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FuldaerZertung

Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stabt Fulda.

Verantwortlich für die ELrittleitung: Dr. JobanneS Sramer. Ameigen- I- P arreller, Juldo. Rotationkdrnck und verlas der s Fuldaer »etiendnnkerei in Fnlda. Fernlvrecher Nr- S. :. Be»«a«dreir lürSvril: PoftbeNelluna 1.8«.Stadtbervg 1.S0Mk.

Sonntag, N» Mai 1924.

An»eia«n«vretie: Äleimeile lColonel) lokal 0,16 ©olömatt, aurwürtS VLV Solbmark: Reklame,eile lokal 0,60. Soldmarl auswärts OLO «vldmark. $:

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51. Zahrg.

Der europäischeHeifeoiM.

Benesch spinnt Fäden zwischen Prag. Rom und Taris.

wtb London, 10. Mai. (Id.) Der tschecho­slowakische Ministerpräsidenl Dr. Benesch setzte dem Trager Berichterstatter derTimes den Zweck seines geplanten Besuchs in Rom auseinander. Er erklärte, daß der Besuch eine Fortsetzung dec kleinen Entente sei, welche letzten Januar in Belgrad stattgefunden habe. Sei dieser Kon­ferenz fei die Möglichkeit eines Vertrags zwi­schen Italien und der Tschechoslowakei zum ersten- male erörtert worden und zwar im Zusammen­hang mit dem Vertrag zwischen Italien und Jugo­slawien, der damals abgeschlossen worden sei. Der Zweck der Reise nach Rom sei der, die Z u st i m - mang der Tschechoslowakei zu dem jugoslawisch- italienischen Vertrag zu regeln. Die Träliminar- Verhandlungen seien bereits beendet.Der Haupt­punkt ist der, erklärte Denesch,baft wir keine Differenzen haben, ich wünsche jeden Gedanken zu beseitigen, daß wir irgendwelche anderen als eige­nen Interessen verfolgen. Ls besteht für Frank­reich ebensowenig Grund, über den Vertrag zwi­schen uns und Italien überrascht zu sein, als Grund wr Italien bestanden hat, die Beweggründe un­seres Vertrags mit Frankreich zu beargwöhnen. Unsere Tolitik bezweckt Frieden. Ruhe und wirtschaftliche Tätigkeit.

Zum Schluß erklärte Benesch, dafz die Initiative zu irgend einer Annäherung Ungarns an die Entente von Ungarn selbst erfolgen müsse.

Die Me im MSerOm.

Kommunisten und Separatisten am Werk.

Die Blätter sprechen in ihren Meldungen aus dem Ruhrgebiet von einer Berschärfung des Kampfes im Bergbau. Kommunisten und die jetzt im Ruhrgebiet sehr rege tätigen Separatisten ge­wönnen an Einfluß unter den ausgesperrten bezw. streikenden Bergarbeitern. Die Zahl der Hütten­werke, die infolge Kohlenmangels zur Stillegung des Betriebes gezwungen sind, hat sich weiter er­höht. Auch mußte die Gasversorgung mehrerer Städte, darunter Essen, eingestellt werden.

DerVorwärts veröffentlicht einen Aufruf des Allgemeinen deutschen Gewerkschaftsbundes und des Afabundes, in welchem die Arbeiter und Angestellten aufgefordert werden, für die ausge­sperrten Bergarbeiter des Ruhrgebiets unverzüglich Sammlungen einzuleiten, da es sich bei dem Kampfe der Bergarbeiter um die Verteidigung des Achtstundentages der deutschen Arbeiter handle.

Nach einer Meldung desVorwärts" aus Am- sterdam hat eine Anzahl internationaler Gewerkschaftsführer, darunter englische, belgische und niederländische Bergarbeiter - Vertreter, sich ins R u h r g e b i e t begeben, um sich mit den dortigen Belegschaften ins Benehmen zu setzen.

Soziales.

