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FuldaerZertung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die 5kadl Fulda.

Sonntag, 18. Mai 1924

Nr. N7

51. Zahrg.

enttiflen»Vreiie: Rteimetle (Uetonei) lotai u.16 ®o bmati. auZwLltl 0L0 Bo.dmsrk. Reklame,eilt lokal 0.60. Soldwark

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Berantwortlikb >ür bie ELritUeitima: Dr. Jobanner Ream er. Anreisen: I- V arretier, Nulda. Rotat onkdruck und verlas der 2 Fuldaer vetlendruckerei in Fulda. Fernldreeber Nr. 9. >

Beruarvrel» sirvvr I> vostbestevuna 1.80. Stadtberns 1^0Mk.

lAMMWWlWeMWIVM.

Im Reichstag traten die Führer der Par­tien der Mitte: des Zentrums, der Deutschen iolkspartei und der Demokraten, zu einer ver­daulichen Besprechung über die schweben» politischen Fragen zusammen, an der auch ne° pn dem Reichskanzler Marx di« Minister itresemann und Dr. Brauns trÄnahmen.

Au der Besprechung teilen die Blätter mit, daß § bei der Besprechung vertretenen Fraktionen ihre altung gegenüber den Deutsch» ationalen in der Frag« der Rsgierungsbil- Mg davon abhängig machen wollen, wir diese h zu den außenpolitischen Fragen stellen werden, em „Lokalanzeiger" zufolge soll davon die Rede nvesen sein, daß die bürgerlichen Mittelparteien n außenpolitisches Programm ausarbeiten, das zur jrmrdlag? der bevorstehenden Verhandlungen itt den Deutschnationalen dienen könnt«, tic Besprechung habe weiter ergeben, daß der ®e- gmfe der Bildung einer Fraktionsgemeinschaft der Mtte nicht mehr durchführbar sei, nachdem die Frak- ■ion der Deutschen Volkspartei den Gedanken als unausführbar abgelehrrt hat.

Die Parteiführerbesprechungen sollen am Mon­tag fortgesetzt werden. Inzwischen werden innerhalb L«r einzelnen Fraktionen Beratungen tottsinden.

Der Reichstag

grnfaßt nach dem nun vorliegenden amtlichen Endergebnis insgesamt 472 Mitglieder, die sich wie folgt auf die einzelnen Parteien verteilen:

Bereinigte Sozialdemokratische Partei 100, Deutschnationale Volkspartei 96, Zentrum 65, Kommunisten 62, Deutsche Volkspartei 44, Deutsch- völkische Freiheitspartei 32, Deutsch-Demokratische Partei 28, Bayerische Volkspartei 16, Bayerischer Bauernbund 10, Landliste 10, Deutsch-5)annoversche Partei 5 und Deutsch-Soziale Partei 4.

Die G e s a m t st i m m e n z a h l des Zen­trums betrögt 3 920 798.

Enüiich Zuhrung!

Aus dem Reichstage wird uns geschrieben: Die Erklärung der Reichsregierung, daß sie sich richt von chrem Platze wegdröngen läßt, und daß sie somit entschlossen ist, pflichtgemäß die ihr über­ragen«, Regierungsgeschäft« nicht vor dem Zu- chmmentiitt ds Reichstages aus der Hand zu geben, zeigt endlich die stark e F ü h r um die wir in unserem politischen Leben so dringend nouvenidig haben.

Man Hot bei uns das parlamentarisch« System bisher viel zu sehr formalistisch aufgefaßt. Die Re­gierung wurde als nichts anderes angesehen als der Vollzugs-Ausschuß des Parlaments. Daß dies ge­schah, hat so manche führerlose Epoche mit all ihren verderblichen Rückwirkungen nach innen und außen verschuldet. Bet der geringen Zeitspanne d«s Be­standes des parlamentarischen Systems bei uns zu- lande war es ja an sich erklärlich, daß man sich ängstlich an bie starren Formen hielt und darüber vergaß man, daß die erste Aufgabe einer Regie­rung di« Führung ist.

Es machte nach all dem Dorangegangenen schon einen sehr nachhaltigen Eindruck im Volke, daß die Regierung Marx sofort dies Führerprinzip be­tonte und anwandte. Darum schickte auch die Re­gierung Marx den Reichstag nach Hause, als sie keine Möglichkeit sah, mit chm die zur Erfüllung der unerläßlichen Aufgaben notwendigen Ma^ nahmen zu treffen.

