Christi Himmelfahrt „ntz der Menschheit Verns.
Don I. Gemme! S. J.
(Hjriftus entzieht sich den Jüngern und der Mensch- __ scheinbar; m Wirklichkeit wandelt er in seinem gmftHcfjen Leibe, der Kirche, weiter über die Erde, sichtbar. Wie die weisesten Erzieher, die in Weckung •J Freude der Selbsttätigkeit ihren höchsten Triumph leben, überläßt Christus der Menschheit sein Erlösungswerk,' bis zu den höchsten Aufgaben des Priestertums. Das Gesetz der Schöpfung scll nun auch in der Erlösung gelten: Die „zweiten Ursachen" wirken; die erste, göttliche Ursache verhüllt sich; selbst die tiefsten gewaltigsten Naturkräste, der ersten Ursache gleichsam am nächsten, hüllen sich in Unsichtbarkeit. So tritt nach ^r Himmelfahrt die Menschheit aus di« Bühn«, von Jubel geschwellt über die himmelhohe Aufgabe, di«
zuteil geworden.
Nun soll das größte Spisk der Menschenkinder beginnen, die Vollendung der Schöpfung und Er- lösung. Der Segen des Himmelsahrenden über seine Jünger und über die ganze Erde bedeutet: Ich werde tei euch bleiben!
Die Vollendung der Erlösung, dieser Beruf der Menschheit, die sich so von neuem in ein Paradies, ein geistiges Paradies, zu seiner Bebauung versetzt steht, ist niästs anderes als die Erhöhung der gesamten Mensch, heit zum mystischen Leibe Christi, um so die Gegenwart des Himmelfahrenden auf Erden immer fühlbarer zu gestallen, den Himmel auf die Erde zu ziehen; eine immerwährende unsichtbare Menschwerdung, ja Menschheit- werdung Gottes soll die Gottwerdung der Menschheit anbahnen. Kein Zufall, daß fr« gern Geist« Gottes durchwaltete Liturgie in der Digll des Festes Christi Himmelfahrt den hl. Paulus die Lehre von der Kirche und der für sie bestimmten Menschheit als einen geistigen Organismus, einen unzerreißbaren Gttteskeib, mit Christi Gliedern als Teilen, verkünden läßt: Der gefangene Apostel mahnt de Epheser-Laodi- zener und alle Zeiten, „würdig zu wandeln des Rufes, der euch getroffen, mit aller Demill und Milde, mit Langmut, einander ertragend in Liebe, eifrig bestrebt, die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens. Ein Leib imd ein Geist, wie ihr auch berufen wurdet in einer Hoffnung, die dem Rufe entspricht: ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen . . * Das Geheimnis aller Schönheit, dem grö^tm göttlichen Künstler entsprungen, durchwaltet auch diese weltumspannende geistige Schöpfung; das Gesetz der reichsten Mannigfaltigkeit in einer unentbehrlichen, unberührbaren Einheit. „Und so gab er die einen", fährt der Apostel nach der starken Betonung jener Einheit fort, „als Apostel, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere a's Hirten und Lehrer, um die fi eiligen -mm Werke des Dienstes hsrzurichten, zur Erbauung des Leibes Christi; bis all« zur Einheit im Glauben und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zur vollen Mannesreife, zum Altersmaße für die Fülle Cbrifti . . ., in Liebe in allen Stücken zu ihm hinwachsen, der das Haupt ist — Christus. Von ihm aus wird der ganze Leib zusammengefügt imd zusam- nrengehalten durch jedes Band, das da Dienste tut nach der Kraft, d'e dem Maße eines jeden einzelnen Telles entspricht, und so vollzieht sich das Wachstum des Leibes zur eigenen Erbauung in Liebe."