--- Line sozialpolitische Kundgebung veranstaktet der dem Deutschen Gewerkschaftsbund angehörende Sunb der Hotel- Restaurant- und Caf e-A n g e- stellten Deutschlands U. G. am 15 Mai in Dresden. Die Kundgebung wird eingeleitet durch ein Referat des Ministerpräsidenten a. D. und Vorsitzenden des Deut- scheu Gewerkschaftsbundes Adam Stegerroalb, Ber­lin überMrtchaftliche und soziale Probleme der Gegen, wart". Die Kundgebung wird aus allen Teilen des Reiches beschickt sein, ______________

= Die Sahl der Schulkinder in München ist heuer um 21289 Kinder klelneraiSim letzten Schuljahr; heuer sind in 1880 Klaffen 51684 Schäler vorhanden, im letzten Jahre waren es 1548 Klaffen mit 75 973 Schülern; für 1925 ist mit einer weiteren Minderung von 1800 Kinoern zu rechnen.

was wird aus dem neuen Reichstag!

Don Reichsminister a. D. Dr. Dell, M. d. R

Die Reichstagswahl stand unter be'm Zeichen der Unzufriedenheit und der Zersplitterung. Dem ent­spricht innerhalb der sozialistischen Gruppen der starke Ruck nach links, und innerhalb der früheren Rechtsparteien der flotte Ruck nach rechts.

Das sind Erscheinungen, die sich je nach der politischen Gesamtkonstellation in Zukunft wieder umgestalten werden. Der ruhende Pol in der Er­scheinungen Flucht blieb das Zentrum. Wer mitten in der Wahlagitation stand und im Trommel­feuer der fortgesetzt von rechts und links gegen uns gerichteten Geschosse die vergifteten Waffen beoab- tete, der wird das hohe Lied fingen von der felsenfesten Treue, dem ausgeprägten Verantwortungsgefühl und der starken Laterlands- liebe unserer wackeren Wählerschaft.

Dank unseren Männern und Frauen, den ge° schulten Dertrauenspersonen, den Veteranen und der Jugend, nicht zuletzt auch unserer rühri­gen und gediegenen P r e s s ei

Jetzt stehen wir vor neuen Aufgaben, deren Bedeutung und Schwierigkeit nicht über­boten werden tarnt. Dabei werden wir, getreu un­serer Tradition und Vergangenheit, den Gedanken voransetzen, daß das Vaterland über der Partei stehen muh. Handeln die übrigen Frak­tionen des neuen Reichstages nach dem nämlichen Grundsätze, dann bietet sich die Gewähr für eine befriedigende Lösung des im Vordergründe der brennenden außenpolitischen Fragen stehenden Re- parationsprodlems.

Wer sich an der vaterländischen Rettimgsaktion beteiligen will, wer ernst macht mit der Be­freiung der besetzten Gebiete, den muß besonnene Vernunft und realpolitische Einstel­lung auf den Weg der bisherigen Rsgierungspoli- tik führen. Wer bisher nur mit dem Herzen Poli­tik machte, bedenke das Dichterwort:Em edles Herz bekennt sich gern durch die Vernunft besiegt." Bis­herige Oppositionspolitik erstarkter Gruppen sollte den Rückweg finden zum Altmeister bewährter realer Außenpolitik (Surft Bismarck), der ein­mal das Wort prägte:Politik ist an sich keine Lo­gik und keine Wissenschaft, sondern die Fähigkeit, in jedem Moment der wechselnden Situation das am wenigsten Schädliche und das Ersprießliche zu wählen."

Sollte der Appell an das Verantwor­tungsgefühl nicht dazu führen, daß sich unter Zurückstellung der innerpolitischen Streitfragen wenigstens bis zur' Entscheidung der auhenpoüü- schen Schicksalsfragen eine beiderseitige starke Er­breiterung der Reaierung und Koalition ermög­lichen läßt? Die Zentrumsfraktion wird, frei von einseitigen parteipolitischen Tendenzen, von dem aufrichtigen Wunfche befeekt bleiben, eine m ö g l ich st erbreiterte Koalition und stabi­lisierte Regierung zur Fortsetzung und Durchführung der allein dem Reiche und Dater- lande dienenden bisherigen Außenpolitik in die Wege zu leiten.

* Auf der Spur der politischen Mörder. Einer Korrespondenzmeldung aus Leipzig zufolge sind im Zusammenhang mit der Verhaftung des Studenten Brandt wegen Beteiligung an der Ermordung Rathenaus weitere Fest­nahmen in München erfolgt. Die Verhafteten sind zum Teil bereits in das Leipziger Untersuchungs­gefängnis eingeliefert worden.