Darum aber kann und darf di« Rcgienmg Marx-Stresemann auch jetzt nicht ohne wei­teres die Zügel aus der Hand geben. Das darf nmfo weniger geschehen, als die entscheidende Frage, um die der Wahlkampf ging, außenpoliti­scher Natur war. Und für dies« außenpolitische Einstellung der Regierung Marx-Stresemann hat sich, wie ganz unzweifelhaft das Wahlergebnis zeigt, immer noch eine recht erhebliche Mehrheit des Volkes ausgesprochen, die mandatsmäßig die ge­samte Opposition tm Reichstage übertrifft. Darum ist es geradezu Pflicht der Reichsregierung, auf ihrem Poften zu verharren und den neuen Reichstag vor die Beantwortung der Fraige zu stellen, ob er die bisherige Außenpolitik weiterführen will oder nicht. Erft nach Klärung dieser, jedoch in aller Oes­sen tl ich k eit zu erhebenden' Frage wird die Neichsregierung ihre weiteren Entschließungen zu steffen haben.

. Mit der Kulissenarbeit muß es vorbei lein. Es geht nicht mehr an, daß über die wichtig­sten Angelegenheiten der Nation in verschlossenen Parteizimmern verhandelt wird. Die Deutsch, nationalen, die nunmehr eine offizielle Aufforderung an die Reichsreg'erung zum Rücktritt gerichtet ha­ben, erfuhren daher auch eine gerechie und Der» biente Abfuhr, da sie es auch jetzt wieder unter­lassen haben, zu sagen, was nachher kommen soll, und die Erklärung der Reichsregierung, die in die­sem Beschluß des Parteioorstandes der deuifch» Nalionalen Volkspartei mit Recht eine ernste Ge­fährdung der deutschen Interessen in der Außen- Mitit sieht, hat den Kern der Streitfrage sehr rich- IJ3 durch den Hinweis darauf umschrieben, daß die Eutschnaüonalen trotz aller wiederholt an Zsie er- Kangenen inoffiziellen und auch feierlich offiziellen Aufforderungen bis jetzt mit keinem Worte noch ge- M haben, wie sie sich denn eigentlich die Erledigung uer Sachverftändigen-Gutachten denken. Die deutsch- MMwnalen Führer reden zwar viel von „unoer- Wchtbarcn Vorbehalten", aber noch keiner hat sich :r und deutlich ausgesprochen, was • man denn yimter verstehen soll. Die Regierung würde tat- 'hre Pflicht gegenüber dem Volke versäumen, Mn sie gerade in diesem Augenblick auf dir sl'cht zur Führung verzichten würde.

$olii(or65 „Moment“

wtb London, 17. mal (Tel.) Der Bericht­erstatter des „Daily Telegraph" schreibt: Das von Poincare als Ministerpräsident und Außenminister eines zurückkrekenden kabinctls eingeschtagene «n- gewöhnliche Verfahren, an Macdonald seinen letzten Dillen und sein Testament zu übersenden, habe in London eine gewisse lleberraschung her­vorgerufen. Der herzliche Ton des Schreiben» von Poincare werde natürlich gewürdigt, aber vom Standpunkt der künftigen Beziehungen des brllischen Kabinett» zum Nachfolger Poincare« werde e» schwierig sein, die Ansichten und Beweisgründe, die dieser gegeben habe, als etwas andre» zu behandeln als individuelle fiunbgdmngeti eines Staats­mannes, dessen Persönlichkeit Achtung einflöße und der immer noch eine beträchtliche AnhängeHchaft im eigenen Lande besitze.

Wtb Pari», 17. Mai. (let) Der „Matin" will in der Lage sein zu versichern, daß wahrschein­lich der Meinungsaustausch zwischen Poincare und Macdonald fortgesetzt werde, ohne der tzandlungs- freiheit der zukünftigen französischen Regierung vorzugreisen. Man müsse aber eine größere An­zahl Fragen, die für da» britisch-französische Lin- Verständnis notig seien, aufklären. Diese Arbeit, die im Vorteil aller interessierten Länder liege, werde fortgesetzt werden, weil Macdonald selbst dazu geneigt scheine. Schon jetzt wird dazu er­klärt, daß da» schlieszliche Uebereinkommen zwi­schen Paris und London außer Zweifel sei und Poincare seinem Nachfolger eine ebenso klare wie günstige Situation hinterlassen werde.