Das Samenkorn Christi, au s dem Krsuzeskmden emporgesprosten, ist wunderbar in dem zweiten Paradies auf gegangen. Der Senfbaum der Kirche überschauet alle Länder, und in ihm wohnen die Vögel des Himmels, die sich sonst befehdenden Nationen, Stände, die aufgeklärtesten Menschheitsgeister wie das einfältige, gottnächste Kind finden hier ihre natürliche, g^ttgegebme Heimat. Unsere Zell, in der gerade die gesellschaftlichen Probleme und Spannung mnerstaat'icher und internationaler Art weithin Ruinenfelder geschaffen haben dort, wo man sich den segensreichen Gesetzen und dem Blutkreislauf d s mystischen Leibes Christi nicht imterworfen hat. sieht zu gleicher Zell in der katholischen Kirche einen Organismus, der nun schon Iahrtmrtend» hindurch allen sonstigen morphologischen Gesetzen des Ausblühms und Absterbens des Kulturen zum Trotz mit jugendlicher Kraft sich immer wieder anschicki, neue Völker und Kulturen seiner, unverwüstlichen Lebenskraft zu vermählen und ihnen di« Weisheit der Jahrtausende und der lieber» natur zu übermitteln. Gerade unsere Zell steht flau» nend vor diesem Chor der Nationen, der an das Alleluja der Menschheit, von dem Laktantius träumte, erinnert. Einheit, kein« Einerleihell; naturkräftigste Mannigsa!'- llgkeit, und doch ein blauer Himmel der Lehre, der Gnad-, der Leitung überspannt sie alle. Da kann jede kleinste Diözese ihr Proprimn Dioeceseos bewahren mit den lieben Heiligen und Festen der Heimat und der Geschichte; auch die Gebete und Lieder der Stammes» art dürfen im Gotteshaus erklingen und hn trauten Heim; nie empfindet der katholische Beter und Sänger seinen Gottesdienst, die Kirche ate etwas Stammesfrem- des, als etwas „Ultramontanes". Und doch wieder trifft der katholische Christ auf dem fernsten Eiland, in der unbekanntesten Sprache seine Heimat wieder, er er»
kennt in der Wandlung seinen Gott, er sucht kein Sakrament vergebens. Konnte Paulus sich die „Einhell des Geistes", „einen Glauben, eine Taufe" vollendeter für die fernste Zukunft träumen? Diese nunmehr schon ungefähr alle Völker und Kulturen umspannende Menschengemeinschaft, die unverglrichüch die erfahrungsgemäß jede Gemeinschaft sprengenden Spannungen zu überbrücken verstanden hat und versteht, die mll dem em- heitüchen Blutkreislauf eines lebenden Organismus vor uns steht mit wie mit einer Seele, mll einem Herzen, mll einem Antlitz: Sie ist das soziologische Wunder der Menschheit. Und alle di« schrecken- erregenben innerstaatlichen und internationalen Spannungen werden keine Lösung erfahren als nur durch allmähliche Angleichung und Annäherung an dieses soziologische Wunder, dieses Gottesgesetz der MenschlMs- entwicklimg. O Mensckchell, im ganzen wie im einze'nen strahlenden Ebenbild Gottes, berufen, Christi Gottesleib zu werden, magst du nie dich zeigen in einer Zell, da dieser Leib mit Dornen gekrönt, gegeißelt, kreuztragend zu Boden liegt?
So möge denn der Segen Christi auch das fernste, das imfreiefte, dos unterdrückteste Volk treffen! Auch wir Deutsche wollen bes Auffahrenden Segen mit gierigstem Herzen mffnehmen, zuversichtlich hoffend, daß wir an seinem mystischen Leibe einmal würdig Anteil haben und alle imser« Gottesgaben zmn Heile der Menschheit zu entfalten Gelegenhett erhalten werden.
Ostern in Rom.
Don Rektor Ignaz Solle« Fulda.
V.