* Zum deutsch-russischen Konflikt. DieVoff. Ztg." erfährt, daß die bei der Durchsuchung der Räume in der russischen Handelsvertretung sest- genommenen Personen wieder freigelaffen worden feien, da weder Flucht- noch Verdunke­lungsgefahr vorliegt.

Das gewinnende Zentrum.

Bei der Berechnung der Reichstagsmandate wurde allgemein herausgerechnet, das Zentrum habe bei den Wahlen drei Mandate eingebüßt. Dar ist durchaus irrig, es hat im Gegenteil mit feinen 65 Mandaten ein Mandat gewonnen, da es feit 1922 überhaupt nur 64 Reichstagsfitze be­sessen hat. Der Sachverhalt ist, wie dieVossifche Zeitung" unter obigem Titel mitteilt, folgender: Bei den Reichstagswahlen 1920 wählte bekanntlich Oberfchlefien, weil es von der Entente besetzt war, gar nicht mit. In den übrigen Teilen Deutschlands erhielt das Zentrum dann 61 Sitze, dazu kamen aber die sieben Sitze der Abgeord­neten, die das oberschlesifche Zentrum bei den Wah­len zur Nationalversammlung gewählt hatte, und deren Mandat vorläufig bis zu den späteren Wah­len verlängert worden war. Diese 7 Abgeordneten wurden auch in das Handbuch des Reichstages ausgenommen, von dem später keine Neuauflage erschienen ist. Nachdem nun die Abstimmung statt­gefunden und ein Teil Oberschlesiens vom Reiche abgetrennt worden war, wurden die Wahlen für den verbliebenen Teil Oberschlesiens nachgeholt. Entsprechend der Verkleinerung der oberschlesischen Wahlkreise war auch die Zahl der Reichstagsman­date geringer; auf das Zentrum entfielen statt 7 nur noch 3 Sitze, sodaß die Zentrumspartei seitdem nur noch 61 plus 3 gleich 64 Mandate zählte.

Bei den letzten Wahlen hat also das Zentrum mit seinen 65 Mandaten ein Mandat neu gewonnen, was sich ja auch aus den fast über­all gesteigerten Stimmenzahlen der Zentrumspav tei ergibt.

Die WahlMrn.

Nach den neuesten amtlichen Feststellungen de» Wahlergebnisses, die zum Teil bereits auf den vo» den Kreiswahlausschüssen anerkannten Berechnun' gen beruhen, wurden abgegeben:

Insgesamt 29311442 Stimmen. Davon ent­fallen auf: Der. Svzialdsmokratische Partei 5 991547, Deutichnationale Volkspartei 5 764 628, Zentrum 3 901087 (1920 :3,7 Millionen). Deutsche Volkspa riet 2 646 747, Demokratische Partei 1661425, Kommunistisch« Partei 3 728 089, Bayerische Dolkspartei 941 982, Baye­rischer Bauernbund 685 273, Deutsch-Hannoversche Par« tei 318 505, Deutschvölkische Freiheitspartei 1922 626. Landliste 568 780, Deutsch-Soziale 338 348. USPD. 234 708, Bund der Geusen 58 890. Christlich-sozial« Volksaemeinschaft 124 626. Arbeitnehmerpartei 36 199, Freirvirtschastsbund 36 024, chäuherbund 23 862, Nati» nale Freiheitspartei 59114, National« Minderheiten 133 540, Pattei der Mieter 46 991, Republikanische Par tei 45 867, Sozialistischer Bund 25 617, und auf nicht aa die Reichsliste an geschlossene Gruppen 16 967 Stimmen.

Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Gesamtzahl der Abgeordnetensitze noch eine geringe Erhö­hung erfährt und zwar nicht bei der Feststellung, des amtlichen Wahlergebnisfes, sondern bei her späteren Durchprüfung der Abftimmungs- niederschriften. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß die Zahl der ungültigen Stimmen gegen­über den früheren Wahlen stark gestiegen ist. Wäh­rend im Jahre 1920 die Höchstzahl der ungültigen Stimmen in einem Wahlkreise 12 000 betrug, mel­den diesmal Merseburg 14 361, Düsseldorf-Ost 24 904 und Westfalen-Süd 34 484 ungültige Stimmen. Es ist möglich, daß ein Teil dieser Stimmen nachträglich für gültig erklärt werden wird, sodaß der einen oder andern Partei noch eiy Mandat zufallen könnte.