Auch Macdonald schreibt.

wtb London, 17. Mai. (Tel.) Die „Xhtta" erfährt, daß zur selben Zeft, wo das Schreiben poincare» Macdonald überreicht wurde, ein Schrei­ten des letzteren übergeben wurde. Die beiden Briefe hätten sich tatsächlich gekreuzt.

Noch ein Brief Poincares.

wtb London, 17. Mai. (Tel.) Der politische Beobachter des .Daily Telegraph" meidet au» Paris, Poincare habe an Macdonald nicht ein, son­dern zwei Schreiben gerichtet. Das erste Schrei- ben enthalte das Bedauern Poincare«, daß er irjf Rücksicht auf das Ergebnis der Kammerwahlen nicht zu der Unterredung nach Ehequers kommen könne. Poincare werde von dem Wunsche beseelt, eine volle frunzöflsch-englische Vereinbarung zu erzielen, ohne die ein allgemeiner Friede in Europa nicht möglich sei. Poincare» Schreiben sei eher abge­sandt gewesen als der Brief Macdonalds eintraf, der anscheinend unmittelbar nach dem Empfang dec offiziellen Mitteilung geschrieben worden sei. daß der Besuch nicht statlsindc. Macdonald habe das herz­liche Bedauern ausgedrückl, daß er auf diese Weise de» Vergnügens beraubt werde, mit dem Staats­mann zu verhandeln, vor dem er die größte Bewun­derung und Achtung hege. Das Schreiben Mac- donalds habe eine konkrete Frage mit Bezug auf Poincares Absichten bis zum Zeitpunkt der Bildung eines neuen Ministeriums enthalten sowie die vor­sichtig ausgedruckte Hoffnung, daß die Zeil nicht verloren werde für eine weitere Besserung der Be­ziehungen, die in der letzten Zeit so viel herzlicher geworden seien. Dem «Echo de Paris" zufolge, er­widerte Poincare in dem zweiten Schreiben Mac­donalds freundliche Kundgebung und beantwortete feine Frage, indem et erklärte, daß die Hauptfrage feinem Nachfolger Vorbehalten werden muffe, daß aber kein Grund bestehe, die laufenden Verhandlun­gen nicht in der bisherigen wecife forlzusetzen.

Deutscher Reich.

* Zum deutschen Botschafter in Konstantinopel ist der bisherige Gesandte in Stockholm, Nadolny, ernannt worden. Rudolf Nadolny steht im 51. Le­bensjahre und ist seit 1902 im Auswärtigen Dienst des Reiches tätig. Zum Gesandten in S ockholm ist Herr v. Rosenberg berufen worden, der frühere deutsche Gesandte in Kopenhagen und spätere Mini­ster des Auswärtigen im Kabinett Cuno.

Ausland.

* Tie Deutschen in der Ukraine. Tas All- ukrainische Z e n t r a l - E x e k n t l v l o m i t e e hat beschlossen, zw'ckZ Förderung der kulturellen und wirtschaftlichen Znieiessen der nationalen 'Ul in- derheiren aus den Gegenden mit überwiegend deufcher Bevötk-runa, inebe andere aut den Beid- soneki- uuo MelitopolSlibezirken, selbständige Rayo n 8 zu bilde».

* Im fernen Osten. Dlältermeldiinren z'ffolge dürften die Verhandlungen zwischen Ruß­land und Japan demnächst Weber e> öffnet werden.

* Tie Bombe in der Schocktet. A S P king wird remeldet: em Unbekannter ließ im Hause der Ministers deS Sten'ein Wellin -rto Loo eine Säachnl mit dem Bemerken zurück, sie en halte Ge­gen! ände für dm pe> öiilichen Gebrauch des Mrni- r eis. Tm Aden er zu nennen, weieene er sich. Wellmpton fio > ordnete an, die Tcl achiel zu öffnen, während er selbst in seinem Liudie zunmrr bei blieb. Al» die Diener den Teck l ama'm-rn, exponierte die in der schachtel befindliche Bombe nid ver­wundete drei Drener, deren Zustand bedenk­lich ist.

smielisfproil 1m MMM».

