mandat zur Regierungs­bildung von Millerand annehmen dürfe.

Die Besprechung der gesamten Linken, an der 303 Abgeordnete teilnahmen, hat die Refo- lution der radikalsozialistischen Partei gutgeheißen. An der Sitzung und Abstimmung haben teilgeuom- men 101 Sozialisten, 51 republikanische und unab­hängige Sozialisten, 136 Radifalsozialfften, 20 Mit­glieder der radikalen Linken und 5 unabhängige Kommunisten.

Die von den Parteien der Linken einstimmig an­genommene Resolution hat folgenden Wortlaut:

Die Fraktionen des Kartells der Linken sind in Anbettacht der Tccksache, daß Herr Alexander Mille - fanb, Präsident der Republik: in Widerspruch mit der Verfassung eine persönliche Politik getrieben hat, daß er osten für denWationalen Block Pattei ergriffen hat und daß die Polittk des Nationalen Blocks vom Lande ver- I urteilt worden ist, der Auffassung, daß das Der- s bleiben des Herrn Millerand im Elise« nicht nur das re- | publikanische Gewissen verletzt, sondern ' eine Quelle der Konflikte zwischen Staats­oberhaupt und Regierung, sowie eine beständige Gefahr für das gegenwärtige Regime bllden würde.

Ob mm Mille raub tatsächlich zurücktreten wirb, sit fraglich, da bei der Präsidentenwahl bekanntlich ' auch der Sena't ein Wort mitzusprechen hat.

*

Die französische Kammer ist am Sonn- ! tog feierlich eröffnet worden. Die Eröffnung-- ! rede des Alterspräsidenten, des 80jahr. i OUhiValstrzialistischeu Abgeordneten Pros. Pinard,

übte scharfe Kr itik anderPolitikder letz­ten Jahr e. Pinard stellte fest, daß die zurück - Kegenbe Legislaturperiode in erster Linie bestimmt worden sei durch die betrübende Tatsache, daß der Sieg Frankreichs nicht den Frieden zu geben vermocht hatte, da man vergessen habe, daß der Krieg nur dank der Hilfe der Alliietten ge­wonnen worden fei. Frankreich habe zweifellos ein gutes Recht auf die Wiedergutmachung der erlit­tenen Schäden, und es werde diesen Anspruch auch geltend machen. Aber zu diesem Ziel werde' es nur gefangen können, wenn es die Verbündeten auf sei­ner Seite habe, und unter der Voraussetzung, daß alle Abmachungen mit ihnen die Billigung des Völkerbundes haben. Frankreich wolle die Gerechtigkeit auf dem Wege des Rechtes, nicht auf dem Wege der Gewalt. Es wolle den Frieden, aber nicht einen Frieden, der hinter sich

1 Furcht und Haß lasse imb den Keim zu dem Gefühl der Rache und der Revanche in sich berge. Es wolle einen gerechten Frieden, der mit der Würde aller Völker vereinbar fei, einen definitiven und dauernden Frieden, der den K r i e g, die schlimmste Geißel der Mens chheit, für immer aus- schließe. Auf dem Gebiete der inneren Politik be­zeichnete Pinard als das schwerste Problem der Zu­kunft ine Lösung der finanziellen Schwierigreiten, die am schärfsten durch das starke Anwachsen der französischen Schuld von 223 Milliarden im Jahre 1919 auf 400 Milliarden zu Beginn des neuen Jahres gekennzeichnet werde.

Die Kammer, die die Rede Pmards wiederholt mit starkem Beifall unterbrochen hatte, ehrte den Alterspräsidenten durch eine herzliche Ovation. Ein kommunistischer Antrag, die Kammer zu ver­tagen, bis der Präsident der Republlk seine De- miffion gegeben habe, wurde als verfassungswidrig zmückgeroiesen.

Die nächste öffentliche Sitzung findet am Dienstag statt.