Sozialdemokralffcher Parkeiiag.

Der sozialdemokratische Parteivorstand hat laut Vorwärts" beschlossen, vorbehaltlich der Zustim­mung des Parteiausschusses den Parteitag zum 11. Juni nach Berlin einzuberufen.

Die Sozialdemokraten wollen über die Annahme oder Ablehnung der Sachverständigen einen Volksentscheid herbeiführen. Der Gedanke findet aber in politisch geschulten Kreisen sehr wenig Anklang.

Nr. tll.

Am MMnd her fronjöf. WMei. i Im Zeichen eines weichenden Frmikkurses.

Am Sonntag wird nun m Frankreich zur Kammer gewählt. Nach einer von Havas ver­öffentlichten Zusammenstellung bewerben sich um 584 Sitze 2491 Kandidaten auf 425 Listen. Von bett Deputierten der ehemaligen Kammer bewer­ben sich wiederum 10 Konservative, 85 Republika­ner (Bezeichnung für die Arago-Gruppe), 110 Links- republikaner (Partei Poincare), 39 Nationalradi­kale, 46 Radikale uni) Radikalsozialisten, 30 sozia­listische Republikaner (Partei Charles Painleve und Briand), 50 Sozialisten und 11 Kommunisten um Sitze in der neuen Kammer.

Kurz vor dem Wahltag ist den Franzosen noch einmal die Achillesferse aller GewaltpolM deutlich gezeigt worden. Der Frank zeigte, nach- dem er durch Auslandshilfe in der letzten Zeit sich kräftig erholt hatte, neue Schwächung. Für das Pfund Sterling, das am Mfttwoch abend 66,93 notierte, wurden am Donnerstag nach Börsenschluß 71,20 geboten. Nach neueren Blättermeldungen Lus Paris ist der Franken dort weiter gefallen. Bei Börsenschluß am Freitag notierte das englische Pfund über 74 Franken, der Dollar 16,87 Franken.

Vie Zusammenkunft in Lhequers. klein Briefwechsel, sondern rnündsiche Aussprache zwischen Poincare und Macdonald.

Wtb Paris, 10. Mai. (Tel.). Zur Unterredung Macdonalds mit Toincare, die am 20. Mai in Lhe- quers stattfinden soll, schreibt dasEcho de Paris":

Die Entscheidung des französischen Minister­präsidenten sei erst gestern vormittag erfolgt. Bei seiner Unterredung mit den belgischen Ministern Theunis und Hymans scheine Macdonald darüber aachgedacht zn haben, man dürfe bei dem französi­schen Volke nicht den Anschein erwecken, daß irgend eine Unterredung ohne die französische Regierung erfolge. Der rMnisterpräsidenk scheine zuerst daran gedacht zu haben, einen versöhnlichen Brief an Poincare zu richten, aber eine Persönlichkeit, die dieser Tage in London gewesen sei, habe ihm den Rat gegeben, um eine direkte Unterredung nach- zusuchen und habe ihm auch die Hoffnimg gelassen, daß ein derartiger Vorschlag angenommen würde. Poincare habe zwar in einem Briese an die Repa- rationskommisfion erklärt, er sei gegen einen so­fortigen Meinungsaustausch zwischen den alliierten Regierungen, bevor nicht der Sachverständigenplan durch die Reparaliyuskommission ausgearbeitet sei. Vie Reise der belgischen Minister nach England habe diesen Vorbehalt hinfällig gemacht.

Die amerikanische Anleihe.

wtb Paris, 10. Mai (Tel.). Rach demNew- Yorker Herald" wurde ursprünglich angenommen, daß die in dem Sachverständlgenbericht vorgesehene Anleihe von 800 Millionen Mark gegen de» 1. Juni aufgelegt werden könne. Dieser Zeit­punkt ist etwas verfrüht, und Optimisten nehmen an, daß die Anleihe in den Vereinigten Staaten tmb in Europa kurz nach dem 15. Juni auf- getegt werde. ____

Unruhen in Albanien.

wib Paris, 10. Mai. (Tel.). Rach einer Mel­dung desMalin" aus Belgrad sind nach Nachrich­ten aus Tirana m Albanien Unruhen ausge­brochen. Der Führer der albanischen Extremisten hätte vorgestern mit irregulären Truppen firuma genommen. Die Regierungstruppen haben nach einer Meldung in Tirana und Umgebung die Ord­nung wiederhergestellt.