Nach dreitägigen Verhandlungen wurde über die Arbeitsstreitigkeiten im Ruhrbergbau am 16. Mai abends ein Schiedsspruch gefällt. Darm wird bie Arbeitsz « it in der Weise geregelt, datz die Bestimmungen des Rahmentarifs aufrecht erhalten mürben, dabei aber eine besondere Rege­lung der Mehrarbeit vorgenommen wurde. Die Mehrarbeit beträgt für Arbeiter unter Tage und für Arbeiter über Tage, die unmittelbar mit der Förderung zu tun haben, eine Stunde; für Arbeiter in durchgehenden Tagesbetrieben beträgt bie Mehrarbeit bis zu zwei Stunden. Hiervon sind allerdings diejenigen Arbeiter ausgenommen, die in besonders schwierigen Verhältnisien arbei­ten. Die Mehrarbeit wird entsprechend der gelei­steten Stundenzahl vergütet, aber ohne einen be­sonderen Aufschlag. Diese Regelung entspricht im allgemeinen dem Zustande, wie er feit Mona- t e n einer früheren Vereinbarung entsprechend be­stand. Diese Regelung der Mehrarbeit gilt bis zum 31. März 1925 und kann tu diesem Zeitpunkt erstmalig mit zweimonatiger Kündigungsfrist ge­kündigt werden.

Die Löhne wurden bekanntlich durch einen Schiedsspruch, der von den Arbeitnehmern ange­nommen wurde, kürzlich um 15 Prozent erhöht.

Die vorteile der Annahme.

Zu dem Schiedsspruch teilt der „Vorwärts" mit, daß die Ruhrbergarbeiter zu dem Schieds­spruch Stellung nehmen werden. 3m übrigen zählt das Blatt die Vorteile auf, die ben Berg­arbeitern durch den Schiedsspruch erwachsen. Die „Rote Fahne" dagegen setzt sich für Ableh­nung des Spruches ein und fordert bie Berg­arbeiter auf, den Kampf um bie Sieben» stundens ch ich t fortzusetzen.____________

Der deutsch-russische Zwischenfall.

3n Berlin wurde jetzt der Kommunist Bozen- Hardt fe st g e n o m m e n, der seinerzeit durch die deutsche Polizei verfolgt in der russischen Handels- belegatur Schutz gesucht hatte, wodurch der diplo­matische Zwischenfall zwischen Deutschland und Rußland erfolgt »ft Zu der Festnahme Bozen- Hardts teilen die Blätter noch mit, daß das deutsche Mitglied der russischen Handelsdelegation Leh­ma n n, in dessen Wohnung Bozenbardt festgenom­men wurde, ein Mann ist, der Dozenhardt auf feiner Flucht in Berlin von Anfang an behilflich war. Er habe Dozenhardt zu einem Hinteraus­gang des Gebäudes der Handelsdelegation ge­bracht und ben Flüchtling in feine Schöneberger Wohnung geschickt, wo er sich bis jetzt aufhalten konnte. Wegen Begünstigung der Flucht Bozen- hardts wird Lehmann dem Untersuchungsrichter vorgeführt werden.

Gegenüber dem Antrag der kommunistischen Reichstagsfraktion auf Einberufung des Aus­wärtigen Ausschusses des Reichstags zur Behandlung des Zwischenfalls in der russischen Handelsdelegation haben die Fraktionen des Reichs­tags mit Ausnahme der kommunistischen entweder keinen Wert auf eine derartige Einberufung gelegt ober aber sich dagegen ausgesprochen. Der Auswärtige Ausschuß wird daher nicht einberufen werden. __________

Kbgeschnlttene Hand?.

Während des Krieges ist kein Verbrechen zu groß gewesen, das man nicht den Deutschen nachgesagt hätte. Besonders oft wurden sie be­schuldigt, Kindern bie Hände abgehackt zu haben. Zur Bekräftigung ober Entkräftigung solcher Be­hauptungen sollte es keinen besseren Kronzeugen geben, als ben früheren französischen Finanz­minister Klotz, der sich auf Seite 33/34 seines Buches „De la guerre * la paix" (Vom Krieg zum Frieden), erschienen bei Payot, Paris 1924, hierzu folgendermaßen äußSrt:

„Eines Abends finde ich im Bürstenabzug des „Fi­garo" auf der ersten Seite einen sehr eindrucksvollen Artikel. Maß brachte dort mit der Unterschrift zweier bedeutender Gelehrter, deren einer Mitglicv des „Insti­tuts" war, eine Meldung von außerordentlicher Gewich­tigkeit.