Millerands Absichten.

wtb P a r i s, 2. Juni. (Tel.) DieEre Nou- velle" will in der Lage fein, Mitteilen zu können, daß bereits gestern Anweisung erketlk worden fei, in aller Eile den Sitzungssaal des Songreffes von Versailles (in dem die Präsidentenwahl getätigt zu werden pflegt) herzurichten. Die Vertrauten des Elyfee behaupten überdies, der Entschluß Millerands sei schon gefaßt, aber er ß?- «uke sich feines Mandats erst zu entledigen, wenn die neue Sammer endgilkig tage. Der Präsident wünsche darüber hinaus auch die Stellungnahme des Senats, die njcht lange ausbleiben könne, da morgen Dienstag die demokratische Linke des Se­nats Zusammentritt. DieBotschaftdesPrS- s ide u keu werde aber wahrscheinlich am Don­nerstag nach der Uebernahme der fiammerprä- sidentschaft durch Paiuleve der Sammer zu- , gehen jj

Die Dauerkrisis in Berlin.

Traurig ttnb nieder drückend zugleich ist das parlamentarische Schauspiel, das wir jetzt wieder ar. rms vorüberziehen lasten muffen.

Die Not brennt uns auf den Nägeln, die Wirt­schaft weiß nicht mehr ein und aus. Wir befinden uns in einer Vertrauenskrise allerschlimmster Art. Ohne Vertrauen des Arrslandes keine Kredite, und ohne Kredite, darüber ift gar kein Zweifel, werden wir in vier Wochen die Wirtschaft zur Katastrophe bringen und wieder em Heer von 2 Millionen Ar­beitslosen haben.

Bei dieser Lage ist es geradezu frevelhaft, die Blicke nur nach innen und nicht auf die Schicksals­frage Deutschlands und Europas, auf die Rege­lung des Reparationsproble m's zu richten.

Das Zentrum kann für sich geltend machen, daß es in dem mehr als zweiwöchigen Wirrwarr die klare Linie der Außenpolitik niemals ver­lassen hat. Und der Reichskanzler Marx, der in diesen Tagen eine furchtbare Bürde tragen mußte und sie geduldig trug, trotzdem persönliche Trauer ihm durch einen Todesfall zu all dem Schweren noch zugefügt wurde (seine einzige Schwester starb im Kloster zu Köln), hat niemals das klare Ziel, das in restloser Einmütigkeit die Zenttumsfraktion des Reichstags stellte, das Ziel der Befreiung im= seres Volkes, das Ziel der Rettung des Vater­landes aus den Augen verloren.

Das ganze Schaffen und Streben der Zentrums- ftaktion des Reichstags und des Reichekanzlers Marx bei den Versuchen der Regierungsbildung war: Unter dem Zeichen der Fortführung der Außenpolitik für die Rettung von Rhein und Ruhr, für die Rettung der deutschen Wirtschaft, für das Wohl der Gesamtheit des Volkes zu wir­ken. Ein Verlassen dieser Linie kommt gleich einer Preisgabe des besetzten Gebietes. Die denkbar un­kluge Begründung der Deutschnationalen, mit der sie den Abbruch der Verhandlungen bemänteln, spricht ja ganz unbedenklich und leichtherzig die Urn- kehr des bisherigen, nur auf die Rettung der be­setzten Gebiete und des Landes gerichteten Politik aus.

Um des Vaterlandes willen! Das war die Parole des Zentrums auch bei den jetzigen Vorgängen. In dieser Parole fand auch der Reichskanzler Marx immer wieder die Kraft um den schier übermensch- sichen Anstrengungen und Opfern dieser Tage zu trotzen. Daß der Kanzler und daß die Zentrums­fraktion die Zügel in der Hand behielten und nicht den Dingen ihren Lauf ließen, der zur Katastrovhe hätte führen müssen, das wftd das deutsche Volk, wenn es erst einmal erkennt, was auf dem Spiele steht, zugestehen müssen.

Der ablauf der Krise.

