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aerZerlung

Amklicher Anzeiger für den Kreis und die Stabt Fulda.

Nr. 99.

Berautwortliä, für die Schrittleitung: Dr. Jobannes Kramer. At»eigen: I- P arreller, Fulda. Rotationsdruck und Verlag der s Fuldaer «ctiendruckerei in Fulda. Fernivrecher Sfr. 9.

Bezugsvreis für Avril- Bostbestellung 1.80, Stadtbezug 1.50 Mk.

Sonntag, 27. April 1924.

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51. Zahrg.

Vie Entscheidung des 4« Mai.

Von unserem parlamentarischen Mitarbeiter.

Der einfache Wühler, der jetzt mit der Mittei- kung beglückt wurde, daß nicht weniger als 23 Par­teien in diesen Wahlkampf eintreten, wird darob nicht wenig überrascht, aber auch verwirrt sein. Er wird umso weniger aus den verschiedenen Wahl­vorschlägen Klarheit gewinnen können, als er ja gar keine Möglichkeit hat, die hinter diesen Par­teien und Parteichen stehenden Gruppen und Grüppchen und namentlich auch nach ihren von den verschiedenartigsten Interessen beeinflußten Be­strebungen beurteilen zu können. Ja es ist selbst für lang erfahrene Politiker und Parlamentarier schwer genug, und was die Reichslisten angeht, so sehen wir vielfach den schon bei der Wahl von 1920 angewandten Trick sich wiederholen, daß dort Persönlichkeiten auftreten, die nur Schildhalter für ganz andere Bewerber sind, soadß der Wähler sich dann nach der Wahl Gewählten gegenüber sieht, mit denen er vorher gar nicht rechnete.

Es ist heute noch ungemein schwer, sich ein Bild darüber zu machen, wie die Entscheidung des 4. Mai ausfällt. Aber unschwer ist es, sich darüber Rechenschaft zu geben, was von dieser Entscheidung abhängt. Gelingt es nicht, eine positive schaf­fende Mehrheit im Reichstage zusammen zu bringen. u. der ungemein bedauerliche Wirrwarr gerade in weiten Schichten des Bürgertums läßt leider diese Befürchtung als gerechtfertigt erscheinen dann wird vielleicht schon sehr bald das deutsche Volk z u e i ner neuen Entscheidung auf­gerufen werden müssen.

Und die Anzeichen, daß es so kommt, liegen tat­sächlich schon vor. Die Kommunisten rechnen mit einem starken Zuwachs. Das gleiche ist bei der doutschvölkischen Gruppe der Fall, und damit würde die Schlagkraft der Deutsch­nationalen ebenfalls empfindlich gelähmt. Wir würden das außerordentlich bedauern, weil der politische Genesungsprozetz auf diese Weise nur auf­gehalten würde. Wie stark die Deutschnationalen von den Deutschvölkischen bedrängt werden, ergibt sich aus Miner neuerlichen Meldung, wonach i n Pommern 37 deutschnationale Orts- grup pen geschlossen zu den Deutschvölki- schen übe r-getreten sind. Der soeben er­folgte Uebertritt des Landgerichtsdirektors Dr. Warmuth von der deutschnationalen Partei in die Deutsche Volkspartei, der sich in derselben Form und fast unter derselben Begründung wie der seiner­zeitige gleichartige Schritt des badischen Iusttz- Iustizministers Dr. Düringer vollzog, zeigt im Verein mit den Splitterungserscheinungen inner­halb der Deutschen Volkspartei, welche fieberische Gärung gegenwärtig gerade im bürgerlichen Par- teilager überwunden werden müssen.

Bei dieser Lage ist es außerordentlich fraglich, ob eine arbeitsfähige Mehrheit im neuen Reichstag zustandekommt. Eine bürg erliche Mehrheit ist bei dieser Situation schon garnicht mehr zu erwar­ten, schuld daran ist das Bürgertum selb st. Die gemäßigte Linke wird ebenfalls zweifellos em­pfindlich geschwächt an Mandaten in den Reichstag ««ziehen, und die Einbuße wird auf Kosten der radikalen Linken gehen. Diese aber erkennt das Parlament ja überhaupt nicht an, sie wählt unter dem Motto:Nieder mit dem Parlamentarismus auf zur Wahl". Das bedeutet, daß die Linke im kommenden Reichstag es auf S p r e ng u n g des Parlaments anlegt, daß sie die Sabotage je­der ordnungsmäßigen Betätigung des Parlaments als ihr Prinzip ansieht.