Vas wartende Haus.

Der Reichstag vor dem Zusmmuentritt der Gewählten.

Die Schlacht ist geschlagen, der Kampf ist aus. Sieger und Besiegte sind festgestellt. Kandidaten- träwne sind erfüllt ober vernichtet. Wo noch Zweifel wallen, noch ein Hoffnungsschimmer glimmt, wird auch bald Klarheit herrschen. Beim Reichswahlleiter, am)öneberger Ufer in Berlin, wird noch fieberhaft gearbeitet. Zahlen, Zahlen, Zahlen! Alle Ergebnisse kommen hier zusammen, «lle Reststimmen aus dem ganzen Reich. Auf den Reststimmen ruht noch manche heimliche Hoffnung. Vielleicht . . . Noch ein paar Tage dauert es, dann ist alles Hangen und Bangen der Ungewißheit vor- b«. Entweder man fft M. d. R. und bestellt sich stolz die neuen Visitenkarten. Ober man singt: »Behüt' dich Gott, es hat nicht sollen fein!" Die oher schon einmal im Wallotvau saßen und nun nid)! wie-derkehren, stimmen an:Es ist bestimmt in ®ottes Rat, daß man vom liebsten, dem Mandat, §, scheiden!" . . Die Diäten sind dahin, die Freifahttkarten ebenso. Die Stimme ist heißer von vielen Wahlreden, die Parteitasse ist leer, viel Aufwand ward umsonst vertan.

Bae victis! . . .

Die neugewählten, frischgebackenen, zum erften- awl »vom Vertrauen ihrer Wähler" zum Sieg ge- 8esuhrten M. b. R. aber feilen schon an ihrer 'Jungfernrebe herum. Und können es gar "'M erwarten, ms Haus am Königsplatz zu kommen.

, Das Reichstagsgebäude liegt schon feit Wochen m 3tenlt#her Sülle. Nach dem aroßen Kehraus

der Abgeordneten am 13. März zogen die Putz­frauen ein. Damit begannen die Vorbereitungen zum Willkommen der Neuen. Hausherr ist immer noch, auch jetzt nach der Wahl, der bisherige Reichs­tagspräsident Löbe. Sein Amt dauert bis zmn Zusammentritt des neuen Reichstages. Da die Sozialdemokraten wieder als stärkste Partei ein- ziehen, werden sie nach allem parlamentarischen Brauch auch wieder den Präsidenten für bas hohe Haus stellen. Das Amt wird dann wohl sicher wie­der feinen bisherigen Trägern zufallen. Denn Präsident Löbe fft bei allen Parteien im hohen An­sehen, well er nicht nur unparteiisch und sehr ge­schickt, sondern auch mit immer gleich blerbenber Freundlichkeit feines schweren Amtes waltete. Sollte er gegen Erwarten nicht wieder den großen Präsidentenstuhl einnehmen, so wird bas Andenken an feine Präsidentenschaft m der üblichen Form ge­ehrt werden: sein Bild mürbe bald ben Porträts der früheren Präsidenten eingereiht werden, die in schweren Goldrahmen von den Wänden bücken.

Ist der Präsident gewiffermaßen der pater fa- milias der großen buntgeroürfelten A'-geordneten- familie, so ist auch eine mater familias da, die für die vielen großen und kleinen Wünsche und Bodürs- nisse der Volksvertreter Sorge trägt: bas ist ber Direktor des Reichstages, Geheimer Oberregie­rungsrat Galle. Sein Name klingt bitter, aber er ist ein Herr von verbindlichem, konstillautem We­sen, ein großer, schlanker, rüftiger Mann, ber im­mer auf feinem Posten ist bei aller Fülle ber 'hm zufallenden Arbeit. Auch jetzt, während das Haus am Königsplatz still und leer da liegt, ist er und sein Bureau mit Arbeit überlastet. Erst galt es noch, die Abschlußarbeiten des alten Reichstages zu erledigen. Neben so manchem anderen machten . besonders die Herstellung eines mehrbändigen Per­

