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Fuldaer EZertung

'M 92.

WomrerStag, 17. «prll 1924.

2. Blatt.

Druck der Fuldaer Aetiendruckerei itt Fulda

Ahfchiedsfeier

für Herrn Protonotar Professor Dr. Gutbeiriet im Priesterseminar zu Zulda.

Mit dem jetzt zu Ende gehenden Wintersemester hat Protonotar Pros. Dr. Gutberlet das Lehramt pn hiesigen Priestersenrinar niedergelegt, das er hier einer Unterbrechung in der Kulturkampfszeit von |g62 an mit vorbildlicher Treue verwaltet hat. Aus die- B Anlaß fand gestern in der Aula eine eindrucksvolle

er statt, zu der sich mit dem Hochw. Herrn Bischof Professoren und Alumnen vereinigt hatten.

Nachdem der hochw. Herr Protonotar von dem Ober- jirten der Diözese zu seinem festlich geschmückten Sitze geleitet worden war, wurde ein Musikstück und ein Lied »orgetragen. Danach widmete Herr Domkapitular Dr. Leimbach als der nächstälteste Profeffor dem ehr» würdigen Senior des Kollegiums etwa folgende Ab- jchiedsworte:

lieber sechs Jahrzehnte find seit dem Tage verflos- en, an dem aus der ewigen Stadt ein junger Priester lad) seinem Vaterlande zurückkehrte. Er begab sich Krft zu seinen Eltern in die heimatlichen Berge des saerlandes. Bald aber berief ihn der hochselig« Bi- sthof Christoph Florentius Kött nach Fulda und gab ihm den Auftrag, an der Borbereitungsanstalt für das Priefterfeminar Mathematik und Raturwissenschaft zu »ehren, an diesem selbst zugleich philosophische Bor« lefungen zu halten. Es war unser hochwürdigster Herr Protonotar Prof. Dr. Konstantin Gutberlet, der damit den von Gottes Vorsehung für chn bestimmten Lebens- veg betrat.

In Rom hatte er an der Gregorianischen Universität roter den Professoren Solimani, Eardella und vor allem Longiorgi die Philosophie eifrig studiert, sich auch in den mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern wettergebildet. Franzelin, der nachmalige Purpurträger der römischen Kirche, hatte ihn danach 4 Jahre hindurch 'm Dogmatik unterwiesen und in die spekulative Begrün­dung und Durchdringung der Glaubenswahrheiten ein- geführt.

In Fulda benutzte er seine freien Stunden, um sich in das Studium von Leibniz, Ulrici, Lotze und ande- rer Philosophen zu vertiefen. Schon in dieser ersten Periode feiner Lehrtätigkeit reifte manche literarische Frucht. Besonders hebe ich hervor den Kommentar zum Buche der Weisheit, der heute noch wegen feines gediegenen philosophischen Gehaltes hohen Wert und großes Ansehen besitzt, eine seltene Erscheinung auf dem Gebiete der exegetischen Wissenschaft, die so rastlos vor- wärts schreitet.

1874 wurde dieses stille Wirken unseres Gelehrten In Frllda jäh unterbrochen. Im sogenannten Kultur- kampf wurde das Priesterseminar geschlossen. Professor Gutberlet siedelte am 28. Januar 1875 mit den Alumnen nach Würzburg über und wirkte dort 11 Jahre hindurch ols Regens des „Fuldaneum". Hier fetzte er, wenig- stens einige Zeit lang, feine Lehrtätigkeit in philosophischen Vorlesungen und Repetitorien fort. Reben den Fuldaer Theologiestudierenden fanden auch solche aus anderen Diözesen im Fuldaneum ein gastliches Heim, unter diesen der jetzige Kardinal-Fürstbischof Bertram von Breslau, Prof. Dr. Künstle m Freiburg, Kanonikus und Prof. Dr. Meyenberg in Luzern, Domprobst und Prof. Dr. Nickel in Breslau, Domkapitular und Prof. Dr. Peters in Paderborn. Ueberaus wertvoll war für ihn die geistige Anregung, die die Universitätsstadt bot, der Verkehr mit den Professoren Hettinger, Kirschkamp und anderen, die Universttätsbibüothek mit ihren reichen Schätzen. Hier erwachte in unserem verehrten Herrn Protonotar der Entschluß, ein Lehrbuch der Philosophie zu verfassen. 1878 erschien als erster Teil die Theodizee, 1885 fand es mit dem 5. Bande, der Naturphilosophie, seinen Abschluß.

