MelMNNINlSM (MMM.sskimeiS W.)
Mac-onal- und Poincarö.
In offiziellen französischen Kreisen wird erklärt, daß Macdonald kein neues persönliches Schreiben über die Besprechungen, die er in der Vorwoche mit den belgischen Ministern hatte, an Poincare gerichtet hat. Dagegen habe der englische Botschafter in Paris eine Unterredung mit dem französischen Ministerpräsidenten gehabt. Auch der französische Botschafter in Brüssel sei durch den Außenminister Hymans von den englisch-belgischen Besprechungen in Kenntnis gesetzt worden, die trotz ihres allgemeinen Charakters einen günstigen Anfang der nächsten interalliierten Beratungen darstellten. Der Botschafter habe hierüber einen langen Bericht nach Brüssel geschickt. Den von den Sachverständigen des englischen Schatzamtes aufgestellten Bericht über die Durchführung des Sachverständigenplanes habe die französische Regierung bis setzt noch nicht erhalten.
Paris als Skelldichein-Platz.
wtb Paris, 9. Akai. (Tel.) Der „Malin" glaubt Mitteilen zu können, daß Macdonald den Wunsch geäußert habe, mit Poincare bald persönlich zu verhandeln. Die Zusammenkunft werde wahrscheinlich im Lause des Monats Mai staltfinden. Ltm 16. Juni empfange Paris den Regenten von Aethiopien und am 25. Mai den König von Serbien. Zwischen diesen beiden Besuchen werde wahrscheinlich die Zusammenknnft stattfinden.
Die MlltSrKontrolle.
Havas teilt mit: Das Sekretariat der Boff^-af- terkonferenz hat bekanntlich den Auftrag erhalten, die Mitteilung auszuarbeiten, die Deutschland als Antwort auf die letzte Note der Reichsregierung bezüglich der Ausübung der interalliierten Militärkontrolle übergeben werden solle. Die Abfassung dieser Mitteilung wird demnächst beendet sein. Der Wortlaut wird der Botschafterkonfe- r e n z zur Beratung unterbreitet. Es ist wahrscheinlich, daß die verschiedenen alliierten Delegationen des Sekretariats ihn ihrer Regierung zur Zustimmung unterbreiten werden.
lleber die deutsche Reichslagswahl schreibt das führende Ungarische Blatt, der „Pester Lloyd":
Die Mehrheit der deutschen Wählerschaft hat sich unbedingt zur (Erfüllung 5 politit bekannt. Den Befürchtungen, mit denen man der Wahl entgegensah, habe chr Ausgang nicht Recht gegeben. Er habe den Frieden der Welt nicht in eine gespannte Lage gebracht, aber ein Menetekel an die Wand geschrieben. Der nächste Sonntag werde zeigen, ob man im französischen Haus die Schrift an der Wand gesehen und verstanden habe.
„Az Ujzag" führt aus, die größte Gefahr sei vorüber. Die deutsche Wählerschaft habe j#ei Abonteurerpolitik nicht die Mehrheit gegeben. Wenn der charwinistische Nationalismus und der Kommunismus Verstärkungen erfahren hätten, so sei dies nicht zu verwundern angesichts der furchtbaren Schläge und schrecklichen Demütigungen, die dem Deutschen Reiche zugefügt wurden. Hoffentlich würden di« Mächte, welche die Neubildung Deutschlands im Interesse der Zukunft Europas für ausführbar halten, Mittel urch Wege finden, um dem sich zeigenden Widerstand Frankreichs zu brechen. Manche Anzeichen deuteten schon daraufhin, daß auch Frankreich die schädlichen Wirkungen einer ständigen Spannung u. Beunruhigung zu fühlen beginne.
Um öle Regierung in Bayern.
Aus München wird gemeldet, daß die bayerische Bolkspartei bestrebt fei, eine Koalition aller in der Mitte stehenden Parteien mit Ausschluß der Völkischen, der Sozialdemokraten und der Kommunisten zu bilden. Eine solche Koalition würde über 74 Stimmen im Landtag gegenüber einer Opposition von 55 Stimmen verfügen. Als neuer Ministerpräsident werde in Kreisen der bayerischen Dolkspartei wieder Herr von K n i l l i n g genannt.