Di« beiden Gelehrten hatten „mit ihren eigenen Augen" etwa 100 Kinder gesehen, denen von den Deut- ftijen bie Hände abgefchnitten waren. Man sagte weder wo, noch wann es geschehen war. Sch überlegte: 1) ob diese Meldung wissenschaftlich diskutierbar fei, denn die Kinder mit den abreschnittenen Händen hätten sterben müssen; 2) wenn die Tatsache wider Erwarten wahr wäre — zwei Gelehrte versicherten es mit ihrer Unter­schritt —, so mühte bi eie Grausamkeit feierlich in die größere Öffentlichkeit gebracht werüen. Ich telepho­nierte also mit Donoren, dem damaligen General­sekretär des „Figaro", der heute hort die sinnvollen pol'- ttschen Leitartikel schreibt, um ihm zu sagen, daß ich tie Veröffentlichung sistieren möchte. Er macktte natürlich einen Teufefslärm, schimpfte und tobte. Sch'irßlich na'-m er Dernunst an und beruhigte sich, als Ich ihm erklärte: „Ich habe mit dem Botschafter der Bereinigten Staaten telephoniert — bie Rolle dieses mutigen -imd beherzten Manner, Mmen T. cherrick, in Paris verdient durch die Geschichte aufbewahrt zu wsrdm —, nm ihn zu bitten, sich am nächsten Tage mit feiern Militärattache, dem Lberstm Eosbn und mir unter Mitnahme seiner Gesand- schottssieaels an einen noch von mir onz'ne' endea O"t zu begeben, um dort eine amtliche Feststellung zu treffen, vor der die zivilisierte Wllt schaudern würde. Ohne Zögern antwortete der Dotschrtter: Gern, — ich irerde Sie lVooooen) über bas Ergebnis r.n'eres Besucher und unterer Nachforlcb.maen ruf dem ßaufen^en haften. Ihre Information wird also ke'nesweos beeinlräch igt werden. Rur muß ich mit größter Belchleunigr'ng ben Ort erfahren, wo wir unsere Ffftsiellunaen treffen können. Lossen Sie Ihr-n beiden Gelehrten mittei- l e n, daß sch sie sofort zu sehen wünsche. Ich werde sie aufsrchcn. wenn es nötig ist. g'e'chriel um wgsche Zeit, wenn sie eg nicht vorziehen, mich auizu. suchen.

Ich erwarte diese beiden Gelehrt-n noch heute; sie find offenbar am Belagerungsfieber (fieore cbfibicnale) gestorben."

Moskau.

Don Dr. Heinrich M a t a j a, Wien.

Gleich einer Lawine hat sich bas russische Reich über ben nördlichen Teil bcs asiatisch-europäischen Festlandes und weit nach Süden hinein ergossen" Unersättlich hat es von den Niederungen der Wolgc aus um sich gegriffen, Völker unterjocht, Gebiet« erobert, bald da, bald dort vorstoßend in zäher uni kühner Energie, Sibirien, Polen, Finnland, beti Kaukasus, Mittelasien, bis sich feine Grenzen mit denen des englischen Indien am Pamirplateau, dem Dach der Welt, begegneten. Tief im russischen Volk wurzelt dieser Ausdehnungstrieb und niemals war der Landhunger Rußlands gestillt. Des große« Zaren Peter Vermächtnis weist den Russen ben Weg nach Konstantinopel. Ueber bie Steppen Per­siens und von ben Höhen des Hindukutsch blickt Rußland verlangend nach dem persischen Golf und nach dem Arabischen Meer. Lange Zeit hindurch ging das Ringen um den Besitz der Mandschurei, das Ziel war das Gelbe Meer, und die Niederlage im japanischen Krieg von 1904 und 1905 hat diesem Wunsche Rußlands kein Ende gesetzt. Noch in den letzten Wochen hat uns der im Juli 1923 neu aus- gebrochene Konflikt wegen der ostchinesischen Eisen­bahn wieder bie mandschurischen Pläne Rußland« vor die Augen gerückt.