sonen» und Schlagwortregisters für die stenogra­phischen Sitzungs» und Ausschußberichte viele Mühe. Erst solch ein Register ermöglicht ja eine Benutzung des riesigen Materials, das in den Stenogrammen festgehalten ist. Aber ber Dftekott hat auch dir ganzen Borbereittmgsarbeiten für den neuen Reichstag zu leisten. Als echte mater familias nimmt er sich besonders der Neulinge des Parla­mentes an. Er hat für die neuen Abgeordneten einenWegweiser" drucken lassen, der ihre ersten Gehversuche auf dem Parkett nein, den Teppi­chen des Wallotbaues fürsorglich erleichtert. Da werden sie unterrichtet über die Eingänge, die Garderobeablagen, das Postamt und alles andere Nötige, um sich in dem großen Gebäude zurecht zu finden. Die neugewählten Abgeordneten sollten nicht versäumen, dem um ihr Wohlergehen und Nichtiggehen" im Reichstagsgebäube bemühten Direktor dankbar die Hand zu drücken, wenn sie Einzug hallen indiesen heiligen Hallen"! . . .

*

Denn sie Einzug halten! . . . Noch fft es nicht so weit. Aber ber äußerste Termin steht durch die Verfassung fest: vier Wochen nach der Wahl. Doch der Zusammentritt des Parlamentes wird sicher schon etwas früher erfolgen, jedenfalls noch in der letzten Maiwoche.

Inzwischen bereitet der Direktor und das Büro des Reichstages alles zum Empfang vor. Don Girlanden wird abgesehen. Daraiff legen die Ab­geordneten auch keinen Wert. Wichtiger ist ande­res. Steht die amtliche Lffte der Gewählten end- gültig fest, so reicht sie der Reichswahlleiter feiner ! vorgesetzten Behörde, dem Reichsminister des In­nern, ein. Dieser meldet bas Wahlergebnis dem Direktor des Reichstages, und dessen Büro richtet mm an alle Gewählten ein Schreiben, in dem um Ueberienbuno eines Bildes und Angabe eines kur­

zen Lebenslaufes gebeten wirb. Dieses Material ist notwendig zur Herstellung des amtlichenHand­buches des Reichstages", das die Mitglieder beim Zusammentritt schon fertig gedruckt vorfinden sol­len. An Arbeit fehlt es dabei nicht.

Weiterhin besorgt der Reichstagsbirektor den Gewählten beim Reichsverkehrsminffttrium die be­liebte Freifahrtkarte 1. Klasse, gültig für bas ganze Reich. Mit Andacht wird sie von den parlamen­tarischen Neulingen in Empfang genommen. Bcttd aber ist auch ihnen ihr Besitz eine Selbstverständlich­keit. Man weiß ja, mit welcher Sorgfalt rm alten Reichstag die Mitglieder ihre Freifahrtkarte be­wahrten indem nämlich fast jeder vierte sie im Laufe ber Zell verlor! . . .

*

Ein wichtiges Kapitel der Vorbereitung im Reichstag, diesmal schwerer als sonst zu erledigen, ist die Verteilung ber Plätze im Sitzungs­saal. Denn auch die verschiedenen Zwerg-Fraktio- nen" wollen untergebracht werden. Die Zuweisung der nötigen Anzahl Plätze erfolgt durch den Direktor des Reichstages. Die Sitzordnung für die einzel­nen Volksvettreter erledigen dann die Fraktionen selbst. Da geht es kaum ohne Beschwerden ab. Er kann aber nicht jeder vorn sitzen ober einen Eckplatz bekommen. Schließlich ist auch diese Arbeit getan. Und jeder Platz trägt wieder an ber Rücklehne bed Sitzes das kleine weihe Schilb mit dem Namen bei M. b. R.

*

Das Haus am Königsplatz wartet. BaK» ade> wird es aus seiner Stille aufwachen. Dann wehes wieder auf den vier Ecktürmen die fchwarz-rot-gol- benen Fahnen und grüßen die alten unb neuen Volksvettreter, die durch die Drehtüre des Portal« 2 in das große Gebäude eintreten, wo die Ent» toeibungen über Deutschlands Geschicke fallen.

H. H. Bormann.