Wie eine Korrespondenz aus München meldet, soll von der bayerischen Staatsregierung außer an den Polizeiobersten von Seißer auch an den Regierungspräsidenten von Oberbayern Dr. v. K a h r ein Schreiben gerichtet worden sein, in welchem ihm nahegelegt wird, sein Rücktrittsgesuch ehvu= reichen. Das Ermittlungsverfahren gegen Kahr, Lossow und Seißer nehme seinen Fortgang.
Deutsches Reich.
* Der Regierungspräsident von Merseburg hat der von der kommunistischen Partei aus Anlaß der für den 11. Mai in Halle stattfindenden Weihe eines Moltkedenkmals für denselben Tag geplanten Versammlung die Genehmigung versagt. Die Schutzpolizei hat Anweisung, die geplante Versammlung zu verhindern.
* Tas Trauerspiel in Mecklenburg. Nachdem der von den Völkischen und Sozialisten gestürzte Herr v. Brandenstein als Ministerpräsident wieder- gewählt worden ist und die Wahl angenommen hat, brachte der Kommunist Wenzel ein neues Mißtrauensvotum gegen die Regierung ein. Die Deüt schvölkischen erklärten, sie würden dieses Mißtrauensvotum unterstützen. Ein unwürdiges Spiel mit der Autorität einer Regierung treiben da Völkische und Äommuniüe.»*,
Streiks und Aussperrungen.
3m Ruhrbergbau.
Von der Gesamtbelegschaft der Morgenschicht des Ruhrbezirks sind am Donnerstag 92,35 Proz. von der Slrbeit ferngeblieben, abgefahren sind 7,65 Prozent. Von den Angefahrenen find 31,71 Proz. vorzeitig ausgefahren. Auf verschiedenen Zechen erklärten sich zahlreiche Belegschaftsmitglieder bereit, die Arbeit wieder a u f z u n e h m e n, aus den Thyssenschen Zechen allein über 1000 Mann.
wtb Recklinghausen, 9. Mal. (Tel.) Wie wir erfahren, werden heute vormittag 8 Uhr in der Dergwerksdirektion Recklinghausen, unter deren Verwaltung die staatlichen Zechen des Ruhrkohlenbergbaues stehen, die Verhandlungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ausgenommen, um die Möglichkeiten einer Lösung des Konflikts zu erörtern.
Wtb Essen, 9. Mai. (Tel.) Die Hand- und Kopfarbeiter-Union hat für den 11. Mai nach Bochum eine Reichskonferenz ihrer Organisation einberufen, um die Lage im Ruhrgebiet zu erörtern. Auch Vertreter des Auslands solle» daran teilnehmeu.
wtb P o ch u m, 9. Mai. (Tel.) Der Bergarbeiterverband ist bei den Stadt- und Landgemeinde- Verwaltungen vorstellig geworden, um Unterst ü h u a g für arbeitslose Bergarbeiter zu erreiche«. Die Städte werden gebeten, der allgemeinen Rot durch Ausgabe von Lebensmitteln zu steuern. Die wir Horen, wird heute eine Zusammenkunft der Oberbürgermeister des Industriegebiets staktfinden, um die Lage zu erörtern.
Eine Stillegung in Mitteldeutschland.
Nach einer Meldung der „Boss. Zig." aus Halle hat die Mansfelder Kupferschiefer bauende Gewerkschaft A.-G. Schritte unternommen, um von den Aufsichtsbehörden die Genehmigung zur Stilllegung ihrer Betriebe wegen Unrentabilität zu erlangen. Die Mansfelder Aktiengesellschaft beschäftigt zusammen mit den von ihr abhängigen Werken neben Hunderten von Beamten und Angestellten etwa 30 000 Arbeiter.
Von der Badischen Anilla- und Sodasabrik.