Am Dienstag in der Karwoche begann ich mein Tagewerk früh in der Kirche der Anima. Hier sind gerade PriesterererMen. Die Anima ist voll von Priestern, in der Kirche folgt an allen Kl ären Messe auf Messe, es fehlt an Meßdienern und da hilft, wer kann. Em alter Herr dient sogar an zwei Altären zu gleicher Zeit. Es ist ruhig und feierlich in der Animakirche wie in einer deutschen Kirch«. Unter den vielen Grabmälern in derselben interessierte mich am meisten das des letzten deutschen Papstes, Hadrian VI., gestorben 1823. Als kostbarste Reliquie befindet sich hier außerdem ein Arm der HL. Barbara.
Unmittelbar neben der Animakirche liegt die Kirche Santa. Maria della Pac«, welche Papst Sirius IV. in Erfüllung eines Gelübdes 148? erbauen ließ zum Andenken an einen glücklichen Frieden mll den Städten Mailand, Florenz und Neapel. Sie ist ein achteckiger Kuppelbau und besitzt als besondere Kunstschätze die Sybillen und Propheten von Raffael und einen Kloster- gang von Bramante. Bon den Römern wird S. Maria della Pace viel besucht, namentlich von Ehepaaren am ersten Tage nach der Hochzell. Sie beten hier um den dauernden Frieden im Ehestand, und der alteingesessene Römer läßt nicht von dieser löblichen Sitte.
Ich muß mich heute auch bei der römischen Fremden- pdlizci anmelden. Da diese nicht vor neun Uhr geöffnet ist, so habe ich noch viel Zeit und besuch« am Wege liegende berühmte Kirchen: Sankt Agnes an ber, Piazza Navona, an der Stelle erbaut, wo die Heilige in einer Lasterhöhle, in dis man sie gezerrt hatte, zur Sünde verführt werden sollte, aber von einem Engel beschützt wurde. Sant’ Llgnese gegenüber liegt San Giacomo. Nicht weit davon, durch einige Straßen getrennt, sind die Kirchen Ludwigs des Heiligen, Königs von Frankreich, und des hl. Kirchenlehrers Augustinus'. In Sant' Agostino ist das Grab ferner Mutter, der hl. Monika. Mein Weg führt mich zum Pantheon, jenem berühmten heidnischen Tempel, der allen Göttern geweiht war. Cs ist ein eigenartiger, imposanter Kuppelbau, der sein Licht durch eine einzige große Oeffnung oben in der Kuppel empfängt. Das Pantheon wurde von einem Verwandten des Kaisers Augustus, Markus Agrippa, einige Jahre vor Christus erbaut. Viele Kostbarkeiten besaß der Tempel, die aber mit dem Sturze des Heidentums, a’s di« Wege zu den Göttern verödeten, teils zerstört, teils gestohlen wurden. Vom Kaiser wurde der Bau einem Papste übergeben, der aus ihm eine christliche Kirche machte und sie der Muttergottes und allen Märtyrern weihte. Ein späterer Papst, Urban VIII., ließ aus dem Bronzegebälk der Säulenvorhalle 1632 die Säulen und den Baldachin über der Konfessio in der Peterskirche Herstellen. 3m Pantheon ist das Grabmal Raffaels. Heute ist die Kirche eine Art Nationalheiligtum des modernen Italiens. Es ruhen darin die beiden ersten König« des neuen Königreiches, Viktor Emanuel und Humbert. Vor jedem der erhöhten Sarkophage, die mll den italienischen Landesfarben drapiert sind, etwas, was nicht in den Bau paßt, steht ein Tisch mll einem großen Ehrenbuch darauf. Altgediente Soldaten und je ein Offizier mit ordenbesäten Uniformen reichen dem königstreuen Italiener mit würdevoller Grazie und feierlicher Miene die Feder, auf daß er sich eintrage in die Liste echt nationalgesinnter Staatsbürger. Recht so! Aber der Italiener dem Könige, dann der Römer dem Papste! Der Papst darf kein Gefangener in feiner Stadt fein. Solange das der Fall ist, kann sich kein Rechilichdenkender mit den heutigen politischen Verhültnisien in der Papststadt aussöhnen. Daß Italien
geeint ist, muß als Segen für das Land bezeichnet werden. Daß dies aber auf Kosten der universellen, der katholischen Kirche und der Freiheit ihres Oberhauptes geschehen ist, wird sich rächen, wie sich 1918 an den deutschen Fürsten und ihren Helfershelfern das vor vierzig Jahren begangene Unrecht des Kulturkampfes und die vor 100 Jahren in der Säkularisation vorgenommene Masienberaubung der Kirche gerächt hat. Die Geschichte lehrt es auf jeder Selle: wer widerrechtlich von der Kirche aß, mußte am Gen offenen bersten wie der Götze Baal, dem der Prophet Daniel Klumpen von Haaren, Harz und Pech in den Rachen geworfen hatte.