Ein Jahr darauf war es gelungen, die lang ersehnte Wiedereröffnung des Fuldaer Priesterseminars zu er­wirken. Im August 1886 kehrte Prof. Dr. Gutberlet, vom Bischof Georg Kopp für die Lehrfächer der Dog­matik, der Apologetik und der speziellen Metaphysik be­rufen, in die Bonifatiusstadt zurück. Es sei mir gestat­tet, an dieser Stelle einige persönliche Erinnerungen einzuflechten. Ostern 1887 trat ich in das Priesterseminar ein. In den beiden ersten Semestern wurden wir von Prof. Dr. Pohle in die Logik, die Roetik und die On­tologie eingeführt. Mit Freude und Dankbarkeit er­innere ich mich des liebenswürdigen und eleganten Leh­rers, der es verstand, mit seiner klaren und schönen Darstellungsweise den schwierigen Lehrstoff uns nahe- jubringen. In dieser Schule vorbereitet, hätten wir in den folgenden Semestern Gutbettet. Meine Studten- genosien, die durchweg wissenschaftlich interessiert waren, werden sich, ebenso wie ich, dankbar der geistigen An­regung erinnern, die wir unserem hochverehrten Lehrer verdanken. Wir studierten nicht bloß feine Werke. Auch in Balmes, Schifsini, Liberatore, Zigliara, Suarez ver­tieften wir uns. Als 1888 von unserem Herrn Proto- notar das Philosophische Jahrbuch begründet wurde.

hielt ich es alsbald mit einem Freunde zusammen, trotz­dem unsere finanziellen Mittel nur sehr bescheidm waren.

Unter den Studierenden befanden sich damals nicht wenige, die schon an andern Schulen philosophische und dogmatische Studien gemacht hatten. Da war es inte­ressant, wie gar manche, die m thomistischer Schule unterrichtet worden waren, mit unserem Professor eine Klinge kreuzten, nicht aus Disputiersucht, sondern in wsssenschaftlichem Ernst. Besonders gedenke ich da des hochw. Paters Leonard Lemmens, der heute als Gelehr­ter einen hochgeachteten Namen besitzt.

Wie groß ine Wettfchätzung für unseren vershtten Lehrer war, zeigte sich 1889, als die katholische Uni­versität Löwen den Versuch machte, uns die Perle zu entführen. Groß war unsere Freude, als wir vernah­men, daß auch die persönlichen Bemühungen Merciers, des jetzigen Kardinals, vergeblich gewesen waren. Diese Liebe und Hochachtung ist auch später geblieben. Wenn man mit einem Schüler unseres Herrn Protonotars außerhalb Fuldas zusammentrifft, ist es sicher eine seiner ersten Fragen: Was macht Gutberlet? und eine Freude ist es, antworten zu können: Divit, docet, scribit, in senatum cemt.

Woraus erklärt sich aber der außerordentlich groß« Einfluß, den unser hochverehrter Lehrer ausgeübt hat, und das überragende Ansehen, das er besitzt? Daraus, daß er selbst stets ein unermüdlich arbeitender Jünger der Wissenschaft geblieben ist. Denn es kommt nicht darauf an, wie lange jemand studiert hat, sondern darauf, wie lange er studiert. Da liegt es nun für jeden klar zu Tage, wie unser Herr Protonotar von Anfang an bis zur Stunde alle austauchenden Probleme und Fragestellungen auf dem Gebiete der Philosophie mit Aufmerksamkeit und mit kritischem Interesse verfolgt hat und verfolgt.