Bei der Badischen Anilin- und Sodafabrik in Ludwigshafen, wird, einer Blättermeldung aus Mannheim zufolge, die Arbeit wieder ausgenommen werden, nachdem sich bereits 50 Proz. der Arbeiterschaft zur Arbeitsaufnahme gemeldet haben.
wtb Mannheim, 9. Mai. (Tel.) 3a den Werken der Badischen Anilin- und Sodafabrik ist heute früh die Arbeit wieder anfgenom- men worden. Zwischenfälle haben sich nicht ereignet. Demonstrierende Gruppen, welche versuchten, gegen die Elngangslüren vorzudringen, wurden durch die Polizei leicht zerstreut. Damit ist der Ausstand, der gerade neun Wochen gedauert hat, beendet. (Es wird noch einige Zeit dauern, bis die Gesamtproduktion wieder in Gang kommt, da zunächst die Energiebctriebe wieder instand gesetzt werden müssen.
Vor dem Frieden in Sachsen.
Nach einer Meldung der „Boss. Ztg." aus Dresden sollen in Zwickau Verhandlungen zur Beilegung des Konfliktes im sächsischen Steinkohlenbergbau beginnen. Dem Blatte zufolge rechnet man mit einer baldigen Beendigung des Kampfes
Der ausbau des 5owj theeres.
Don einer 'militär-politischen Seite wird uns geschrieben:
Die russische Armee ift zur Zeit in der Umbildung zu einer Miliz begriffen. Diese erfolgt, uw dis Sciflagferiigkeit nicht zu gefährden, schrittweise. Zur Zeit sind 17 von 52 Divisionen in Territorial- dioisionen umgewandelt. Diese Divisionen bestehen aus einem ständigen Stammpersonal und dem sog. Wechselbestand«. Die Dienstzeit im Wechselbestande beträgt 4 Jahre. Wahrend dieser Zeit wird der Wehrpflichtige alljährlich ein- bis zweimal zu mehrwöchigen militärischen Hebungen einberufen, deren Gesamtdauer innerhalb der vier Jahre jedoch 5 Monate nicht überschreiten darf.
Auf territoriale Ergänzung dieser Truppenteile Ns in die kleinsten Einheiten hinein wird besonderer Wert gelegt; so sollen die Einwohner einer Ortschaft oder die Arbeiier einer Fabrik stets dem Wechselbestands der gleichen gformauon angehören und dort Kompanien, Züge oder kleinere geschlossene Abteilungen bilden.
Nach Beendigung der Dienstzeit gehören alle Wehrpflichtigen bis zum 40. Lebensjahr zur Reserve der roten Armee.
Dor dem Eintritt ins wehrpflichtige Alter sind alle Wehrpflichtigen vom 16. Lebensjahr ab zur Teilnahme an der militärischen Sugenboorbereitutv' verpflichtet._______________
Katholische Welt.
— Ter Papst als Schiedsrichter. Die amerikanische» Staaten Haiti und San Dominao Haden beschlossen, in ihrem Grenzstreit den Papst als Schiedsrichtei anzurufen._____________
* Verlobung eines Hessen-Prinzen. Prinzess» Maria Aexandra von Baden, die einund- zwanzigjährige einzige Tochter des Prinzen Maz von Baden, verlobte sich mit dem Prinzen Philipp von Hessen, dem siebenundzwanznjä^igen Sohne des Prinzen Friedrich Karl von Hessen. Die beide« ältesten Söhne des Prmzen von Hessen find im Weltkrieg aefallee.
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
Nr. )to.
verantwortlich für die Ecbriftleiluns: Dr. Johannes Sumer. Anreisen: I. P arretier. Fulda. Rotationsdruck und verlas der n Fuldaer Srtiendruckerei in Fulda. Fernldrecher Nr. 9.
BerugSvreiS für Avril- Boftbestelluns 5.8». Etadtbe,ua1.S0Mk.
Samstag, IO. Mai 1924-
Pas unrd aus dem neuen Reichstag.
Rerchstagsavgeordneter von Guerard.