_ Auf die in der Sonntag-Nummer mitpefeilte Er. klärung der Deut sch n att o n alen zur Kabinett?» bildung hat die Deutsche Volksparrei inzwischen eine Entschließung veröffentlicht, die be'agt:

Die Fraktion der Deutschen Volkspartei ist durch die Erklärung der Deutschnationalen bor eine völlia neue Lage erstellt worden. Sie stand bisher unter dem Ein­druck, daß die Deutschnationalen ebenso wie die Deutsche Volkspartei pewillt seien, unter Fortführung der Grundlinien der bisherigen Äußenpolitik eine Zusammenfassung aller Kräfte herbei­zuführen. Sie war zu dieser Annahme umsomehr bered)tifit, als die gesamte außenvolttische Lage und die Situation der deutschen Wtrtschaft einschließlich der Landwirtschast, namentlich in der Kreditfrage, die An­nahme und beschleunigte Durchführung des Sachverständigengutachtens gebieterisch erfor­dert, wober die Deutsche Volkspartei die Sicherung der polttffchen und Ehrenforderungen als selbstverständtich

Die Deutsche Volkspartei hat durch ihre Verhandlungs- fuhrer in den vergangenen Wochen unverrückbar an diesem Ziele festgehalten und ist in ihren Bemühungen unter Zurückstellung parteipolitischer mrd persönlicher Interessen bis an die äußerste Grenze des Möglichen gegangen. Durch die Veröffentlichung des deutschnationalen Beschlusses mit ,einer parteioffiziösen Kommentierung, insbesondere durch die Forderung einer Kursänderung in der auswärtieen Politik, sind diese Bemühungen der Deutschen Bolkspartei zur Fruchtlosigkeit verurteilt worden. Ihre Rolle als e h 11 i ch e r Makler hat damit ihrEndegeiunden.

Die Deutschnationalen haben sich veran­laßt gesehen, ihrer Kundgebung einen Kommen­tar nachzulchicken. Danach sollte sich die erwähnte Verlautbarung nicht gegen den Gedanken eines Bürgerblocks richten und die Verhandlungen nicht | als abgebrochen zu betrachten fein. Vielmehr habe

sie zum Ausdruck bringen wollen, daß sie Verhand fangen mit dem Reichskanzler Marx nicht fort« setzen könnten, daß aber andere Möglichkeiten erwägenswert feien.

*

Der Zentrumsabgeordnete Joos schreibt zu der Angelegenhest:

Nicht nur die Deutsche Volkspartei ist in Dem Ziel der Zusammenarbeit mit Den Deutschnationalen bis an die äußerste Grenze des Möglichen" gegan­gen. Auch die Zentrum sparte i. Ihre Orien­tierung war von allem Anfang an und in jedem Stadium eine rein sachliche. Darin war die Fraktion absolut einig. Die erforderlichen Ver­handlungen sind auch vom Zentrum aus mit einer wahren Himmelsgeduld geführt worden. Verständliche, nach einem scharfen Wahlkampf mit den Deutschnationalen wohl zu verstehende Empfin­dungen, wurden zurückgedrängt. Der Weg zum fachlichen Ziel sollte jederzeit frei sein. Weder an Formalien, noch an Personen sollte die Einigung der Parteien auf das sachlich Notwendige scheitern. Alles war vergebens. Je mehr die Deutfchnalionalen sich notgedrungen mit der Sache zu befassen hatten, um so deutlicher wurden ihre Versuche, der Entscheidung auszuweichen. Bis dann schließlich, mit einem Ruck, die über alle Maßen unbegreifliche Entschließung herauskam. Eine politische Torheit ersten Ranges.

Man erwartete eine Stellungnahme zur politi­schen Sache, und man las vonTirpitz-Lösung", Marx-Lösung",Stresemann-Lösung". Die Kurs­änderung, die außenpolitische, wird nicht nur an­deutungsweise berührt, sie wird feierlich gefor­dert. Der Beschluß rennt so alle politischen Mög­lichkeiten reihenweise über den Hausen. Politik der Unpolitik. Man sagt: die Vaterländischen V e r b ünde hätten wissen lassen usw. Sollte es wirklich so fein, daß unpolitische Nebeneinslüsse die Deutschnationale Volkspartei zu ihrer jetzigen ne­gativen Haltung getrieben haben, zu einer Haltung, die dem Land und dem Volke das versagt, was sie in chrer Rot brauchen: Konzentration im Notwendigen, in der vaterländischen Pslichtt ersüllung und wenn sie noch so bitter istt?