Wie ein Programm für seine Lehttätigkeit und sein literarisches Wirken erscheinen die Worte, die er in den Vorreden zu seinem philosophischen Lehrbuch« ausge­sprochen hat: „Wir glauben, daß man häufig mit zu großem Mißtrauen den neueren wissenschaftlichen Er­rungenschaften entgegenkommt und sich so einer bedeu­tenden Stütze der Spekulation beraubt. Machen wir uns nicht derselben Ungerechttgkeit schuldig, wie unsere Gegner, die nur darum so voller Vorurteile gegen die christliche, besonders ältere Philosophie sind, weil sie diese nicht kennen. Es war mein aufrichtiges Bestreben, jedes Fünkchen Wahrheit, wo immer ich es fand, zu verwetten, und wie ich darum ohne Engherzigkeit die Tatsachen den Neueren entlehnte, die in Beobachtung und Rechnung Erstaunliches geleistet haben, so habe ich so viel als möglich die tiefen und unübertrefflichen Schätze der eigentlichen christlichen Spekulation auszu- beuten gesucht. . . . Die Unvereinbarkeit der älteren Spekulation mit den exakten Forschungen der Neuzeit stellt sich gar manchmal als gegenseitige Ergänzung und als schönste Harmonie heraus; man muß sich nur die Mühe nehmen, beides zu studieren."

Diese Richtlinien haben aber unseren Gelehrten nich! auf eine falsche Bahn geführt, wie sie manche leider emgeschlagen haben, daß sie zu versöhnen versuchten, was nicht zu versöhnen war, und Zugeständnisse mach- ten, wo keine am Platze waren. Mannhaft kämpfte Gutberlet gegen den Materialismus und den mechani­schen Monismus. Er trat auf gegen den Mißbrauch, den man mit der von ihm gerecht gewürdigten Ab- stammungslehre zur Bestreitung der theistischen Weltan­schauung trieb. Mit großem Interesse verfolgte er die Psychophvsik, die Fottschritte der experimentellen Psycho­logie, die sich daraus weitergsbildet hat, und ihre An- wendung auf die Pädagogik. Er nahm entschiedene Stellung gegenüber Mundts Aktualitätspsychologie und seinem einseifigen Voluntarismus. Mit fernem tritt, scheu Urteil betrachtete er den Neukaniimismus, die Als ob-Lehre Vaihingers und den subjektiven Idealismus von Cohen und Natorp. Um nur noch einiges aus der reichen Fülle herauszuheben, weife ich hin auf das er- kenntnistheorettfche Problem, Vas gerade tn den letzten Jahren di« Geister besonders beschäftigt hat. Unser hochw. Herr Protonotar wandte fein Interesse dem In- tuitionismus und Phänomenalismus eines Bergson und Husserl zu. Schmerzlich berühtte es ihn, nacktem er ein halbes Jahrhundert an der immer festeren Fimda- mentienmg der Gottesbeweise gearbeitet hatte, daß solche, die im übrigen von Gottes Dasein fest überzeugt sind, di« scholastischen Gottesbeweise für unzulänglich erklären, di« intuitionistifchen Ideen auf die Gotteserkenntnis übertragen und den Ontologismus erneuern.

Ich hcÄ>e mit Fleiß bei der philosophischen Tätigkeit unseres verehrten Herrn Protonotars länger verweilt, weil sie als der Mittelpunkt seines wissen- schaftlichen Wirkens erscheint. Es ist kaum nötig, aus­drücklich hervorzuheben, daß er dadurch, nicht bloß durch sein dreibändiges apologetisches Lehrbuch, um die Der-

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In der Festschrift zu seinem goldenen Priesterjubi- läum 1911 konnte ich schon über 30 selbständige größere Werke Gutberlets verzeichnen, dazu noch di« zahlreichen Abhandlungen in Zeitschriften, vor allem in dem von ihm bis zur Stunde geleiteten Philosophischen Jahrbuch. Seitdem hat er die philosophische, dogmatische, exegettsche imd aszettsche Literatur noch durch eine Reihe weiterer Schriften bereichert. So ist durch seine publizistische Tätigkeit di« Zahl seiner Schüler, wie ich mft einer rednerischen Uebertreibung sagen darf, unendlich, wenn auch nicht attual, doch potential unendlich gewachsen.