Aus alledem ergibt sich, wie viel von der Ent­scheidung des 4. Mai abhängt. Nichts geringeres stcht auf dem Spie, als die Ruhe und Ord­nung im Lande auf Grund einer Entcheidung darüber, ob die. Anzeichen in der internationalen Politik, die uns endlich die Aussichten auf eine Lockerung der Fesseln eröffnen, sich erfüllen sollen ober nicht.

Sn Steiften der SmeiftMln.

vertraulicher Schriftwechsel."

DasVerl. Tagebl." veröffentlicht eine Reihe separatistischer Geheimdokumente, u. a. einen ver­traulichen Briefwechsel zwischen rheinischen und pfälzischen Sonderbündlern. Aus den Schriftstücken geht hervor, daß der rheinische U n a b - hängigkeitsbund und der rheinisch- westfälische Volksbund nichts weiter sind als eine Maskierung der ehemaligen s e p aratistischen Vereine und Ver­bände, von denen sie sich in den Zielen kaum unterscheiden. Ebenso wie in den Putschtagen des vergangenen Jahres, plant man die Errichtung emer sogenannten Wohlsahrtsdiktotur, wobei man vor gewaltsamen Mitteln nicht zurück- lchrecken wird. Eine rheinische Schutz mehr fft in der Bildung begriffen. Waffen sind noch genügend vorhanden und können jederzeit mit Leichtigkeit beschafft werden, da die Separatisten Uoch in dem Besitz der von den Besatzungsoehörden ausgestellten Waffenscheine sind. Die psäl- Nchen Separatisten haben sich unter Führung Are« gewissen Kunz, der in Marseille geboren hs unter dem NamenRheinische Arbeiterpartei" Mammengeschlossen. Kunz soll in der Woche nach t^ern, wie er selbst in einem von dem Blatte ver- Mentlichten Brief an den rheinisch-westfälischen Unabhängigkeitsbund in Düsseldorf angibt, nach L^ankreich reisen, um wahrscheinlich dort Hir die der für die Propaganda der separa- nkttschen Parteigruppen erforderlichen Geldmittel *8 pwgM.

Die Reparailonskommisfion.

Nach einer Pariser MeKnlng hat die Re­parationskommission die Antworten der französi- schen, der belgischen und der englischen Regierung auf das Schreiben der Reparatlonskommfision vom 17. April zur Kenntnis genommen. Die Antwort der italienischen Regierung wird erwartet. Sobald sie eingettoffen fft, werden die vier Schriftstücke veröffentlicht werden.

Morgans Rolle.

wtb Paris, 26. April. (Tel.) Wie bereits be­richtet, haben die Delegierten der verfchkdenen £än- der in bet Reparationskommission gestern abend eine Besprechung mit dem amerikanischen Finanzmann Morgan gehabt. Die Besprechung soll heute fortgesetzt werden. Rach demEcho de Paris" finden heute Verhandlungen mit dem eng­lischen Finanzrnann ZNontagu Norman statt, und nach einer Meldung desMalin" kann angenom­men werden, daß Verhandlungen mit Finanzleuten anderer Staaten folgen werden, um Aufklärung zu erhalten über die Möglichkeit der Plazierung der im Sachverständigenbericht vorgesehenen ersten An­leihe von SCO Millionen Goldmark.

wtb Paris, 26. April. (Tel.) Nach der Chicago Tribüne" wird Morgan alsbald nach London abreisen. DasJournal" erklärt: auf Grund von Mitteilungen, die ihm von autvrativer Seite zugegangen sind, daß die Anwesenheit Mor­gans nichts mit einer Stützungsanleihe für den belgischen Franken zu tun habe, für die keinerlei Bedürfnis vorliege.