Im Pantheon brennt keine ewige Lampe, weil das Allerheiligste dort nicht im Tabernakel aufbewahrt wird; Christus kann dort nicht faframeniaü wellen, wo die Gegner feiner Kirche eine rein irdische Ruhmeshalle hergerichtet haben. Hinter dem Altgöttertempel, das wäre dis Ueberfetzung des griechischen Wortes Pantheon, erstreckten sich roenläufig und großartig angelegte Bade- einritatungen mit allem „Komfort der Neuzeü", mit warmen und kalten Bädern, Licht-, Luft- und Schlammbädern, Rasieren, Frisieren, Maniküre und Pediküre. Der Römer des augustäffchen Zeitalters kannte Luxus und üppiges peben und hatte auch das nötig« Geld, um sich das leisten zu können. Eine moderne Großstadt mit ihren Eifengerippen und Betonbauten muß doch eine armselig« Stadt gegen dieses Rom fein, selbst^ wenn sie Siegessäulen und -alleen hat. Doch weiter! e>anta Maria sopra Minerva, das ist die Kirch«, die auf dm Fundamenten eines Minervarempels aufgebaut ist, die einzig« gotffch« Kirche von den ätteren und größeren Kirchen Roms, 1280 erbaut. Unter dem Hochaltäre ruhen die Gebeine der hl. Katharina von Siena und in einem Gange befindet sich das Grad „des seligen Malers der Seligen", Fra Angelika da Fiesole. Sant’ Jgnazio mit anstoßenden großen Gebäulichkeiten ist die Kirche mll den drei jugendlichen Heiligen des Jesuitenordens, deren Leichnam in kostbaren Särgen unter den Altar ischen ruhen; es sind der hl. Aloysius, der hl. Stanislaus Kostka, der hl. Johannes Berchmanns. Seit seiner vor etwa zwei Jahren erfolgten Heiligsprechung ruhen auch hier die Gebeine des hl. Kardinals Bellarmin, des Beichtvaters des hl. Woysius. Man sieht den Glasschrein mit dem darin ruhenden Heiligen, der mit dem Kardinalspurpur geschmückt fft, links vom Allar des hl. Aloysius auf erhöhtem Postament stehen. In den erwähnten umfangreichen Gebäuden war die Gregorianische Universität, deren Lehrstühle die Jesuiten innehatten. Bei der Okkupation Roms 1870 hat sich die neue Regierung diese Gebäude angeeignet und darin die Nationalbibliothek eingerichtet. Wer die Macht hat, nimmt sich das Recht, muß es heutzrllage heißen, wenn man all das Unrecht sieht. Man fog1, Schiller habe zum Lob« und Preise der bekanntesten Stationen seinen Dramen geschrieben: für die tapferen und treuen Schweizer Wilhelm Test, für die Franzosen die Jungfrau von Orleans, für die Spanier Don Karlos, für di« Engländer Maria Stuart, für die Böhmen Wallenstein, für die Italiener die Braut von Messina. Bleibt noch übrig „Die Räuber!" Die seien für die Preußen und Piemontesen beschrieben, sagte mir der Franzose, der mir diese Geschichte vor 21 Jahren erzähl«. Er behauptete mir nebenbei, sie, die Franzosen, seien in so kleinen satyrischsn Erzählungen vorbildlich. Für die Piemontesen stimmt die Erzählung heute noch, während für Preußen und Deutschland eher Wallensteins Lager paßt.