Wenn ich das alles überschaue, fühle ich mich ge­drängt, Ihnen, hochw. Herr Protonotar, der Sie Jahr­zehnte hindurch die Zierde und der Schmuck unseres Professorenkollegiums gewesen sind, das Wort zuzurufen, das ehedem bei der theologischen Doktorpromofion dem nachmaligen Kardinal Joseph Hergenröther vom Dekan gesagt worden ist: Tu honorastt nos et nos honoramus Te.

Ja, wir ehren und oevehren Sie, und unsere Hoch­schätzung und dankbare Liebe wird Ihnen immer ge­hören. Das geloben wir Ihnen m dieser elegischen Stunde, in der Sie Abschied von dorn Lehramt zu neh- men gedenken.

Wir verehren in Ihnen den rastlos tätigen, hervor­ragenden Gelehrten, dessen Name auch weit über Deutsch­lands Grenzen hinaus bekannt und gefeiert ist. Wir verehren in Ihnen den feriba doctus in regno coelorum, der durch feine Schriften ein Förderer der Wissenschaft und ein wackerer Streiter für die Religion, den Glau­ben und die Kirche Christi geworden ist.

Wir verehren in Ihnen den Mann, der, mit außer­gewöhnlichen Gaben des Geistes ausgestattet, trotz aller Ehrungen und Erfolge immer der einfache, liebens­würdige und bescheidene Mensch geblieben ist.

Wir verehren in Ihnen eine Verkörperung der be­ten den Wissenschaft, die in Gott ihren Ausgangs­punkt, in ihm ihr Ziel, in ihm zugleich den erhabensten Gegenstand der Forschung erkennt und zu ihm, der Sonne der Geister, mit lichtsuchendem STtige emporblickt.

In dieser wechevollen Stunde erscheint vor Ihnen die lange Reihe derjenigen, die lernbegierig zu Ihren Füßen gesessen haben. Es kommen die Söhne des hl. Franzis­kus, die bei Ihrem goldenen Priesterjubiläum die Ge- betsverbrüderung mit der Thüringischen Ordensprovinz Ihnen als kostbare Gabe überreichten. Es kommen auch die zahlreichen Weltpriester aus den Diözesen Fulda, Limburg, Hildesheim, Osnabrück, Meißen und Posen. Und die Rufe, d e einst in den Tagen des hl. Augustinus bis Kathedrale von Hippo durchschallten, tönen Ihnen entgegen: Tu bene meritus, tu bene dignus. Und die Alumnen begrüßen Sie: Tu pater et Magister. Diese Rufe und Grüße bringen zum Himmel empor, und jene Ihrer Schüler, die dort in der Anschauung Gottes weilen, nehmen sie auf und flehen: Exaudi, Christel Constan­tino Gutberlet patri nostro et magistro, bene mettto, bene digno da salutem!

Im Namen aller Ihrer Schüler reich« ich Ihnen, hochw. Herr Protonotar, von den Gefühlen der Hoch- fchätzung und dankbarer Siebe tief bewegt, die Hand.

In hochehrenden Worten sprach daraus der Hochw. Herr Bischof dem Herrn Protonotar innigsten Dank aus, seinen persönlichen, da er selbst zu verschiedenen Zeiten Gutberlets Schüler gewesen war und sich gern der Stunden erinnerte, da er zu feinen Füßen gesessen hatte, auch seinen oderhirtlichen für bas unermüdliche Wirken zur Heranbildung des Diözesanklerus unter nicht geringen Opfern bis in das hohe Alter von 87 Jahren hinein. Er richtete an den scheidenden Professor die Bitte, er möge auch in Zukunft dem Kollegium und dem Priefterfeminar seinen klugen Rat nicht entziehen.

Ex war ein ergreifender Augenblick, der nun folgte. Der hochw. Herr Protonotar Dr. Gutberlet bestieg bas Katheder, um in seiner bescheidenen An zunächst das ihm gespendete Lob abzuschwächen und für die ihm zu­teil geworden« Ehrung zu danken. Er warf einen Rückblick auf seine Lehrtätigkeit und sprach Gott seinen Dank dafür aus, daß es ihm vergönnt gewesen sei, so viele Jahre hindurch seines Amtes zu walten. In eine rührende Ditte um das Gebet klangen seine Worte aus.

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