3m Reichstag

werden am Montag die Verhandlungen über Fr e i- lassung der politisch Inhaftierten sich vollziehen und man nimmt an, daß darüber eine vielstündige Sitzung hingehen wird. Dian will auf alle Fälle noch am 2)1 omag zu einem Beschluß kom­men. Die Angelegenheit ist in der Geschäftsord- nungs-Kommission des Reichstages bereits vorbe­reitet.

. Wie sich der Verlauf der Debatte über die R e- gierungsertlärung, die am Dienstag er­folgen soll, gestalten wird, ist auch im Augenblick noch nicht zu sagen. Man erwartet aber eine min­destens dreitägige Debatte. Frühestens Donnerstag abend, vielleicht erst Freitag, wird der Reichstag in die Pfmgstferien gehen können, die aber auch nur sehr knapp bemessen sein können.

lieber die weitere geschäftliche Disposition des Reichsrages herrscht eine Klarheit noch nicht. Die nächste Aufgabe nach dem Wiederzusammenlcitt wird aber fein, die aus dem Gutachten sich ergeben­den Maßnahmen vorzubereiten, lieber das Gut­achten selber und im besonderen über seine An­nahme oder Ablehnung wird gleichzeitig mit der Regierungserklärung entschieden werden. Er­hält die neue Regierung ein Vertrauensvotum, dann ist barm auch die Billigung der Außenpolitik der Regierung, die nach Lage der Dinge nur die Fort­setzung der bisherigen Außenpolitik sein wird, ein­geschlossen, gleichzeitig aber auch die Annahme des Gutachtens selber ausgesprochen. Erhält die Re- gieruttg dieses Vertrauensvotum nicht, dann wird sich n o ch v o r P f i n g st e n das Geschick die­ses Reichstages entscheiden.

.

Der preußische Landtag ist bis zum 24. Ium vertagt worden.

*

Wie der sozialdemokratische Parlamentsdienst meldet, sind deutschvöllifche Abgeordnete an das Berliner Polizeipräsidium mit der Bitte herange­treten, dem Abgeordneten Ludendorff ständig polizeilichen Schutz zu gewähren. Der Bitte sei entsprochen worden.

(England und Frankreich.

Herrioks Neissplan.

Herriot erklärte dem Pariser Berichterstatter desObserver" in einer Unterredung, wenn die Kammer ihm die Mehrheit gebe, so werde eine leinet ersten Handlungen eine Reise nach England fein, um persönlich mit Macdo- nalb Fühlung zu nehmen. Ein Zufammen- wirken mit England sei stets ein wesentlicher Teil semer Politik gewesen. Vor allem müsse England ihm helfen, die Beschuldigung zurückzuweisem daß eine Politik zum neuen Sturz des Franken bei­trage. Ueber seine Politik gegenüber Deutschland erklärte Herriot, er fei weiterhin der Ansicht, daß einer demokratischen Regierung jede ' Gelegenheit gegeben werden müsse, ihren Kopfhochzuhalken.

Die belgischen Wortführer.

Wie der Brüsseler Berichterstatter des ,^e:nps" meldet, wünschen die belgischen Minister Theu- n i s und Hymens sobald wie möglich eine Z u -

fammenfunft mit dem neuen französischen Ministerpräsidenten, um den Sachverständigenplan und französi ch-belgische Fragen über das Ruhr­gebiet zu bepredjen. Man nehme in Brüssel an, daß diese Zu ammenfunft gegendenlO. Juni ftattfinben .könne.

Englische Kritik an der Enkwaffnungsnoke.

Der LondonerObserver" schreibt, die Bot - schafterkonferenz habe durch die Absendung der Entwaffnungsnote im gegenwärtigen Zeit­punkt dem D a w e s b e r i ch t, der auf dem Pro­gramm Europas an erster Stelle stehe, während die Entwaffnungsnote augenblicklich von unterge­ordneter Bedeutung fei, keinen Dienst g e -

t e t. Das Blatt erwartet jedoch die Annahme - ^richts durch den Reichstag, da die Deutsch- mlen nicht die Macht hätten, etwas anderes ui seine stelle zu setzen, und da über die Haltung Englands und über das Urteil Amerikas fein v)®-,etfelgelaffen worden fei für den Fall, baff das Werk der Sachverständigen durch Deutsch­land zerstört werden würde.