Das Ergebnis der Reichstagswahlen hat die Vefürchlungein bestätigt, die man nach einzelnen poraufgegangeneit Wahlen hegen mußte. Wenn auch der Zuwachs der Deütschvölkischen hinter den von dieser Partei selbst gehegten Erwartungen mriiefgeblieben ist, so übertreffen doch andererseits che Erfolge der K o m m u n i ft en die schlimm- ■ten Befürchtungen. Bedenklich erscheint ;ud) der unbeftreirbare Siegeszug der Drmschnatio- «!ett und die erhebliche Schwächung der Parteien »er Mitte. Dazu kommt die Tatsache, daß eine zanze Reihe kleiner Grübchen mit etwa 40 Abgeordneten im Reichstage erscheinen werden. Sie sind verurteilt zu polnischer Einflußlosigkeit, meh- r»n aber die e o r g e um die Arbeitsfähig- l e -1 des neuen Reichstages.
Die einst ftärtfte Partei des deutschen Reichstages, die Sozialdemokratie, ist nur noch eine gefallene Gröhe, die an ihrer Wiedevaufrich- tung arbeiten mtrß.
Im ganzen muß man jagen, daß das deutsche Volk die Pwln auf feinen politischen Befähigungs- lwchweis nicht bestanden hat.
Von den Mittelparteisn hat sich bei weitem a m besten das Zentrum geschlagen. Das ist umso erfreulicher, als der Ansturm von rechts und links gegen den Zentrumsturm tobte. Uner- jchüttsrt, ja verstärkt steht das Zentrum am R h e i n. Im Wahwrefie Kovlenz-Trier hat keine andere Partei ohne Lisrenoerbindung einen Kandidaten durchgebracht, das Zentrum 5 gegen 4 bei den Wahlen 1920.
Wie sieht es mit der Mehrheitsdüdung nn neuen Reichstag aus?
Auf positive Mitarbeit der Deütschvölkischen und der Kommunisten kann nicht gerechnet werden.
Die große Koalition hat eine solch schwache Mehrheit, daß sie keine genügende Tragfähigkeit mehr hat. Sie würde aber auch vor einer unlösbaren Aufgabe stehen, da auf Grund der Sachverständigen-Gutachten baldige, Verabschiedung mehrerer Gesetze notwendig ist, die eine Verfassungsänderung bedingen, also Zweidrtttel-Pcehr- heit im Reichstage notwendig machen.
Bei dieser Sachlage ist die große politische Frage, ob die Deutschnationalen sich bereit finden werden, zur Verhandlung über die G u t ü ch l e n der Sachverständigen, zur Mitarbeit an den m Verfolg dessen zu erlassenden Gesetzen. Werden-sie beir M u t dazu finden nach ihrem agitatorischen Geschrei im Wahlkampfe?
Dann nur wird der neue Reichstag die ihm obliegenden Ausgaben lösen können. Sonst wird das deutsche Volk vielleicht bald vor neuen schweren Erschütterungen stehen, die vor allem neues Leid wieder bringen werden über die Beoöl- kerimg an Rhein und Ruhr.
vom Wahlergebnis.
klebermittlungsfehler zu llngunsten des Zentrums.
Der „Schief. Volksztg." zufolge war das vorläufige amtliche Wahlergebnis für das Zentrum in Mittelschlesien mit 167 503 Stimmen infolge eines Uebermittlungsfehlers unrichtig angegeben worden. Für bas Zentrum wurden im Wahlkreis Breslau insgesamt 175 503 Stimmen abgegeben. Dr. Brüning, Bundesgeschäftsführer in Berlin, ist dadurch mit Hilfe der Reststimmen als dritter mittelschlesischer Zentrums- tanbibat im Wahlkreis 7 (Breslau) gewählt.
Die Stimmenzahl In Hessen-Nassau.
Nachdem jetzt die bisher noch ausftebenben 22 Frankfurter Bezirke bekannt geworben find, stellt sich bas vorläufige Enbergebnis im Wahlkreis 19 (Hessen-Nassau) wie folgt:
Nationale Freiheitspartei Häußerbund Demokratische Partei Unabhängige Sozialdemokr. Partei D. Wirtschaftspartei Zentrum Deutsche Dolkspartei Döllisch-sozialer Block Deutschnationale Kommunisten
4667
687
86 851
11 537
302 788
23 841
203 906 (1920 ; ? 98)
147 405
67 4’24
241 049
112 284
Zeichen Md wunder.
(Don einem parlamentarischen Mitarbeiter.)