In der Oktoberrevolution von 1917 wurde dar ganze alte Rußland zerbrochen, davongejagt und ausgerottet. Das innerpolitische System der Bol­schewiken unterscheidet sich von dem zaristischen wie die Fabrik vom Kleinbetrieb. Die Tscheka hat in wenigen Jahren mehr Opfer ins Jenseits befördert, als das zaristische System in einem ganzen Jahr­hundert. Wie sie alles von oberst zu unter ft kehr­ten, so haben sie auch die alte russische Armee zer­schlagen, die Soldaten, soweit sie noch da waren, nach Hause laufen lassen, die Disziplin durch Sol­datenräte ruiniert. Damals hieß es nämlich noch „Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte". Seither find die Soldatenräte verschwunden, Hammer und Sichel allein repräsentieren die russische Union. 1918 wurde in Brest-Litowsk jeder Widerstand aufgegeben, 1919 war Trotzki schon an der Arbeit 1920 stand er mit der Roten Armee vor Warschau und nur dem Hineinspielen der Politik in bie Strategie sowie dem ausgezeichneten polnischen Manöver, das wohl mit Recht einem alten Be­kannten aus früherer Zeit zugeschrieben wird, hatte es Trotzki zu verdanken, daß er sich wieder zurück­ziehen mußte. Es ist unendlich schwer, aus dem heutigen Rußland und über die Rote Armee Nach­richten zu bekommen. Wir wissen nicht, wie stark die Rote Armee ist, aber sicher ist, daß sie bie Armeen Wrangcls, Koltschaks, Denikins geschlagen hat. Die Besucher Rußlands rühmen ihre Disziplin und berichten, daß die Soldaten gut genährt, ge­kleidet und bewaffnet sind. Endlich ist bekannt, daß eine ganze Reihe zaristischer Offiziere, sogar Gene­rale, die im schroffsten Gegensatz zu den Bolsche­wiken gestanden sind, sich der Noten Armee zm Verfügung gestellt haben und in ihr dienen, am nationalen Gründen, weil sie heute in den Sowjet« und in der Roten Armee die einzigen erfolgreiche« Vertreter des Russentums erblickten. Die Leistung Trotzkis muß man bewundern Es ist doch erstaun­lich, daß Lew Bronstein aus Nikolajew es so weil gebracht hat, daß die Offiziere des Hauses Roma­now ihn als ihren obersten Befehlshaber aner­kannt hoben. \

Rußland ist formell kein einheitlicher Staat, sondern eine Union von Sowjetrepubliken. In Wahrheit wird heute schon das ganze Gebiet ein­heitlich von Moskau aus regiert, wie vor 1917. Auch der Umfang des alten Gebietes ist nach den meisten Richtungen hin wieder hergestellt: nur der Ländergürtel am Westrand Rußlands ist abge­trennt. Im Westen ist das alte Rußland wieder da und es liegt nicht an der Sowjetregierung, daß die Grenzen nicht noch weiter vorgeschoben sind Die Ostgrenze Polens hat Rußland nur notgedrun­gen zugestanden. Seine Ansprüche auf Bessara­bien macht es in der entschiedensten Weise geltend und die Politik der Baltischen Staaten rechnet immer mit der Möglichkeit einer neuerlichen Ein­gliederung.

Wie haben sich aber demgegenüber die Verhält­nisse um Rußland geändert! Das große Bollwerk im Westen existiert nicht mehr, denn Oesterreich-Ungarn ist zerschlagen, Deutschland ent- wasfnet, und alle die neuen ober vergrößerten Staaten, bie ja zum Teil als Pufferstaaten gedacht sind, können an Widerstandskraft mit der alten deutschen und der österreichisch-bngarischen Armee nicht verglichen werden. Auf asiatischem Boden sind die starken Gegenspieler Rußlands England und Japan. Aber geben wir uns doch keiner Täuschung hin. daß die Stellung Englands in In­dien heute nicht mehr dieselbe ist, wie vor zehn Jahren. Die farbige Welt ist erwacht, der Krieg hat sie aus ihrem Schlaf aufgerüttelt, der Respekt vor dem weißen Herrn hat gar sehr abgenommen. Asien ist von einer gärenden Beweaung erfüllt, deren Ende wir gar nicht abfehen können. Mit dieser Bewegung steht Moskau in inniger Ver­bindung. In der Sowjetreai-'rung erblicken viele Völker Asiens keinen europäischen Ausbeuter und Despoten, sondern einen Freund und Bundes­genossen, der ihnen vielleicht eines Tages die Frei­heit bringen wird. Moskau arbeitet uncmsges-tzt an der asiatischen Propaganda. Die Die europäischen Völker kennen und verstehen bie ungeheure Intensität der bolschewikischen Arbeit nicht. Cie werden eines Tages ungeahnten Resul­taten gegenüberstehen. 6

Unter dielen günstigen Verhältnisien arbei'ef Sow'etrußland unermüdlich an seinen groß n Er- vansionszielen, die dieselben sind wie bie der russi­schen Zaren. Unerschöpflich ist es auch heute in den Formen, die es diesem Ervansionstrieb zu geben weiß. Georgien hat es durch einen gävzlichl unmotivierten Ueberfall unterworfen, seine Herr»)