Vie Militär-Uontrolle.

wtb London, 26. April. (Tel.). Reuter mel­det aus zuverlässiger Quelle zu der Frage der Wiederaufnahme der Mllstärkontrotle: Es wird erwartet, daß der britische Vertreter in der Konfe­renz einen Vorschlag unterbreiten werde, der dahin gehe, daß zunächst nur eine vorläufige Antwort auf die letzte deutsche Mitteilung über diese Frage ertellt werden soll, wenn die deut­schen Wahlen im nächsten Monat siattgefunden hätten, werde diese Anttvort durch eine umfassen­dere ergänzt werden.

wtb Paris, 26. April. (Tel.) Ministerpräsi­dent Poincare hatte gestern abend eine Unterredung mit dem englischen Botschafter. DerPetit Pari- sien" glaubt zu wissen, daß über die interalliierte Militärkontrolle gesprochen worden sei. Das Echo de Paris" nimmt an, daß auch bte S ach - verständigenberichte Gegenstand der De- sprechung waren.

Zur BelliKzonü-Uajaftroyhe.

wtb Bellinzona, 26. April. (Tel.) Die Schweizerische Depeschenqgentur meldet: Im Gegensatz zu früheren Meldungen steht nunmehr fest, daß der Gepäckwagen, in dem das Ge­päck der getöteten und verletzten Reffenden ausbe­wahrt wurde, nicht in Bellinzona zurück- gehalten worden ist; er hat im Gegenteil d i e Grenze am 23. April passiert. Die Ide n- tifizierung der Reisenden ist dadurch be- deutend erschwert.

Der neue Münchener Putschprozeß.

Die yitlergarde und die Geiseln.

In der Münchener Verhandlung gegen die An­gehörigen des Hitlerstoßtrupps erklärte der als Zeuge vernommene Erste Bürgermeister von Mün­chen, der sozialdemokratische Abgeordu. Schmid, daß am 9. November die sozialistischen Stadträte aus der Sitzung im Rathaus heraus verhaftet wurden. Er selbst sei vom Stuhle heruntergerissen morden. Unter beleidigenden Bedrohungen seien die verhafteten Geiseln über den Marienplatz zu einem Lastkraftwagen geführt worden. Bei dem Einstellen der Geiseln in den Demonstrationszug der Nationalsozialisten sei gerufen worden, daß, falls ein Zugteilnehmer falle, die Geiseln er= schlagen werden würden. Der Zeuge erkennt in dem Angeklagten Knopploch denjenigen wieder, der den Befehl zur Tötung der Geiseln gab.

Deutsches Reich.

* Der 1. Mai in Thüringen. Wie aus Weimar gemeldet wird, hat das thüringische Ministerium des Innern alle Kreis- und sStadtdirektoren angewiesen, für den 1. Mai keine Ausnahme von dem Verbot für öffentliche Versammlungen unter freiem Himmel oder Umzüge zu gewähren.

* Neuer Oberbürgermeister in Potsdam. In der Potsdamer Sladtverordnetenfitzung wurde Bürger­meister Arnold Rauscher auf zwölf Jahre zum Oberbürgermeister gewählt. Rauscher ist seit 1914 Bürgermeister in Potsdam und gehört politisch der deutschnationalen Partei an.

----- Vie Lrwerbrlosennnterftütznng. Im Anschluß an die Berhandlunaen tn dem Erwerbswsenausfchutz des Berwoltungsrates des Reichsamtes fürArbeitsvermittluna und an die Verhandlungen der gewerkschaftlichen Spitzen­verbände in der Reichskanzlei am 19. April über die seinerzeit berichtet wurde, hat das Reichskabtnett ans 24. April eine Erhöhung der Erwerbslosen­unterstützung um durchschnittlich 20 Prozent mit Wirkuna vom 5. Mai beschlossen.

Neuer Vorstoß Ludendorffs.

Wiederum fchärffte Angriffe gegen den Papst und die Kirche.