Der ehemaligen Gregorianischen Universität gegenüber liegt die Polizeipräfektur. Ich meldete mich nach Vorschrift und traf dort meinen Freund. Wir nahmen Linie 1 und fuhren in den Vatikan, um die Sammlungen dort zu sehen. Der folgende Tag war für die Katakomben bestimmt, die drei letzten Tage der Karwoche und die Dftertage waren die Museen geschloffen; darum mußten wir heute gehen. Stimm eine groß« Kunstgeschichte her, meinetwegen Kubns sechsbändiges Werk und blättere es durch unb darin stelle es wieder an seinen Platz mit dem Vorsätze, das nächste Mal gründ llher zu arbeiten. So haben wir es gemacht, weil wir nicht anders tonn'en. Vier Wochen reichen nicht aus, um alle di« Kunstschätze richtig zu sehen, di« in den vatikanischen Sammlungen ausgestellt sind. Darum muß man wenigstens ein halbes Jahr dazu haben, wenn man einigen Nutzen Heimtragen will. Für Künstler ist der Vatikan eine unergründliche Fundgrube, sagte mir mein Laienverstand. Am meisten zog es mich zur Sixtinischen Kapelle, ehe ich nur etwas davon gesehen hatte, und vom Gesehenen haben mich bei der Schnelligkeit der Besichtigung zunächst am meisten interefliert die Handschriften in der Doppelhalle Sixtus V„ besonders eine Bibel aus dem 4. Jahrhundert, Handschriften des hl. Thomas von Aquin, das Buch des Königs Heinrich VIII. von England zur Verteidigung des Glaubens, ein Dante Göttliche Komödie, ein Brief von Luther, eine Hands hrift von Petrarka und Skizzen und Entwürfe von Michel Angelo und Raffael. Auch habe ich die .Gänge mit den alten Landkarten und den großen Wandteppichen noch gut in Erinnerung. Das was mich am meisten anzog, die Sixtinische Kapelle, hat mich jedoch enttäuscht. Zu der konventionellen Bewunderung, welche sich bei vielen in einem maßlos erstaunten Gesicht mit herabhängendem Unterkiefer ausdrückte, konnte ich mich nicht empor» schrauben. Ich habe nur gedacht: „Besonders freundlich sieht der Raum ja nicht aus, in dem die Kardinale ans aller Welt Zusammenkommen und den neuen Papst wäh
Zuldaer Zeitung Nr. 126
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Zur Unterhaltung.
len." Die Kapelle machte einen etwas düsteren Eindruck. Sie ist fein Bilderbuch .sondern eine christliche Lebens- Philosophie und das jüngste Gericht fft eine unvergleichliche Problemlösung: Wozu sind wir auf Erden? Doch eine ganz gewöhnliche Neugierde verdrängte diese em» sten Gedanken und ließ mich die Oeffnung in der Mauer suchen, durch die den im Konklave Versammelten das Essen gereicht wird. Ferner hat es mich gestört, daß in der Kapelle ein Betrieb und ein Geräusch war wie im Vestibül eines Theaters. Hier war tatsächlich internationales Publikum. Nebenbei sei bemerkt, daß das Allerhei'igste nicht in der Kapelle aufbewahrt wird. Ich bin offen und ehrlich genug, meine profanen, vielleicht trivialen Gedanken zu verraten. Auf den Essenschalter wurde ich eigentlich gebracht durch die Frage zweier Engländerinnen, die mich offenbar für einen Landsmann hielten. Sieben uns standen ein paar Japaner und voltigierten mit Hilfe von Spiegeln, die man am Eingang der Kapelle gegen Entgelt geliehen bekommt, die Deckengemälde in ihre Augen. Ich stand in verschiedenen Ent- femungen vor dem Jüngsten Gericht. Um dieses Ko- lossalgemälde in seiner Gesamtheit zu erfassen, muß man entfernt stehen, bann aber verschwimmen für einer- Kurzsichtigen die Einzelheiten. Die Gemälde sind alle auf die nackte Wand — a fresko — gemalt und haben sehr viel von ihrer Frische und Farbenpracht verloren. Nuy, ich hoffe, bei einem späteren Besuche werden mir die Wunder der Sixtinischen Kapelle offenbar werden, wie sich dem Danielejer auch erst die Schönheit der Göttlichen Komödie mehr unb mehr enthüllt, je öfter er das Gedicht durchlieft. Soviel steht fest, gute Reproduktionen all dieser berühmten Bilder und Skulpturen sieht man jetzt mit ganz anderen Augen und mit mehr Verstände nis an.