Es geschehen Zeichen unb Wunder! Auch in der Politik! Unb zumal jetzt, nachbem die Deutsch- nationalen, nicht so sehr burch eigene Kraft und Fähigkeit als durch bas erschreckende Anwachsen der linksrabikalen kommunistischen Opposition, die eine Schwächung ber Mitte herbeigeführt hat, m die Lage gekommen sind, an verantwortlicher «teile sich zu betätigen.
Unb siehe da: In diesem Augenblick, da es kein Drehen unb Wenben mehr gibt, da die Deutsch- nationalen zur Verantwortung sich bekennen m ü s- ' E n., da sie sich nicht mehr billige Opposition und Kritik um jeden Preis gestatten können und dürfen, °° sie nun einmal selber zeigen müssen, was sie können, in diesem Augenblick hat sich der Wind mit ’mem Male gedreht!
Die Gretchen-Frage: Wie hältst Du es mit dem «utachten, ist tatsächlich ber entscheidende Pol für ”e künftige Tätigkeit des Reichstages. Und nun geschehen Zeichen und Wunder: Der Führer ber «■etlidj noch nicht zusammengetretenen deutschnatio- *men Fraktion, Abgeordneter Hergt, steht auf erklärt, daß man in deutschnationalen Kreisen 9ar nicht daran denke, dem Gutachten „von vorn- lerem ein rundes Unannehmbar" entgeaenzustel- £n> man vielmehr „eine befriedigende Lösung °er deutschen Gesamtfragen auf dem Wege schleu
niger Verständigung" herbeizuführen bestrebt ist.
Es ist kein Druckfehler: Das Wort „Derstänbi- gung" ist tatsächlich dem Gehege der Zähne des Abgeordneten Hergt entflohen.
Unb was haben wir im Wahlkampf über bie Verstänbigungs- und Erfüllungspolitik alles hören müssen. In deutschnationalen Flugblättern hieß es, daß die Regierung, die dem Sachverftändigen-Gut- achten zugestimmt habe, vor den Staatsge- r i ch t s h o f gehöre, daß jeder Deutsche, ber diesem Gutachten zugestimmt habe, ein „Verräter" an Volk unb Lanb sein! Der Gedanke, dieses Gutachten anzunehmen, wurde in der deutschnationalen, vor allem hauptstädtischen, Presse als „verbrecherisch", zum mindesten als „verbrecherischer Wahnsinn" bezeichnet. Das Wort, das der verstorbene Abgeordnete H e l f f e r i ch über dieses Gutachten prägte vom „Zweiten Versailles", wurde überall aufgenommen unb gegen die, die eine andere Auffassung vertraten, mit voller Wucht geschleudert. Der nun auch den Reichstag zierende deutschnationale Abgeordnete Schlange nannte die im Sackverstän- bigen-Gutachten vorgeschlagene Goldbank, die Deutschland die endgültige Währungs-Stabllität und die endgültige, wirkliche Goldmark bringen soll, eine „Judenbank". Und Graf Westarp donnerte gar furchtbar gegen die, die feiner Meinung nach auf dem besten Wege feien, das deutsche Volk zum zweiten Male in ein neues „Sklavenjoch" zu führen.
Unb nun geschieht bas große Wunder: Hergt ist unter die Erfüllungs- und Verständigungspoli- tiker gegangen, er ist bereit, „das zweite Versailles" „nicht von vornherein" abzulehnen, er ist bereit, das Westarpfche „Sklavenjoch" aufzunehmen, er will sogar die „Judenbank" schlucken, er denkt nicht daran, eine Regierung, in der er selber ist, falls diese dem Sachverständiaen-Gutachten zustimmt, vor den „Staatsgerichtshof" stellen zu lassen und wenn er, Hergt, diesen Schritt tut, bann ist das natürlich „ganz etwas anberes" unb durchaus nicht „verbrecherisch" ober „landesoerräterisch" ober „wahnsinnig"!