Nachdem sich der General Ludendorff an die Spitze der deutfchvölkischen Liste hat stellen lassem haben wir es jetzt nur noch mit demPolitiker" zu tun. Leute, die Ludendorff aus allernächster Nähe kennen, sind der Ansicht, daß sich mit die­sem Schritt Ludendorff selbst am meisten geschadet hat. Es wird etwas anderes für ihn sein, in der Erinnerung an den Krieg und die Großtaten des Heeres als Heerführer betrachtet zu werden, und etwas anderes, in die politische Arena zu steigen, und dort über politisches Tun und Lassen, wie überhaupt über das ganze öffentliche Auftreten Rede und Antwort zu stehen.

Hervorragende Militärs haben ihn wiederholt alspolitischen Kindskopf" bezeichnet. Förmlich um dieses Urteil zu bekräftigen, und damit seine politische Laufbahn zu beginnen, hat Ludendorff nun erneut einen geradezu unerhörten Kampf gegen den Vatikan in Szene gesetzt. Man erinnert sich, daß diese diesbezüglichen Angriffe in München nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt ein entrüstetes Echo fanden. Aber Ludendorff brachte es fertig, diese Unterstellungen und direkten Beschimpfungen erneut zu wie­derholen. Er tat das in diesen Tagen gegen­über dem norwegffchen Korrespondenten derChi­cago Daily News", indem er folgendes sagte, was nun durch die ganze Presse des In- und Auslandes geht:

Meiner Ansicht nach ist die deutsche Presse die wertvollste der ganzen Welt. Ich möchte sie gegen ausländische Cinflüfse beschützen. Das feste Ziel unterer Außenpolitik ist Revision des Versailler Vertrages auf Grund 1. des lügenhaften Paragraphen 231, 2. des belgisch-französischen Vertragsbuches, 3. der erzwungenen Unterschrift. Ich kenne keine protestan­tischen und katholischen Soldaten, sondern nur deMsche. Aber während Deutschlands Kainpf um Freiheit und Existenz ist der Vatikan nicht neutral geblie­ben. Wenn man die strenge Disziplin der katholischen Kirche in Betracht zieht, ist es schmerzlich zu sehen, wie der Heilige Vater vorigen Sommer die Sabotage im Rheinland und im Ruhrgebiet mißbilligte und dadurch Deutschland eine tatkräftige Waffe gegen Frankreich aus der Hand nahm. Nicht weniger schmerz­lich war für uns die Tätigkeit des Kardinals Faul­haber, als er im vorigen Jahre in Amerika war. Der Kardinal äußette sich über deutsche Interessen in einer Weife, die die Mehrheit des deutschen Volkes nicht als wahrhaftig betrachten würde. Cs ist erstaimlich zu bemerken, wie er die Juden gerade vor dem 8. No­vember verteidigte. Rom arbeitet langsam, ober^hui weitsichtige Ziele. Für den Vatikan spielen 50 oder 100 Jahre keine Rolle. Das Ziel des Vatikans ist, das ganze Christentum katholisch zu gestalten, und anderen Konfessionen Gleichberechtigung abzusprechen."

Das Auftreten Ludendorffs scheint ja förmlich darauf angelegt, die katholifche Bevölkerung Deutschlands, die ihre besten Kräfte im Weltkriege stellte, und von der große Teile die Folgen der Ludendorffschen Kriegspolitik in Ost und West noch am eigenen Leibe zu spüren haben, nach altberüch­tigtem Kulturkampfmuster als Bürgerzwei­ter Klasse zu degradieren, und sie damit einer Hetze und Verfolgung preiszugeben, auf deren Signal so viele Elemente ja schon längst warten. Wir sehen dieser Ludendorffschen Attacke in Ruhe und Fassung entgegen. Wenn es Ludendorff auch im politischen Kampf passiert, daß er d i e Gegen­kräfte unterschätzt, dann wird er dort noch rascher abgewirtschaftet haben, als das in seiner Kriegspolitik der Fall war.

Ueber Helfferich schreibt uns ein langjähriger parlamentarischer Mitarbeiter:

Keinen gibt es unter uns, der sich nicht erschüt­tert beugte vor dem furchtbaren Ende, das Helffe- rich getroffen hat. Im Angesichte eines solchen Todes erstarren die Worte. . . .