Bis 2 Uhr sind die Sammlungen geöffnet. Nm 4 Uhr waren wir schon wieder am anderen Ende Roms, in San Paolo fuori le Mura, Sanft Paul vor den Mauern, der Kirche mit den hundert Säulen. Sie liegt ziemlich wett außerhalb Roms an der Landstraße nach Ostia und wird von der fßiava Venezia am schnellst m mit der Linie 5 erreicht. Man fährt am Fuße des Avantin hin, auf dem die Benediktiner-Erzobtei Sont Ankelmo liegt, wo der Generolabt residiert, gegenwärtig Freiherr von Stotzingen, ein Deutscher.
Die Kirche des hl. Paulus, über feinem Grabe errichtet, ist in ihrem Innern einzigartig, ein Waid von Starten, eine wunderbare Einfachheit, eine unbeschreibliche Pracht. Kommen und fetzen! Im Kreuzhang neben der Kirche mit sich anschließendem Benediktinerkloster äußerte sich mein Freund: „Hier möchte ich schon mein Leben im Klosterfrieden verbringen!"
Eine halbe Stund« von der Kirche entfernt, weiter von der Stabt weg, ist der Ort, wo der hl Paulus ent- bauptat wurde. Ms das Haupt auf dem Erdboden dahinrollte, entsprangen an der Stelle drei Ouellen. lieber denselben wurde später eine Kirch« errichtet, daneben stehen nach zwei andere Kirchen. An bi« eine schließt sich ein Travpistenktaster. Gegend, in der das Ganze liegt, ist die öde Kampagna und gerade hier war es inforge der Sümpfe ungesund zu wohnen. Die Trappisten feg'en die Sümpfe trocken und schufen besonders durch Eukalyptusanpllanzungen eine Oase in b:r Wüste. Tre Fontane heißt dieses stille Fleckchen Erd). Unter seinen schattigen Bäumen habe ich mich von den An- ftrengunaen des Tages ausgeruht, denn sovi-l wie an diesem ist mir an keinem andern Tage meiner Rese aeboten worden. Mein Freund betate imterd sson in der Klosterkirche sein Brevier. Neu gestärkt an Körper und Geist verließew wir das idyllische Blätzchen mit dem Dorsake, jedem seinen Besuch zu empfehlen. Der Heimweg führte uns über einen Hügel, von dem aus w r einen herrlichen Blick über das T'beritt unb die Stabt hatten imd der mit «’nem sauberen Wirtshaus gekrönt war. Ein schattiger Garten^ lud zmn Sitzen ein. Wir entdeckten aber im ersten Stock ltas Haukes eine noch schönere Veranda, ließen uns von der Dam- des Hauses, einer wahrhaftigen Juno, einen feurigen Vino bianco geben, gokdoelb wie das Sonnenlicht des sich nahenden Abends. Dir wurden fröhlich, wir schwärmten, aber wir fangen nicht — und das war gut. (Forts, f.)
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