Wie sich doch alles furchtbar rächt in der Politik! Es brauchen nur einmal Wahlen vorgenommen zu werden, die denjenigen, die das Volk in einen Phrasenrausch gejagt haben, die Macht in die Hände gibt, unb schon wissen diese selben „Unentwegten" und „Rückgratfesten" gar fein anderes Rezept anzugehen als das, welches bie frühere Regierung selber anroanbte: nämlich durch vorsichtige, opferwillige Arbeit Volk unb Land von dem äußeren Druck zu befreien. Man kann es verstehen, wenn das Hauptorgan ber Deutschen Volkspartei, „Die Zeit", bas man auch als bas Sprechorgan Strefemanns ansprechen kann, sich sehr luftig macht über bie Bekehrung des Herrn Hergt von einem „Saulus zu einem Paulus!" Unb bas Blatt hat ganz recht, wenn es darauf hinweist, daß Hergts Aeußerung von einem „Fiasko" der Politik Strefemanns ebenfalls nicht weiter als Phrase ist. denn durch seine oben angeführten Aeußerungen hat Hergt sich ja selber genau zu ber gleichen Außenpolitik bekannt, wie sie bisher von dem Kabinett Marx-Stresemann geführt worben ist.
In ber Tat ist bas auch der Prüfstein der Politik: Ob die bisherige Außenpolitik weitergeführt wird oder nicht. Die Zentrumspartei steht auf dem Standpunkt und sie kann gute Gründe dafür angeben, daß der Volkswille sich für die Fortführung dieser bisherigen Politik ausgesprochen bat. Die Zentrumspartei wird jedenfalls, — das können die Deutschnationalen sich mit ollem Nachdruck gesagt sein lassen, — von dieser politischen Linie nicht um einen Fingerbreit sich abbrängen lassen. Das Zentrum lehnt eine derartige überraschende Wandlungsfähigkeit, wie sie Herrn Hergt eigen ist, unbedingt ab. Für das Zentrum haben nicht partei-politische oder gar partei- demagogische Rücksichten eine Rolle gespielt. Das Zentrum hat oft genug geradezu den Bestand seiner Partei und zwar, — wir sagen das ganz offen heraus! — bewußt gefährdet um das Wohl ber Gesamtheit des Volkes willen. Immer hat bei derartigen Befchließungen das Wort Grode r 5 in Weimar in der ernstesten Stunde, die dem deutschen Volke beschieden war, vorgeschwebt: Und wenn unsere Partei zugrunde geht, wir müssen den Wen gehen!
Wenn die Deutschnationalen nunmehr, was freilich noch gar nicht so ausgemacht ist, die Wandlung des Herrn Hergt mitmachen, wenn sie von den rabiatesten Gegnern und Bekämpfern der fogenann- ten Erfüllungs- unb Verständigungspolitik nunmehr ben gleichen Weg geben sollen, bann werben das die beutfdmationalen Wähler mit ihren Führern, bie in ihrem Wahlprogramm etwas ganz anberes gesagt haben, zu bereinigen haben. Wir vom Zentrum können nur eine Genugtuung bar« über empfinden, wenn die Bekehrung der Deutsch- nationalen zur Erfüllungspolitik sich vollzieht, aber es muß dabei Sorge tragen, daß die Deuffchnatio- nalen nun ganz klar und offen Politik machen und restlos die Konsequenzen aus ihrer Haltung ziehen, und es wird vor allen Dingen verhütet werden müssen, daß sie sich das Prügel- vbsekt für das, was sie zu tun gezwungen sind, bei anderen Parteien und gar beim Zentrum suchen. Das Zentrum wird gewiß jede positive Mitarbeit leisten, die die Wahrung der Interessen von Politik nnd Vaterland sicherstellen unb gebieten, es wird sich aber von dem, was es für recht erkennt, besonders hinsichtlich der Außenpolitik, durch keine Kniffe und Schliche, woher sie auch immer kommen mögen, beirren lassen. Das auszusprechen ist nicht überflüssig angesichts der taktischen Winkelzüge, die der Abg. Hergt, übrigens in ganz unbegreiflicher politischer Naivität, proklamiert hat. Nein: Es heißt jetzt Farbe bekennen, klar und deutlich aussprechen, was ist und daraus ebenso klare und rücksichtslose Konsequenzen ziehen. Man kann darauf gespannt sein, wie bann bie Deutschnationalen ihren Wöhlern das große Wunder ihrer Bekehrung begreiflich machen! , -
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