Mit Helfferich ist eine Persönlichkeit aus dem politischen Leben geschieden, deren Entwick­lung von allen, die ihn näher kannten, und mit ihm zu tun hatten, immer wieder auf das Tieffte beklagt wurde. Ein reiches Wissen, umfassende theoretische Kenntnisse und praktifche Fähigkeiten, haben sich in diesem Manne vereint, dessen ganze Tragik es war, daß er seit seiner unseligen Kriegs­politik nicht wieder zur positiven Ar­beit kommen konnte. Selbst ein ihm so nahe­stehendes Organ wieDie Zeit" stellt fest, daß Helf- ferich in Deutschland nach dem Kriege nicht Ge­legenheit gehabt hätte,sich positiv schöpferisch zu betätigen", und dennoch fieberte dieser Mann nach einer solchen Betätigung! Wer ihm nahe stand, wußte es, daß keineswegs innerer Drang ihn zur deutschnationalen Volkspartei nach dem Zu­sammenbruch unseres Vaterlandes führte, sondern die Hoffnung, hier sich am ehesten durchsetzen zu können, um in eine führende Rolle zu kommen. Und Helfferichs Auftreten innerhalb der deutsch- nationalen Fraktion war ganz und gar umstrit­ten. Er hat sich oft sagen lassen ntüffen, daß er viel zugemäßigt" sei, und tatsächlich ist er aus diesem Grunde oftmals in Widerspruch mit seinen eigenen Parteifreunden geraten.

In dem Wirken und Schaffen Helfferichs ist immer gerade dann ein elementares Ereignis ein­getreten, wenn er sich am Ziel feiner Wünsche glaubte. Der noch in aller Erinnerung dastehende, lang vorbereitete Vernichtungskampf gegen Erzberger hatte den Zweck, Helfferich politisch auf die Höhe zu bringen. Es ist sehr be­merkenswert, daß ihm nunmehr in den Nachrufen alle deutschnationalen und deutschvölkischen Blätter bestätigen, daß er mit diesem Kampfe zumpopu­lären Mann" in ganz Deutschland geworden sei. Dieser Kampf freilich endete mit der Ermor - bung Erzbergers, nachdem vermiedene vor­

her versuchte Attentate nicht zum Ziele geführt hatten. Helfferich mußte infolge der Erregung, die sich aus dieser Lage ergab, im Hintergründe bleiben, das Ziel seiner Wünsche blieb fürs erste unerreicht. Es ist bei dieser Gelegenheit nicht ohne Interesse, wiederum aus den Nachrufen der deutsch­nationalen und völkischen Presse zu ersehen, wie die Mordtat an Erzberger erneut vor- teidigt und förmlich gerühmt wird. Der Pastor" Maurenbrecher spricht, wie hier schon er­wähnt wprde, in derDeutschen Zeitung" von der Tatzweier edelgesinnter" Jünglinge, diedem toten Erzberger ungewollt die Märtnrerkrone aufs Haupt gedrückt" hätten. Und dieK r e u z z e i t- t u n g" bringt es sogar fertig, auszusprechen, daß Helfferich bei feinem Kampf gegen Erzbergerin seiner ganzen Größe" sich gezeigt,daß der Mann der Beseitigung dieses politischen Schädlings ein großes Werk getan hätte."

Aber Helfferich ließ in feinem Kampf, in feiner Opposition um jeden Preis nicht nach. Nun warf er sich mit aller Wucht g e g e n d i e R e g i er u n g Wirth, gegen ihre sogenannte Erfüllungspolitik, und insbesondere gegen die Politik des Ministers Dr. Rathenau. Als er am 23. Juni 1922 im Reichstage wohl die schärfste, und man muß es ausfprechen, auch gehässigste seiner bis dahin gehaltenen Reden im Reichstage vollendet hatte, da hatte man allgemein das Gefühl: das gibt ein Unglück. Und am nächsten Tage, um die Mittags­stunde, lag Rathen au ermordet a u f der Straße. Im Reichstage herrschte eine furcht­bare Empörung, man machte Helfferich für diese Mordtat verantwortlich, er mußte gegen tätliche Angriffe geschützt werden, und mitten in dem Sturm wurde von einem jungen Burschen für Helfferich ein Rosenstrauß mit schwarz-weiß-roter Schleife abgegeben.

Aber der Tod Rathenaus brachte wiederum Helfferich um seine Hoffnungen. Noch einmal sammelte 'man sich gegen die unseligen verantwor­tungslosen Kampfmethoden der äußeren Rechten, deren Aktionskraft für längere Zeit ausgeschaltet war.

Aber Helfferich gab auch jetzt noch nicht den Kampf auf. Mit einer Leidenschaft, die man schon Fanatismus nennen muß, verharrte er in der der Opposition, urtö von seiner Kritik blieb gar« nichts verschont. Immer wieder forderte man ihn im Reichstage auf, zu sagen, wie er sich denn die Entwicklung der Dinge vorftelle, was dann werden solle, wenn nach feinen Ideen vorgegangen, der Friedensvertrag zerrissen, und jegliche Leistung verweigert würde, und immer wieder hatte Helffe­rich keine Antwort als die: das müsse man eben abwarten, das werde man dann sehen, das andere" werde sich danneben entwickeln". Das war der ganze Inhalt der Innen- und Außen­politik Helfferichs, und in der Tat konnte über diese kein schärferes Urteil gefällt werden, als es jetzt in derDeutschen Tageszeitung" durch Maurenbrecher geschehen ist, der an Helfferich rühmt, daß seine Politik daraus eingestellt gewesen sei, allen Forde­rungen der Gegner ein unerbittliches Nein gegen­überzustellen,gleichzeitig, was daraus folgen würde". Das ist in der Tat das ver­nichtendste Urteil über feine Politik, die ja auch zu dem unseligen Ruhreinmarsch mit allen seinen furchtbaren politischen und wirtschaftlichen Folgen geführt hat, eine Aktion, die vollzogen wurde unter einer Regierung, in welcher die Deutschnationalen, und nicht zuletzt Dr. Helfferich selber sehr stark den Ton angaben.

Und auch jetzt sehen wir wieder Dr. Helfferich als schärfften Kritiker der Stellungnahme der Reichsregierung zu dem Sachverstänüigen- gutachten. Eine leidenschaftliche Fehdeansage ließ er noch in einem von Italien aus geschriebenen Artikel an die Regierung ergehen. Seine Kampf­stellung begegnete aber dem energischen Einspruch selbst der beteiligten industriellen Kreise. Es ist ein eigenartiges, geradezu er­greifendes Zusammentreffen, daß an demselben Tage, an welchem die berufenen Vertreter der deutschen Industrie in Berlin zusarnmen- ka'men, um sich gegen diese Helfferichfche Aktion auszusprechen und der Reichsregierung die aus­drückliche Billigung ihrer Stellungnahme zu bekunden, die Nachricht von dem entsetzlichen Flammentode Helfferichs eintrifft.

In diesem Augenblick, vielleicht dem letztmög­lichen, hatte Helfferich gerechnet, wieder zu einer führenden politischen Rolle zu kommen. Er glaubte und rechnete daraus, daß die nächsten Reichstagswahlen feiner Partei eine derartige Stel­lung im Reichstag verschaffen, daß er selber wie­der an einem hervorragenden Posten aktiv tätig fein könne. Das spricht in der Tat f ü r den Drang nach positivem Schaffen, von de'm allein er sich offenbar auch die Möglichkeit versprach, die vie­len Fehler seines politischen und wirtschafllichen Wirkens im Kriege, die, was man offen ausfpre­chen muß, zum Unheil für das deutsche Volk und Vaterland ausgeschlagen sind, wieder gut zu machen. Und ein unersorfchliches Schicksal entzieht Helfferich in diesem Augenblick, wiederum nahe am Ziel feiner Wünsche und Hoffnungen, durch einen gräßlichen Eingriff seinem wetteren Schaffen und Wirken.

Menschlich beugen wir uns tief erschüttert vor seinem Geschick. Politisch freilich werden die Spuren der Tättgkeit Helfferichs nicht so leicht z u verwischen stin. Wir wollen es dem Urteil der Geschichte überlasten, feiner ganz gerecht zu werden.

Kurland.

Die neue Republik Griechenland ist von Eng­land anerkannt worden.